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Nr. 30 Zweites Statt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Samstag, 4. Sebruar 1935 '■"I ' -jg
Außenpolitische Umschau.
Don Or. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an tkr Universität Äerlin
Der Regierungswechsel in Deutschland bedeutet in der Außenpolitik, vor allem in der Abrüstungs- srage keine Veränderung. Rur daß der Druck der nationalen Geschlossenheit, die Deutschland hinter seine Gleichberechtigungsforderung stellt, jetzt noch stärker und wirksamer werden wird, wie das auch der neue Reichswehrminister in seiner Kundgebung an die Wehrmacht sehr bestimmt und klar ausgesprochen hat. So geht also Deutschland in dieser Beziehung jedenfalls mit erhöhter Kraft an die Wiederaufnahme der Abrüstungsgespräche in Genf. Bisher sind sie nicht recht in Gang gekommen. Auch das neue englische Programm Hot die Arbeit bisher nicht vorwärts gebracht. Das liegt daran, daß einmal Frankreich durch seine innere Krise viel behinderter ist als Deutschland, in Genf energisch mitzuarbeiten, -und sodann, daß die nun zur letzten Krise kommende fernöstliche Angelegenheit alles andere überragt.»
Die sog Schlichtungs- oSer Dermittlungsaktion auf Grund von Art. 15 Abs. 3 ist gescheitert. Das wurde am 21. Januar vom 19er-Ausschuß ausdrücklich festgestellt. Die Vorbereitung des Schluhberichtes auf Grund von Art. 15 Abs. 4 nähert sich dem Ende. 3n wenigen Tagen soll die außerordentliche Vollversammlung endgültig darüber entscheiden. Die Tendenz ist, den Lytton-Bericht noch stärker im antijapani- schen Sinne zu verschärfen. Das heißt, daß die Versammlung nachdrücklich feststellt, der neue mandschurische Staat sei nicht aus dem Willen der Bevölkerung entstanden. China handle lediglich aus erlaubter Selbstverteidigung, so daß das gegenwärtige Verhalten Japans als kriegerischer Angriff bezeichnet würde. Besonders die kleineren Stachen sind sehr scharf antijapanisch und drängen auf noch bestimmtere Fassung: Vichtanerkennung des mandschurischen Staates und Verurteilung Japans. Dieser Teil der Versammlung, der der Zahl der Delegierten nach sicher die Mehrheit ist, hat keinen Zweifel, daß ein solcher Bericht zum Austritt Japans führen würde, den man aber der jetzigen. für den Völkerbund ganz unmöglichen Lage vorziehen möchte. Einem kleineren Teil geht der Bericht zu weit und das ist neben Frankreich vor allem England.
England hat durch Simons und auch Drummond eine entschieden japanfreundliche Politik machen lassen. Es scheint bereit, die Mandschurei anzuerkennen. Ja, es heißt, als bereite sich da ein Zusammenspiel vor, in dem die Mandschurei bei Japan bleibe, England aber freie Hand erhielte zur Errichtu ng eines ebenso unabhängigen Tibet. Das würde wieder bedeuten, daß England bei Japan stehen würde, wenn dieses immer entschiedener nach China hinein a u f P e - k i n g zu stieße, und man findet schon Aeuherun- gen, die aus dieser englisch-japanischen Solidarität die vollständige Aufteilung Chinas herauskommen sehen. Das schießt weit über das Ziel hinaus. Aufteilung Chinas? Davon hat man in den 90er Jahren geredet. Dieses Riesengebiet von Hunderten von Millionen Einwohnern? Es ist ganz unwahrscheinlich, daß England einen für sich so gefährlichen Weg gehen würde, um so mehr, als, wie wir glauben, England heute größere Sorgen hat als Tibet. Was könnte England von einem unabhängigen Tibet heute für seine Bedürfnisse und Äöte im Ernst haben?
Immer bestimmter läßt Japan ankündigen, daß es den Völkerbund verlasse, wenn dieser den japanischen Angriff gegen China feststelle, und daß es die sog. asiatische Monroedoktrin vorbereite. Es erklärt weiter, daß es beim Austritt aus dem Völkerbund die Mandatsgebiete nicht zurückgäbe, sondern als Kriegsbeute, die diese Inseln ja seien, behalten werde. Und sein Kriegsminister fügt, in Beantwortung der Stalinschen Erklärung über Fünfjahrplan und militärische Verteidigung Rußlands, icharfe Aeußerungen gegen Rußland hinzu, die er zugleich mit einer Warnung an China verbindet. Das ist eigentlich gleich etwas viel, sich so nach allen Seiten und gegen alle zu wenden! Und das nur in der Erwartung, daß England und Frankreich Japan freie Hand lassen würden! Auf eine direkte Unterstützung von beiden Seiten wird man in Japan selber nicht rechnen. So
drängen sich jetzt die Genfer Sorgen ganz überwiegend auf diese Frage zusammen.
Das Ministerium Paul-Boncour hat nicht lange gedauert. Sein Finanzminister Chsron ist an seinen Finanzresormvorschlägen gescheitert, am Widerstande der Gewerkschaften, der sozialistischen Parteien, der Beamten und daher auch eines Teiles der eigenen Kabinettskollegen. Der Wirrwarr um diese Sanierungspläne war erstaunlich. Es hat keinen Zweck, sie im einzelnen zu besprechen, da sie mit dem Sturz des Kabinetts erledigt sind. Aber was bleibt ist die Finanznot, das Defizit im Staatshaushalt, das für 1933 rund 10i Milliarden Franken beträgt in jeder Stunde um li Millionen Franken wächst! Ein Staat mit diesem Rie- sengoldoorrat ist in einer solchen Lage! Man kämpst darum, ob man durch, wie Chsron sagte „eine nationale Anstrengung zur Rettung der Finanzen oder eine uferlose Anleihepolitik mit Sturz der Währung" das Defizit beseitigen will. Gescheitert ist das Kabinett daran, wie das jetzt in Frankreich häufig vorkommt, daß die Regierung mit einer Linksmehrheit eine Finanzpolitik machen will, die den Interessen der Rechten, des Rentners und Bürgers entspricht. Aber die Lohn- und Gehaltsempfänger setzen sich dagegen erfolgreich zur Wehr und damit ist die Lage bezeichnet, die sich für keinen Nachfolger ändern wird, wenn dieser nicht einen einheitlichen Willen im Sinne des damaligen Finanzministers Poincars betätigt. Denn die Kammer wird ihm ganz gewiß diese Finanzsanierung nicht machen.
So ist der Sturz der Regierung Paul-Doncours am 28. Januar schnell gekommen und recht rühm- los. Der Ministerpräsident Paul-Boncour hat nichts geleistet. Run ist er der Außenminister im neuen Kabinett Daladier und kann sich wieder auf das Feld begeben, das er für sein eigentliches hält. Aber das neue Kabinett ist nur ein anderer Faden von derselben Sorte. Es steht ebenso vor der Frage, wie die Sozialisten sich zu ihm stellen werden. Daladier betont seine Linksorientierung und Herriot als neuer Parteivorsihender tut dasselbe. Aber dann muß man eben auch in der Finanzfrage eine Linkspolitik machen. Das wird sich so eine Weile weiter im Kreise drehen. Die Krise ist gar nicht imposant, aber die düsteren Unkenrufe, mit denen Tardieu nach acht Monaten wieder auf die politische Bühne getreten ist, sind keineswegs ernst zu nehmen. Daß Tardieu wieder an die Macht kommen möchte, weiß jedermann. Aber wenn das Kabinett stürzt, ist die Krise nicht beseitigt, die in Frankreich auch sicherlich nicht eine Krise der Demokratie ist, sondern eine der Wirtschaft und ganz besonders eine der Staatsfinanzen.
De B a ler a hat sein kühnes Spiel gewonnen. Die Wahlen, zu denen er sich schnell entschloß, haben ihm am 24. Januar die absolute Mehrheit gebracht. Bon 153 Stimmen hat er 77, die Mehrhat allerdings nur mit einem Sitz. Auch Die englische Presse erkennt diesen Erfolg rückhaltlos an. Wie de Balera sagt, „ist die nationale Politik jetzt endgültig festgelegt", nach menschlichem Ermessen wird er 5 Jahre Präsident des irischen Freistaates sein und getragen vom Vertrauen des Volkes seine Politik machen können. Die Kompro- mihrichtung Cosgrave ist geschlagen. De Valera hat den Erfolg davongetragen mit einem ganz offenen Wahlkampfe, ohne Versprechungen, mit Dem Appell an den irischen Rationalismus und einer Agrarpolitik für die kleinen Dauern.
Wie geht das nun weiter? Der Treueid, । schon längst sehr umstritten, kann nun beseitigt werden. Vielleicht wird auch der Posten des Generalgouverneurs abgeschafft. De Valera will eine unabhängige irische Republik, natürlich einschließlich des nordirischen XUfter. Vor- dringlicher freilich muh ihm sein die Regelung der Landzinszahlungen an England und namentlich die wirtschaftliche Umstellung Irlands. Solange dieses mit seiner ganzen Ausfuhr von England abhängt und England die schwere Waffe des Zollkrieges hat, gehen die Hoffnungen auf ein freies Irland in die Luft. England wird schwerlich mit Gewalt Irland zurückerobern, wenn dieses sich schlechthin freimacht. Ein englisch-französischer Krieg liegt so außerhalb jeder Wahrscheinlichkeit, daß für England heute die strategische Position Irlands auch weniger wichtig ist. Aber ein solches freies Irland würde wirtschaftlich tot fein. So wird wohl de Valero nur langsam Vorwärtsgehen, um eine Zwischenlinie zu finden, die schließlich auch Eng
land in Frieden akzeptieren kann. Lind dann findet sich vielleicht auch ein Kopf, der — was de Valera heute noch nicht kann oder tut — die irische Frage in den großen Gesamtrahmen einspannt, Der mit den Worten: Beschlüsse von Ottawa bezeichnet ist.
Damit kehren wir wieder in die Weltfragen zurück. England hat die Einladung Amerikas zur Besprechung der Kriegs- schuldensrage angenommen, aber (etwas verschleiert) tatsächlich die wirtschasts- und währungspolitischen Vorschläge Hoovers und Roosevelts abgclehnt. Maßgebliche Aeußerungen aus England lassen auch erkennen, daß man zwar die Rückkehr zum Goldstandard in ihrer Bedeutung für den wirklichen Aufbau erkennt, aber die damit verbundenen Opfer nur mit großen Garantien bringen will. Diese wieder sucht man, wie der Schahkanzler in Birmingham am 29. Januar gesagt hat, in internationalen Abmachungen nach den Genfer Richtlinien, das soll also heißen: wenn die Weltwirtschaftskonferenz zu erfolgreichen Maßnahmen für die Herabsetzung der Zölle käme, würde England Zug um Zug zur Goldwährung zurückkehren. Das ist genau das, was Amerika nicht will. Auf Chamberlain antwortete Hoover sofort: gerade die Lleberschwemmung Amerikas mit Waren aus Ländern mit entwerteter Währung schüfe die Gefahr, die Schuldner sollten daher erst ihre Währungen stabilisieren, um eine neue
Welle von Zollerhöhungen zu vermeiden, infon* Derhcit natürlich auch Amerika.
Damit verschiebt sich der Kamps um die Kriegsschulden immer mehr, und wird er immer deutlicher zu einer englisch-amerikanischen Auseinandersetzung, zu einem Konkurrenzringen Englands und Amerikas im Welthandel. Schon sind diese Linien zu erkennen. Schon auch die Gefahr, daß bei solcher Verbindung von Schulden, Goldstandard und Zollpolitik die Weltwirtschastskon- serenz nichts schaffen kann. Lind beinahe von Tag zu Tag wird Daran deutlicher, wer die stärkeren Waffen in der Hand hat. Amerika kommt immer mehr ins Gedränge. An Roosevelts Vorstoß sieht man aber: er weiß, daß die Zeit gegen Amerika arbeitet. Die innere Schuld steigt ins Riesengroße, die Zahlungsfähigkeit feiner Schuldner finkt. Herabsetzung der inneren Schuld hängt mit Herabsetzung oder Streichung der Kriegsschulden eng zusammen. Lind wenn England bei der Entwertung des Pfundes verharrt, muh schließlich der Dollar folgen. Der neugewählte Präsident ist in einer Zwangslage, die er dem allgemeinen Optimismus der „Prosperityjahre" und der Unfähigkeit des Vorgängers verdankt. Fast möchte man heute schon bei ihm an die alte Geschichte von den Sibyllinischen Büchern denken. Er muß sich entschließen, aber der Entschluß, der Opfer kostet, wird teurer, je länger er hinausgeschoben wird!
Vor der Zweierbob-Weltmeisterschaft in Schreibechan.
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21m 11. und 12. d. M. wird in Schreiberhau (Riesengebirge) die diesjährige Weltmeisterschaft im Zweierbob ausgetragen, zu der viele hervorragende Mannschaften ihre Meldung abgegeben haben.— Im Bilde links: Kilian-Huber, die aussichtsreiche deutsche Mannschaft; rechts: eine Kurve in der Bobbahn von Schreiberhau.
- Buntes Allerlei.
Wie man in Italien Autodiebe bestraft.
Das neue italienische Gesetzbuch hat mit dem juristischen Unfug, Autodiebe nur wegen Des Benzinverbrauchs geringfügig zu strafen, erfreulicherweise Schluß gemacht. Es gibt nichts mehr auf die spitzfindige Auslegung, daß sich einer ja nur Der „vorübergehenden Aneignung einer fremden Sache" schuldig gemacht habe, wenn er einen Wagen vom Plah wegnimmt, während das Herausschrauben der Llhr als Raub mit Zuchthaus gesühnt werden kann. Strolchfahrten kommen jetzt teuer zu stehen. Harmlose „Stadtausflüge" nicht minder. Soeben hat das römische Tribunal ein Urteil gefällt, dem man abschreckenden Charakter nicht absprechen kann. Ein junger Mann namens Razzarenus besah sich auf dem
Apostelplah Die parkenden Wagen, wählte sich einen aus, öffnete mit falschen Schlüsseln Schlag und Zündung, fuhr los. Als der rechtmäßige Besitzer später vergeblich seinen Wagen gesucht und die Formalitäten auf der Polizei erledigt hatte, stellte er sich als betrübter Fußgänger an die Via Vittorio Veneto und würde wohl inS Grübeln verfallen sein, wenn nicht mit aufreizender Eleganz ausgerechnet sein Wagen an ihm vorbeigefahren wäre. Sprung ins nächste Taxi, Verfolgung wie im Film. Entschuldigung des Razzarenus vor Gericht: daß er angehalten und den Wagen stehengelassen habe, sei doch der beste Beweis dafür, daß er ihn — Voraussetzung für Diebstahl — nicht behalten wollte. Dafür hatte der Richter aber kein Verständnis. Ein Jahr Zuchthaus und nachherige Hebertoeifung
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