llr.n Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)Keitag.3l.März MY
Aus Der E>taDt Gießen.
Oer Betonmischer.
Hinter einer hohen Bretterwand am Rande der Straße ist ein altes Haus verschwunden. Sogar die Fundamente hat man ausgegraben und neu- Ausschachtungen vorgenommen. In einem großen Quadrat ist man tiefer und tiefer gestoßen, bis das planmäßige Ziel erreicht war.
Nun steht ein seltsames Ungetüm vor dem Abgrund: eine Betonmischmaschine. Um sie herum sind Kieshaufen, Schlackenhügel und unter einem schützenden Holzdach Zementsäcke aufgeschichtet. Zwei Arbeiter bedienen die Maschine, indem sie im gleichmäßigen Ilm Sand, Zement und Schlacken in den unersättlichen Bauch der Mischniaschine, der selbsttätig Wasser zugeführt wird, mit Schaufeln hineinwerfen. Ratternde Zahnräder und ein Schwungrad mit klatschendem Treibriemen bewegen das Ungetüm, daß cs kreischend und rasselnd seinen Bottichbauch dreht und den harten Fraß zu breiigem Beton zerkaut und verdaut. Unaufhörlich schlingt der polternde Nimmersatt, was man ihm zuwirft, und scheidet den Betonbrei in untergestellte Kippwagen, die gefüllt fortfahren und leer wiederkommen, aus. Unheimlich ist die Freßgier des Giganten, der keine Atempause kennt und keine Ermüdung.
Er gibt den Rhythmus der Arbeit an. Nach ihm haben sich alle zu richten, die auf dem Bauplatz beschäftigt sind. So lange das Schwungrad kreist, läßt er keinen Arbeiter aus dem Takte kommen. Die Schipper stoßen mit vorgebeugtem, Oberkörper und ein wenig einknickenden Knien ihre Schaufeln ein, umspannen den Griff fester, daß sich die Schrien der Arme straffen und die Muskeln schwellen, und schleudern mit einem Ruck der zurückschnellenden Schultern ihre Ladungen ein. Es ist eine anstrengende Tätigkeit, die kräftige Männer fordert, ebenso zäh wie ausdauernd. Auch die Fahrer der Kippwagen müssen fest zugreifen und ihre ganze Körper- stärke gegen die Last stemmen, die sie vor sich her schieben. Nur wenn sie abgekippt haben, können sie aufschnaufen.
Aber an den wachsenden Fundamenten sehen die Männer der Maschine, daß man auch da unten rstcht müßig ist. Die Kameraden zementieren Bruchsteine ein und setzen Backsteinmauern darauf. Und allmählich werden auch die Sandhügel und Schlak- kenhaufen kleiner, und viele leere Zementsäcke liegen bereits halb zerrissen herum.
Einmal wird auch das gierige Ungetüm seine lärmenden Kauwerkzeuge ruhen lassen und klein und unbedeutend dastehen vor dem rasch und hoch gewachsenen Bau. Es ist trotz aller geräuschvollen und auffällig im Vordergrund tobenden Arbeitswut nur ein Faktor im Gesamtwerten, ein Helfer, wie es die Hände der Männer sind, ohne die sein Dasein sinnlos wäre. Peter Bauer.
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Stadtthcater: 20 bis gegen 23 Uhr „Die andere Seite". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Bel Ami“. — Spätvorstellung, 23 Uhr: „Tabu". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ich verweigere die Aussage". — Frühjahrsmarkt (Schaumesse) aus Oswaldsgarten.
Sladttheater.
Zum letzten Mal „Die andere Seite". Heute abend, 20 Uhr, findet die letzte Aufführung des englischen Kriegsstückes „Die andere Seite", Drama in drei Akten von R. E. Sherriff, statt. Spielleitung: Hannes Razum. Bühnenbild: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 25. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Ende gegen 23 Uhr.
BDM.-Werkgruppe 2a/116.
(Auslandkunde, Literatur und Orchest/r.)
Die Gruppe tritt am Sonntag, 2. April, zur Durchführung der Geländeläufe um 9 Uhr am Mtv.- Sportplatz, Schiffenberger Weg, an. Alle Beurlaubungen sind aufgehoben!
Fremdenverkehrsverein wirbt für Gießen.
Eine Sitzung des Gesamtvorstandes. — Das Arbeitsprogramm für 1939.
Am gestrigen Donnerstagnachmittag trafen sich die Mitglieder des Gesamtvorstandes des Fremdenverkehrsoereins Gießen auf dem Bahnhofsvorplatz, um zunächst einmal die neue Stadtplantafel zu besichtigen. Man kam dabei zu dem Ergebnis, daß man die Ausführung der Tafel (C. L. Leib) als sehr ansprechend bezeichnen kann und der Platz, auf dem sie Austtellung fand, sehr günstig sei.
Sodann begab man sich in das Sitzungszimmer der Bahnhofsgaststälte. Bürgermeister Professor Dr. Hamm schilderte kurz die Verhandlungen und die mancherlei Schwierigkeiten die — trotzdem es sich doch wirklich um kein großes Objekt handelte — erheblich gewesen seien. Er dankte dem Oberinspektor M ü ll e r und dem Vermessungsinspektor Ziemer für die Arbeit um das Zustandekommen des schönen Stadtplanes.
In seinen weiteren Darlegungen gab Bürgermei- ster Professor Dr. Hamm einen kurzen Rückblick auf die Tätigkeit des Fremdenverkehrsvereins im Interesse der Werbung für unsere Stadt. Er gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß die Post der Allgemeinheit durch die neuaufgestellten Fernsvrechhäüs- chen einen weiteren Dienst geleistet hat, er sprach von der ständigen Steigerung des Fremdenverkehrs, von den zahlreichen großen Veranstaltungen des vergangenen Jahres und schließlich von dem Bemühen, Gießen als die Stadt, in der einst Liebig gewirkt und an seinen überragenden wissenschaftlichen Entdeckungen gearbeitet hat, einem größeren Kreis deutscher Menschen liebenswert zu machen.
Art Der Werbung
Im Hinblick auf die Werbung für Gießen soll auch in diesem Jahre wieder mit bewährten, aber auch mit neuen Hilfsmitteln weitergearbeitet werden. Es gelangen wieder Prospekte an die Verkehrs-' büros zur Versendung. Es ist beabsichtigt, den Prospekten eine Uebersichtskarte beizulegen, die raschen Aufschluß über das Wichtigste in unserer Stadt und in der Umgebung gestattet. Eine besondere Werbung wird an die Kraftwagenunternehmen gerichtet, um zu erreichen, daß Ausflugs- und Urlaubsfahrten auch nach Gießen unternommen werden. Ferner sollen die Kurgäste von Bad-Nauheim, Homberg, Salzschlirf, Salzhausen usw. durch die Uebersendung von Prospekten auf die Schönheiten unserer Stadt aufmerksam gemacht werden.
Eine weitere Steigerung des Fremdenverkehrs erhofft man sich durch die Wiedereinführung von Wochenend-Pauschalpreisen in den hiesigen Hotels und Gaststätten, lieber diesen Gegenstand sollen aber noch Besprechungen einer besonderen Kommission stattfinden. Weiter ist für dieses Jahr vorgesehen, an Tankstellen der Reichsautobahn
gerahmte Stadtpläne und Bilder von den Sehenswürdigkeiten der Stadt auszustellen. Auch an den Stadteingängen sollen derartige Pläne aufgehängt werden, so daß jedermann' sich rasch über unsere Stadt unterrichten kann.
Großveranstaliungen.
In feinen weiteren Darlegungen kam Bürgermeister Professor Dr. Hamm auf die großen Veranstaltungen des Jahres 1939 zu sprechen und gab bekannt, daß in diesem Jahre wieder ein Reit-, Spring- und Fahrturnier stattfinden soll, an dem sich voraussichtlich Reiterstandarte 147 und Fremdenverkehrsverein Gießen als organisatorische Träger gemeinsam beteiligen. Es ist damit zu rechnen, daß bet diesem Turnier auch der große' Reitstall der Gruppe Hessen mit seinen ausgezeichneten Reitern und edlen Tieren vertreten sein wird. Der Oberbürgermeister hat der Veranstaltung alle Unterstützung zugesagt, und der Fremdenverkehrsverein wird seinerseits Preise im Werte von 500 Mark zur Verfügung stellen. Der Zeitpunkt des Reitturniers liegt noch nicht endgültig fest.
Nachdem vor zwei Jahren das Preisangeln im Karpfenteich an der Schlagetevstraße zu einem großen Erfolg wurde, soll nun eine gleiche Veranstaltung auch in diesem Jahre wieder stattfinden. Dazu sollen Anglervereine der näheren und weiteren Umgebung zur Teilnahme aufgefordert werden.
Ferner soll in diesem Jahre wieder ein Photo- Wettbewerb durchgeführt werden, um schöne Bilder unserer Heimatstadt zu erlangen. An diesem Wettbewerb sollen außer den Amateurlichtbildnern diesmal auch die Berufsphotographen teilnehmen.
Große Aufmerksamkeit gilt auch in diesem Jahre wieder dem Blumenschmuckwettbewerb. Der Fremdenverkehrsverein wird zur Förderung des Wettbewerbs eine Schrift durch Postwurfsendungen an alle Haushaltungen kostenlos verteilen, ein kleines Büchlein, in dem eine Fülle von Ratschlägen enthalten ist, bei deren Beachtung eine erfolgreiche Blumenhaltung möglich fein wird. Bürgermeister Professor Dr. Hamm betonte, daß gerade der Blumenschmuck in den Straßen erheblich zur Steigerung des gastlichen Eindrucks unserer Stadt beitragen könnte. Die Weihnachtswerbung wird in ähnlicher Form wie im vergangenen Jahre, doch in weiterer Ausgestaltung durchgeführt werden.
Bürgermeister Dr. Hamm verabschiedet sich.
Nachdem über verschiedene Punkte des Ardeits- programms 1939 kurze Aussprachen geführt worden
Schützt die Ägend vor dem Derkehrsunfall.
Eine Mahnung, die alle angeht.
Der Reichsführer ff und Chef der deutschen Polizei Himmler hat folgenden Aufruf erlassen:
„Ein Kind getötet und drei Kinder schwer verletzt!" lautet die Meldung über Verkehrsunfälle in Vertin vom 28. Mär; 1939.
Wie in jedem Jahr so kommt auch in diesem Jahre mit Beginn der warmen Jahreszeit unsere Jugend ins Freie, zum Teil zum ersten Male ohne Aufsicht Erwachsener. Sie spielen auf den Plätzen, aber auch auf der Straße, benutzen dabei die Fahrbahn trotz aller Warnungen, verunglücken tödlich oder werden schwer verletzt. Zum Schuhe unseres wertvollsten Volksgutes, unserer Tugend, richte ich daher einen dringenden Ruf an alle Eltern und Fürsorgepflichtigen, unsere Jugend
immer wieder zu belehren, daß sie beim Spiel im Freien immer nur Spielplätze und, wo es nicht anders geht, auf den Straßen nur die Bürgersteige benutzen. Ich richte darüber hinaus an alle Volksgenossen, insbesondere an alle Mitglieder der Partei, und hier wieder in erster Linie an die Führer der HI. und die Angehörigen des RSKK., die dringende Bitte, wo sie auch immer spielende Kinder auf der Straße treffen, belehrend einzugreifen und Unfälle zu verhüten. — Von den Kraftfahrern verlange ich, daß sie in allen bewohnten Gegenden auf spielende Kinder, auch wenn sie sich auf den Bürgersteigen befinden, sorgsam zu achten, weil immer damit gerechnet werden muh, daß die Kinder plötzlich auf die Straße laufen.
waren, verabschiedete sich Bürgermeister Professor Dr. Hamm von den Mitgliedern des Gesamtvorstandes des Fremdenverkehrsvereins. Er sprach davon, daß ihn die Berufung nach Berlin und die Arbeit für bevorstehende große Aufgaben wohl mit Freude erfülle, daß er andererseits aber nicht leichten Herzens von Gießen scheide, denn durch seine 14jährige Arbeit innerhalb der Stadt sei er doch stark mit dem Gemeinwesen verwurzelt und mit der Bevölkerung eng verbunden. UeberaU sei ihm Vertrauen entgegengebracht worden und es sei schwer, die Bindungen aufzugeben. Er sprach besonders davon, wie ihm gerade aus dem Kreise der Männer des Ver-
Hlavier-Abend O ___I «____ ...
Wilhelm Backhaus
Sonntag, L. April, 17 Uhr, Universitäts-Aula
kehrsoereins viele Anregungen für feine kommunale Arbeit erwachsen seien und manche dieser Anregungen durch die Stadtverwaltung verwirklicht worden seien. Mit Worten besonderen Dankes gedachte er des Geschäftsführers des Fremdenverkehrsvereins, des Oberinspektors Müller, der sich immer wieder mit seiner ganzen Person für die Sache des Fremdenverkehrsoereins eingesetzt habe. Mit Dank und Freude werde er sich stets gerne der Arbeit ent- finnnen, die für Wohl und Fortschritt der 'Stadt durch den Fremdenverkehrsverein geleistet wurde. Abschließend teilte Bürgermeister Professor Dr. Hamm mit, daß den Vorsitz im Verkehrsverein vorläufig der Beigeordnete der Stadt Gießen, Nicolaus, übernehmen werde. Kaufmann Schulze würdigte in herzlichen Worten die erfolgreiche Tätigkeit des Scheidenden.
Gießener Polizei in neuer Uniform.
Mit dem morgigen 1. April wird sich unsere gesamte Gießener Polizei, wie auch die Gendarmerie in den ländlichen Bezirken, in ihrer neuen hellgrünen („polizeigrünen") Uniform zeigen, die zwar schon seit dem 1. August 1938 eingeführt ist, die aber bisher nur bei festlichen Anlässen getragen
Tas Müöchm MM.
Aoman von Walther kloepffer.
Copyright by datl Duncker Verlag,ÄerlinV^Z5
34 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Eine bescheidene Kindheit, in der ein Paket von Tante Ursula und ein Zirkusbesuch unter Lehrer Häberlein Höhepunkte gewesen waren; Gymna- fiastenjahre mit antiquarischen Lehrbüchern, mit Freitischen und Hauslehrerpöstchen während der großen Ferien; Abitur in einem ausgeliehenen zu engen Gehrock; dann die Universität mit ihren Stipendienprüfungen und ihrem fanatischen Hineinknien in die Lehrfächer der Medizin; ganz zum Schluß Doctor summa cum laude und hoffnungsvoller Jünger Aeskulaps. Nun liegt das Leben strahlend vor einem, hätte man meinen sollen. Pfeifendeckel! Denn jetzt ging die Praxissuche los und machte ungeahnte Schwierigkeiten, weil Instrumente, Einrichtung, Hausrat fehlten. Mit nichts konnte man nichts anfangen. Und Assistentenstellen waren dünn gesät. Also gaukelte man hin und her, mal hier, mal dort, ein paar Vertretungen, die Sache bei der „Moiiachia" — alles nichts Rechtes. Und bann trat Maxie auf den Plan, und der Himmel hing plötzlich voller Geigen. Hm! Ob sie wohl ein bißchen nachdenklich würde, wenn ihm hier auf dieser Ottomane etwas zustieß? Ach, weg damit! Die Frauen nahmen einem nur Kraft weg. Wer weiß, ob er mit Maxie den Mut zu diesem Selbstversuch gehabt hätte. Die Venedig-Erinnerung möchte er allerdings nicht missen. Die vier Tage in jenem unwahrscheinlich vornehmen Hotel, Spaghetti in roter Tunke, geheimnisvolle Fischgerichte, Kellner, die zeremoniös waren wie entthronte Herzöge. Und jenes verwunschene Lokal in der Nähe der Mercia — Trattoria di Citta Milano hieß es —, wo er zum ersten Ma! •• in seinem Leben Langusten gegessen hatte, ängstlich auf Fräulein Hegemann schielend, um sich nicht zu blamieren. Ja und dann natürlich auch nicht jene Gondelfahrt durch die nächtlichen Kanäle, die der Szene einer Oper glich.
Er spürte verträumt in sich hinein, ob denn noch immer nichts Bedrohliches geschähe. Nein, nichts, keine Spur. Kein Kopfweh, keine Uebelkeit, keine Brustbeklemmung, keine Stiche in der Herzgegend. Immerhin, man durfte nicht zu früh jubilieren — abwarten, abwarten! Er blinzelte zum Schreibtisch
hinüber, wo seine Papiere lagen. Wenn alles gut ausging, konnte er sie morgen zusammenpacken und an den Vorstand des Physiologischen Instituts schik- ken. Wenn es schlecht ausging... Er dachte ein wenig unbehaglich an seine Brüder, an die Mutter.
Und dann wurde er langsam müde. Wie eine schwere Decke senkte sich Schläfrigkeit auf ihn. Zu viel zugemutet, dachte er und schwamm auf Traum- wolkeN davon. Für die Anna muß auch noch etwas geschehen; das ist ja jämmerlich, wie die sich um das bißchen Leben abstrampelt. Das ist ein gutes Sing, gefällig, bescheiden, anhänglich. Wer die mal zur Frau bekommt, hat sich nicht vergriffen. Und Holl nahm das wackere Mädchen Anna Schwiebus mit in einen aufregenden Traum hinüber, in dem der Antikörper X eine heftige Attacke gegen ein gewisses Fräulein Hegemann ritt...
Dr. Holl erwachte von einem dumpfen Trommelfeuer gegen die Türfüllung. Er rappelte sich aus Schlaftiefen hoch und horchte. „Vielleicht ist er doch drinnen", hörte er den Hausmeister Gieseke sagen. Holl setzte sich auf. Warum war es denn so dunkel im Zimmer? Er entsann sich, daß er abgeriegelt hatte und daß jener Zettel noch an der Tür hing.
Er schrie: „Ja, ich komme schon!" und schwang die Beine auf den Boden.
„Was gibt's denn, Herrschaften?"
„Gut, daß Sie da sind!" erwiderte Emil Gieseke aufgeregt und trat mit der Nachtschwester ins Zimmer. „Wir brauchen rasch einen Arzt! Professor Brettschneider ist nicht zu erreichen, und Dr. Kistenmacher ist zu einem Patienten in die Stadt gerufen worden. Es ist etwas passiert. Man hat eingebrochen, und Hegemann ist dabei verwundet worden. Er blutet unaufhörlich. Kommen Sie schnell, schnell!"
Während Holl in seinen Rock fuhr, fragte er: „Wie spät ist es denn?"
„Wie früh wollen Sie sagen? Drei Uhr! Nehmen Sie etwas zum Nähen mit. Hegemann hat einen Mordsriß am Kopf."
Holl schlug den Rockkragen hinauf — zu großer Toilette war jetzt keine Zeit — und rannte in feinen Hausschuhen mit den beiden nach dem Operationssaal, um die Instrumente zu holen. Unterwegs versuchte er Ordnung in seinem Kopf zu schaffen. Wenn es früh drei Uhr ist, dachte er, habe ich volle zwölf Stunden wie ein Toter geschlafen. Ja, dann wäre ja mein Selbstversuch sozusagen geglückt! *
Während sie über den großen F^brikhof zur Villa hinübereilten, unterrichtete Gieseke ihn über die Ereignisse dieser Nacht. Zwei Männer waren in das
Verwaltungsgebäude eingestMgen, hatten sich den Tresor aufs Korn genommen, es hatte ein kurzes Handgemenge gegeben. In dessen Verlauf war Hegemann mit einem Stemmeisen an der Schläfe verletzt worden. Gieseke konnte selbstverständlich nur das Gröbste berichten, da die Zeit drängte. Ein beharrlicher Regen verwischte die Umrisse der Räume und machte die Menschen frösteln. Im Verwaltungsbau war Licht, auch in der Villa. Man watete förmlich in Helligkeit und quatschender Nässe.
„Was wird die gnädige Frau zu dem allen sagen!" jammerte Gieseke, der sich dem Chef des Hauses sehr verbunden fühlte. „Daß- die Weiber aber auch immer auswärts fein müssen, wenn mal was los ist", setzte er ärgerlich hinzu.
Holl schwieg, denn ihn bedrückte die Aussicht, in der nächsten Minute Maxie gegenüberzustehen, und das war weiß Gott kein Vergnügen. Er suchte die Sache mit Erbitterung abzutun, wozu er alles Recht ZU haben glaubte. Sie soll sich nur schämen, diese Person, dachte er zornig. Gerade recht geschieht es ihr. Natürlich hat sie erfahren, daß die Paula Tag und Nacht an Tinsers Bett fitzt. Jetzt hat sie's. Jetzt ist sie doppelt ausgerutscht.
Die beiden liefen durch das Pprtal und die läufer- belegte Treppe hinaus. Oben gerieten sie an ein verheultes Zimmermädchen, das sie in Hegemanns Schlafzimmer führte. Der Geheimrat faß mitleid- erregend auf einem Stuhl, über und über voll Blut, und feine Tochter preßte ein rot durchtränktes Handtuch an feine Schläfe. Auch der kostbare Teppich und das Parkett waren voll dunkler Lachen.
Holl grüßte knapp, klappte feine Tasche auf und wusch sich die Hände. Wie Maxie seinen Eintritt ausnahm, bemerkte er'nicht, weil er geflissentlich über sie hinwegsah. Dann schob er Fräulein Hegc- mann einfach zur Seite und prüfte die Wunde, aus der es unaufhörlich quoll und sprudelte. Aha, die Temporilis war durchschlagen, daher die ganze Schweinerei, dachte er kühl und sachlich.
„Wir werden das ein bißchen flicken müssen, Herr Hegemann. Halten Sie das so aus, oder wollen Sie lieber eine Narkose?"
„Nee, keine Narkose; ich kenne das Zeug. Fangen Sie getrost an, Doktor Holl. Aber gebt mir einen Kognak vorher, Kinder. Mir ist ein wenig schwummerig von all dem Blut. Wird verdammt weh tun, was?"
„Es läßt sich aushalten; ein paar Nadelstiche. Gieseke, halten Sie bitte dieses Tablett mit den Instrumenten. Danke!"
Holl klemmte die spritzende Ader ab, dann nähte er. Seine Hände waren ruhig wie immer. Später wickelte er verschiedene Binden um den Kopf des Patienten, bis es einen richtigen weißen Turban gab. Er öffnete erst wieder die Lippen, als alles erledigt war.
„Fertig! Und nun empfehle ich strengste Ruhe, damit der Verband sich nicht verschiebt und keine Nachblutung erfolgt. Medikamente keine. Am besten schicke ich eine Schwester für die Nacht herüber."
„Ich dachte, so viel könnte ich auch", warf Maxie hier ein und machte ein gefrorenes Gesicht. Ihre hübsche blasse Nase war eitel Hochmut, während sie an Holl vorbeiredete.
„Was Sie denken ist unerheblich. Es bleibt bei der Schwester", erwiderte Holl und ging zum Waschbecken.
Fräulein Hegemann biß sich wütend auf die Lippe. Grob ist er auch noch, dachte sie. Das hat gerade noch gefehlt. Sie wendete sich ab und kämpfte mit Tränen. Ihr armer Kopf wirbelte: von dem ausgestandenen Schrecken, von dem vielen Blut, von der Gegenwart dieses unverschämten Menschen, der ihr einmal sehr viel bedeutet hatte. Ging er denn noch nicht bald? Sie hatte drei andere Aerzte vergeblich anklingeln müssen, bis sie sich endlich entschloß, nach Holl zu schicken.
„Ich bin jetzt fertig", erklärte Holl und trat zu Hegemann. „Wenn ich Ihnen raten darf, gehen Sie nachher gleich ins Bett Der Verband bleibt mehrere Tage liegen. Sonst ist gar nichts zu tun. Guten Abend!" Er reichte Hegemann die Hand und verneigte sich andeutungsweise gegen Maxie. Dann schritt er mit steinernem Gesicht zur Tür, Gieseke folgte ihm. Als fie die Villa im Rücken hatten, sagte Holl:
„So, und jetzt erzählen Sie einmal gründlich. Also wie war das eigentlich?"
„Sie wissen doch, wir erwarteten diesen Kerl und seine Kumpane. Gestern war es noch nichts, und wir haben die halbe Nacht auf der Lauer gelegen. Heute hat es gefloppt, wie ich Ihnen gesagt habe. Sie waren zu zweit: dieser Gaidl und noch einer; richtiges Galgengelichter. Sie müssen die Verhältnisse genau gekannt haben, anders ist es nicht zu erklären. Wir anderen waren zu fünft Hegemann, ich und drei Polizisten."
„Ich verstehe nicht recht, was Hegemann dabei zu tun hatte."
(Fortsetzung folgt!)


