Oie stummen Gäste von Zweilin-en
Vornan von Anny von panhuys.
Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.
35 Fortletzung. Nachdruck verboten!
Man fuhr durch ein kleines Städtchen, und der Justizrat wies im Vorbeifahren auf ein altes, graues Haus: „Das ist das weit und breit bekannte Hotel „Eichkatz", in dem sich die Honorationen der ganzen Umgebung zu treffen pflegen. Hier kommen die Gutsbesitzer aus der näheren und weiteren Umgebung zusammen; es wird auch von Touristen sehr oft besucht. Küche und Keller sind ganz vorzüglich."
Der Pfarrer schmunzelte. „An die Empfehlung wollen wir gelegentlich denken, was, Muchacbas?" Catalina lächelte zustimmend, und Angela sann: vielleicht kam auch Konrad Zweilinden zuweilen hierher. Vielleicht war seine hohe Gestalt erst vor kurzem durch die niedrige Tür in das alte Haus getreten, durch diese Tür, über der auf einem gemalten Zweig ein gemaltes Eichkätzchen symbolisch auf den Namen des Hotels hindeutete.
Tannenwald zeigte sich, entsandte seinen starken, harzigen Dust, wechselte ab mit Buchenwald.
Der Justizrat zeigte voraus. „Dort biegen wir ob, dort, wo sich die zwei Chausseen treffen, nachher fahren wir geradewegs durch den Wald."
Der Pfarrer äußerte den Wunsch, ein Stück des Weges zu Fuß zu gehen. „Eine kurze Strecke nur", meinte er. „Die Luft hier reißt mich geradezu aus dem Auto."
Der gute Pfarrer strahlte. Sein Leben war von Jugend an in dem engbegrenzten Kreis seiner Pflichten gefangengehalten worden; nun aber war er plötzlich ein reicher und freier Mann. Es war jubelnde Freude in ihm, die Welt kennenzulernen, das Leben von einer ganz anderen Seite wie bisher betrachten zu dürfen. Alles freute und beglückte ihn. Und er hatte nun Lust, ein Weilchen zu marschieren, noch tiefer, 'nod) gründlicher zu spüren, wie herrlich so ein Sommermorgen in begnadeter Natur ist.
Man stieg aus. Catalina ging mit dem Justizrat voran, ihnen folgten der Pfarrer und Angela. Allmählich wurde die Entfernung zwischen beiden Paaren immer größer, denn das zweite Paar ging langsamer. In einiger Entfernung, dort, wo die Chausseen sich trafen, bog das Auto um die Ecke. Eben verschwand auch das erste Paar um die Biegung.
Angelas Augen wurden angezogen von einem Steinkreuz am Waldesrande. Auch der Pfarrer blickte dorthin. Es erregte fein Interesse. Er wandte sich an Angela.
„Es steht etwas darauf, bitte, lesen Sie es doch, und erklären Sie mir dann den Sinn dieser deutschen Worte."
Angela ging ein paar Schritte voran, und ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie las:
Hier starb von verruchter Mörderhand Konrad von Zweilinden. Wanderer, bete für seine Seele!
Schreck und Grauen schüttelten sie vom Kopf bis zu den Füßen, und Pfarrer Basella schaute erstaunt auf Angela, die ganz fahl im Gesicht aussah und so stark zitterte wie damals, als man ihren toten Vater aus dem Meere gezogen und sie zu dem Pfarrer gelaufen kam, ganz aufgelöst vor Verzweiflung. Er konnte ja kein Deutsch, und er begriff nicht, was Angela so aufregen konnte.
Er faßte sie am Arm: „Was ist Ihnen, Angela, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich doch."
Angela schaute ihn mit stumpfem, glanzlosem Blick an, als wüßte sie gar nicht, wer er wäre, und als hätte sie gar nicht verstanden, was er sie gefragt. Sie sah so herzzerreißend verstört und traurig aus, daß der Pfarrer tiefes Mitleid mit ihr empfand.
Er wiederholte: „Beruhigen Sie sich doch, Angela, und, bitte, sagen Sie mir, was Sie so heftig erregt hat. Es muß doch etwas auf dem Kreuze stehen, das die Schuld daran trägt, denn eben waren Sie doch noch ganz harmlos vergnügt."
Angelas Augen hafteten schon wieder an dem Kreuz, die Worte darauf drängten sich ihr wie scharfe Dolchstöße ins Herz.
Himmlischer Vater! Konnte es denn wahr sein, was sie hier las? War es denn möglich, daß er, an den sie immer wieder gedacht, nun tot war, daß er gemordet wurde von einem Elenden, daß fein sonniges Lächeln aus der Welt fortgeweht, wie etwas, das nicht mehr nötig g>ar? Aber wann starb der Geliebte, wann? Es war doch noch gar nicht lange her, seit er sie geküßt, der nun tot fein sollte. Nein, der tot war, beryi es stand ja sein Name auf dem Stein.
Ihr war jammervoll elend zumute, ihre Füße wollten sie nicht mehr tragen, und ihr Herz tat weh, so entsetzlich weh! Sie sann, was sie dem Pfarrer antwortön sollte. Er wußte ja nichts von ihrer kurzen Liebe, von ihrem kurzen, seligen Glück und ihren zerbrochenen Hoffnungen. Sie sagte leise und mit Anstrengung: „Ich erzähle Ihnen später alles, Sensor Cura, ich kann jetzt nicht davon sprechen." Ihre Stimme war am Erlöschen. „Hier an der Stelle wurde jemand ermordet, den ich zufällig kurz vor Ostern in Barcelona kennenlernte." Die Rührung übermannte sie fast.
Er sah sie betroffen an und begriff nicht recht, was Angela ihm sagte. Aber er lächelte gütig: „Wenn wir in Wiesental erst allein sind, sprechen Sie sich das Herz frei, liebes Kind. Sie leiden und brauchen Trost."
Angelos Blick war verstört und doch dankbar. Ihre Rechte strich leicht über die gräuen Steine; dann ging sie still neben dem Pfarrer her. Sie wäre am liebsten vor dem Kreuz niedergesunken und hätte ihren Tränen freien Lauf gelassen, aber sie durfte jetzt nicht nur an sich denken. Sie mußte Rücksicht auf die anderen nehmen.
Sie war abhängig, und wenn der Pfarrer und Catalina sie auch so gut behandelten, als ob sie verwandtschaftlich zu ihnen gehörte, wurde sie doch für ihre Gesellschaft bezahlt. Das durfte sie nicht vergessen und mußte heshalb ihr Leid und Weh tief in der Brust verbergen, bis sie allein war.
Catalina und der Justizrat warteten schon, und der Pfarrer rief ihnen entgegen: „Wir haben etwas vor dem Kreuz verweilt. Es hat natürlich eine Geschichte. Kennen Sie die Geschichte zufällig, Herr Justizrat?"
Der Justizrat beantwortete die Frage des Pfarrers sofort. „Freilich kenne ich die beschichte des Kreuzes, denn er, dem zum Gedenken es gesetzt wurde, war einer der bekanntesten und reichsten Grundbesitzer des ganzen Taunuskreises. Er wurde, als er mit" seinem Wagen in die Kreisstadt fuhr, an der Stelle, wo sich das Kreuz erhebt, erschossen."
Der Pfarrer beobachtete, wie sehr sich Angela bezwang, ruhig zu bleiben, er sagte hastig: „Wir wollen wieder einsteigen, der Senjorita ist nicht wohl, wir müssen uns beeilen, unter ein Dach zu kommen."
Angela schenkte dem Pfarrer einen dankbaren Blick, sie fühlte, sie war bald am Ende ihrer Kräfte. Während der Weiterfahrt saß sie sehr still da, und Catalina tröstete manchmal: „Wenn wir in unserem neuen Heim sind, müssen Sie sich sofort hinlegen und ausruhen. Ihnen steckt noch die Reise in den Gliedern."
Angela nickte wie eine Marionette, sie quälte sich sogar, ein dankbares, krampfhaftes Lächeln auf die Lippen: aber in ihrem armen Kopf hatte jetzt nur der eine Gedanke Raum: Konrad von Zweilinden war tot, die Kugel eines Mörders hatte seinem Leben ein Ende gemacht! Und sie hatte nichts davon geahnt, keine innere Stimme hatte ja, als sie letzthin mehr denn je an ihn gedacht, ihr zugerufen: Der Mann deiner Liebe weilt nicht mehr unter den Lebenden! '
Sie wankte, als sie aus dem Auto steigen wollte, und sie mußte, auf den Arm des Pfarrers gestützt, Schloß Wiesental betreten. Die Dienerschaft war gut geschult, und auf ein paar Worte des Justizrats öffnete sich sofort vor Angela ein Schlafzimmer, wo sie erschöpft in einen Sessel sank. Catalina war ihr behilflich, sich auf das bequeme breite Sofa zu betten, und die Haushälterin, eine vertrauenerweckende Vierzigerin, brachte ihr Limonade und andere Erfrischungen.
Angela bedankte sich, bat: „Ich möchte nur ein
Stündchen ruhen, dann wird mir schon wieder bestell werden."
Da ging Catalina zu den Herren zurück, und die Haushälterin entfernte sich auch, sagte noch: „Wenn das gnädige Fräulein etwas braucht, genügt ein Druck auf die Klingel an der Tür."
Kaum befand sich Angela allein, als sie den Riegel vorschob. Endlich durfte sie die mühsam beibehal- tene Maske fallenlassen und brauchte den Tränen nicht mehr zu wehren, die mit aller Macht hervorbrechen wollten. Oh, wie brannten ihre Augenlider von den heißen Tränen, die sie hatte zurückdrängen müssen! Sie hatte sich nicht e.inmal im Zimmer um- geschaut, sie wußte nur, sie war allein in diesem fremden Raume, und nur darauf kam es an.
Ein Würgen war in ihrer Kehle und löste sich in einem schluchzenden Laut. Sie preßte die Hönde gegen die Schläfen, hinter denen es klopfte, als wollte sie ein hartes Hammer von innen zertrümmern, und nun brachen die Tränen hervor unter den langen Wimpern, zogen wie kleine, heiße Flüsse über das Gesicht.
Sie hatte gewußt, daß sie niemals Konrad Zwei- lindens Frau werden konnte, aber sein Tod bedeutete doch eine furchtbare Ueberrafdjung für sie.
Sie rang die Hände in wilder Verzweiflung. Endlich konnte sie nicht mehr meinen.
Es klopfte. Angela schreckte hoch aus ihren quälenden Gedanken. Aber sie gab keine Antwort. Mochte man denken, sie wäre eingeschlafen.
Es klopfte zum zweiten und zum dritten Male. Sie schwieg beharrlich. Sie konnte sich jetzt vor niemand sehen lasten.
Eine gütige Stimme rief draußen: „Wenn Sie wach sind, Angela, öffnen Sie mir, ich bin es."
Sie erkannte des Pfarrers Stimme, nach kurzem Schwanken schloß sie die Tür auf. Er trat ein. Seine Augen tasteten ihr verstörtes, vom Weinen entstelltes Gesicht vorsichtig ab.
„Kind, liebes Kind, was ist Ihnen denn nur? Es muß sich um einen Irrtum von Ihnen handeln", begann er. „Sie sagten mir am Kreuze, Sie hätten ihn, der an der Stelle ermordet wurde, gekannt, aber das ist wirklich nicht gut tnöglich. Wir unterhielten uns eben beim Frühstück über die Geschichte des Kreuzes, der Justizrat und ich, und da erfuhr ich, der Mord ist zu einer Zeit geschehen, als Sie noch gar nicht auf Der Welt waren. Achtzehn Jahre sind Sie, und vor sechsundzwanzig Jahren wurde der Gutsherr von Zweilinden erschossen. Man sieht es ja auch dem Kreuze an, es muß schon manches Jahr am Waldesrande stehen."
Angela blickte den Sprechenden atemlos an, und sie preßte die Hände auf das Herz, das plötzlich so wild und ungebärdig klopfte.
„Wie? Vor sechsundzwanzig Jahren wurde er erschossen?" fragte sie. Ihre Stimme war heiser vor Aufregung.
(Fortsetzung folgt.)
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