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10.1.1933 Frühausgabe
 
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Nr.8 KrüharrSsavL

|85. Jahrgang

Dienstag, 10. Januar MZ

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Papens Besuch beim Reichskanzler.

Amtliche Feststellung: Keine Gegensätze zwischen Papen und Schleicher. Erklärungen des Führers der NSDAP.

Berlin, 9. Ian. (DJIB.) Amtlich wird miige- leilt: Der Reichskanzler empfing heute Herrn von Popen zu einer Rücksprache über seine Be­gegnung mit Herrn Hitler am 4. Januar und die daran geknüpften irreführenden Pressekommentare. Die Aussprache ergab die völlige Haltlosig­keit der in der presse aus dieser Begegnung ge­folgerten Behauptungen über Gegensätzlich­keiten zwischen dem Reichskanzler und Herrn von Popen.

Ei» halbamtlicher Kommentar.

Berlin, 9.3an. ((EJIB.) Nachdem Herr von Papen dem Reichskanzler heute mittag über seine Kölner Unterredung mit Adolf Hitler berichtet hat, iss dieses Thema für die po­litischen Kreise Berlins natürlich der hauptge- sprächsstofs. Allerdings war auch im Lause des Abends nicht viel positives über den In­halt der Unterredung zu erfahren. Doch findet die Aufsagung neue Nahrung, daß es falsch ist, das Kölner Gespräch in seiner Bedeutung zu überschätzen. Das ist nach Ansicht der Stellen, die in gewissem Maße unterrichtet sein müssen, in den bisherigen Darstellungen der Presse der Jall gerne,en. Richtig dürfte sein, datz der Wunsch zu der Kölner Zusammenkunft durch Kreise der Finanz und der J n d u st r i e an Herrn von Papen herangetragen worden ist, weil er ja schon am 13. August den großen versuch gemacht hat, die Nationalsozialisten in den Staat einzugliedern. Vielleicht hat bei den beteiligten Wirtschaftskreisen auch das Bedürfnis mitgespielt, Klarheit darüber zu gewinnen, wie die w i r t - schafts- und sozialpolitische Entwick­lung unter der Führung des Generals von Schleicher weilergehen soll. So würde sich eben­falls die Besprechung erklären, die Herr von p a - pen in Dortmund mit den Herren Bögler und Springorum gehabt hat.

Sucht man die Bilanz der ganzen Besprechungen, Anlerredungen und Unterhaltungen zu ziehen, so bestätigt sich der Eindruck, datz irgend etwas Greifbares dabei nicht herausgekommen ist. Die N a t i o n a l s o z i a ! l st e n warten zunächst das Ergebnis der lippifchen Landeswah­len ab, die am nächsten Sonntag stattfinden. Es fall für sie eine Art Stichprobe für den Stand ihrer Bewegung sein. Bel der Beurteilung des zu erwartenden Ausganges dieser Wahlen mehren sich aber schon die Stimmen, die Lippe keineswegs als ein sicheres Kennzeichen der allgemeinen Stimmung im Lande betrachten, weil es mit seinen 160 000 Einwohnern viel zu klein und deshalb der Wucht einer konzentrierten Wahlpropaganda viel zu stark ausgeliefert ist. wie dem aber auch sei, wird die weitere Entwicklung noch Auffassung politischer Kreise von dem Ausfall der Wahl stark beeinflutzt sein. Gelingt es den Nationalsozialisten, ihre Stellung zu halten, so wird die po­litische Entscheidung im Reich wahr­scheinlich schneller fallen, erleiden sie eine Lin- b u tz e, so rechnet man in politischen Kreisen mit einer weiteren Hinauszögerung. Auf dieser Kalkulation futzl auch die Möglichkeit, die lebhaft besprochen wird, datz der Reichstag schließlich unter Umständen nicht schon am 2 4. Januar, sondern vielleicht erst im Februar Zusammentritt. Geschäftsordnungsmähig wäre eine solche Verschiebung durchaus denkbar, denn es ist vereinbart, datz der Aeltestenrat sich am 20. Ja­nuar noch einmal versammelt, um die Tagesord­nung festzusehen. In dieser Sitzung könnte sich aus dem Mangel einer ausreichenden Tagesordnung heraus auch sogar eine Mehrheit für einen späte­ren Termin ergeben. Unter den Gründen, die für eine solche Verschiebung sprechen, spielen auch In- sormalionen eine Rolle, nach denen die n a t i o n a l- sozialistische Führung selbst erst für Fe­bruar mit den grohen Auseinandersetzungen und der endgültigen Entscheidung rechnet, wie diese Entscheidung ausfällt, das läht sich im Augen- blick noch nicht übersehen. Auf alle Fälle sind aber die Gerüchte f a l s ch , in denen bezweifelt wird, datz Reichskanzler von Schleicher vom Reichs­präsidenten die Auflösungsvollmacht er- hält, wir glauben bestimmt zu wissen, datz diese Vollmacht absolut sicher ist. General von Schleicher hat sein gegenwärtiges schweres Amt bestimmt nicht übernommen, ohne sich von vornherein über alle Möglichkeiten Klarheit zu ver- schaffen, und die Art, in der die Propaganda ge­wisser Kreise in der letzten Zeit gemacht worden ist, war nur noch dazu angetan, diese Position des Reichskanzlers zu stärken. Gegenüber aller Mund­propaganda, die in den letzten Tagen im gegen- fettigen Sinne getrieben wurde, wird sich nun wohl in der Oesfentlichkeit dieser Eindruck von der Stel­lung des Reichskanzlers durchsetzen.

Eine katholische Stimme aus Bayern.

München, 9. 3an. (621'B.) DerBäher. Kurier" meldet aus Düsseldorf, datz Herr v. Papen am Freitag dort eine längere po­litische Aussprache mit dem Bor' herGen der westdeutschen Landeslaiholiken-AuLschi >se der Deu'.schnationalen Do'.ksparlei, Dr. Glase- bock -Krefeld, hatte. Die Besprechung habe sich, wie das Blatt hört, vorwiegend mit der Frage derEingliederung des katholischen konservativen Volk Steil es in die zu bildende grotze nationale Einheits­fron t" im Sinne der bekannten Sammelbestre­bungen der DRDP. befaßt. DerBayerische Kurier" erklärt hierzu, datz Herr v. Papen

aus Granit beihen werde. Der Bersuch, die deutschen Katholiken zu spalten, sei schon ost genug gemacht worden, fett Bismarcks Zeiten her. Er sei aber stets mißlungen. Was Bismarck und Herrn v. Bülow nicht gelang, werde auch der Katholik v. Papen nicht fertigbringen. Die deut­schen Katholiken begäben sich nicht in die Ge­folgschaft der Herren Hugenberg-Papen. Wenn etwa bestimmte Kre'/e aus engstirnigen wirtschaftlichen Erwägungen heraus dein Papen- schen Lockruf folgen sollten, würden sie sich bald vereinsamt sehen. Das klare, wenn auch nicht immer eindeutig ausgesprochene Ziel bestimmter Kreiie fei die Ausschaltung des politisch organi­sierten katholischen Bolksteiles von der Ent­scheidung der politischen Geschehnisse in Deutsch­land.

Hitler über seine Unterredung mit Papen.

Berlin, 9. Ian. (TU.) Einern imVöl­kischen Beobachter" enthaltenen Bericht der ASK. aus Detmold zufolge äutzerte sich Adolf Hit­ler auf Fragen des Reichsprossechefs der RSDAP. über seine Begegnung mit Herrn von Papen u. a. wie folgt:

Frage: Der Kern der öffentlichen Angriffe scheint in der Behauptung zu liegen, datz der Grund Ihrer konsequenten Opposition in der Absicht zu suchen s:i, sich und Ihre Bewegung der Verantwortung am Staate zu ent­ziehen. Hat dieses Argument sachliche Bedeutung?

Antwort: Rein, tatsächlich war ja meine Forderung nicht eine andere, als gerade die Äebertragung der persönlichen Ver­antwortung an die RSDAP. Allerdings sehe ich hier selbstverständlich voraus, datz die Partei dann aber auch die ihr zukommende Führung erhält. Mir zuzumuten, dir Ver­antwortung zu übernehmen für das. was andere tun, ist ein mehr als starkes Stück. Wenn der Herr Reichspräsident im Rovember glaubte, dank der Ratschläge seiner Tlmgebung es nicht ver­antworten zu können, mir die Verantwortung zu übertragen, dann sind damit die Männer auch heute die Verantwortlichen für die traurigen Folgen und für all das Elend, das aus dieser Weigerung dem dcu schen Volke erwachsen müsse.

Frage: Sind die Behauptungen in der geg­nerischen Presse zutreffend, datz Sie Fühlung mit Herrn von Papen gesucht und auf die­

sem Wege Anschluß an die angeblich hinter ihm stehenden schwerindustriellen Kräfte gesucht hätten?

Antwort: Es ist selbstverständlich, datz i ch keine Fühlung mit Herrn von Papen ge­sucht habe. Aber ebenso selbstverständlich ist es, daß ich mir von niemandem vorschreiben lasse, mit wem ich sprechen darf und mit wem nicht. Ich bin Politiker und werde, wenn ich es für zweck­mäßig ansehe, jede Besprechung führen. Die deut­sche Schwerindustrie ist ein Teil der deutschen Wirtschaft. Ich brauche daher diesen Weg nicht, um an sieAnschluß" zu suchen, wie an irgend­einer anderen Wirtschaftsgruppe. Ein Politiker hat mit allen bestehenden Faktoren zu rechnen und kann ihre Existenz nicht wegzaubern. Wenn ich aber jemals die Rotwendigkeit emp­finde, darüber hinaus mit irgendeiner Wirt­schaftsgruppe ein' besondere Fühlung zu neh­men, so benötige ich dazu keinen besonderen Für­sprecher.

Tlcbrr die Erfolgsaussichten des Ar­beitsbeschaffungsprogramms der jetzi­gen Regierung besagt, erklärte Hitler: Ar- beitsbeschafsungsprogramme sind nicht ihrer selbst tocgen da. Ich enthalte mich daher jedes Urteils über derartige Probleme, sondern beurteile nur ihre Auswirkung auf die allgemeine deutsche Wirtschaftskrise. Diese Krise aber wird durch Maßnahmen des Kabinetts Schleicher nicht beseitigt.

Informationen der Berliner presse

Berlin, 9. Fan. (TU.) DerVölkische Beobachter" glaubt, daß die Unterredung zwi­schen v. Papen und Reichskanzler v. Schlei­cher nicht ohne Einwirkung auf den Verlauf der Reichstagstagung fein werde. Es werde sich hierbei unter Umständen schon entscheiden,

ob das Kabinett von Schleicher sich einem mit groher Mehrheit angenommenen Mißtrauens­votum aussehen und den Reichstag auflösen werde, oder ob es der Reichspräsident vorziehe, eine andere Lösung zu finden, die in einer völligen Umbildung des derzeitigen Kabinetts zu geschehen hätte.

Wenn aber, so fährt das Blatt fort, den N a t i o nalsozialistcn eineSpaltun g" der natio­nalsozialistischen Reichstagsfraktion bei einer Ab­stimmung über ein Mißtrauensvotum und Furcht vor Neuwahlen angedichtet werde, so werde man sich irren.

DieD A Z." bezeichnet die Aussprache Schlei- cher/Papen als eine neue wichtige Phase innerhalb der hochpolitischen Verhandlungen, die gegenwärtig zu dem Zweck geführt würden, eine neue Reichstagsauflösung und damit eine Gefährdung der wirtschaftlichen Beruhigung zu vermeiden, lieber den Weg, der dafür beschrit­ten werden könnte, lasse sich zur Stunde Näheres noch nicht sagen, zumal ja bei den Nationalsozia­listen die Meinungen selbst auseinandergingen, ob eine sofortige Entscheidung wünschenswert, oder eine vorläufige Tolerierung möglich, oder eine spätere Beteiligung erwünscht wäre, lieber alle diese Mög­lichkeiten sei zwischen Herrn von Papen und Hitler in Köln und sei auch am Montag zwischen dem Reichskanzler und seinem Vorgänger gesprochen worden. Die Entscheidung imLippeschenWahl- kämpf bilde natürlich einen weiteren Faktor innerhalb dieser ganzen Entwicklung, die vermut­lich zu einer weiteren Verschiebung des Reichstags- zusommentritts führen werde.

Es gebe Optimisten, die nicht nur mit einer Verlängerung der parlamentarischen Kampf­pause bis zum März, sondern sogar mit einer Ausschaltung des Parlaments über den Sommer rechneten.

Die Besprechung zwischen Schleicher und Papen hat sich, wie derLokalanzeiger" zu melden weiß, nicht nur auf dieKölner Unterredung", sondern auch auf die gesamte innerpoli­

tische Lage bezogen, da der Reichskanzler selbst ein Interesse daran habe, durch Herrn von Papen die Auffassung einer ganzen Reihe von politischen und wirtschaftlichen Persönlichkeiten kennenzulernen, mit denen Papen in der letzten Zeit Unterredungen gehabt habe. In den letzten Tagen habe Herr von Papen mehrere Bespre­chungen mit Vertretern der Wirtschaft im Ruhr­gebiet geführt, u. a. am Samstag eine Bespre­chung mit Generaldirektor Dr. Dögler und Dr. Springorum.

Auf Grund dieser Besprechungen sei von west­deutschen industriellen Kreisen erklärt worden, daß man gewisse Bedenken gegen die Sozial­politik und die Arbeitsbeschasfungspolitik des jetzigen Reichskabinetts habe.

Dr. Springorum habe nach offiziösen Er­klärungen westdeutscher industrieller Kreise in der Unterhaltung mit Papen darauf hingewiefen, daß in vielen Industriezweigen wieder ein S t i l l- st a n d eingetreten sei, dessen Ursache die allge­meine Unsicherheit bilde, da man nicht genau wisse, welchen wirtschaftspolitischen und sozialpolitischen Kurs das jetzige Kabinett einschlagen werde. Dabei sei offenbar auch das Arbeitsaefchaf^ungZprogramm Dr.Ge­re kes kritisiert worden. Herr von Papen sei von den Vertretern der Westdeutschen Industrie gebeten worden, diese Bedenken dem Reichskanzler bei der Berichterstattung über die Kölner Unter­redung gleichzeitig mitzuteilen.

An die Aussprache knüpft dieTägliche Rundschau" eine Reihe von Vermutungen, wo­bei sie u. a. bemerkt, es sei nicht ausgeschlossen, daß einige Persönlichkeiten, die der Regierung nahestün- den unabhängig von General von Schlei­cher, um die Unterredung Hitler- Po­pen vorher gewußt hätten, so daß sich Herr von Papen habe darauf berufen können, daß er nicht allein auf eigene Faust gehandelt habe. Als Ergebnis der Aussprache glaubt das Blatt ein Kompromiß erblicken zu dürfen, und zwar dahingehend, daß sich

General von Schleicher nunmehr in die Verhandlungen mit der NSDAP, einschatte

und gegebenenfalls selbst noch einmal den Versuch mache, die NSDAP, zur Mitarbeit an der Regierung zu bewegen.

Zehn Jahre Ruhrkrieg.

Ein Gedenkblatt aus der deutschen Geschichte der Nachkriegszeit.

Von Paul Joachim.

Wenn man heute einem Einwohner des Rhein- landes oder des Ruhrgebiets gegenüber das Wort Sanktion" ausspricht, dann zuckt er vielleicht zusammen, und vor seinem Auge steigen die i)unl- len Dinge auf, die sich nunmehr vor rund z:hn Iahren in seinem Heimatland ereignet haben. Sanktion dieser Begriff hat sich durch lange Iahre in das Gedächtnis jedes Westdeutschen ein» gehämmert, er steht eingegrabcn auf einem der trübsten Blätter der deutschen Geschichte. Was verstand man unter diesem Wort? Richt mehr und nicht weniger als kriegerische Maßnahmen, die die interalliierten Mächte auf Grund des Versailler Friedensvertrages gegenüber Deutschland unter­nehmen zu können glaubten. Alles, was sich da­mals ereignete, Strafexpeditionen und Terrorakte der französischen und belgischen Truppen, Erhe­bung besonderer Zölle, Beschlagnahmungen von Fabriken, willkürliche Festsetzungen neuer Gren­zen, neuerBrückentöpfe" das alles fiel unter diesen Begriff, das alles wurde durch das Wort Sanktion" fanltionicrt. Sanktioniert wurde schließlich auch jener unerhört brutale Feldzug gegen das Ruhrgebiet, der aus nicht! gen Anlässen im Ianuar 1923 geführt wurde und der sich beinahe in einer Katastrophe nicht nur für Deutschland, sondern auch für das gesamte Mitteleuropa ausgewirkt hätte.

Winter 1922. Das Rheinland war besetzt. Eng­länder, Franzosen, Belgier hielten ihre gepanzerte Hand auf alle wichtigen strategischen Punkte dies­seits und jenseits dieses Flusses. Mit -rasfinierten Antreibemethoden suchten sie die gesamten hundert­prozentigen Reparationen aus dem zerfaserten, zer­fallenen, ausyepreßten Deutschland zu ziehen. Da ereignete es sich, daß in irgendeinem Pariser Büro die Feststellung gemacht wurde, Deutschland sei mit feinen Reparationslieferungen auf dem Gebiet von Holz und Kohlen ein wenig in Rückstand ge kommen. Dieser Rückstand -betrug nur einen ver­schwindend geringen Prozentsatz der Gesamtliese rungen aber was tat es? Es war die Handhabe gegeben, Deutschland anAuflagen, es habe vorsätz­lich versucht, sich seiner Reparationsverpflichtungen zu entziehen. Nicht Zahlungs- oder Lieferungs­unfähigkeit sei der Grund dieser Verzögerungen, sondern bewußte, planmäßige Sabotage. Mit einem Wort: es war die Handhabe für eine neuerliche Sanktionsmaßnahme gegeben.

Die Vorbereitungen zu der nun folgenden Stras- expedition spielten sich binnen weniger Tage ab. Die Mahnung der Franzosen trug bereits offen den Charakter einer Drohung. Deutschlands Protest blieb ohne Widerhall. Ebenso wenig Erfolg hatte eine diplomatische Maßnahme, die Reichskanzler Cuno mit fieberhafter Eile in die Wege leitete. Auf der anderen Seite nur Achselzucken die Gelegen­heit war günstig, einen Plan, der seit Monaten und Jahren fix und fertig in einer Pariser Schub­lade geschlummert hatte, zur Durchführung zu bringen.

Arn 10. Januar 1923 erreichte eine Rote der französischen Regierung die deuische Botschaft in Paris, in der das Bevor stehen einer Sanktion offen angekündigt wurde. Allerdings versuchte man geschickt und höflich Lenkwaster zu machen, indem man Wert auf die Feststellung legte, diese Gewaltmatznahmr trüge keinen Gedanken an eine militärische Okku­pation oder eine Besetzung politischer Art in sich. Auf höfliche Floskeln pflegen aber in der Ge­schichte der zivilisierten Völker häufig unmittel­bar Kanonen zu «olgen. Am 11. Ianuar ström­ten französische und belgische Truppen aus den Brückenköpfen Düsseldorf und Duisburg in be- trächtkicher Stärke ins Ruhrgebiet, besetzten alle strategisch wichtigen Punkte bis weit über Dort­mund hinaus. Gelsenkirchen unö Essen bekamen ihre eigenen Garnisonen. Die Rheinhä^en von Mannheim und Karlsruhe wurden in die Zange der Okkupationsarmee geklemmt. Die friedlichen badischen Städtchen Orenburg und Appenweiher überschwemmte französisches Militär. Unmittel­bar mit dem Einrücken der französischen und bel­gischen Armeen wurde im gesamten besetzten Ge­biet verschärfter Belagerungszustand verhängt.

Unnötig zu sagen, daß der Hauptstoß gegen daS Ruhrgebiet nicht allein auf militärischer Basis geführt wurde. Das größte Interesse hatten die Usurpatoren begreiflicherweise an den großen Produktionsstätten dieses Gebietes, an S ch ä ch - ten und Fabriken. Eine neue Politik, die Pfänderpolitik, wurdezum Schuh der wirtschaft­lichen Interessen Frankreichs" eingeführt. Eine französisch-belgische Kontrollkommission wurde ins Leben gerufen, die alle wichtigen Hüt­ten- und Bergwerke in eigener Regie aus­schließlich zu Reparationszwecken arbeiten ließ. Sämtliche Zölle und ein großer Teil der Steuer­einkünfte wurden beschlagnahmt. Durch die Er­richtung einer besonderen Binnenzoll- Linie schufen sich die Belagerer überdies noch die Möglichkeit, besondere Steuern einzutreiben und zum Teil aus staatlichen Unternehmen, wie z. B. aus der rheinischen Eisenbahn, Cxtraein- fünfte herauszuprrssen.

Wozu dies alles ? Der Gedanke lag nahe, in die sein organisierten Ucberfall auf das Ruhrgebiet die Verwirklichung eines Jahrhunderte alten franxöfi schen Traumes zu erblicken, nach dem das an Boden­schätzen reiche Ruhrgebiet von Deutschland abgetrennt und dem an Kohlen und Mine ralien verhältnismäßig armen Frankreich einver­leibt werden sollte. Dieser Gedonkengang wurde denn auch auf französischer Seite in der Sariac-