Ausgabe 
8.3.1933 Frühausgabe
 
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Helft der Winternothilfe!

Buntes Allerlei

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und 3n- A.

mit lebhaftem Beifall entgegengenommen eine rege Diskussion bewies das allgemeine teresse an den behandelten Gegenständen.

Daten für Mittwoch, 8. März.

bewiesen, konnte man sich von dem ehrlichen Wol- len um die Erhaltung und den Ausbau des be­ruflichen Könnens überzeugen. Der Bezirksleiter des veranstaltenden Derbandes. Herr A u t h ,

r e u t h c r betonte.

Fortbildungsarbeit tm Rahmen der verfügbaren Mittel immer gerne fördern werde. Herr Wag­ner als Vertreter der Maler- und Weihbinder­

vereinigung Gießen gab wertvolle Anregungen für den weiteren Ausbau des Unterrichts, der Leiter des Kurses der Maler, Herr Deeg, lMilderte den Aufbau der Arbeit in den Unterrichtsstunden. Es war interessant zu hören, daß im Gebiete des Arbeitsamtes Gießen bereits vier solcher Doppel- kursc abgehalten worden sind und dabei etwa 330 bis 340 berufsangehörige junge Leute erfaßt wurden.

** Forbildungstursus der Maler und Weihbinder. Gestern vormittag wurde mit einer Ausstellung im Gewerkschaftshaus in der Schanzenstrahe ein Fortbildungskursus für Maler und Weihbinder abgeschlossen, der mit Aln- terstützung des Arbeitsamtes Gießen vom Ver­band der Maler, Lackierer, Anstreicher, Tüncher und Weißbinder Deutschlands veranstaltet war

und damit den Schülerinnen die sichere Grund­lage für das Verantwortungsvolle ihres Be­rufes gegeben wird. Besonders erfreulich ist es, zu hören, daß sich das Alice-Seminar auch um die Wiederbelebung der kulturellen Werte in der heimischen hessischen Tracht bemühen will.

Auf den Tischen lagen viele Arbeiten unter­schiedlichsten Charakters auF. Man sah ganze Kleider, die in Farbenzusammenstellung und Ma­terialbehandlung keinen Wunsch offen lassen, Kindertleider und Leibwäsche, prächtige Tisch­decken in den verschiedensten Techniken. Schür­zen und Kissen, und viele andere Dinge des täg­lichen Gebrauches liehen erkennen, daß die Schü­lerinnen mit allen Gebieten der Handarbeit in innigste Berührung gebracht werden. Die Aus­stellung ist ein treffliches Zeugnis lobenswerten Fleihes, zielbewuhten Wollens, der Ausdruck des Willens, der unpersönlichen Arbeit der Ma­schine das Schöpferische des lebendigen Menschen entgegenzustellen. Die Ausstellung ist noch heute und morgen geöffnet.

Wissenschaftlicher Vortragsabend.

Eine gemeinsame Sitzung der Chemischen Gesellschaft, des Bezirksvereins Oberhessen des VereinsDeutscherChemiker und der Oberhess. Gesellschaft für Aatur- und Heilkunde (Raturwissenschaftliche Ab­teilung) am vorigen Donnerstag galt neuen For­schungen und Ergebnissen über Zusammensetzung und Aufbau des tierischen Knochens. Zunächst sprach Herr Dr. R. K l e m e n t (Frankfurt a. M.)

Ein langwieriger Prozeß.

Der Stlarek-Prozeß mit seiner ,jährigen Vcr- Handlungsdauer kann sich noch lange nicht in die Spitzengruppe der langdauernden Prozesse ein- reihcn. Ein Prozeß, der über hundert Jahre die Gerichte beschäftigte, kann dieses Privileg ober bestimmt für sich in Anspruch nehmen Erst jetzt ist der besagte Prozeh. ein Grundstücksstreit zwi­schen der Stadt Stuttgart und dem Staate Würt­temberg, durch Vergleich beigelegt worden. 3m Jahre 1810 hotte König Friedrich dem Bürger­hospital in Stuttgart seine sämtlichen auf Stuti- gorter Markung gelegenen Güter entzogen und in staatliche Verwaltung genommen. 1817 wurde auf Veranlassung von Äönig Wilhelm I. dem Epi­tal ein Teil der weggenommencn Stistungsgrund- stücke wieder zurückzugeben. Richt zurückgegeben wurden aber bereits versteigerte oder in Anla­gen verwandelte Grundstücke im Ausmaß von rund 55.6 Morgen. Dafür wurde ein Pachtgeld in Höhe von jährlich 2384 Gulden und 16 Kreuzern be­zahlt. Der Staat zählte diese Pachtsunime 4087,31 Mark regelmäßig bis zum Fahre 1922, hatte aber dann nach der 3nflation die Weiter­zahlung verweigert. 1929 wurde der Staat zur Weiterzahlung unter hundertprozentiger Aufwer­tung verurteilt. Da der Staat Einspruch erhob,, kam die Angelegenheit vor den Kompetenzgerichts­hof. der 1930 durch Urteil bestimmte, daß es sich um einen noch nicht erledigten Enteignunosfall handele, bei dem die Festsetzung der endgültigen Entscheidung noch offenstehe. Das Eigentum an den enteigneten Grundstücken stehe dem Bürger- Hospital aber nicht mehr zu. 1931 verlangte der Stuttgarter Oberbürgermeister eine Entschädigung von einigen Millionen Mark, der Staat bezahlte diese Summe aber nicht. 3eht endlich haben sich Stadt und Staat verglichen Württemberg hat der Stadt Stuttgart als Entschädigung für dis vor 123 Fahren weggenommenen Bürgerhvspitals- güter anderes Gelände zur Verfügung gestellt.

sehen worden, aber das macht wohl deswegen keinen großen Unterschied, weil alle anderen ihre Zahne wohl auch irgendwo im Strom der Zeit auf der Strecke gelassen haben.

Es ist außerordentlich gemütlich bei ihnen, denn es sind lebhaste, temperamentvolle alte Herren, deren Augen hinter ihren Brillengläsern ausleuch­ten. wenn sie von ihrer Zeit sprechen, deren le­bendiges Wahrzeichen sie sind. Seit Fahrzehnten halten sie so zusammen, sie haben sogar einen Verein gegründet, die^Bereinigung ehemaliger einjährig-freiwilliger Kampfgenossen von 1864, 1866 und 1870/71. Alm 1900 herum zählte dieser Verein an die sünfhundert Mitglieder, aber lang­sam haben sich säst alle dieser alten Kämpfer aus der Welt gestohlen und wenn heute, mit­ten im stürmisch bewegten Berlin von 1933 tau­send Fahre um einen Tisch sitzen, so verteilen sie sich nur noch auf ein Dutzend liebenswürdiger, ehrwürdiger alter Herren mit langen weißen Bärten.

Neues aus dem Bankwesen.

Erschrecken Sie nicht es handelt sich nicht um den Bericht von einem neuen Bankkrach. Wor­über ich Ihnen berichten möchte, ist lediglich eine Sanierung. Alnb die Banken, die saniert werden sollen, sind keine Banken, auf denen man feine Wertpapiere deponiert, sondern es handelt sich, grammatikalisch genau genommen, um nie, lange Bänke, auf die man einiges schieben kann, und die, abgesehen davon, noch zu anderen Din­gen nützlich sind. Wir sprechen von den Bänken des Berliner Tiergarlens. Im Tiergarten, der eine alte ehrwürdige Alnternehmung ist, durch­setzt mit Marmorbildern verstorbener regierender Fürsten, auf deren Helmen die Spatzen nisten, in diesem Tiergarten, in dem nie ein Tier gesichtet wurde, außer Spatzen, Ratten, Gold­fischen und einigen zu Tode erschrockenen Kanin­chen wird die Wirtschaft angekurbelt. Allenthal­ben erscheinen Hilfsgärtner mit Harken und ver­suchen dem vom Winter her ungekämmten Rasen ein etwas glaubwürdigeres Aussehen zu geben. 185 Arbeiter sind insgesamt am Werk, um neue Bäumchen, die künftigen Stammbäume dieses Parks, in das kümmerliche Erdreich einzusehen, um die Kinder-Spielplätze mit neuem Sand zu versehen und die Alleen wieder auszufrischen. Aber das größte Kulturwerk, das dort im Gange ist, besteht darin, daß 200 neue Bänke ausgestellt wer den, sauber und bequem und zum Teil, wie man das von altersher gewohnt ist, mit der strengen Aufschrift ..Rur für Erwachsene".

Die alten morschen Bänke im Tiergarten haben allerlei erlebt. Bald werden die Rovizen es auch erfahren. Roch vier Wochen ungefähr haben |ic Zeit, bis im abendlichen Tiergarten ein seltsa­mes Leben anfängt, und die meisten vop ihnen zum Stammplatz für Liebespaare werden, sofern nicht inzwischen eine neue Rotverordnung dagegen er­lassen wird. Aber der Almstand, daß jetzt sogar in dieser Krisenzeit durch die Ausstellung der Bänke für einen bequemen heimlichen Frühling im Tiergarten gesorgt wird, läßt darauf schlie­ßen, daß kein Mensch gewillt ist, den ehrwürdi­gen Traditionen dieses Parkes Abbruch zu tun...

Tausend Fahre sitzen um einen Tisch.

«... und dann kam der Hindenburg, der war damals noch ein ganz junger Leutnant, aus der Lichtung geritten und stürmte mit seinen Leuten die Höhe. Ich war damals gerade Meldeoffizier geworden...

... wie ich damals junger Mann bei Bleich- röder war, da bin ich immer abends zur könig­lichen Hofoper gegangen und habe mich als Statist angeboten. Das habe ich nur getan, weil ich die Pauline Lucca so gerne fingen hörte...

... da gab es an der Stechbahn so ein hüb­sches kleines Gartenlokal, wohin mich mein Vater manchmal mitgenommen hat. Der hat noch, als er ins Sechzigste ging, jeden Abend seine mäch­tige Berliner Weiße mit Portwein getrunken. Alnb bie Kapelle von ben Chevauxlegers unb die vielen eleganten Leute, mit Krinoline unb Zy- linber, bas war bamals boch ein schönes Bilb ...

w. . . aber ben Fubel können Sie sich boch nicht vorstellen, wie bie Menge am 18. Fanuar 1871 vor bas Schloß gezogen ist unb bie ©rünbung bes Deutschen Reiches feierte. Fch erinnere mich baran, als ob es gestern gewesen wäre meine selige Frau hatte eine Woche zuvor gerabe ihr zweites Kind bekommen ...

Was sind bas für Gespräche? Aeuhem sich so bie Geister in spiritistischen Sitzungen? Richt im geringsten! Die so sprechen, weilen munter unb frisch unter ben ßebenben. Sie sprechen auch gar­niert in geheimen Sitzungen so, fonbem an ihrem abenblichen Stammtisch, in einem kleinen, gemüt­lichen, verräucherten Lokal ber Friebrichstabt.

Solche Weinstuben sind vor vierzig Fahren durch den Besuch erlauchter Herren berühmt ge­worden es sind merkwürdigerweise immer die gleichen, entweder ber Schauspieler Devrient ober ber Wagnersänger Albert Riemann, entweber ber Dichter E. T. A. Hoffmann oder der Revolutionär Ferdinand Lassalle. Heute noch scheinen ihre Geister hier wohlwollend umzugehen. Alnb bie Trabition wirb gewahrt burch eine Gruppe alter Herren, die dort jeden Abend zu sitzen pflegen, um sich Geschichten zu erzählen, die jeber einzelne von ihnen gewiß schon ein halbes butzcnbmal aus ihrem Munde vernommen hat.

Tausend Fahre sitzen um einen Tisch wirklich, so ist es. Der Iüngste, er ist 82 Fahre alt unb hat seinen kleinen Sohn, einen dicken Mann von etwa 50 Fahren, mitgebracht, ber aber wegen seiner übergroßen Fugenb nur eben stumm und nicht stimmberechtigt ist , der Iüngste kann von sei­ner Mitwirkung bei Sedan erzählen, was freilich den anderen teinAi sehr großen Eindruck macht, denn das mindeste, was hier vorausgesetzt wird, ist die Teilnehmerschaft an der Schlacht von- niggräh. Man liebt es aber trotzdem, ihm zu­weilen gutmütig auf die Schulter zu klopfen, denn man weih, baß ihm bei Gravelotte ber Franz­mann sämtliche Zähne aus dem Mund geschossen hat nicht etwain Rotten zu zweien unb dreien", wie die berühmten Rosse, sondern gleich alle zwemnddrcißig auf einmal. Sein zahnloser Mund ist inzwischen mit einem schönen Ersatz Ber­

uhetReue Erkenntnisse über Kalziumphos­phate, Apatite unb bie anorganische Knochen­substanz". Der Rebner unterrichtete bie zahl­reich erschienenen Hörer zunächst über ben che­mischen Ausbau unb bie Eigenschaften ber Kal­ziumphosphate. Aus Arbeiten von T r ö m e l unb Möller hat sich u. a. ergeben, baß bei ber Hydrolyse von Kalziumphosphaten sowie bei ber Fällung biefer Derbinbungen aus wässerigen Lösungen immer ber sog. Hybroxhlazatit entsteht, ber somit das einzige in wässeriger Lösung beständige Kalziumphosphat ist.

Eigene Versuche des Vortragenden über bie Löslichkeit von anorganischer Knochensubstanz in Wasser hatten das bemerkenswerte Ergebnis, daß bas anorganische Baumaterial bes Knochens über­wiegend aus Hydroxhlapatit besteht. Die ältere, auf A. Werner zurückgehende unb in ben Lehr­büchern vorbereitete Meinung, wonach hier Kal- ziumphosvhatkarbonat vorliegen soll, muh daher als überholt angesehen werden. Zusammen mit Tröme 1 hat der Vortragende sein analytisch gewonnenes Ergebnis auch röntgenographisch be­stätigt. Eine Ausdehnung der Alntersuchungen auf die Baustoffe der Zähne, Schmelz unb Zahnbein ergab auch hier, wenn auch in verschiedenem Men­genverhältnis, in der Hauptsache Hydroxilapatit, während sich für Fluorapatit (den man nach früheren Angaben im Schmelz erwarten sollte) keine Andeutungen fanden Zum Schluß wurde über einen Modellversuch berichtet, bei dem es gelang, in einer bestimmten Salzlösung unter ähn­lichen Bedingungen wie im lebendigen Organis­mus durch Hydrolyse Hhdroxylapatit zu bilden, den Vorgang ber Bildung von anorganischer Knochensubstanz im Körper also näherungs­weise im Reagenzglas nachzuahmen.

Hatte so ber Chemiker über bie anorga­nische Substanz bes Knochens berichtet, gab an­schließend Prof. L. I. Schmidt (Gießen) als Zoologe Ausschluß über ihren strukturellen Einbau in den Knochen unb über ihre Bezie­hungen zu den übrigen, organischen Daubestand- teilcn dieses Skelettelementes. Schliffe unb Schnitte durch tierische Knochen wurden mit Hilfe eines Mikroprojektionsapparates gezeigt und bo­ten besonders in polarisiertem Licht prächtige Bilder. An ihnen zeigte der Rebner, wie man durch geeignete Präparationsmethoben bie an­organische Knochensubstanz (Hydroxylapatit) ober die organische (neben Knochenzellen hauptsächlich kollagene, b. h. leimgebenbe Fasern) nach Belieben aus ben Schlissen entfernen unb bann, mit Hilfe des polarisierten Lichtes, jeden Bestandteil auf seinen submikroskopischen Ausbau prüfen kann. Alcber die Art der Einlagerung der Unorga­nischen Substanz in bas Kollagen bes Knochens gaben Versuche Auskunft, bie an Stelle bes Hydrorylapatits anbere Stoffe (Paraffin, Wachs. Farbstoffe) zu setzen vermochten.

Die Ausführungen ber beiben Rebner wurden

Die Organisation des Polizeihilfsdienstes unb damit bie Indienststellung der SS.-, SA-- und Stahlhelm-Mannschaften als Hilfspolizisten wird im Laufe des heutigen Tages durchgeführt werden.

Handarbeitsausstellung des Alice-Schulvereins.

Gestern vormittag wurde die Ausstellung von Handarbeiten des Seminars für Radelarbeits­lehrerinnen im Turmhaus am Brandplah eröffnet. Oberstudienbirektor Dr. Kalbfleisch eröffnete die Ausstellung mit einigen Worten der Be­grüßung und bat, angesichts des vorzüglichen Er­gebnisses, das sich in ber Ausstellung barbictc, unterstützend dafür zu sorgen, daß das Institut stets die Möglichkeit habe, weiterzuwirken tm bisherigen Sinne. Fräulein Schmidt, die Se­minarleiterin an der Alice-Schule, entwickelte sodann das Programm der Schule, den Ausbau der Arbeit, das Ziel aller Bemühungen, das darin zu sehen fei. ben jungen zukünftigen Hand­arbeitslehrerinnen das Wissen und Können an die Hand zu geben, das sie befähigt, wertvolle Kenntnisse in ihrem späteren Wirkungskreise zu vermitteln. Die Schule wolle mit einsachster Tech­nik unb mit einfachstem, aber boch gutem Material (das Gute müsse nicht immer gleichbedeutend mit teuer sein) praktisch wertvolle Singe schaffen, weil ja die Praxis den zukünftigen Lehrerinnen die Aufgabe stelle, mit einfachsten Mitteln unb geringstem Aufwanb das meiste zu erreichen. Der Alnterricht baue sich systematisch auf und führe die Schülerinnen von den einfachsten Ge­weben zu ben empfindsamsten Materialien, wobei besonderer Wert aus materialgcred)te Bearbei­tung gelegt werde. Die verschiedensten Techniken der Handarbeit würden nebeneinander gepflegt, so daß den Schülerinnen eine möglichst univer­selle Ausbildung zuteil werde. Die Schülerinnen würden außerdem mit der Geschichte der Mode vertraut gemacht, ferner durch ergänzenden Aln- terricht besonders auch aus chre rein pädagogifche Arbeit vorbereitet. Großen Wert lege man darauf, daß jede Arbeit ohne jede Vorlage und ohne Schnittmuster, ganz aus eigener schöpferi­scher Tätigkeit geschaffen werde. Der Kursus werde mit einer Prüfung abgeschlossen, deren Bestehen bie behördliche Anerkennung als Hand­arbeitslehrerin bedeute.

Bei einem Gang durch die Ausstellung drängt sich dem Besucher ber Einbruck auf, bah im Alice-Seminar nicht nur eine technisch sehr gute Ausbildung vermittelt wirb, fonbem gleichzeitig auch in befonberem Maße die rein ästhetische Seite ber Hanbarbeit sorgfältigste Pflege erfährt

Berlin, sofern es Vollbari trägt

Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.

Reichs-Polizeikomniiffar Or. Müller in Gießen. '

Gestern gegen 18 Alfjr traf der vorn Reichs- innenminifter Dr. Frick zum Reichs-Polizei- kommissar für Hessen ernannte Regierungsrat und nationalsozialistische Landtagsabgeordnete Dr. Müller in Begleitung des Gauleiters Sprenger der RSDAP. in Hessen hier ein, um auf dem Hofe des Polizeiawtes und bes Kreisamtes bie Verpflichtung von SS.- unb SA.- Leuten, sowie von Mitgliedern des Stahlhelms zum Dienst als Hilfspolizisten vorzunehmen.

Der überraschend angekündigte Besuch des Reichskommissars war gegen 17 Alhr durch Sprech- chöre von SA.-Leuten, bie in Kraftwagen burch bie Stadt fuhren, angekündigt worben. Eine große Menschenmenge hatte sich insolgebessen gemeinsam mit der SS. und SA. unb bem Stahlhelm vor dem Polizeiamt eingefunben. Gauleiter Spren­ger richtete unmittelbar nach der Ankunft der beiden Herren eine Ansprache an die Menscher^ menge. Er skizzierte kurz die politische Lage nach dem Wahltag und betonte, in Zukunft müsse die hessische Politik nach ben gleichen Richtlinien ge­führt werben wie bie Politik im Reich.

Hierauf sprach ber Polizeikommissar bes Rei­ches, Dr. M ü 11 e r. El wies auf ben Brand im Reichstagsgebäude unb bessen tiefe Debeutung hin unb betonte, baß ber Geist von Moskau in Deutschlanb nicht weiter an Einfluß gewinnen bürte, sondern mit aller Energie bekämpft wer­den müsse. Zum rechten Zeitpunkt sei in ber Per­son bes Reichsministers Göring bie beutsche Kraft fast symbolisch lebenbig geworben, bie auch in Zukunft alles verteidigen müsse, was deutsch sei. Der Wiederaufstieg Deutschlands sei nur möglich, wenn jedermann sich voll und ganz ein­sehe für das Vaterland und in diesem Geiste seine Pflicht tue. Anschließend wurde gemeinsam das Horst-Wessel-Lieb gesungen.

Mittlerweile hatte die S21. im Hofe des Kreis­amtes unb bes Polizeiamts Aufstellung genommen. Reichs-Kommissar Dr. Müller wandte sich mit einer kurzen Ansprache an bie SA., bie er auf bie hohe Bedeutung dieses Tages unb auf bie ihr von nun ab obliegenden Pflichten aufmerksam machte. Er ermahnte die SA.-Leute, dem Dater- lanbe stets bie Treue zu halten unb alle Zeit in vorbildlicher Weise bem Volke au bienen, bie über­nommenen Pflichten getreulich zu erfüllen unb straffste Disziplin zu wahren. Mit bem begeistert aufgenommenen RufHeil Hitler" schloß bie An spräche. Hieraus verpflichtete ber Reichskommissar 110 «A.-Leute zur Dienstleistung in ber Hilfspolizei.

Währenbbessen hatte sich auch ber Stahlhelm im Hofe bes Kreisarztes in zwei Oliebern ausgestellt. Reichs-Kommissar Dr. Müller begrüßte bie Mannschaften im feldgrauen Rock und schritt deren Front ab, anschließend sand die Verpflichtung ber Stahlhelmer zum Dienst in ber Hilfspolizei^statt; vom Stahlhelm kommen für diesen Dienst 75 Mann in Betracht.

Die SS. hatte sich unmittelbar am Eingang des Polizeiamtes aufgestellt, wo sie von dem Reichs­kommissar gleichfalls kameradschaftlich begrüßt unb von ihr 20 Leute zum Dienst für die Hilfspolizei verpflichtet wurden.

Der Reichs-Kommissar drückte beim Abschreiten der SA.-, der Stahlhelm- und der SS.-Fronten jedem einzelnen Manne die Hand unb gab am Schlüsse der Erwartung Ausdruck, daß stets kame­radschaftliches Zusammenarbeiten zum Besten der Gesamtheit obwalten möge.

Von der Menschenmenge herzlich begrüßt, rück­ten die Formationen nach der Verpflichtung wieder ab.

Reichskommissar Dr. Müller hatte noch eine kurze Besprechung im Polizeiamt mit dem Po­lizeidirektor Dr. Kayser. Anschließend begab sich der Reichskommissar in Begleitung des Gau­leiters Sprenger zu einer weiteren Be­sprechung in die Kreis - Geschäftsstelle der RSDAP. 3m Verlaufe des Abends verließen die Herren unsere Stadt.

Ans der provinzialhauptstadt

Neues von GalapagoS.

Die au der Galapogos-Gruppe gehörende kleine Insel Floreana, auf die sich bekanntlich vor eini­gen Iahren der Dr. Ritter aus Berlin mit seiner Frau zurückgezogen hatte, hat sich mittler­weile zueinem Kaiserreich" entwickelt. Von die­ser erstaunlichen Tatsache würde die Welt kaum etwas wissen, wenn nicht kürzlich zwei Farmer aus Ecuador aus einer Iagdexpedition bei dem Inselchen angelegt hätten. Sie glaubten, in eine paradiesische Einsamkeit zu kommen und waren nicht wenig erstaunt, als sie bei der Landung von ungefähr 20 Männern erwartet und mit drohen­den Mienen zu einem neuerbauten Hause geführt wurden, demSchloß der Kaiserin von Flore­ana". Hier wurden sie von der Beherrscherin der Insel, einer temperamentvollen Französin, nicht eben sehr freundlich empfangen, und durften den Weg zu Dr. Ritter erst antreten, nachdem sie einen Tribut" in Gestalt von einigen Paketen Streich­hölzern, die dem laiserlichen Haushalt ausgegan­gen waren, entrichtet hatten. Roch schöner würde es aber, als die beiden nach der Rückkehr von Dr. Ritters Hütte mit einigen im Walde ge­schossenen Tieren die Reise in ihreist Segelboot wieder aufnehmen wollten. Da erschien die Herr­scherin in Begleitung ihres Hofstaates am Strand und erklärte die Ausfuhr von Tieren für unge­setzlich. Sie hatte die Oberhoheit über alles, was da kreucht und fleucht. Aus dieser Meinungs­verschiedenheit entwickelte sich ein Feuergefecht, bei dem einer der Farmer verwundet wurde. Rur mit Mühe und Rot gelang es den beiden, zu entkommen. Rach ihrer Rückkehr machten sie so­fort der Regierung von Ecuador Mitteilung über das neugegründete Reich und dessen Gast­freundlichkeit. Hier war man darob sehr er­staunt und will nun sofort Truppen auf die Insel schicken, um das Regime, das auch Dr. Ritter nicht sehr angenehm fein dürfte, aufzulösen, und die selbstherrlicheKaiserin in die Wüste zu schicken.

Frankfurt a. M., dankte dem Arbeitsamt für dio Unterstützung und kennzeichnete die Ziele dieser Fortbrldungsarbeit. während der Vertreter des Arbeitsamtes Gießen, Herr Dr. Brauners- daß das Arbeitsamt diese

1858: der Komponist Ruggiero Leoncavallo in Reapel. geboren. 1917: Gras Ferdinand Zeppelin in Charlottenburg gestorben

Vornotizcn.

Tageskalender für Mittwoch. Alice-Schule: Turmhaus am Brandplah. 12 bis 13, 15 bis 17 Uhr. Ausstellung des Handarbeits- Seminars Cafe Leib: 16 Uhr, Liesel Simons Kasperl-Theater vom Rundfunk

Aus dem Stadttheateroüro wird uns geschrieben: Heute, 20 Alhr. 21. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement mit einer Wieder­holung des SchwankesDa stimmt was nicht" von Franz Arnold. Gewöhnliche Preise. Ende 22 Alhr. Die nächste Erstaufsührung findet am Freitag, 10. März, statt (22. Vorstellung im Freitag-Abonnement) und zwar als Abschluß der Feier zu Hauptmanns 70. Geburtstag. Alnter der Spielleitung von Intendant Dr. P r a s ch , der auch die Rolle des Geheimrats Clausen spielt, kommt Hauptmanns AlterswerkVor Sonnen­untergang erstmalig zur Aufführung. Gewöhn­liche Preise. Spieldauer von 20 bis 22.45 Alhr. Als nächste Volksvorstellung gelangt die Operette Das Dreimäderlhaus" am Samstag, 11. März, letztmalig zur Aufführung. Kleine Operetten­preise. Spieldauer von 20 bis 23 Alhr.

und sich über einen Zeitraum von vier Wochen erstreckte. Der Kursus war von über 100 jungen Leuten besucht und gliederte sich in zwei Abtei­lungen Alnter der Leitung von Herrn M ü Her wurde einem Teil der Kursusteilnehmer die Her­stellung von Holzimitationen gezeigt und ihnen dabei natürlich auch viel Gelegenheit gegeben, in praktischer Arbeit ihre Geschicklichkeit zu erproben Die ausgelegten Arbeiten aus diesem Teil des Kursus legten Zeugnis davon ab. dah man mit viel Liebe bei der Sache war. Sehr schone und wm Teil sehr interessante Arbeiten sah man bei dem Kursus der Maler. Systematisch aufbauend wurde den Schülern zunächst die Darstellung der einfachen Blockschrift nahegebracht und besonderer Wert daraus gelegt, dah die Buchstaben nicht me­chanisch zum Worte gestaltet wurden sondern das Wort in harmonischer Aneinanderreihung gezeich­net und gemalt wurde. An Hand zahlreicher Pla­kate, die zum Teil auch gute zeichnerische Fähig- I leiten in der Behandlung figürlichen Schmuckes |