Das
ift
unter
der Magussi Weiser
Vornan von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch C. Ackermann, Stuttgart.
31. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Mit seinem spitzbübischen Lächeln, von einer Dame zur andern blickend, stand Kurt von Langen auf der Schwelle — „nun, habe ich es recht gemacht?"
Magussi ging auf ihn zu, und ehe er es sich versah, hatte sie ihm einen Kuß auf die rechte Wange gegeben.
„Das war ich Ihnen schuldig, Baron, für das große Geschenk, das Sie mir mitgebracht haben."
Ganz seltsam durchzuckte es ihn bei der Berührung ihrer weichen, kühlen Lippen. Er schloß eine Sekunde die Augen. Um die ihm unbequeme Rührung abzuwehren, deutete er auf seine linke Wange, — „dafür versuche ich, Ihnen auch noch den Vater zu bringen! Eine schwere Arbeit wird es noch werden: dennoch hoffe ich, daß es mir gelingen wird! Um solchen Lohn!"
Arn nächsten Abend hörte die Kornrnerzienrätin die Tochter als Elisabeth in „Tannhäuser". Nie wohl hatte Magussi diese Partie so ergreifend gesungen, da sie noch ganz von ihrem geheimen Schmerz erfüllt war — .Heinrich, was tatet Ihr mir an —' von verhaltenen Tränen zitterte ihre wundervolle Stimme, — jeder Ton war beseelt und lebendig. Das Publikum stand im Banne eines ganz großen Erlebens, dankte mit stürmischem Beifall und wollte seinen Liebling immer wieder sehen.
Magussis Mutter war überwältigt; in ihrer Erregung faßte sie nach der Hand Kurt von Langens, der neben ihr saß.
„Wenn mein Mann heute Magussi gehört hätte, würde er ihr sicher verzeihen!" sagte sie leise, „ich habe es längst getan!"
Schweigend, selbst tief ergriffen, nickte er.
Am anderen Morgen reifte er weiter; er wollte Mutter und Tochter nicht stören, so gern er auch in Magussis Gesellschaft geblieben wäre. Von neuem hatte sie ihn ganz bezaubert; ach, wer war es nicht in der Nähe dieser wundervollen Frau!
Glückliche Tage verlebten Mutter und Tochter zusammen, bis für Frau Bunte die Abschiedsstunde schlug. Jedoch die Trennung währte diesmal nicht lange; im Juli würde man sich wiedersehen, in der Zeit der Theaterferien, die die beiden Damen am Chiemsee verbringen wollten. Sie freuten sich schon jetzt unbeschreiblich auf das lange Beieinandersein. Ein Geheimnis vor dem Gatten sollte es nicht fein; wollte er sich noch länger des Glückes berauben, eine solche Tochter zu besitzen, so war
es seine Schuld; sie ließ sich ihr Mutterrecht nicht mehr verkürzen!
Nun war die Versöhnung mit der Mutter da; wie froh sich Magussi fühlte! Tiefe Dankbarkeit gegen Kurt von Langen erfüllte sie, der das Wiedersehen zustande gebracht!
Nur Eduard! Wie das weh tat! Ehrlich gestand sie es sich ein: Eifersucht war es, Eifersucht auf die andere, was ihr Herz bis zum Rand füllte! Gehörte er ihr nicht mehr, so sollte aber auch keine andere ein Recht an ihm haben. Was war das Frauenherz doch für ein wunderlich Ding! —
Seit langen Jahren hatte Kommerzienrat Bunte und feine Frau zum ersten Male den Sommerurlaub getrennt verbracht. Es zog die Mutter so gewaltig zur Tochter, daß der Gatte diesmal zurückstehen mußte, und trotz seines sichtlichen Grolles hatte sie nicht nachgegeben.
„Wenn du Magussi nur einmal in den Festspielen hören wolltest —"
„Ich habe kein Verlangen! Du kennst mein geringes Interesse für Theaterprinzessinnen!" hatte er kalt entgegnet, „wenn du die Rücksicht auf deinen Mann vergißt, so ist das sehr bedauerlich; doch ich muß mich dreinfinden!" —
Die Festspiele waren zu Ende; neue Triumphe und Ehren hatten sie Magussi gebracht, und die Mutter, die keine Vorstellung versäumt, in der die Tochter beschäftigt war, war darüber stolzer und beglückter als die junge Künstlerin, für die das alles Selbstverständlichkeiten waren, wenngleich sie in ihrer Gewissenhaftigkeit in ihrem Studium nicht nachließ und immer weiter an sich arbeitete.
Nun herbstelte es wieder. Gelbe Ränder zeigten schon die Blätter der Bäume. Wenn auch noch Sommersonne schien, die wohlig Wärme spendete, so ging bereits eine Ahnung vom Sterben durch das Land, als Frau Bunte sich endlich zum Abschied von der Tochter entschloß. —
„Ich hoffe zu Weihnachten auf ein Wiedersehen!" *
Bruno Hollings Oper war auch vom Nationaltheater zur Aufführung erworben worden.
Magussi empfand darüber mehr Schreck als Freude; denn sie konnte sich ungefähr denken, was nun kommen würde!
Ihre Befürchtungen waren nicht ohne Grund — Bruno Holling tauchte wieder in ihrer Nähe auf!
Natürlich war ihr die ,Hero' zugeteilt, und die Zeitungen brachten ausführliche Berichte über das romantische Erstauftreten Magussi Waldhofs in dieser Rolle! Der Komponist traf zu den letzten Proben ein; die Erstaufführung des Werkes sollte unter seiner Leitung stattfinden.
Sie bemühte sich zu einem unbefangenen, kameradschaftlichen Ton gegen ihn; alles sollte vergessen sein, doch schwer war es für sie angesichts dieser bettelnden Augen, die unablässig auf ihr ruh
ten und jeder ihrer Bewegungen folgten! Sie dachte an seine Worte: „Ich hole dich mir!"
Glaubte er, daß es jetzt so weit war?
Bisher hatte er ihre Wohnung noch nicht betreten, zu ihrer geheimen Erleichterung. Doch wenige Tage vor der Aufführung ließ er sich melden. Abweifen konnte sie ihn nicht gut. Hoffentlich würde er oernüftig sein! Er brachte ihr zwei Liederkompositionen zur Durchsicht. „Ihnen gewidmet, gnädige Frau."
Voller Interesse blätterte sie die Hefte durch, summte einige Stellen, nickte beifällig. „Schön! An meinem Liederabend in zwei Wochen werde ich die Lieder fingen!" sagte sie lebhaft. „Ich freue mich darauf. Sie werden die Begleitung übernehmen und mir bei der Zusammenstellung des Programms helfen!"
Er küßte ihr die Hand, — „ich danke Ihnen!"
Er ließ die Hand nicht los; fest hiell er sie, ihr dabei tief in die Augen sehend.
„Frau Magussi, wenn Sie nicht die Herzensgüte und die Natürlichkeit selbst wären — man könnte Sie für die kälteste, berechnendste Frau halten, weil Sie mich so quälen! Ich bin wie von Sinnen, seit ich Sie wiedergesehen! Mein Traum muß doch noch Wirklichkeit werden! Sie meine Muse, auch mein Weib! Meine neue Oper schreibe ich wieder für Sie! es wird eine Märchenoper, weil Sie so hold und unwirklich wie ein Märchen sind!" —
Immer das alte Lied!
Einen Augenblick flog es ihr durch den Sinn: erhöre ihn! Er ist der Mann, mit dem du künstlerisch arbeiten kannst! Eure Ehe würde mit Erfolgen gesegnet fein! Dann wirst du auch Ruhe haben vor den Gedanken an den andern! Dann mußte Eduard auch ganz aus ihrem Leben ausgeschaltet sein! Aber wenn sie Bruno Halling ansah, tauchte das ernste, schlichte, charakteristisch" Antlitz des früheren Gatten daneben auf, Sehnsucht erweckend.
Nein, es war unmöglich! Ohne Liebe konnte sie sich nicht verschenken, und wäre es der Höchstgeborene, der ihr seine Hand anbot!
„Meine Antwort ist dieselbe wie vor Jahren; ich denke an keine zweite Heirat, weil meine Liebe immer noch meinem Manne gehört! Wenn wir Freunde bleiben wollen, Bruno Halling, bitte, nie wieder etwas davon! Oder wollen Sie mich als Freundin verlieren? Es würde mir weh tun, denn Sie sind mir sehr lieb." Leise legte sie die Hand auf seinen Arm, und ihre Augen suchten die seinen, die er traurig abgewendet hatte.
»Es ist so schwer, was Sie verlangen!" stammelte er endlich.
„Aber doch nicht unmöglich!" Sie lächelte ihr Lächeln, das alle bezauberte. „Wenn ich nun bitte? Hier meine Hand, schlagen Sie ein! Aus gute, ehrliche Freundschaft, die mich sehr glücklich machen wird!"
Mit unwiderstehlichem Blick sah sie ihn an, daß er nicht anders konnte, als einschlagen! Er mußte sich begnügen mit dem, was sie ihm freiwillig gab, sonst hätte er sie ganz verloren!
Mit kräftigem Druck hielt sie seine Hand fest,— „auch Wort halten, Bruno Halling! An mir soll es nicht liegen!"
„Was machen Sie aus mir, Frau Magussi!"
„Einen guten, ehrlichen Freund und Kameraden! Und als Dank werde ich Ihnen Ihre Hero fingen, daß Sie mit mir zufrieden sein werden! ,So wär's getan! Geschmückt der Tempel', fang sie leise, „wissen Sie noch?"
Ach, ob er noch wußte? —
Mit der Wiedergabe dieser Partie hatte Magussi sich selbst übertroffen. Das Publikum raste von Begeisterung; immer wieder mußte sie sich mit dem Komponisten zeigen!
Glücklich und zufrieden fühlte sich Magussi an solchen Abenden. Aber es war keine mit Eitelkeit gemischte Befriedigung, sondern das tiefinnere, edle Gefühl: Du hast geschenkt aus der Fülle deines Reichtums und hast andere damit erbeut! Wer bas kann, der ist nicht umsonst auf der Welt! Für den ist das Leben dennoch schön und beglückend, auch wenn es ihm selbst das Beste genommen hat!
20. Kapitel.
Magussi stand mit der Mutter in regem Briefwechsel, und wenn die Nachricht von daheim nicht am vereinbarten Tag eingetroffen war, wurde sie unruhig.
Im letzten Brief hatte die Mutter ihr geschrieben, daß Papa und Eduard zu einer großen Treibjagd nach Gertitz zu Ortwin von Langen, Kurts Bruder, geladen seien; sie freute sich der kleinen Zerstreuung für die beiden Herren, die viel gearbeitet hätten. Gleich nach Weihnachten müsse Eduard geschäftlich auf vier bis sechs Wochen nach Amerika, womit seine zukünftige Frau gar nicht einverstanden sei.
Sie, die Mutter, habe das Gefühl, daß Eduard es mit Absicht so eingerichtet habe, weil er, ihrem Empfinden nach, die Verlobung schon wieder bereut habe; er sei so eigen und verschlossen und habe ganz das Lachen verlernt! Es sei doch nicht au verhindern gewesen, daß Eduard erfahren, daß sie bei ihr, bei Magussi, gewesen, und seit der Zeit rühre die auffallende Veränderung in seinem Wesen her.
Merkwürdig, drei Tage war der Brief der Mutter schon überfällig. Endlich traf Nachricht ein.
Als Magussi den Brief mit den klaren, regelmäßigen Schriftzügen der Mutter in Händen hiell, erfaßte sie eine merkwürdige Unruhe, und sie zögerte ein paar Sekunden, ehe sie ihn öffnete, weil ihr der Gedanke kam, als enthielte er eine schlechte Nachricht — und dann las sie, daß ihre Ahnung sie nicht getäuscht.
(Fortsetzung folgt.)
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