Wandern und Reisen • Bäder und Sommerfrischen.
Vetrachtungen eineSReisekoffers.
Don Hans Ratonet.
3m Anfang war meine rindslederne Haut glatt wie die eines jungen Mädchens: man riecht beinahe noch den Stall und die Weide, die Gerberwerkstatt und die Fabrik. So glänzte ich eine Weile in unberührter Frische im Schaufenster. Dann kam ein Liebhaber — lange beäugte er mich durch die Scheibe — der nahm mich und hatte Gröhes mit mir vor: Reise- Pläne ...
Zunächst aber wurde noch nichts daraus. Untere erste Reise ging bloß nach Eisenach. Da lag ich zum ersten Male im Gepäcknetz: was dem Matrosen die Hängematte, das ist für uns Reisekoffer das Gepäcknetz. Ein Reisender legte ein eisenbeschlagenes schweres Riesending von Holzkiste auf meine blanke Haut. Als mich mein Herr besorgt und erzürnt von der Last befreite, hatte ich meine Schramme weg. Ich hätte ihn gern getröstet, das ist nun einmal die Feuertaufe des Reisekoffers, jetzt bin ich eingeweiht, frischer Dreck ziert den Soldaten.
Bei der Abreise in Eisenach stand der Portter vom „Goldenen Löwen"' da, in der Hand einen mächtigen bunten Zettel, die Zunge bereit, ihn zu feuchten. „Halt", sagte mein Herr, „lassen Sie, nicht auf den neuen Koffer I" Enttäuscht verschwand die Zunge in den für sie bestimmten Raum. Da ging ein Ueberlegen über das Gesicht meines Herrn: „Also meinetwegen, pappen Sie mal ihren Löwen drauf, aber bitte hier, wo die Schramme ist."
So wurde der „Goldene Löwe" die erste Erinnerung meiner ersten Pfingstreise. „Das Köfferchen der gnädigen Frau auch?", fragte der Portier, und beleckte eifrig den zweiten Zettel. „Rein bitte nicht", flüsterte das Fräulein. Dann marschierten wir zur Dahn.
Gin Jahr später kam mein Herr zu Geld — wie, weih ich nicht. Ich bin ja nicht der wundertätige fliegende Koffer aus dem Märchen. Da hättet ihr ihn sehen sollen, wie sich der erwachsene Mann benahm I Er fing an alle möglichen Dinge in mich hineinzustopsen. und dabei plapperte er tolles Zeug vor sich hin, es war ein Durcheinander wie in meinem Innern, dann räumte er wieder aus und fing von vorn an, und dann sah er mit hochrotem Kopf über Atlanten und Reisebüchern, von denen er eine Menge zwischen Schuhen und Kragen verstaute.
Wir fuhren nobel nach Rom. mein Herr und ich Der Schlafwagen-Steward pappte ein kleines diskretes Etikett auf meine Außenseite. Es folgte das „Grandhotel" in Rom. „Imperial" in Reapel, dann aings an Bord, der Matrose vom Gepäckraum drückte mir das bunte Zeichen seiner Schifffahrtsgesellschaft auf. Hier seht ihr eine Säulenhalle zwischen Palmen, das ist das „Majestic"- Hotel in Palermo auf Sizilien: gleich daneben findet ihr den kleinen bunten Riederschlag der Ueberfahrt auf dem Llotzddampfer nach Afrika.
Cs folgen ein paar nicht ganz billige Hotels in Tanger, Alexandria und Kairo. Für die Rückreise über Spanien müht ihr euch schon auf die andere Seite bemühen: vorn war ich schon voll- pcpappt. Denn auch die Zollbehörden kleben oft ujre schwer entfernbaren Etiketten auf meine Haut — als Gegenstück zu den vielen Stempeln im Reisepah.
Das war eine Reise, damals. Aber inzwischen ging auch die Lebensfahrt weiter, bergauf, talab, wie das Schicksal will. Mein reicher Herr wurde arm.
Wie ihr mich jetzt seht, liege ich auf dem harten Holz dritter Klasse unterwegs nach Bitterfeld ^geschäftlich): wie ein bunter, seltsamer exotischer Bogel im Käfig hocke ich da, und die Reisenden
begucken mich neugierig: Die Palmen von Palermo und das „Select-Hotel" in Marseille, das Kasino von Rizza. die Schiffe mit den drei Schornsteinen, bte Leuchttürme von Seebädern. Der Personenzug rattert gemütlich durch die Gegend, und die Leute lesen staunend von mir ab, wo ich überall gewesen bin. Am liebsten möchten sie mich noch umdrehen, um auch auf der anderen Seite mitzureisen. 3m kleinen Coups
ist die weite schöne Welt, und draußen ist die Gegend von Bitterfeld, Tlnd zwischen all den scheckigen Zetteln ist noch einer, den mein Herr nicht hat überkleben lassen: das ist jener erste Zettel vom „Goldenen Löwen" in Eisenach, und da- ist eine Erinnerung, die bleiben soll, auch wenn es wieder auf große Fahrt geht, und sogar bis nach Friedrichsroda.
Reisebries aus dem Jerchiesgadener Land.
R a m f a u bei Berchtesgaden, Sommer 1933.
Wer von den Höhen des Watzmanns den schön- heitstrunkenen Blick schweifen läßt über die Herrlichkeit der deutschen Alpen, versteht Ganghofers Wort: „Wen Gott lieb hat, den läht er fallen in dieses Land". Es hind Heuer Tausende, die hier ihre Erholung suchen. Berchtesgaden Stadt und Land wiesen dieser Tage eine Besucherziffer von ijber 21 000 auf. Der Bahnhofsplatz bietet ein Bild fast wie der von Frankfurt. Es wimmelt von Menschen. Schier lebensgefährlich ist das Ueberschreiten der Straße. Kraftfahrzeuge aller Art sausen durcheinander. Nicht nur die Erkennungsmarken aller deutschen Gebiete beobachtet man — auch V O ist zu- weilen zu sehen — auch ausländisch? Wagen bringen ihre Insassen in dieses Paradies der deutschen Alpen. Die Einheimischen scheinen fast alle im Dienst des Fremdenverkehrs zu stehen — kein Wunder, da die Zahl der Gäste die Einwohnerzahl um ein Vielfaches übertrifft. Selbstverständlich wird von den Bewohnern der reichsdeutschen Alpen die Grenzsperre gegen Oesterreich sehr wohltuend empfunden, da alle Alpenfahrer, die sonst nach Tirol, Salzburg, Steiermark ufro. gingen, in diesem Jahr diesseits der schwarz-gelben Grenzpfähle bleiben mußten. Dazu hat das Berchtesgadener Land besonders seit diesem Jahre eine große Anziehungskraft gewonnen, indem es die Wahlheimat des Reichskanzlers ist. Bekanntlich hat der Führer sich am Obersalzberg bei Berchtesgaden einen Ansitz im alpenländischen Stil erworben und vergrößert. Dieses „Haus Wachenfeld" ist geradezu zum nationalen Wall- fahrtsort der Kurfremden geworden. Es wird er- zählt, daß neulich bei Anwesenheit des Kanzlers einmal 900 Menschen das Haus umlagerten, um ihn zu sehen, womöglich seine Stimme zu hören. Wenn Adolf Hitler durch die Dörfer fährt, um- brandet ihn ein Begeisterungssturm, den er in wohltuender Schlichtheit und Herzlichkeit erwidert. Beim Unterwirt in der Ramsau sperrten sie ihm neulich die Straße und umjubelten seinen Wagen.
Die eingeborenen Landleute erhoffen von ihm die Rettung aus fast hoffnungsloser Bedrängnis und Wirtschaftsnot.
Das mit landschaftlichen Reizen überaus gesegnete Berchtesgadnische Land ist in landwirtschaftlicher Beziehung sehr arm. Ackerbau gibt es fast keinen. Ich greife beispielsweise das Tal der Rams- auer Ache heraus: Nur auf der Sonnenseite der steilen Hänge ist dürftiger Anbau von Roggen und Kartoffeln möglich. Sonst muß die Bevölkerung von der Weidewirtschaft und von den Erträgnissen des Waldes (eben. Bei der geringen Rentabilität und der dadurch bedingten großen Primitivität der Wirtschaftsformen lag der Lebensstandard der Alm- bauern schon hart an der Grenze des Eristenzmini- mums. Das wurde seit Einbruch der Wirtschaftskrise noch katastrophaler: die Viehpreise stürzten, was sich bei der kleinen, geringgewichtigen Pinzgauer Rasse noch drückender bemerkbar machte. Der andere Ernährungszweig, der Holzhandel, erfuhr eine ähnliche Einengung. Die Preise sanken so sehr, daß sie die Fällung nicht mehr lohnten. Geldknappheit und Arbeitslosigkeit waren die Folge. Die
Kleinbauern muhten Schulden kontrahieren, um die notwendigsten Lebensrnittel zu kaufen. Zahlreiche Gehöfte kamen unter den Hammer. Es ist auffallend, daß gerade die schönsten und stattlichsten Bauernhäuser in die Hand fremder Geldleute gerieten und so dem bodenständigen Bauerntum verloren gingen. Da hat die nationalsozialistische Bewegung der in völliger Verzagtheit befindlichen Bauernschaft neuen Auftrieb geliehen. Nicht hoch genug ist das psychische Moment einzuschätzen, daß der Schimmer neuer Hoffnung in die Herzen eingezogen ist. Der Kanzler gilt als der Bauernkanzler schlechthin. Es ist für unsere Tage typisch, daß die alte deutsche Heldenoerehrung, gerichtet auf die Person Adolf Hitlers, sich mit wirtschaftlichen Momenten verbindet.
Das wird im Berchtesgadener Land besonders sinnfällig, weil eine starke Hebung des Fremden- Verkehrs sich unmittelbar mit der Person des Kanz- lers verbindet. Natürlich kann dieser Sommergäste- betrieb keine Rettung des Bauerntums in vollem Umfang bringen — es kann sich nur darum handeln, daß den Einheimischen dadurch Einnahmen zuflie- hen, mit denen die notwendigsten Schulden der letzten Jahre abgedeckt werden können. In dem weit- ausgedehnten Gebiet der Gemeinde Ramsau sind zur Zeit alle zur Verfügung stehenden Betten besetzt, etwa 1200, d. h. mehr als die Gemeinde Einwohner hat. In früheren Jahren waren es um dieselbe Zeit etwa 300. Bemerkenswert ist die soziale Schichtung der Gäste. Ausgesprochene Geldleute sind selten — die suchen schlichte Gebirgsorte nicht auf. Die meisten Fremden entstammen der bürgerlichen Mittelschicht. Den weitaus größten Prozentsatz bilden Beamte und Angestellte, auffallend viel Eisen- bahner und Postbeamte der mittleren Kategorien. Also Leute mit bescheidenem Geldbeutel, die das Jahr über sparsam leben, um ihren Urlaub im Hochgebirge verbringen zu können. Damit hängt es zusammen, daß meist kurzfristige Gäste hier Jinb. Dreiwöchiger Aufenthalt ist eine Seltenheit. Stark ist durch viele Privatautos der Durchgangsverkehr — Leute, die im eigenen Kraftwagen kommen, ein, zwei Tage bleiben und dann kilometerfressend wei- terfaufen. Den Ansässigen sind die langbleibenden Gäste lieber.
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Der ständischen Zusammensetzung entspricht das Publikum, dem man auf Bergwanderungen begegnet. In den Zentralalpen, in den Oetz- talern, Stubaiern, Zillertalern, Tauern, überwiegt der eigentliche Alpinist, der Edelweißstern des deutsch- und österreichischen Alpenvereins beherrscht auf den Hütten das Bild. Hier im Berchtesgadni- fchen besteht eine bunte Mischung aller Stände und sozialen Schichtungen. Ob das den bergsteigerischen Sitten allewege zuträglich ist, steht dahin. Der echte Hochalpinist wünscht nicht, daß Strandbadallüren auf die höchsten Berge steigen. Denn die Hochalpen sind heiliges Land, in das nur Menschen mit tiefer Ehrfurcht gehören. H.
Wanderfahrten.
Station JrifbdRaufen — Saljböbdat — Oberwalgern — Fronhaustn.
Van der Station Friedeihausen ausgehend, überschreiten wir die Lahnbrücke und kommne über da» anmutig am Berghang gelegene Ovenhausen in bat liebliche Salzböbekal, bas von bewalbeten Höhen um- säumt ist. Nachdem wir bas Dorf Salzböde durch- schritten haben, erreichen wir die reizvoll Gelegene Schmelz, wo von April bis Oktober Wirtschaft betrieben wird. Immer den Bach aufwärts gehend, kommen wir an der Rauchmühle vorbei zur Stein- furthsmühle, wo wir auf die Landstraße gelangen, der wir nach rechts folgen. Bei dem hochgelegenen Dorfe Ober-Walgern bieten sich uns prächtige Blicke über bas Lahntal nach Spieaelslust, Frauenberg, lotenberg und Staufenberg. Abwärts ftcigenb erreichen wir nach knapp breiftünbiger Sßanberung unser Enbziel Fronhausen.
Gießen — Krofdorf — firofborfer Forst — Dünsberg — Obermühle — Bieber.
Eine für Dünsbergbesucher empfehlenswerte Wanderung ist die Begehung der gelben Strichmarkie- rung, die in Krofdorf ihren Anfang nimmt. Wir gehen zunächst die Landstraße nach Krofdorf, wo bei der Hauptstraße die gelben Striche beginnen. Gemeinsam mit den roten Strichen geht cs die Fel» lingshäuser Straße aufwärts zum Wald, wo sich ein schöner Rundblick über die Burgen hinweg nach den Vogelsberger Höhen und den Taunusbergen bietet. Hier wendet sich der rote Strich links, während unser Zeichen geradeaus in den Wald geht. Auf einsamen, vielfach gewundenen Wegen durchstreifen wir den ausgedehnten Krofdorfer Forst, um nach geraumer Zeit auf die Frankenbacher Straße zu landen, die wir überschreiten und auf einem Feldweg zum Fuße des Dünsbergs gelangen, wo sich am Waldrand wieder ein hübscher Ausblick bietet. Der Aufstieg zum Gipfel des Serges ist von dieser Seite äußerst bequem. Nachdem wir uns auf der Höhe erfrischt und die prächtige Rundschau vom Turm genossen haben, folgen wir weiter den gelben Strichen abwärts über drei Ringwälle, um später bei der Obermühle das Biebertal zu erreichen. Eine interessante Erscheinung ist unterwegs das Verschwinden eines Baches in der Erde, der erst wieder in den Wiesen bei der Obermühle zutage tritt. Wir verlassen jetzt das Zeichen und gehen an den Mühlen vorbei nach unserem Endziel Bieber. Wanderzeit etwa fünf Stunden.
Reisewinke.
Das idyllische Weserbcrgland.
Daß das schöne Weserbergland zu den billigsten Reisegebieten Deutschlands gehört, beweist der neue Sommerfrischen- und Gaststätten- Führer, den der Derkehrsverband Weserbergland in Hameln neu herausgegeben hat. Es sind nur ganz wenige Orte in diesem Gebiete, in denen man Pensionspreise über fünf Mark findet, dafür ist aber die Zahl derjenigen Orte um so größer, in denen man Unterkunft und Derpfle- gung für 3,50 bis 4,50 Mark pro Tag erhalten kann. Desondere Anmerkungen, wie „Liegewiese". „Forellenfischerei", „eigene Landwirtschaf?', „mitten im Walde", lassen darauf schließen, daß man hier fast überall idyllische Ruhe und auch besondere kulinarische ®enüffe erwarten darf. Eine Karte des Weserberglandes, ein Fahrplan der Oberweser-Dampfer sowie kleine Beschreibungen der Ortschaften und schöne Bilder ergänzen das Heftchen.
Sprechstunden der Redaktion.
11J0 bi» 12.30 Uhr, 16 bl» 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen.
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