Ausgabe 
11.1.1933 Frühausgabe
 
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Steuererh öhungen bzw. neueingefuhrken Steuern.

Bei einer Betrachtung des Jahres 1933 erklärte der Minister, der Reichsetat für 1933 hänge voll­ständig davon ab, wie sich die beiden großen und entscheidenden Posten entwickeln würden, die beide von der Wirtschaftsentwicklung abhängig seien, nämlich die Einnahmen aus den Steuern und» die Ausgaben für die C r wer bsl osenbe- treuung. In einer Situation wie der jetzigen halte ich es für absolut notwendig, daß wir mit der Aufstellung und Vorlage des Etats für 1933 gerade hinsichtlich der beiden entscheidenden Posten so nahe wie möglich an den Beginn des Etats­jahres heranrücken.

Finanzpolitisch sehe er die gesamten Etats des Reiches, der Länder und Gemeinden als eine Einheit an. Es wäre ein unverzeihlicher fehler, so betonte der Minister, wenn man nur ver­suchen wollte, den Etat des Reiches in Ordnung zu bringen, und wenn man dabei die Etats der Länder und Gemeinden einem unentrinnbaren Schicksal überliehe. Die endgültige Sanierung der Etats der öffentlichen Hand wird jedoch ent­scheidend davon abhängen, wie weil es gelingt, zur Besserung der wirtschastlichen Lage und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu kommen.

Nach Erledigung kleinerer Vorlagen vertagte sich der Ausschuß auf Mittwoch vormittag. Am Mitt­woch soll in die finanzpolitische Aussprache ein­getreten werden.

Nie Arbeitsbeschaffung.

Beratungen im sozialpolitischen Aneschutz des Reichstages.

Berlin. 10. Ian. (VDZ.) Der Sozialpoli­tische Ausschuß des Reichstages beriet heute Fragen der Arbeitsbeschaffung. Zunächst gab der Reichskommissar Dr. Gereke einen ileberblick über die Maßnahmen, die im Rahmen seines bekannten Sofortprogramms durchgeführt werden sollen.

In der Aussprache gab Abg. Dr. D r a u n s (Z.) der Hoffnung Ausdruck, daß das Sofortpro­gramm von 500 Millionen nur der Auftakt zu weiteren Bemühungen sein werde.

Abg. Dr. Schmidt (Dn.) warnte vor einer Wiederaufhebung der Einstellungsprämie, weil sonst jedes Vertrauen der Wirtschaft und des Volkes zu Regierungsmaßnahmen völlig erschüt­tert werde. Durch ein solches Programm konnten höchstens 10 bis 12 v. H. der Erwerbslosen in Arbeit gebracht werden. Die Kernfrage sei, die Privatwirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Abg. Rädel (K.) verlangt ein Arbeitsbeschaf- fungsprogramm, bei dem die Interessen des werk­tätigen Volkes im Vordergrund ständen.

Abg. Graßmann (Soz.) verlangte die um­gehende Aufhebung der Einstellungsprämie. Man brauche nicht die Produktionsbetriebe zu stärken, sondern müsse den Konsum fördern. Das wichtigste Mittel zur Behebung der Erwerbslosenzahl sei die Arbeitszeitverkürzung.

Abg. Bausch (Christl.-Soz.) beantragte, daß bei Durchführung des Arbeitsbeschaffungsprogramms die nicht gewerbsmäßigen Stellenvermittlungen als gleichberechtigt neben den Arbeitsämtern anerkannt werden.

Abg. Dreher (NS.) kritisierte die Einstellungs­prämie als etwasunerhört einseitiges". Der Feh­ler des Gerekeprogramms liege darin, daß er un­rentable Arbeiten' fördern wolle, z. B. Straßen, Brücken ufw. Solche gemeinnützigen Arbeiten, die nichts einbrächten, müßten im Arbeitsdienst ausge­führt werden.

Abg. Dr. A g e n a (Dtn.) bezweifelte einen wirk­lichen Erfolg jeglicher Siedlungspolitik.

Abg. Dr. Schmidt (Im.) stimmte dem Anträge zu, der Mißbräuche bei der Vergebung von Steuer­gutscheinen ausschließen will, und auch dem An­träge auf Gleichstellung der nicht gewerbsmäßigen Stellenvermittlungen mit den Arbeitsämtern.

Abg. Aufhäuser (Soz.) bekämpfte die Be­teiligung der privaten Arbeitsnachweise.

Gießener Gtadttheater.

Neil Girant:Politik der Wciberröcke".

Es ist in diesen Zeiten eine freundliche und Ijarmlofe Entspannung, sich einmal einen Abend lang ganz unbeschwert über die Politik ... der anderen lustig zu wachem Die andern sind in diesem Fall die Engländer. Und da einer von ihnen das Stück geschrieben und sich über die Staatsweisheit feiner Landsleute lustig gemacht hat, so sitzen wir eigentlich mit gutem Gewissen dabei und haben uns nichts vorzuwerfem (Zumal es niemandem entgangen sein wird, daß die Politik des britischen Weltreiches immerhin einen Puff vertragen kann. Und daß es sich übrigens um eine Komödie gehandelt hat: kurz, daß Thea­ter gespielt wurde. Die englische Politik hat schon Aergeres über sich ergehen lassen müssen man denke an Shaw! und man kann kaum sagen, daß es ihr nennenswert geschadet hätte. Vielleicht ist unser Amüsement, aus verschiedenen Gründen, nicht ganz ohne einen bitteren Bei­geschmack gewesen.)

Es geht um die Reubesetzung eines wichtigen Postens in den britischen Koloniem Chalfont, ein Mann, der nach seinen Fähigkeiten durchaus bafür geeignet wäre, bekommt ihn nicht, weil Lord Darnaway, der darüber zu bestimmen hat, unter dem Einfluß seiner Frau einen absolut unfähigen Trottel dafür ausersehrn hat. Dieser Trottel ist der Onkel von Lady Darnaway, der mit Hilfe des einträglichen Postens seine Schulden loszuwerden gedenkt.

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Chalfont trägt sein Mißgeschick (von dessen eigentlicher Ursache er keine Ahnung hat) wie ein Gentleman. Aber Lady Chalfont, ehrgeizig und verliebt, ist nicht gesonnen, diese Schande ruhig hinzunehmen. Und als sie so ganz unter der Hand und zufälligerweise herausgebracht hat, daß die verhaßte Lady Darnaway ihren Mann mit dessen Sekretär betrügt, geht sie zum Gegen­angriff vor.

Es hieße den Besucher der nächsten Auffüh­rungen um den pikanten Spannungsreiz der drei Akte betrügen, wollte man in allen Einzelheiten erzählen, zu was für phantastischen Verwicklun­gen und Situationen dieses Intrigenspiel hinter den politischen Kulissen des englischen Imperiums sich steigert.

Es darf aber vielleicht gesagt werden, daß der Autor szenenweise etwas an Terrain verliert, und daß die Handlung gelegentlich in die Groteske, ein-

Deutschland entsendet Militär- und Marine-Attaches.

Berlin, 10. Ian. (TU.) Wie das Reichs- w e h r in i n i ft e r i u m mitteilt, ist für den 1. April 1933 die Ernennung deutscher Militär- und Marineattachss beabsichtigt. Militär­attaches werden entsandt werden nach Paris, Lon­don, Rom, Prag, Warschau, Moskau und Washing­ton. Marincattaches kommen nach Paris, London und Rom. Einzelne dieser Attaches werden voraus- sichtlich auch gleichzeitig bei anderen Staaten akkre­ditiert werden.

Wie die TU. erfährt, sind als Militärattaches in Aussicht genommen: Für Paris Generalmajor K u e h l e n t h a l, zur Zeit Chef des Stabes des Gruppenkommandos II; für Rom Oberst Fischer, Abteilungsleiter im Reichswehrministerium; für Bl o s k a u Oberstleutnant Hartmann. Die Mel­dung eines Berliner Mittagsblattes, wonach der bis­herige Kommandeur des 14. Kavallerie-Regiments, Oberst Frhr. Geyer von Schweppcnburg, als Militärattache der deutschen Botschaft in Lon - d o n in Aussicht genommen sei, dürfte den Tat­suchen entsprechen.

Wie in Washington verlautet, steht die Er­nennung des Generalmajors Friedrich v. B o et- ti ch e r zum Militärattache bei den Vereinigten Staaten in absehbarer Zeit bevor.

Sine halbamtliche Begründung.

Berlin, 10. Ian. (END.) QHit der Berufung von Militärattaches führt die Reichsregierung wieder eine Einrichtung ein, die seit dem Kriegsende nicht mehr bestanden hat. Das Versailler Diktat verbot zwar die Entsen­dung deutscher Militärmissionen zum Studium fremder Heere, gestattete aber die Möglichkeit

der Unterhaltung von Militär- bzw. Marine­attaches bei den deutschen Auslandvertretungen. Für die Richtentsendung solcher Attaches waren lediglich politische Erwägungen maßgebend. Rach- dem eine ganze Reihe anderer Staaten ihren Berliner Vertretungen Militärattaches beige- geben hat, ist wiederholt von ausländischer Seite an Deutschland mit der Aufforderung herangetreten worden, ebenfalls Militärattaches au ernennen. Diesen Anregungen ist jetzt durch die angekündigten Ernennungen von Militär- und Marineattaches Rechnung getragen worden, da man in den zuständigen Kreisen der Auffas­sung ist, daß nach der grundsätzlichen An­erkennung der deutschen Gleichbe­rechtigung die Berufung militärischer Sach­verständiger bei den deutschen Auslandmissionen zweckmäßig ist. Die Militärattaches werden Den einzelnen Missionschefs unterstellt und be­richten im engen Einvernehmen mit dem Missions­chef. Insofern ist also ein ,gewisser Unterschied gegenüber den Milstärattaches in der Vorkriegs­zeit, die selbständiger waren und auch direkt an den Kaiser bzw. an ihre vorgesetzten Dienststellen berichteten.

England begrüßt.

London, 10. Jan. (TU.) Die Entscheidung der deutschen Regierung, wieder einen Militärottachee und auch einen Marineattachäe nach London zu senden, wird in englischen Regierungs­kreisen begrüßt, weil hierin ein Beweis zu erblicken sei, daß die Beziehungen zwischen den bei­den Ländern sich normal gestalten. Irgendwelche Einwendungen gegen die 'Absicht der deutschen Re­gierung seien von London aus nicht zu erwarten.

Landwirtschastswünsche an die Reichsregierung.

Brandes besucht den Reichskanzler.

Berlin, 10. Jan. ($11.) Wie dieLandwirt­schaftliche Wochenschau" erfährt, sind der Eini­gung zwischen den Ministern W a r m b o l d und Freiherrn von Braun über die Agrar- und Handelspolitik Beratungen der Grüne nFront gefolgt, nach deren Abschluß der Präsident des Deutschen Landw'.rtschaftsrates, Dr. Brandes, am Dienstag vom Reichskanzler empfangen wurde. Es sei also nunmehr damit zu rechnen, daß die Durchführung der agrar politischen Maß­nahmen folgen werde, die im Zusammenhang mit den handelspolitischen Terminen und der Mar- gannefrage stünde. In den Beratungen der Grünen Front sei eine volle Ueberein- stimmung der Ansichten der maßgeblichen land­wirtschaftlichen Körperschaften auch zu der But­terbeimischungsfrage erzielt worden, bei der bisher gewisse taktische Meinungsver­schiedenheiten bestanden hätten. Die Hauptbedeu­tung des Empfanges Dr. Brandes sei hierin zu sehen. Wie die Korrespondenz weiter mit­teilt, könne damit gerechnet werden, daß im Zu­sammenhang mit der agrarpolitischen Frage auch die Düngeaktivn nunmehr spruchreif werde.

Christliche Gewerkschasten und Schleicher.

Berlin, 10. 3an. (ERB.) Auf einer Kon­ferenz des Gesamtverbandes Christ­licher Bergarbeiter Deutschlands, die sich mit der augenblicklichen wirtschaftlichen und po­litischen Lage beschäftigte, befaßte sich der Vor­sitzende, Abg. I m b u s ch , u. a. auch mit der Haltung der Christlichen Gewerkschaften zur Reichsregierung. Manche glauben, so sagte

mal fast ins Schwankmäßige abgleitet. Aber es ge­lingt dem Autor, den Handlungsfaden bis zum letz­ten Vorhang hinzuspinnen, und wenn auch im Lause der Szenen das Thema mehr als einmal aus der faulen Politik in eine recht bissige Gesellschafts- und Moralsatire umzuschlagen droht, so wird man doch durch eine Reihe wirklich witzig placierter Bonmots reichlich entschädigt.

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Die Tatsache, daß am Ende doch noch der richtige Mann den wichtigen Posten erhält, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, unter welchen Um­ständen und Voraussetzungen und auf welchen Um­wegen er ihn bekommt. Auch nicht darüber, daß die Politik der Männer sich keineswegs edlerer Mittel bedient als die der Weiber; wenn man zwi­schen beiden zu wählen hätte, würde einem wahr­scheinlich die Entscheidung auf den ersten Anhieb nicht leicht werden. Man könnte sich allenfalls damit trösten, daß das Ganze eine Komödie ist, die sich überdies in England ereignet und uns also genau genommen gar nichts angeht. Zumal wir ja mit unseren eigenen Angelegenheiten für längere Zeit vollauf beschäftigt sind.

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Es wurde, wenn man von ein paar kleinen dia­lektischen Unebenheiten absieht, unter der Regie von Wolfgang Kühne ausgezeichnet gespielt. Es war ein Vergnügen, dabeizusitzsn und zuzuschauen: das lief alles so glatt und gefällig ab, witzig und sauber pointiert und mit der leise prickelnden Span­nung eines Konversationsstückes mit gewissen Hintergründen. Herr Löffler hatte der Szene einen stilvollen, diskret englischen Rahmen gegeben.

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Die Weiberröcke, von denen im Titel die Rede ist, präsentierten sich im Rampenlicht als äußerst aparte Toiletten; getragen von Edith Berger und Maria Koch. Frl. Berger hatte als Kitty Chalfont so recht eine Rolle nach ihrem Herzen; hier konnte sie mit schlagfertigem Temperament alle Minen der Weiber- politik springen lassen und schließlich auch mit süßem Lächeln, mit echten und falschen Tränen ans Ziel ihrer Wünsche gelangen. Frau Koch dagegen spielte die Lady Darnawan ganz als große Dame, kühl, beherrscht und überlegen; um so pikanter die vor­übergehende Demaskierung im Mittelakt.

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Fierment gab den Chalfont, die sympathischste Erscheinung im ganzen Stück: ehrlich, anständig, tüchtig; ein Gentleman und vorbildlicher Repräsen­tant seiner Nation. Hauer als Darnaway ent­wickelte sich zusehends aus einem reservierten und kühlen Staatsbeamten zu einem äußerst geschäftigen Kavalier, der nur infolge hartnäckiger Mißverständ­nisse sein Schäfchen nicht ins Trockene bringen

er, demDeutschen" zufolge, sich trotz des von den Arbeitslosen mit Freuden ausgenommenen Pro­gramms der jetzigen Regierung gegen den Reichskanzler v. Schleicher wenden zu müssen. Ein gesundes Mißtrauen ist ja ganz gut. Das Mißtrauen darf aber nicht dazu führen, daß man ohne weiteres den der Gesundung dienenden Plänen und damit der wirtschaftlichen Gesun­dung entgegenwirkt. Es ist doch bis jetzt auch nicht der Beweis erbracht, daß v. Schleicher nicht das Wohl des Bolles und Va.erlandes wiU. Man sollte bis zum Beweise des Gegenteils Herrn v. Schleicher den guten Willen, unserem Volke zu helfen, zutrauen. Reichskanzler v. Schlei­cher ist selbstverständlich kein Gewerkschaftsfekre- tär, aber nach allem, was man bis jetzt hörte, ist er für soziale Gerechtigkeit und auf das Wohl der Gesamtheit bedacht. Es erscheint mir bei der Gesamtlage in Deutsch­land richtiger, der Regierung die Mög­lichkeit zur sachlichen Arbeit zu ge­ben und sie dann nach ihren Taten zu beur­teilen. Die bisherigen Taten der jetzigen Re­gierung sprechen, altes in allem genommen, nicht gegen sie.

Aus aller Wett.

10 Tote, 25 Schwerverletzte beim Bukarester Eisenbahnunglück.

Der Pester Lloyd bringt Einzelheiten über das Eisenbahnunglück in der Nähe von Buka­rest. Danach erlitt am Dienstag früh um 6,30 Uhr, etwa 12 Kilometer von Bukarest entfernt, der Per- fonenzug einen Maschinenschaden. Der Lo­komotivführer wußte, daß der auf derselben Strecke folgende Schnellzug etwa 20 Minuten hinter ihm lag und hielt seinen Zug an. Der Führer des Schnell­zuges aber hatte die fahrplanmäßige Geschwindig­keit bedeutend überschritten, jo daß der Zeit-

konnte. W r e d e gab, ohne sein wienerisches Tem­perament völlig zu verleugnen, geschmeidig und wendig den Sekretär Melcombe. H u b machte sich und allen andern mit seinem wahrhaft unmöglichen und völlig ahnungslosen Onkel Algernon ein Extra- späßchen.

Das Publikum schien sich glänzend zu unterhal­ten; für den ausdauernden Beifall durfte sich mit den Darstellern auch der Spielleiter bedanken.

hth.

Oer wirkliche Graf von Monte Christo.

Ein Pack alter, vergilbter Papiere, die vor kur­zem in der französischen Gesandtschaft in London durch einen Zufall ans Tageslicht kamen, enthüllt die Tatsache, daß Dumas weltberühmtem Ro­manDer Gras von M o n t e C h r i st o" ein wirklich durchlebtes und durchlittenes Menschen­schicksal zugrunde liegt und daß der Dichter zwei­fellos von den hier niedergelegten Auszeichnungen Kenntnis hatte. Die ausgesundenen Dokumente enthalten die auf dem Totenbett abgelegte Beichte eines Franzosen namens Francois Picaud, der im Jahre 1828 in London starb. Bor feinem Ende ließ er den Kaplan der französischen Ge­sandtschaft kommen, der die abenteuerliche Ge­schichte dieses Lebens aufzeichnete. Sie lautet:

Im Jahre 1807 gewann Picaud, der damals als junger Schuhmacher in Paris lebte, die Liebe eines Mädchens, die nebst andern Vorzügen auch 50 000 Francs ihr eigen nannte. Aber diese Summe war für einen anderen Bewerber um die Hand der schönen Therese so hieß das Mädchen ein so heftiger Ansporn, sie zu gewinnen, daß er auf Mittel sann, sich des unerwünschten Rebenbuhlers zu entledigen. Er lenkte den Argwohn der fran­zösischen Polizei auf Picaud, den er eines Mord­anschlages auf Rapoleon beschuldigte. Der Un­glückliche wurde verhaftet und ohne Prozeß in einer auf einer im Mittelmeer gelegenen Insel gefangen gesetzt. Die Jahre vergingen, und Therese, die sich von ihrem Geliebten verlassen glaubte, heiratete den andern, Loupian. Picaud aber fand in der Einsamkeit seiner Haft in einem weisen und wohlhabenden Priester, der ebenfalls hier als Gefangener weilte, und in dem man un­schwer den Abbe Faria aus Dumas' Roman wie- dererkennt, einen aufrichtigen Freund. Als er starb, hinterlieh er Picaud sein großes Vermögen.

Inzwischen hatten sich außerhalb der Gefäng­nismauern gewaltige Veränderungen zugetra­gen: Rapoleon war gestürzt, und bei einer nun veranstalteten Rachprüfung des Archivs der Festung stellte sich heraus, daß Picaud ohne Ge-

abftanb nicht eingehalten wurde. In der Dunkelheit fuhr der Schnellzug mit einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern in die letzten Wagen des Per- sonenzuges hinein. Fünf Wagen dritter Klasse, in denen sich größtenteils Bauern befanden, wurden völlig zertrümmert. Hilfszüge, Lastkraftwagen, Mi­litär, darunter technische Truppen, wurden aufge­boten, um die Verwundeten aus den Trümmern zu bergen und in die Krankenhäuser zu bringen. Bis zu den Mittagsstunden wurden zehn Tote und 25 Schwerverletzte geborgen. Nach den bis­herigen Feststellungen trifft den Lokomotivführer des Schnellzuges die Schuld. Er, sowie das gesamte Begleitpersonal des Schnellzuges wurden ver­haftet.

Der Schauplatz des Eisenbahnunglücks ist von der Gendarmerie völlig abgesperrt, so daß die Presse vorläufig auf die Mitteilunaen der Eisenbahn­direktion angewiesen ist. Die Aufräumungsarbeiten werden durch den Schnee stark behindert.

Neues Lxplosionsunglück in Premnitz.

Im Werk Premnitz der IG.-Farben bei Rathe­now ereignete sich am Dienstagnachmittag abermals ein schweres Explosionsunglück, bei dem ein Schwerverletzter und zwei Leichtver­letzte zu beklagen sind. In der sogenannten Ver­suchsabteilung zersprang mit lautem Knall ein grö­ßeres Leitungsrohr. Die Firma ließ das Werk so­fort nach dem Unfall sperren, so daß es bisher nicht möglich war, näher an die Unfallstelle heranzukom­men. Das Unglück in dem Premnitzer Werk der IG.-Farben ruft die Erinnerung an den Tag im vorigen Monat bervor, an dem nicht weniger als zwölf Personen Durch eine gewaltige Explosion in einem seit Jahren nicht mehr benutzten Flügel des Werkes getötet wurden.

Starker Schneefall in München.

München bot am Dienstagfrüh ein winterliches Bild. Rachdem den ganzen Montag über heftiger Regen niedergegangen war, setzte kurz nach Mit­ternacht Schneefall ein, der bis in die Mor­genstunden anhielt. Am Dienstagfrüh verzeich­nete München die bisher höchste Schneedecke in diesem Winter. Aus den Bergen wird gleich­falls ergiebiger Schneefall gemeldet.

Dichter Rebel über England.

lieber ganz England herrschte am Dienstag ein außerordentlich dichter 'Nebel, wie er schon feit langem nicht mehr erlebt wurde. UeberaU kam es zu starken Verkehrsstockungen. So ereignete sich im Themsetunnel ein schwerer Zusammen st zwischen zwei Lastwagen, wobei elf Personen ver­letzt wurden. In Portsmouth war der Nebel so dicht, daß das Flaggschiff der englischen Heimatflotte, Nelson" und das SchlachtschiffHood" nicht zu den am Dienstag begonnenen Frühjahrsmanövem auslaufen konnten.

Kunst und Wissenschaft.

Geheimrat Franz Himstedt f.

Im Alter von 80 Jahren starb der emeritierte ordentliche Professor der Physik an der Universität Freiburg, Geheimrat Dr. phil. Dr med. h. c. Dr.-Jng. e. h. Franz Himftedt. Der Verstorbene, der sich in Göttingen habilitierte, kam 1886 als ordentlicher Professor an die Technische Hochschule Darmstadt. 1887 wurde er an die Universität Gie­ßen berufen. 1895 folgte er einem Rufe der Uni­versität Freiburg. Bis 1926 hat Himstedt dem Lehr­körper der Universität Freiburg aktiv angehört. Seine hohen wissenschaftlichen Verdienste um die Entwicklung der Physik wurden durch zahlreiche Ehrungen anerkannt. So ernannte ihn die medi­zinische Fakultät der Universität Gießen 1907 zum Dr. med. h. c., die Technische Hochschule Karlsruhe 1922 zum Dr.-Jng. e. h. Auch um die Förderung der Wissenschaft im allgemeinen hat sich der Ver­storbene große Verdienste erworben; so gründete er 1911 in Freiburg die Freiburger Wissenschaftliche Gesellschaft, deren Präsident er war.

Verantwortlich für Politik: I. V.: Ernst B l u m s ch e i n.

richtsurteil gefangen genommen worden war. Er wurde in Freiheit gesetzt. Von jener Stunde ab beseelte den dem Leben Wiedergegebenen nur ein Gedanke: Rache an allen zu nehmen, die er für schuldig oder mitschuldig an seiner Lebens­tragödie hielt. Er rüstete mit den ihm zur Ver­fügung stehenden großen Geldmitteln einen re­gelrechten Feldzug gegen feine Feinde. Hatte er sich ein Opfer erkoren, dann gab es kein Entrin­nen. Er trieb es in Verzweiflung und Vernich­tung. Diejenigen, die er nicht dazu bringen konnte, Selbstmord zu begehen, schaffte er durch Mord aus dem Weg. Dabei wußte er es stets so ein* zurichten, daß ihn kein Verdacht traf. Ein je­der, der eine Rolle in dem Spiele Loupians ge­spielt, mußte sie mit dem Leben bezahlen. Diele seiner Familienmitglieder fielen in den folgenden Jahren geheimnisvollen Mordanschlägen zum Opfer. Auch für die unglückliche und schuldlose Therese fühlte Picaud kein Erbarmen. Sie und ihre Kinder mußten ihr Leben lassen. Unbarm­herziger wütete seine Rache als die Dantes' des Helden in Dumas' Werk. Loupian, den Urheber seines Unglücks, sparte sich Picaud als Letzten auf. Man fand ihn eines Tages im Tuilerien- Garten tot auf, einen blutigen Dolch im Herzen, der einen Zettel mit der Zahl 30 trug. Tenn Loupian war, wie der Täter auf dem Toten­bett bekannte, das 30. Opfer seiner Rache. Run war seinLebenswerk" getan. Er verließ im Jahre 1825 Paris und ging nach London, wo er drei Jahre später starb. Während seiner letzten Krankheit erwachte in ihm der Wunsch, nach sei­nem Tode den Schleier des Geheimnisses, der über jenen 30 Toten lag, zu heben. Durch die bevor­stehende Veröffentlichung der kürzlich aufgefun­denen alten Papiere in Buchform wird nun, ein Jahrhundert nach jenem grausigen Geschehen, der Wunsch des Urbildes des Grafen von Monte Christo erfüllt werden. R. M.

Zeitschriften.

Philosophie und Leben", herauS- gegeben von Professor Aug. Messer; Verlag Felix Meiner, Leipzig. Vierteljährlich 3 Hefte 1,80 Mark, Einzelheft 0,75 Mark. Das Januar- Heft ist ethischen Problemen gewjhmet. Der Her­ausgeber untersucht, inwieweit die Ethik Albert Schweitzersirrational" fei; ferner inwiefern sich in der nationalsozialistischen Bewegung sittliche Erneuerungstendenzen mit politischen Bestrebun­gen verschlingen. Im Anschluß an Hans Reiner wird dann das Wesen ethischer Autonomie klar­gelegt DieAussprache" behandelt vor allem das Verhältnis von Religion und Moral.