Nr. 237 Erster Blatt
183. Jahrgang
Dienstag, 10. Moder 1933
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Das Präsidium der Abrüstungskonferenz zusammengeireirn.
Ser britische Llnterstaatssekretär Eden mit vorbereitenden Verhandlungen über die strittigen Punkte beauftragt.
Genf, 9. Okt. (TU.) Das Präsidium der Abrüstungskonferenz trat Montag nachmittag nach mehrmonatiger Unterbrechung unter dem Vorsitz Hendersons zu einer geheimen Sitzung zusammen, an der Paul-Boncour, Staatssekretär Eden, Botschafter Nadolny und die Vertreter der übrigen Großmächte teilnahmen.
Oer Präsident der Abrüstungskonferenz, Henderson,
erstattete sodann dem Präsidium einen von dem üblichen Optimismus getragenen Bericht ü be r seine letzte Europarundreise, auf der er Paris, Rom, Berlin, München und London berührt habe und betonte, wenn »auch das angestrebte Ergebnis einer Einigung nicht erzielt worden sei, habe doch der ständige Kontakt mit den Regierungen gewisse neue Gesichtspunkte für die Verhandlungen geliefert. Henderson hob hervor, daß die Hauptschwierigkeiten der gegenwärtigen Verhandlungen in den Sanktionsforderungen und in der praktischen Anwendung der Gleichberechtigung liegen. Die gegenwärtig zur Verhandlung stehenden Fragen könnten jedoch in zwei Gruppen geteilt werden. Eine Einigung erscheine verhältnismäßig leicht zu erzielen in folgenden Fragen:
1. Allgemeiner Verzicht auf Gewaltanwendung;
2. Definition des Angreifers;
3. Kontrolle;
4. Vereinheitlichung der kontinentalen europäischen Heere hinsichtlich der ausgebildeten Reserven, der Heeresstärken und der Kolonialtruppen;
5. die Rüstungskontrolle durch Offenlegung der Budgets,
6 Bombenangriffe aus der Luft;
7. die baldige Schaffung eines ständigen Abrüstungskommission;
8. die Flottenfrage.
Die Gruppe der schwierigen fragen umfaßt nach den Erklärungen Hendersons folgende punkte:
1. die Dauer der ersten Abrüstungskonvention;
2. die Grüße der Tanks und des Kalibers der Artillerie;
3. die Verringerung des Landkriegsmaterials durch Zerstörung;
4. VZafsenherstellung und -handel;
5. Heeres- und Marine-Luftschiffahrl;
6. Sanktionen im Falle der Verletzung der Konvention.
Hinsichtlich der Dauer der Konvention beständen zwei Auffassungen. Einige Länder hätten sich deutlich für eine fünfjährige Konvention ausgesprochen; während derer die Zerstörung des verbotenen Materials und die Gleichberechtigung stufenweise durchgeführt würde. Andere Länder hätten eine achtjährige Konvention vorgeschlagen, die in zwei vierjährige Perioden eingeteilt würde, deren erste kurz als Versuchsperiode bezeichnet werden könnte; wenn die zu schaffende ständige Abrüstungskommission entscheide, daß das Kontrollsystem wirksam gewesen sei, sollen die in der Konvention enthaltenen A b ° rüstungsmaßnahmen während der zweiten Periode durchgeführt werden. Henderson legte großes Gewicht auf die Erläuterung der Aufgaben der von ihm wiederholt erwähnten ständige n Abrüstungskommission, die bereits mit der Unterzeichnung des Abkommens ihre Tätigkeit aufnehmen wolle. Er bezeichnete es sodann als wesentlich, daß die nächsten Tage mit aktiven Besprechungen ausgefüllt werden, damit für die noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten eine befrie- digense Lösung gefunden werde, insbesondere hinsichtlich der Frage der Verteidigungswaffen, die die abgerüsteten Länder während der Versuchsperiode verlangten, und für die Frage der Sanktionen. Technische Diskussionen seien nicht mehr notwendig. Jetzt komme es auf politische Entscheidungen an. Wenn die Delegierten entschlossen seien, die allgemeinen Grundsätze anzuwenden, die in den vom Hauptausschuß bereits angenommenen Resolutionen enthalten seien, dann sei der Erfolg gesichert.
Es wurde beschlossen, noch eine Bureau» sihung am Samstag abzuhalten, und den Hauptausschuß für Montag, 16. Oktober, einzuberufen. Der Vertreter Englands. Unter- staatssekretär L d n, wurde beauftragt, auf Grund der Besprechungen zwischen den einzelnen Delegierten, die in dieser Woche noch stattfinden sollen, Anträge über die noch (triftigen punkte zu formulieren, damit sie gleichzeitig mit der zweiten Lesung des Macdonald- planes im Hauptausschuh behandelt werden können.
Der Teilnehmerkreis für diese Besprechungen, die zwanglos geführt werden sollen, ist hauptsächlich wohl deshalb offengelassen worden, weil die Absicht, die f ü n f G r o ß m ä ch t e mit der Regelung der noch strittigen Fragen zu befassen, wegen des französischen Widerstandes aufgegeben worden ist. In der Aussprache erklärte Eden, daß er den Auftrag des Bureaus annehme, wobei er, um die Schwierigkeiten seiner Aufgabe darzutun, sich auf
eine Stelle der Rede Hendersons bezog, in der es heißt, daß die Lösung der Schwierigkeiten durch die Unruhe des gegenwärtigen Europas, das Mißtrauen, die Befürchtungen und die Alarmstimmungen beeinträchtigt werden. Der deutsche Delegierte Botschafter Nadolny hat dem Präsidenten für seine Be- mühunaen gedankt und der Hoffnung auf einen erfolgreichen Verlauf der kommenden Besprechungen Ausdruck gegeben, damit die zweite Lesung des Mac- donald-Planes ohne Schwierigkeiten vor sich gehen könne.
Oie Einsetzung eines Zlüchtlings- komniiffars.
G e n f, 9. Okt. (WTB.) Der Unterausschuß der Wirtschaftskommission der Völkerbundsversammlung hat heute abend die Beratung über die Einsetzung einesOberkommissars fürdie aus Deutschland a u s g e w a n d e r t e n jü
dischen Flüchtlinge abgeschlossen. Es wurde sichergestellt, daß der Oberkommissar, der vom Völkerbund zu ernennen ist, eine völlig autonome Institution ist, die vom Völkerbund keine Weisungen entgegenzunehmen und ihm keinen Bericht zu erstatten hat. Zur Beratung und Jnstruierung des Völkerbundskommissariats wird ein Verwaltungsrat eingesetzt, in dem die verschiedenen von d«.r Flüchtlingsfrage betroffenen Staaten vertreten sind.
Im Unterausschuß der politischen Kommission wurden die der Versammlung zu unterbreitenden drei Entschließungsentwürfe gleichfalls heute abend fertiggestellt. Die beiden ersten Entschließungen sind auch der deutschen Zustimmung sicher. Jedoch wird das deutsche Veto gegen denjenigen Teil des französischen Antrages, der S o n d e r b e st immun g e n zugunsten der Juden in Deutschland schaffen will, bestehen bleiben.
Hinweis auf die veränderte politische Lage in Deutschland als Ursache der Schwierigkeiten ist durchaus falsch am Platz. Deutschland hat immer wieder aus berufenem Munde erklärt, daß es am Macdonald-Plan fe st zuhalten gewillt ist. Es hat damit von seiner Seite alles getan, um das große Friedenswerk der Abrüstung zu fördern. Auch die englische Regierung kann sich dieser, allen Gutgesinnten geläufigen Tatsache nicht verschließen und wird ihr nur dann gerecht werden tönen, wenn es sich nicht von einer Politik abdrängen läßt, die es im März dieses Jahres im Interesse des Weltftiedens und der Abrüstung großzügig eingeleitet hat.
Deutschland wird Oaladier antworten.
Berlin, 9. Okt. (ERB.) Wie wir von unterrichteter Seite hören, wird die Reichsregierung möglicherweise zu der Rede des französischen Ministerpräsidenten 2> a l a b i e r, die dieser am Sonntag gehalten hat, in diesen Tagen Stellung nehmen.
Wenn Daladier von der e r st e n Etappe der vierjährigen Periode spricht, während der die Kontrolle organisiert werden und in Tätigkeit treten solle, so ist demgegenüber darauf hinzuweisen, daß Deutschland mit dieser ersten Periode durchaus einverstanden ist. Deutschland kann aber nicht zulassen, daß diese vierjährige Periode lediglich zu einer weiteren Entwaffnung Deutschlands benutzt werden solle. Deutschland ist durchaus bereit, sich mit Frankreich über die Modalitäten dieser ersten Periode zu unterhalten. Mit Entschiedenheit und Nachdruck muß es aber ablehnen, daß Frankreich nicht selb st abrüsten, Deutschland aber durch die Umwandlung des bisherigen Heeressystems der Reichswehr in eine Miliz wieder z u einer neuen Entwaffnung zwingen will. Die Aeußerungen, die Daladier in diesem Zusammenhang über die sogenannten militärischen Verbände gemacht hat, die fortfallen sollten, sind durch die Erklärungen des Stabschefs Röhm über den Charakter der Verbände restlos wi d e r l e g t worden.
Llnbehagen in Paris.
Die französische Presse zum Auftakt iu Genf.
Paris, 10.Okt. (ENB. Funkspruch.) Aus der Ankündigung, daß man deutscherseits eventuell auf die Rede Daladiers antworten werde, möchten gewisse französische Kreise den Schluß ziehen, daß die deutsche Diplomatie zu einer d i r e f t e n 21 u s = spräche über das dornige Abrüstungsproblem gelangen wolle. Die Aussicht auf eine derartige Möglichkeit wird jedoch von der französischen Presse mit einigem Unbehagen ausgenommen, das verstärkt wird durch die Gerüchte über die gestrige Sitzung des englischen Kabinetts. Der Bericht Hendersons vor dem Büro der Abrüstungskonferenz und die Tatsache, daß Sir John Simon freie Hand für Genf erhalten hat, werden hier nicht mit ungemischter Freude verzeichnet.
„Echo de Paris" erblickt in den Ausführungen Hendersons und in der Beratung der englischen Regierung den Wunsch, die Unterzeichnung eines Abrüstungsabkommens zu beschleunigen. Henderson bringe jetzt zur Kenntnis, daß noch zur Ratifizierung des Abrüstungsvertrages eine A b • rüftungsfommiffion eingesetzt werden solle, die wie eine ständige Abrüstungskonferenz auftreten würde. Was die Sanktionen anlange, fei von keinen neuen Verpflichtungen die Rede. Dagegen spreche man von Maßnahmen, die zweifellos' eine bedeutende Verlagerung der militärischen Macht zugunsten Deutschlands und zum Schaden Frankreichs bedeuten werde.
„Journal" schreibt, es sei klar, daß die Herabsetzung der französischen Streitkräfte an sich ein Bruch des Gleichgewichtes zugunsten Deutschlands darstelle. Die deutschen Offensivkräfte schwächende Umwandlung in eine Miliz könne weitgehend das Gleichgewicht wieder Herstellen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die ganze Angelegenheit von Anfang an ft r e n g kontrolliert werde und das ganze mit der Prüfung beginne, wie es mit Deutschland in bezug auf die Militärklauseln des Versailler Vertrages stehe. „Petit Journal" und „Matin" versuchen schon jetzt die Schuld an einem negativen Genfer Ergebnis Deutschland aufzubürden, das nicht erkennen wolle, daß Frankreich die „ä u ß e r st e Grenze" seiner Zugeständnisse erreicht habe.
Schwere Ausschreitungen gegen den Deutschen Voiköbund in Ostoberschlefien
K a l t o w i h , 9. Oft. (OB.) Aufständische überfielen gestern das Volksbund - heim in Borken und verletzten drei Deutsche schwer. Dann gingen die Aufständischen daran, das heim zu ; erst ö r e n. Mit schwarzer Farbe wurden an der wand angebrachte deutsche Sinnsprüche, sowie Stuhle. Tische und Bilder verschmiert. Tische und Stühle wurden zerbrochen und die Fensterscheiben eingeschlagen. Der Saal bietet das Bild einervoll- ständigen Verw üstung. Die Aufständischen drangen auch in die priocitwohnungen deutscher Bürger ein und mißhandelten sie schwer. Die p o - lizei erschien erst, als die Ausschreitungen langst vorüber waren. Aehnliche Ausschreitungen ereigneten sich auch noch in anderen Orten Ostoberschlesiens.
Einseitige Auffassung in England.
Oaö Ergebnis einer Kabinettssihung.-Für Deutschland unannehmbare Schlüffe.
London, 9. Okt. (TU.) In der Sitzung des englischen Kabinetts berichtete Außenminister Sir John Simon über den Stand der Abrüstungsoerhandlungen und zwar unter Berücksichtigung der letzten deutschen Mitteilungen und der Erklärungen Daladiers. Nach einer englischen Darstellung, die man naturgemäß mit dem nötigen Vorbehalt aufnehmen muß, läßt sich das Ergebnis der Kabinettssitzung wie folgt zusammenfassen:
Man war in der Kabinettssitzung der Auffassung, daß Deutschland noch nicht sein letztes Wort gesprochen habe, so daß in Genf in weiteren privaten Verhandlungen weitere Versuche gemacht werden sollen, ein Abrüstungsabkommen zu erreichen. England will anscheinend an der Unterstützung festhalten, die es Frankreich in der Frage der Probezeit zu gewähren bereit gewesen ist. Der französischen Behauptung, daß man das im Dezember gegebene Versprechen für die praktische Gleichberechtigung jetzt nicht mehr einlösen könne, weil sich die Sicherheitsfrage inzwi- scken verschoben habe, hat man sich offensichtlich in London im Hinblick auf die öffentliche Meinung im eigenen Lande nicht ganz entziehen tön.ien. Es muß daher angenommen werden, daß England sich der deutschen Forderung nach G e - Währung von Mustern solcher Waffen, die ihm bisher verboten waren, ihm aber auf Grund der englischen Abrüstungsvorschläge z u - gestanden werden sollten, im jetzigen Augenblick widersetzen und sich mit einer lieber- gangszeit einverstanden erklären wird.
Anderseits besteht Verständnis für die von Deutschland vertretene Auffassung, daß eine solche Probezeit d i e tatsächliche Abrüstung erneut hinausschiebt und daß Deutschland fe ft umri^ene Zusagen für d i e Abrü- ft u n g d e r anderen verlangen kann wenn eine Probezeit eingefdjoben werden sollte. Auch besteht die Hoffnung, daß es gelingen wird, die Franzosen zu einleitenden Abrüstungsmaßnah- men während der Probezeit zu veranlassen. Das Ziel der englischen Politik bleibt das Zustandekommen einer Abrüstungsvereinbarung,
dem die Einzelheiten und die Methoden, wie man sie erreicht, untergeordnet sind.
Nach bet Kabinettssitzung wurde in „verantwortlichen englischen Regierungskreisen" die Auffassung ausgesprochen, daß angesichts der Schwierigkeiten der politischen Lage die Abrüstungsfrage einer außerordentlich geschickten und vorsichtigen Behandlung bedürfe. Es fei in den Verhandlungen ein Punkt erreicht, an dem man fühle, daß eine Entscheidung gefällt werden müsse. Der eng» lische Abrüstungsvorschlag behaupte zwar nach wie vor das Feld. Deutschland habe erklärt, daß es dessen Grundsätze annehme. Bei der gegenwärtigen Lage werde es jedoch nicht möglich sein, Artikel um Artikel der geplanten Vereinbarung durchzugehen, der Abrüstungsausschuß werde sich bei seinem Zusammentritt der einen großen Hauptfrage gegenübersehen, der deutschen Forderung in der Rüstungsfrage sowie den Rückwirkungen dieser Forderungen auf seine Nachbarn. Es fei daher eine Aenderung der geplanten Vereinbarung notwendig. Um eine bessere Grundlage für die Sicherheit zu schaffen, fei man der Ansicht gewesen, daß ein vorläufiger Zeitraum vorgesehen werden solle, dem, wenn alles gut gehe, ein zweiter Zeitabschnitt folgen soll. Die letzten Tage hätten keine allzugroße Bereitwilligkeit Deutschlands gezeigt, den Beitrag zu leisten, der im Interesse des europäischen Friedens unbedingt von Deutschland geleistet werden sollte. Wenn man eine Reihe von Jahren sichern konnte, in denen der Glaube in die guten Absichten von jedermann vermehrt und eine Stärkung des Friedensgei st es erreicht werden konnte, so würde dadurch eine neue Lage geschaffen werden. Aber eine der Schwierigkeiten bestehe in der Frage, wie das zu erreichen sei. Eines der hoffnungsvollsten Zeichen sei die gute Fühlungnahme zwischen Frankreich und Italien. Eine Vertagung der Abrüstungskonferenz lediglich aus dem "Grunde, weil die Dinge zu schwierig geworden seien, würde ein Mißgriff sein. Es sei darum besser, die Angelegenheit zu einem endgültigen Abschluß ohne eine weitere zwecklose Verzögerung zu bringen.
Die Verantwortung liegt inLondon
Will England den Macdonaldplan aufgeben?
Die deutsche Auffassung.
Bedenkliche Wendung in der britischen Abrüstungspotitik.
Berlin, 10. Okt. (ERB. Funkspruch.) Das Kommunique über die Sitzung des britischen Kabinetts läßt die großen Schwierigkeiten trotz aller flüssigen Formulierungen klar erkennen. Sir John Simon hat darum auch keine festen Anweisungen für Genf erhalten. Das Kommunique stellt den „Grundsatz der Gleichberechtigung in einem System, das allen Nationen Sicherheit gewährt", zwar noch immer als das Ziel, nicht aber als die wesentliche Voraus- s e tz u n g jeder Abrüstungskonvention hin. Deutschlands Anspruch auf Gleichberechtigung ist und bleibt ein aus den Verträgen sich ergebendes moralisches, politisches und juristisches Recht. Von diesen grundlegenden Dingen ist in dem Kommunique allerdings nicht die Rede. Dagegen wird ausführlich auseinandergefetzt, daß die „{jesteigerte Beunruhigung der französischen Regierung und des französischen Volkes in bezug auf die Sicherheit beim britischen Kabinett Beachtung gefunden habe". Die geschickte und in der Wahl der Mittel bedenkenlose Taktik Frankreichs, das nach wie vor keinerlei Neigung zeigt, seinen Verpflichtungen nachzukommen, hat also offenbar in London doch eine gewisse Wirkung gehabt.
Der Macdonaldplan, der im März zur Behebung einer schweren Krise in der Konferenz
geschaffen und von allen Ländern als Diskussionsgrundlage und Rahmen des künftigen Abkommens angenommen wurde, erfreut sich offenbar nicht mehr der vollen moralischen und politischen Unterstützung der Regierung, deren Kabinettschef ihm leinen Namen gegeben hat. Es ist von besonderem Interesse, daß vom Büro der Abrüstungskonferenz der Vertreter Englands, Unterftaatsfefretär Eden, beauftragt wurde, Anträge über die augenblicklich noch strittigen Punkte zu formulieren. Man erinnert sich der Entrüstung, mit der alle möglichen Staaten sich gegen Deutschland wandten, als dieses im März gewisse Abänderungen am Macdonald-Plan vorschlug, ehe dieser endgültige Gestalt angenommen hatte. Und man kann daher sein Erstaunen nicht verhehlen, daß jetzt mit leichter Hand an einem Konventionsentwurf grundsätzliche und schwerwiegende Aenderun- g e n vorgenommen werden sollen, die geeignet sind, ihn unter Umständen völlig z u entwerten.
Die Dienste, die Großbritannien und Italien geleistet haben, sind in Deutschland gewiß immer anerkannt worden. Deutschland ist aber auch der Ansicht, daß sich hieraus für England hohe moralische Verpflichtungen ergeben, die es nicht zulassen, daß plötzlich die sittlichen und rechtlichen Tatsachen in der Abrüstungsfrage u n - berücksichtigt bleiben, und man sich hinter angeblich neue politische Aspekte zurückzieht, weil die starre Haltung Frankreichs die Durchsetzung von bestimmten, sich aus der Gleichberechtigung und der Abrüstungsverpflichtung ergebenden Folgerungen allerdings erschwert. Der


