Doktor Grudes Ehe.
Originalroman von J. Schneider-Zoerstl.
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Nein, Madien! Es soll sein, als wäre es nicht gewesen.' Sei mir nicht böse", sagte er. „3d) bin ja gar nicht so begehrenswert, wie du vielleicht glaubst. Bon meiner Mutter her habe ich zu viel schweres Blut vererbt bekommen. Das saugt immer wieder den Tropfen leichtes auf, das in mir flieht. Es könnte eines Tages sogar passieren, daß ich es mache wie Dick. Mir fehlt nur im letzten entscheidenden Moment immer wieder der Mut dazu. Feige bin ich also auch noch. 3ch habe zuweilen Stimmungen, die an Wahn- sinn grenzen.--3st das noch immer nicht genug,
dich abzuschrecken?"
„Nein! Eher ein Grund mehr, damit ich dich vor all dem bewahren kann."
„Christa ist ja kaum sechzehn Wochen tot."
„Du bist ja nicht mir ihr verheiratet gewesen, Felix! Da gibt es doch kein Trauerjahr!"
„Aber im Herzen, Madien!"
Sie fühlte, dah sie etwas von dem verloren hatte, was er ihr bereits entgegenzubringen gewillt war, und suchte den Verstoß gegen seine Empfindlichkeit sofort wieder gutzumachen. „Du brauchst sie ja nicht zu vergessen, Felilsche! 3ch tue es ja auch nicht. Wir haben ein großes Oelbild von ihr zu Hause. Das erbitte ich von der Mama für dich. Du hängst es in dein Schlafzimmer oder über deinen Arbeitstisch, bann kannst -du sie immer um dich haben!"
„3a, bitte!" sagte er, schon wieder versöhnt. Sie ist doch ein guter Mensch, erwog er bei sich und erschrak über die Maßem als ihm plötzlich die Frage über die Lippen kam: „Kannst du noch einige Wochen warten? Vielleicht, daß ich mich bis dahin zurecht- finde"
„3a!" sagte sie rasch. Der Blick, mit welchem sie ihn umfing, war eine einzige brennende Hoffnung.
Drei Wochen später war Madien Wellenberg Dr. Grudes Frau.
*
Christas Aussteuer war nun die von Madien geworden. Zwischen Grude und Dr. Wellenberg hatte es einen Tag darauf eine kurze, aber erregte Aus- fprache gegeben. „Entweder du bist nicht zurechnungsfähig", hatte Wellenberg gesagt, „oder du kannst es wirklich nicht mehr aushakten. Oder — und das glaube ich am ehesten, hat die Madlen dir derart wgesetzt, und dich so über die Maßen mürbe gemacht, daß du endlich „3a" und „Amen" gesagt hast, nur um von ihr Ruhe zu bekommen."
Grude hatte ihm nur, ohne etwas zu erwidern, den Rücken gekehrt. Aber Wellenberg sah gerade darin einen Beweis der Richtigkeit seiner Behauptung. „Es ist eine Schande!" schrie er, „du willst ein
Mann fein, und bringst es nicht fertig, ein junges Ding von zwanzig Jahren abzuschulleln. — Weißt du, was das Ende sein wird?"
,Zch kann es mir denken", sagte Grude und drehte ihm dabei langsam das Gesicht zu. Und vor diesem, in seiner Verzweiflung alle Tiefen aufwühlenden Blick stand Rols Wellenberg entwaffnet.
Madlen wich dem Bruder aus. Sobald seine Stimme zu Hause erklang, verschwand sie in ihrem Zimmer. Einmal aber lief sie ihm direkt in die Hand. Da hielt er sie an den Schultern fest und drohte: „Wenn du ihn unglücklich machst —"
Sie fürchtete ihn. Nicht einmal vor dem Vater hatte sie solche Angst empfunden. Was wollte er benn? — Natürlich würde sie Grude glücklich machen. Das konnte doch nicht so schwer sein. Sie hatte ihm ja auch Christas Bild für sein Schlafzimmer von der Mutter erbeten obwohl das eigentlich ein Blödsinn gewesen war. Nun würde sie es ein ganzes Leden lang vor Augen haben. Sooft sie in den Raum trat, beim Erwachen, beim Zubettegehen, immer sah es nun auf sie herab. Angenehm war das gerade nicht.
Als im Flur die Klingel anschlug, lief sie zu öffnen. Der Briesbote reichte ihr einen Einschreibebrief herein und zugleich seinen Tintenstift, sich den Empfang bestätigen zu lassen. Sie kritzelte ihren Namen in das Buch, schloß wieder ab und trat in ihr Zimmer. Als sie die Adresse besah, ergriff sie ein Schwindel. Dann beruhigte sie sich wieder. Warum sollte nicht jemand anderer eine ähnliche Schrift haben wie Christa? — Sie wollte erst das Kuvert aufreißen, besann sich, holte eine Stricknadel und begann die Umhüllung sorgfältig aufzurollen.
Marseille, den 20. Februar 19—.
„Geliebte Eltern!"
Sie mußte sich setzen. Die Knie versagten, brachen ihr. 3hre Augen hasteten über die Zeilen. Sie hörte die Mutter nebenan sprechen, lief zur Türe und stieß den Riegel vor.
Heute war Donnerstag. Für Samstag früh war die Trauung angesetzt. Bis dorthin mußte der Brief in ihrem Besitz bleiben. Dann erst durften ihn die anderen lesen.
Wie aber, wenn Christa auch an Grude geschrieben hatte? Sie benötigte die Lehne eines Stuhles zum Halt, um nicht vornüber zu fallen.
Wie konnte sie es verhindern, daß er ihn erhielt? Möglicherweise hatte er ihn schon in Händen. Sie schüttelte die fürchterliche Lähmung ab, rannte nach dem Flur, riß Mantel und Hut vom Ständer und lief die Treppe hinab. Ein Mietauto, das eben des Wegs kam, hielt auf ihr Winken an und brachte sie in die Mariahilferstraße.
Grude hatte sich eben angeschickt, einen Patienten zu besuchen, als sie an seiner Klingel riß. Er öffnete selbst und hatte ein Lächeln in den Augen, als sie ihm so unvermittelt an den Hals flog. „So stürmisch, mein Kleines?"
Sie mußte erst oeratmen, ehe sie sprechen konnte.
,Lch habe plötzlich solche Sehnsucht nach dir bekommen! Und nun gehst du fort!"
„Zu einem Schwerkranken, Madlen! Vielleicht unterhälst du dich einstweilen mit Lena. Sie isfirn Heißluftraum und massiert einen kleinen Thingen. Da störst du nicht. 3d) komme in spätestens einer halben Stunde wieder." Er ließ sich küsien und fuhr ihr über die Wangen. „Hat cs Verdruß gegeben zu Haus?"
Sie schüttelte den Kopf und drängte ihn zur Türe. „Geh jetzt! Der Kranke wartet sicher sehr auf dich! Und komm bald wieder!"
Gespannt horchte sie nach der Treppe, die er jetzt hinabstieg. Er hatte noch nichts in der Hand. Vielleicht schickte Christa ein Telegramm an ihn. O Gott, nur das nicht! Ein Brief war leichter abzufangen. Eine Depesche verschwinden zu lassen, war schwieriger.
Sie stand noch eine Weile in dem dämmrigen Flur und lauschte. Aus einem rückwärtigen Zimmer kam Lenas Stimme, in welche sich das Lachen eines 3ungen mischte.
Madlen war völlig wirr im Kopf. Noch immer lauschend, schlüpfte sie ins Eßzimmer und spähte die Straße hinab. Aber von Grude war nichts mehr zu sehen. Sie strengte jetzt ihr Gedächtnis an, wann sonst immer die Post hierhergekommen war. Auf dem runden Tische lagen ein paar Zeitungen und einige Briefe. Mit einem Sprung war sie dort und hielt sie in den Fingern. Sie traute ihren Augen kaum. Mit halbgeschlossenen Lidern ließ sie den ersten Moment der Betäubung in sich verebben.
Wozu sollte sie den Brief öffnen? Es genügte, daß er in ihren Händen war. Uebermorgen — ja! Uebermorgen sollte ihn Grude haben. Früher nicht. Da war sie dann schon seine Frau und keine Macht der Erde konnte sie je wieder aus ihrem Recht verdrängen.
Sie entsetzte sich bei dem Gedanken, was gewesen wäre, wenn sie sich nicht zur rechten Zeit hier eingefunden hätte. Sie hörte Lena mit dem Zungen den Flur entlang kommen und steckte den Brief rasch in den Ausschnitt ihres Kleides.
Wenn Lena auch nur eine Ahnung hätte, was sie da ihrem Chef angetan hatte, die Korrenspon- denz nicht wie sonst auf feinen Schreibtisch, sondern hier ins Eßzimmer zu legen! Eingeschriebene Briefe tarnen wohl täglich in Grudes Besitz. Sie hatte sicher nicht auf die Adresse geachtet.
Allmählich flaute der Schrecken in ihr ab und machte einer nervösen Freude Platz. Morgen noch! ---Am Samstagoormittag um neun Uhr war sie seine Frau. Mit der Nachmittagspost mengte man die beiden Briese dann einfach unter die anderen. Unter der Menge der Gratulationen konnte man sie leicht verschwinden lassen. Und bis sie jemand darunter herausholte — — „Aach!" — — Sie dehnte die Arme.
Christa sollte sich einen anderen Mann suchen. Das war sicher nicht allzu schwierig. Und wenn sie
jetzt ohnedies noch krank lag, hatte sie Zeit zum Verwinden. Freilich, von dem Betrug, den sie da ins Werk setzte, durfte nie jemand ein Sterbens» wort erfahren.
Rolf würde sic umbringen! Die Mutter sich ent» setzen!--Und Grude? — Nicht auszudenken! —
Möglich auch, dah er sich scheiden liefe.
Aber es konnte ihr niemand etwas beweisen. Kein Men'ch hatte die beiden Briese zu Gesicht bekommen. Sie waren einfach zwei Tage später eingetroffen. — Und die Post? Gott, es kamen wahrscheinlich tagtäglich tausend eingeschriebene Sendungen nach Wien. Wer schert sich da viel um das Datum.
Und in dem Durcheinander und dem Trubel des Hochzeitstages und zwilchen all den einlaufenden Depeschen und Glückwunschschreiben liefe sich die Sache, ohne Verdacht zu erregen, arrangieren.
Sie mochte nun auf einmal nicht mehr auf den Verlobten warten, entschuldigte sich bei Lena, dafe sie so fürchterlich viel zu tun habe, und lief die Treppe hinab.
Grude kam eben nach oben und breitete die Arme aus. „So eilig, mein Madel!"
„Du 4)ifl so lange geblieben, sagte sie atemlos. „Und es gibt noch so viel zu erledigen zu Hause."
„Soll ich dich heimbringen?" fragte er gütig.
„Nein, danke!"
Er wollte sie noch küsien und unterliefe es dann, denn ein Herr stieg eben die Treppe herauf.
Madien schlüpfte an ihm vorüber und rife unten die Haustüre zurück.
Sie mußte Luft haben! Luft! 3hr war, als müßte sie sonst ersticken.
»
Die Geheimrätin sand, daß so ein Hochzeitstag doch reichlich viel Aufregungen mit sich bringe. Man hatte die Feier zwar nur in engem Kreise abgehalten. Trotzdem war die gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt. Sie war am Abend völlig erschöpft und ihrem Sohn über die Maßen dankbar, daß er als das junge Paar wegfuhr, sich noch an.den Schreibtisch setzte und die eingelaufene Korrespondenz oornahm, um sie durchzusehen. Er machte sich dabei Notizen, wem sofort gedankt werden muhte, und legte die Briefe, die noch einigen Aufschub duldeten, zur Seite.
Merkwürdig,wie viele Freunde man eigentlich besah! Der Stapel wollte kein Ende nehmen. Madien hatte abwehrend die Hand gehoben, als er fragte, ob alles aufbewahrt werden solle. „Nur das Wichtigste, Rolf! Mit dem andern verschone mich!"
Ais es gegen zehn Uhr ging, erhob sich die Ge- heimrätin. „Bist du böse, Rolf, wenn ich mich jetzt zurückziehe? Du bleibst doch zur Nacht bei mir?"
„Gewiß Mama!" sagte er freundlich. Sie hätte ihm leid getan, wenn er sie jetzt allein hätte lassen müffen. Er hatte im Sanatorium einen Vertreter, auf den er sich verlassen konnte.
(Fortsetzung folgt.)
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