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2.2.1933 Erstes Blatt
 
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Donnerstag, 2. Februar M3

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Nr. 28 Zweites Blatt

Wirtschaft.

Vie ireichsbank Ultimo Januar.

Berlin, 2. Febr. (WTB. Funkspruch.) Nach dem Ausweis der Reichsbank vom 31. 2a nu a r 1933 hat sich in der Ultimowoche die oeiamte Kapitalanlage der Bank in Wech­seln und Schecks, Lombards und Effekten um 233 7 Millionen auf 2996,4 Millionen Mark c r - höbt 3m einzelnen haben die Bestände an Han­delswechseln und -Schecks um 171,7 Millionen auf 2459-t Millionen Mark, die Bestände an Reichs- schaywechseln um 35,5 Millionen auf *44,1 Mill. QUarl, die Lombardbestände um 24,6 Millionen auf 92.5 Mil^ Mark und die Effektenbestände um 1,9 Millionen auf 400,7 Millionen Mark zuge- nohv "r

2ln R.rchsbanknoten und Renten­bankscheinen zusammen sind 219,2 Millionen Mark in den Verkehr abgeflossen und zwar hat sich der Umlauf an Reichsbanknoten um,194 Mill, auf 3337,8 Millionen Marl, derjenige an Renten- bankscheinen um 25,2 Millionen auf 410,9 Mill. Mark erhöht. Dementsprechend haben sich die Be­stände der Reichsbank an Rentenbanlscheincn auf 16,1 Mill. Mark ermäßigt. Die fremden Gelder zeigen mit 344,9 Mill. Mark eine Abnahme um 42.3 Millionen Mark.

Die Bestände an Gold und deckungs- fähigen Devisen haben sich um 1,4 Mill, auf 922,5 Millionen Mark erhöht. 3m ein­zelnen haben die Goldbestände um 15,3 Millionen auf 821,9 Millionen Mark zugenommen, die Be­stände an deckungsfähigen Devisen dagegen um 13,9 Millionen auf 100,6 Mill. Mk. abgenommen.

Die »Deckung d cr Rote n durch Gold und deckungsfähige Devisen betrug am Ultimo 27,6 Prozent, gegen 29,3 Prozent am 23. Januar d. 3.

Berlin schwächer.

Berlin, 2. Febr. (WTB. Funks pruch.) Der Re­gierungsaufruf bildete naturgemäß das Haupt- gesprächsthema in der Burgstraßc. Obwohl man Einzelheiten über das Programm vermißte, war die Stimmung gegen gestern nachmittag beruhigter. Die Arbeitsbejchaffungsoläne beanfpruchten weiter­hin großes Interesse. Größere Publikumsabgaben fanden nicht statt, und auch die Spekulation verhielt sich ziemlich abwartend.

Die Ansangsnotierungen lagen zumeist über den Frankfurter Abendkursen, doch ergaben sich gegen den gestrigen Berliner Schluß Verluste bis zu 1,5 v. f). Darüber hinaus waren die, in den letzten Togen stärker gestiegenen Werte bis zu 3 v. 5). ge­drückt. Die wirtschaftlichen Momente waren vor­wiegend günstiger Natur, konnten sich aber gegen­über der Politik nicht durchsetzen. Montan- und Brounkohlenwertc hatten vielfach Rückgänge bis zu 1,75 v. H. aufzuweisen. Buderus, Eintracht und Rheinische Braunkohlen lagen dagegen bis zu 1,50 d. f). hoher. Von Kaliwerten waren besonders Aschersleben und Kali Chemie bis zu 3,25 v. f). ge­drückt, Chemie-, Gummi- und Linoleumwerte büßten bis zu 1,40 v. H. ein. Bei Elektroaktien waren eben­falls Rückgänge bis zu 1,50 v H. festzustellen, nur Felten logen etwas freundlicher. Von Gaswerten verloren Schlesische Gas 1,5 o. S). Kabel- und Draht­werte lagen umsatzlos. Von Autoaktien verloren BMW. 2,50 v. S). Maschinenfabriken büßten bis zu 2 v. 5). ein. Unter Metallwerten gingen Deutsche Eisenhandel um 1,50 v. H. zurück. Bauwerte bröckel­ten leicht ab, ebenso Kunstseideaktien. Von Textil­werten büßten Stöhr trotz der guten Beschäftigung mehr als 3 v. Sj. ein. Brauereien, Anteile von Wasserwerken, Banken, Schiffahrtsaktien sowie Pa­pier- und Zellstoffwerte gingen bis zu 1,50 v. 5). zurück. Von sonstigen Verkehrswerten waren AG für Verkehrswesen in gleichem Ausmaße abgs- schwächt. Ferner fielen Tietz, Deutsche Atlanten und Hotelbetrieb durch Rückgänge bis zu 3 v f). auf. Im Verlaufe gaben die meisten Papiere weiter nach. Die Verluste gingen bis zu beinahe 2 v. S). Die schwache Haltung der Auslandbörsen verstimmte, während der verhältnismäßig günstige Ultimo-Reichsbank- ousweis ohne Wirkung blieb.

Deutsche Anleihen, besonders Altbesitz, die mehr, als 1 v. H. verloren, tendierten schwach Reichsschuldbuchforderungen und sonstige Renten­

werte waren ebenfalls schwacher. Ausländer gaben vielfach bis zu 0,25 o. H. nach, nur Lissaboner Stadt­anleihe waren 0,25 v. S). höher.

Am Geldmarkt Hot sich die Entspannung weiter fortgesetzt, die Sätze erfuhren aber keine Ver­änderung. Tagesgeld war an der unteren Grenze mit 4,65 bzw. 4,50 v. H. erhältlich. Nach Privatdis­konten, Reichswechseln per drei Monate und Reichs schatzonweisungen per 17. Juli herrschte weiter Nach­frage.

Frankfurt beruhigt.

Frankfurt a. M. 2. Febr. (WTB. Draht- Meldung.) Nachdem die Abendbörse auf die Reichstagsauflösung in schwächerer Haltung ver­kehrte und Kursverluste bis zu 2 Prozent zu ver­zeichnen waren, zeigte die heutige amtliche Börse bei Beginn eine gewisse Beruhigung, die wohl daraus resultieren dürfte, daß das Publikum seinen erst kürzlich erworbenen Aktienbesitz nicht zum Verkauf stellte. Die Kulisse schritt verschie­dentlich zu kleinen, Deckungen, verhielt sich aber im großen und ganzen sehr abwartend. Man ist indessen über die bevorstehenden Neuwahlen ver­stimmt, weil der Fortgang der wirtschaftlichen Entwicklung dadurch weiter gehemmt würde. Der Aufruf des Reichskanzlers hinterließ nur wenig Eindruck und wurde sehr verschieden ausgenom­men.

Die durchschnittlichen Besserungen betrugen ge­gen die Abendbörse von 0,50 bis 1 Prozent, die Umsahtätigkeit hielt sich dabei in sehr engen Gren­zen. Am Elektromarkt waren AEG. und Siemens ie 0,50 Prozent, Licht & Kraft, Gesfürel und Lah- meyer aber bis zu 1 Prozent erholt, wogegen (Be­tula und Schuckert bis 0,50 Prozent nachgaben. IG. konnten sich um 0,8f) Prozent befestigen, spä­ter ging der Kurs aber auf 105 um 0,50 Prozent zurück. Deutsche Erdöl verloren 0,75 Prozent. Von Montanwerten tendierten Gelsenkirchen 0,50 Pro­zent, Mannesmann 1 Prozent, Rheinstahl und Stahlverein je 0,75 Prozent fester. Don den übri-

Landkrcis Gießen.

O Burkhardsfelden, 31. 3an. Am Samstag hielt der landwirtschaftliche Konsumverein Burkhardsfelden seine ordentliche Generalversammlung ab. Dor Eintritt in die Tagesordnung gedachte Direktor Schmidt des verstorbenen Dereinsrechners Hch. Becker, der in 36jähriger Tätigkeit zum Wohle des Ver- eins gewirkt habe. Der Dorsihende des Aufsichts­rates M ö b u s gab die Icchresrechnung und die Bilanz für 1932 bekannt, die bei einem Umsatz von 43 000 Mark einen Reingewinn von 2463,88 Mark aufwies. Auf Dorschlag des Aufsichtsrates wurde eine Warendividende von sechs Prozent geneh­migt. Für den verstorbenen Rechner Becker wurde der Metzger und Landwirt Fr. Stumpf gewählt. Der Paragraph 28 des Statuts, nach dem weibliche Genossen kein Stimmrecht haben und von der Generalversammlnnq ausgeschlossen sind, wurde dahin abgeändert, daß diese in volle Rechte eintreten. Am Sonntag tagte in der Gastwirt­schaft von Hinter Ww. die Generalversamm­lung des GesangvereinsGermania". Nach Begrüßung durch den 1. Dorsitzenden, H. Albach wurde der Jahresbericht von Schriftführer Blei erstattet. Der 1. Dorsihende gedachte sodann des 30jährigen Bestehens des Vereins. Der Rechner 3ohs. A 1 d a ch erstattete die Rech­nungsablage, die einen Ueberschuß von 212 Mark ergab. Dem Rechner und dem Dorstand wurde Entlastung erteilt. Für 25jährige Mitgliedschaft wurden die Sänger Theodor Döring, Friedr. Stumpf, Hch. N e b e I i n g , 3ohs. Schmidt und Hch. A l b a ch zu Ehrenmitgliedern ernannt. Nach Erledigung der Tagesordnung brachten die Sänger (Leitung: A. Mohr) noch einige Ehöre zum Dortrag.

© Holzheim, 1. Febr. Dieser Tage fanden im großen Saale des Rathauses die 3ahreshaupt-

gen Aktien lagen Holzmann 0,64 Prozent freund­licher. Deutsche Linoleum gaben dagegen 0,50 Prozent nach, und Reichsbankanteile verloren 0,75 Prozent. Schifsahrts» und Derkehrswerte hatten nur unwesentliche Veränderungen.

Der Rentenmarkt lag sehr ruhig, die Stimmung schien jedoch eher weiter schwächer zu sein. Matt lagen besonders von Industrieobliga­tionen Stahlverein mit minus 2,50 Prozent. Deutsche Linoleum tendierten unregelmäßig. Alt- besih erneut minus 0,25 Prozent. Neubesih plus 0,10 Prozent. Don fremden Werten gaben 4pro- zentige Einheitsrumänen 0,13 Prozent nach. Der festverzinsliche Markt lag weiter schwächen» und zwar gaben Goldpfandbriefe 0.50 bis 0,75 Proz., Liquidationspfandbriefe teilweise bis zu 1 Proz., und Kommunalobligationen bis 0,50 Proz. nach. Die Werte der Nassauischen Landesbank Wiesba­den und der Preußischen Landspfandbriefanstalt Berlin waren aber kaum verändert.

Deutsche Anleihen lagen spater 0,25 bis 0,50 Prozent, Späte Reichslchuldbnchforderungen insgesamt 1 Prozent schwäch er. An dem Ak­tienmarkt war die Haltung im Derlaufe lust­los. Die Kurse lagen uneinheitlich, .wobei die Deränderungen etwa 0,50 bis 1,50 Prozent nach beiden Seiten betrugen. Kaliwerte nannte man je­doch 1,50 bis 2 Prozent niedriger. Am Geldmarkt war Tagesgeld zu 4,50 Prozent weiter erleichtert.

firner Lchlachtvichmarkt.

Frankfurt a. M., 2. Febr. Auftrieb: Rinder 84, Kälber 1052, Schafe 161, Schweine 656 Stück. Es notierten: Kälber. Beste Mast- und Saugkälber 31 bis 35, mittlere Mast- und Saugkälber 26 bis 30, geringe Kälber 20 bis 25. Schafe. Mastlämmer und jüngere Masthämmel (Weidemast) 23 bis 25, mittlere Mastlämmer, ältere Masthämmel und gut genährte Schafe 20 bis 25. Schweine. Dollfleischige Schweine von etwa 240 bis 300 Pfund 33 bis 36, von etwa 200 bis 240 Pfund 33 bis 36,5, von etwa 160 bis 200 Pfund 31 bis 36 Mark. Marktver­lauf: Kälber und Schafe schleppend, geräumt; Schweine schleppend, geräumt, Ueberstand.

Versammlungen der drei Diehversiche- rungsvereine statt, die sämtlich gut besucht waren. Aus den Rechenschaftsberichten sei fol­gendes mitgeteilt: Vorsitzender sowohl des Rind- viehversicherungs-, als auch des Schweinever­sicherungsvereins ist Landwirt und Gemeinderat Hch. K. G. Jung. Versichert waren nahezu alle Tiere, und zwar 75 Pferde, 780 Stück Rindvieh und über 600 Schweine. Einnahmen, Ausgaben und Ueberschüsse gestalteten sich folgendermaßen: Pferdeversicherung: 1308 Mk. 1253 Mk. 55 Mark, Rindviehversicherung: 4969 Mk. 3776 Mark 993 Mk. (Von diesem hohen Ueberschuß sind 402 Mk. abzuziehen = nicht eingegangene Beiträge.) Echweineversicherung: 2403 Mk. 2327 Mk. 76 Mk. Bei der Rindviehversicherung wurden die zwei satzungsgemäh ausscheidenden Taxatoren Valth. W. Grieb und Hch. Jung IX. wiedergewählt. Die Rechner sind: Schmiedemeister Hch. Kuhl (Rindviehversiche­rung), Hch. Grieb I. (Schweineversicherung) und K. Jung (Pferdeversicherung), Vorsitzender des letzteren ist W. Laux I Beisitzer blieben die bisherigen.

L i ch, 1. Febr. Dieser Tage fand imHol­ländischen Hof" die Generalversammlung des Rothschen Männerchors Lich statt, die einen außergewöhnlichen Besuch aufzuweisen hatte. Vor Eintritt in die Tagesordnung ge­dachte der 1. Vorsitzende der Verstorbenen des Vereins und besonders der im vergangenen Jahre verstorbenen Mitglieder Pfarrer Roth, Dr. Roth und Wilhelm Fey II. Dann wurden drei Mitglieder des Vereins, die ihm 25 Jahre ange­hören, zu Ehrenmitgliedern ernannt; es sind dies die Herren Karl K a m b e i h, Fritz K ä ch l e r und Johannes Dietrich. Der Schriftführer Julius Schorn erstattete den Geschäftsbericht. Bei der Vorstandswahl wurden die ausscheiden-

Obecheffen.

den Vorstandsmitglieder Heinrich Erb. Jakob Sühel und Gustav Radetzky wiedergewählt. Der Vorstand wurde durch ein neues Mitglied erweitert. Mit Stimmenmehrheit wurde August S ch e p p gewählt. Der Kassenbericht des Rech­ners Iensch zeigte ein gutes finanzielles Er­gebnis. 'Dem Rechner konnte nach der Prüfung der Kasse Entlastung erteilt werden. Gemütliche Unterhaltung beschloß die Versammlung.

Mrcid Schotten.

Laubach, 1. Febr. Zu der zweiten (3 c- meindeholzversteigerung waren auch aus der Umgegend sehr zahlreiche Steigerer er­schienen. Folgende Preise wurden für je Raum- meter erzielt: Buchenscheiter 5,50 bis 6 Mark, durchschnittlich. Buchen st ockholz 4,50 bis 5 Mark und Buchenknüppel 3,50 bis 4 Mark. Am Freitagabend wurde in der hiesigen Stadtkirche der MissionsfilmKalimantan", der das Arbeitsfeld der Basler Mission auf der Insel Borneo darstellt, vorgeführt. Die Erklärung des Filins hatte Missionar Droh (Gießen) über­nommen. Am kommenden Sontagmittag findet auf dem Rothenberg bei Laubach eine Wehr- sport Übung von mehr als 1000 SA.-Leuten der Sturmbanne I 116 und 111/116 statt. Danach ist ein Propagandamarsch durch die Stra­ßen der Stadt mit einem Vorbeimarsch auf dem Marktplatz vorgesehen. Anschließend konzertieren in drei Sälen SA.-Kapellen, die abends gemein­sam auf dem Marktplatz denGroßen Zapfen­streich" spielen werden.

G. A.-Sport.

Weitere Ergebnisse im Berliner Reitturnier.

Beim Internationalen Berliner Reitturnier wurden am Dienstagabend die sportlichen Wett­bewerbe mit dem Prinz-Friedrich-Sigisrnund-Er- innerungspreis fortgesetzt. Zu den schon am Nach­mittag ermittelten fünf fehlerlosen Pferden kamen noch sechs, die sich dann am Mittwochnachmittag einen spannenden Kampf lieferten. Sieger der 1. Abteilung wurde Graf Cramers Kurfürst (Za­strow) mit 33/< Fehlern vor Husar und Elliot. Im Preis vom Kaiserdamm, einer Dressurprüfung für Reitpferde, siegte der Trakehner Pendel (Linnewerber). Den Preis vom Hippodrom, der den Damen Vorbehalten war, holte sich Frau Franke mit Servatius, nachdem sie am Dienstag­abend auch den Preis von Trakehnen in bet ersten Gruppe gewonnen hatte.

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\

Oberleutnant Brandt von der Kavallerie-Schule in Hannover blieb beim Großen Berliner Reit- und Fahrturnier Sieger im schweren Jagdspringen und in der Eignungsprüfung für leichte Jagdpferde.

Ahnengeplauder.

Don Rudolf G. Binding.

Heber meine Vorfahren und Ahnen etwas Rich­tiges und Herzhaftes sagen, würde mir, soweit ich sie kenne, eher ihr Lächeln eintragen, als daß es sie freute. Sie selber haben sicher in dieser Richtung wenig getdiu Ich gestehe: es ist das erstemal, daß ich mich nach ihnen umsehe. Aber schon indem ich dieses tue, habe ich die deutliche Empfindung, daß sie darum erst recht hartnäckig und selbstbewußt in einem gewählten Schweigen oder einer lächelnden Gleichgültigkeit verharren werden und sich nicht leicht beschwören und be­leben lassen, so lebhaft und beweglich sie auch dereinst gewesen sein mögen.

Fast alle Menschen sind auf Vorfahren und Ahnen, wenn diese sich nur vor dem Zollstock einer gewissen eingebildeten oder wirklichen Mo­ral sehen lassen können, eitler als sie es wohl dürften Sie zählen Vorfahren solcher Art zu ihren Talenten und betrachten es als wohler­worbenes Verdienst, einer angesehenen und alten Familie zu entstammen, woran sie völlig un­schuldig smd. Noch nie ist es einem eingefallen, sich seiner Abstammung von einem Ortsarmen, einem Säufer oder einem Abenteurer zu rühmen, obgleich für den, der aus eigner Kraft es zu etwas Rechtem gebracht hätte, eigentlich eine solche Abstammung besonders rühmenswert und achtbar wäre.

Auch ich kann diesen höheren Ruhm weder für miet noch für einen meiner Vorfahren, soviel mir scheint, in Anspruch nehmen und bleibe auf den geringeren beschränkt, daß meine Vorfahren or­dentliche Leute waren. Ich will damit nicht be­haupten, daß die Familie, die meinen Namen tragt, um deswillen weniger achtbar gewesen sei. weil sie keine Ortsarme, Säufer, Abenteurer und Sonderlinge auf- oder nachweist. Natürlich sind Namen stumm, und niemand weih, wieviel Em­pörung. Leidenschaft, Sonderheit, Gröhe und Laster, Liebe und Hah, Sehnsucht und Zucht sich unter der Gewalt und im Bann so mancher bür­gerlichen, ehrsamen und einfachen Namen ausge- lebt hat. Mit gutem Grund vermute ich, aus mir selbst schließend, dah jedenfalls die Familie

meines Vaters sehr beweg e Naturen enthielt, von denen jetzt nichts mehr übrig ist als eine Eintra­gung in einem alten Kirchenbuch Vielleicht war äuherlich nicht viel zu erzäh'en. Obg eich wir nichts, wie es scheint, zu verheimlichen haben, sand weder mein Vater noch mein Großvater noch irgend ein Mitglied unserer engeren Familie die Eitelkeit oder die Lust, auch nur einen Stammbaum aus­zuarbeiten ober Herstellen zu lassen.

Mein Vater schien zu wissen, dah das Geschlecht alt sei und aus der Wetterau nach Frankfurt a. M. einwanderte. Dort war es während des ganzen 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ziemlich zahlreich. Noch ein Adreßbuch von Frank­furt aus dem Jahre 1840 weist etwa zwanzig Bindings auf, während meine engere Familie im Mannesstamm zur Zeit nur auf zwei jungen Au­gen ruht und der Name auch sonst selten geworden ist. Seit langem, so belehrte mich mein Vater und meine Großmutter, gab es in der Familie zwei Linien, von denen die eine aus Tradition und Neigung von altersher nahrhafte Berufe be­trieb wie mein Vater sich ausdrückte; d. h. sie waren Bäcker, Metzger und Brauer wogegen die andere Liniedie Juristen" waren. In der Tat ist einer meiner Brüder Jurist und mein Vater, Großvater, Urgroßvater, wie auch eine An­zahl anderer Angehörigen dieser Linie, der also auch ich angehöre, waren Juristen. Meine Groß­mutter aber, die Frau Rat und keine schlechte Vertreterin ihres Standes, der durch eine andere Frankfurterin berühmt wurde entstammte der nahrhaften Linie, war eines Bäckermeisters Toch­ter und heiratete einen ihres Namens aus der Iuristenlinie.

Von weither ist kaum mehr zu erzählen. Es ist nicht sehr aufregend ober besonders aufschluß­reich. Ein Frankfurter Gelehrter hat ein sehr Bewanderter in solchen Dingen eine Blutsver­wandtschaft zwischen mir und Goethe (mit dem natürlich bei einigem Suchen sehr viele Frank­furter in irgendeinem Grade blutsverwandt sind) als gemeinsame Nachkommen eines nach Luthers Zeiten in Frankfurt lebenden Metzgers Conrad von (Serben dargestellt. Ich möchte aber gleich sowohl für mich als auch für Goethe feststellen, daß es uns fernliegt, uns auf diese Verbindung jemals zu berufen. Höchstens können wir entdecken, daß, in ziemlich gleichem Abstand der Generationen

von dem gemeinfamen Bindeglied, in dienahr­haften Berufe", die sich auf beiden Seiten fin­den, Juristen einheirateten, was wir denn beide hinzunehmen hatten.

Verlasse ich das nicht vorhandene Gebiet der schriftlichen Heberlieferung und wende mich zu dem vorhandenen der lebendigen Erinnerung zu, so ist in diesem meine Großmutter die markan­teste Erscheinung. Nach außen (soweit es ihr Tem­perament zulieh) eher zurückhaltend und beschei­den, war sie von einer unüberbietbaren inneren Vitalität, Kraft, Zuversicht, Unverdrossenheit, Klugheit und Beweglichkeit. Ihr Denkmal in so manchem Zug, der mir als Knabe Eindruck machte und mein Leben bestimmend beeinflußte, ist in den ersten Kapiteln desErlebten Lebens"* aufgerichtet, wo man es mehr um ihretwillen als um meinetwillen nachlefen mag: man wird nicht zu kurz kommen.

Ihren Humor, ihre Diskretion und ihren Takt, der trotz ihrem sonst sehr drastischen Auftreten sie nie verließ, lernte ich erst später bewundern.

Meine Großmutter machte eigentlich andere Vorfahren überflüssig. Sich nach Ahnen neben ihr umzusehen, war geradezu lächerlich. Wir ha­ben nie das leiseste Bedürfnis danach verspürt. Schreite ich aber von der großelterlichen Genera­tion zu der mir in letzter Linie übergeordneten, so war von meinen Eltern wiederum der Vater von einem ähnlichen, ja noch bedeutenderen Ueber- gewicht. Die Gestalt des als Lehrer des Straf- und Staatsrechts lange Jahrzehnte weithin wir­kenden Mannes, seine geradezu unerschöpfliche Jugendlichkeit bis in fein höchstes Alker hinein, sein ungeheuerer und doch ungewollter Einfluß auf mein Leben und seine späte Ueberwindung sind in meinem BucheErlebtes Leben" aufge­zeigt, und da ich ihn hier in dieser Betrachtung nur als Vorfahr in die Reihe anderer, wenn sie mir auch unbekannt sind, einzureihen habe, so ist mit dem, was gesagt ist, genug gesagt. Mehr als allen anderen Vorfahren, einschließlich des fernen Conrad von Garben, werden seine Nachfahren ihm verantwortlich fein.

Zu diesen Nachfahren zähle ich.

Und doch: So sehr ich darum weiß, so hade ich

* Der früher hier besprochenen Selbstbiographie des Dichters Rudolf G. Binding.

doch niemals der Empfindung nach auf Vor­fahren, nicht einmal auf Eltern zurückgeblickt. Ich habe mich niemals durch Bande der Generation gebunden, verpflichtet, belastet oder beschenkt ge­fühlt. Ich habe mich nie durch Erbschaft des Bluts gestützt, gesichert, beruhigt oder gesättigt gefühlt. Und daher so gewiß ich als Nachfahr verant­wortlich bin, es bleibt, diesem Ahnengeplauder zum Trotz, noch immer wahr, was jenerIrdische" in einem meiner ersten Gedichte in den Worten ausspricht:

Doch ich tausche, Vielbeschwerte, nimmer mit euch Land und Stand: Meine Mutter ist die Erde und mein Vater unbekannt.

Vielleicht ist es das Erbe meiner Vorfahren, daß ich so denke.

Theodor Birtl*.

Geheimrat Professor Dr. Theodor Siri, Marburg, ist wie schon gemeldet im Aller von 81 Jahren gestorben Birt, der sich auch als Dichter einen Namen piachte, verstand es, die kulturgeschichtliche:' Zustände der Antike in populärer, fesselnder Form darzustellen.

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