Nr. 152 Erstes Blatt
183. Zahrgang
Montag, 3. Juli 1935
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Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.TKyriot; für den übrigen Teil Lrnst Diumschein und für denAn- zeigenteil i. D. Th.Kümmel sämtlich in (Bießen.
Amerika und England lehnen die Währungsformel ab.
Keine Einigung mit den Golvstandard- ländern. — Ein neuer englischer Vorschlag.
London, 3. Juli. (WTB.-Funkspruch.) Staatssekretär Hüll erklärte heute vormittag, er habe heute früh von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten eine Mitteilung erhalten, die die Stellungnahme der amerikanischen Regierung zu den Vorschlägen über eine internationale Maßnahme auf dem Gebiet des Währungswesens auseinandersetze. Er gebe diese Mitteilung als Staatssekretär und nicht als Führer der amerikanischen Delegation in London bekannt, da es sich bei dieser Frage um eine reine Angelegenheit des Schatzamtes handele, für die die Delegation niemals zuständig sei. In der Mitteilung Roosevelts heißt es u. a.:
„Ich würde es als eine Katastrophe betrachten, die einer Delttragödie gleichkäme, wenn sich die große Konferenz der Rationen, die einberufen wurde, um allen Rationen größeren Wohlstand zu geben, durch ein Experiment, das nur die Währungen einiger Rationen betrifft, von ihrer Aufgabe ablenken la f - s e n würde. Das gesunde innere Wirtschaf l s s y st e m einer Ration ist ein größerer Faktor für ihren Wohlstand als der Stand ihrer Währung und die wechselnden Bedingungen der Währungen der anderen Rationen. Die Vereinigten Staaten suchen jene Art des Dollars, der nach einer Generation die gleiche Kaufkraft Hal, wie der Dollar, den wir in naher Zukunft zu erreichen hoffen. Dieses Ziel bedeutet mehr für das Wohl anderer Rationen als ein für ein oder zwei wonale feslgelegter Kurs des Pfundes oder des Franken. Unser größtes Ziel ist die dauernde Stabilisierung der Währungen aller Rationen, wenn die Welt sestumrissene Pläne für die Mehrheit ihrer Rationen ausarbeitet, um ausgeglichene Staatshaushalte zu erhalten, und innerhalb ihrer Mittel zu leben, dann können wir die bessere Verteilung von Gold und Silber als Reserve für die nationalen Währungen erörtern. Auch für den Welthandel ist die zeitweise Festsetzung von Währungen nicht die wahre Antwort. Die Konferenz ist einberufen worden, um grundlegende wirtschastsübel zu heilen. Sie darf nicht von dieser Aufgabe abgelenkt werden."
Die Erklärung des Präsidenten Roosevelt ist in Kreisen der Goldwährungsländer sehr pessimistisch ausgenommen worden. Obwohl eine endgültige Stellungnahme noch nicht erfolgt ist, hört man, die Holländer seien der Ansicht, daß durch diese Erklärung die Konferenz die Bet- handlungsbasisverloren hat. Die Franzosen sind ebenfalls bestürzt. Man rechnet damit, daß die Goldwährungsländer heute nachmittag eine gemeinsame Erklärung abgeben werden.
wie „Daily Telegraph" meldet, hat M a c d o - n a l d den Vertretern der Goldslandardländer mit- gekeill, daß Großbritannien sich ihrer Erklärung über den Goldstandard ohne Amerikas Teilnahme nicht anschliehen kann. Gleichzeitig habe der Premierminister gesagt, daß eine Erklärung Großbritanniens bevorstehe, für die gegenwärtig die Zustimmung der Dominien nachgesucht werde.
England lehnt die Entschließung der Goldwährungsländer ab.
Die in Aussicht genommene britische Erklärung hat nach dem „Daily Telegraph" folgenden Inhalt: 1. Es sei nicht wünschenswert, daß Staaten einen Währungswettkampf beginnen, um im internationalen Handelsverkehr einen zeitweiligen Vorteil zu erlangen, indem sie den ausländischen wert ihrer Währungen herabsehen.
2. Es sei wünschenswert, daß die Stellen, die die Währungen revidieren, Schwankungen in den Devisen, die von der Spekulation verursacht werden, soweit einschränken, wie ihre Hilfsquellen es erlauben.
„Daily Telegraph" meint, eine solche Erklärung würde den Goldländern das notwendige vertrauen einflößen, ohnedahdadurchder Sterlingkurs verzettelt werde. Ein Anschluß Englands an die Goldwährungsländer würde von Amerika als feindliche Maßnahme betrachtet werden.
Die englisch-russische Vereinigung
Freilassung der Ingenieure. — Aufhebung
der Einfuhrverbote.
London, 1. Juli. (TU.) Eine Verlautbarung des englischen Außenministeriums bestätigt den erfolgreichen Abschluß der Verhandlungen zwischen dem englischen Außenminister Simon und dem russischen Außenkommissar Litwinow. Die Strafe gegen die beiden englischen Ingenieure wegen Spionage wird aufgehoben. Sie werden sofort entlassen und kehren nach England zurück. Die englische Regierung hebt mit sofortiger Wirkung das Einfuhrverbot für russische Waren auf, wogegen sich die russische Regierung verpflichtet, sofort sämtliche Gegenmaßnabmen gegen das englische Einfuhrverbot aufzuheben.
Dankgottesdienst in den evangelischen Kirchen Preußens.
Berlin, 2. Juli. (ERB.) Aus Anlaß der Kirchenneuordnung waren heute die evangelischen Kirchen Preußens außer mit der Kirchenfahne auch mit schwor zweißroten und Hakenkreuzfahnen geschmückt. In allen preußischen Kirchen fanden Dankgottesdienste statt. Besonders eindrucksvoll war die Feier im Berliner Dom. Als das Geläut der Glocken verklungen war, hielten die Vertreter des evangelischen Oberkirchenrates und des Konsistoriums ihren Einzug, an ihrer Spitze Wehrkreispfarrer Müller und der Staatskommissar für die evangelische Landeskirche Preußens, Ministerialdirektor Jaeger.
Wehrkreispfarrer Müller
hielt die Predigt über das Wort aus dem Johannes-Evangelium: „Der Geist ist es, der das Leben schafft". Tille, die dem Aufbruch der Ration mit innerster Anteilnahme gefolgt seien, fühlten sich in tiefster Seele mit dem Ewigen verbunden, weil sie wüßten, daß gerade der Mann, der von Gott gesandt worden sei, das Vaterland zu retten ein so einfaches starkes, unkompliziertes Gottvertrauen habe. Die Kirche müsse das Wort Gottes in der Sprache unserer Zeit verkündigen, wenn sie wieder die innere Verbindung zum Herzen des Volkes finden wolle. Gott möge den Kämpfern unserer Tage tiefe innerliche Demut und lebendige Kraft von oben geben, bis endlich der Sieg erreicht sei, der die Einheit von Kirche und Volk schaffe. Die Gemeinde stimmte dann das Lutherlied „Ein feste Vurg ist unser Gott" an.
In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche legte
Pforrer Hossenfelder
seiner Predigt das Wort aus dem Römerbrief zu Grunde: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt Über ihn hat". Kirche und Volk dürfen nicht auseinanderbrechen, denn es ist derselbe Mensch und dasselbe Volk, an die sich der Rus Gottes richtet. Cs darf in Deutschland keine Kanzel geben, auf der das Reich Gottes gegen das Vaterland ausgespielt würde. Der SA.- Mann im braunen Ehrenkleide versteht die Botschaft der Bibel nur dann, wenn auf der Kanzel Männer stehen, von denen er weiß, daß sie das Dritte Reich lieben. Rach der Predigt verlas Pfarrer D. Frehtag folgende
Botschaft des OberkirchenraiS:
„Es geht heute darum, die Kirche aus ihrer Ord- nungslosigkeit zu erlösen, ihr durch eine neue Ordnung er ft z u einer wahren Entfaltung ihrer Kraft allein aus dem Glaubensgrund der Reformation heran s zu verhelfen. Daß es der Staat ist, der Voraussetzungen zur Lösung reiner Ordnungsfragen der Kirche bei der Verwirrung der gegenwärtigen £age schafft, darf einen evangelischen, in den Grundanschauungen der Reformation erzogenen Christen nicht wundernehmen. Die Verkündigung des Evangeliums und der seelsorgerische Auftrag, den die Kirche allein von ihrem erhöhten Herrn und Heiland Jesus Christus hat, wird dadurch nicht berührt. Alle die, welche um eine sichere Gestaltung unserer Kirche in den großen Umbruch unserer Zeit besorgt sind, müssen daher tief dankbar sein für die große Last und Bürge, die der Staat bei all seinen ungeheuren Aufgaben auch noch mit der Neuordnung der Kirche übernommen hat. Bis zu der großen Stunde, da die evangelische Kirche des ganzen Reiches ihre neue Verfassung hat, bleiben Akte gegen die wohlgemeinte Absicht des Staates Akte des Ungehorsams, mögen sie kommen von wem und woher auch' immer. Wir rufen die Gemeinden hierdurch auf, sich freudig und tatbereit dem großen Werk der Neuordnung der Kirche, wie es nunmehr eingeleitet ist, lobend, betend, dankend und handelnd zur Verfügung zu stellen."
„Brüder in Rot."
Ein Aufruf des Tbcrkirchcnrates zu Gunsten der Deutschen in Rußland. Berlin, l.Juli. (Sil.) 2m Rahmen der Hilfsaktion für die hungernden
Die englisch-russischen Handelsbeziehungen werden wieder von dem Zustande aus ausgenommen, wie er bestand, als seinerzeit die Handelsbeziehungen abgebrochen wurden.
Wie aus Moskau verlautet, sind die beiden Engländer bereits am Samstagabend aus der Haft entlassen worden. Sie werden Moskau am Sonntag verlassen.
Ein slawischer Friedenspaki.
Litwinow
verhandelt mit der Kleinen Entente.
Prag, 1.Juli. (CNB.) Wie das Tschechoslowakische Pressebureau meldet, sind in London Verhandlungen zwischen dem russischen Volkskommissar Litwinow, dem rumänischen Außenminister Titulescu und einigen weiteren beteiligten Staaten mit dem Ziele im Gange, die Genfer D e - f inition des „Angreifers" zum Gegenstand zweier Konventionen zu machen, deren eine zwischen Rußland und den ihr benachbarten Staaten und deren zweite zwischen Rußland und der Kleinen Entente abgeschlossen werden soll. Der zweiten Konvention soll auch die Türkei beitreten.
Volks» und Glaubensgenossen in Rußland findet am Sonntag, 9. Juli, im ganzen Reich eine allgemeine Straßen- s a m m l u n g statt. Es sollen die allernotwendigsten Mittel zusammengetragen werden, um die 1 500 000 deutschen Glaubensbrüder an der Wolga, in der H f r a i n e und im Rordkaukasus tätige Bruderliebe fühlen zu lassen und sie vor dem Hungertod zu bewahren. Der Evangelische Oberkirchenrat hat den Pfarrern und Gemeinden empfohlen, am Sonntag im Rahmen der Gottesdienste der Rot der deutschen Volksgenossen in Rußland zu gedenken. Dabei soll den Gemeindegliedern das Hilfswerk „Brüder in Rot" dringend ans Herz gelegt werden mit der Bitte, sich an der vom Reichsausschuß „Brüder in Rot"
cingeleiteten Hilfsaktion durch Spenden zu beteiligen. Die Durchführung der Aktion hat der Volksbund für das Deutschtum im Ausland zusammen mit dem Roten Kreuz übernommen.
Oer Reichskanzler bleibt in der Katholischen Kirche.
Berlin, l.Juli. (WTB.) Amtlich wird mitgeteilt: In der ganzen Welt sind Meldungen des Inhalts verbreitet worden, daß Reichskanzler Adolf Hitler der Evangelischen Kirche b c i getreten sei. Diese Behauptungen sind frei e r - funden und erlogen. Reichskanzler Adolf Hitler gehört nach wie vor der Katholischen Kirche an und beabsichtigt nicht, fie zu verlassen.
Goebbels und Baldur von Gchirach sprechen vor der schlesischen Hitlerjugend.
V r e s l a u , 3. Juli. (ERB.) Aus Anlaß des Gebietsaufmarsches der schlesischen Hitlerjugend fand eine Kundgebung im Breslauer Stadion statt, zu der sich etwa 60 000 Personen eingefunden hatten. Zunächst dankte der Reichsjugend- führer v. S ch i r a ch der Hitlerjugend Schlesiens, daß sie gelobt habe, dieses Leben nicht als ihr Eigentum zu betrachten, sondern s i ch voll einzusetzen, wenn es gelte, u m d a s Leben der Ration zu kämpfen. Der Kampf gehe darum, den Geist der Hitlerjugend allmählich zum Geist der gesamten deutschen Jugend zu machen, damit einmal der Sag komme, da die gesamte deutsche Jugend eine Einheit darstelle. Im Anschluß an d^ese Ausführungen weihte der Reichsjugendführer etwa 80 Fahnen neuer Hitlerjugendgruppen.
Während das Horst-Wessel-Lied gesungen wurde, traf im Stadion Reichspropagandaminister Dr. Goebbels ein, der, von den Tausenden mit stürmischen Heilrufen begrüßt, u. a. folgendes ausführte: Als die Rationalsozialisten am 30. Januar die Macht übernahmen, ahnten sie selbst nicht, wie schnell sich die Gleichschaltung in
Deutschland vollziehen würde. Man hatte sich auf lange Kämpfe vorbereitet. Tlnser Vorzug war die Organisation der Jugend. Wir haben das Leben nicht hinter uns, sondern vor uns. Man hat uns Rationalsozialisten und besonders mir Vorhaltungen gemacht, daß wir zu radikal wären. Eines nur werfe ich mir selbst heute vor. nämlich, daß ich nicht radikal genug war. Was wir vorfanden, spottete jeder Beschreibung. Würde die Regelung dem Volke überlassen, dann weiß ich, daß dosDolkkür- zeren Prozeß machen würde als die Regierung. Die heutige Jugend habe die Möglichkeit, in den Staat hineinzumarschieren. Es sei sogar ihre Pflicht, den Staat für sich zu beanspruchen. Diese Jugend rc- spektiere auch d i e Alten. Der deutlichste Ausdruck hierfür sei der Bund zwischen dem Eeneralfeldmarschall v. Hindenburg und dem Führer des jungen Deutschland Adolf Hitler. Die Rede des Ministers klang aus in ein Treuebekenntnis zum deutschen Volk, dem Reichspräsidenten und dem Führer.
SrrniNesenht Aea-rnmgr« des Beamkngesetzes
Berlin, 2. Juli (TU.) Im Reichsgesetzblatt vom 1. Juli Rr. 74 wird ein Gesetz zur Aenderung von Vorschriften auf dem Gebiete des allgemeinen Beamten-, des Besoldungs- und des Versorgungs- rechts vom 30. Juni 1933 veröffentlicht. In dem Gesetz heißt es u. a.:
Reichsbeamte dürfen nur eingestellt werden, soweit dauernd erforderliche Amtsstellen zu besehen sind, die die Wahrnehmung obrigkeitlicher Aufgaben in sich schließen ober die aus Gründen der Staatssicherheit nicht von Angestellten oder Arbeitern versehen werden dürfen. Die Wahrnehmung obrigkeitlicher Aufgaben liegt insbesondere nicht v o r bei Tätigkeiten, die sich ihrer Art nach von solchen des allgemeinen Wirtschaftslebens nicht unterscheiden, sowie bei solchen Tätigkeiten im Verwaltungsdienste, die sich ii mechcni ch n Hsl.s- leistungen im Schreibdienst und in einfachen Büroarbeiten erschöpfen. Das Beamtenverhältnis wird durch Aushändigung einer Ar - kunde begründet, in der die Worte „AnterBerufung in das Beamtenverhältnis" enthalten sind. Wer keine solche Arkunde erhalten hat, ist nicht Reichsbeamter im Sinne dieses Gesetzes. Die Rechte des Reichsbeamten stehen ihm nicht zu.
Als Reichsbeamter darf nur berufen werden, wer die für feine Laufbahn vorgeschriebene oder übliche Vorbildung oder sonstige besondere Eignung für das ihm zu übertragende Amt be= sitzl und die Gewähr dafür bietet, daß er jederzeit rückhaltlos für d e n nationalen Staat eintritt. Weibliche Personen dürfen als
planmäßige Reichsbeamte auf Lebenszeit erst nach Vollendung des 3 5. Lebensjahres berufen werden. Wer nicht arischer Abstammung oder mit einer Person nichtarischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Reichsbeamter berufen werden. Reichsbeamte arischer Abstammung, die mit einer Person nichtarischer Abstammung die Ehe eingehen, sind zu entlassen. Die Vorschriften gelten für Reich, Länder, Gemeinden, Gemeindeverbände, Körperschaften de? öffentlichen Rechts, Reichsbahn-, Reichsbank sowie die öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaften.
Die vorgesetzte Dienstbehörde kann die Entlassung eines weiblichen Beamten verfügen, wenn die wirtschaftliche Versorgung des weiblichen Beamten nach der Höhe des Familieneinkommens dauernd gesichert erscheint. Die Voraussetzung liegt stets dann vor, wenn der Ehemann unkündbar angestellter Beamter ist.
Jeder Reichsbeamte bedarf der vorherigen Genehmigung zur Aebernahme eines Reben am tes sowie zur Aebernahme einer Rebenbeschäftigung gegen Vergütung. Richtgenehmigungspflichtig ist eine schrift st ellerische, wissenschaftliche, künstlerische oder Vortragstätigkeit der Beamten, sowie die mit der Lehr- und Forschungstätigkeit zusammenhängende Gutachtertätigkeit von Lehrern an öffentlichen Hochschulen. Das Gesetz enthält weiter wichtige besoldungs- und versorgungsrechtliche Bestimmungen.
Bereits im vorigen Jahre tauchte im Zusammenhang mit dem französischen Eingehen auf die russischen Paktwünsche der Gedanke eines gleichzeitigen Abschlusses mit Polen und Rumänien auf. Bekanntlich kam der Pakt mit Rumänien wegen der bessarabischen Streitfrage sowie wegen der noch unentschiedenen Haltung der übrigen Staaten der Kleinen Entente gegenüber der Sowjetunion nicht zustande. Bei dem starken Bedürfnis Rußlands nach einer Rückendeckung im Westen war es verständlich, daß Litwinow die verschiedenen europäischen Konferenzen zu einer Fortsetzung seiner Bemühungen benutzte. Die Verpflichtung der Staaten, sich eines Angriffs zu enthalten, ist auch für Rußland, Polen und die Kleine Entente bereits im Kellogg-Pakt feftgelegt. Der neue Nichtangriffspakt kann immerhin einen Fortschritt bringen, indem er alte Streitfragen beseitigt und die allgemeine Atmosphäre verbessert. Der Pakt verrät deutlich das allseitige Streben nach Bekundung friedlicher Absichten und vor allem den Wunsch Rußlands, die Normalisierung seiner allgemeinen Beziehungen zu den Nachbarstaaten auf vertrag- kichern Wege fortzusetzen. Das Verhältnis Deutschlands zu den vertragsschließenden Staaten bleibt unverändert. Was insbesondere die Beziehungen zu Rußland betrifft, so hat
Deutschland schon vor elf Jahren, als andere Länder noch die Anerkennung der Sowjetunion ablehnten, sich entschlossen auf den Boden eines Freundschaftsoertrages gestellt.
Der neue Kurs der Agrarpolitik.
Reichsernährungsminister Tarr6 vor der Presse.
Berlin, 1. Juli. (CNB.) Vor Pressevertretern erklärte der neu ernannte Reichsminister für Land- roirttoaft und Ernährung Darre über seine künftige Landwirtschaftspolitik u. a., daß sein Ziel gewissermaßen a u f zw ei grundsätzlich verschiedenen Wegen erreicht werden müsse. Die Stadt zehre den deutschen Menschen, und bas Land liefere nur noch mühsam die letzten Reste, die Deutschland als Volk erhalten. Man habe gar keine andere Wahl, als sich die B l u t s q u e l l e im Bauerntum zu erhalten, die notwendig fei, das deutsche Volk und die gesamte deutsche Kultur zu erhalten. Von diesem siittlichen Standpunkt aus gedenke er an das Problem der Siedlung heranzugehen. Er verstehe unter Siedlung d i e Neubildung deutschen Bauerntums. Das fei das eine große Hauptgebiet. Zum a n d e -


