Ausgabe 
5.5.1933 Erstes Blatt
 
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Oie stummen Gäste von Zweilinden

Roman vonAnny vonpanhuys.

Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.

32 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Molly seufzte:Ich habe Joachim über alle Maßen lieb, und wenn es nötig wäre, teilte ich Armut und Not mit ihm, aber ich möchte mich nicht mit meinen Eltern verfeinden. Ich bin vor allem schon froh, weil Sie mich nicht lieben, damit ist schon ein großer Schritt weiter getan." Sie blickte ihn unter Tränen an.Nun wir beide nichts voneinander wissen wollen, könnten wir doch gute Freunde sein wie vorher, nicht wahr?"

Er nickte:Gern, Baronesse, sehr gern will ich Ihr guter Freund sein, und wenn ich Ihnen irgend­wie in Ihrer Liebe beistehen kann, dann verfügen Sie nur über mich. Wenn ich schon nicht glücklich werden darf, möchte ich wenigstens Ihnen dazu ver­helfen."

Molly schaute ihn ein Weilchen stumm an, dann blitzte es in ihren Augen auf.

Mir geht etwgs durch den Kopf" lächelte sie, wodurch ich möglicherweise am leichtesten ans Ziel kommen könnte. Vielleicht ist die Idee verrückt, und Sie werden nicht darauf emgehen, aber ich würde zunächst damit erreichen, daß Vater nichts argwöhnt und Joachim nicht entläßt, und dann"

Er drängte:Wir sind gute Freunde, also heraus mit der Katze aus dem Sack!" Es klang fast fröhlich.

Der Ton ermutigte Molly, und sie erklärte ein bißchen verlegen:Also, wenn Vater jetzt etwas merkt, wirft er Joachim augenblicklich hinaus, das steht fest, und der Aermste hat nicht einmal Gelegen­heit, sich ihm erst unentbehrlich zu machen, was doch für unsere Liebe sehr günstig wäre. Vater ist ein bißchen sehr bequem geworden in den letzten Jahren und überläßt sämtliche Außenarbeiten dem Inspektor. Der alte Dinges vertrat ihn in allem, und wenn der nicht gestorben wäre, würde Vater gar nicht daran gedacht haben, eine junge Kraft zu suchen, obwohl das nach meiner Meinung längst notwendig gewesen wäre. Und nun meine ich", sie stockte,nun denke ich"

Ich bin Ihr guter Freund, Baronesse Molly, und unter guten Freunden ziert man sich nie, nicht wahr?"

Sie nickte, nahm einen Ansatz:Da denke ich, es wäre vielleicht das allerbeste, wir beide spielen ein bißchen Komödie, tun so, als wenn wir uns lieben. Ich erkläre Joachim die Wahrheit, und wir gewinnen Zeit, in der sich Joachim meinem Vater unentbehrlich

machen kann. Vater hat es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, Sie sollen sein Schwiegersohn werden, und man muß ihn durch irgend etwas davon ab­bringen. Wir überlegen das noch gründlich. Aber vorläufig haben wir beide doch noch Ruhe."

Konrad von Zweilinden war verwundert über den Vorschlag Mollys. Er wandte ein:Wäre es nicht besser, Sie sprechen ganz offen mit Ihren Eltern?"

Sie schüttelte lebhaft den Kopf.Es käme weiter nichts dabei heraus als ein Riesenkrach. Vater schickte mich dann einfach in die Einsamkeit zu Tante Alma. Sie hat ein Gütchen in der Rhön, wo es öde ist, daß man das Sprechen verlernt, und Joachim jagte er vom $)o\ wie einen aufsässigen Knecht. Bitte, lieber Herr von Zweilinden, wenn Sie wirklich mein guter Freund sein wollen, erfüllen Sie meinen Wunsch. Ich habe die Hoffnung, auf diese Weise zu meinem Glück zu kommen." Sie nahm seine Hände.Wir spielen Brautpaar, aber die Verlobung müssen wir noch hinauszuschieben versuchen. Später setzen wir dann irgendeinen Krach in Szene, und mein Vater, bei dem sich Joachim inzwischen beliebt gemacht hat, wird nicht mehr so wählerisch sein. Wenn ich erst mit Joachim verheiratet bin, erkläre ich Vater die volle Wahrheit. Bitte, gehen Sie darauf ein."

Sie blickte ihn flehend an, und es wurde ihm schwer, zu erwidern:Die Idee ich Unfug, das dürfen wir nicht tun." Um die Worte zu mildern, zog er ihre Rechte an seine Lippen.

In diesem Augenblicke kamen Bettina von Zwei­linden und die Baronin Rückert am offenen Pa­villon vorbei. Sie vermuteten das Paar nicht darin und traten näher, weil die Gutsfrau der Besucherin die Neuausstattung des Pavillons zeigen wollte.

Eben küßte Konrad von Zweilinden Mollys Hand, und als die Damen eintraten, machte das junge Paar verlegene Gesichter, weil sie beide mit ihren Ge­danken noch immer bei dem Gespräch waren, das sie soeben erst geführt hatten.

Frau Bettina frohlockte. Den beiden sah man Ja sofort an mit was für einem Thema sie sich be­schäftigt hatten. Dem Himmel sei Dank: nun fand Konrad wohl bald sein altes, fröhliches Lachen wieder und vergaß über Mollys Liebreiz das spa­nische Erlebnis.

Die Baronin Rückert lächelte:Hier drin sitzt es sich angenehm; ihr habt euch ein gemütliches Plätz­chen ausgesucht."

Sie blickte Molly ein wenig fragend an.

Molly dachte, die Gelegenheit sei günstig: sie wollte Konrad von Zweilinden zwingen, auf ihren Plan einzugehen. Wozu war er denn ihr Freund, wenn er ihr jetzt nicht half! Sie fand, ihr Plan bot ihr die Sicherheit, mit ihrer Liebe zu Joachim glatt an das ersehnte Ziel zu kommen. Die sonst nicht beson­ders Dreiste zupfte Konrad von Zweilinden ver­traulich am Aermel.Darf ich verraten, worüber

wir einig geworden sind?" Ihre Augen baten gar so eindringlich.

Frau Bettina lächelte:Da sind wir aber neu­gierig."

Molly log lächelnd und vergnügt:Wir haben uns eben verlobt, Konrad und ich, aber mit der öffentlichen Verlobung möchten wir noch warten bis zum Herbst. Wir finden, das Heimliche an einer Verlobung ist das Allernetteste."

Wenn Konrad von Zweilinden die Baronesse jetzt nicht bloßstellen wollte, mußte er nun auf alles ein­gehen.

Zunächst umschlangen ihn jetzt die Arme seiner Mutter.Mein lieber Junge, das habt ihr recht gemacht." Sie küßte ihn und wan! fr sich Mollys Mutter zu.Was meinen Sie dazu, luue Baronin?"

Jadwiga Rückerts schmales, blasses Gesicht rötete sich ein wenig.Ich bin entzückt, liebste Frau von Zweilinden, aber wir haben es ja gewußt, daß sich unsere Kinder fürs Leben finden mußten, und ich freue mich sehr, daß es nun soweit ist."

Sie umarmte Molly, reichte Konrad die Hand, die er küßte, und dann ließ sich Molly in Frau Bettinas Arme ziehen. Sie straylte. Ihr kam es vor allem daraus an, den Vater in Sicherheit zu wiegen. Er durste nicht ahnen, daß sie mit dem jungen Inspektor im Einverständnis war. Allzu schnell würde der Vater sonst ihrer wunderschönen Liebe ein Ende machen.

Die Eltern Mollys und Frau Bettina waren sehr für eine recht baldige offizielle Verlobung, aber das Paar bestand sonderbarerweise darauf, erst im Herbst die Verlobung zu feiern, und schließlich mußte man sich damit einverstanden erklären.

Oft waren die beiden fortan zusammen, die nun in der Familie und auch schon etwas außerhalb der Familie als heimlich Verlobte galten. Vor den anderen spielten sie ihre Rollen gut, sie nannten sich du" und taten verliebt: wenn sie sich aber allein befanden, nannten sie sich, um in der Hebung zu bleiben, zwar auchdu", aber sie erzählten sich gegenseitig nur von ihrer richtigen Liebe.

Molly berichtete, wie der junge Inspektor immer mehr Fortschritte in der Gunst ihres Vaters machte, und Konrad beschrieb ihr immer wieder, wie fremd­artig schön das Mädchen war, das seine Mutter nicht als seine Frau sehen mochte. Er deutete an, es gäbe allerdings auch einen Hinderungsgrund, den er im Sinne feiner Mutter auch achten müsse.

Sie bedauerte ihn gar sehr, und einmal meinte sie: Vielleicht räumt dir ein gütiges Geschick den Hin­derungsgrund doch noch aus dem Wege."

Er blickte traurig.Nein, Molly, der Hinderungs­grund ist niemals zu beseitigen, ich habe mich ja auch mit dem Verzicht auf meine Liede abgefunden, aber sehr weh tut das Herz doch manchmal."

Nur einer wußte Bescheid, wie es um das Liebes­

paar in Wirklichkeit stand. Das war der junge In­spektor vom Karlshof. Er küßte die hübsche Baronesse wie ein Verschmachteter und bat oft:Wir wollen deinem Vater die Wahrheit gestehen; paß auf, so kommen wir nie zum Ziele!"

Sie lachte ihn aus.Doch, wir kommen zum Ziele! Mach dich beim Vater nur recht beliebt; wenn dann mein offizieller Bruch mit Konrad von Zweilinden kommt, ist der Vater leichter zu gewinnen."

Joachim brummte:Es kommt nichts Gescheites bei der Geschichte heraus!"

Molly aber blieb zuversichtlich.

Konrad von Zweilinden hatte Joachim Werbeck kennengelernt, und er fand ihn äußerst sympathisch. Joachim Werbeck war so groß wie er, hatte ein frisches, offenes Gesicht; er arbeitete, als wäre Karls- Hof sein eigener Besitz, den er mit aller Kraft in hie Höhe bringen müßte.

Der Kerl, der lange Lulatsch Werbeck, ist ...cht mit Geld zu bezahlen", lobte Baron Rückert seinen Inspektor zu Konrad von Zweilinden,sein Vor­gänger war ja 'ne gute, olle, ehrliche Haut, aber von soner Scharwerkerei hatte der keinen Dunst. Der junge Kerl ist eine Kraft allerersten Ranges, den gebe ich nicht mehr her. Ich muß ihn nur mal ein bißchen mit der Nase draufstoßen; es gibt hier viele hübsche Mädels in der Nähe. Ein verheirateter Inspektor ist seßhafter. Er soll heiraten. Ich will mich einmal nach einem Mädel für ihn umtun, da­mit mir der prächtige Kerl nicht eines Tages durch die Lappen geht."

Konrad von Zweilinden berichtete das Lob wort­getreu an Molly, und diese strahlte ihn an:Siehst du, Konrad, mein Joachim ist auf dem besten Wege, dem Vater unentbehrlich zu werden, und das ist die Hauptsache! Alles andere wird sich schon finden."

Er zuckte die Achseln. ,Hch habe keine Ahnung, wie wir wieder voneinander loskommen, ehe uns die öffentliche Verlobung droht. Mir ist nicht ganz geheuer bei diesem Gedanken."

Nur nicht feige sein, mein lieber Freund", lachte Molly zuversichtlich,kommt Zeit, kommt Rat!"

22.

Angela war immer froh, den Verkaufsoormittag hinter sich zu haben. Es wurde ihr so schwer, fröhlich zu scheinen, und man verlangte geradezu von ihr ein lächelndes Gesicht, weil man es von ihr gewöhnt war. Angela gab sich Mühe, es ihren Kundinnen recht zu machen. Aber sie atmete jeden Tag auf, wenn sie die lächelnde Maske ablegen und an sich denken Durfte.

Sooft sie am Bahndamm vorüberkam, erinnerte sie sich an den glückseligen Sonnentag, an dem sie mit Konrad von Zweilinden hier ein Stückchen neben der Strecke entlang gegangen war, und sie glaubte wieder seine liebe Stimme zu hören und seine Lippen auf den ihren zu spüren. (Forts, folgt.)

301 ov

Die trauernden Hinterbliebenen.

Aliendorf (Lumda), den 5. Mai 1933.

Lieh, den 5. Mai 1933.

30Q7D

Die Beerdigung findet Samstag, den 6. Mai, nach­mittags 3 Uhr statt

Von Beileidsbesuchen bittet man abzusehen.

Die Beerdigung findet Sonntag, den 7. Mai. nachm. 1% Uhr statt

2303 D

Die trauernden Hinterbliebenen:

Wilhelm Stein nebst allen Angehörigen.

Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, meine liebe, gute Frau

Marie Stein, geb. Jung heute vormittag 1114 Uhr infolge einer schweren Ope­ration zu sich in die Ewigkeit zu nehmen.

Todesanzeige.

Heute morgen verschied plötzlich und unerwartet unser guter Vater, Schwiegervater, Großvater, Bruder, Schwager und Onkel

Christoph Bingel

Zimmermeister

im nicht ganz vollendeten 65. Lebensjahr.

Am 3. Mai entschlief sanft nach kurzem schweren Leiden in der Klinik zu Gießen unsere liebe Mutter, Schwiegermutter, Groß­mutter, Urgroßmutter, Schwester und Schwägerin Frau Anna Margarete Reitz, geb. sdunidt im 78. Lebensjahre.

Im Namen der trauernden Hinterbliebenen t Familie Wilhelm Reitz Fräulein Margarete Reitz Familie Wilhelm Hlllgfirtner Familie Albert Benner nebst allen Angehörigen.

Heuchelheim, Gießen, den 4. Mai 1933,

Die Beerdigung findet Samstag, den 6. Mai, nachmittags l/,3 Uhr, von der Marktstraße 34 aus statt

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