Ausgabe 
9.5.1933 Frühausgabe
 
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Aus -er Provinzialhauptstadt.

Dor dem ersten kalten Bad.

Noch ist die Sonne, die so verlockend auf die Hellen Flächen der Seen und Flüsse scheint, recht trügerisch. Denn ihre Wärme, die wir schon so verheißungsvoll und wohlig in uns hineintrinken, vermag die Tiefen des Wassers noch nicht zu durchdringen.

Aber diese Ueberlegung hat nichts mit dem zu tun, was in uns vorwärts drängt zu dem Augenblick hin, der, jedes Jahr wieder, neu und verschiedenartig durchlebt wird: das erste Hineinlaufen ins Wasser.

Bis zum Ufer rennen wir erwartungsvoll und mutig, aber nad) ein paar kleinen Schritten bleiben wir zögernd stehen. Es ist noch so ungewohnt, dieses Gefühl, daß wir wieder im Freien schwimmen kön­nen, daß das kalte Naß unsere Glieder zurückstößt und gleichzeitig umschmeichelt, daß wir hineinstürmen wollen und doch nicht können.

Bei dem Gedanken an'diesc kleine Feigheit, die uns immer wieder überfällt, schämen wir uns ein wenig.

Wenn aber der erste Schreck überwunden ist, dann werfen wir uns voll Freude und Bewegungssehn­sucht hinein in die Fluten, breiten die Arme aus und starten. Weit, weit hinaus wollen wir schwimmen, zappeln und tauchen, aus dem Rücken liegen und in den Himmel schauen. Es ist, als wollten wir die gan­zen langen Monate, die zwischen uns und diesem Wasser tm Freien liegen, abschütteln und umwan­deln in Kraft und schnelles Vorwärtsgleiten.

Aber ganz so, wie wir uns das vorgenommen haben, geht es doch nicht zu bei diesem ersten Bad. Denn das Ungewohnte beschwert uns und erweckt eine Müdigkeit, die die Glieder lähmt. Nach wenigen Minuten kehren wir sicherlich schon zurück und stellen kopfschüttelnd fest:Komisch, daß ich sooo schlapp geworden bin!"

Jedes Jahr ist es wieder so. Aber weil wir das vergessen wollen, schlucken wir die Erinnerung daran schnell herunter.

Ja, in zwei, drei Wochen ist es so weit. Hurra! Dann hat die Sonne dem Wasser einen hübschen Teil ihrer wärmenden Kraft geschenkt. Und wir rön­nen hineinstürmen. E. M.

Vornotizcn.

Tag e-s kniender für Dienstag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Teilnehmer antwortet nicht!".

** Dom Hessischen Roten Kreuz wird uns geschrieben: 3n der Presse und im Rund­funk wurde in diesen Tagen Mitteilung gemacht über eine Millionenstiftung der verstorbenen Lady S e a f o r t h an das Deutsche Rote Kreuz. Zu den hierüber bei uns einlaufenden Anfragen gestatten wir uns mitzuteilen, daß das Deutsche Rote Kreuz bisher keine offizielle Rachricht von der englischen Testamentsverwaltung erhalten hat. Rach inoffiziellen Mitteilungen handelt es sich um eine Stiftung an das Deutsche Rote Kreuz mit zweckbestimmter Verwendung, für deren Ver­waltung ein besonderes Kuratorium testamenta­risch vorgesehen ist. Die Regelung der formal» rechtlichen Fragen in England wird voraussicht­lich noch längere Zeit in Anspruch nehmen.

* BuraGleiberg im Frühlings - schmuck. Vom Gleiberg wird uns geschrieben: Unsere Burg, die Zierde des nördlichen Gieße­ner Lahnbeckens, zeigt sich nun wieder in ihrer vollen Schönheit, da ihr Turm und ihr alters­graues Gemäuer sich mit dem umgebenden Kranz grünender und blühender Obstbäume zu einem harmonisch schönen Bild verbindet. Der weite Blick über das im Frühlingsschmuck prangende Land lockt zahlreiche Ausflügler, Vereine und

Schulen zum Derweilen. Der rührige Gleibergver- ein. der sich die Instandhaltung Der Durg sehr angelegen sein läßt, scheut im Derein mit den, Durgwirt keine Mühen und Kosten, um jedermann den Aufenthalt auf diesem historischen Platz so an­genehm wie möglich zu machen.

* Heimatoereinigung Schiffenderg. In der Sitzung des Festausschusses für das Dolks- fest der Heimatvereinigung Schiffenberg, die am Samstagnachmittag auf dem Schiffenberg unter dem Dorfitz von Herrn W e i d i g . Gießen, ab­gehalten wurde, wurde zunächst die Frage der Finanzierung erledigt. Als gemeinsame Massen­chöre für die am Fest beteiligten Schüler wurden die beiden LiederDeutsche Worte hör' ich wieder" von Möhring und die alte Dolksweise3m schön­sten Wiesengrunde" bestimmt. Den Massenchor leitet Lehrer Marsteller (Watzenborn-Stein­berg). Das von Frau Pfarrer Steiner (Hausen) gedichtete und von Pfarrer Steiner vertonte Schis- fenbergliedDer Rotdorn blüht auf dem Schiffen­berg", soll von dem Frauenchor Hausen und dem Mädchenchor Klein-Linden gemeinsam gesungen werden. Zur Teilnahme an dem Fest, das am 18. 3uni gefeiert wird, haben sich etwa tausend Kinder der um den Schiffenberg gelegenen Ort­schaften gemeldet.

Dank des Staatspräsidenten an Grünberg.

-r Grünberg, 6. Mai. Aus die Mitteilung von Bürgermeister Dr. M i l d n e r an den Herrn Staatspräsidenten Dr. Werner über die Verleihung des C h r e n b ü r g e r r e ch t s ist folgendes Dankschreiben des Herrn Staatspräsidenten eingegangen:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister!

Ein Oberhessengruh aus der lieben, vertrauten Stadt Grünberg und eine ehrenvolle Ernennung dazu!

Rehmen Sie und 3hr vorehelicher Gemeinde­rat allerherzlichsten Dank dafür entgegen!

Stets werde ich mich gerne an die Stadt eines Weller und Theodor Koch, an so manche frohe und so manche Kämpferstunde auf durch die Geschichte geweihtem Boden erinnern.

Mit nochmaugem verbindlichstem Dank, mit Hitlergruß und Hessenheil

3hr

(gez.) Dr. Werner.

$eucr in Lumda.

Gestern, 20.44 Uhr, wurde die Kreismotorspritze für den Kreis Gießen nach Lumda alarmiert. Dort brannte die. Hofreite des Bürgermeisters Schultheiß. 35 Minuten nach der Alarmierung traf die Motorspritze an der Brandstelle ein, brauchte jedoch nicht mehr in Tätigkeit zu treten, da es dem kräftigen Eingreifen der Feuerwehren von Lumda, Beltershain, Atzenhain, Stangenrod und der Frei­willigen Feuerwehr von Grünberg mit der Motor­spritze inzwischen gelungen war, das Feuer zu lokali- fieren und das Wohnhaus sowie die Nachbargebäude vor dem Brande zu schützen. Eine Scheune und zwei Stallungen sind niedergebrannt. Das Vieh konnte noch rechtzeitig gerettet werden. Die aus­wärtigen Feuerivehren sowie die Kreismotorspritze wurden 22.30 Uhr durch den zur Zeit mit der Ge­schäftsführung beauftragten Stellvertreter des Kreis­feuerwehrinspektors, Oberfeuerwehrmann Som­me r l a d , von der Brandstelle entlassen. Die Brand­ursache ist noch unbekannt.

Der ckMai in Obecheffen.

Eindrucksvolle Kundgebungen zu Ehren der deutschen Arbeit.

Homberg.

Der Tag der nationalen Arbeit wurde durch das große Wecken eingeleitet. Die SA- holte die Arbeiter aus dein Steinbruch, Di» strikt Rothe Kuh, und in Rieder-Ofleiden aus den Betrieben ab. Dort richtete 3ngenieur Maier eine kernige Ansprache an die Arbeiter­schaft. Rach einem Umzug durchs Dorf sprach Pg. Geißer, Homberg, in beredten Worten über die Bedeutung des Tages- 3n Homberg versammelten sich die Schüler am Schulhause, wo unter dem Gesang des Deutschlandliede« die Fahne gehißt wurde. Der Schulleiter verlas denAusruf an das Deutsche Volk" Rach dem Gesang des Horst-Wesscl-Liedes hörten Lehrer und Schüler die Rundfunkübertragung. Rach- mittags fand beim Kriegerdenkmal ein Feld» gottesdienst statt. Pfarrer Praetorius ge­dachte mit eindringlichen Worten der Gefallenen und wies in seiner Predigt auf die Bedeutung des Tages hin. Rach dem Gottesdienste erfolgte die Aufstellung des großen Festzuges, in dem alle Berufsstände vertreten waren Auch aus­wärtige Arbeiter schlossen sich an. SA. und Reserve, die Frauenschaft, der BdM und die Hitlerjugend waren ebenfalls vertreten Auch unfetc Hornberger Soldaten (Arbeitslager) mar­schierten schneidig mit. Der stattliche Zug be­wegte sich unter den Klängen flott gespielter Märsche zum Marktplatz: dort fangen beide Ge­sangvereineWo gen Himmel Eichen ragen . Als Vertreter der Arbeiter ergriff Franz Strauch das Wort und verbreitete fich in treffenden Worten über den Tag der nationalen Arbeit. Anschließend hielt Pg- G ciße r eine Ansprache, die besonders den Arbeiter feine Der- bundenheit mit den übrigen Berufen klar er- kennen ließ. Der Gesang des Horst-Wessel-Liedes beendigte die eindrucksvolle Feier.

Ruppertsburg.

Der Tag der nationalen Arbeit nahm auch hier einen schönen Verlauf. An dem Festaot.es- dienste, in dem Pfarrer l). Fritsch über die Arbeit im Lichte des Wortes Gottes sprach, nahmen die Mitglieder der vaterländischen Verbände und Ver­eine mit ihren Fahnen geschlossen teil. Am Vor- abend zog man zum herrlich gelegenen Loh, wo em hoher Holzstoß aufgeschichtet war. Nach der Begrü­ßungsansprache des Ortsgruppenführers W. Lind hielt Lehrer B ö ch c r von Grünberg, ein Sohn unse­rer Gemeinde, die von tiefem vaterländischem Ernste getragene Feuerrede, die in einem Heil aus Deutsch­land schloß. Unter dem Gesang des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes loderten die Flammen mächtig empor. Zu rechtem Kameradschaftsgeiste er­mahnte in einer begeisterten Ansprache W. Port. Der Festtaa begann mit dem planmäßigen Hissen der Flaggen. Die Schulkinder und zahlreiche Erwachsene hörten die Rundfunkübertragung aus Berlin und

Darmstadt. Dann bewegte sich durch die geschmückten Ortsstraßen ein Festzug, wie ihn unser Dors noch nie sah. Drei Vorreitern folgten die Schulkinder, die Knaben säst alle in ihren braunen Uniformen. Die Musik stellte die Laubacher Kapelle. SA., SAR., SS., Stahlhelm, Frauenschaft und andere Frauen und Jungfrauen schritten im Zuge, ferner Beamte, Bau­ern, Handwerker, Arbeiter. Auch die Gänsehirtin mit ihrer Klapper fehlte nicht. Die Fahnen der Vereine wehten im Zuge. Besonderes Interesse erregten ver­schiedene Festwagen. Auf dem Kirchenplatz hielt Pfarrer D. Fritsch eine Ansprache über die Ar­beit der Kirche am Wiederaufbau. Da ber geräumige Saal des Gasthauses zum Bahnhof die Teilnehmer nicht faßte, mußte die Festrede auf dem freien Platz davor gehalten werden. Der Gesangverein er­öffnete die Feier mit einem Chor. Die Rede gipfelte in dem Satze:Deutsche aller Stände und Klassen, vereinigt euch und werdet ein Volk ernster Arbeit!" EinemSieg-Heil" auf unser geliebtes Vaterland folgte der Gesang des Deutschlandliedes.

Dodenhausen II.

Der Tag der nationalen Arbeit wurde in unserem Ort und den umliegenden Dörfern des Streitbachtales festlich begangen. Den Auftakt des Festaktes bildete die Feier der Schulen. Pg. Lehrer Kratz, Wohnield, wies in eindringlichen Worten auf die Bedeutung bet Maifeier hin. Hierauf würbe das Horft-Wessel-Lied gesungen. Anschließend for­mierte sich ein stattlicher Festzug, an dem sich alle Bevölkerungskreise beteiligten. Pg. Dr. Lorentz, Babenhausen, hielt eine beifällig aufgenommene Ansprache.

Hirzenhain.

Der Tag der nationalen Arbeit wurde in festlicher Weise begangen. Wohl kein Einwohner hatte es sich nehmen taffen, sein Hgus zu schmucken. Die Feier wurde eingeleitet durch einen Fackelzug am Vorabend. Die Teilnehmer zogen auf die Höhen des Hofgutes Luifenluft, wo ein Freudenfeuer ab­gebrannt wurde. Lehrer Wall hielt die Feuerrede. Der Festtag begann mit dem großen Wecken durch die Werkskapelle der Eisenwerke. Auf dem Werks­gelände versammelte sich die gefamfe Belegschaft, die Vereine mit Fahnen und die Bürger. Nach kurzen Begrüßungsworten wurde unter Glockengeläut die Hakenkreuzfahne auf den Buderusfchen Eisenwerken gefyjt Direktor Neuschäfer sprach über die Be­deutung des Tages. Dieser Rede schloß sich Bürger­meister V i l m e t c r an. Dann wurden die Kund­gebungen von Berlin durch Lautsprecher übertragen. Unter Absingen des Deutschlandliedes und des Horst- Weisel-Liedes fand die Feier mit einem Sieg-Heil aur den Reichspräsiendten, den Reichskanzler und die Regierung ihre Beendigung. Ein Umzug der gesam­ten werktätigen Bevölkerung schloß sich an.

Schadenbach.

Auch in unserem Ort wurde der Tag ber na­tionalen Arbeit feierlich begangen. Nach dem

Geläute wurden die Fahnen im Beisein der ®e* mcinbeoertreter, des Lehrers D ö 11 mit den Schul- lindern und zahlreichen Ortseinwohnern gehißt. Hierauf wurde das Horst-Wesiel Lied gelungen. Abends sand ein Festzug statt: Hitler- und Schul­jugend, Kriegeroerein. Burschen- und Mädchenschast und eine große Anzahl von Gemeindeangehörigen zogen unter Absingen von Liedern zum Schulhause, wo Lehrer Doll über den Sinn des Tages und das erwachende Deutschland sprach. Seine Rede schloß mit einem Sieg-Heil auf den Reichskanzler. Hierauf sang man das Horft-Wessel-Lied. Anschlie- ßend wurde durch Lautsprecher die Feier auf dem Tempelhofer Felde übertragen.

Hörnsheim.

Die Feier des Tages ber nationalen Arbeit wurde durch Glockengeläut eingeleitet. Dann versammelte sich der größte Teil der Ge­

meinde auf dem schön geschmückten Schulhoi, um die Reden von Dr. Göbbels und des Reichsprä­sidenten v. Hindenburg zu hören. Pjarrec Koch hielt am Gefallenendenkmal Gottesdienst ab, an welchen die Vereine mit ihren Fahnen unb ble ganze Gemeinde teilnahm. Abends wurde der Fest- zug auf dem Schulhofe aufgestellt, an welchem un­ter Vorantritt der Schulkinder, des Poiaunenchores ber SA. und der hiesigen Vereine mit ihren Fah­nen die getarnte Einwohnerschaft teilnahm. Bürger­meister Jung begrüßte in einer kurzen Ansprache die Versammlung. Lehrer Schuhmacher hielt eine mit großem Beifall aufgenommene Rede: er schloß mit der Aufforderung, |ebcr müsse für sein Teil mithelfen am nationalen Aufbau Deutschlands. Die Gemeinde hörte bann die Rede unseres Führers und Kanzlers Adolf Hitler, welche durch Lautspre- cher übertragen wurde.

Go macht man Zucker aus Hotz!

Chemische Hexerei in Mannheim und Tornesch.Am Anfang einer großen nationalen Industrie.

Von Egon Larsen.

Die 'Bauern in der Mannheimer Gegend werden 1 sich wundern, daß seit einigen Wochen mit Feuereifer im ganzen Revier Holz gefällt wird. Und sie werden ungläubig die Köpfe schütteln, wenn ihnen erzählt wird: aus diesem Holz wirb Zucker u n b S v r i t herg e ft eilt. . .

Moderne Zauberei anders kann man das Ver­fahren der Holzverzuckerung nicht nennen. Und die Hexenküche, in der sich das Wunder vollzieht, heißt Deutsche Bergin 21. G. für Holzhydrolose" in Mannheim-Rheinau. Es ist die Fabrik, die Dr. B c r- g i u 5 vor kurzem eingerichtet hat, um hier sein System ber Holzverzuckerung endlich aus sechzehn­jährigem Versuchsstabium in bie Großpraxis umzu- fetzen.

Also die erste derartige Fabrik? Nein schon (eit anberthalb Jahren wird in einem winzigen holstei­nischen Dörfchen aus Holz Sprit gemacht. In Tor­nesch bei Hamburg arbeitet man nach dem Verfahren des jungen Chemikers Dr. Heinrich S ch o 11 e r, der unabhönof,g von 'Sergius nach langjährigen Ver­suchen zu'fast dem gleichen Resultat gelangte.

Schon 1819 machte der französische Chemiker B r a c o n o t den ersten Versuch, aus Zellulose unter Einwirkung von Säuren Zucker herzustellen. Aber es gelang ihm nicht, in der Praxis auch nur die geringste Rentabilität zu erreichen.

Hundert Jahre lebten Braconots Experimente nur in den Chemiebüchern fort. Während des Kriegs, als alle Rohmaterialien knapp wurden, griffen die be­rühmten deutschen Chemiker Sergius und Wili­st ä 11 e r den Gedanken neu auf: Holz hatte Deutsch­land zur Genüge aber Zucker und die aus ihm herstellbaren Produkte fehlten.

Die Versuche gelangen, aber sie schienen immer noch z u unrentabel, um praktischen Nutzen zu versprechen. Deshalb ließ man sie nach Kriegsende fast völlig ruhen.

In der Inflationszeit aber saß der Münchner Stu­dent S ch o 11 e r betrübt in seiner Bude und lauschte auf das Knurren seines Magens. Sein Blick fiel auf Tisch und Stuhl, und er dachte:Könnte man doch all die Nährwerte, die in jedem Stück Holz stecken, in genießbare Form bringen!" Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Er beschäftigte sich mit den bisheri- gen Versuchen und entdeckte, warum die Methode, Holz unter Einwirkung von Säuren in Zucker zu verwandeln, nur bis zu 14 Prozent Ausbeute brachte und somit unwirtschaftlich blieb: weil man nämlich den aus der Zellulose, dem Hauptbestandteil des Holzes, entstehenden Zucker zu lange der zersetzenden Wirkung der Säure überließ, so daß sofort eine Rückbildung eintrat. Scholler wählte daher den ein­fachen Ausweg, während des Prozesses den ent­stehenden Zucker sofort mechanisch aus dem Bereich der Säure wegzuführen. Die jetzt erzielte Ausbeute war um ein vielfaches höher!

Ist aber Zucker ein so kostbarer Stoff, daß sich das Verfahren volkswirtschaftlich lohnt?

Zucker ist erst Ausgangs st off für viele wichtige Produkte, deren Herstellung bisher mit teueren Methoden und kostspieligerem Matekial vorgenommen wurde: reiner Sprit, Futterstoffe, ei­weißhaltige Nährmittel (in Verbindung mit Luft- fiickstoss), Hefe, Glyzerin und Nitroglyzerin, synthe­tischer Kautschuk die Reihe könnte beliebig ver­längert werden!

1927 brachte Scholler einen primitiven Apparat in die Spritbrennerei Tornesch. Und vor den Augen der erstaunten Chemiker verwandelte er 10 Gramm Sägespäne mehr faßte das Modell nicht in Zuckerlösung. Heute ragt ein 30 Nieter hoher Well blechturm in den Waterkanthimmel, und täglich wer­den darin 20 000 Kilo fast wertlosen Holzes Säge- späne, Sägemehl, Abfallholz in 5 0 0 0 Liter reinen Alkohol verwandelt!

Das Verfahren ist einfach. Im Wellblechturm han­gen drei riesige Flaschen aus Gußstahl, die (ogenann ten Perkolatoren. Sie werden gejpeift von meter dicken Röhren, die ihnen das Abfallholz zusühren In den Perkolatoren wird das Holz, das jn möglichst kleine Teilchen zerrieben wurde, mit Säure über gossen und am anderen Ende fließt die Zucker lösung aus . . . Sie wird in großen Klärbottichen gesammelt und später in Gärbottiche geleitet, wo sich auf der braunen Flüssigkeit ein schneeiger Zucker- schäum bildet. Diese Lösung vergärbaren Zuckers er­gibt nach längst erpropten und angewandten Metho­den reinen Alkohol.

20 000 Kilo Holzabfall.s ergeben am Ende eines 48 Stunden dauernden Prozesses 5000 Liter Sprit: der zurückbleibende Rest fester Bestandteile ist Li­gnin, das sofort wieder zum Verfeuern und damit zur Energiezufuhr der Anlage verwendet werden kann!

*

In Mannheim ist iie Methode der des Dr. Schol ler sehr ähnlich. Hier wird die Zuckerlösung eingc dampft und zerstäubt, um den letzten Rest der zur Zersetzung verwendeten Salzsäure zu entfernen. Nach einem Prozeß von 30 Stunden erscheint als Resultat Holzzucker als gelbliches Pulver. Durch ein bc sonderes Verfahren wird er in Traubenzucker verwandelt, der seinerseits wieder in eine fange Reihe wichtiger chemischer Produkte umzusetzen ist. Al? Nebenprodukt gewinnt Dr. 'B c r g i u s außer dem Lignin, bas sofort ohne Bindemittel in Briketts umgepreßt werden kann, die in der Industrie viel verwendete Essigsäure. Die Rentabilität beträgt 100 Prozent: aus 100 Kilo trockenem Holz werden 00 Kilo Zucker, 30 Kilo Lignin und 4 Kilo Essig­säure gewonnen!

Der Gedanke, das Holzoerzuckerungsversahren zu einer großen nationalen Industrie auszu­weiten, ist von Tornesch wie von Mannheim aus be­reits stark propagiert worden. Volkswirtschastler haben errechnet, daß hundert Halzverzuckerungs- fabrifen, auf das ganze Reich in verwiegend forst­wirtschaftlichen Gebieten errichtet, allein schon 150 000 Menschen Arbeit verschaffen könnten, ganz abgesehen von der außerordentlich belebenden Wirkung auf verwandte Industriezweige. Es wurde auch bereits davon gesprochen, daß es Sache der Reichssprit- Monopolverwaltung sein konnte, die Holzoerzucke­rung als Staatsindustrie größten Ausmaßes im Rahmen des Arbeitsbeschaffungs- Programms aufzuziehen, um Deutschland von der Einfuhr lebenswichtiger Stoffe, die nun billig aus Holz gewonnen werden können, zu befreien. Hier wäre vielleicht eine Möglichkeit vorhanden, die neue Wirtschaftspolitik des Reiches auf breitester Basis zum Wohle des Volksganzen Wirklichkeit werden zu lassen.

Buntes

Sport an Deck.

Wie berichtet wird, hat der englische Premier- Minister Ramsay Macdonald auf seiner Rück­reise aus den Vereinigten Staaten jeden Tag eine halbe Stunde hindurch Medizinball gespielt, ohne eine Pause zu machen. Das ift immerhin ein hübsches Zeichen für die körperliche Ver­fassung des Leiters der britischen Politik, dessen Gesundheit vor kurzem erst durch ein schweres Augenleiden gefährdet war. Rur jemand, der im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte und Ge­wandtheit ist, kann den großen schweren Leder­ball eine halbe Stunde lang richtig handhaben. Der Medizinball ist in neuester Zeit unter den Sportarten, die auf den großen Schissen gepflegt werden, sehr beliebt geworden. Daneben spielt man auch Handball. Der verbreitetste Sport an Deck aber ist dasDeck-Tennis", das mit der Hand und mit einem Gummiring gespielt wird. Es ist ein aufregender Sport, da der an Vord stets herrschende Wind die Richtung stark beeinflußt, in der der Gummiring fliegt, und daher mit in Rechnung gezogen werden muß. Die Meister des Deck-Tennis sind stets die Schiffsofsiziere, die genügend Zeit haben, sich darin zu üben. 3edenfalls ist bei gutem Wet­ter das geräumige Deck eines Schiffes der ideale Schauplatz für jeden Sport, und er wird daher von den Passagieren auch reichlich geübt. Das typische Sportprogramm, wie es an Vord der großen Lieberseedampfer vielfach durchgeführt wird, lautet etwa: Halb acht Hhr morgens Schwimmen in der Schiffsbadeanstalt, um 8 Hhr Hebungen imStadion", Rudern, Reiten, Boxen, Fechten usw. Hm 9.30 Hhr Rückkehr an Deck, von 11 bis 1 Hhr Medizinball, an den sich Deck-Tennis schließt. 2.30 bis 4 HhrPferde­rennen", wobei aber die Arbeit von der Schiffs­mannschaft geleistet wird, während die Passa­giere nur wetten. Don 5 bis 6 Decktennis, von 6 bis 6.30 Schwimmen. ?

Allerlei.

Angeln nach Sardinen-Büchsen.

Die Gemeinde Montmartre, das frühere Künst- lerquartier von Paris, das noch immer feinen Ruf als Heimstätte der echten gallischen Heiterkeit aufrecht erhält, hat jetzt eineGala-Woche" ver­anstaltet, bei der man neben allerlei wohltäti­gen (Sammlungen wieder einmal den Sinn für Humor beweisen wollte So veranstalteten u. a. die Bürger des Montmartre als Protest gegen den Schluß der Angel-Saison, den jeder Fran­zose als ein Attentat gegen fein Lieblingsver­gnügen empfindet, einen originellen Angel-Wett­bewerb. Da der Montmartre sich keiner Seen noch Teiche, keiner Flüsse noch Bache rühmen kann, wurde der Angel-Wettkampf in dem öffent­lichen Brunnen der Place Pigalle abgehalten. Angler, mit allen möglichen Angelgeräten und Retzen bewaffnet, erschienen an dem Bassin, und für die Besichtigung ihrer Taten wurde ein Eintrittsgeld erhoben. Als derBürgermeister" der Freien Gemeinde daraus aufmerksam gemacht wurde, daß es in dem Brunnenbecken an Fischen fehle. erklärte er würdig, dafür zu sorgen fei die Sache der Angler selbst, und tatsächlich wurde eine reiche Beute gemacht, die aus Sardinen­büchsen, aus Stücken getrockneten Schellsifchs, aus Zelluloid-Fischen und anderen Scherzartikeln bestand. Einer der Wettbewerber, derVater Chartier", der sich dadurch ausgezeichnet hat, daß er schon 80 Personen aus der Saine rettete, beklagte sich darüber, daß er mit feiner Angel gar nichts erbeute, worauf ihm ein Gendarm mitteilte, nach den Regeln des Wettkampfes dürfe jeder Fischer, der innerhalb fünf Stunden auf die gewöhnliche Weise nichts gefangen habe, nach einem Preis tauchen. Das lieh sich Vater Chartier nicht zweimal sagen, sondern sprang in das Bassin und brachte die schönste und größte Sardinenbüchse herauf, für die er den ersten Preis erhielt.