Ausgabe 
9.9.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Biel £ärm um Jhcbte.

Seit Jahren waren wir gewohnt, alle Monate von einer anderen Konferenz, die in irgend einer Form zur Behebung der Weltwirtschaftskrise bei­tragen sollte, zu lesen. .. _ t

Mit großen Hoffnungen besprachen die Zettun- gen diese Ministerzusammenkünfte vorher, mit viel- verheißender Rede erfolgte jedesmal die Eröffnung, die üblichen Posten der Vorsitzenden usw. wurden vergeben, es konstituierten sich Unter- und Arbeits­ausschüsse, und damit war das so schwungvoll be­gonnene wieder einmal vertagungsreif.

Wie anders hat unser Führer die Sache ange- packt. Von heute auf morgen verwirklichte er seine gigantischen Pläne. Wie geht er der Arbeitslosigkeit zu Leibe! In kaum glaublich kurzer Zeit Hal er durch seinen eisernen Willen Millionen wieder zu Arbeit und Brot verholfen. Deutschland, seit 14 Jahren der Spielball neidischer Nachbarn, kann wieder vertrauensvoll in die Zukunft sehen. Jeder Einzelne darf wieder hoffen.

IDlr müssen alle dazu beitragen, die Pläne unseres Volkskanzlers zu fördern, und schon mit einer Mark können wir mithelfen am Auf­bau. Die Arbeitsbeschafkungslotterie, die die NSDAP, herausgebracht hat, gibt uns Ge­legenheit dazu.

Der Ertrag dient dem begonnenen Werk und hilft die arbeitslosen Volksgenossen wieder in den Wirt- lchaftsprozeß einzugliedern. Keiner darf sich aus« schließen, jeder muß seinen Willen zum Wiederauf­bau bekunden und Arbeitsbeschaffungslase taufen! Einer für alle ynd alle für einen!

Rückkehr unseres Bataillons aus dem Manöver.

Unser Bataillon wird heute u m 10.56 Uhr, aus dem Manüvergelände bei Ulm kommend, im hiesigen Bahnhof eintreffen und nach dem Ausladen der Fahrzeuge usw. den Marsch nach den Kasernen an- treten.

Bericht der Staatspo^izeistelle Gießen

Am 1. September wurde der Arbeiter Karl Becker aus Wißmar wegen Vergehens gegen die Verordnung vom 21. März 1933 festgenommen und am nächsten Tage der Staatsanwaltschaft zuge- führt, die Haftbefehl beantragte, der auch erlassen wurde.

Gestern wurden sechs Personen aus den Kreisen Friedberg, Schotten, Gießen und auch aus der Stadt Gießenin das Konzentrationslager Osthofen über, geführt.

Zwei ehemalige Funktionäre der SPD. aus W i e - fe ck wurden in Schutzhaft genommen, weil der Ver­dacht besteht, daß sie mit anderen ehemaligen Funk­

tionären in Gärten Zusammenkünfte abhalten. Ein früherer Reichsbannermann aus Nidda wurde gleichfalls in Schutzhaft genommen, der die genann­ten Funktionäre aus Wieseck besuchte, obwohl er vorher auf der Polizei über sein Hiersein ganz andere Angaben gemacht hatte.

Besserer Schuh für SA SS.- unö Stah Helm-Üniformen.

Um einen stärkeren Schutz vor Verwechslungen zu ermöglichen, denen SA.-, So.' und Stahlhelm- uniformen bei gewissen Berufskleidungen ausgesetzt sind, hat der preußische Minister für Wirtschaft und Arbeit jetzt eine Aenderung der Bestimmungen über die Dienstkleidung im Bewachungsgewerbe verfügt. Der' Minister hat bestimmt, daß die Dienstkleidung der Wächter, für die schon bisher Einschränkungen

Das Theater ruft!

Ls gibt noch Säumige! Deckt fie auf? Ls muß auch in Gießen geschaffen werden! Liner jage es dem anderen!

in bezug auf Derwechslungsmöglichkeiten mit Uni­formen des Heeres und der uniformierten Beamten­schaft bestanden, von nun an auch so beschaffen fein muß, daß eine Verwechslung der Wächter mit An­gehörigen der SA., SS. und des Stahlhelms aus­geschlossen sein muß. Zugleich wird von der Liste der für die Herstellung von Wächteruniformen er­laubten Tuche das fchwarzfarbige Tuch gestrichen. Wenn Wächteruniformen, die bereits genehmigt sind, zu Verwechslungen mit SA., SS., Stahlhelm und anderen öffentlich anerkannten oder vorgeschrie­benen Uniformen Anlaß geben könnten, so ist zu prüfen, ob diesem Umstande nicht durch einfache, aber Verwechslungen nusschließende Aenderungen, etwa im Besag, abgeholfen werden kann.

^ornoti^en.

Tageskalender für Samstag: Palast-Lichtspiele am Kirchenplatz, 9 bis 21 Uhr, Zinnsoldaten-Truppenschau. Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße, 16 und 18,30 Uhr,Siegfrieds Tod", 20,30 Uhr,Stern von Valencia" mit Liane Haid, Peter Westermeier, Eduard Wesener.

*

** Besuchszeiten der Museen. Die Mu­seen und Sammlungen im Alten und Neuen Schloß sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr geöffnet.

Zager und Naturfreunde! Achtung!

Die Vogelwarte Rossitten bittet um Mithilfe aller interessierten Personen an der Be­obachtung folgenden Versuches: Die Vogelwarte hat in diesem Jahre 250 Iungstörche aus ihren Nestern in Ostpreußen nehmen lassen und grotzgezogen. 90 davon befinden sich zur Zeil in einem Gehege in Rossitten, aus dem Professor Thienemann schon einmal Versuchsstörche die Reise nach dem Süden antreten ließ. Die übrigen 160 Iungstörche sind nach Essen verfrachtet wor­den und werden dort auf der Vogelwarte, einem einzigartigen Dogelpark, verpflegt. Wenn alle alten Störche uns verlassen haben, bann sollen diese Iungstörche auch die Freiheit erhalten. Der Be­ringungsversuch hat ergeben, daß alle ostdeut- schen'Störche nach Südosten ziehen und das Mittelmeer im Osten umfliegen, während die we st deutschen Tiere dasselbe im We­sten tun.

Ls soll nun geprüft werden, ob der Trieb so stark und so starr ist, daß die ostdeutschen, in Essen freigelassenen Störche denOstweg" ein- schlagen, oder ob sie sich entsprechend dem west­lichen Auflassungsorte demWestweg" zu­wenden.

Wenn der Versuch Erfolg haben soll, müssen alle interessierten Kreise an der Beobachtung mitwirken. Der Tag der Auflassung ist Dienstag, 12. September. Dann werden gleichzeitig die Essener Versuchsstörche und die Rossittener Kontroll- störche die Freiheit erhalten. Es kommt nun darauf an, Beobachtungen über das Verhalten der Tiere zu sammeln. Sie sind so kenntlich gemacht worden, daß sie leicht erkannt werden können.

Außer zwei Beinringen tragen fie nämlich auf der Bauchseite einen ausfälligen, künstlichen Farbsleck. Dieses Merkmal genügt vollkommen zur Erkennung. Abschuß ist weder erwünscht, noch gesetzlich erlaubt.

Etwaige Beobachtungen sind unmittelbar an die Vogelwarte Rossitten, Kurische Nehrung (Ost­preußen)" zu richten! Sie sollen enthalten genaue Angaben über: 1. Ort, 2. Zeit, 3. Flugrichtung und 4. Zahl der Tiere.

Sollten Tiere unterwegs verunglücken, was beim Storch verhältnismäßig oft vorkommt, bann wirb um genaue Angaben und Einsendung der Ringe dringend gebeten.

Studienrat Hölzel, staatl. Vertrauensmann für Naturschutz und Schriftführer desHubertus", Gießen.

Manöver-Krieg bei Lllm.

Kleinere Hebungen der 5. Division.

wp. Ulm, 7. Sept. Bei herrlichem Wetter man kann sogar ruhig sagen, bei fast tropischer Hitze nahmen am Donnerstag die kleinen Herb st Übungen innerhalb der 5. Di­vis i o n ihren Fortgang, nachdem die Truppen zum Teil in der Nacht von Mittwoch aus Donners­tag in Ulm Quartier bezogen hatten und bereits am frühen Morgen wieder ins Kampfgelände aus­gerückt waren.

Die neue Loge,

die mit den beiden seitherigen Uebungstagen nichts zu tun hatte, war zu Beginn des Donnerstags etwa folgende: Rot geht auf und nördlich der Schwäbischen Alp in nordostwestlicher Richtung gegen die Linie Ulm Göppingen vor, um blaue Kräfte anzugreifen, die sich ostwärts dieser Linie sammeln. Am 6. September abends steht Rot in Linie Jungingen Beimerstetten- Amstetten starkem Feind gegenüber. Das auf dem Südflügel eingesetzte Detachement O ß w a l d hat den Auftrag, am 7. September 10 Uhr aus der Linie Großer Göhr Beimerstetten anjugreifen, um den zwischen der Bahnlinie Ulm Sontheim und der Lone stehenden Feind über die Brenz zu- rückzuwerfen. Blau weichi den überlegenen roten Kräften gegenüber, hinhaltend kämpfend, in Rich­tung auf die Brenz aus. Am 6. September abends wurden rote Angriffe in der Linie Neuhaus Wefterstetten Breitlingen abgeroiefen, der blaue Sübflügd in Linie Bernstadt Korn B. süd­westlich Albeck, durch Kavallerie und Kraftradfahrer gesichert. Auf die Meldung von der Bereitstellung neuer roter Kräfte in Gegend Beimerstetten Großer Gähr wurde die im Englen-Gehäu als Reserve stehende blaue Abteilung Sieglin be­auftragt, das Vorgehen des Feindes südlich der Lone gegen die Brenz zu verzögern. Am 7. Sep­tember soll die blaue Abteilung Sieglin im Anschluß an die Hauptkräfte in folgende Widerstandszone ausweichen: Nerenstetten Langenau (vorderer Rand) Setzingen Rammingen (rückwärtiger Rand, der bis zum Abend zu halten ist). Beginn des Kriegszustandes: 9,30 Uhr.

Während die vorangegangenen Tage vermutlich wegen der größeren Entfernung des Operations­gebietes von Ulm verhältnismäßig wenig Zuschauer auf die Beine gebracht hatten, zog heute eine wahre Völkerwanderung in das Gebiet von Albeck und Langenau. Die Schulen hatten für diesen Tag extra freibetommen und wanderten mit ihren Lehrern zu Tausenden hinaus ins Ge­lände. Oft sah man daher 2030 Kinder um einen einzigen Grenadier herumstehen, der mit vieler Mühe hinter irgend einer Bodenerhebung Deckung gesunden hatte, durch das Interesse der jungen Strategen aber sofort an den Feind verraten wurde.

Zunächst muh ganz allgemein die Schlagkraft der Truppen hervorgehoben werden, die trotz der sengenden Hitze Enormes leisteten.

Das gilt sowohl von der Infanterie, die sich durch große Marschlei st ungen auszeich- nete, als von der Kavallerie, den Nachrichtentrup­pen und den Kraftfahrern, insbesondere auch von der Artillerie, die ihre Geschützstände durch den vor- getragenen Angriff dauernd umgruppieren mußte, als endlich von den Pionieren, die nach der Aus­sage eines hohen Offiziers geradezu Mustergültiges leisteten. Man muß sich habet vor Augen halten, daß die Mannschaften nach 4 8 Stun­den zum Teil nur wenige Stunden geschlafen und danach wieder weit in bas Uebungsgelänbe z u marschieren hatten.

Um 10 Uhr beobachteten wir das konzentrische Vorgehen von Rot unter Oberst Ohwald, bas feinen Angriff, gedeckt durch leichte und schwere Maschinengewehre und Artillerie, unentwegt vor­trug. Auch Panzerwagen-Atrappen wurden einge­setzt und die Sicherung durch Kavallerie vorgenom- men. Rot kam jedoch trotz dieser starken Unter­stützung nur langsam vor, da die blauen Kräfte unter Oberst Sieglin, 3U hinhaltendem Kampf gegliedert, sich bei Hörvelsingen Kornberg gut ins Land eingenistet hatten und nur schwer vom roten Feuer erfaßt werden konnten. Um die Mit­tagsstunden hatte Rot bas Gelände beiderseits Albeck in Besitz. Der Angriff ging nun gut vorwärts. Um

2 Uhr näherten sich die vordersten roten Teile dem Rand der blauen Widerstandszone und brachen in diese ein. Außerordentlich interessant war ein Be­such bei der Pioniertruppe. Diese hatte bas Englcn Gehäu in der Nacht vollständig verdrahtet und ob- gesperrt. Innerhalb 5 Stunden waren durch Motor­sägen ungefähr 80100 Bäume gefüllt und als Sperre über die Straßen und Wege gelegt worden.

Diese Baumsperren in Verbindung mit Minen und Drahtsperren, die da gelegt wurden, wo der seinbliche Angriff besonders stark vermutet wurde, haben sich im Verlauf des Gefechtes äußerst wirksam erwiesen.

Im Ernstfall wird ein solches Sperrgebiet, das von dem irregeführten Feind ahnungslos betreten wird, einfach in die Luit gesprengt. Der Wald, zugleich Freund und auch Feind des Soldaten, wurde so­wohl bei Rot im Angriff, als auch bei Blau in der Verteidigung nach Möglichkeit ausgenützt. Hier hatte sich der Beobachtungsposten der Artillerie auf Bäumen eingenistet. Hier waren die Artillerie- gefechtsstände, die Fernsprecher und die Maschinen- gewehrtruppen. In dieser vordersten Linie entdeckte man aber auch die Meldehundeabteilun­gen. Es handelt sich hier um fabelhaft kluge Tiere, die mitten durch bas feindliche Feuer Meldungen zu befördern haben, die am Halsband der Tiere angebracht werden. Am späteren Nachmittag wurde der Anariff von Rot immer weiter vorgetragen. In vollster Karriere fetzte die sechsspännig gefah­rene Artillerie über Gräben und Höhen hinweg und brachte ihre Geschütze neu in Stellung. Doch es war nicht so einfach.

Hot blieb vor Langenau in den späten Nach­mittagsstunden hängen. Der nachhaltige Wider­stand von Blau wurde immer stärker.

Man sah auch heute wieder eine Reihe von Ehrengästen. So sollen u. a. Reichsstatthalter Murr und der thüringische Reichsltatthatter S a u cf e ( bngeroefen fein. Wir sahen Ministerpräsident Pros. Mergenthaler, mit dem zusammen wir in Langenau die von einer Feldküche zubereitete reich­liche und schmackhafte Mahlzeit (Erbsen mit Fleisch) einnahmen, hie sich der Ministerpräsident trefflich schmecken ließ.

Der Abschluß.

Ulm, 8. Sept. (WP.) Rot hatte während der Nacht umgruppiert und war in Bereitstellung ost­wärts von Langenau gegangen. Die Gefechts­vorposten standen bei Anbruch des Tages bereits westlich von Rammingen und hatten unter dem Schutz der Dämmerung die feindlichen Feldwachen zurückgedrängt. Als wir um 6 Uhr in der Frühe auf dem Kampfplatz angelangt waren, war der Angriff für Rot bereits eine halbe Stunde vorher befohlen worden. 2I(s Angriffsziel galt für einen Teil von Rot die Höhe zum Bahnhof und O r t Rammingen. Um 6.30 Uhr war, wie uns der Chef des schon weit vorgezogenen Regimentsstabs, I Oberst Kienitz, mitteilte, die Lage so, daß

der Angriff der Bataillone gut vorgetragen war, dank des ArtiUcriescuers, bas auf den Ortsrand

von Rammingen gelegt wurde.

Die Absicht war ein scharfer Durchstoß nach N i e» derstoyingcn und Stetten ob Xfontal, um banrt nach Norden einzudrehen. Bald kam die Meldung, daß her rechte Flügel den Bahnhof Rammingen er­reicht habe. Das Dorffeld war noch im Besitz von Blau. Es war ein offenes Geheimnis, daß sich bald ein schwerer Kampf um die Ortschaft entfpinnen würde. Wir gingen zu Blau und sahen uns dessen Verteidigung an, die immerhin so zah war, daß lich der Kampf um Ramingen über zwei Stunden hin­zog. Blau hatte nämlich in den frühen Morgen­stunden Teile feines rechten Flügels in die Gegend von Asselfingen verschoben und den Angriff von Rot dadurch zunächst zum Stehen gebracht. Rot setzt« jedoch seine Reserve ein und holte weiter ostwärts aus, jo daß es ihm gelang, auch in Richtung Assel­fingen langsam Gelände zu gewinnen.

Mit überlegenen roten Kräften wurde dann Rammingen genommen, wobei es einen harten Nahkampf von Mann gegen Mann mit gefälltem

Bajonett gab.

Blau erlitt hierbei schwere Verluste und Derlei u. a. einen ganzen Maschinengewehrzug. Heben raschend stieß zedoch Blau nochmals mit der ihm als Reserve zur Verfügung stehenden Reiterei mit starker Artillerieunterstützung vor. Die Aktion be­wirkte jedoch nur vorübergehenden Aufenthalt des roten Angriffs. In diesem Stadium wurde bei Kampf um 9 Uhr abgebrochen.

Im Anschluß daran sand auf dem Hügel der Leitung die Kritik statt, die vom Divisions­kommandeur V, Generalleutnant L i e b m a n n, ge­halten wurde. Der Kommandeur sprach sich über die in diesen Tagen gezeigten Leistungen sehr anerkennend aus. Damit waren die vier­tägigen Hebungen innerhalb der 5. Division, die sich in zwei Abschnitten mit o e r s ch i e - denen Aufgaben teilten, zu Ende.

Nicht nachdrücklich genug kann hervorgehoben werden, daß Mannschaften und Offhicre von geradezu rührendem, oft sportlichem Kampfes- eifer beseelt waren und freudigen Herzens alles daran fehlen, zum guten Gelingen des Verlaufs der Hebungen beizutragen. Das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen war denkbar gut, die Stimmung überall ausgezeichnet.

Die Verpflegung war für feldmäßige Verhältnisse kaum zu übertreffen, ein Prädikat, das auch dem 10 cm dick auf den Wegen liegen­den Staub getrost ausgestellt werden kann! Für die Vertreter der Presse war in jeder Hinsicht glänzend gesorgt, wodurch ihre Aufgabe als Be­richterstatter angenehm erleichtert wurde. Dem Wehrkreiskommando V und der Kommandantur Stuttgart ist daher auch von dieser Seite wärmster Dank' auszusprechen.

Was kann die moderne Chirurgie Wen?

Geheimrat Gauerbruch über die Möglichkeiten der Chirurgie.

Don Or. H. Woltereck.

Kürzlich hielt Deutschlands berühmtester Chirurg, Geheimrat Sauerbruch, einen außerordentlich fesselnden Vortrag über das ThemaMöglichkeiten und Grenzen der Chirurgie". Dieser Vortrag gab einen sehr guten Einblick in die gegenwärtige Situation dieses interessanten Zweiges der Medizin.

Frühere Zeiten haben in Der Chirurgie nicht mehr geschehen, als ein wenig hochgeschätztesHand­werk", eine Art Schneidekunst, mit der die übrige Medizin nichts zu tun haben wollte. Heute ist die Chirurgie zu einem der wichtigsten Teilgebiete der gesamten Heilkunde geworden, ohne das wir uns die Medizin überhaupt nicht mehr vorstellen können und für den Laien gehören die BegriffeKranken­haus" undOperation" untrennbar zusammen. Wenn heute dem modernen Chirurg fast überhaupt keine Aufgabe mehr zu schwer ist, wenn sich fein1 noch so verstecktes Organ im Körper dem Messer des Operateurs entziehen kann, dann ist dieser uner­hörte Aufschwung der Chirurgie nur dadurch möglich geworden, daß die letzten Jahr­zehnte ihrer Entwicklung außerordentlich günstig waren.

Die naturwissenschaftlich-technische Epoche, die mit dem 19. Jahrhundert begann, mußte ihrer ganzen Struktur nach die Chirurgie besonders fördern und in der Tat nahm diese Wissenschaft infolge der großen Entdeckungen auf ihrem Gebiet einen ge­radezu phantastischen Aufschwung. Namentlich die Ermöglichung der schmerzfreien Opera­tion durch die Entdektung der verschiedenen Nar- kose-Dersahrcn, und spater die große Tat Rönt­gens sorgten dafür, daß die Kunst der Chirurgie von der technischen Seite her immer besser ausge­baut wurde. Heute kann man ein durchstochenes Herz ebenso zunähen, wie eine Operation am leben­den Gehirn ausführen. Eingriffe, die von den Chirurgen früher in ihren kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten worden wären.

Die Krise in der Medizin.

Trotz der rapiden Fortschritte, die auch in der letzten Zeit von her Medizin erreicht mürben, be­findet sich diese Wissenschaft zweifellos in einer hauptsächlich geistig bedingten Krise, die sich besonders stark auch auf die Chirurgie ausgewirkt hat. Das, was weltanschaulich hinter dieser Krise steht, ist uns allen in diesen Tagen des Aufbruches unserer Nation zu neuen Zielen besonders deutlich zum Bewußtsein gekommen: es ist die Abwendung von dem öden Materialismus unb Mechanismus einer nunmehr überrounbenen Epoche, hie Rückwen- bung von her übersteigerten Wertung bes bloßen Intellekts zu ben ewigen Kräften her Seele unb bes Lebens. Diese innere Neuorientierung hat sich schon vor längerer Zeit auch auf dem Gebiete her Chirurgie immer mehr angebahnt unb führte lo schließlich zu her heutigenKrise", zu einer Selbst­besinnung biefer Wissenschaft über ihre Möglich­keiten unb Grenzen. Diese Grenzen hat man, wie Geheimrat Sauerbruch betonte, lange Zeit falsch gesehen unb unterschätzt sie teilweise noch heute Die naturwissenschaftlich-mechanistische Ein­stellung des 19. unb beginnenden 20. Jahrhunderts verleitete die Chirurgen zu dem Glauben, man könne mit mechanischen Mitteln jedes Leiden be= kämoien ja das Leben selbst sei nur ein chemisch- philsikalischer Prozeß, der eines Tages in allen seinen Erscheinungenverständlich" und beherrsch­bar sein würde.

Grenzen der Chirurgie.

Nun soll man zweisellos hie Bedeutung des rein mechanisch-technischen Rüstzeuges her Chirurgie keinesfalls unterschätzen: wenn einem Patienten bte Luftröhre von einem Kirschkern verschlossen wirb, wenn ein Bluterguß auf das Gehirn brückt und Lessen Funktionen auszujchalten droht, unb bei zahl­losen anderen Fällen aus her chirurgischen.Praxis ist in her Tat ein rein mechanischer Eingriff, eine Operation, her gegebene und einzig mögliche "Ausweg, um das Leben des Krank» zu retten. Aber der gewaltige Aufschwung der chirurgischen Technik hatte dazu geführt, auch dort mit rein me­chanischen Mitteln einzugreifen, wo diese notwendig versagen mußten. Professor Sauerbruch verwies in diesem Zusammenhang auf den völligen Zusam­menbruch her vor noch nicht allzu langer Zeit von sehr namhaften Chirurgen vertretenen, rein opera­tiven Behanblung her Knochentuberkulose. Man glaubte damals, dis tuberkulöse Erkrankung des Knochens dadurch heilen zu können, daß man ben kranken Knochen in immer größerem Maße Maße operativ entfernte; schließlich nahm man in gewissen Fällen so große Eingriffe vor, daß her Pa­tient zum völligen Krüppel wurde. Aber die Kno­chentuberkulose fraß trotzdem weiter und man mußte erkennen, baß der eingefchlagene Weg falsch war, daß man mit her sog. konservativen Behanblung (Hochgebirgsaufenthalt, Sonne, Be­strahlungen usw.) weit bessere Erfolge erzielen konnte, ohne operieren zu müssen.

Aehnliche Fehlschläge traten auch bei zahlreichen anderen Krankheiten (z. B. Wanderniere, Organ­senkungen usw.» auf, deren operative Behandlung sich anderen Heilmethoden gegenüber als weit urler= legen erwies. Damit, ist natürlich der chirurgische Eingriff nicht etwa ausgeschaltet, aber die moderne Chirurgie hat die G r e n z en erkennen müssen, die ihrem Tun gesetzt sind, weil sich viele Krankheiten eben nicht lokal an bestimmten Körperteilen be­kämpfen lassen, sondern nur durch eine Umftim- mung bes Gesamtorganismus wirklich geheilt wer­ben können.

Die Jtücftöenhung zum Leben.

Die moderne Mehizin kommt heute, ganz ebenso wie von ihrer Seite die Biologie, mehr unb mehr zu her Erkenntnis, daß kein Lebensoorgang, also auch keine Krankheit rein mechanisch zu beuten ist über allen Einzeloorgängen im Körper steht als unergründliches, beherrschendes Faktum das Le­ben selbst, dessen Eigengesetzlichkeit niemals mecha­nisch erfaßt werden kann. Gewiß können unb müssen wir beispielsweise eine Krebsgeschwulst unter Umftänben operativ entfernen, um den Kran­ken zu reffen aber die Krebskrankheit selbst ist damit noch nicht geheilt, für die operierte Krebs­geschwulst ja nur ein einzelnes, lokales Kenn­zeichen sein kann. Alle chirurgische Kunst, die höchste operative Technik allein genügt nicht, um wirkliche Dauererfolge zu erzielen; nur die gründlichste Kenntnis und weitere Erforschung aller Sehens» Vorgänge im Gesamtorganismus wird auch die Chirurgie zu großen Leistungen befähigen. Auch her Chirurg selbst ist ja kein Automat, sondern ein handelnder unb vielleicht irrenber Mensch; daß von feinem persönlichen Geschick, von seinem verantwort­lichen Entschluß im kritischen Augenblick alles ab­hängt, baß seine Persönlichkeit untrennbar verbun­den ist mit seiner Tätigkeit am Krankenbett und im Operationssaal: darin liegt die Tragik, aber auch die Größe dieses ebenso schönen wie schweren De» rujeS.