Nr. 237 Drittes Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)Dienstag, (0. Oktober (933
Die Vorgänge auf Kuba in weltpolitischer Beleuchtung.
Don Dr. Jose Equandrillo.
Man ist in Deutschland geneigt, die blutigen Vorgänge auf Kuba entweder als b o l s ch e w i st i s ch e Revolution abzutun oder aber sie mit den Umsturzversuchen zu vergleichen, die immer und immer wieder von ehrgeizigen Generälen in den kleinen mittelamerikanischen Staaten versucht werden. In England, Japan und Frankreich, also den drei Großstaaten, die politisch neben den Vereinigten Staaten am stärksten an allen Fragen interessiert sind, die unmittelbar mit dem Panama-Kanal Zusammenhängen, wird man es dagegen niemals vergessen, daß sich mehr und mehr die wirklichen Konsliktsstoffe in den Pazifischen Ozean verlagert haben. Der amerikanisch-japanische Gegensatz drängt nach einer kriegerischen Entscheidung, die vielleicht noch ein Jahrzehnt auf sich warten läßt, die aber unabwendbar ist. Auch die englisch-amerikanischen Interessen überschneiden sich in Westindien und im Gebiete der Antillen, da die Vereinigten Staaten die Länder- und Jnselbrücke Mittelamerikas zum Sprungbrett für die wirtschaftliche Durchdringung auch des südamerikanischen Kontinents planmäßig ausbaut, und England, dessen Handel ohnehin schon schwer zu kämpfen hat, in ganz Südamerika im heftigen Kampf mit dem Dollar liegt.
Im Dezember 1933, also in wenigen Monaten, ist die Einberufung des großen panamerikanischen Kongresses geplant, auf dem die neue amerikanische Regierung ihre politischen und wirtschaftlichen Absichten gegenüber dem panamerikanischen Problem darlegen wird. Je mehr Roosevelts neue Wirtschaftspolitik sich von Europa und aus Ostasien zurückzieht, desto unbedingter wird Nordamerika an der politischen und wirtschaftlichen Vorherrschaft über den gesamtamerikanischen Kontinent festhalten. Auch der seit Jayren schwelende und zuweilen kriegerischen Charakter annehmende Gran-Chaco-Konflikt ist noch unbereinigt und soll auf dem panamerikanischen Kongreß seine endgültige Lösung erfahren. Was Japan angeht, so hat es zweifellos S i e d - lungsabfichten in Mexiko, diesem Brutherd revolutionärer Unruhen, in dem das sozialistische Element sehr stark mit dem nationalistischen verschmolzen ist und eine offene Abkehr vom nordamerikanischen Kapitalismus fordert. Die revolutionären Parteien Mexikos genießen in diesem Kampf zweifellos die heimliche Unterstützung Englands und die mehr oder minder offene Unterstützung Japans. Mexiko und die Antillen bilden also einen politischen Hexenkessel, der allenfalls nur noch mit dem Vorkriegsbalkan verglichen werden kann, von dem aus ja bekanntlich der Weltkrieg seinen Ausgang nahm.
Kuba, Die Perle der Antillen, bildet gewissermaßen den Schlüsselpunkt für die amerikanische Stellung. 1897 yat Nordamerika in einem kurzen, brutal heraufbeschworenen und einseitig durchgeführten Krieg gegen Spanien diesem Kuba und Havanna weggenommen. Die amerikanische Herrschast hat sich dem Jnselreich nicht als Segen ausgewirkt. Amerika verhängte von Jahr zu Jahr stärker seine Finanzdiktatur über das immer unselbständiger werdende Kuba, die Vereinigten Staaten förderten ferner die einseitige Einstellung auf Zuckerproduktion, die bei der ersten schweren Wirtschaftskrise zu einer Katastrophe führen mußte. 80 Prozent des anbaufähigen Landes in Kuba ist von Zuckerrohrplantaaen bedeckt, alsein 60 Prozent hiervon sind in nordamerikanischem Besitz. Was man in Europa ebenfalls feststellen mußte, das blieb den Kubanern als Wirtschaftseinsicht nicht erspart: nur eine sehr vielseitige Agrarproduktion garantiert die Krisenfestigkeit der Landwirtschaft. So aber existiert heute auf Kuba ein ungeheures, völlig besitzloses Landarbei- terprolstariat, während es kaum noch ein boden
ständiges Bauerntum gibt. Ein solches Bauerntum allein aber, dies hat man im neuen Deutschland offensichtlich von allen Staaten der Welt am klarsten erkannt, garantiert die Wohlfahrt und die innenpolitische Ruhe eines Staates.
General M a ch a d o , der in der ersten kubanischen Revolution vor sechs Wochen gestürzte Machthaber, war ein reiner diktatorischer Gewaltherrscher. Er baute auf die Bajonette, wirtschaftete in seine Taschen und vernachlässigte alle Reformen. Der Sturz Machados war hauptsächlich das Verdienst der studentischen Geheimorganisation A.B.C., die fast alle Intellektuellen Kubas umfaßt und ähnlich wie die Calles'schen Gewerkschaften in Mexiko nationale mit sozialen Forderungen vereinigt. Sergeant Bat- tista, inzwischen zum Oberst und Diktator Kubas aufgestiegen, zettelte gleichzeitig eine Militärrevolte an. A. B. C.-Studenten und Soldaten verjagten Machado, setzten einen neuen Präsidenten in der Person des nicht übermäßig energischen Gran San Martin ein und übergaben die eigentliche Staatsführung dem Ministerpräsidenten Cespedes. Amerika hat diesen Umschwung aufs innigste begrüßt und wohl auch durch Geldmittel unterstützt. Cespedes ist ausgesprochener Amerikafreund, der bereits vor seiner Regierungsübernahme die Einhaltung der Verträge und die Verzinsung des in Kuba investierten Milliardenkapitals zusagte. Aber Amerikas Bäume wuchsen nicht in den Himmel.
Das soldatisch-revolutionäre Element, erst einmal am Zuge, begnügte sich nicht mit einer äußeren Aenderung der Machtverhältnisse zugunsten der Vereinigten Staaten. B a t t i st a, der sich neuerdings gern als den „Napoleon der Antil-
Kinder im Lichtspielhaus.
Wie die Vorfreude aus allen Gesichtern schaut! Immer wieder wandern die Augen zum Vorhang, ob er sich noch nicht hebt und seine Wunder schauen läßt. Die Mündlein stehen keinen Augenblick still, soviel ist zu fragen. Manche „beruhigen" sich schon an den mitgenommenen Eßsachen, die doch für die Pause bestimmt sind. Neulinge werden von anderen, Aelteren, die „schon oft" im Kino waren, herablassend über das Laufbild aufgeklärt, die Klapp- stühle werden ausprobiert, ein fröhlicher Lärm herrscht, bis die Musik beginnt. Ein süßer kleiner Blondkopf sagt wichtig: „Ich glaube, mein Her§ freut sich schon sehr!" „Ja, warum denn deinHerz?' „Ach, es klopft doch so!"
Dann wird es dunkel. Aengstliche Blauaugen sehen zur Mutter, dann aber gespannt auf die Leinwand: Das Märchen von den Sterntalern! Und nun wird das traurige Schicksal des armen kleinen Mädchens bis zum frohen Ende fiebernd miterlebt. „Ach, was e goldig Ding!" sagt ein mitleidiger Junge hinter uns, und zum Schluß meint sein Nachbar: „Ich tät doch mei Kleider net verschenke, da tät mein Vatter schön schimpfe!"
In der Pause wieder Plappern und Lachen, bis es den Kindern vor Ungeduld zu lange wird und sie anfangen zu klatschen. Ja unsere Kinder! Selbständig und selbstbewußt! Ob wir auch so waren? Nun werden Bilder vom Tage gezeigt, und auch hier sind die kleinen Zuschauer mit ganzer Seele dabei. Unsere Fünfjährige wird am meisten von einer brennenden Straßenbahn gefesselt, „das möcht ich noch mal sehen!" und die besorgte Mutter überlegt zukunftsbang: ist das nun Sensationslust oder Mitleid? Bei einem Bild mit vielen Matrosen sagt Brigitte wegwerfend: „Och, ich hab schon mal 'en Matros lebendig gesehen!" Als bei der Enthüllung
l e n" bezeichnen läßt, verbindet mit seinen zweifellos vorhandenen militärischen Fähigkeiten noch einen ungeheuren politischen Ehrgeiz. Die Soldaten, die erlebt hatten, wie einfach es ist, eine Revolution durchzuführen, haben außerdem Gefallen an dieser Beschäftigung gefunden. So ist es kein Wunder, daß jetzt die zweite Welle der Revolution über Kuba hinwegbraust. Der blutige Charakter dieser neuen Revolution rührt her vom Widerstand der Offiziere und eines Teiles der A. B. C.-Organi- sation, die genau weiß, daß die Vereinigten Staaten nur auf Unruhen mit einem gewissen sozialistischen Einschlag warten, um Kuba ebenso wie dies in Nicaragua geschehen ist, zu besetzen und sich vollkommen zu unterwerfen.
Amerika befindet sich tatsächlich hier in einer Zwangslage, denn es kann nicht dulden, daß eine revolutionär-sozialistische Bewegung oder vielmehr nationalrevolutionäre Bewegung mit antikapitalistischem Einschlag Kuba in Besitz bringt, da Kuba die Zufahrtsstraße von Noroamerika zum Panamakanal deckt. Jamaika ist in englischer Hand, kommt also als amerikanischer Flottenstützpunkt nicht mehr in Frage. So baut Amerika seit einigen Jahren folgerichtig Palma Honda auf Kuba zur eigentlichen Flottenstation der Vereinigten Staaten aus. Amerika wird es niemals dulden, daß Kuba von einer Regierung beherrscht wird, die antiamerikanisch eingestellt ist und unter Umständen politische Anlehnung an Mexiko sucht. Allzu leicht könnte die antiamerikanische Welle überspringen, die romanischen Völker Lateinamerikas erfassen und hixr zu einem panamerikanischen Zinsen st reit führen. Nachdem die Vereinigten Staaten in Europa bereits ungeheure finanzielle Einbußen erlitten haben, müßte ein solcher Schlag die amerikanische Wirtschaft tödlich treffen. Das Eingreifen der Vereinigten Staaten in Den kubanischen Konflikt ist also nur noch eine Frage der Zeit. Allerdings werden die tieferen Konflikte Mittelamerikas und Weftindiens dadurch nicht gelöst, fondexn nur ihr Austrag verschoben.
einer Gedenktafel das Horst-Wefsel-Lied erklingt, singen viele begeistert mit.
Dann aber beginnt das mit Spannung erwartete Märchen vom Schneewittchen. Angst und Freude wechseln ab auf den kleinen Gesichtern, Brigitte springt immer wieder auf vor lauter Miterleben. Als die böse Stiefmutter den Spruch des Spiegleins vernimmt und sich erregt und grollend abwendet, sagt ein Junge neben uns: „Ui, wie fe glotzt! Sie möcht jetzt am liebsten ei'n oerrobbe!" Das Spiel geht weiter, und als das gute Ende erreicht ist, find alle glücklich. Mit heißroten Bäckchen gehts auf den Heimweg, froh des Erlebten, in den leife verdämmernden Herbftabend hinaus.
Emma Louise Stoltenberg.
„Deutsche Bühnet
Die Leitung der Ortsgruppe Gießen der „Deutschen Bühne" teilt mit:
Da die Mitgliederzahl noch nicht die erwünschte Höhe erreicht hat, fallen aus werbetechnischen Gründen die Vorstellungen der „Deutschen Bühne" in der zweiten und dritten Oktoberwoche aus. Die zweite Pflichtoorstellung der bisherigen Abonnenten findet Donnerstag, 26. Oktober, und Samstag, 28. Oktober, statt.
Hinsichtlich der Aufführungstage bestehen noch Zweifel. Donnerstag: ungerade Nummern = blaue Mitgliedskarten, Samstag: gerade Nummern = gelbe Mitgliedskarten.
Hessischer Heimatbrmd im „Heichöbund Volkstum und Heimat"'
Schon lange bevor man im Reiche an den Zusammenschluß der Volkstumsarbeit herangetreten war, hatte in Hessen Herr Ministerialrat Ringshausen bereits alle Vereinigungen und Einrichtungen, die sich auf die Erforschung und den Schutz
Aus der Provinzialhauptstadt.
Kunst muß wachsen!
Äon Or.-Ing. Erich Hamann, Leipzig.
Kunst kann man nicht machen, Kunst muß wachsen. Alle großen Kunstepochen lehren uns dies. Sie sind der Ausdruck einer Volksgesinnung und die Krönung eines emsigen Schaffens eines ehrlichen, kunstfreudigen Handwerks, nicht die Erfindung einer Handvoll Intellektueller. Nur in Verbundenheit mit dem Volke und aus dem Volke heraus kann eine ganz große Kunst erwachsen, aus dem Kunstwillen eines Volkes heraus entstehen die großen Werke seiner Künstler. Diese sind die Interpreten eines Dolkswillens, ihre große und hohe Aufgabe ist es, diesem Streben ihres Volkes FoNn und Ausdruck zu geben. Ist dieses Streben nicht vorhanden, so wird auch ein Volk ganz große Künstler nicht zur Entfaltung kommen lassen. Eines ohne das andere ist nicht denkbar.
Aus dem Fehlen dieser Voraussetzungen erklären sich auch die Verirrungen im künstlerischen Schaffen der vergangenen Zeit. Bei der Zerrissenheit unseres Volkes fehlte der Künstlerschaft Die klare Aufgabenstellung und diese suchte, fern vom Volke und von der Mehrzahl dieses Volkes nicht verstanden, das, was nicht wachsen wollte, zu konstruieren. So erfand man, in der zwar richtigen Erkenntnis, daß das Vorhandene von wahrer Kunst noch weit entfernt fei, den „neuen Stil", ohne zu erkennen, daß man nur Äußerlichkeiten änderte, im Grunde aber die alten Fehler, nur in neuem Kleide, wiederholte. Auch einige richtige Jrfenntniffe dieser Zeit ändern an dieser Tatsache nichts. Man hatte in einer fünft« Io en Zeit verlernt, Mode und Modeformen von wahren, tiefen künstlerischen Faktoren zu unterscheiden. Formen und Moden sind zeitgebunden und darum Wandlungen unterworfen, künstlerische Gesetze haben durch alle Jahrhunderte hindurch ihre Geltung behalten.
Aber auch Fehler können eine Entwicklung fördern, wenn wir sie nur als solche erkennen und aus ihnen lernen wollen. Wie weit wir heute von künstlerischem Wissen und Verstehen entfernt sind, davon hier nur einige Beispiele: In vollkommener Verkennung von Ursache und Wirkung kreierte man eine internationale Kunst, ohne zu sehen, daß große Werke nicht darum in der Welt Anerkennung finden weil sie international sind, sondern weil ,edes wahre Kunstwerk immer international anerkannt
wird. Noch jede Kunstepoche ist national gewesen. I Wir kennen, um nur ein Beispiel zu nennen, in I der Baukunst eine französische, eine englische, eine [ italienische und eine deutsche Gotik, ganz zu schweigen von unserer prächtigen norddeutschen Backsteingotik, die so besonders charakteristisch die Abhängigkeit einer Kunst von völkischen und landschaftlichen Bedingungen zeigt. Wäre, ohne diese Verkennung der wirklich ausschlaggebenden künstlerischen Faktoren, ein solch unsinniger Streit denkbar gewesen, wie ihn die Typographen kämpften, ob Fraktur oder Antiqua ob Antiqua oder Grotesk die Schrift der Zukunft sei? Hätten sie sonst — ebenso wie die Architekten — den gegenstandslosen Kampf um Symmetrie oder 'Asymmetrie gekämpft? Ist der uns heute schon lächerlich erscheinende Kampf der Architekten um das (teile oder flache Dach anders zu erklären? Nur aus dem angeführten Grunde waren solche Kuriosa möglich. Ob Drucksachen in Antiqua oder Fraktur oder Grotesk gesetzt sind, ist nicht maßgebend für ihren künstlerischen Wert, sondern das „Wie" allein entscheidet. Nicht das steile oder flache Dach bestimmt den künstlerischen Wert eines Bauwerkes, es kann in beiden Fallen gut oder schlecht sein, auch hier sind ganz andere Faktoren ausschlaggebend. Im übrigen hat es zu allen Zeiten beide Formen nebeneinander gegeben.
Keine Zeit hat, wie die des vergangenen Sozialismus, soviel Individualismus im schlechten Sinne auf künstlerischem Gebiete hervorgebracht. JeDer Künstler war bemüht, nicht etwa nur Gutes, sondern ganz besonders etwas Neues zu schaffen, Neues um jeden Preis, selbst um den Preis des Guten. Erfinden und durch Erfinden berühmt werden. war das Streben. Auf solchen Voraussetzungen kann eine echte Kunst nicht wachsen.
Folgendes wird der Weg sein, den wir gehen müssen: Bescheiden werden und in emsigem Studium guter vorhandener Kunstwerke uns wieder ein klares, gesundes künstlerisches Urteil aneignen, das uns heute verloren gegangen ist, sino Das uns allein dazu befähigen kann, wieder wirklich Wert- volles zu schaffen. Dies gilt für das Volk wie für feine Künftlerfchaft. So groß der Wunsch m unserem Volke nach einer echten, reinen Kunst ist, es genügt nicht, auf das Wirken unserer Kunstlerschast allein zu hoffen. Wir alle müssen baran mttarbei- ten, die erforderlichen Voraussetzungen hierfür zu schaffen.
Tante Otta.
Ein altlivländisches Idyll.
Von Siegfried von Vegesack.
Tante Olla war wie ein Gewitter, das beständig am Horizont droht. Eigentlich war sie ein Mann, der aus Zerstreutheit Röcke trug. Sie hatte einen Baß, noch tiefer, als der ihres alten Kutschers Jndrik, und einen richtigen Schnurrbart.
Groß und breit war sie, wie ein Stier: ging sie durch den Saal, zitterte das Kristall der Kronleuchter, und lachte sie, so flirrten alle Gläser und Fenster.
Tante Olla war immer unterwegs: von Verwandten zu Verwandten, kutschierte sich selbst, während der alte Jndrik steif wie eine Pagode hinter ihr saß, und meldete sich niemals an. Hörte man von der Landstraße ihre Glocken, rief gleich alles: „Tante Olla kommt! Tante Olla kommt!" Und sogar der alte Mojahnsche begann nervös auf und ab zu gehen.
Und dann kam sie: wie ein Orkan, der alles vor sich herfegt. Nach der Umarmung sank jedesmal die blaffe Tante Melanie auf ein Sofa, und dem kleinen Jochen, der einmal Tante Ollas Hand nicht richtig geküßt hatte, wurde das Näschen so kräftig auf ihren großen Siegelring getupft, daß es noch bis zum Abend ganz platt war.
Tante Olla schrieb endlos Briefe, depeschierte, prozeffierte und hielt das ganze Land ständig in Atem und Respekt. Und was sie schrieb, das nahm sie niemals zurück.
Als sie einmal auch den alten Mojahnschen mit einem Derben Brief bombardiert hatte, verbot ihr dieser das Haus. Welche Bestürzung, als sie gleich darauf vorgefahren kam! Der Onkel verschwand in fein Arbeitszimmer, sie stürmte hinter ihm her:
„Wo ist der Brief? Was hab ich geschrieben?
Der Onkel gab ihr den Brief.
Im Augenblick war er in tausend Fetzen zerrissen. Und strahlend triumphierte Tante Olla: „Wo ist der Brief? Was hab ich geschrieben?"
Und damit war die Sache erledigt.
„Ich fahre nächstens im Luftschiff!' verkündete Tante Olla, als die ersten glücklichen Versuche des alten Grafen gemeldet wurden.
„Und du fährst mit!" entschied sie über die entsetzte Tante Melanie, die sich umsonst zu wehren suchte:
der Heimat, sowie auf die Pflege des Heimat- gedankens beziehen, in feinem großen Hessischen Heimatbund geeint. Jetzt ist eine das gesamte Reick umfassende Organisation, der Reichsbund Volkstum und Heimat" mit dem Sitz in Berlin, eingerichtet worden. Dieser Bund ist der einzige von der Reichsleitung der NSDAP, auf dem Gebiete der Volkstumsarbeit innerhalb der Reichsgrenzen als maßgeblich anerkannte Bund^ Er wird sich aus einzelnen Landschaften aufbauen. Die Art, wie man seither in Hessen heimatkundlich gearbeitet hat, hat darin ihre besondere Anerkennung gefunden, daß der Hessische Heimatbund als organisch gewachsenes Ganzes unter Erhaltung feiner Einzelgliederung reibungslos in den „Reichsbund Volkstum und Heimat" übergeführt worden ist. In diesem wird er von nun an als „Landschaft Rheinfranken-Hesfen" erscheinen. Diese Tatsache wird zur Folge haben, daß dem neuen Bund nun auch die heimatkundlichen Vereine und Einrichtungen der angrenzenden Gebiete (Nassau, Frankfurt ufro.) zugeordnet werden. Herr Ministerialrat R i n g s h a u s e n ist in den Führerrat des Reichsbundes berufen und mit dem Amt des Landschaftsführers Rheinfranken- H e f f e n betraut worden.
OberregierungSrch Krug.
In diesen Tagen verläßt der Vorsteher des Finanzamts Gießen, Oberregierungsrat Krug, unsere Stadt, um nach Erreichung der Altersgrenze in den wohlverdienten Ruhestand zu treten, den er in Darmstadt zu verleben beabsichtigt.
Mit ihm verläßt ein Mann unsere Stadt, der immer seiner berufssittlichen Pflicht des „Ich diene" gefolgt ist. Unbeirrt von allen Erschütterungen hat er seines schweren Amtes in den ihm durch Gesetz und Pflicht gezogenen Grenzen als Diener des gesamten Volkes gewaltet. Geachtet und geehrt von der Bevölkerung, deren Sorgen und Nöte er durch . feine Tätigkeit mehr wie irgendein anderer Amtsträger kannte, war er in feiner hingabefreudigen Grundauffassung der Pflichten gegenüber Staat und Volk Leiter des Finanzamtes. Seinen Mitarbeitern war er nicht nur der Vorgesetzte, sondern der Gemeinschaftsgeist im edelsten Sinne wurde von ihm gepflegt. Freuden und Leiden feiner Beamten, Angestellten und Arbeiter waren feine eigenen. So wird der Scheidende auch nach feinem neuen Wohnort das Gefühl der Verbundenheit mit feinen seitherigen Mitarbeitern mitnehmen können.
Auch von seiner vorgesetzten Behörde wurde das Wissen und Können dieses Führers, wie aus nachstehenden Daten heroorgeht, schon früh erkannt und gewürdigt. Oberregierungsrat Krug wurde am 26. Oktober 1868 zu Crumstadt (Provinz Starkenburg) geboren. Nach dem Besuch der Universität Gießen trat er im Jahre 1892 als Finanzakzessist bei dem Hessischen Ministerium der Finanzen ein. Sein Assessvrexamen bestand er im Jahre 1896 und war bann als solcher abwechselnd beim Hauptsteueramt Darmstadt, Ministerium der Finanzen, Steuerkommissariat Darmstadt und Gießen beschäftiat. Am 24. April 1907 wurde er zum Steuerkammissär ernannt und als solcher am 18. Mai 1907 zum Vorsteher des Finanzamts Mainz III bestellt. Der Charakter als Finanzrat wurde ihm am 24. November 1909 verliehen. Das bis jetzt von ihm geleitete Finanzamt wurde ihm am 6. Oktober 1919 übers" tragen. Seine Ernennung zum Oberregierungsrat erfolgte am 1. April 1920. Im Frieden genügte Oberregierungsrat Krug feiner Dienstpflicht als Einjährig-Freiwilliger im Infanterie-Regiment 107 in Leipzig, um dann als Leutnant d. R. des 2. Infanterie-Regiments 88 in Mainz feine Friedens- Militärdienstzeit zu beenden. Im Kriege stellte er sich der Heeresverwaltung zur Verfügung und fand als Kompanie-Offizier und später als Adjutant im Landsturm-Jnfanterie-Ersatz-Bataillon Mainz Verwendung.
Das Braunhemd darf nicht gepfändet werden!
Ist das Braunhemd pfändbar? Diese Frage, die eigentlich kaum aufgeworfen werden dürfte, aber doch bereits praktisch geworden ist, ist, wie Landgerichtsdirektor Stand in der „Preußischen Justiz' hervorhebt, schon nach geltendem Recht unbedenk-
„Jm Luftschiff? Warum nicht, mit der Bahn?" „Und zum Nordpol? Geht denn dort eine Bahn?' trumpfte Tante Olla auf.
„Zum Nordpol? Hier ist es kalt genug , seufzte Tante Melanie.
Als Tante Olla alt und fromm wurde, wollte sie jeden bekehren. Und wenn sie Sonntags dem im Saal versammelten Hofgesinde predigte, dann war die Hölle eine wirkliche Hölle, in der noch richtig geschmort und gezwickt wird, und die Mägde heulten, und die Knechte traten mit den Beinen bald rechts, bald links, und nicht selten fanden sich am Abend vor der Haustür Dinge ein, die im Lauf der Woche verschwunden waren.
Als die Revolution kam, blieb Tante Olla ganz allein mit dem alten Jndrik auf ihrem Schloß.
„Mögen sie nur kommen, die Halunken!" hatte sie erklärt. Und sie tarnen.
Tante Olla faß im Saal und ließ sie eintreten. „Die Mützen herunter!" Und man gehorchte.
„Nun? Was wollt ihr?"
Der kleine Kruming räusperte sich: „Es sollen hier Waffen fein."
„Und da meint ihr, daß ich euch diesen Revolver ohne weiteres herausgeben werde?"
Und dabei hob Tante Olla eine ungeheure Reiterpistole aus dem 17. Jahrhundert drohend in die Höhe und hielt sie dem verdatterten Kruming gerade vor die Nase.
„Ein Schritt — und ich drücke los!"
Da schoben sich die Leute ängstlich zur Tür hinaus.
Als Tante Olla starb und beerdigt wurde, gingen die Bauern des ganzen Kirchspiels mit entblößten Häuptern hinter ihrem Sarge her.
Und der alte Jndrik sagte:
„Eine mächtige Frau. Solche Bäume wachsen nicht mehr."
Sochschulnacknchten.
Dr. Walther Mitzka, außerplanmäßiger ao. Professor für deutsche Philologie an der Technischen Hochschule in Danzig, ist zum Ordinarius in der Philosophischen Fakultät der Universität Mar« bürg ernannt worden.
Der Direktor des pathologisch-hygienischen Instituts in C h e m n i tz , Professor Dr S t a e m m l e r, ist als ordentlicher Professor auf öen neuen Lehr- stuhl für Rassenpflege an der Universität Leipzig berufen worden.


