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1.7.1933 Erstes Blatt
 
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Samstag,!. 3ulil955

185. Jahrgang

Hr. 15! Lrstes Blatt

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrvs nnö Verlag: vrühl'fche Univerfitäls-Vuch> und Steinöruderei H. Lange in Giehen. Zchristlettung und Geschäftsstelle: Zchulftrahe 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein undfürdenAn- zeigenteil i.B.Th.Kümmel sämtlich in Biegen.

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Der neue Bund.

Die Entwicklung zum totalen Staat, die wir an dieser Stelle vor acht Tagen bereits vorzeichneten, hat inzwischen so gewaltige Fortschritte gemacht, vaß das Ziel schon ganz, nahe gerückt erscheint. Der 27. Juni, der denkwürdige Tag, an dem Ke Deutschnationale Front den hochherzigen und weitsichtigrn Entschluß faßte, sich selbst aufzu- lößen, bedeutete tatsächlich schon das Ende des par­teigebundenen Deutschland, mögen auch die beiden katholischen Parteien Zentrum und Bayrische Volks­partei sich bis zur Stunde noch an eine Scheinexl- stenz klammern, auch ihr Verschwinden kann in jedem Augenblick erwartet werden. Beim Vorgehen der Regierung gegen die deutschnationalen Kampf­staffeln war ausdrücklich erklärt worden, daß sich

Arbeit und Brot!

Gebt für die Spende zur nationalen Arbeit.

Endlich wieder Arbeit und Brot! Das ist die Sehnsucht Millionen Erwerbsloser, der Ruf notleidender, bekümmerter Volksgenossen. Jahrelang waren sie ausgeschaltet. 3n langen Ko­lonnen standen sie vor den Arbeitsämtern, um kärg­liche Unterstützung in Empfang zu nehmen. Immer wieder klopften sie vergeblich an die Tore der Be­triebe. Kemer wollte sie haben. So fristeten sie ihr Dasein, trostlos und von Sorgen niedergedrückt.

Jetzt endlich leuchtet ihnen das Morgenrot eines neuen Werktages. Lin großzügiger Plan, vom Staatssekretär Reinhardt entworfen, wird durch eine Reihe wirksamer Maßnahmen neue Arbeit schassen. Soll das Ziel erreicht werden, bedarf es jedoch der opferbereiten Mitarbeit des ganzen deutschen Volkes, willst du Helsen, Arbeit zu beschaffen? willst du sehnsüchtig ausge- streckten Händen Arbeit geben? Dann beteilige dich an der Spende zur nationalen Arbeit! wenn du dich noch eines gesicherten Lin- kommens erfreust, ist es deine Pflicht, einen Betrag für die Arbeitsbeschaffung zu opfern. Vergiß es nicht: alle Berufsftände und Lrwerbsfchichten in Deutschland bilden eine (Befahrengernein- schaff. Dein Schicksal und das deiner Familie ist verknüpft mit dem Schicksal des ganzen deut- schen Volkes. Spendest du für die nationale Arbeit, dann nützt du der Volksgesamtheit und damit auch deiner Familie.

wer spendet, gibt kein Almosen: er opfert für die Volksgemeinschaft und schafft Ar­beit. hilf auch du an der Ueberwindung der Ar­beitsnot! Gib auch du einen Baustein für das große Werk des deutschen Aufbaus?

Annahme st eilen: Finanzämter, Hauptzoll­ämter, Zollämter.

Ueberweisung durch: Post, Banken, Spar­kassen usw.

Liese durch marxistische Minierarbeit notwendig ge­wordene Maßnahme keineswegs gegen die deutsch­nationale Partei richte. Diese hätte also formal sehr wohl die Möglichkeit behalten, ihre Stellung als Koalitionspartner zu behaupten. Aber tatsächlich war für sie neben dem sich mit aller Energie durchsetzen­den Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus kein Raum mehr. Die Führer der Deutschnationalen Front haben also die Zeichen der Zeit erkannt, als sie von sich aus die Auflösung der Partei beschlossen und in einem Augenblick, wo sie noch etwas zu bie­ten vermochten und dieser Schritt aus freiem Willen noch beispielhafte und richtunggebende Bedeutung haben konnte, sich und ihre Anhänger der Führung Adolf Hitlers unterstellten. Der Reichskanzler hat die Hochherzigkeit dieses Entschlusses wohl zu würdigen gewußt. Davon zeugt das im Geiste der alten Kampf­gemeinschaft gehaltene Freundschaftsabkommen zwi­schen ihm und den deutschnationalen Führern und die darin freimütig zugestandene Anerkennung der alten, nun in besonderem Sinne eingegliederten Bundesgenossen als volle und gleichberechtigte Mit­kämpfer des nationalen Deutschland.

Es ist nicht zu verkennen, daß hier sowohl wie bei der Neuordnung des Stahlhelm, die persönlich warmherzige Art, wie der Kanzler die sich seiner Führung freiwillig unterstellenden Kampfgenossen in den Reihen der nationalsozialistischen Bewegung be­grüßt und willkommen heißt, den Derschmelzungs- prozeß'erleichtert und auch denen Brücken baut, denen der Entschluß zum Verzicht auf eigene, im harten politischen Kampf ans Herz gewachsene Organi­sationsformen nicht leicht geworden ist. Der Führer weiß, was es bedeutet, grade diese für sich und seine Staatsidee zu gewinnen, die nicht Gefahr laufen wollen, mit politischen Konjunkturrittern in einen Topf geworfen zu werden, aber in einem star­ken Gefühl unbedingter Gefolgschaftstreue sich dort vorbehaltlos einfügen, wo sie ihr Führer in die Front stellt. Wie sehr der staatsmännische Instinkt des Kanzlers auf diese seelischen Imponderabilien des Einschmelzungsprozesses eingebt, davon zeugt der ebenso kluge wie warmherzige Appell des Füh­rers an seine SA. und S-s., die in die große Kampf­gemeinschaft sich freiwillig eingliedernden Männer des Stahlhelm als Kameraden aufzunehmen.Wenn es uns gelang", so ruft er ihnen zu,im Laufe vie­ler Jahre Millionen ehemaliger Marxisten zu be­kehren, zu uns zu führen und in unsere Rechen aufzunehmen, dann muß und wird es uns erst recht möglich sein, nationale Männer, die aus

Weg und Zukunst des Faschismus.

Reichsminister 0r. Goebbels spricht über die Eindrücke seiner römischen Reise.

Berlin, 30 Juni. (WTD.) Reichsminister Dr. G o e b b e l s führte bei Eröffnung der Sonder­vortragsreihe des Sommersemesters in der Deutschen Hochschule für Politik in einem Bortrag über den Faschismus und seine praktischen Ergebnisse u. a. aus:

Der Faschismus ist ein Phänomen, dos mit Mussolini zum ersten Male in die Welt der Er- cheinungen eingetreten ist. Der Faschismus er­hielt von Mussolini nicht nur Idee, sondern auch Form, Gestalt und Organisation.

IHuffolini ist als ein Phänomen des Willens und der Idee anzusprechen. Mussolini hat zum erstenmal den Marxismus als politische Erscheinung aus der Welt der Tat­sachen ausgeräumt und hat zum erstenmal den klassischen Beweis angetreten, daß der Mar­xismus als Arbeiterbewegung überwunden werden kann, nicht aus reak­tionären Motiven heraus, sondern aus aus­gesprochen sozialen Motiven heraus.

Ich bin der festen Tleberzeugung, daß die politische Richtung, die wir heute in Italien mit dem Titel Faschismus" und die wir heute in Deutschland mit dem Titel ..Rationalsozialismus" zu belegen pflegen, nach und nach ganz Europa er­obern wird.

Ich bin ferner der Heberzeugung, daß Europa, wenn es national gegliedert ist, viel besser den Frieden hüten kann als dieses Europa des liberalen Geistes. Rationalisten stehen auf gleichem weltanschaulichem Boden. Sie verfechten nicht nur die Ehre des eigenen Volkes, sie respektieren auch die Ehre des anderen Volkes.

Es war vielleicht das größte Verhängnis Euro­pas im Iahre 1914, daß die Rationen von Greisen regiert wurden. Diese Vergrei­sung hat sich über den Krieg hinausgeschleppt. Das war vielleicht das Beleidigendste und Auf- reizendste für die Jugend der Ration, die aus den Schützengräben zurückkehrte, daß sich trotz des Fegefeuers, das sie durchschritten hatten, an der politischen Gestaltung der Völker nichts geändert hoben sollte.

Das große Problem des faschistischen Werdens bestand darin, den Faschismus als Funktion i n d e n Staat ei n z u b a u en . Diese politische Organisa­tion darf nicht neben oder hinter dem Staat stehen, sondern sie muß sich mit dem Staat ver­schmelzen und ihm die Ueberzeugung einimpfen, daß sie eigentlich der Staat sei. Die Mehr­heit mag der Allgemeinheit den Stempel geben, aber die Minderheit macht Geschichte. Nur dann wird ein Regime von Bestand sein, wenn es s e i n e Rückendeckung im Volk selb st findet, nur dann wird aber das Regime die Rückendeckung im Volke finden, wenn es eben d i e Politik des Volkes betreibt, d. h. mit anderen Worten:

Der Faschismus ist wie der Rationolsozialismus das stolze Vorrecht einer Minderheit. Diese Minderheit aber stellt nicht eine dünne Ober­schicht dar, die in der Hauptstadt sitzend nun das Geschick des Staates bestimmt, sondern diese Minderheit ist hierarchischin dasganze Volk hineingebaut. Der oberste Lhef des Staates ist auch bet oberste Lhef der Faschisti­schen Partei.

Der Faschismus hat das italienische Volk b i s in das letzte Glied durchtränkt. Er hat sich vollkommen der Iugend bemächtigt, und diese Iugend wächst, ohne etwas anderes als den Faschismus zu kennen, in den faschistischen Staat hinein. Der junge Faschist hat das dunkle Empfinden, daß sich in Deutschland ein ähnlicher Prozeß vollzieht. Der Faschismus ist uns zehn Jahre voraus, nicht absolut, denn wir haben in den zwölf Iahten unserer Opposition schon manches getan, was er nach llebernahme der Macht tun mußte. Er hat aber Zeit gehabt, zehn Iahte in den Staat hineinzuwachsen. Das müssen wir nachholen.

(Eine Revolution hat die historische Pflicht, ganze Sache zu machen, und dabei nicht sentimentale Hemmungen zu verspüren. Keine Kompromisse, d. h. man hat die Macht entweder ganz oder man hat sie gar nicht. (Beifall.) Wenn die Jugend an die Führung des Staates kommt, dann muh sie arbeiten, mehrarbeitenuls die Alten. Sie darf niemals müde werden.

Sie muh dem ganzen Staat das Tempo aus­drücken.

Es wird viel zu langsam gearbeitet in den Re­gierungen. Man muß die Dinge anpacken und auch einmal den Mut haben, Über die Schranken der Bürokratie hinwegzuspringen. Was aber ge­tan wird, das muß für das Volk und das muß mit dem Volke getan sein. Riemals darf sich ein revolutionäres Regiment im Ge­gensatz zum Volk befinden. So wie Italien an seinen Duce glaubt, so muh Deutschland a n seinen Führer glauben.

Wenn ich zum Schluß noch eine Mahnung aus­sprechen darf: Helfen Sie uns die Par­teien zu zerschlagen. Es darf davon nichts übrig bleiben. Es darf in der Ration nur einen Willen und nur eine Ent­schlossenheit geben, und die kann nur von einer Organisation mobilisiert werden. Wir wer­den in zehn Jahren ein einiges Deutschland d a r st e l l e n , so wie Ita­lien heute ein einiges Volk ist. Wir wer­den in diesen zehn Jahren uns zueinander finden und wir werden auch in diesen zehn Jahren wieder die Kraft gewinnen, mit allen Schwierigkeiten fertig zu werden. Wir stehen heute in Deutschland im Anbruch einer ganz großen ge­schichtlichen Entwicklung. Die größten inneren und äußeren Probleme sind uns zur Meisterung in die Hand gegeben. Wir haben keinen Grund, diese Probleme als unüberwindlich anzusehen, wir müs­sen sie nur anfassen, müssen den Glauben haben, sie meistern zu können. Adolf Hitler zeigt uns den Weg.

Die ersten Erfolge im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Reichsminister Goebbels auf der Sonnwendfeier im Berliner Stadion.

Berlin, 30.Juni. Auf der Sonnenwendfeier im Berliner Stadion, die im strömenden Regen vor sich ging, hielt Reichsminister Dr. Goebbels die Hauptrede. Er führte u. a. aus? Wir stehen in entscheidender Stunde. Wir beginnen jetzt damit, die großen Probleme der deutschen Wirtschaftskrise in Angriff zu nehmen. Der erste Spaten st ich zu einem riesigen Bauwerk der, 5000 Kilometer neuen neuen Autobahn ist ge­tan; seitdem Adolf Hitler die Macht angetreten hat, ist die Erwerbslosigkeit um 1 700 000 g e - funken und das große Reformwerk der deutschen Landwirtschaft hat den Bauern vor den furchtbarsten Verfolgungen geschützt. Die Fabriktore fangen wieder langsam an, sich zu öff­nen. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren legt die Regierung einen Reichsetat vor, der in sich ausgeglichen und balanziert ist. Wir haben getan, was wir tun konnten und sind auch in Zukunft entschlossen, zu tun, was menschen­

möglich ist. Das aber wissen wir, daß diese Regie­rung nichts vermag, wenn das Volk nicht hinter ihr st e ff t und ihr mit seinem ganzen Vertrauen für ihre schweren Entschlüsse den Weg zu bereiten gewillt ist. Die nationalsozialistische Be- roegung ist das Stahlgerippe des deut­schen Volkes. Sie ist so stark, daß sie entschlos­sen ist, alle Verfolgungen auf sich zu nehmen. Auch dieser Abend ist ein Beweis unserer Unbesiegbar­keit, ein Beweis blinden Glaubens an die Hingabe­bereitschaft. Es stehe noch in Deutschland irgend­eine Organisation auf, die Menschen zu so vielen Tausenden an diesem Regenabend zusammenzu­rufen in der Lage ist. Das kann nur die national­sozialistische Bewegung, und das können nur Men- schen, die an ihre Sache glauben. Mit einem drei­fachen, Heil auf den Führer schloß Dr. Goebbels seine mit begeisterter Zustimmung aufgenommene Rede.

einem andern Lager kommen, um uns die Hand zum Bunde zu reichen, als Freunde und Ka­meraden aufzunehmen." Diese Worte und die freundschaftliche Geste, mit der dem Stahlhelm und der Deutschnationalen Front sich die Hand des Füh­rers entgegenstreckte, dieser Sieg über die Herzen sind eine gewonnene Schlacht wert. Viele, die ein Jahrzehnt und länger an ihrer Stelle unbeirrt im Kampf gestanden hatten für ein neues und reineres Deutschland, hatte schon das Gefühl beschlichen, als ob ihr Einsatz vergessen sei. Sie alle stimmen jetzt freudig dem Kanzler zu, wenn er über Stahlhelm und SA. hinaus dem ganzen Volke zuruft:Was immer auch die Vergangenheit an Erinnerungen birgt, für mich und für euch gilt nur die große Zu­kunft, der wir uns verpflichtet haben!"

In diesen Geburtsstunden einer neuen Volks­gemeinschaft gilt es, Abschied zu nehmen von einem Manne, dessen Leben mit jedem Atemzuge ein Ringen um Deutschland, der rücksichtslose Ein­satz für deu'sche Wiedergeburt und deutsche Frei­heit war. Alfred Hugenbergs tragisches Geschick als Staatsmann und Mensch ist es, daß im Morgenrot der nationalen Erhebung, für die er sein Bestes gab und aus der sein Wirken nicht sortzudenken ist, sich sein Abtreten von der politischen Bühne mit erschütternder Folgerichtig­keit vollziehen muhte. Alfred Hugenberg war, das werden auch die gerne und rückhaltlos an­erkennen. die nicht in allem und jedem seine politische Meinung geteilt haben, sicher eine der stärksten und geschlossensten Persönlichkeiten des politischen Lebens unserer Zeit. Eine ungewöhn­lich vielseittge berufliche Laufbahn brachte den späteren politischen Führer, der sich stets gerne der starken literarischen Reigungen und des freundschaftlichen Verkehrs mit dem Kreise um Otto Erich Hartleben erinnerte, in enge Ver­bindung mit der preußischen Staatsverwaltung, mit der Landwirtschaft und den Problemen des deutschen Ostens, mit dem Bankwesen und der westdeutschen Großindustrie und schließlich durch das Vertrauen politischer Freunde als grofidu- qiqer Organisator in engste Beziehung zu Presse und Film, die er eigentlich erst in bis dachin ungewöhnlichem Maße zu einem der schärfsten Kampfmittel politischer Propaganda zusammen- schloß. Wenn er auch schon zu den Gründern des

Alldeutschen Verbandes gehörte und nach dem Kriege bereits Mitglied der Weimarer Rational- versammlung war, ist er der großen Oeffentlich- keit als Politiker doch erst bekannt geworden, als er unter recht stürmischen Umständen den Vorsitz der Deutschnationalen Partei übernahm und im Kampf gegen den Boung-Plan den Bund mit den Rationaisozialisten schmiedete, der auf der Harz­burger Tagung erstmalig seinen sichtbaren Aus­druck fand.

Hugenbergs Kampf galt bann neben Zentrum und Sozialdemokratie, deren unerbittlicher Gegner er war und blieb, vor allem den kleineren bürger­lichen Parteien der Mitte und gemäßigten Rechten. Neben der gewaltig anfchwellenden Bewegung des Nationalsozialismus vermochte sich in den Wahl­kämpfen der letzten Jahre rechts vom Zentrum nur noch die Deutschnationale Partei zu halten. Am 30. Januar kam unter Papens Aegide der Bund zwischen ihm und Hitler zustande, der dem Kabinett Schleicher ein schnelles Ende bereitete und bie, Re­gierung ber nationalen Konzentration in ben Sattel hob. Aber bereits am 5. März wurde Hugenberg von Hitler und dem Nationalsozialismus überspielt. Er hatte zwar, wie es fein dringender Wunsch ge­wesen war, im Kabinett Hitler alle wirtschaftlichen Ressorts in Preußen und im Reich in seiner Hand vereinigt, um eine einheitliche Wirtschaftspolitik sicherzustellen, von ber er sich allein einen Ausgleich ber bislang immer gegeneinanber ausgespielten In­teressen von Jnbustrie unb Lanbwirtschast versprach, aber sehr balb sollte sich Herausstellen, baß feine Tä­tigkeit sich auf bie Organisierung der aktuellen wirt­schaftspolitischen Maßnahmen beschränkte, währenb bie Grunblagen für ben Neubau ber beutschen Wirt­schaft im stänbischen Sinne wesentlich ohne seine Mitwirkung, ja in mancher Beziehung gegen seine Absichten von nationalsozialistischen Kommissaren gelegt würben. Ein weiterer schwerwiegenber Irr­tum war es, daß er ben Bund vom 30. Januar im Sinne früherer Koalitionen auffaßte und der Mei­nung war, daß mit dem Ausscheiden eines Koali­tionspartners die staatsrechtlichen Grundlagen die­ses Bundes und der Regierung Hitler hinfällig würden. Die Dynamik der nationalsozialistischen Revolution ist über diese Auffassung glatt hinweg­gegangen. Wie Hitler den 30. Januar verstanden wissen wollte als den Beginn des Zusammenfliehens

aller nationalen Kräfte und der Unterordnung aller unter einen einzigen politischen Willen, so drängte die Entwicklung der letzten Wochen und Monate immer stürmischer zur Verwirklichung des national­sozialistischen lotaütätsanfprudfs. Hugenberg räumte den Platz, an dem er in der kurzen Zeit seiner Tä­tigkeit für die ihm besonders am Herzen liegende Landwirtschaft Wertvolles leisten konnte, ohne daß er indessen die Grundtendenz künftiger deutscher Wirtschaftspolitik entscheidend zu beeinflussen ver­mochte. Das wird seinen Nachfolgern Darre unb Schmitt vorbehalten bleiben. Hugenbergs Rücktritt ist ber tragische Abschluß eines Lebens, bas sich im Dienst für das Vaterland verzehrt hat. Sein aus­geprägter Charakterkopf hat sich einen ruhmvollen Platz in der Geschichte der deutschen Erhebung ge­sichert.

Die Wogen ber nationasozialistischen Revolution haben auch bie Evangelische Kirche nicht un­berührt gelassen, freilich nicht so, als ob nun ber nationalsozialistische Staat seine Allmacht auch auf bie Kirche auszudehnen strebe und eine Staatskirche schassen wolle. Politische Bewegungen zielen auf irdische und zeitliche Dinge, Religion und Glaube wurzeln im Jenseits und in der Ewigkeit. Aus die­ser Erkenntnis heraus hat es auch ber preußische Kultusminister entschieben abgelehnt, die von ihm für notwendig erachteten Maßnahmen als eine Bedrohung der Selbständigkeit der Kirche ober gar als einen Angriff auf Glaube unb Bekenntnis auszu­legen. Die Bestellung eines Kirchenkommissars sollte eine Spaltung von Staat unb Kirche verhüten unb bie in Gefahr geratene Einheit von Volk unb Kirche wieberherstellen. Der äußere Gang ber Ereigniße, bie zum Einschreiten ber preußischen Staatsregie­rung unb infolgebessen zum Verzicht D. von Bodel- schwinghs geführt haben, knüpft an an ben Rücktritt bee Präsibenten bes Oberkirchenrats ber Evangeli­schen Kirche ber Altpreußischen Union, in ber alle preußischen Kirchen mit Ausnahme Hannovers, Schleswig-Holsteins, Hessens, Nassaus und Frank­furts, also aller vor 1866 bereits preußisch gewesenen Provinzen zusammengefaßt sind. Der Posten D. Kaplers wurde auf einer Eisenacher Zusammenkunft der Kirchenführer kommissarisch mit dem General- fuperintenbenten Stoltenhos besetzt. Daraus erklärte bas Kultusministerium, daß bie Kirchen ber Alt- preußischen Union den Rechtsboden verlassen habe.