Ausgabe 
3.6.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 128 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, Z.Zuni 1933

l3figer einer laut tickenden ühr sprang von Minute Hu Minute ruckhaft vorwärts . . .

Ob die da draußen wohl auch rechtzeitig--?

fünfen

Der Pfarrer fetzte die Hornbrille auf. Die Frau faltete die Hände im Schoß. Nun las er . . . Der

91ietf)t es nicht schon ein bißchen angebrannt--?

«ch was, jetzt vergesse ich einmal Den Alltag und sammle mich zur Erbauung und Andacht.

Eintönig schwang die Stimme des Vortragenden durch den Raum. Aufmerksam lauschend, versunken m das verkündete Wort, saß die Hörerin: nur die Augen schweiften hinaus zum Fenster über Rabat- ten, Kieswege, Schwertlilien, Flieder, Buchsbäume..

Beim schnellsten Mann Der Well

Der Weltrekordslieger Agello. - Mit 700 Kilometern in der Stunde. Werden wir den Schall einho^en? - Motore, die sterben, wenn sie siegen.

Von unserem römischen k.»Korrespondenten.

Deutsche Auferstehung! Wir leben im Anfang einer Bewegung, die, wir wissen nicht wie, über unser Volk gekommen ist, die vor dreißig Fahren die

Guckt genau nach der Uhr, Kinder! Vater braucht mich jetzt."

Kannst ruhig gehen, Mutter!"

Durch den Flur schreitend, band die Pfarrfrau Kopftuch und Schürfe ab, und zog die Aermel glatt. Sie wußte, was sich gehörte, wenn man eine Pre­digt cmhoren sollte. In der Schreibstube herrschte bereits erste Dämmerung. Die grünbeschirmte Lampe war schon entzündet. Hier war erquickende Stille.

Feierlich, im Rhythmus des Liedes ausschreiieiid trug die Pfarrersfamilie ihre duftende grüne Last den gewundenen Weg entlang, der zur Kirche hinlief.

Als sie aus dem Dickicht der Bäume auf die Lich­tung traten, Huben gerade die Glocken an zu läuten.

Allen drei Gruppen dieser Jugendbewegung mögen sie sich innerlich noch so sehr widerstreben, war ein neuer Volksgeist eingegeben, der 'ch zu tiefst von der wilhelminischen <$eit unter- chied. Er gebar sich aus einem neuen Selbstbewußt­em, das innerhalb des deutschen Kulturkreises dem

frucht zu ernten. Denn das was in Deutschland ge­schieht und geschehen wird, ist so neu und gewaltig, daß cs wie alle großen Umwälzungen weit über deutsches Land hinaus wirken wird.

Ich wiederhole: die Jugend von heute blickt von anderer Ebene aus als wir es taten, sie hat den selbstverständlichen Glauben, den wir erst au,bauen und ertrotzen mußten. Mag uns '.Heiteren das Gluck beschicken sein, daß wtr, selbst noch kampflustig und innerlich jung, schauen, was das kommende Geschlecht erreichen wird und was es zu bauen vermag von dem, was wir planten. Zwyr ist die Auserstehung, die wir in Deutschland erleben, der Beginn einer Entwicklung von Jahrhunderten. Aber oft sind bei solchen gewaltigen Bewegungen der Völker die ersten Jahrzehnte die heißesten und es ist eine Gnade, sie zu erleben, seien sic auch erst der Anfang deut­scher Wiedergeburt, die vielleicht der Ruf der Ewigkeit an das deutsche Schicksal ist.

icrmanischen, dem nordischen Gedanken und Wesen Raum gewann. Während noch bis zur Jahrhundert- wende, ja oft noch bis in die jüngste Zeit hinein der Begriff deutscher Kultur als ein Zusammenfließen von christlicher und humanistischer Geisteshaltung erklärt wurde, kommt in diesen letzten Jahrzehnten plötzlich etwas leidenschaftlich Neuec hinzu, macht sich aus dem Volk herauf gegen die bestehenden Bit- oungsschichten ein bewußt germanischer Grundzug in Gei st und Recht und Blut geltend und ringt nun, ähnlich wie im frühen Mit- telalter, im Beginn der neuen Zeit und in der Deut- scheu Romantik, um die Führung in einer neuen, nordisch verstandenen deutschen Zukunft. Aus der Jugendbewegung wird jäh ein revolutionäres Ge­schehen, das mit ungeheurer Wucht ein ganzes Volk umfaßt und mit einem Ruck binnen weniger Mo­nate eine Umstellung bringt, die auf ein Jahrhun­dert die alte Welt zerstört.

So kommt es, daß man durchaus nicht mit den Einzelheiten des Geschehens einverstanden zu sein braucht und dennoch ein leidenschaftlicher Kämpfer für diese Neugeburt sein muß. So kommt es, daß man über manche Torheiten und Mißgriffe nicht verzweifelt, sondern lächelt und Ver­trauen behält und gläubig bleibt, weil man der Zeit und ihren Hoffnungen glühend zustimmen muß.

War es denn nicht einer der Sätze der ersten Jugendbewegung, das wir an das n e u e Bauern-

tum glaubten, das sich in dem hochkapitalistischen neunzehnten Jahrhundert in Auflösung zu befinden schien? Gewiß, man erleidet Enttäuschungen in fei- ner Ungeduld. Aber der Geist und der Wille zum

pfingstsamsiag.

Von Irmela tinberg.

Die Sonne ging schon zur Neige. Eben erblühte Fliederbüsche am Zaun verstörmten betäubenden Wohlgeruch. Zu Seiten der sauber geharkten und mit gekalkten Steinen begrenzten Kieswege reihten ich violette Schwertlilien und die beiden hundert- ährigen Kugelbuchsbäume hatten ihr vorjähriges »unkles Kleid mit Hunderten gelblicher Schößlinge besteckt.

Aus den Küchenfenstern des Pfarrhauses quoll weißer Dampf. Man konnte hier nicht die Hand vor den Augen sehen, aber auch nicht sein eigen Wort verstehen vor dem bunten Lärm, der aus allen Ecken drang, da Fürchtegott im Messingmörser Mohn stampfte, Friedereich Mandeln rieb, Christine Gier- schäum und Gotthold Teig schlugen, während die Magd vor dem Backofen hockte, der in Hochglut stand, und eifrig die rotsprühende Asche züsammenscharrle.

Zwischen ihren fünf Trabanten aber schoß jüie Pfarrersfrau hin und her, das Haar unter weißem Tuch verborgen, die Aermel bis zu den Schultern hochgesireift, und trotz Qualm und Dampf alles über­schauend, leitend, beherrschend.

Tüchtig, tüchtig, Füchtegottchcn, der Tlörfer ist keine Kirchenglocke, die geläutet werden will. Immer hübsch in die Mitte treffen, nicht an den Rändern Herumklingeln! Na, Friedereich, mein Sohn, bekomme ich bald die Mandeln für meine Plätzchen? Wie viele sind denn schon wieder ins Kröpfchen anstatt ins Töpfchen gewandert? kräf­tiger schlagen, Christine! Nur nicht erlahmen! So und so und so und so! Immer hübsch gleichmäßig. Dazu läßt sich auch gut ein taktfestes Lied singen.

Und schon stimmte sie an:

Geh aus mein Herz und suche Freud' In dieser lieben Sommerzeit An deines Gottes Gaben.

Schau an der schönen Gärten Zier Und sieh, wie sie mir und dir Sich ausgeschmücket haben . . ." Mit hochrotem Kopf klopfte Gotthold seinen zähen Teig im Takte mit.

Da öffnete sich vorsichtig die Tür zu den Wohn- räuinen. Die Stimme des Pfarrers fragte:Elisa­beth, bist du hier?"

Freilich wo sollte ich heute wohl sonst sein? Immer munter, Kinderchen, immer munter!"

Elisabeth kannst du einen Augenblick zu mir kommen?"

.Aber gewiß! Sabine, jetzt können die Platten eingeschoben werden . .

"2ch möchte dir nur meine morgige Predigt vor- lefen . . . An einzelnen Stellen bin ich mir nicht ganz sicher . . ."

Natürlich sofort . . . Also, nicht wahr, in zwanzig Minuten müssen die Plätzchen herausge­nommen werden. Christel, der Eischnee ist steif ge- nug. Haft du die Form denn auch gut ausqestrichen, Friedereich?" H

pd) warte, liebe Elisabeth," sagte der Pfarrer und verschwand.

Jugend packte und seiiüem nicht wieder von uns gelassen hat und die heute auch in Der staatlichen jorm ihre erste schier übergewaltige Erfüllung ge- funDen hat. Ausgabe der Weiteren jener Bewegung >st *s, nunmehr jene Lebenslehren, Die nur die Er- fohrung bringt, aus dreißig Jahren der Erkenntnis zu sammeln: ihre Ausgabe ist es, an die Verantwor­tung für das Wort, das auch den Gegner achte und an das Begreifen der außenpolitischen Wirklichkeit zu mahnen. Die Jugend, die heute aufwächst, wird nicht die harte Erziehung durchmachen, zu der die andern eine langjährige Arbeit in oppositioneller Geistesstellung erzog. Sie wird die Welt anders an- sehen als die alten Kämpen, die noch um die erste Beachtung deutscher Vorgeschichte, deutschen Brauch- tums, der Kernzeiten deutscher Volkseinheit kämp- sen mußten: sie schwelgt in der Freude am neuen ©taat und weiß noch nicht, daß sie wieder seesahren muß und über die Grenze hinaus arbeiten soll um

Hans Friedrich Blunck über sich selbst.

Der Autor unseres Pfingstaufsatzcs.

Es wird mir schwer fallen, über mich selbst zu berichten, ich habe nie vorsätzlich Arbeitsanalyse betrieben. Aber weil's euch dienen soll: Ich will versuchen -das Nötigste zu erzählen. Meine Q3or- eltern sind Dithmarscher, mehr Dauern als Seelatzer. Die Dithmarscher sind in der Historie glci^ den Schweizern als freiheitsdurstige Ääm- pen bekannt, die mit Fürsten und Herren arg um» sollte sich wohl auch einmal mit der Geschichte chrer Kunst, zumal ihres Pracht- vollen Kunstgewerbes und mehr als bisher mit - ^»-^»Eslwerlicferung beschäftigen. Ich wurde in beibem erzogen, erbte dazu vom Vater die Wesfelburer Erinnerungen an Hebbel, und bei einem zungste-n Aufenthalt in England wies man mir noch die kunstsinnigen Ergänzungen alter Wc- vereien m den britischen Museen von den Händen meiner Mutter, die von Süderdithmarschen schon m jungen Iahren nach drüben ging.

ClBir sind, eine Schwester und eine ganze Schar Drüder, mit dem Dlick auf Elbe und Hamburger Hafen aufgewachsen und haben, jeder für sich XÜä t!n! Aben gesunden übrigens

frag Schönste, das Eltern eiiwm mitgeben können, mittcii in einem Dündel draufgängerischer Ge- ^w.ster zu stecken. Ich selbst schrieb mich^ch der Schulzeit in Altona bei den Juristen ein und habe lange Iahre. das bekenne ich ausdrücklich, viel 3*-- an der Derwaltungsarbeit zuletzt als Hamburger Universität gefun- Was mehr? Ich schlug mich, ein Erbteil öer Eltern, schon früh durch die Welt, wanderte als Schuler durch Deutschland es war im 0inn J>er Jugendbewegung, mit der ich mich leidenschaftlich gegen alte Formen aufwarf dann als Student durch Europa, später bis Aordafrika und bereiste in mehreren Fahrten Mit­tel- und Südamerika.

Meine Frau ist Ausländsdeutsche, weder Dlau- strumpf noch Sportler, Gott bewahre mich davor Sie ist mir dafür ein rascher Wandergesell wenn wir wnnters nach Deutschland hineinziehen, eine seine Gärtnerin sommers in unserem Blumengar­ten draußen im Holsteiner Land. Wüßtet ihr un- fete königliche Freude über jede gelungene Frucht über iedes schone Angesicht der gemeinsam durch- wanderten Lande! - Wer über all das mögt ihr selbst nachlesen, Herkunft und Leben lassen sich in den fremdesten Buchern wohl kaum verleugnen

Ufer einem Kreuz . . . und nach dem Siege Agcllos ließen die Flieger Blumen herabsallcn auf Die Häuser der Kameraden, die vor ihm an seiner Aufgabe zu­grunde gingen: Bellini, Dal Molin, Monti, Motta, Das Wunderblau des Gardasees hat seine Tücken, zumal im Süden, wo es zu beiden Seiten der Land­zunge von Serione ins Grünliche übergeht, ins Glitzernde und Gleißende, wie das Auge Der Schlange. Denn Dann ist der Glanz oft ein falscher. Das Wasser spiegelt so teuslich, daß der hcradgehendc Flieger glaubt, noch in der Lust zu sein, wenn er schon ausschlägt. Und er geht mit einer Geschwindig­keit von dreihundert, von vierhundert Kilometer herunter da zersplittern die Schwimmer der Fluq- zeuge wie Glas.

.Um 9 Uhr saß Agello im Börsencafö beim Karten- spiel. Wir setzten uns zusammen. Heute sei es leider nicht gelungen, meinte er, zu viele Löcher in der Luft!

Was ilt nicht gelungen ?

Run, Die Rckvrdoerbesferung! staunte er mich an. An was soll er Denn sonst arbeiten.

Wenn ich denke, was wir für ein Gehabe machten um die Ritter selig, weil sie zum Kampf gegen Den LinDwurm auszogen! Einen Panzer hatten sie an, strahlenD, Daß jeDer beim Hinschauen niesen mußte. An Dem LuftfelDwebel strahlte gar nichts, ohne Uni­form wäre er irgenDein kleiner Schalterbeamter ge­wesen. 31 Jahre ist er alt, seit 1924 Flieger, vor oier Jahren hat er am SchneiDerpokal teilgenommen.

Seme Maschine aUerDings ist keine Schreib- maschine, sonDern eigens Dafür gebaut roorben, um Den EnglanDern den GeschwinDigkeitsrckord, Den Stamford) mit 655 Kilometer aufstellte, abzujagen. Es ist eine Macchi-CastolDi-Fiat, Deren BesonDerheit durch Den lanDempropeüer ausgeDrückt wird, zwei m entgegengesetztem Sinne sich Drehende Propeller. Der Fiatmotor entwickelt bei 24 Zylindern und einem Hubraum von über 50 Litern rund 2500 Pferdekräfte. Ein roter Wind- und Wasserteufel das Ganze.

Auf Die große Frage, wegen Der ich nach Defen- 3ano fuhr: w i e einem zumute fei, wenn _

antwortete Agello schlicht. G a r nicht! Wie soll

neuen Bauerntum ist so gewaltig und ringt schon um jenes LanD, Das heute noch Der Traktor pflügt unD Der Wille Der Gegenwart ist auf Die NeubilDung urwüchsiger SieDlung so stark eingestellt. Daß man sich nicht zu sorgen braucht.

Wie tief litten wir von Der frühen JugenD- bcweaung weiterhin unter Dem Zwiespalt Zw ischenArbeitertumunDschaffenDem Bürgertum, zwischen zwei Schichten, Deren Trennung verewigt werden sollte, wie sehr er­träumte die Jugendbewegung eine Volkheit aller, die eine Sprache sprechen, ohne Schicht und Stand an­zuerkennen! 3ft die Gegenwart nicht die erste Er­füllung jener Sehnsucht, die eine nach Ständen aus- einanbergefpaltene Nation roieber au einem einheitlichen Volkstum zurückfuhren will? Ist nicht, stärker als alle rationale Deutung ber Menschen, der einfache Glaube an bas Schicksal unb an die undeutbare Kraft des Volkstums siegreich geblieben?

3- 3L Desenzano, Ende Mai.

Als die Kunde nach Rom kam, ein Pilot der Schnelligkeitsschule am Gardasee habe den Weltrekord gebrochen, 692 Stund enkilo- Meter erreicht, amtlich gemessen, nahm ich mir Dor, den Mann zu fragen, wie einem denn eigentlich bei einer so beschleunigten Abfertigung zumute sei. Er wurde ja sicher vom Duce sofort nach Rom ge- rufen werden. Aber nein, es blieb bei einem Glück­wunsch, und da es zweckmäßig ist, das Umgekehrte zu tun, wenn der Berg nicht zum Propheten kommen will, fuhr ich nach Desenzano. Es find das 692 Kilo­meter von Rom aus, man taut mit dem Auto zwei Tage daran herum. Berichten Sie bitte die bisher genannten Zahlen und erinnern Sie sich an die (Er­regung, die die Menschheit ergriff, als ein Flugzeug Hum erstenmal die Stundengeschwindigkeit von 60 Kilometer erreichte, die heute unser Reisedurchschnitt im Wagen ist. Wieder vorher behaupteten die Aerzte, das Blut müsse einem Reisenden zu Nase unb Ohr herausfpritzen, wenn er tatsächlich so verrückt sein sollte, sich in den Dampfmagen zu setzen, der schneller sei als das schnellste Gespann . . .

Der Wagen hielt vor dem Posten des Flugplatzes in Desenzano und ein Bajonett war dcr Meinung, ich hätte hier nichts zu suchen. Ich will Agello sprechen, sagte ich, den Maresciallo Agello. Das große Wort Marschall bedeutet im Italienischen nur Feldwebel, wenn es den unteren Rang betrifft, nicht Feldmarschall, ähnlich wie eine donna etwas anderes ist als eine Donna. Darauf kommt es im Lande Mus- folinis aber nicht an; was zählt, das ist der Mann, nicht der Titel.

Agello kam heraus, ich grüßte und gratulierte, er dankte und sagte, er habe jetzt keine Zeit, er müsse noch arbeiten. Aber heute abend um 9 Uhr im Bör- fencafe, ja?

*

Die Arbeit der Schnelligkeitsflieger vom Gardasee besteht darin, tagtäglich mit dem Tod zu ringen. Scuola di »Alta Velocitä heißt diese Werkstatt, Schule für hohe Geschwindigkeiten. Hier wird nichts anderes gelehrt als die ständige Verbesserung der Maschinen und der Piloten, beide aus Höchstleistungen geschaltet. Wenn man um den Gardasee herumsährt, begegnet man nicht selten am

Der ganz Vertiefte fuhr auf. Die Brille auf seiner Rase wackelte.

Das Bad" sagte die Pfarrfrau sanft und machte eine erläuternde Handbewegung zum Fenster hin. Line winkt schon . . ."

3a Dann gewiß" meinte er ergeben unD legte Die HanDschrift weg.

Bisher war sie ganz ausgezeichnet," sagte Die Psarrsrau, vielleicht etwas lang, aber ich bin überzeugt. Daß auch Das mir noch unbekannte EnDe vorzüglich gelungen ist. Gute Abschlüsse sinD ja im­mer Deine Stärke . . ."

Der Pfarrer barg Die Brille sorgfältig in ihrem Futteral.

Danke Dir, Elisabeth."

Das kleine viereckige Häuschen am Flußhang mit Dem schweren Ziegeldach, aus dem ein übergroßer, rauchgeschwärzter Schornstein ragte, - das war die Badestube. Hei, welch ein Getümmel gab es Da an Den SorabenDen Der großen Feiertage. Erst kamen die BruDer, Dann Die Schwestern an Die Reihe. Da standen sie nun, kinDlich mager, sehnig, gebräunt Don ©onnenglut, Staub unD Schmutz, in Dem flachen Bottich, währenD Die Mutter ihnen mit Dem Safi- w'sch Den Rücken scheuerte. Der Kachelofen zischte unD knackte; warmer Dampf kroch an Den feuchten Balken Der WänDe hoch und sammelte sich unter Der nieDe- ren Decke zu Dicken Wolken. Naß und seifig troff es von Den Haaren über Die Stirn und Die Nase. An Das Geplätscher Des Wassers, Das Schrubben unb Reiben, Das Geknister Der Holzscheite im Ofenloch aber klang all Die verschieDenen Geräusche über- tonenD Die unermüDliche sangesfrohe Stimme Der Mutter:

Die Bächlein rauschen in Dem SanD UnD malen sich unD ihren RanD

Mit schattenreichen Myrkhen;

Die Wiesen liegen hart Dabei

Und klingen ganz vom Lustgeschrei Der Schaf und ihrer Hirten . . ."

War das Pfingstbad beendet, so brannten im Pfarrhaus schon die Campen und warfen ihren gelb- roten Schein eine kleine Strecke weit über Die Gar- tenfteige. In Den Zimmern roch es nach Zitrone, KarDamom, Vanille unD frisch gestreutem Kalmus E AbenDtisch ftanD weißgedeckt, bestellt mit bunten Lehmschusseln unD geblümten Krügen.

Erst Die letzte Pflicht Dann Das Vergnügen, Das Essen!" sagte Die Pfarrfrau.Vater wartet schon."

Die schlanken Stämmchen Der Birken über Die ©chultern gelegt, gingen sie nun eines hinter Dem anöern Durch Den in blaues Dunkel gehüllten Park schwer wie Samt hing Der nächtliche Himmel über Den Zürnen. Vereinzelt zirpten Sogelftimmen aus Dem bufjten Blattwerk.Nun, meine Lieben," fragte oie Psarrfrau,Drangt es euch nicht nach vollbrach. tem Tagwerk an Diesem köstlichen AbenD Den Herrn 3U loben?" UnD schon begann sie.

Schmückt Das Fest mit Maien, lasset Blumen

3- . . _ . streuen,

Z'mDet Opfer an.

Denn Der Geist Der Gnaden hat sich eingeladen Machet ihm die Bahn!"

Die Einleitung der Predigt mit ihremErstens, Zweitens, drittens" war gerade verlesen, als Die Pfarrfrau in heller Erregung mit Dem Ruf:Die Aichner, Die Hühner!" auffprang unD aus Der Tür lief.

,;Die Hühner!" wenn Dieser Kampfruf ertönte, geriet alles in Sturmangriffsverfaffung. So faßte Denn Der Pfarrer auch jetzt unverzüglich nach feinem Stock und eilte hinter der Entflohenen her.

Angstvolles Flügelschlagen, Gackern, Krähen und hetzende Kriegsschreie erfüllten Den bislang fo frieö- lid) träumenden Platz. Hochaufschwirrend retirierten diS-Verfolgten endlich über das Zaungestäbe.

©djon wollte der Pfarrer Vorschläge wegen Fort­setzung der unterbrochenen Predigt machen, als ein Gefährt um die Wegbiegung lenkte.

Kinder, die Maienrief die Pfarrfrau zum ^uchenfenster hinein, worauf Fürchtegott, Friedereich und Christine, Gotthold und die Magd, alles im Stich lassend, unter der Tür auftauchten und freudig in oie Hände schlugen. Ja, es war der alte Braune vom Pfarrhof, der den leichten Wagen 30g, auf dem die duftenden Birken aufgeschichtet lagen. Ein Dutzend Hände griffen zu. Schon waren die Bäume abge- laöen. In großen Kübeln sollten sie morgen vor Der Emgangstür in Den Stubenecken, auf Den Vortrep« P.en unb Fenstern stehen. Ein Teil jeDoch mürbe im schatten des Gesträuchs aufgestapelt, um hernach in Die Kirche gebracht zu werben. GebulDig harrend stand der Pfarrer immer noch am Zaun.

Wir können gleich fortfahren," tröstete ihn seine Gattin und eilte in die Küche, um dort erneut alles an seinen Plan zu stellen.

Gleich darauf hörte sie wieder geduldig, geneigten Hauptes, die Hände im Schoß verschränkt, den weite- ren Ausführungen Der Predigt zu. Noch waren diese nicht zum Abschluß gelangt, als am Fenster ein Den bugeltes Antlitz auftauchte und lebhafte Blicke in Die Abgeschiedenheit Der Schreibstube fanDte. Um ruh'g begann Die Pfarrfrau auf ihrem Platz ru rucken. Endlich sagte sie leise:Johannes---" J I

Wie unbarmherzig hat sich Die JugenDbewegung gegen Den Internationalismus in Der Kunst, wie auch gegen Die Literaten von Kirch­turmsweite gewanDt, um Den großen Raum, Der da­zwischen lag, von neuem mit deutscher Kunst zu fül­len die Anfüllung zu erträumen. Ist es nicht heute so weit, daß aus diesen dreißig Jahren kämpfender Vorbereitung eine jungdeutsche Kunst in Prosa, Ly­rik und Balladen aufspringt, vielleicht so stark, wie wir seit ber klassischen Zeit keine Literatur besaßen? Und selbst wenn die Gegenwart ihre Leistung über- schätzt, erst nach einem Jahrhundert wird man über sie urteilen dürfen fo wissen wir, daß diese Zeit Vorbereitung und Aufbruch war unb daß alles, was nach uns kommen wird, künstlerisch von dem abhängt, was heute mit Urgewalt auf- sprang und nach neuen Formen suchte.

Wie sehr haben wir uns endlich umbie Land­schaft bemüht, und sie jener Kultur gegenüber- gestellt, die sich deutsch nannte und doch nur die Mei­nung der Gelehrten am Schreibtisch oder die Welt einiger Großstädte war. Heute wird die geistige Wie­dergeburt in die Hand der deutschen Stämme gelegt. Zugleich aber wurde unsere Furcht überwunden, daß partikulariftische Strömungen sich einst unserer Ar­beit bemächtigen konnten. Dadurch, baß die neue Re- gierung die Einheit des Reiches im Statthaltergesetz sicherte, gab sie den Landschaften erst das volle Recht zum Bekenntnis zu sich selbst als Teil des Ganzen.

Das Gewaltigste aber ist und bleibt Die innere 11 m ft e 11 u n g , Die sich im Einzelnen wie im gan­zen Volk vollzogen hat unD Die Der echteste unD ge­waltigste Ausdruck einer neuen

Deutsche Wiedergeburt.

Don Hans Fr. Blunck, Mitglied der preußischen Dichierakademie.

Copyright by Nordische Gesellschaft, Lübeck. Nachdruck, auch auszugsweise, verboten. Man Darf schon heute rückschauend feststellen: eines Der sonderbarsten Ereignisse im Leben des Volkes war die deutsche Jugendbewegung, sie sprang kurz nach der Jahrhundertwende plötzlich auf unb ergriff fast zur gleichen Zeit und überall eine bestimmte Schicht in schule und Werkstatt. Und ie hat jene jungen Menschen und alles was später den Drei Gezeiten Der JugenDbewegung angehörte o unterschieDlich von anDern Teilen Des Volkes ge­nagt, Daß man noch heute bei Menschen gleichen llters und gleicher Herkunft aus ber Begrünbung ihrer Meinung herleiten kann, ob Der Sprecher Die Erziehung Durch Die JugenDbewegung hinter sich hat oDer aus Den weltanschaulich älteren Kreisen stammt. Erstaunlich, fast unglaubhaft ist weiterhin, daß Diese Jugendbewegung wenig geistige Vorbereiter hatte, daß sie einfach geboren gleichsam berufen wurde und daß ihre Leitsätze später tarnen als der Wille zu ihnen. Die großen Wellen dcr Be­legung sind dann sehr unterschiedlich. Die Träumer aus der Vorkriegszeit verwahren sich leidenschaftlich Dagegen, mit dem beschwörend aufklärerischen Geist Der Wanderer nach dem Krieg in Verbindung zu stehen. Und dennoch war jene zweite Welle nötig, sie hat zuerst Die ArbeiterjugenD erfaßt unD hat, oft wider Willen die Zusammenschmclzung aller Schich­ten in ber hündischen Jugend vorbereitet, die dann Das Dritte harte Geschlecht gebracht hat, bas Ge­schlecht Der Revolution von 1933.

er echteste unD ge-

.. ------ -------- Zeit wurDe. Wir

Dürfen heute wieDer vom geistigen Reich Deutscher Sprache reDen, Das weit über Die Grenzen reicht, ohne von müDen Zweiflern auf Den Staat als ein­zige Form nützlichen Beisammenseins verwiesen zu roerDen. Wir Dürfen unser Volkstum be­jahen unD versuchen es eigenwillig zu gestalten, ohne von giftigen Bemerkungen hauptstäDtischcr Literaten überschüttet zu werben. Wir Dürfen ent­gegen Der liberalen Epoche für unser Volkstum jenen ältesten Satz germanischen Rechtes als bin- DenD auffteücn: Wer nicht will Deichen, muß weichen. Das heißt: Wer nicht für Die Gemein- schäft lebt, hat kein Recht Den Schutz seines Vol­tes in Anspruch zu nehmen. Aber auch jenes anbere liegt Darin: Der sanfte Wille zur Gemeinschaft allein genügt nicht, jeDer packe an, jeDer suche seinen Platz zur Arbeit, jeDer hat zu kämpfen, Daß sein Leben für Die Gemeinschaft Frucht trage, jeDermanns Tag ge- hört Dem Volk. Nur wer betet, mag einsam vor seinen Gott treten.