BBB
Wertarbeit
Erika
^Ichinc^
Die stummen Gäste von Zweilinden
Noman von Anny vonpanhuys.
Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.
11 Fortsetzung. Dachdruck verboten!
Bettina neigte den Kops. Sie hotte gefürchtet, daß Ottfried, wenn er wirklich eines Tages auftauchte, sich als unangenehmer Mensch entpuppen könnte; cs schien aber ein gutes Auskommen mit ihm möglich zu sein. Er war ihr nicht unsympathisch, und es gefiel ihr besonders, daß er sie sehr an seinen Dater erinnerte.
Sie lud die Herren zu Tisch, und man unterhielt sich während der^Mahlzeit sehr angeregt.
Ottfried von Zweilinden dachte verwundert, er hätte nie geglaubt, daß aus einem häßlichen Kinde eine so reizvolle junge Dame werden konnte. Wie zart die Haut Bettinas war, wie wunderhübsch sich der weiße Hals aus dem schwarzen Tüll des Kleides hob, wie das braune, leicht gewellte Haar glänzte und wie tiefblau die großen Augen leuchteten. Wenn das Trauerjahr um war, würde sich Bettina nicht vor den Freiern retten können, die dann alle die hübsche, reiche Herrin von Zweilinden begehrten.
Er blickte auf ihre Linke. Bielleicht trug sie schon einen Berlobungsring? Nein, kein einziger Ring schmückte die schlanke, weiße Hand. Also war sie auch nicht gebunden. Er begriff nicht, warum er sich darüber freute. Der Justizrat erzählte, auf welche Weise er heute mit Ottfried von Zweilinden zusammengekommen, und Bettina meinte: „Nun wirst du aber hier Wohnung nehmen bei mir, bis du nach dem Vorwerk übersiedelst. Es steht dir übrigens vom Augenblick an zur Verfügung,.mitsamt dem Betriebs- kapital."
Er schüttette ihr lebhaft die Hand. „Wenn du mir eine große Freude machen willst, Bettina, dann laß mich noch heute nach dem Vorwerk bringen, dcunit ich schon heute dort schlafen kann." Zögernd und doch sehr froh setzte er hinzu: „Damit ich schon heute unter dem eigenen Dach ausruhen darf."
Bettina neigte den Kopf. „Ich begreife deinen Wunsch und bin damit einverstanden."
Der Justizrat meinte, er müsse nun in die Stadt zurück; aber er versprach, im Hotel „Eichkatz" olles zu ordnen und den Koffer direkt nach dem Vorwerk hinauszuschicken.
Als er gegangen war, beoaben sich die beiden in den Raum, der früher das Arbeitszimmer von Ottfrieds Dater gewesen. Bettina erzählte von dem Feuer, durch das hier fast alles vernichtet ward, durch das aber auch das Testament gefunden wurde. Jetzt hatte sich Bettina hier ihr Arbeitszimmer eingerichtet, ujü) Ottfried stutzte, als er die Titel der auf dem ScWeibtisch liegenden Bücher las.
Er sah Bettina staunend an. „Liest du das wirklich, Betllna, oder ist das bloß so'n Getue?"
Sie lächelte: „Prüfe mich, bitte, stelle Fragen aus den Büchern; ich' hoffe, sie dir alle beantworten zu können."
„Behüte!" wehrte er ab. „Ich würde mich schon bei den Fragen blamieren. Ich verstehe ja verflixt wenig von der Landwirtschaft. Aber ich will lernen, very well, ich habe einen großen Sock mit gutem Willen aus der Fremde mitgebracht."
Später gingen Bettina und er auf den Friedhof, und dann fuhren sie beide mit Inspektor Flügge noch dem Vorwerk.
Unterwegs sagte Bettina: „Den juristischen Teil der Sache erledigen wir in den nächsten Tagen, ich meine die Ueberfchreibung des Vorwerks, aber gehören muß dir Jägerhaus von dem Augenblick an, wo du den Grund und Boden bettittst."
Auch auf Vorwerk Jägerhaus gab es einen Inspektor. Es war ein jüngerer Mann von guten Monieren und gründlichem landwirtschaftlichen Können. Der neue Herr des Vorwerks stellte sich mit ihm sofort auf freundschaftlichen Fuß, und er handelte dabei sehr klug.
Allmählich gewöhnte sich Ottfried von Zweilinden an das neue Leben, aber er war innerlich doch nicht so gefestigt und selbstsicher, wie er äußerlich schien. Er trank gern, und dann flammte sein Jähzorn hoch, schuf Unannehmlichkeiten.
Hans 'Durhardt, der Inspektor, versuchte ihn vom Trinken abzubringen, doch es gelang ihm nur teilweise.
Ottfried von Zweilinden litt unter der Idee, die zehn Jahre weit drüben über dem Meer hätten ihm alles genommen, was gut an ihm gewesen. Er klagte Durhardt: „Was glauben Sic Mensch, in man für Kneipen ich 'rumgewüstet habe, und mit was für Dreck ich nur manchmal mein Brot habe verdienen müssen! Pfui Teufel, ausspucken möchte ich vor mir selbst, wie ich den Namen Zweilinden durch den Gassenstaub geschleift habe!"
Der andere fragte: „Haben Sie jemals Geld oder -Werte veruntreut? Haben Sie sonst Gemeinheiten begonnen, auf die hier Zuchthaus steht oder als Sttafe^die volle Verachtung aller halbwegs anständigen Menschen?"
Ottfried von Zweilinden schüttelte den Kopf.
„Unsinn! Ich sagte ja, getrunken habe ich und die ekelhaftesten Arbeiten gemacht. Reicht das nicht, mich hier in dieser sauberen Luft zu verachten?" Hans Durhardt lachte: „Sie sollten heiraten, Herr non Zweilinden, an Ihre Seite gehört eine gute, ein wenig resolute Frau, die Ihnen die Spinnennetze aus dem Kopf fegt."
Der andere blickte ihn nachdenklich und versonnen an. „Das wäre keine schlechte Idee, auf die Sie mich da gebracht hoben. Aber wer wird mich heiraten? Hier in der Gegend habe ich doch keinen guten Rui, nicht wahr?"
„Sie brauchen nur die Hand auszustrecken, und an ;edem Finger baumeln gleich zwei Mädels!" gab Durhardt zurück und streichelte seinen kleinen hellblonden Bart über der Oberlippe. „Sie sind ein wohlhabender Mann, sehen gut aus und haben eine interessante Vergangenheit, was wollen Sie noch mehr, so was reizt die Frauen."
Ottfried mußte plötzlich an Bettina denken. Schade, daß nicht er den Familienbesitz von seinem Vater geerbt hatte und Bettina ein armes Mädchen war. Dann hätte er vielleicht Hoffnung gehabt. Bettina war die Frau, die alle guten Eigenschaften in ihm hätte wecken können. Er freute sich immer wie ein verliebter Junge, wenn er sie in Zmeilinden besuchen konnte, und er genoß es wie ein besonderes Glück, wenn sie zuweilen zu ihm sagte: „Du gibst dir redlich Mühe, ein guter Landwirt zu werden!"
Der Winter verging, und da Bettina völlig zurückgezogen lebte, fiel es Ottfried nicht auf, daß Wulf Speerau niemals zu ihr kam, obwohl er chr nächster Nachbar war.,Auf dem Vorwerk war er ein paarmal gewesen, und Ottfried von Zweilinden besuchte ihn auch mehrmals auf Schloß Wiesental, das sich immer mehr dem Ruin näherte. Es war jetzt fast niemand mehr in der Umgebung ein Geheimnis, wie es um den Schloßherrn stand.
10.
Graf Speerau suchte seit langem in Frankfurt Heiratsvermittler auf und hatte auch in der Tochter eines reichgewordenen Maurermeisters, die der Titel „Graf" blendete, ein Opfer gefunden. Das versetzte Wulf Speerau in gute Stimmung. Seine Zukünftige war schon fünfunddreißig Jahre und wenig hübsch. Aber dos störte ihn nicht, er wollte ja nur ihr Geld, um weiterhin dos Leben zu genießen.
An deni Tage, da er sich ihr Jawort geholl und von ihren, Vater die Zusicherung, er würde von ihm am Hochzeitsmorgen eine bedeutende Summe aus- gezahlt erhalten, suchte er ein Weinlokal auf und trank zwei Flaschen Sekt, so daß er schon halb- berauscht nach der Kreisstadt kam. Dort ging er in bas Hotel „Eichkatz", bestellte schweren Burgunder und lud Ottfried von Zweilinden dazu ein, der heute Zum Dämmerschoppen hierhergekommen war.
Es war eine Woche vor Weihnachten, und draußen begann es zu schneien. Aber im Zimmer war es mollig warm, und alle Herren, die sich zusammengefunden, befanden sich in fröhlicher Stimmung. ^Bor der Flasche Burgunder saßen Ottfried von Zweilinden und Wulf Speerau. Sie tranken sich zu, und der Graf sagte: „Ich heirate nächstens, es ist mir zu einsam in Wiesental."
„Wer ist es?" fing man an zu raten.
©r lachte: „Die Derlobungskarten werden es melden."
Ein guter Bekannter flüsterte ihm ins Ohr, doch leiöer so laut, daß es alle hören konnten: „Es ist wahrscheinlich Bettina Claudius?"
Wie Eifersucht sprang es da Zweilinden an, und er wartete gespannt auf die Antwort des neben ihm Sitzenden.
Wenn jemand viel'getrunken hat, spricht er meist lauter, als er beabsichtigt, und so tarn die Antwort denn auch allen vernehmbar: „Nee, danke! Ich halle wohl mal im Frühling die Idee, aber ich bin froh mich noch rechtzeitig gedrückt zu haben." Dabei lächelte er ironisch.
Ottfried von Zweilinden taumeüe hoch, der ver- ächlliche Klang der Worte hatte ihm weh getan. Wie durfte es auch Speerau wagen, so von Betllna zu sprechen, von diesem Mädchen, die für ihn der Inbegriff von allem Guten und Reinen war. An deren Besitz er, trotz aller Sehnsucht danach, nicht zu denken wagte. Und nun redete dieser Mensch, dem man die Trunkenheit ansah, in wegwerfendem Jon von ihr. Er hatte auch ziemlich viel gettunken und fein Jähzorn mar leicht entfacht.
Er sah rote Kreise vor seinen Augen tanzen „Nimm diese Unverschämtheit zurück, Wulf!" schrie er den Grasen an.
Der zuckte die Achseln.
„Es ist doch keine Unverschämtheit, davon zu reden, was hier jeder weiß. Bettina Claudius hätte mich gern genommen, aber ich wollte sie dann nicht. Ein Mädel, das es einem zu leicht macht, reizt nicht mehr."
Da hob Ottfried von Zweilinden die Hand und schlug dem anderen ins Gesicht, einmal, zweimal dreimal.
Der Trunkene taumelte hoch, er mühte sich, nüchtern zu werden. Verschwommen empfand er, es mar etwas Furchtbares geschehen, und er wußte sich doch nicht zu helfen, wie er sich jetzt hätte helfen müssen.
Er streckte die Arme aus und wollte den anderen packen, aber Zmeilinden halle Riesenkräfte und schob ihn zurück. Drüben in Rio hatte er mit manchem Kerl gerungen, der Stierkräfte besessen.
Sie Herren mischten sich ein, versuchten, die zwei, die sich wieder aufeinanderstürzten, zu trennen, doch es gelang ihnen nicht, die Stöße und Püffe Zwei- lindens waren gefährlich. Bis auf die Straße boxte er den großen schlanken Wulf Speerau; und draußen riß er die Peitsche von seinem Wagen und schlug aus den andern los, schrie: „Renne, lauf, daß du heimkommst, sonst jage ich dich hiermit heim!"
Und dabei hob er drohend die Peitsche; und da begann der Graf zu laufen, so rasch er nur konnte, noch ein Stück verfolgt von Zweilinden.
Wulf Speeraus wüster Kopf begriff gar nichts weiter, als daß er vor dem wütenden Zweilinden ausreißen mußte. Er lief und lief, rannte Kinder und Erwachsene um.
.Er erreichte endlich die Chaussee, auf der,s toten- still war. Automatisch lief er weiter, immer weiter.
sFortsetzung folgt.)
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