Nr. 7 Erstes Blatt
185. Zahrgang
Montag, y. Januar MZ
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General-Anzeiger für Oberhesfen
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Dr. Frredr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Crnst Dlumfchein und lür den Anzeigenteil i.D.TH.Kümmel sämtlich in Gienen.
Erinnerung an Coolidge
Der Präsident der autoritären Idee.
Don Dr Walther Schneider.
Mit wachsendem Alter der amerikanischen Demokratie, mit dem Beginn einer amerikanischen Kultur, die eine Differenzierung in Klassen voraussetzt, von denen eine Kultur schafft und trägt, hat auch diese Demokratie äußere Anzeichen im Sinne ver- stärkter autokrativer Elemente angenommen. Die Distanz zwischen Regierung und Re- gierten ist gewachsen. Die Abschaffung des obligatorischen „shake hands“ durch den Präsidenten kann man nur als symptomatisch ansehen. Wenn Hoover
diesmal über Neujahr in Urlaub bleiben konnte, so dankte er das zu einem Teil seinem Borgänger, der innerlich und äußerlich die autoritative Stellung des amerikanischen Präsidenten verstärkt hat.
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Als ich mich vor acht Jahren, kurz vor dem Ende seiner ersten Präsidentschaftsperiode, mit Calvin Coo 1 idge in seinem Arbeitszimmer längere Zeit unterhalten konnte, war ich von der äußeren Er- icheinung etwas überrascht. Die Retuschierkunst des Photographen hat so etwas wie einen Typus der amerikanischen Präsidentenerscheinung geschaffen, das Bild des strahlend liebenswürdigen, eleganten Neuengländers in der Vollkraft der Jahre. Coolidge sah schon damals nicht so aus wie die meisten seiner Bilder. Unter dem flachen blonden Scheitel und der hohen Stirn ein paar ernste, nach innen gewandte Augen. Um die scharfe Linie der Nase und um den Mund führten strenge Furchen zu dem schmalen Kinn. Mit etwas eckigen Bewegungen erhebt er sich von dem großen Schreibtisch in der Mitte des einfachen runden Zimmers, um das seitlich herum einfache Lederbänke führen. Wie er dann in der saloppen Eleganz des blauen Ar- beitsanzuges, halb auf dem Schreibtisch neben dem großen Stern- und Streifenbanner mit dem goldenen Adler sitzend, mit gesenktem Blick und einwärts gewandten Augen mehr vor sich hin und in sich hinein als zum Gegenüber sprach, wirkte er mir wie eine Mischung von puritanischem Prediger und spanischem Jesuiten. Wie ein Puritanerprediger erschien er mir auch in Erscheinung, Sprache und Gebärde, als er sich am Gedächtnistage für die Gefallenen am „Arlington Memorial" gegen den Pepperschen Plan des Weltgerichtshofs für wirkliche Uebernafjme von Pflichten an der Menschheit, an der Zivilisation einsetzte. * *
Coolidge mar ein streng konservativer Mann, der in seinen Entscheidungen sich stark vom Religiösen bestimmen ließ. Obgleich die amerikanische Verfassung die präsidiale Idee in der Demokratie stärker als bei uns verwirklicht hat, drängte chn doch seine konservative Grundeinstellung, d i e autoritären Elemente in der Stellung des Präsidenten weiter zu kräftigen. Nachdem ich vorher feierlich hatte versprechen müssen, die Unterhaltung mit dem Präsidenten, die ich einer sehr fteundlichen Empfehlung des Botschafters Houghton dankte, nicht zu einem förmlichen Interview zu gestalten, war mir gegenüber Coolidge durchaus nicht der „Cautious Cal", der vorsichtige Calvin, als den man ihn in den politischen Zirkeln von Washington bezeichnete. Er sprach sehr offen über seine Auffassung zu amerikanischen Verfassungsfragen. Es war bezeichnend für den Mann, daß er d e n Kampf gegen bie Parteimafchine gerade in der Zeit mit besonderer Energie führte, wo die republikanische Konvention in Cleveland bevorstand, die über, seine neue Kandidatur zu bestimmen hatte. Coolidge machte kein Hehl daraus, daß er die amerikanische Verfassung für revisionsbedürftig halte. Seine politische Aktivität in jenen Monaten war ein hartnäckiger und zäher Kampf gegen die Auswüchse, gegen die Gefahren und gegen die Machtansprüche der Parteimaschine.
Der Kongreß hatte der Bonus -Billfur die Veteranen zum Siege verhalfen und damit das Prinzip aufgestellt, daß der Patriotismus im Kriege erkauft und bezahlt werden dürfe. Er hatte die Beamtengehalter erhöht un8 auf der anderen Seite die von Coolidge vor- gefchlagene Steuerreform, die den finanziellen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten des Landes Rechnung trug, grausam verstümmelt, in demagogischer Weife Ausgaben bewilligt, ohne für Deckungzu sorgen. Das Motiv war angesichts der Wahlen das Buhlen um die Gunst der Wähler, wobei die Demokraten Arm in Arm mit der regiere nben Partei marschierten. Coolidge schaute nicht
Oie innerpoliiischen Fronten.
OieNSOAP und Schleicher
„Bon einer Tolerierung keine Rede."
Berlin, 8. Jan. (CNB.) Im „Völkischen Beobachter" polemisiert Dr. Göbbels gegen die Pläne des Reichskanzlers hinsichtlich der Arbeitsbeschaffung und der Maßnahmen für die Landwirtschaft und geht dann auf die Kölner Unterredung ein, die niemand etwas angel) e. Solange man selbst hinter den Kulissen stehe und die Puppen tanzen lasse, sei das sehr bequem. Werde man aber in das stechende Licht der Lampen hineingerückt, dann mache ein jedes Geräusch hinter den Kulissen nervös. „Von einer Tolerierung des Kabinetts Schleicher", so sagt Göbbels, „kann selbstverständlich gar keine Rede fein. Wann wir es zum Sturz bringen? Wir suchen uns dafür den g ü n ft i g ft e n Augenblick aus. Erst gilt es, das Volk aufzuklären, denn im Volk wird ja am Ende die Entscheidung fallen. Wir haben kein Interesse daran, Herrn von Schleicher aus der Klemme, in der er sitzt, herauszuholen."
Wo stehen dieDeufschnattonalen?
Kiel, 8. San. (END.) Auf einer Landes- tagung der schleswig-holsteinischen Deutschnationalen erstattete der Vorsitzende der deutschnationalen Reichstagsfraktion Dr. Oberfohren ein ausführliches Referat über die politische Lage. Die Besprechungen zwischen Hitler und dem früheren Reichskanzler v. P a p e n in Köln seien nach seiner Ansicht trotz aller Demetttis gegen Schleicher gerichtet gewesen. Bei der früheren Gegnerschaft zwischen beiden sei im übrigen die jetzige Zusammenkunft weder für Hitler, noch für v. Papen besonders ehrenvoll. Die Haltung der Deutschnationalen zur Reichsregierung müsse, so meinte der Vortragende, immer negativer werden. Den Dutterbei-« mischungszwang lehnte Dr. Oberfohren als eine der Landwirtschaft schädliche Maßnahme ab. Er sollle durch einen Verwendungszwang für inländische Fette an Stelle desWal- fischtranS erseht werden. Der Redner kritisierte auch das Arbeitsbeschaffungs-Programm, das unerfüllbare Hoffnungen erwecke. Weiter wandte sich Dr. Oberfohren gegen die Bestrebungen, die RSDAP. in die Regierung einzugliedern. Grundsätzlich sei zwar eine Regierungsbeteiligung der Rationalsozialisten nicht ab- zulehnen, doch sei im gegenwärtigen Augenblick die Partei nicht dazu geeignet. Wohl aber müsse man sie dazu zwingen, sichrnitderPrä- sidialgewalt auszugleichen.
Borstandsiagung der Staatspartei.
Berlin, 8. San. (ERD.) Eine Tagung des Gesamtvorstandes der Deutschen Staatspartei vereinigte am Sonntag die Wahlkreisvertreter aus ganz Deutschland. Cs wurde einmütig die verstärkte Fortführung der Arbeit für die Partei, auch in kommenden Wahlkämpfen, verkündet. Der württembergische Wirtschaftsminister Dr. Maier betonte unter Hinweis auf das Beispiel Württembergs, wo die Staatspartei dem Ansturm des Radikalismus standgehalten habe, die Rotwendigkeit der Reorganisatton durch Erneuerung der o r g a nis a t o r i sche n u n d p r o g r a m- matischen Stellung der Staatspar- t e i. Bis zu einem Par^itag, über dessen Termin erst nach der Entscheidung über das Schicksal des Reichstags Beschluß gefaßt werden kann, wird die Partei von einem Direktorium geführt, dem Reichsfinanzminister a. D. Dietrich, Bürgermeister Petersen (Hamburg) und Wirtschaf tsminifter M a ie r (Stuttgart) angehören. Rach eingehender Diskussion wurde eine Entschließung angenommen, in der es u. a. heißt: Eine Zeit beispielloser materieller und seelischer Rot hat Millionen von Volksgenossen Projektemachäm und hemmungslosen Agitatoren zuge-
auf die Wahlen, sondern auf die Interessen des Landes. Er legte fein Veto ein, und als der Kongreß die Bonus-Bill mit Zweidrittelmehrheit noch einmal bddjlofj, legte er fein Veto gegen die Erhöhung der Bearntengehäller so geschickt vor der Vertagung des Kongresses ein, daß diese Angelegenheit erst vorn nächsten Kongreß erledigt werden konnte. Die verschlechterte Steuerbill nahm er mit einer Begründung hin, die ein Veto hätte einleiten können und im Grunde eine Anklage gegen die zum Parlamentarismus strebenden Parteien war.
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Das amerikanische Volk hatte damals das richtige Empfinden dafür, daß das Parlament demagogischen Rücksichten unterworfen war, daß dagegen die charaktervolle Einzelperfon 1 i ch - feit des Staatsmannes, der gerade vor den Wahlen den Mut zu unpopulären Maßnahmen aufbrachte, stärkere Gewähr für sachliche Regierung darstelle. Die Wähler sahen, wie Coolidge in die Korruption hineingriff, gleichgültig ob in der Ooel-Jnvestigation und in der Daugherty- Untersuchung eigene Parteimitglieder komprom- miüiert wurden. Sie erlebten, wie Coolidge gegen die Tendenzen des auswärtigen Ausschusses des Senats, der Regierung die auswärtige Führung zu entreißen, in der Frage des Weltgerichtshofes und der Einwanderungsfrage zäh um die Autorität der Regierung gegenüber Bestrebungen des
trieben. Die Entwicklung der letzten Wochen und Monate zeigt, daß das Bürgertum erwacht aus dem Traum, in den hohle Schlagworte und leere Versprechungen es versetzt hatten. Die Stunde für die Anhänger demokratischer staatsbürgerlicher Gesinnung wird kommen. Die Deutsche Staatspartei ruft darum zu unverdrossener Arbeit auf, bei der es über die Erhaltung der Organisation hinausgeht, um den engen Zusammenschluß des freiheitlich-nationalen Bürgertums im Kampf um den freien deutschen Staat.
Oie Volkspariei stützt weiter das Kabinett.
Berlin, 7. Jan. (TN.) Die nationaüberale Kor- respondenz, der Pressedienst der DVP-, erklärt: Verschiedene Blätter ergehen sich in Betrachtungen darüber, ob die DVP. der angeblich neuen! stehenden Harzburger Front zugezählt werden könnte, die in eine Opposition gegen das Kabinett Schleicher treten soll. Demgegenüber ist festzustellen, daß die DVP. die jetzige Regierung weiter unterstützen wird, ihre Stellung im einzelnen aber von den jeweiligen Maßnahmen abhängig macht. Es ist bekannt, daß die DVP. nach wie vor die Zusammenfassung aller nationalen Kräfte für die Durchsetzung staatspolitischer Ziele und Aufgaben erstrebt. Well sie überzeugt ist, daß die gegenwärtige Reichsregierung dasselbe Ziel verfolgt, liegt keine Veranlassung vor, sich wegen dieser Frage in eine Opposition gegen den Reichskanzler zu begeben.
Erwartunoen der Landwirtschaft.
Die Handelsverträge der Prüfstein für Schleicher.
F r a n t f u r t a. b. £)., 7. Jan. (CNB.) Auf einer Kundgebung der Kreislandbünde der Neumark sprach der Präsident des Reichslandbundes, Graf Kalckreuth. Wenn es nicht gelingen sollte, im Laufe dieses Jahres die Landwirtschaft wieder rentabel zu gestalten, so stehe die Ernährungsbasis unseres Volkes vor einer unabsehbaren Katastrophe. Die Landwirtschaft habe acht Jahre lang von der Substanz gelebt. Sie sei jetzt am Ende auch der Selbfterhaltungsmöglichkeit. Nach seiner Meinung könnten selbst bei einer restlosen Aufteilung des Großgrundbesitzes im deutschen Osten höchstens 300 0 00 Sie öl er ft eilen für etwa 1 000000 Menschen geschaffen werden. Die Siedlung sei als ein Verbrechen zu bezeichnen, solange nicht die Rentabilität der Siedlerstellen gesichert sei. In der Frage des Butter-Beimischungszwanges müsse schleunigst etwas geschehen, wenn nicht die ganze Veredelungswirtschaft zugrunde gerichtet werden solle. Die Einstellung des Landbundes zum Kabinett Schleicher werde sich mit der Entscheidung über die Handelsve rträge mit Holland, Schweden, Frankreich und Südslawien ergeben. Wenn es gelingen füllte, die landwirtschaftlichen Interessen, die Freiherr v. Braun im Kabinett vertritt, gegenüber dem Reichswirtschaftsminister Warm- bald durchzusetzen, werde auch die Landwirtschaft zu hoffen beginnen.
Weitere Besprechungen papens.
Düsseldorf. 7.Ian. (TU.) Der frühere Reichskanzler von Papen hatte in Düsseldorf eine längere politische Aussprache mit dem Vorsitzenden der westdeutschen Laudeskatholikenausschüsse der DRVp. Dr. G l a s e b e ck (Krefeld). Die Besprechung hat sich, wie man hört, vorwiegend mit der Frage der Eingliederung de» katholischen konservativen Volksteils in die zu bildende große nationale Einheitsfront, im Sinne der bekannten Sammelbestrebungen der DRVP. befaßt.
Reichskanzler a. D. von Papen war am Sams
tag in Dortmund. Am Bahnhof sei er, so berichtet der „Dortmunder Generalanzeiger", von Dr. Spriugorum empfangen worden, in dessen Begleitung er sich in die Wohnung des Generaldirektors v o e g l e r begeben habe. Dort habe zwischen Papen und den beiden Industriellen eine Aussprache über die allgemeine Wirtschaftslage und die inner- politische Situation slattgefunden. Papen habe über die Kölner Unterredung mit Hitler referiert. Am Schluß sei Papen gebeten worden, die wünsche der deutschen Industrie bei seiner Berichterstattung dem Reichskanzler vorzutragen.
Gespannte Lage in Spanien.
Neuer Umsturzversuch in Barcelona.
Syndikalistische Bombenanschläge auf öffentliche Gebäude.
Madrid, 9.Ian. (WTV. Funkspruch.) Rach Meldungen aus Barcelona haben in den späten Abendstunden des Sonntags Syndikalisten, vereint mit den Kommunisten, einen neuerlichen Umsturzversuch unternommen. Die Berichte über die Aufsiandsbewegung sind verworren, lassen aber erkennen, daß gestern abend und im verlaufe der Rächt fast an allen Stellen der Stadt und auch im Weichbilde Vombenattentate begangen worden sind. Ueberall kam es zu Schießereien mit Polizei st reitkräften, wobei insgesamt sechs Personen getötet worden sind. Die Extremisten haben versucht, sich unter anderem
des Zentralbahnhofes zu bemächtigen. Sie gingen mit Bomben und Revolvern vor, wurden aber von der Schuhwache zurückgefchiagen. hierauf griffen die Aufständischen eine Artilleriekaserne an; es gelang ihnen nicht, sie zu nehmen, ebenso wenig konnten sie ihren Plan durchführen, das Polizeipräsidium in die Lust zu sprengen. Auch ein A n sch l a g gegen den Iusti;palast war geplant. 3n seinem Innern wurden zwei Personen festgenommen, die Bomben mit sich führten. Zahlreiche Personen sind verletzt worden. Ls wurden viele Verhaftungen vorgenommen. Mehrere verhaftete Extremisten führten beträchtliche Geldsummen bei sich, so daß die Behörden annehmen, die extremistische Bewegung sei von monarchistischen Elementen unterstützt worden. In Madrid sind starke Sicherungsmaßnahmen getroffen worden, weil man den Ausbruch von Unruhen erwartet.
persönlichen Ehrgeizes, gegen Trübungen der sachlichen Entscheidung durch persönlichen Neid oder Haß ankämpfte. So wurde gerade der Staatsmann, der vor den Wahlen neue Steuern forderte und sich gegen die Erhöhung von Beamtengehältern wandte, der Vertrauensmann der Massen, der erklärte Liebling des Volkes. Seine Partei mußte ihn wohl oder übel wenige Wochen später noch einmal nominieren und es ihm überlassen, eine persönliche „Plattform" für die Wahlen zu finden, nachdem die Partei sich jede „Plattform" verdorben hatte, Coolidge wäre auch 1928 noch einmal mit großer Mehrheit gewählt worden, wenn er der Tradition zu trotzen gewagt hätte. Die Trauer des amerikanischen Volkes um den verstorbenen Staatsmann ist zweifellos echt. An feiner Haltung könnten sich deutsche Staatsmänner gerade in einer Zeit, wo um die Idee der autoritären Staatsführung und gegen den Machtanspruch des allen Parteienstaates gekämpft wird, ein leuchtendes Beispiel nehmen. Siegreich ist immer der, der nicht ängstlich sich populären Forderungen unterwirft, sondern der die Massen mit der festen Ueberzeugung zu durchdringen vermag, daß er ein ganz unbestechlicher Charak- t e r ist, der über allen Einzelwünschen und über allen persönlichen Rücksichten stets nur das Wohl der Allgemeinheit im Auge hat.
Auch Deutschland darf dem einstigen Präsidenten der Vereinigten Staaten ehrlich nachtrauern. In der Außenpolitik zeigte er zwar eine Einstellung, die im religiösen Ausgangspunkt, im „menschheitsbeglückenden" Ziel der Wilfonfchen Auffassung ähnlich war. Was ihn aber von diesem so wesentlich unterschied, war, daß er auf dem Boden der Tatsachen stand, daß er Realpolitik trieb, und daß er vor allem nicht der heuchlerische Schwächling war, der das Grundgefühl religiöser Verantwortlichkeit mit billigen Scheinargumenten gerne selbst betrog. Als ich damals von ihm schied, sagte er mir zum Abschied: „Nehmen Sie meinen Wunsch mit, daß Ihr Land bald wieder hergestellt werde und in die Lage kommen möge, sich in den Dienst der Zivilisation der Menschheit zu stellen!" Daß er es ernst mit dem Frieden meinte, gab er schon darin zu erkennen, daß er allen Siegesfeiern und allen Demonstrationen der alliierten Waffenbrüderschaft demonstrativ fern blieb. Mit der deutschen Botschaft arbeitete er unter Wiedtfeld und Malzahn so persönlich verttauensvoll zusammen, daß andere Mitglieder des diplomatischen Korps sich deswegen manchmal verletzt gefühlt haben. So können wir an der Trauer des amerikanischen Volkes über den Verlust eines Staatsmannes über dem Durchschnitt ganz ehrlich teilnehmen.


