Ausgabe 
2.3.1933 Frühausgabe
 
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Aus -er Provinzialhaupisiadt. i

Bornotizen. 28. Qlnna Krack, geb. Hansel, 28 Jahre, Wart-

wea 21: Philipp Herrmann, Kaufmann, 68 Jahre. Rodheimer Straße 30.

Sitzung de S ProvinzialauSschuf- fei. 2lm nächsten Samstag, 8.30 Uhr beginnend, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provin- rialauSschusseS der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: Zwangsetatisierung des Anteils der Gemeinde WeiterSbain an den Der- pflegungslosten des in der Landes-Heil- und »mstalt Gießen untergebraqten Paul Kloos ilkow in Polen: hier: Klage der Gemeinde Weiter-Hain gegen den Beschluß des KreisamtS Gießen vom 9., Dezember 1932. Klage der Sophie Beutel in Friedberg gegen die Gntschei- düng de- KreiSausschuises deS Kreises Friedberg vom 24. Rovember 1932. Klage des Bezirks» fürsorgeverbandes Rürnberg-Stadt gegen den Be- »irksfursorgeverband des Kreises Schotten auf Er­stattung von Fürsorgekosten für Maria Melzer aus München. Klage des Heinrich Bogel in Bönstadt gegen den Bescheid des Kreisamts Friedberg vom 26. Juni 1933 wegen Dersagung eine» Wandergewerbescheins für 1933.

Letzte 21 u f s ü hrungenIm weißen Rötz I*. 'aus dem Stadttheaterbüro wird uns mit- Seteilt: Die Intendanz teilt mit, daß die letzten drei ussührungen der Operettenrevue:Im weißen Röhl" am 18., 19. und 26. März stattfinden.

* Goldenes Dienstzubiläum. 2lm gestrigen Mittwoch, 1. März, konnte Fräulein Elise Buß, eine gebürtige Gambacherin, auf eine 50jährige Tätigkeit im Hause der Familie 61 ö r i ck o in Butzbach zurückblicken. Als 23jäh- rigeS Mädchen trat sie im Jahre 1833 bei Kauf- mann Christoph Störicko in Dienst, diente nach dem Ableben der Herrschaft im Hause des Sohnes, de- bekannten, mittlerweile verstorbenen hessischen Schulmannes Geheimrat Störicko (Gießen), und kehrte im Jahre 1932 mit Frau Geheimrat Stö­ricko wieder nach Butzbach zurück. Aach 25jähriger Dienstzeit erhielt die Jubilarin vom Großherzog Ernst Ludwig das goldene Derdienstkreuz. Die Stadt und daS Kreisamt ließen ihr nach 30- bzw. 40jLhriger Tätigkeit je einen Ruhesessel über­reichen. Den Ehrentag ihres goldenen Dienstjubi- läums verbrachte die Jubilarin im Kreise der Fa­milie Störicko.

' Sterbefälle in Gießen. In der Zeit vom 16. bis 28- Februar verstorben in unserer Stadt: 16. Rudolf Aoll, 7 Monate, Brandgasse 5: 1Z. Ludwig Verlach, Zimmermann, 72 Jahre, Teuielslustgärtchrn 5; Elifabethe Stein, geb. Hahn, 74 Jahre, Anneröder Weg 18; 18. Elisabeth Körber, geb. Mohr, Witwe, 73 Jahre, Frank­furter Straße 78; Luise Hainer, Hausdame, 42 Jahre, Südanlage 5; Katharine Knapp, geb- Ludwig, 64 Jahre, Am Diegelpfad 80; Karl Krell, Schlosser, 79 Jahre, Schiffenberger Weg 33; 19. Heinz Dünnwald, 1 Jahr, An der Kläranlage 6; 22. Elise Heck, geb. Kvamer, Witwe, 83 Jahre, Steinstraße 21; 23. Margarete Krombach, geb. Appel, 33 Jahre, Kaiserallee 69;

Aus dem Stadttheaterbüro wird tms geschrieben: Morgen, Freitag, 20 Uhr, 21. Dor- stellung im Freitag-Abonnement der Schwank:Da stimmt was nicht" von Franz Arnold. Spielleitung: Heinrich Hub. Gewöhnliche Preise. Ende 22.30 Uhr. Die nächste Dolksoorstellung findet am Sonntag, 5. März, 18.30 Uhr, statt. Zum letzten Male kommt das Lustspiel:Bargeld lacht" von Cammerlohr und Ebermoyer unter Peter Faf- , o tts Siegle zur Aufführung. Kleine Preise. Ende 20.30 Uhr.

"-Den schweren Berletzungen er­legen. Das fünfjährige Söhnchen deS Zigarren­fabrikanten B i e r a u von Wieseck, das vorgestern in der Gießener Straße zu Wieseck überfahren wurde, dabei einen komplizierten Schädelbruch erlitt und in die Chirurgische Klinik eingeliefert werden mußte, ist gestern abend gestorben.

dezirlsschöffengericht Gießen.

Gießen, 1. März. Ein wegen Betrugs vielfach vorbestrafter Gewohnheitsschwindler stand heute wegen Rückfallbetrugs in vier Fäl­len vor Gericht. 6r hatte sich unter falschem Aamen als angeblicher Klavierstimmer in einer Gastwirtschaft hier eingemietet und war zunächst seiner Zahlungsverpflichtung nachgekommen. Dann veranlaßte er durch die falsche Angabe, er habe von einem Gesangverein 60 Mark für eine Reparatur zu bekommen, den Gastwirt, ihm Kredit zu gewähren, bis er eines TageS unter Hinterlassung einer Zechschuld von 36 Mark ver­schwunden war. Weiter verschaffte er sich durch die erlogene Angabe, er stehe mit einem Klavier­stimmer von hier in Geschäftsverbindung, Arbeit. Die von ihmgestimmten" Klaviere ließ er ver­stimmt und -um Teil beschädigt zurück. Er war im wesentlichen geständig. Die Strafe lautete auf zehn Monate Gefängnis.

Oie Ruhrhilfe-Llnteesuchung.

WSA. Darmstadt, l.QIlärx. Der Bericht des älntersuchungsauSschusses über das Ergebnis der Ruhrhilse-älnter- s u ch u n g ist nunmehr ferttggestellt. Darin kommt der Ausschuß abschließend zu der Ansicht, daß dieGeldernichtsoverwendetwurden, wie eS ihrer ursprünglichen Bestim­mung entsprach. Sowohl aus den Zeugen­aussagen, als auch aus dem Ergebnis der Kon- tenprüfung geht hervor, daß noch mindestens 180 000 RM. auS dem Fonds zur Verfügung stehen.

Folgender Antrag wurde als Schlußergeb­nis angenommen: Die Regierung wird ersucht

1. zu veranlassen, daß sämtliche Schuldurkunden über Darlehen aus dem 570 000-Mark-Fonds auf die Hessische Handwerkskammer als ©laubiger umgestellt werden;

2. zu veranlassen, daß der nichtausgeliehene Teil des 570 000-Mark-Fonds auf ein Sonder­kontoRhein-Hilfe" der Handwerkskammer bei der HZG. oder einer anderen Bank gestellt wird, dem alle Rückzahlungen und Zinsen aus den ausstehenden Darlehen zufließen;

3. zu veranlassen, daß, soweit die Hessische Handwerkskammer sich einer Dank zur Verwal­tung der ausstehenden Darlehen bedient, die wirklichen Verwaltungskosten ermittelt und daß nur die zur Deckung der Verwaltungskosten er­forderlichen Zinsen erhoben werden;

4. zu veranlassen, daß die Hessische Handwerks­kammer den nicht ausgeliehenen Teil des 570 000- Mark-Fonds und die zurückfließenden Beträge bestimmungsgemäß restlos an Handwerker des ehemals besetzten Gebietes ausleiht;

5. eine Zweckbestimmung für den nach äleber- windung der letzten Besatzungsschäden des Hand­werks im ehemals besetzten Gebiete verbleibenden Rest des 570 000-Mark-Fonds (abzüglich der un­einbringlichen Beträge) zu treffen und diese Zweckbestimmung dem Landtag mitzuteilen."

Die Zag- im März.

Denn die Bachstelze wieder übers Steingeröll des Baches wippt und der Rotschwanz auf dem Gar- leiqaun knickst, wenn am Waldesrand die Weiden­kätzchen silbern leuchten und am Waldbach das erste Grün sprießt, wenn Gans und Kranich rufend gen Norden wandern und der Ringeltauber seinen Lie- besruf ertönen läßt, dann zieht es den Jäger mit allen Fasern seines Herzens hinaus Ins Revier, wo allenthalben die Natur ihre Auferstehung ankündigt. 8u Jagen gibt es allerdings nur wenig. Wenn überall neues Leben heranwächst, dann ist H e g e n erste Weidinannsoflicht.

3m Rotwiloreoier werfen die Hirsche ab und werden deswegen auch dort, wo das Gesetz sie nicht schützt, freiwillig vom Abschuß verschont.

Beim Besagen des Schwarzwildes ist be­sondere Aufmerksamkeit geboten. Denn die Bache Lischt, und kein wahrer Weidmann wird es über Isch bringen, die Mutter von den hilflosen Frisch­ungen wegzuschießen und die Kleinen dem Hunger­tode auszuliefern.

Die R e h b ö ck e haben meist schon gut geschoben, auch sonst ist das Rehwild ohne Schaden durch den Dinier gekommen. Die kritische Zeit steht bevor, wenn demnächst die frische Grünäsung an die Stelle der seitherigen Trockenäsung tritt. Die Erfahrung lehrt, daß Die Verluste überall dort stark zurück- treten, wo reichlich Kochsalz gereicht wird. Für die Anlage der Lecken eignen sich besonders die Rand­hölzer, wenn man die Gefahren der Grünäsung auf den Saatäckern eindämmen will.

Iunghasen wurden bereits im Januar und Februar beobachtet, aber der Marzsatz wird von besonderer Bedeutung für das Iagdsahr fein. In welchem Maße erdurchkommt", ist vor allem eine Frage der Witterung, auf die der Mensch keinen Einfluß hat. In zweiter Linie find es tierische Feinde, die den kleinen Löffelmann bedrohen. Ihn pflegen zu schützen, ist Hegerarbeit.

3m Dachsbau, dessen Bewohner geschützt sind vorm Abschuß, sind Junge.

Die Waldhühner, Auer- und Dirkwild tre­ten in die Balz.

Die Winterletten der Feldhühner lösen sich auf, und die Paarzeit beginnt.

Auch der Fasanenhahn läßt seinen rauhen Abruf Horen. Wenn er auch gesetzlich noch ge­schossen werden darf, so wäre es doch erwünscht, kenn wenigstens in unserer Gegend der 205- eingestellt würde. Seitens des Vereins Hubertus bzw. einzelner Mitglieder sind im *£tonat Februar in den verschiedensten Revieren

Fasanen, und zwar fast nur Hennen, auS- worden. Don dieser tatkräftigen Maß­nahme zur Hebung des Besatzes werden alle Ediere etwas haben, wenn sie sich in gleicher ^ist an einer Hege und Pflege beteiligen.

Reihzeit der Stockente hat begonnen, wird die .Märzente" mit dem Gelege beginnen.

Einen besonderen Reiz verleiht dem März der »«fogel mit dem langen Gesicht", die Wald­

schnepfe. Eie befindet sich auf dem Rückzug aus ihren nordafrikan'.schen Winterquartieren und pflegt um die Monatsmitte unsere Gegend in größerer Zahl zu erreichen. Der Schnepfenstrich mit seiner Eigenart lockt den Jäger immer wieder hinaus in den abendlichen Frühlingswald. Er sollte die einzige Jagdart im Frühjahr bleiben.

Auch die Wildtauben (die in Preußen schon Schonzeit haben) kehren zurück. Das An­springen oder das Anheulen deS verliebten Minnesängers bringen keinen großen materiellen Gewinn, dafür viel weidmännisches Vergnügen.

Der gewandte Schütze wird den März nicht vvrüberaehen lassem ohne in nassen Wiesen, oder an Fluß- und Dachrändern nach Bekassinen zu suchen.

Der Raubvogelzug ist im Gang. Flug- spiele und Lockrufe künden die Paarungszeit an. Es scheint notwendig, immer wieder darauf hin« autoelfen, daß in Hessen sämtliche Raubvögel außer Habicht und Sperber das ganze Jahr hin- durch geschützt sind, und daß die halbjährige Schußzeit des Mäusebussards am 31. März ab­läuft. Verstöße gegen diese Bestimmungen des Raturschuhgesetzes können für den Schützen sehr unangenehme Folgen haben.

Die Hauptfeinde der Riederjagd, auf deren Hege es im Frühjahr vor allem ankommt, sind nicht die Raubvögel, sondern Hund und Katze, Krähe und Wiesel.

Der Schaden, den jagende Hunde nicht nur durch das Reißen von Wild, sondern auch durch das Hetzen und Beunruhigen der Reviere anrichten, ist so groß, daß Abwehr mit allen Mitteln ge­boten ist. Wer durch rücksichtsloses Herumlaufen­lassen seines Hundes die Rechte deS Jagdpäch­ters mißachtet, tann auf Rücksicht selbst keinen Ansprucy erheben. Gegenüber der Katzenplage, die Vogelwelt wie Riederjagd in gleicher Weise be­droht. bietet daS hessische Raturschuhgesetz wirk­same Handhabe. Jagdschutzbeamte wie Jagdpäch- ter sind in gleicher Weise berechtigt, jede Katze, die mehr als 200 Meter vom nächsten bewohnten Hause entfernt ist, abzuschießen. Wenn in den nächsten Wochen die Brutkrähen sich einstellen, ist Gefahr im Verzug. Sollen nicht bei dem Deckungsmangel des Feldes Gelege und Jung- Hasen ihnen in Menge zum Opfer fallen, bann muß ihre Bekämpfung mit allen erlaubten Mit- teln sofort einsetzen. Ganz verkannt wird meist bei der heimlichen Lebensweise des Tieres der Schaden des Großwiesels, das Eier auf dem Bo­den wie auf dem Ast, Jungvöael und Junghasen in gleicher Weise mit seiner Mordgier bedroht. Da an eine wirksame Verminderung durch Ab­schuß nicht zu denken ist, kann nur die Falle hel­fen.

Die Frühjahrsarbeit im Revier schafft die Grundlage für den Ausfall des Jagdjahres. Sie erfordert Mühe und Arbeit, bringt aber dem Jäger den schönsten Lohn, den Hegerlohn.

HubertuS.

Große Strafkammer Gießen.

* Gießen, 28. Febr. Ein zwanzigjähriger Handlungsgehilfe hatte im vergangenen Jahre einen auf dem Felde sitzenden Kleeheuhaufen vor­sätzlich in Brand gesetzt. Kein besonderes Motiv, sondern lediglich jugendlicher liebennut hatte ibn ju diesem verhängnisvollen Entschluß getrieben. Degen den Angeklagten, der in der heutigen Ver­handlung auch das Verwerfliche seines Tuns eingesehen hat, wurde wegen Brandstiftung unter Zubilligung mildernder Umstände auf die gesetz­lich zulässige Mindeststrafe von 6 Monat ©e- fgngniS erkannt. Mit Rücksicht auf die bis­herige Unbestraftheit und das jugendliche 2llter deS Angeklagten und den nicht bedeutenden Wert der in Brand gesetzten landwirtschaftlichen Er- zeugnisse bewilligte das Gericht dem Angellag- ten bedingten Strafaufschub unter Setzung einer

fünfjährige« Bewährungsfrist unter der weiteren 2hiflagc, innerhalb von zwei Monaten den ange­richteten Schaden zu ersehen und an die Staats­kasse eine Buße von 75 Mark zu zahlen.

Unter Ausschluß der Oefsentlichkeit fand die Verhandlung gegen einen über 60jährigen In­validen statt, der deS Sittlichkeitsverbrechens an schulpflichtigen Kindern angeklagt war. In An­betracht der Gemeingefährlichkeit seines TunS wurde er zu zwei Jahren und sechs Mo­naten Gefängnis verurteilt, und mit Rück­sicht auf die bewiesene ehrlose Gesinnung ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von vier Jahren aberkannt.

Daten für Freitag, 3. März.

1861: Alexander II. von Rußland hebt die ßeib« eigenschaft auf; 1932: der Pianist und Kom­ponist Eugen d'Lllbert in Riga gestorben.

Das Uebersimikche - hier wird's Ereignis...

Tatsachenberichte aus dem Hei* des Okkulten.

Gesammelt und nacherzählt von F X Schlichters.

IV.

Geister und Gespenster.

DaSLlebersinnliche" wenn dies Wort fällt, verbindet der heutige Mensch mit ihm meist auto­matisch zunächst einmal den Begriff: ... aha, Ge­spenstererscheinungen ... und lächelt skeptisch. Immerhin ist der Glaube an Geister und Gespen­ster wohl so alt wie die Menschheit selbst. Der Zeugnisse dafür, daß es sich hier nicht lediglich um leere Phantasterei, sondern um wenn auch immer noch unerforschte Tatsächlichkeiten handle, sind Legion. Jegliche Stellungnahme des Einzelnen in positivem oder negativem Sinne ist natürlich stets Veranlassung und Privatsache. Im­merhin sind die meisten der in diesem Zusammen­hang guten Glaubens erzählten Geschehnisse von hohem Reiz.

äleberschlagen wir die zahllosen Berichte aus Altertum und Mittelalter und beginnen wir mit dem erschütternden Bericht, den der Graf Karl von R o st i tz. Adjutant des Prinzen Louis Ferdinand, von einem Ereignis am Vorabend des Gefechts bei Saalfeld am 10. Oktober 1806 liefert

Man sitzt im Schloß von Rudolstadt bei der Abendtafet Der Prinz ist außerordentlich frvh- llch: morgen beginnen die Feindseligkeiten; es geht endlich gegen die Franzosen; es gilt neuen Schlachtenruhm. Die Stunden verrinnen. Da schlägt die Schloßuhr MitternachtMit dem zwölften Schlag", berichtet Rostih.geschah eine sonderbare Veränderung mit der Person des Prin­zen. Sein schönes Gesicht erbleichte seltsam, seine über die Tasten des Klaviers gleitenden Finger wurden steif, wie gekrampft; er fährt mit der Hand über die Augen, wendet sich zu mir, der diesem Zwischenfall mit Befremden zusah. und, mit einer raschen Bewegung eine Kerze ergrei­fend. stürzt er auf die Tür zu und verschwindet... Eilends den Schritten des Prinzen folgend, stürze ich mich auf die Tür zu. durch die er verschwun­den ist. Sie führte auf einen langen Korridor, der als Ausgang nur eine Seitentür hatte, die in den Schloßhof hinausging. Da sah ich den Prinzen, der, die flackernde Kerze in der Hand, mit ruckweisen Schritten einer in einen Schleier von ausfallender Weise gehüllten menschlichen Ge­stalt folgte. Dieses phantastische Wesen entfernte sich, ohne surchtvolle Hast zu zeigen: am äußer­sten Ende der Galerie angekommen, verschwand die Erscheinung. Es gab, das wußte ich, dort keine Tür. Dieses geheimnisvolle Verschwinden setzte mich in Erstaunen. Der Prinz aber begann zu untersuchen, ob nicht doch eine geheime Tür zu finden sei. aber nichts... nichts! Da näherte ich mich ihm, um ihm bei der Untersuchung zu helfen. Bei meinem Anblick zitterte er:Rostitz! Hast du gesehen?"3a, antwortete ich mit der größten Kaltblütigkeit,ich habe eine ganz in Weiß gekleidete Frau gesehen, die Eure Ho­heit..." Er ließ mir nicht Zeit zu enden.Es ist also kein Traum! Ja. ich habe sie gesehen... es ist die Weiße Frau...!" Ich wollte mich vergewissern, ob ich nicht ebenso wie der Prinz unter dem Eindruck einer Illusion gestanden, uno lief zur Wache, um mich zu informieren, ob je­mand seit einer Viertelstunde hereingekommen sei. Ich habe", antwortete der Soldat,einen mit einem weißen Mantel umhüllten Mann ge­sehen. Habe ich Llnrecht getan, ihn vorbeizulas­sen? Ich hatte keine Instruktion, Offiziere anzu­halten, und den, der hereinkam, habe ich nach seinem weißen Mantel für einen sächsischen Offi­zier gehalten." Kein Zweifel mehr. Es war Wirklichkeit. Der Prinz, der mit älngebulö Die Antwort des Postens erwartete, hatte seine Kalt­blütigkeit wiedergewonnen.Schweigen!" sagte er zzu mir,Schweigen auf ewig!" Unö er betrat den Gaal wieder, ohne irgend jemandes Auf­merksamkeit zw erregen.

Am Morgen beginnt der Vormarsch. Un­geduldig, sich an der Spitze der Truppen zu eßen, stachle der Prinz sein Pferd an. Ich olgte ihm unmittelbar. Plötzlich bemerkte ich am Rande des Weges eine grau von sonder­barem Aussehen- Sie faß auf einem Rasen- Hügel und verbarg ihr Gesicht unter einem weißen Schleier... War es erstaunlich, daß eine Frau, eine Mutter ohne Zweifel, Tränen ver­goß? ... Aber wie groß war mein Erstaunen, als der Prinz sein Pferd hastig anhielt, sich zu mir umwandte und ruckweise hervorstieß:Rostitz! Wieder diese Frau! Die Weiße grau verfolgt mich!" Dann jagte er im Galopp vorwärts, wie um sich der Macht dieses geheimnisvollen Wesens zu entziehen. Ich näherte mich b:n Soldaten, um von ihnen eine Aufklärung zu erlangen. ..Hast du eine grau in einem großen weißen Schleier gesehen?"Ja, Lieutenant, sie hatte ich keine großen Toilettenunkosten gemacht ... ie ist nicht mehr da ... wahrscheinlich schämt sie ich ihres Rachtlleides ..."

Am gleichen Tage stirbt Prinz Louis Ferdinand den Heldentod; Graf Rostitz wird schwer ver­wundet. Die Weiße Frau, dasFamilien­gespenst" der Hoheyzollern, hatte dem Prinzen den Tod gemeldet ...

Halten wir uns eine Weile an die Dichter sie müssen dem Uebersinnlichen näherstehen als die gewöhnlichen Sterblichen ... Da ist zum Bei­spiel Eichendorfs. Gertrud Storm, die Toch­ter des Dichters Theodor Storm, weiß zu be­richten, daß Eichendorfs ihrem Vater geschworen habe, das nachfolgende Erlebnis sei strenge Wick- lichkeit und Wahrheit:

Eichendorfs wohnte in seiner Jugend auf einem

alten Schloß nämlich In Lubkowitz bei Rati- bor in Oberschlesien, nicht weit von ihm hauste gleichfalls auf einem alten Schloß sein Freund, ein junger Gras. Im Winter kamen die beiden mit anderen jungen Männern allw^ent- lich mal auf dem einen mal auf dem aiTOcren, Schloß abends zusammen. Rachdem dabei des öfteren von einem Spuk Im Schloß des Grasen die Rede gewesen, schlug dieser den gteinben vor, das nächstemal gemeinsam zu versuchen, der Sache aus den Grund zu kommen. Dann war ein stürmischer Abend, als der junge Gras, kurz vor Mitternacht sich erhob und die Tafel­runde aufforderte, ihm zu folgen. Man verließ ben dunkelgetäfelten Speisefaal und schritt durch hallende Gänge, bis man an eine Treppe ge­langte, die alle Stockwerke verband. 3m untersten war neben der Treppe eine hohe, eisenbeschla­gene Tür, von der der junge Graf versicherte, 6aß sie an die hundert Jahre von keiner Men­schenhand geöffnet worden fei, baß sie sich aber in Winternächten zuweilen leise offne, um eine schlanke Frauengestalt heraustreten zu lassen, die dann leichten Fußes die Treppe hinaufeile und oben verschwinde. 3etzt wolle man warten, ob sie heute etwa sich zeige. Zwischen Tür und Treppe stehend, verharren die Freunde, mit ge­dämpfter Stimme nur wenig und von gleich­gültigen Dingen plaudernd, im Kerzenschein deS Leuchters, den ein junger, an dem Tag erst eingetretener Diener hochhält. Da fühlt Eichen­dorfs, der sich leicht an Die Tür gelehnt hatte, daß diese hinter ihm zurückweicht, und nun sehen alle eine heraustretende schlanke Frauen­gestalt, ganz in Grau gekleidet Und das Haupt von einem grauen Schleier verhüllt. Sie eilt an ihnen vorüber leichtfüßig die Treppe hinauf, der junge Diener aber, von keinem Spuk wissend, überholt sie behende, um der Dame vorzu- leuchten. Da, wo die Treppe sich teilt, will der Diener nach links, die Dame aber macht mit ihrer schlanken weißen Hand eine Bewegung nach rechts, jener wendet sich und leuchtet ihr weiter voran, und beide entschwinden ben Blicken der unten Zurückgebliebenen. Plötzlich durchgellt, wie in höchster Todesnot ausgestoßen, ein fürchter­licher Schrei das weite Treppenhaus' und der schwanke Kerzenschein ist von der finstersten Fin­sternis verschlungen. Die jungen Männer am Fuß der Treppe erstarren in namenlosem Grauen. Eichendorfs ist der erste, der sich so weit faßt; um sich zum Saal zurückzutasten und einen an­dern, dort noch mit brennenden Kerzen stehen­den Leuchter zu holen. Oben finden sie den jungen Diener, den Leuchter noch in der Rechten, auf dem Boden liegend, tot, den Ausdruck fürchterlichen Entsetzens im Antlitz. Von der grauengestalt keine Spur. Sie tragen den Toten hinab, und in dem Augenblick, da sie unten an- langen, schließt die geheimnisvolle Tür sich leise wieder zu ...

Ein anderer Dichter, Eduard M ö r i k e, Pfar­rer zu Cleversulzbach, notiert über einen Spuk in seinem Pfarrhaus folgendes in feinem Tage­buch:

Vom 19. bis 30. August 1834. 3ch fange an zu glauben, daß jeneSiebente Tatsache" Grund haben möge. Zweierlei ist's vorzüglich, was mir ausfällt. Ein Fallen und Rollen, wie von einer kleinen Kugel unter meiner Bettstatt hervor, das ich bei hellem Wachen und völliger Gemütsruhe mehrmals vernahm, und wovon ich bei Tage trotz allem Rachsuchen keine natürliche Ursache finden konnte. Gobann, daß ich einmal mitten in einem harmlosen, unbedeutenden Traum plötz­lich mit einem sonderbaren Schrecken erweckt wurde, wobei mein Blick zugleich auf einen hellen, länglichten Schein unwett der Kammertür fiel, welcher nach einigen Sekunden verschwand. Weder der Mond noch ein anderes Licht kann mich getäuscht ßa6en. Auch muß ich bemerken, baß ich bereits früher währenb eines gleichgültigen Traumes durch die grauenhafte Empfindung ge­weckt wurde, als legte sich ein fremder harter Körper in meine Hüfte auf. die bloße Haut. 3ch machte mir damals nichts weiter daraus und war geneigt, es etwa einem Krampfe zuzuschrei­ben, woran ich freilich sonst nicht litt. Indes hat mir ein hiesiger Bürger, der ehrliche Baltha­sar Hermann, etwas ganz Aehnliches erzählt, daS ihm vor 3ahren im Haus widerfuhr. Herr Pfarrer Hochstetter ließ nämlich, so oft er mit feiner Familie auf mehrere Tage verreiste, diesen Mann, der ebenso unerschrocken als rechtschaffen ist, deS RachtS im Hause liegen, damit es etwa gegen Einbruch usw. geschützt sein möge, und zwar quartierte er ben Mann in jenes Zimmer auf der Gartenseite, worin nachher mein Bruder so­viel beunruhigt wurde. Einst nun, da Hermann ganz allein im wohlverschlossenen Hause lag (die Magd schlief bei Bekannten ifn Dorfe) und sich nur eben zu Bette gelegt hatte, fühlte er, vollkommen wach, wie er noch war, mit einem Male eine getoaltfame Berührung an der linken Seite auf der bloßen Haut, als wäre ihm ein fremder Gegenstand,fo rauh wie Baumrinde", unter das Hemd gefahren, wie um ihn um den Leib zu packen. Die Empfindung war schmerzhaft, er fuhr auf und spürte nichts mehr. Die Sache wiederholte sich nach wenigen Minuten, er stand auf und ging, ich weiß nicht mehr in welcher Absicht, auf kurze Zeit nach HauS, kam wieder und blieb ungestört diese Rächt. Inzwischen baden auch die Meinigen mehr oder weniger Auf­fallendes gehört...

Dieser Spuk hat sich, mit geheimnisvollen Er­scheinungen, fortgesetzt, so lange Mörike daS .verwunschene" Pfarrhaus bewohnte...

(Fortsetzung folgt.)