Ausgabe 
4.7.1933 Erstes Blatt
 
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Vornan von Helma von Hellermann.

9. Fortsetzung. Nachdruck verbotenl

Wie traurig sie ihn ansah, die vor einer halben Stunde noch so heiter, unbeschwerter Lebensfreude voll, in seinen Armen durch den hellen Saal ge­glitten.

'Ich rufe an", versprach er und nickte ihr leise lächelnd zu. Da schwand die Trauer aus dem reizen­den Gesicht. Morgen war bald ...

Hans-Heinrich Gelder wurde wunschgemäß an fei­nem Klub abgesetzt. Dann schoß der Wagen Pfeil- geschwind auf der langen, fast leeren Allee weiter gen Westen, wo sich Magnus Steinherr fern vom Stadttrubel und nahe seinen Werken ein altes Jagd­schloß zum Heim erworben hatte. '

Sie scheinen sich hier draußen auszukennen", be­merkte er zu dem Fremden neben sich, der mit an­gespannter Aufmerksamkeit geradeaus sah und, so- bald sie die Stadtgrenze überschritten, höchste Ge­schwindigkeit einschaltete. Das gleichmäßige Sum­men des Motors war das einzige Geräusch hier draußen auf der Chaussee, die weiter oben in einen Wald mündete.

Schon als Kind kam ich hierher mit meinen El­tern, wenn die Königlichen Herrschaften ein Garten­fest für die Kinder ihrer Familie veranstalteten", er­widerte Georg von Vandro, ohne den wachsamen Blick von der Straße zu wenden.Und als Student machte ich öfters Ausflüge mit Bekannten hierher. Später hieß es, das Schloß fei verkauft. Es ist schön hier draußen, schön und einsam."

Deswegen liebe ich es", sagte Steinherr. Er schwieg einige Augenblicke.Was sind Sie von Be­ruf, Herr von Vandro?" fragte er dann unver- mittelt.

Der lächelte.Kunsthistoriker, Herr Steinherr, aber auch Ski- und Tennislehrer, oder auch Ein­tänzer, je nach Bedarf."

Seit wann müssen Sie..."

Seit vier Jahren."

Steinherr stellte keine weiteren Fragen.Es ist nicht leicht", sagte er nur.

«Was ist leicht heutzutage, Herr Steinherr", sagte der Jüngere ruhig.

Die Antwort gefiel Steinherr. Er runzelte die Stirn, dachte nach.

Nun fuhren sie zwischen hohen Bäumen dahin auf gepflegtem Weg, der nur spärlich von Laternen er­hellt war. Ein großes eisernes Tor gebot Halt. Auf mehrfaches Hupen flog es, vom seitwärts liegenden Portierhäuschen aus geöffnet, auf. Wieder ging es, jetzt allmählich ansteigend, durch herrlichen alten Baumbestand weiter, dem Haus aus hellem Gestein zu, das in seinen einfachen, schmucklosen Linien den Eindruck fturmfefter Standhaftigkeit machte.

«Wie schön Sie es restaurieren ließen", freute sich Vandro, für den Augenblick feine Stellung als Un­tergebener vergessend.Wie gut paßt die breite Ter­rasse über die Säulen und der Freitreppe da haben Sie Wände herausbrechen lassen!"

Nur das Nötigste, was für heutige Behaglichkeits­ansprüche unbedingt erforderlich war, wurde gemacht, auch möglichst wenig abgeholzt", antwortete Stein- Herr und.wies nach links.Da hinten liegt die Garage."

Er fuhr mit, wartete, bis Vandro den Wagen hineinmanöiriert hatte, und ging, den jüngeren Mann an feiner Seite, dem Hause zu. Zwischen den Bäumen leuchtete der Himmel im rötlichen Dunst über der nächtlichen Stadt. An der offenen Tür stand ein Diener in dunkler Livree. Steinherr übbrgab ihm seine Garderobe und bedeutete Vandro, ebenfalls abzulegen. In dem großen Arbeitszimmer, dessen sachliche Nüchternheit den Zweck des Raumes scharf betonte, griff der Hausherr nach dem Glaskasten mit Zigaretten auf dem Schreibtisch und bot davon sei­nem Gast an.

Setzen Sie sich, Herr von Vandro!" Sein Blick ruhte forschend und freundlich auf dem Gesicht des Mannes vor ihm.Ich möchte meinen Findling gern näher kennenlernen."

11. Kapitel.

Spät war es, als die beiden Männer sich trennten. Aus dem Fragespiel war ein unbefangener Gedan­kenaustausch zweier Menschen geworden, die viel Gemeinsames ineinander entdeckten und sich dessen freuten. Dann wurde der Ton des Stahlmagnaten plötzlich wieder geschäftsmäßig.

Ich kann Ihnen keine Extrastellung schaffen, Herr von Vandro, aber wenn Sie sich mit derjenigen eines Chauffeurs begnügen wollen, bis Besseres sich bietet, so können Sie die am heutigen Abend übernommene Tätigkeit gleich weiter ausüben."

Ohne sich zu überlegen, verneigte sich Vandro:Ich nehme Ihr gütiges Angebot mit vielem Dank an, Herr Steinherr." Er erhob sich, stand straff vor sei- nem^ neuen Herrn.Wann befehlen Sie morgen

Um acht Uhr fahre ich nach den Werken." Ein kurzes Ueberlegen.Der Weg nach der Stadt zu­rück ist weit, nur per Zug möglich. Es wäre am besten, Sie übernachteten gleich hier, um morgen früh pünktlich zur Stelle zu sein. Geht das? Gut." Der Diener erschien, erhielt Anweisung, den Gast aus der Garderobe des Hausherrn mit dem Nötig­sten zu versorgen.Das Turmzimmer, Schmidt. Gute Nacht, Herr von Vandro." Steinherr war auf- gestanden. Ein fester Händedruck. Die Blicke der beiden Männer suchten und hielten sich.

Vandro verneigte sich. Nun war dieser sein Herr. Und irgendwie Freund. Er spürte es. Ihm war, als sei.ihm ein großes, unverdientes Geschenk zuteil geworden.

Es schlug gerade drei Uhr, als Georg von Vandro das ihm angewiesene Gastzimmer betrat und auf die

Stadt hinunterschaute, deren Lichterfülle nun auf einzelne helle Flecke zusammengeschrumpft war. Irgendwo da drüben schlief das blonde Mädchen mit den dunklen Märchenaugen, deren Zauber er vom ersten Erblicken an verfallen. Träumte sie wieder von trauriger Not, gaukelten freundliche Bilder um das schmale Lager in der ärmlichen Stube? Ob sie einmal heute seiner gedacht, dessen Gedanken sie un­entwegt suchten, seit er sie gestern gesprochen? Ach, daß ihr Weg sich endlich wende ...

Dir dienen ^dürfen", dackte der Mann in heiß aufquellender Sehnsucht.Gäbe es ein größeres Glück?"

Als Steinherr allein war, trat er an feinen Schreibtisch, überflog im Stehen die Privatkorre­spondenz, die sein Sekretär ihm bereitgelegt hatte, und schob sie stirnrunzelnd beiseite. Nichts von Be- lang. Hätte Erlenlinder alles selbst erledigen können. Ein parfümierter Brief flog ungeöffnet in den Pa­pierkorb. Es gab allzuviel Frauenherzen, die sich nach Abenteuern und Geld sehnten. Sein Blick fiel auf das Bild der Kalesso, das in einer Ecke des Schreibtisches stand. Sie war nicht besser als die an­deren, nur amüsanter, glitt leicht über die Oberfläche des Lebens dahin wie ein Schmetterling durch die Sonne. Er nahm das gutgetroffene Bild im Silber­rahmen in die Hand.

Aber wie er es näher betrachten wollte, geschah es, daß das pikante Brünettengesicht sich in ein blasses Frauenantlitz mit blondem Haar verwan­delte, dessen graugrüne Augen ihn unter schweren, breiten Lidern anstarrten mit zwingendem Bann. Macht ist alles", sagte die klanglose Stimme leise. Wußte diese Frau von dem Ehrgeiz, der ihn ver­zehrt und vorwärtsgepeitscht, bis alle anderen Ge­fühle seiner Seele verdorrten? Ueberreich war ihm der Tisch des Lebens nun gedeckt, und doch hungerte er wie nie zuvor? War Macht wirklich alles? Ge­heimnisvoll glänzten und gleißten die unergründ­lichen Augen.Keine Spur von Güte", hatte sie selbst gesagt. Aber schillernder Reiz lockte und viel­leicht Gefahr! Wann je hatte die ihn geschreckt?

So hart legte der Mann die Photographie mit dem Bild nach unten auf die Schreibtischplatte, daß das Glas mit leisem Klirren mitten durchbrach. Er reckte die Schultern, hob den Kopf. Seine Züge ver­härteten sich. Fort mit dem Geisterspuk; schon rief der neue Tag.

12. Kapitel. Gnädigste Gräfin!

Wenn Sie wüßten, wie oft ich Ihrer gedacht mit tausend guten Wünschen, daß auch Ihnen For­tuna hold gewesen sein möchte, wie ungeduldig ich den Tag herbeisehne, der mir das Glück eines Wiedersehens mit Ihnen beschert! Werden Sie den Unbescheidenen schelten, der es wagt, Sie zu bitten, ihm den halben Tag der Freiheit zu schen­ken? Zum Fest würde er, feierten Sie mit!" Leise vor sich hinlächelnd, faltete Wera Wettern den Brief zusammen und legte ihn wieder in die

Handtasche. Wozu las sie ihn eigentlich noch? Kannte sie nicht jedes Wort auswendig? Wie einen Talis­man hatte sie ihn diese vier Tage mit sich herum­getragen mußte solch guter Wunsch nicht Erfül­lung bringen?

Aeußerlich hatte der Zauber versagt, noch immer wanderte sie den harten Weg der Arbeitsuchenden, fristete ein kümmerliches Dasein von der kärglichen Unterstützung, die das Reich seinen Millionen Armen zu gewähren imstande war, konnte oft nicht schlafen, weil sie Hunger quälte. Aber innerlich wirkte der Trost. ,

Etwas Neues war in ihr Leben getreten, fest jener Mann ihren Weg gekreuzt, ein Lichtstrahl'hatte öas Dunkel zerteilt. Jedesmal, wenn Wera Wettern an ihn dachte, spürte sie eine leise Wärme im Herzen, das so lange gefroren in völliger Verlassen- he>t. Wie das starre Eis des Winters dahinschmolz unter dem sieghaften Leuchten der Sonne, so regte pd) auch in der Seele des Mädchens unter all den Narben von Not und Leid neuer Wille zum Leben, neue ^dnsucht nach Licht. Wie hätte sie dem freunb« r- fe*ne Bitte abschlagen können?! Freute

sie sich nicht auch auf das Wiedersehen?

'F5faVJnDerf°r,cll 3og sie das schwarze Kostüm, die weißseidene Bluse an, die sie vorher sorgfältig ge­waschen hatte. Hoffentlich bemerkte man nicht die gestopften Stellen unter dem Arm allzusehr; die billige Seide riß so leicht. Mit echt weiblicher, kaum ie geübter Koketterie zupfte Wera das blonde Haar zu weicher Fülle unter dem kleinen Hut hervor, lächelte dem feinen Mädchengesicht zu, das sich mit freudegeröteten Wangen im Glase widerspiegelte.__

Wahrhaftig, sie sang ja leise vor sich hin, ohne es zu wissen. *

Georg von Vandros Augen leuchteten, als er die schlanke Gestalt auf sich zukommen sah. So schwebend war ihr Gang, so anmutig die Haltung; unter der zarten Haut flutete das Blut. Reizend sah sie aus, nDton°*c^ schöner, als seine Sehnsucht sie gesehen.

Wie soll ich Ihnen danken, daß Sie mir diese Freude machen, Gräfin!" Er hielt ihre Hand, suchte den Blick dieser wundervollen Augen, deren samtene Tief wie dunkle Sonnen strahlte.

Sie erwiderte den warmen Blick, froh und unbe­fangen.In den Dank müssen wir uns teilen denn ich kam gern", sagte sie offen.

In des Mannes Gesicht zuckte es vor verhaltener Bewegung. Ob sie wußte, wieviel sie ihm schenkte mit diesem Wort? Gern hätte er ihre Hände geküßt; aber feit dem ersten Kennenlernen hatte Wera es ifjm verboten:Ein Händedruck ist mehr." So wagte er es nicht.

Gemächlich gingen sie nebeneinander durch den Park, an dessen Eingang sie sich getroffen hatten, suchten, ohne sich dessen bewußt zu fein, die stillen Seitenwege auf und merkten es nicht, daß sich das Gewölk an kurz zuvor noch leuchtend-blauen Himmel allmählich verdichtete, so vertieft waren sie ineinander._____________________(Fortsetzung folgt.)

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