Wie sie ihn bezwang
Originalroman von L. Schneider-Zoerstl.
Urheberrechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau i. S. 15 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Es hatte die ganze Nacht geschneit! Immerfort! Immerzu! Die Mauer, welche den Park von Ichenhausen umfriedete, sah aus, als trüge sie Watte auf dem Rücken. Der Teil vor dem Gutshof trug überzuckertes Eis und die Sträucher standen in hohen Puderhauben.
Zweimal schon hatte der Pferdeknecht die Auffahrt, frei geschaufelt, aber immer wieder schüttelte der Himmel das Weiß aus vollen Armen zur Erde herab. Dann endlich Schellengeklingel und das lustige Knallen einer Peitsche.
Merlin, der bereits seit einer Stunde von Fenster zu Fenster lief, eilte ins Freie und spähte lachenden Gesichtes unter das Lederdach des Schlittens. „Hast du ihn mitgebracht, Steffie?--Wahr und
wahrhaftig. Was so eine kleine Frau nicht alles zuwege bringt. Seit fünf Jahren das erste Weihnachten, das du zu Hause bist, mein Jung!" Er küßte erst die Tochter, dann den Sohn im Ueberschwang der Freude, lief voran und hielt eigenhändig die Türe für die Kinder zurück.
Stephanie vergaß alle Not. Nun sie wieder hier war, fiel die Sorge wie ein böser Traum von ihr ab. Das Haus roch nach Backwerk und Tannengrün, die Lisaweth hatte festlich gedeckt, und den großen Ofen im Speisezimmer ganz mit krachenden Buchenscheiten voll gesteckt. Steffie fühlte sich glückhaft geborgen. Die Güte ihres Schwiegervaters wirkte wie eine Sonne, die das alte Haus bis in den letzten Winkel durchleutete. Der Frohsinn ihrer zwanzig Jahre kam wieder zum Durchbruch. Sie erzählte von Wien und Elisabeths Hochzeit und wie hübsch alles gewesen sei, und daß die Mama nun so allein wäre.
Merlin warf nur ab und zu ein Wort dazwischen, ober es war gut und freundlich gesprochen,.was er sagte. Den alten Baron dünkte es ein unsagbar schöner Abend, er sonnte sich an den Strahlen der Schwiegertochter und dem ruhig gütigen Ernste des Sohnes. Sie paßten doch zusammen, die beiden, und Jörg hatte seine junge Frau ohne allen Zweifel herzlich lieb, denn als sie spät nach Mitternacht zusammen die Treppe hinaufstiegen, lag sein Arm um Stephanies Hüften, und ehe sie in ihr Zimmer trat, küßte er sie auf Mund und Wange.
Nichtsdestoweniger brachte der nächste Abend eine Katastrophe.
Stephanies Tante, eine Schwester chrer verstorbenen Mutter, hatte einen Riesenkorb auserlesener Blüten aus Italien geschickt, und während die junge Frau diese nun in Basen und Schalen ordnete, sagte sie über die Schulter hinweg zum alten Merlin: „Wenn es hier im Januar recht stürmt und schneit, fahren wir nach Rom, Papa!" Sie reichte ihm das Billett hinüber, das der Sendung beigelegen hatte.
„Ich bin nicht geladen, Klnb", «ehrte er dankend.
„Du gehörst zu mir! wer dich nicht aufnimmt, braucht auch mich nicht zu haben. — Wollen wir? --" Hans Jörg sah mit zusammenaeschobenen Brauen wie sie die Arme um den Hals des Balers legte und ihre Wange an die feine drückte. Sie schien überhaupt vergessen zu haben, daß auch er noch im Zimmer war, denn sie sprach nur für den alten Herrn. „Fahren wir über den Gotthard? --Oder willst du über den Brenner, Papa?"
„Wenn, dann über den Brenner, Kind!"
„Oh, fein! Die Mama hat mir Geld für einen Pelz gegeben. Ich habe aber schon drei. Was brauche ich da einen vierten. Wir nehmen Schlafwagen. ---Freust du dich, Papa?" Ihre
Augen strahlten ihn an. Mit einem herzhaften Kuß gab sie ihn frei, fuhr ihm über das Haar und war aus dem Zimmer.
Merlin blickte zu dem Sohn hinüber und hatte eine Frage in den Augen. „Du gönnst es ihr doch?"
„Was---"
„Die Fahrt nach Italien!"
Es kam nicht sogleich eine Antwort. Er steckte sich eine Zigarre in Brand und sagte ruhig: „Auf dem Rückweg könnt ihr dann über die Schweiz zu mir nach Konstanz kommen. Der Bodensee ist auch im Winter schön."
„Das ist eine Idee, Jung! Wirklich! Das heißt, vorausgesetzt, daß Steffie will."
Hans Jorg zuckte mit den Schultern. Bei Tisch wiederholte er sein Angebot. Stephanie wußte hernach selbst nicht mehr zu sagen, was sie auf einmal so widerspenstig gemacht hatte, als sie jetzt gleichgültig erwiderte: „Wollen wir, Papa?--Es paßt
mir eigentlich nicht recht in die Reisepläne. Ich wäre lieber über den Lido gefahren und von dort über Taroiso nach Wien. Aber wenn du nach Konstanz willst — komme ich natürlich auch nach Konstanz mit."
Hans Jörgs Weinglas fiel.
Sie streckte zwar noch rasch die Hand darnach aus, aber es war zu spät. Eine rote, rieselnde Flut ergoß sich über den weißen Damast und tropfte schwer und ölig auf den Perser, der den Boden überbrückte.
Stephanies Hand zitterte, als sie auf die Klingel drückte. Das Mädchen kam, eine frische Decke aufzulegen und sah verschüchtert in das böse Gesicht des jungen Herrn. Er konnte sich kaum so lange beherrschen, bis sie sich entfernt hatte. Die eine Hand auf der Tischplatte geballt, suchte er seinen Zorn niederzuringen. Es war umsonst. Stephanie fuhr zusammen, als er sie nun anschrie: „Ich möchte dich ein für allemal warnen, solch ein gewagtes Spiel zu treiben!"
„Ein Spiel?---"
„Schweig!---Wenn ich sage: Du kommst
zu mir nach Konstanz---dann kommst du!
Wenn du dir auch in Wien mehr Amüsements versprichst. Ich renne auch nicht hinter lauter Vergnügen her." Er fühlle seine Stirne von Schweißperlen überzogen und unterließ es, sie wegzuwischen.
Der alte Merlin suchte einzulenken: „Selbstver-
standNch kommt die Steffie, nicht, Kind? —'
Sie hielt, von allen guten Geistern verlassen, die Lippen aufeinandergepreßt.
„Sie kann es jetzt natürlich noch nicht mit Gewißheit versprechen , ängstigte sich Der alte Merlin. — „Wir wissen ja noch gar nicht, ob wir reifen, Jörg.---"
Hans Jörg atmete hörbar. Er mußte über Stephanie hinwegsehen, sonst vergaß er sich zum zweiten Male. Und gereizt durch ihr hartnäckiges Schweigen, grollte er von neuem los. „Außerdem möchte ich dir sagen, daß ich diese nächtlichen Ausflüge, wie du sie diesmal inszeniert hast, nicht wiederholt wissen möchte!"
Ihr Gesicht erblaßte. „Wie gemein von Oehme, eine Frau preiszugeben!"
„Oehme?---" Der Ruck, mit dem es ihn
Herumriß, sowie das grenzenlose Erstaunen in seinen Augen war so echt, daß sie ein lähmender Schrecken durchfuhr.--Was ist mit Oehme?
--Du willst doch nicht etwa sagen, daß du in jener Nacht bei ihm gewesen bist?"
„Jörg", schrie der alte Merlin auf. „Du weißt nicht mehr, was du sprichst.--—"
Aber dessen Stimme sprach ihn nieder. „Erlaube, Papa, nachdem du nun schon Zeuge unserer Auseinandersetzung bist, wirst du mir doch das Recht zugestehen müssen, daß ich meine Frau frage, ob sie nachts bei einem anderen Mann gewesen ist."
„Hans Jörg", bat Der alte Baron, als er sah, daß Stephanie völlig in sich zusammengesunken war. „Es ist ja unmöglich. Nicht war, Kind?" Sie schwieg und hielt, die Lider halb geschlossen, den Kopf gegen die Lehne des Stuhles zurückgedrückt. Nichts als ihre Haltung ließ die Schuld ahnen, deren sie sich zeihen mußte. „Ich kann auch Oehme selbst fragen, wenn du es vorziehst", sagte Merlin.
Ihr Rücken richtete sich langsam auf: „Ich--
war bei ihm!"
Sie wagte nicht, nach dem Schwiegervater hinüberzusehen und blickte starr nach dem Muster des Teppichs.
„Auf seinem Zimmer?" frug Hans Jörg.
„Im Wintergarten des Hotels Bristol." Ihre Wangen flammten wie Mohn.
„Hat er dich dort hinbestellt?"
Der alte Merlin wußte nicht mehr aus und ein. „Steffie", mahnte er bittend.--Und noch einmal:
„Steffie!"
Ihr Blick irrte noch immer an ihm vorüber, als sie Antwort gab: „Ich habe ihn dort ausgesucht."
„Zu welchem Zweck?"
Sie klemmte die Hände ineinander, daß deren Nägel sich gegenseitig tiefe Eindrücke schufen. „Ich war so verzweifelt", stieß sie heraus.--„Ich
hatte niemand als ihn.--" Das Letzte war kaum
vernehmbar.
„Du hattest niemand als ihn!" Hans Jörg sah nach den Fenstern, hinter deren hellbeleuchteten Scheiben der Schnee weiß und lautlos zu Boden fiel. „Das sagt eigentlich alles. Ich schlief in deinem Zimmer! Deine Mutter eine Etage unterhalb. --Er war eine Stunde von dir weg!--Und zu ihm gingst du! Er wird mir Rechenschaft geben
müssen, was zwischen euch gewesen ist. Eine Frau läuft nicht nächtlicherweile zu einem Mann, mit dem sie nichts verbindet.--Im Grunde genom
men tut er mir leid. Er war nie ein guter Fechter!"
Stephanies Gesicht Erstarrte in jeder Linie. „Ich nehme alle Schuld auf mich."
„Das ist sehr löblich", sagte er sarkastisch. „Es macht aber die seine nicht wett, denn sie wiegt doppelt, weil er mein Freund ist.---Schließlich ist
das eine Sache, die zwischen Männern ausgefoch- ten wird. Du brauchst dich also nicht weiter zu erregen."
Sie war am Ende aller Kraft und jeglichen lieber- legens: „Ich habe ihn um Auskunft gebeten--
mit wem du in Konstanz lebst!"
Zum zweiten Male drohte das Weinglas zu stürzen. Diesmal war es das des alten Merlin. Jörg hatte noch rasch darnach gefaßt und bekam nur einen Tropfen auf die Hand gespritzt. Er tupfte ihn mit der Serviette weg und sagte lakonisch: „Du scheinst mich ja für ein feines Subjekt zu hatten. Auf einer Stufe mit Heiratsschwindlern, Haremsbesitzern und dergleichen. Sehr schmeichelhaft zu wissen, wie du von mir denkst.--Aber deshalb
hättest du wahrhaftig nicht Oehmes Dienste in Anspruch zu nehmen brauchen. Es gibt in Konstanz eine Menge Detektivbüros. Ich würde dir Achett und Meichler empfehlen. Sie haben Die besten Detektive/
Ohne Darauf zu achten, Daß sie mit einem Aufschluchzen Das Gesicht gegen Die Kante Des Tisches fallen ließ, ging er nach Der Tür, pfiff Draußen Den HunDen und verließ Das Haus.
Der alte Merlin faß eine Weile reglos, Dann, als sie aufschnellte, um ebenfalls Das Zimmer zu verlassen, sagte er gütig: „Bleib, Stephanie. Wenn sein Blut verkühlt ist, kommt er wieDer. Morgen ist alles anDers. Aber Du mußt keine Sorge haben, Kind. Er hintergeht dich nicht." Um sie abzulenken, holle er Das Schachbrett herbei. Als er sie Das zweitemal matt gesetzt hatte, legte er ihr Die HanD auf Den Arm. „Laß Steffie. Es geht heute nicht. Und schlaf Dich froh, Kind. Es ist schaDe um jede StunDe, Die man sich überflüssige Sorgen macht. Es kommen Der anDeren noch genug, Die tiefer greifen."
Stephanie aber dachte, es könne keine mehr tte- fer gehen, als die sie jetzt erfuhr. Erst gegen drei Uhr früh hörte sie den Schritt des Gatten draußen auf dem knirschenden Schnee dem Hause zugehen. Einer der Hunde bellte und wurde mit kurzem Pfiff zurchtgewiesen. Die schwere Eichentüre schlug scharf ins Schloß.
Wissen, wo er gewesen war!
Langsam, als trage er eine ungeheure Müdigkeit in Den Füßen, tarn er Die Treppe heraus, machte an ihrem Zimmer halt unD ging Dann weiter. Leise schnappte die Türe auf Der anDeren Seite Des Kor- riDors ein.
Die Augen taten Stephanie weh unD Das Gehirn begann zu streiken. Das letzte, was sie klar zu denken vermochte, war, ich gehe zugrunde dabei.
Die Mutter hatte wahr gesprochen: man bezwang durch Liebe nur Dann, wenn diese erwidert wurde.
(Sortierung folgt.)
I
16r>2D
Verwandten, Freunden und Bekannten die schmerzliche Nachricht, daß unsere liebe, treusorgende Mutter, Schwiegermutter, Großmutter, Schwester, Schwägerin und Tante
Fran Marie He Wer Wwe.
geb, Brück
am Samstag, nachmittags 2.45 Uhr, nach langem schweren, mit Geduld ertragenem Leiden in dem Herrn sanft entschlafen ist.
In tiefer Trauer:
Karl Heubinger m d Frau, geh. Kühn Friedel Heubinger und Frau. geb. Schäfer Otto Scholl und Frau, geb. Heubinger Erich Becker und Frau, geb. Heubinger und sechs Enkelkinder.
Gießen (z. Z. Dammstr. 46), den 6. März 1933.
Die Beerdigung findet am Dienstag, dem 7. März, nachmittags 3V2 Uhr, von der Kapelle des Neuen Friedhofes aus statt.
1601 D
!
Die Beerdigung findet statt- Dienstag, 7. März, nachmittags 2 Uhr.
In tiefer Trauer: Katharine Reitz und Kinder nebst allen Angehörigen
Leihgestern, den 6. März 1933.
Am 5. März 1933 entschlief sanft nach schwerem Leiden mein lieber Mann.unser heizensguter Vater, Schwiegervater, Großvater, Bruder. Schwager und Onkel
Georg Heinrich Reitz
Nachtwächter L R.
im vollendeten 65. Lebensjahr.
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1. Bericht des Ge- schöftsführ.f.1932
2. Satzungs-Aende- rung (§25)
3. Verschiedenes.
Der Vorstand.
HßiitinalionalB Volkspartei
Der Bund Königin Luise, Ortsgruppe Gießen, lädt unsere Mitglieder zu einer morgenlTicnstag), abends um 8 Uhr, im Stahlhelmheim stattfindenden
Inn-Feier
(mit Lichtbildervortrag) ein. Wir bitten um recht zahlreiche Beteiligung. msD
Der Vorstand.
A.-V.
Zusammenkunft der
Damen
Donnerstag, den 9. März, nachmittags imHotelKöhler^,^ Stadttheater
Gießen istsD Dienstag, 7. März, 20 — n. 22.30 Uhr 22. Dienstagabonn. Gewöhnliche Preise Zum letzten Mal!
Ter Bundschuh Bauernkriegsdrama von Karl Neurath


