Ausgabe 
8.7.1933 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 15? Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 8.Zuli 1933

Der totale Staat als Entwicklungsergebnis.

Von Eugen Siebert.

Die Begriffsbestimmung des totalen Staates erschöpft sich nicht lediglich in der Ablehnung bisher üblicher Staatsformen; er hat als Vor­aussetzung eine neue Ständeordnung und knüpft hier organisch an die Tatsache, daß im Industriezeitalter der alte Ständestaat zer­brach und aus dem bürgerlichen Zeitalter des Liberalismus, des ständelosen Staates das poli­tische Individuum sich zum Verbandsmenschen entwickelte. Diese neuen Verbände waren zunächst als Gruppenindividualismus und fachliche Heu» bildungen Abwehrverbände gegenüber dem wirt­schaftlichen und politischen Spiel der freien Kräfte, das in Wirklichkeit zur Verzerrung der Demo­kratie und zur Herrschaft einiger weniger Höchst­kapitalisten führte. Der aus diesem Ka p i t a l i s- mus entwachsene Gegensatz war der Marxis­mus in seiner theoretisch-klassenkämpferischen Haltung. Zwischen beiden zerbrach der liberale Mensch. Als sich Wirtschaftsgruppen bildeten, muhten sie entweder' mit den vorhandenen Mächten paktieren, also Querverbindungen durch die Parteien zu bilden versuchen, oder ganz naturgesehlich das ständische Prinzip dem des Parteienstaates entgegenstemmen.

Die Erkenntnis dieser Notwendigkeit wurde erst durch die nationale deutsche Revolution Gemein­gut, damit der Begriff des Staates ohne Par­teien und ohne Teilung der Regierungsgewalt. Mit dieser neuen Staatsidee schwand die Grund­lage der in sich verschiedenen politischen Be­tätigung des Staatsbürgers. Aber wenn auch der Konservative vom Standesbegriff alter Art, der Marxismus von der Klasse, der Liberale vom Individuum aus den Staat formen wollte; Kant ihn aus der Vernunft, Leibniz aus dem Wohlwollen, H o b b e s aus dem Selbsterhaltungsprinzip herleitete, so wollten doch alle Parteien und Staatsphilosophen den Vertragscharakter des Staates, eine äkebereinkunft des Einzelnen und ihm zur Siche­rung der Unverletzbarkeit seines Eigentums und der mit Regierungsgewalten eingegangenen Ver­träge. Der Staat war nicht Ergebnis göttlichen Willens, sondern die Staatsgewalt Beauftragte des Volkes.

Irgendwie hab:n auch konservative Mächte und Regierungen diesen Kompromihcharakter ge­wollt. Als R o p o l e o n III. sich zum Präsidenten Frankreichs wählen lieh, benutzte er die V o l k s- souveränität, um als Diktator und später als Kaiser sich als Mandatar der Ra­tion zu sichern, und ganz folgerichtig beschränkte er die Macht der Parlamente auf ein Richts, die Regierungsparteien waren schliehlich in ihren Vertretern von der Regierung ernannt, ohne irgendwelche Kontroll- oder Mitbestimmungs­gewalt. Erst nach 1865 bildeten sich oppositionelle Gruppen, denen schliehlich diese Rekonstruktion eines total-napoleonischen Staates erlag. Mit nachlassender Kraft der Zentralgewalt wächst die Opposition.

Der Militär st aat des er st en Rapo- I e o n starb mit der ersten Abdankung seines Schöpfers; in den hundert Tagen vor Waterloo bequemte sich Bonaparte, eine liberalisierende Verfassung anzuerkennen, Benjamin Constant, der im Tribunal sich zunächst gegen den zurück- gekehrten Kaiser ausgesprochen, berichtete später, Rapoleon habe zu ihm gesagt:Ist es möglich, mit einer Verfassung zu regieren, gut so . Ich habe die Weltherrschaft gewollt und um sie zu erringen, habe ich eine Gewalt ohne Grenzen nötig gehabt... Hin Frankreich allein zu regieren, ist eine Verfassung viel­leicht besser. Sehen Sie zu, was Ihnen aus­führbar erscheint. Oeffentliche Verhandlungen, freie Wahlen, verantwortliche Minister, Freiheit der Presse -. Ich bin der Mann des Volkes; wenn das Volk wirklich die Freiheit will, so bin ich sie ihm schuldig. Ich habe seine Souveränität anerkannt." Am 22. April 1815 unterschrieb Ra­poleon I. den Versassungsentwurf, aber als am l.Juni die Ergebnisse der Volksabstimmung be­kannt wurden, sah Rapoleon, dah nach der Allein­

herrschaft, dem totalen Militärstaat, der die alten Stände vernichtet hatte und neben der Schaffung eines freien Kleinbauernstandes die Bourgeoisie züchtete, ein Dertragszustand unmö g - l i ch war. Vor elf Iahren hatten ihn dreieinhalb Millionen Franzosen zum Kaiser erwählt. Jetzt stimmte kaum eine Million für den konstitutionel­len Monarchen Rapoleon, dessen Stern bald darauf bei Waterloo erlosch.

Beide Versuche, einen totalen Staat herzu- stellen, scheiterten aber wesentlich auch n n d e n innerpolitischen Spannungen. Die Reubildung französischer Stände erfolgte nach radikaler Ausmerzung der alten Privilegien dcs Adels und der Geistlichkeit lediglich aus militäri­schen Gesichtspunkten, der Versuch Rapoleons III. geschah, als das Bürgertum und die Arbeiter­schaft, aber auch der französische Bauer neue Organisationsformen gefunden hatten. Zunächst waren alle für ihn. Pariser Arbeiter wählten, müde des p:irlam.'ntarisch-demokrat schen Marcs- mus, Louis Rapoleon genau so wie die Bauern­schaft und das Bürgertum. Erst als seine Zentral­gewalt sich immer stärker bureaukratisierte, kam es zu neuen Parteibildungen und die sehr späte Konzession an den Liberalen Oliver, der dann in den Krieg gegen Deutschland rutschte, konnte den Reunapoleonismus nicht mehr retten. Seit­dem ist die politische Entwicklung Frankreichs erstarrt.

Anders die deutsche. Die Freiheitskriege führten zur Auflösung des alten Ständestaates, der in Preußen durch die Krone wenigstens in feinen Erscheinungsformen gemildert wurde. Die Bauernbefreiung und die Eingliederung des Bür­gertums geschah zunächst aus dem Prinzip der unumschränkten individuellen Freiheit. Die Frei­heit der Binnenwanderung trieb die Massen in die Städte, weil die staatlich ungebundene In­dustrie gewaltige Arbeitermassen brauchte. In die­ser Frühperiooe der kapitalistischen Entwicklung waren Unternehmer und Arbeiter, aber auch die Bauern, noch nicht durch soziale Distanzen ge­trennt. Der Bauer wählte liberal, die Verfechter des konservativen, des Prinzips der alten Stände (Privilegierung von Adel und Geistlichkeit, be­schränkte Teilnahme des Bürger» und Bauerntums an der Verwaltung) blieben zumeist im Hinter» treffen, mit Ausnahme von Preußen.

Wie stark die Reste des alten Ständestaates sich noch bemerkbar machten, erwies sich 1848, als die erste gesamtdeutsche Rotionalbewegung in Frankfurt staatliche Formen suchte. Damals lagen der Nationalversammlung zahllose Petitionen aus bäuerlichen Kreisen vor, die u. a. die Abschaf­fung folgender Lasten verlangten: Frongelder, Zehnte, Trifftzinsen, Zinshllhner, Martinsgänse, Schutzgelder, Wachgelder, Nährungs- oder Hand- werksgelder, Jagdgelder, cholzhaugelder, Gunstgelder, Stuhlzinsen, Herrenzins, Michaelzins, Weinzins, Wasserzins, Mühlzins, Bienenzins, Laudemien (Be- fitzwechselabgaben), Beutelgelder (Abgaben bei der Berheiratung der Tochter des Bauern). Diese Feu­dallasten sind dann gefallen, aber politisch und wirt- » bildete der Bauernstand nach jahrtausende- lusschaltung eine besondere Gruppe erst nach der Capriviära, also um die Jahrhundertwende. Bis dahin suchte er parteipolitisch das Heil bei anderen Gruppen und Ständen.

Aber diese selbst organisierten ihre konservativen oder liberalen Gruppen eigentlich erst seit 1848. Zu- nächst führte dieliberaleBewegunamitder zunehmenden Industrialisierung, also der Struktur- änderung innerhalb des Bürgertums selbst, zu ver­schiedenen Parteigruppen, die später als National- liberale bzw. Fortschrittliche verschiedenster Schattie­rungen sich betätigten. Um 1870 herum entstand der Marxismus als Parteiorganisation, nicht als Stand, während nach dem Zusammenbruch der Chartistenbewegung zwischen 1833 und 1840 die bri­tische Arbeiterschaft politisch resignierte und sich rein wirtschaftliche Formen (Gewerkschaften, Genossen- schaftsbewegung) suchte. Fast gleichzeitig trat das Zentrum als politische Schutztruppe der katho­lischen Kirche auf. Aber daß diese Parteibildungen durchaus wirtschaftlich orientiert waren, er­wies sich in der fast gleichzeitig einsetzenden Ver­bandsbewegung, also der Wende zu kollektivistischen Formen. Während die Jndustriearbeiterschaft sich ge­werkschaftlich organisierte, formierten sich die Jndu- strieverbände, so 1871 der Verein zur Wahrung der

gemeinschaftlichen Interessen in Rheinland und West­falen. Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch von 1875 kamen die Schutzzollvereine, zunächst nur in der Schwerindustrie (Verein Deutscher Eisen- und Stahlindustireller 1874, Zentralverband), seit 1880 kam die dritte Epoche, die der Syndikate, Kartells, und während der Hochkonjunktur von 1895 bis 1900 wurde der Aufschwung der Gewerkschaftsbewegung mit seiner Flutwelle von Lohnbewegungen durch die Schaffung der Arbeitgebervereine ergänzt.

Für jeden Zweck suchte man außerhalb der bestehenden Parteien eine neue Organisation. Der Kampf zwischen Jndustrieunternehmer und Arbei­ter in kollektivistischen Formen wurde ergänzt durch die Errichtung von Handwerks- und Handelskam­mern, Arbeitskammern und schließlich auch von Landwirtschaftskammern. Während die Parteien noch immer wie die Weimarer Verfassung be­haupteten, der Staatsbürger sei der unbeeinflußte Wähler der Abgeordneten und diese selbstVertreter des ganzen Volkes... nur ihrem Gewissen unter­worfen und an Aufträge nicht gebunden" (Art. 21 d. W. V.) stand dieser Ideologie aus dem Zeitalter des Individualismus die Tatsache schroff gegenüber, daß die neue Gesellschaftsgruppierung z u einer neuen Vergesellschaftung führte, die schließlich auch die Angestelltenverbände und die Freiberufler umfaßte. Das biologische Gesetz der größeren Lebensgemeinschaften siegte über das libe­rale Prinzip, den Einzelnen zum Mittelpunkt der Welt, zum Vertragspartner der Staatsgewalt zu niachen. Diese Umwertung aller Werte ließ das alte Naturrecht, die Bedeutung des Individuums in der Philosophie und Weltanschauung, aber auch in den Verbänden und Parteien sinken. Der Deutsche war, während die Weimaraner den hoffnungslosen Ver­such einer Wiederbelebung des liberal-demokratischen Staates mit den Ideen aus dem Beginn dieser Wirt­schaftsentwicklung unternahmen, längst Der- bandsmensch geworden.

Die neuen Stände zeichneten sich ab, die Landwirtschaft wurde eine gesonderte politische und ökonomische Macht. Die Parteien wurden wieder Parlamentarismus, Objekt rein materialistischer Kämpfe von Wirtschaftsverbänden. Da aber keine

M u a n s a (Ostafrika), Iuni 1933.

Ostafrika hat nach einem treffenden geographi» schen Ausdruck eine Küste und eine Gegenküste. Die Küste liegt am Indischen Ozean, die Gegen­küste an den großen Seen. Der Ausdruck große" Seen ist wörtlich zu verstehen, denn der Tanganyika-See würde, nach Deutschland verseht, von Bremen bis'zum Bodensee reichen, wenn auch nur als ein verhältnismäßig schmaler Graben, etwa so breit wie von München bis Augsburg, und die Wasserfläche dcs.Vik- toria-Sees würde ganz Bayern bedecken.

Bleiben wir eine Weile beim größten, dem Viktoria-See, an dem ich mich eben aufhalte. Der Engländer Speke entdeckte ihn 1858. In den 70er Iahren besuchte ihn Stanley. Durch den Sansibar-Helgoland-Vertrag von 1890 wurde die Südhälfte des Sees Deutschland zugeteilt, die Rordhälfte England. Am Anfang des laufen­den Iahrhunderts bauten die Engländer die Uganda-Bahn. Sie begann in Mombasa am In­dischen Ozean und endete am Seegestade. Ihr Zweck war doppelt- Sie sollte die Länder am oberen Ril für England sicher zugänglich machen, auch wenn es mit Aegyten Schwierigkeiten gab, und sie sollte aus Uganda, dem dichtbevölkerten Eingeborenenlande am Rordufer des Sees, ein großes Produktionsgebiet für Baumwolle machen.

Uganda ist, wirtschaftlich und bevölkerungs­politisch gesprochen, eine der Perlen des schwar­zen Erdteils. Ein kräftiges Volk und kräftige Herrscher wehrten sich hier etwas Unerhörtes für Innerafrika mit Erfolg gegen die arabi­schen Sklavenjäger. Kein Araber kam nach Uganda. Als Stanley den blutigen Tyrannen M t e s a in seiner Hauptstadt Kampala besuchte, wäre sein Leben trotz der vielen Gewehre, die seine Ex­pedition mitführte, keinen Strohhalm wert ge-

Gruppe jemals Aussicht hatte, die Staatsführung in die Hand zu bekommen, die marxistische Theorie, aus den Klaffenkämpfcn heraus werde die sozialistische Gesellschaftsform geboren, wissenschaftlich und evolu­tionistisch falsch war, kam zum fruchtlosen Parteien- und Derbandsstreit die Unfähigkeit, aus solchen In­teressen heraus den Staat zu führen. Die Menschen lebten nicht mehr, wie Herder meinte, in einer poli­tischen Wüste, sondern in einer durch ihre Berbands- interessen bestimmten Welt. Als Angehörige eines Verbandes hatten sie eine bestimmte Lebensstim- mung und ein neues gesellschaftliches Bewußtsein, aber ein Neubau, also eine Zusammenfassung aller Stände und ihrer Neuorganisation wurde verhindert durch die in den Parteien vertretenen Uederrcste einer individualistischen Auffassung, die längst ebenso wie die alten Parteiformen und der Verbandsgegensatz von der Gesellschaft selbst ein durch die Entwicklung überwundenes historisches Gebilde war.

Im ohnmächtigen Staat mit seinen Parteikämp- fen und der Energievergeudung feindlicher Inter- essenhaufen mußte das nationale und gesellschaftliche Bewußtsein schließlich zu der Erkenntnis reifen, daß ein neues nationales Werden und ein neuer Staat völlig auf die geschichtlich überholten Formen zu ver- zichten habe, daß also mit dem Versinken des indi- vidualistischen Zeitalters auch dessen Prägungen wie Parlamentarismus, politischer Vertragszustand, Par­teieinfluß, zu verschwinden hätten. Der totale Staat kennt diese Formen nicht, son­dern nur d i e berufsständische Gliede­rung, die sich nach den Lehren der Entwicklung allerdings anders aufbaut als sie im früheren Ständestaat angebracht war. Dieser Aufbau von unten war unmöglich ohne Befehlsgewalt von oben, aber als sie vorhanden war zeigte sich, daß das Ver­trauen von unten sich ergänzte durch die Gewalt von oben, alfo die staatliche Neuordnung sich in Bahnen vollzog, die die Entwicklung längst zeigte, aber von den alten wirtschaftlichen und politischen Gewalten gemieden worden sind. Daher das stille Versinken der alten Parteien, die reibungslose Einfügung und Umformung der Verbände in den neuen Staatsbau.

wesen, wenn Mtesa ein Gelüst nach dem Blut des weihen Mannes bekommen hätte. Es tarn ihm nicht daraus an, wenn er glaubte, daß sein Vater im Traum Blut von ihm verlangt hatte, einige Tausend seiner Untertanen schlachten und ihr Blut in eine Opfergrube laufen zu lassen. Carl Peters kam auf seiner Emin-Pascha» Expedition, 1889/90, nach Uganda und schloß mit Mtesas Rachsolger Mwanga einen Freund» schaftsvertrag für das Deutsche Reich, ohne zu toiffen, daß die deutsche Regierung schon auf Uganda zugunsten Englands verzichtet hatte. 1893 wurde die englische Flagge in Kampala ge» hißt, und nach einigen Iahren mußte Mwanga wegen seiner wahnsinnigen Grausamkeit nach den Seychellen-Inseln in die Verbannung.

Heute ist Mtesas Enkel Chwadaudi getauf­ter Christ, englisch erzogen, nominell noch Kabaka oder Sultan von Uganda, tatsächlich ganz in der Hand des englischen Gouverneurs, der mib einem zahllosen Beamtenheer in der luxuriösen, nur von Beamten und einigen Missionaren be­wohnten Villenstadt Entebbe, unmittelbar am Viktoria-See, residiert. Aus den sieben Hügeln von Kampala, eine kleine Autostunde landein­wärts, thronen jetzt eine katholische und eine protestantische Missionskathedrale, das Palais des Kabaka, das Grab Mtesas in Gestalt einer mäch­tigen Eingeborenenhütte alten Stils, die Ruinen des ersten britischen Forts, eine drahtlose Sta­tion und das Wohnviertel der Europäer.Iung- Uganba fährt Fahrrad und Automobil, spricht englisch, zieht ein Dinnerjacket an, wenn es ein Essen beim Gouverneur gibt, findet, daß die Europäer in Afrika absolut überflüssig sind und daß der Gipfel moderner Bildungfreie Liebe" heißt. Die dazugehörige Philosophie wird ver­ständnisvoll akzeptiert. Im übrigen ist die

Rund um den Viktoria-See.

Don Dr. Paul Rohrbach.

Aber dann kommt der Decksteward und ist milde wie der Mond und gleitend wie ein Hindu und bändigt deinen lautlosen Tobsuchtsanfall und win­delt dich, o milde Kinderfrau, in wollne Decken und spricht mit dir und gewohnt dich zurück zu sanften Sitten, nur das teuerste der Bande kann er nicht knüpfen, den Trieb zum Vaterlande.

Irgendwo sind irgendwelche unerreichbar tückische Küsten. Festland, irgendwo Kap £i» nifterre Finis terrae, das heißt das Ende der Erde, Ende der Welt.

Oben auf seiner Kommandobrücke steht der Ka­pitän, dieser sanfte, blaue Bär, steht da, ist nicht »u sprechen. Unterhaltung mit dem Wagenführer verboten; er läßt fuf) in aller Gemütlichkeit einen

Auf dem Wasser zu singen.

Don Dorothea Hofer-Oernburg.

Das Barometer steigt und die Stimmung steigt und die Wellen steigen auch. Und der musikalische Hirtenknabensteward lockt vergebens zum Früh­stück und vergebens zum Lunch, und die Abteilung Navigation veranlaßt zum Diner taftDoUer- weise Kurswechsel, damit wir bei Tisch nicht schlin­gern und trudeln, sondern nur trudeln und schlingern.

Die Biskaya, sagen sie, sei besser als ihr Ruf.

Wenn dies schonbesser" ist, dann mochte ich ihren Ruf nicht fermen.

O Mammut der Verzweiflung, Meerl O, gro­ßes, graues Elendster, Meve. . .1 Schaum vor dem aufgerissenen Maul!

Kann denn hier keiner die Brandung etwas trimmen! Wo ist die Rotbremse, der Rotausgang, wo!

Raus, ich ... will ... raus!

Reu und Leid ... Reu und Leid! Wo es so viel Festland gibt ...!

O Gott, und es brüllt ... wie es brüllt, wahn­sinnig gewordenes Tigervieh, wie es mit enor­men Flankenschlägen uns in die Hüften springt! Wir wanken so, alles wankt. Wir zittern so, zum Zerbrechen und Zerbersten zittern wir!

Raus ... ich will raus!

Kaffee auf einem nassen Badetuch auf der Erde servieren und quirlt das Meer ... quirlt ... quirlt...!

In meiner Kabine hocken die Chrisanthemen ent­setzt und verschüchtert hinter dem angebundenen Stuhl auf der Erde, eine Gruppe gelber Pekinesen, und fürchten sich.

Seit heute morgen sind die Tropen eröffnet.

Vor der Kabinentür des Ersten hängen zwei grüngestrichene, heimatliche Blumenkästen mit Feigenkaktusbabys.

Im übrigen rast die See und will ihr Opfer haben.

Ich sehne mich nach himmelblauer Oelfarbel

Die See hat ihre Schrecken verloren. Keine Oel- farbe das noch immer nicht; aber kurze kräftige Brise weiße Kämme auf blihblankblau gescheu­ertem' Meer und nachts ein Vollmond, schwer vom eigenen Licht über der Mitte eines Silbersees, der das ewige Gewässer milde zerteilt in Gestern und Heute und die dunkelblanke Ewigkeit gütig in Hüben und Drüben. Ienseits dehnt sich atmend, hoffnungslos und herrlich, wie am ersten Tag.

Das Schiff wälzt seinen großen, grauen Del» phinleib leise betrunken in Gischt, der es zärtlich umsaust und, ein Brautschleier aus Mechelner Spitzen, kostbar und unvergänglich um seine Flan­ken flattert in diese vnyxschwarze See.

Alle Mann Schnaps empfangen!

Unkraut vergeht nicht, aber Windstärke zehn vergeht. So eine richtige Seekrankheit ist etwas Großartiges, wenn sie vorbei ist. Reinigt Herz und Magen.

Wir sitzen an Bootsdeck im Badeanzug in der Sonne. Links um die Ecke Afrika.

Aus seinem Kabinenastloch kommt das portu­giesische Eichhörnchen und schnuppert in der Luft. 3a, es läßt sich wieder leben, wenn auch nur vorsichtig. Kommen Sie näher, junger Mann. Es ist noch ganz jung. Seine braunen Augen sind überzogen mit einem erstaunten, bläulichen Schim­mer.

Wir lernen allerlei. Den feineren Unterschied zwischen den Lachmöven und den Bootsleuten

hab ich wieder vergessen, aberDösköppe', das weiß ich, das sind die, die nicht fortlaufen, wenn sie sich an Deck verfliegen, sondern sitzen bleiben und schreien. DannIan von Gent", die See­gans, und Albatrosse, das sindversoffne Ka­pitäne", die segeln so bedächtig, und Kaptauben, das sind wieder die jungen Mädchen. Lieberhaupt ist der Käppen umgänglicher geworden. Er quirlt weniger und belehrt uns mehr.

Wann stellen Sie denn hier Ihr Aquarium auf, Ihr Schwimmbassin... baden Sie auch mit?

", sagt der olle ehrliche Seemann, »ich hab Angst vor Wasser."

Vom deutschen Volkstanz.

Don Konrad Hahm.

Mit der großen Welle der Heimatbewegung sind eine Reihe von Volkstumsgütern wieder ent» deckt und belebt worden, die zum praktischen und geistigen Untergang bestimmt schienen: die Volks­tracht, das Volkslied, die Volksmusik, der Volkstanz. Sie schienen zum Untergang_ be­stimmt, weil sie der alten guten Zeit so völlig angehörten, daß sie mit der Entwicklung und Mode nicht mitgingen.

Wie in den Volkstrachten aufs Land gewanderte Formenelemente der Modekleidung des Adels und der Städte aus den verschiedensten Epochen vorhanden sind, so sind auch die Volkstänze Reste alter Gemeinschaftsfestbräuche, die sehr weit zu­rückgehen, verbunden mit Elementen aus den städtischen und höfischen Tänzen und Festbräu- eben. Wie in den Volkstrachten Formteile aus der Renaissancemode bis zum Biedermeier er­kennbar sind, so sind auch in den Volkstänzen uralte Reigen gemischt mit dem bäuerlichen Me­nuett und dem Walzer.

Die alten Volkstanzbräuche sind mit den Trach- ten, deren festliche Zurschaustellung sie waren, großenteils verschwunden. Sie sind nur in weni­gen Gegenden teils mit der Tracht, teils ohne sie erhalten. Aber sie haben, wie die Volks­trachten, auf einer anderen Linie eine Weiter­entwicklung gewonnen. Es war die I u g e n d - betoegung, vor allem der Wandervogel, der vor dreißig Iahren begann, die Heimat wieder in ihrem altererbten Drauchtumsbesitz kennenzu­

lernen, und nicht nur sah und weiterwanderte, sondern mit den Volksgenossen fang, spielte und tanzte. Und bald nahm diese Volkstanzbewegung zu; nicht die äußere Erscheinung, sondern die Lieder, die Instrumente, die Tanzformen lebten wieder auf, sie standen der Freiluftgymnastik nahe, sie vermittelten Rhythmus und kunstvolle Bewegung, so daß der lebendige Inhalt der Volkstänze neu erstand und, von der Unfrucht­barkeit historisch-karnevalistischer Rachahmung be­freit, zu einem ganz unserer Zeit gehörenden Erlebnis für Hunderttaufende junger und alter Menschen wurde. Heute bestehen in Deutschland eine Reihe von Tanzkreis en in den ver­schiedensten Landschaften und sie stehen in Ver­bindung und Austausch mit ähnlichen Bestre­bungen in Oesterreich, Skandinavien, England, Holland und der Schweiz, bezeichnenderweise mit den verwandten germanischen Kulturländern.

Wenn die Iugendbewegung als eine Bewe­gung der gebildeten Schichten auf Grund ge­schichtlicher Kenntnisse und Ziele die neue Dolkstanzbewegung geschaffen und da­bei das allgemeine Interesse auf dieses Gebiet gelenkt hat, so ist doch auch in breiten Kreisen des Volkes selbst, besonders dort, wo starke Volkseigenarten sich erhalten haben, das Ver­ständnis für die Volkstänze wieder erwacht. Be­sonders die landsmannschaftlichen Vereine, die sich ja auch der Pflege der historischen Volks­trachten angenommen haben, wollen die histori­schen Volkstänze neu beleben. Das ist eine Auf­gabe, über deren Aussichten man geteilter Mei­nung sein kann. Aber es ist keine Frage, dah die Beschäftigung mit dem alten Volksgut unter allen ilmftänöen lohnend ist. Daß sie, dem Ver­ständnis ererbter Sitten und Bräuche öienenö, diese auch darstellt, braucht durchaus keine rück­schrittliche Schwärmerei oder teere Schaustellung des sogenanntenVolksgeistes im Kostüm" zu fein... wenn es im rechten Geiste geschieht. Auch von der Rachbildung von historischem Volksgut kann nicht nur Belehrung ausgehen, und man darf nicht vergessen, daß Volkstracht und Volks­tanz Träger des Dolksbewuhtseins sind. Die Volkstracht der Deutschen in Siebenbürgen etwa ist ein Bestandteil und ein Merkmal ihres Deutschtums, das man neben den ungarischen und rumänischen Volkstrachten erhalten will und muß.