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Roman von Margarete Anlelmann.
Copyright by Markin Feuchtwcrnger, Halle (Saale)
26 i^ortlefiung Nachdruck oerboten
Leu tobe rt Fischer, der einige Tage auf Gut Löwen zu Besuch weilte, war öfters herüberge- kommen und hatte die Anlagen genau begutachtet. Daraufhin hatte er sich bereit erklärt, eine größere Summe in das Werk zu stecken. Dadurch konnte man einige der Hauptgläubiger auszahlen und grobe Zinsschulden einsparen.
Die Stimmung in der Hmgegcnb des Schloß - gutes hatte sich völlig zugunsten August Richters geändert. Man wußte, daß er ganz anders war als seine Eltern, und daß man sich freuen durfte, wenn er das Gut wieder in die Höhe brachte.
Las Dorf Löbbau profitierte immer mehr von dem Bergwerk. Schon waren hier und da hübsche Arbeitcrhäuscr entstanden: kleine, freundliche Siedlungen, die beträchtlich vergrößert werden sollten.
Herr von Löwen hatte anläßlich der Verlobung seiner Tochter eine Summe für diese Siedlungsbauten gestiftet. Teutobert Fischer hatte sich auch nicht lumpen lassen, die reichen Bauern der Um- gegend taten es ihnen nach — und es herrschte eine emsige und ersprießliche Tätigkeit.
Zwischendurch fuhr August immer wieder einmal nach Berlin, um etwas über Magdalene zu hören. Er hatte einen geschickten Letektiv mit den Rachforschungen beauftragt, erkundigte sich auch immer wieder beim Polizeipräsidium, ob sie sich nicht inzwischen dort gemeldet hatte.
Es war, als ob sie vom Erdboden verschwunden war. August mußte immer wieder unverrichteter Sache nach Löbbau zurückkehren. Trotz alledem ließ er den Mut nicht sinken. Eine innere Gewißheit sagte ihm, daß er Magdalene finden, daß sie beide glücklich würden.
Theobald und Lucie verlebten inzwischen einen wunschlos glücklichen Brautstand.
Theobald war mit seinem Vater einig darüber, daß er noch einige Jahre in Löbbau blieb, um August zur Seite zu stehen und im Bergwerks- betriebe zu arbeiten. Teutobert Fischer fühlte sich frisch genug, seine Fabrik vorläufig noch allein zu führen — nun, da er wußte, daß sein Sohn sich auf dem rechten Wege befand.
Ostern sollte Theobalds und Sudes Hochzeit sein.
Magdalene Winter wohnte noch immer bei den Ealonnis in Genua.
Sie war zu müde, um sich zu irgendeinem Entschluß aufzuraffen. Hier hatte sie wenigstens ein
Zuhause: ein paar Menschen, die sich um sie kümmerten.
Sn Deutschland hatte sie niemanden. Mutter Hahn wollte sie nicht Wiedersehen: sie schämte sich vor ihr, wollte nicht mit ganz leeren Händen dorthin zurückkehren, von wo sie reich und jubelnd ausgezogen war.
Ein Stück nach dem anderen verschwand von den wenigen Habseligkeiten, die ihr geblieben waren. Die Ealonnis waren selbst arm, er ver- diente nur das nötigste: ihnen konnte sie nicht zur Last fallen.
Man bekam nicht viel für die Dchmucksachen: alle ihre kostbaren Kleider hatte sie verkauft: fünfhundert Lire hatte sie dafür bekommen, von einer Schauspielerin, die die eleganten Toiletten für ihre Salonrollen brauchen konnte.
Lange würde es nicht mehr dauern, dann stand Magdalene dem Richts gegenüber. Sie wußte nicht, was dann werden sollte.
Sie war glücklich, als Cesare Calonni eines Tages mit der Botschaft nach Hause kam, daß sie in seiner Fabrik eine Stelle als Arbeiterin bekommen konnte. Sie bekam zwar einen Hungerlohn, kaum zehn Mark in der Woche: aber — sie konnte wenigstens den Ealonnis ihren notdürftigen Hinterhalt vergüten, wenn sie auch die ganze Woche schwer dafür arbeiten mußte.
Magdalene war ein anderer Mensch geworden in diesen bitteren Wochen. Seelisch und körperlich. Körperlich fühlte sie sich gar nicht recht wohl. Die italienische Kost bekam ihr nicht sonderlich: es gab bei den Ealonnis hauptsächlich von den Teigwaren, die Cesare mit aus der Fabrik brachte, als Teil seines Gehalts. Wenig Gemüse und noch weniger Fleisch. llnt> alles • wurde mit diesem penetranten Oel zubereitet, das Magdalenes deutscher Magen so schlecht vertrug und das ihr jedes Gericht verleidete.
Sie ah ganz wenig und war merklich abge- magert Da sie auch auf ihre Frisur kein Gewicht mehr legen und ihren Körper nicht pflegen konnte, sah sie bald recht heruntergekommen aus.
Früher war sie hier und da einmal in den eleganten Straßen spazierengegangen. Seht hatte sie das ganz aufgegeben: sie wollte nichts mehr davon wissen — sie gehörte nicht mehr dazu, gehörte in das Armenviertel, war viel ärmer, als sie gewesen war, ehe sie das Große Los getoonnen hatte. Setzt blieb ihr nichts mehr übrig, als sich zu verkriechen und dahinzuvegetieren, solange sie es eben aushielt.
Shr körperliches Mißbehagen war indes leicht zu ertragen gegenüber den seelischen Qualen, die sie den ganzen Tag nicht losliehen und die sie des Rachts so stark überfielen, daß sie ftunben- lang nicht schlafen konnte.
Würde sie jemals August Richter Wiedersehen? Den Mann, den sie liebte und den sie zurück- gestoßen hatte? Ob er sie Wohl schon ganz vergessen hatte? Sie würde ihn nie, nie vergessen können, das wußte sie.
Shre Sehnsucht nach ihm verband sich mit der Sehnsucht nach Deutschland, nach der verlorenen Heimat.
Diese Sehnsucht verstärkte sich, je mehr es auf Weihnachten zuging. üni> bann, am Heiligabenb, lag sie in ihrem Bett unb weinte lautlos in sich hinein, die ganze Rächt.
Seit diesem Weihnachtsabend verging nicht eine einzige Rächt, in der Magdalene nicht viele Stunden lang geweint hätte. Lange hielt sie das nicht mehr aus, das stand fest. Dazu kam noch, daß sie unter dem Klima litt, das regnerisch und unerträglich lau war. Was hätte sie darum gegeben, einen einzigen richtigen Wintertag zu erleben, mit Frost und viel, viel SchneeI Sie hetzte diese ganze, üppige südllche Pracht: die Palmen und immergrünen Blätter, die hier zu sehen waren.
Sn diesen Tagen reifte ein Entschluß in ihr, den sie endlich ausführte. Sie schrieb an Teutobert Fischer.
«... nun wissen Sie, was mit mir geschehen ist. Und ich bitte Sie inständig: Helfen Sie mir. Sch halte es hier nicht mehr aus, verzehre mich in Sehnsucht nach Deutschland.
Sch habe leinen Pfennig Geld mehr, um nach Hause zu reifen. Wenn Sie mir das Reisegeld schicken würden: ich will es nicht geschenkt haben, ich würde es abarbeiten, in irgendeiner Stellung bei Sfjnen, auch wenn Sie keinen Schreibmaschinenposten mehr frei haben — ich will jede Arbeit verrichten, wenn ich nur in Deutschland sein kann, in der Heimat.
Sie sind der einzige Mensch in der Welt, der mir helfen kann. Zch klammere mich an Shre Güte, und ich will Shnen ewig danken, wenn Sie mich erlösen..
Magdalene lebte wie im Fieber, als sie den Brief abgeschickt hatte. Sie rechnete sich aus, wie lange der Brief dauern, wann sie Antwort bekommen konnte. Wenn es einigermaßen klappte, konnte zu Ostern die Antwort da sein.
Die Ofterfeiertage vergingen. Kein Brief kam. Es war, als ob sie gar nicht geschrieben hatte.
Magdalene war verzweifelt. Seht wußte sie keinen Ausweg mehr — jetzt blieb ihr nichts mehr als der Tod.
Shre Verstörtheit war so groß, daß sie den Ealonnis nicht mehr verborgen bleiben konnte. Edith Calonni zog Magdalene eines Tages an sich, fragte sie, was ihr fehle.
Magdalene konnte nicht mehr an sich halten: alles brach aus ihr heraus, was sie solange in
sich hatte verschließen müssen. Haltlos kam es von ihren Lippen:
„Halten Sie mich nicht für undankbar, Frau EdithI Aber ich ertrage es hier nicht mehr, ich gehe zugrunde vor Heimweh. Sch muß nach Deutschland, unb wenn ich dort verhungern unb sterben müßte. Das ist alles gleich, wenn ich nur zu Hause bin. Ach, wäre ich nie von dort weggegangen."
Schluchzend fiel sie in sich zusammen.
Darm erzählte sie Frau Calonni, daß sie an ihren früheren Chef geschrieben, aber keine Ant- toort bekommen hätte, unb baß sie jetzt nicht mehr wüßte, was sie anfangen sollte. Daß ihr kein anderer Ausweg mehr blieb, als zu sterben.
„Aber, aber, Magdalene, was reden Sie da für dumme Sachen I Sterben! Ein so junges Geschöpf! Das ist Sünde, so etwas zu sagen. Sie haben keinen Grund zur Verzweiflung, solange wir da sind. Sie werden sehen, wie alles gut werden wird für Sie — Sie müssen nur Geduld haben.
Und dieser Brief nach Deutschland? Wissen Sie denn, ob Shr Chef nicht vielleicht verreist ist, den Brief noch gar nicht bekommen hat? Wie kann man denn gleich die Flinte ins Korn werfen? Jetzt warten wir noch ein paar Tage, und wenn dann noch keine Antwort da ist, werden wir eben unser Heil noch einmal versuchen."
Schon am Rachmittag desselben Tages kam der Postbote und brachte einen eingeschriebenen Brief für Magdalene.
Magdalene sah sofort, daß er von Teutobert Fischer kam. Sie ging in ihr kleines Zimmerchen, und es dauerte eine Weile, ehe sie sich traute, den Bries zu öffnen. Was würde er ihr bringen: Kummer oder Erlösung?
Langsam las sie, was Teutobert Fischer ihr schrieb.
Er sagte ihr, daß sie wieder zu ihm zurück- kommen könne, um eine Stellung als Schreibmaschinenfräulein anzutreten. Dem Brief, der ziemlich kurz war, lagen zweihundert Mark bei.
Einen Augenblick stand Magdalene wie erstarrt da, dann rannte sie hinüber zu Edith Calonni: „Sch darf zurücllommen. Sch kann nach Deutschland. O Gott..
Dann schlang sie ihre Arme um Edith Ca- lonnis Hals.
„Rie werde ich vergessen, was Sie an mir getan haben. Ich werde es Shnen nicht vergelten können, denn ich bin arm unb werde mir immer mein bißchen Leben selbst zusammenverdienen müssen. Aber meine Liebe und meine Dankbarkeit, die werden nie geringer werden, ilnö der liebe Gott wird es Shnen lohnen, was Sie an einem unglücklichen Menschenkinde alles getan haben!" (Fortsetzung folgt.)
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