Ausgabe 
30.3.1939
 
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Ur. 76 (Elftes Blatt

189. Jahrgang

Donnerstag, 30. Mörz 1939

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Leiden einer Stadt

Von unserem d.-i.-Korrespondenten.

Ganz Spanien im Besitz Francos

völkerung gegen die roten Machthaber und bekannte sich zu General Franco. Die roten Milizen scheinen

sich dieser Entwicklung gegenüber passiv verhalten I dem NamenArriba", zu haben. Zu ernsteren Zwischenfällen scheint es'

Madrid, 29. März. (Europapreß.) Der Krieg in Spanien ist so gut wie beendet. Die aus allen Teilen des bisher noch rotspanischen Gebietes ein­gehenden Nachrichten lassen erkennen, daß die ro­ten Milizen sich überall, wo sich die nationa­len Kolonnen nähern, ohne einen Schuß abzufeuern, ergeben. Die Milizen werfen einfach ihre Waf­fen weg und versuchen, mit ihren geringen Habselig­keiten auf dem schnellsten Wege nach Hause zu ge­langen. Die Auflösung der roten Front ist voll­ständig. Die Operationen der nationalen Armeen bestehen praktisch nur noch in Gewaltmärschen, um die kampflose Besetzung der einzelnen Abschnitte so schnell wie möglich durchzuführen. Von den natio­nalen Kolonnen wird dabei mit großer Umsicht vor­gegangen, um alle Uebergriffe und das Entstehen chaotischer Zustände zu verhindern.

Die unter dem Befehl des Generals Munoz Grande stehenden Streitkräfte und das Urgel-Armee­korps haben durch dieBesetzungvon Guada­lajara die Verbindungen mit den aus der Rich­tung von Tarancon vorgestoßenen Abteilungen her­gestellt. Im Abschnitt von Ciudad Real haben sich die in südlicher Richtung vorrückenden Streit­kräfte des Maestrazgo-Korps mit den nach Norden marschierenden Einheiten der 13. Division und den marokkanischen Truppen vereinigt. In Andalu­sien rücken die nationalen Kolonnen auf Lina­res vor. Bei allen diesen Märschen, die tief in das bisher sowjetspanische Gebiet hineinführten, ist den Soldaten Francos an keinem Punkt irgendwelcher Widerstand geleistet worden. Wenn sich noch Mili­zen in den bisherigen roten Stellungen befanden, ergaben sie sich widerstandslos.

Lastkraftwogenkolonnen mit Falangisten kamen in den Mittagsstunden des Mittwoch überraschend i n Valencia an, wo nach am Morgen der Miaja- Ausschuß in Permanenz getagt hatte. Die Falan­gisten versammelten sich auf dem Platz Emilio Castellar und proklamierten die Herrschaft General Francos. Sofort hißten die Anhänger Francos unter der Bevölkerung von Valencia auf allen wichtigen Gebäuden der Stadt die rotgoldrote Nationalflagge. In Alicante, Almeria und Murcia vollzog sich die Entwicklung ähnlich. Hier erhob sich der nationalgesinnte Teil der Be-

bisher nirgends gekommen zu sein. In der Stadt Ja en wurde ebenfalls die nationale Herrschaft ausgerufen. Auch der Kriegshafen Cartagena wurde von den nationalspanischen Truppen in Besitz genommen und die Zivilverwaltung von den aus den Gefängnissen befreiten Falangisten übernom­men. Der Militärkommandant der Stadt, der die Uebergabe verweigert hatte, wurde verhaftet. In der ganzen Stadt herrschte ungeheurer Jubel über die Befreiung von der roten Herrschaft. Die nationalen Truppen, die am Nachmittag die Stadt erreichten, wurden bei ihrem Einmarsch stürmisch gefeiert. Die sowjetspanischen Milizen in Cartagena haben die Waffen gestreckt. Damit ist auch die letzte bislang rote Provinzialhauptstadt der nationalspanischen Regierung unferftellt. Die weiteren Säuberungs­maßnahmen der nationalen Truppenverbände in dem bisher sowjetspanischen Gebiet haben nun nur noch polizeilichen Charakter. Sowjetspanien hat auf­gehört zu existieren.General" M i a j a ist mit sei­nemStabe" im Flugzeug nach Oran in Algier geflohen.

In Madrid hält die Siegesfreude an. Die Be­völkerung drängt sich immer noch in den Straßen und auf den Plätzen und feiert die Befrei­ung von der roten Herrschaft. Die Ge­schäfte bleiben nach wie vor geschlossen. Die Ver­pflegung der Bevölkerung ist durch das soziale Hilfswerk der Falange vollkommen gesichert. Alle Einwohner, die sich um die Ausgabestellen in großer Zahl drängen, erhalten warmes Essen und Lebens mittel. Eine Vorstel­lung von der Hungersnot vermitteln die Preise, die unter der roten Herrschaft üblich waren. So kostete ein Ei 12 Peseten, eine Büchse kondensier­ter Milch 75 Peseten, ein Kilo Eselsfleisch falls es überhaupt vorhanden war 120 Peseten. General Franco ernannte Luis Alarcon d e la L a st r a zum Zivilgouverneur von Ma­drid. Er war während des Krieges Artilleriemajor an der Madrid-Front, wo er sich mehrfach aus­zeichnete. Früher war er mehrmals Abgeordneter. Gleichzeitig ernannte Franco Zivilgouverneure für die meisten Provinzhauptstädte im bisher roten Gebiet. Der Journalist Manuel Aznar ist zum Direktor des Pressewesens von Madrid ernannt worden. Am Mittwochabend erschien zum ersten Mal eine neue nationale Zeitung unter

richtete sich der Angriff ja zunächst gegen Valencia. Barcelona ist also eigentlich erst in schwere Be­drängnis geraten, als im Dezember vorigen Jah­res der Einmarsch nach Katalonien begann; und ttivtzdem ist chm ein Beschießung durch Artillerie erspart geblieben.

Um den Besitz von Madrid dagegen ist bereits im ersten Kriegswinter 1936/37 gekämpft worden. Da der Widerstand abschnittsweise in der Stadt selbst geleistet wurde, wurden damals ganze Häuserreihen', sogar im Verkehrszentrum an der bekanntenPuerto del Sol", z e r st ö r t, ver­schiedene Stadtteile mußten geräumt werden, und als schließlich die im Nordwesten, in dem so­genannten Universitätsviertel bereits ein- gedrungenen Nationalen sich fest einnisteten, lief seitdem die Front, an der sich zwei Jahre lang die Parteien gegenüberstanden, durch den äußeren Stadtbezirk von Madrid; ein Vorgang, für den es wohl bisher in der Kriegsgeschichte kaum ein Bei­spiel gibt. Wenn auch nach dem mißlungenen Vor­

marsch über Guadalajara (im März 1937) und dem erfolgreich abgeschlagenen Gegenangriff der Roten bei Brunete (im Juli) im Sektor von Madrid ein relativer Stillstand eingetreten war und die ent­scheidenden Kampfhandlungen nach anderen Ab­schnitten des Kriegsschauplatzes verlegt wurden, so war doch die, trotz gelegentlicher Evakuierungen der Zivilbevölkerung nach Valencia und Alicante, im­mer noch von Hunderttausenden bewohnte Landes­hauptstadt bei der unmittelbaren Nähe der Stel­lungen des Verteidigers ständigen Beunruhigungen durch Flieger und Artillerie ausgesetzt. Es hatte also schon seinen Grund, wenn bereits im Herbst 1936 die rotspanischeRegierung" unter Larguo Cabal­lero ihren Sitz nach Valencia und später unter Negrin nach Barcelona verlegte auch um der rettenden französischen Grenze näher zu sein.

Es wurde bereits erwähnt, daß viele Einwohner Madrids nach anderen Orten übergeführt worden waren, wo die ßebensbebingungen günstiger wa­ren; anderen, einer nicht unbeträchtlichen Zahl, war es mit der Zeit doch gelungen, meist durch Vermittlung einer ausländischen Botschaft oder Gesandtschaft, aus Rot-Spanien herauszukommen. Ihnen war es nun wenigstens erspart, wie es im

Madrid, März 1939.

Man muß sich davon Rechenschaft geben, daß jeder Tag, um den sich die Entscheidung über das Schicksal Madrids verzögerte, zugleich eine Ver­längerung der körperlichen und seelischen Qualen von hunoerttausenden schuldlosen Opfern des spa­nischen Bürgerkrieges bedeutete. Es handelte sich ja hierbei nicht nur um die Zahl derer, die, obwohl sie im Herzen auf der Seite der nationalen Er­hebung stehen, in Madrid aus harren muß­ten, weil sie entweder zu Beginn des Krieges öie Gefahr unterschätzt hatten oder weniger geschickt als andere waren, um sich rechtzeitig in Sicherheit ,zu bringen, und nun in ständiger Lebens­gefahr 31 Monate ein geradezu beklagens­wertes Dasein führten. Unter ihnen überwogen bei i weitem Frauen, alte Leute, und Kin - id e r, die den Anlegungen einer übereilten Flucht »einfach nicht gewachsen gewesen wären und nun matürlich doppelt unter kaum noch zu ertragenden »Entbehrungen litten.

Doch nicht geringer mar die folternde Ungewißheit für andere, die zwar itj Nationalspanien lebten und selbst nichts zu befürchten hatten, doch wußten, daß ihre liebsten Angehörigen sich schutzlos in der Hölle Der von allen guten Geistern verlassenen Großstadt befanden. Bei den spärlichen Nachrichten, die sie won den Betreffenden auf Umwegen eryielten, wuß­ten sie mitunter kaum, ob Liese überhaupt noch am Leben waren. Sie lasen in den Zeitungen, daß in Madrid die Leute vor Hunger auf der Straße fter« äen, daß die militärischen Einrichtungen (ohne im Bilde zu fein, wo diese nun eigentlich lagen) bom­bardiert wurden.

Dor allen Dingen standen sie unter dem Alpdruck Der fürchterlichen Vorstellungen, daß die Roten im­mer im letzten Moment, ehe sie das Feld räumen mußten, die schlimmsten Standtaten und Grausam- fetten begangen hatten. Wenn sie hierzu in Bar- elona keine Zeit gehabt haben, so war dies nur der überraschenden Schnelligkeit zu danken, mit der die nationalen Truppen eingerückt sind. Doch immerhin und Gefangene, die auf der Flucht m i t g e - chleppt worden waren, schließlich auf die cheußlichste Weise um gebracht worden. So wurden damals in den Pyrenäen vor der fran- iösischen Grenze 42 verstümmelte Leichen gefunden, lanmter die des Obersten Rey d'Hancourt und des Bischofs von Teruel, die beide im Januar 1938 bei »er vorübergehenden Räumung der genannten Stadt 'nen roten Milizen in die Hände gefallen waren. Dian kann sich vorstellen, welchen Eindruck Nach­richten, wie diese, auf jemand machen mußten, der tändig mit größter Sorge an die seinem Herzen am lächsten stehenden Personen dachte. Daneben gab 25 selbstverständlich in Madrid eine große Menge nlcher, die zunächst von der Volksfront etwas an­deres erwartet hatten, nun aber die Ankunft der »ationalen Truppen als der Befreier aus größter Lot mit Anatt und fiebernder Ungeduld ersehnten.

Daß die Bevölkerung von Madrid mehr aus- Zestanden hat, als die irgendeiner anderen spa- üscheu Großstadt, ist keine Frage. Um nur einen vergleich mit Barcelona zu ziehen, so hat diese Stadt, deren Einwohnerzahl in der letzten Zeit iurch die Aufnahme von Flüchtlingen und Eva- luierten bis auf annähernd zwei Millionen ge- smegen sein soll, bis zum Beginn der Oftenfioe im Marz 1938 kaum ernstlich unter den unmittel- Inren Auswirkungen des Krieges gelitten. Denn si.wckhl die nahe sranzösisckje Grenze, wie vor allen Gingen das Meer und der niemals im wahren (iinne des Wortes blockierte Hafen standen jeder- M offen und, wenn es gelegentlich zu Flieger- q-igriffen kam, so waren diese in jener Periode t; eher sehr häufig, noch besonders intensiv. Und sildst dann noch, als das Mittelmeer erreicht war.

Anfangsstadium der roten Willkürherrschaft zur Tagesordnung gehörte, als wegen ihrer politischen Gesinnung irgendwie verdächttg nachts aus ihren Wohnungen geholt und unter der Farce eines summarischen Gerichtsverfahrens entweder sofort über den Hänfen geschossen oder in über füllten Gefängnissen nach und nach umgebracht zu wer­den. Plünderungen und Brandstiftungen hatten wohl in den letzten Wochen auch aufgehört, aller­dings einfach nur deshalb, weil es nachgerade nichts mehr zu plündern gab. Aber man stelle sich vor, was es bedeutet, wenn jemand unter diesen Verhältnissen zweieinhalb Jahre in Ma­drid sein Dasein gefristet, also lediglich vegetiert hat.

Selbst die, denen es geglückt war, sich unter dem Schutz derExterritorialitäteinerdiplo- m a t i s ch e n Mission in Sicherheit zu bringen, und die deshalb üoii anderen beneidet wurden (und hier muß anerkannt werden, welche Verdienste um die Menschlichkeit sich in dieser Hinsicht neben Ru­mänien und anderen europäischen Mächten, nament­lich die Vertreter mancher südamerikanischen Repu- pliken erworben haben), waren zu auf die Dauer kaum erttäglichen Entbehrungen verurteilte Da bei den meisten Gesandtschaften die eigenen Gebäude bei weitem nicht ausreichend waren, hatten viele von ihnen Etagenwohnungen gemietet, die dank der Bemühungen und der entschlossenen Haltung dieser Gesandtschaften meines Wissens auch stets als un­verletzbares Asyl respektiert worden sind. Doch i n einer Wohnung mußten mitunter 200 bis 3 0 0 Personen (wenn nicht noch mehr) un­tergebracht werden, so daß auf ein Zimmer 30 bis 40 kamen. So haben sie aber Wochen, Monate, Jahre gelebt, bei völlig unzureichender Nahrung, auch im Winter meist fehlender Heizung und einem kompletten Mangel selbst der einfachsten Reinlich- keits- und Bequemlichkeitsoorrichtungen. Unter die­sen Flüchtlingen aber, die froh und dankbar waren, nur das Leben gerettet zu haben, befanden sich Damen der verwöhntesten Kreise.

Welche Not in Madrid beim Einmarsch der natio­nalen Truppen unter der Bevölkerung geherrscht hat, davon kann man sich ein Bild machen, wenn man sich daran erinnert, daß die Umgebung Ma­drids unfruchtbar ist und deshalb schon in normalen Zeiten die Verpflegung Madrids ohne eine sehr sorgfältige Regelung der Verproviantierung von auswärts (insbesondere aus Nordspanien und aus der Gegend von Valencia) nicht sichergestellt werden konnte. So war es ein dringendes Gebot der Vor­sorge, daß die. nationalspanische Heeresleitung recht­zeitig hinter der Front vor Madrid genügende Vor­räte an Lebensrnitteln und sonstigen wichtigen Be­darfsartikeln bereit gestellt hatte und daß die Pro­vinzen Nationalspaniens darin wetteiferten, Lebens­mittel zur Verfügung zu stellen. Die Lebensmittel­lastwagenzüge, die den Truppen Francos bei ihrem Einmarsch in die befreite Hauptstadt auf dem Fuße folgten, waren der von furchtbaren Leiden erlösten Bevölkerung Madrids Symbole des tatkräftigen nationalen Aufbauwerks, das gerade hier in der spanischen Hauptstadt vor größten Aufgaben steht.

Mussolini beglückwünscht Franco.

Rom, 29. März. (DNB.) Mussolini hat anläßlich des Falles von Madrid an General Franco das folgende Glückwunschtelegramm gerichtet:In dem Augenblick, in dem mit der Besetzung von Madrid Ihre prächtigen Truppen das Ziel des Endsieges erreichen, möchte ich Ihnen meinen und den begei­sterten Gruß des italienischen Volkes übermitteln Aus dem großen blutigen Ringen ist das Spa­nien von Morgen im Entstehen, frei, geeint und stark, so, wie das spanische Volk und Sie, Caudillo, es wollen. Ich versichere Ihnen, daß ich die zwischen unseren beiden Völkern ge­schaffenen Bande für untrennbar halte.

Mussolini."

Bilder aus dem bestellen Madrid.

Erst bei dem Einzug der Truppen des Generals Franco in Madrid zeigten sich alle die entsetzlichen Zerstörungen, die im Laufe des dreijährigen Kampfes um die Hauptstadt, besonders in dem bisherigen roten Befestigungsgürtel, entstanden waren. Von den Häuserblocks stehen vielfach nur noch die Umfassungsmauern, während die Häuser im Innern völlig zer allen sind. Kaum ein Haus in diesem Viertel ist noch bewohnbar. Aus den Straßen klaffen riesige Granattrichter. (Scherl-Bilderdienst-M.)

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