nr.U9 Erstes Blatt
189. Jahrgang
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Spiegelfechterei.
Zu dem in Berlin überreichten britischen Memorandum schreibt der Deutsche Dien st:
Das vorliegende Dokument ist ein typisches Beispiel für englische Spiegelfechterei. Wenn versucht wird, nachzuweisen, daß die Voraussetzung die 35prozentige Begrenzung der deutschen Flotte nicht der Ausschluß jeder Kriegsmöglichkeit zwischen England und Deutschland sei, sondern nur die Ansicht, zur Rüstungsbegrenzung beizutragen, so ist das nicht nur eine, sachlich unrichtige, sondern auch sinngemäß unverständliche Darstellung. Sachlich unrichtig insofern, als der Führer in seiner Reichstagsrede vom 21. Mai 1935 zum ersten Mal unter ausdrücklicher Bezugnahme auf den Wunsch und die Ueberzeugung, für alle Zukunft einen Krieg zwischen Deutschland und England unmöglich zu machen und als unmöglich anzusehen, eine 35prozentige Begrenzung als deutschen Beitrag zu dieser deutsch-englischen Verständigung angeboten hat. In allen Besprechungen, die zum Teil auch der Führer persönlich schon anläßlich des Besuches des englischen Ministers Sir John Simon in Berlin hatte, wurde dies der einzige Grund für die Konzedierung von 35 v. 5). einer deutschen Flottenbegrenzung ausgesprochen. Die englische Behauptung, daß eine solche Konzedierung nur als Beitrag zur Rüstungsbegrenzung anzusehen sei, ist sinnlos. Denn welchen Anlaß hätte gerade Deutschland, freiwillig seinen Flottenstand auf 35 v. 5). der britischen Flotte zu begrenzen, wenn nicht dafür als primitivste Gegenleistung die Aussicht auf eine wirkliche deutsch-englische Freundschaft bestünde. Denn die anderen Flottenabmachungen mit den übrigen Mächten find ja auch zum Zweck der Rüstungs- begrenzung erfolgt, ohne daß sich irgend eine Macht auf 35 v. S). festgelegt hätte. Dieser englische -Versuch also, die Voraussetzungen zum Abschluß des Flottenabkommens nun abzuleugnen, ist ebenso unverständlich wie zwecklos.
Die britische Regierung versucht weiter nun aber Überhaupt abzu ft reiten, daß sie Ein- kreisungsabfichten hätte. Die Politik der englischen Regierung entspricht genau der Politik der britischen Regierung vor dem Weltkrieg. Auch die damaligen britischen Regierungen bestritten diese Einkreisungsabsicht. Nach dem Weltkrieg gab Lloyd George aber in einer öffentlichen Rede zu, daß er bereits einige Jahre vor dem Krieg zum ersten Mal Kenntnis erhielt von den Abmachungen eines gemeinsamen britisch-französisch-russischen Angriffs auf Deutschland und Oesterreich. Wenn die britische Reaierung nun plötzlich bestreitet, daß sie eine Einkreisungspolitik betreibt, dann kann ihr das aus unzähligen Kommentaren englischer Zeitungen und auch französischer Zeitungen das G e ge n t e i l nachgewiesen werden. Denn in diesen Blättern ist trotz der doch sichtlich tätigen Regie des Foreign Office ganz unverhohlen die derzeitige Politik a l s Einkreisungspolitik bezeichnet worden. Die Definition, die die britische Note von den Absichten der englischen Einkreisungspolitk gibt, jetzt einen geradezu naiven Verstand besonders bei denen voraus, an die diese Definition ersichtlich gerichtet ist und bei denen sie wohl Eindruck machen sollte. Wenn die britische Regierung erklärt, daß sie nur gegen Angreifer vorgeht, dann vergißt sie anzugeben, werden Angreifer fest- st e U t. Wahrscheinlich die britische Regierung selbst! Oder sollte zu dem Zweck vielleicht wieder der Völ- ferburti) zu neuem Leben erweckt werden? Diese Spiegelfechtereien der englischen Einkreisungspolitik .Krieg dem Angreifer" sind wirklich zu kindlich, um von irgend jemand ernst genommen zu werden. Die deutsche Kennzeichnung der britischen Politik als Einkreisungspolitik beruht daher nicht auf einem Mißverstehen oder auf einer Mißdeutung der britischen Absichten,sondern auf einer der britischen Regierung unerwünschten Erkennt- nis ihrer wahren Absichten, auf einem Durchschauen der Ziele der britischen Politik und ihrer Methode.
Wenn in der Note endlich davon gesprochen wird, daß Deutschland eine Reihe von Ländern aggressiv behandelt habe, so ist dies der Gipfelpunkt einer ebenso dreisten wie dummen Heuchelei. Weder Oesterreich noch das Sudetenland noch Memel sind von Deutschland vergewaltigt worden, sondern sie wurden einst 1918 bzw. 1919 durch die alliierten Aggressoren aus dem Deutschen Reich bzw. aus der deutschen Volksgemeinschaft he rau s- gerissen und gegen den Willen der Bevölkerung solange vergewaltigt, bis endlich das nationalsozialistische Deutschland dieser Vergewaltigung ein Ende bereitete. Das Gleiche gilt auch von Böhmen und Mähren, die niemals einem britischen Einfluß unterstanden haben, wohl aber seit nunmehr 1000 Jahren nicht nur zum d euts ch en Lebensraum, sondern auch zum Deutschen Reich bzw. zu Oester- reich-Ungarn gehörten.
Die britische Regierung weiß ganz genau, daß es das Ziel der deutschen Regierung ist, die tyrannische Vergewaltigung durch das Persailler Diktat zu beseitigen. Um nun die Aufrechterhaltung dieses Diktates zu ermöglichen, betreibt die britische Regierung die Einkreisungspolitik. Sie mag das tun, aber sie soll nicht annehmen, daß besonders in Deutschland irgendjemand dumm genug ist, um schwarz nicht für schwarz und weiß nicht für weiß anzusehen. — Zu dem fachlichen Inhalt der englischen Note wollen wir zunächst noch keine Stellung nehmen. Hierzu wird sicherlich die Reichsregierung zu gegebener Zeit eine Antwort erteilen.
Englisches Memorandum zur Flottenfrage.
Das Kabinett Chamberlain weicht den deutschen Argumenten aus.
Berlin, 28. Juni. (DNB.) Der britische Bot- seine Abänderung in Aussicht genommen waren,
Memorandum
Landverkehrsmaschine „tionbor" in 30S0-km-Nachtflug über den Südatlantik
Keine Verdrehungen!
Berlin, 29. Juni. (DNB. Funkspruch.) Heute morgen 6.21 Uhr deutscher Zeit traf das Focke - Wulf-Großflugzeug FW 200 „C o n - d o r" D—AXFO auf dem Lartdeflugplatz Natal in Brasilien ein. Der „Condor" war am Dienstag um 22.30 Uhr in Berlin Tempelhof zum Fluge nach Südamerika gestartet und wird noch heute seinen Flug nach Rio de Janeiro fortsetzen, wo er in den Spätnachmittagsstunden erwartet wird.
Die D—AXFO mit dem deutschen Taufnamen „Pommern" wird geführt von den Flugkapitänen Alfred Henke von der Deutschen Lufthansa, der bekannt ist durch seine Flüge nach Neuyork und Tokio, und Günther Schuster vom brasilianischen Condor-Syndikat, der seit 1927 in Brasilien tätig ist und heute auf mehr als Via Millionen Luftkilometer zurückblicken kann. Das Flugzeug D—AXFO wurde vom Condor-Syndikat erworben, um künftig auf den großen Strecken der brasilianischen Fluggesellschaft, die ausschließlich deutsches Flugzeug- material verwendet, eingesetzt zu werden.
Dieser erste Ueberführungsslug eines Landverkehrsflugzeugs über den Südatlantik wurde auf völlig v e r k e h r s m ä ß i g e r Grundlage durchgeführt. Die D—AXFO flog von Berlin
völlig klar hervorgehen.
10. In der ersten Note nahm Sir Samuel Hoare auf die stattgehabten Unterredungen Bezug, deren Hauptzweck darin bestand, den Boden für eine allgemeine Begrenzung zur Begrenzung der Seerüstungen vorzubereiten. Er erwähnte sodann den deutschen Vorschlag, das Stärkeverhältnis von 100:35 zwischen den Flotten des britischen Reiches und Deutschlands einzuführen, und sagte, „die Regierung Seiner Majestät sähe diesen Vorschlag als einen außerordentlich wichtigen Beitrag zur zukünftigen Seerüstungsbeschränkung an". Er brachte zum Ausdruck, daß er glaube, das Abkommen werde „den Abschluß eines allgemeinen Abkommens über eine Seerüstungsbegrenzung zwischen allen Seemächten der Welt erleichtern".
11. In seiner Erwiderung vom gleichen Tage wiederholte Herr von Ribbentrop den Wortlaut der Note Sir Samuel Hoares und bestätigte, daß sie den Vorschlag der deutschen Regierung richtig wiedergebe. Er äußerte die Meinung, das Abkommen werde „den Abschluß eines allgemeinen Abkommens über diese Frage zwischen allen Seemächten der Welt erleichtern".
12. Der Inhalt der Noten zeigt also deutlich, daß das Abkommen als ein Beitrag zur Lösung des Problems der Begrenzung der Seerüstung angesehen wurde. Wenn die deutsche Regierung jetzt behauptet, das Abkommen habe eine andere Bedeutung, so muß Seiner Majestät Regierung bemerken, daß eine solche Behauptung im Abkommen selbst keine Rechtfertigung findet, so umfassend und eingehend dieses auch ist.
13. Ebenso schlagend war das Abkommen in Bezug auf seine Geltungsdauer. In der Note Sir Samuel Hoares heißt es, es sei „eine vom heutigen
zunächst nach Sevilla und von dort nach eines kurzen Pause weiter nach Bathurst, dem west, afrikanischen Stützpunkt des Luftpostdienstes Deutsche land—Südamerika. Von hier aus erfolgte dann am Mittwochabend der Start zum Fluge über den 3050 Kilometer langen Atlantikabschnitt nach Natal an der brasilianischen Küste.
Die D—AXFO ist ein normales (5 e r i e n i flugzeug, wie es auch im Streckendienst Der* wendet wird. Sie ist mit BMW.-132-F-MotoreN! von je 750 PS ausgerüstet, mit Askania-Kurssteuex rung, mit Telefunken- und Lorenzfunkgeräten oerx sehen. Sie kann neben vier Mann Besatzung 2 6 Fluggäste befördern. Die Tatsache, daß nun dis. zur Zeit schnellsten und wirtschaftlichsten Grohverx kehrsflugzeuge auch in Südamerika Verwendung finden — in wenigen Wochen soll eine zweite Focke-Wulf SW 200 nach Brasilien übergeführt werden —, muß man als eine Anerkennung dec Leistungsfähigkeit unserer Luftfahrtindustrie buchen, zumal die SW 200, abgesehen von einer Reihe eurox päischer Staaten, auch von Japan a n g e « kauft worden ist, um dort im planmäßiges Streckendienst zu fliegen.
L o n d o n, 29. Juni. (DNB.) Im britischen Unterhause hat der ßabourabgeorbnete Henderson den Premierminister um Auskunft ersucht, ob die britische Regierung nicht im Interesse der Aufrechterhaltung freundschaftlicher Beziehungen zum deutschen Volk die Reichsregierung auf die herabsetzenden Angriffe in den kürzlichen Ansprachen des Reichspropagandaministers aufmerksam machen wolle. Chamberlain hat erwidert, daß er besonders in der deutschen Presse Artikel bemerkt habe, in denen jede Rede eines britischen Staatsmannes, in der versucht werde, Verständnis für die Lage Deutschlands zu zeigen, heruntergeris- sen und verhöhnt werde. Er habe jedoch nicht die Absicht, deshalb bei der Reichsregierung Vorstellungen zu erheben.
Dazu schreibt der Deutsche D i e n st u. a.: Don herabsetzenden Angriffen des Propagandaministers auf die englische Regierung kann überhaupt keine Rede sein. 'Reichsminister Dr. Goebbels hat in seinen Reden und Aussätzen lediglich den deutschen Standpunkt in eindeutiger Weise dargestellt und dabei die von Deutschland notwendiger- und gerechterweise zu erhebenden Forderungen unmißverständlich wiederholt. Wir wissen, daß sich die englischen Staatsmänner über die Berechtigung dieser Forderungen im klaren sind. Nicht die Darlegungen von Reichsminister Dr. Goebbels waren herabsetzend, sondern herabsetzend wirkt nur die Tatsache, daß England glaubt, diese Forderungen übersehenundindenWind schlagen zu können.
Während die englischen Staatsmänner einerseits Friedfertigkeit und Verständigungswillen im Munde fuhren, sind sie auf dec anderen Seite fieberhaft
Tage ab gültige, dauernde und endgültig^ Einigung". Herr von Ribbentrop erklärte int seiner Erwiderung, die deutsche Regierung betracht- . es ebenfalls „als eine vom heutigen Tage atij gültige dauernde und endgültige Einigung".
14. In Ziffer 2 (a) der Noten heißt es, „daH Stärkeverhältnis 35 :100 soll ein ständige 4, Verhältnis sein, d. h. die Gesamttonnage betf deutschen Flotte soll nie einen Prozentsatz von 33i der Gesamttonnage der Seestreitkräfte der Mit» glieder des britischen Commonwealth überschreiten".
15. In Ziffer 2 (c) der Noten heißt es, „Deutsch» land wird unter allen Umständen zu dem Stärke» Verhältnis von 35:100 stehen, d. h., dieses Stärkex Verhältnis wird von den Baumaßnahmen anbered Länder nicht beeinflußt. Sollte das allgemein- Gleichgewicht der Seerüstung, wie es in der Verx gangenheit normalerweise aufrechterhalten wurde« durch irgendwelche anormalen und außerordentlichen Baumaßnahmen anderer Mächte! heftig gestört werden, so behält sich die Regierung des Deutschen Reiches das Recht vor, die Regierung Seiner Majestät im Vereinigten Königreich aufzux fordern, die auf diese Weise entstandene neu«! Lage zu prüfen." Dies war die einzige Bestimmung, die überhaupt eine allgemeine Abänderung der Bestimmungen des Abkommens vorsah — abgesehen von dem Sonderfall der Unterseeboote —1 und wie ersichtlich, war der einzige darin vor» gesehene Fall, der zu einer Abänderung führen könnte, eine heftige Störung des allgemein n e n Gleichgewichts der <5eerü ft ungen» Ueberdies konnte selbst dann nach den Bestimmun» gen des Abkommens eine Abänderung erst statt» finden, nachdem die Lage durch Konsultation mit Seiner Majestät Regierung geprüft worden war.
16. Die deutsche Regierung behauptet aber gad
tätig, um Deutschland einzukreisen. Dabei schrecken sie nicht einmal vor ideologisch völlig entgegen» . gesetzten Partnern, wie der Sowjetunion, zurück. Die Verhandlungen in Moskau beweisen das zur Genüge. Die Engländer find sogar bereit, die baltischen Staaten gegen ihren Willen in die Einkreisungsfront hineinzuzwingen, zumindest wollen sis den Versuch hierzu machen. Wenn dies das Verständnis ist, das England Deutschland entgegen» bringt, so ist es dasselbe „Verständnis", das England vor dem Kriege Deutschland entgegen» gebracht hat, mit dem Ergebnis, daß 1914 die ganze Welt über Deutschland hergefallen ist. Diesen dummdreisten Schwindel konnten sich die Engländer mit dem kaiserlichen Deutschland erlauben, mit dem Dritten Reich aber nicht. Wir haben diesen Schwindel durchschaut und scheuen uns auch nicht, dies deutlich zu sagen. Wir denken nicht daran, die englischen Reden zu verhöhnen, sondern stellen nur die schreiende Dissonanz fest, die w.N hören zwischen dem, was England tut, und dem, was feine Staatsmänner sagen.
Daß diese Feststellung England unangenehm ist« können wir verstehen, dies kann uns aber'nicht beirren, die deutschen Forderungen unerbittlich weiter zu erheben und das deutsche Volk auf den Unterschied zwischen den englischen Taten und Worten aufmerksam zu machen. Richt durch uns find die Beziehungen vergiftet worden, sondern durch Churchill, Eden, Duff-Cooper und andere. Es ist deshalb verständlich, wenn Herr Chamberlain erklärt, er habe nicht die Absicht. Vorstellungen bei der deutschen Regierung zu erheben. Denn beklagen müßte er sich bei feiner .eigenen Presse, bei seinen früheren Regierungskollegen rmd andern englischen PolitUecll,
schafter in Berlin hat dem Auswärtigen Amt ein Memorandum zur Flottenfrage überreicht, das die Antwort auf das deutsche Memorandum vom 27. April d. I. darstellt. In dem heißt es:
1. In Ihrem Memorandum vom 27. April d. I. erklärt die deutsche Regierung, daß sie, als sie im Jahre 1935 das Angebot machte, sich auf einen Prozentsatz der britischen Flottenstreitkräfte zu beschränken, dies getan habe, „aufgrund der festen Ueberzeugung, daß die Wiederkehr eines kriegerischen Konfliktes zwischen Deutschland und Großbritannien für alle Zeiten ausgeschlossen fei".
2. Die deutsche Regierung rechtfertigt die Lösung des englisch-deutschen Flottenabkommens damit, daß das Verhalten der Regierung Seiner Majestät im Vereinigten Königreich zeige, daß diese jetzt der Ansicht sei, daß, ganz gleich'in welchem Teile Europas Deutschland in einen kriegerischen Konflikt verwickelt werden würde, Großbritannien stets gegen Deutschland Stellung nehmen müsse, selbst in dem Falle, daß Englands Interessen durch einen solchen Konflikt nicht berührt würden.
3. Die Frage, ob die Haltung der Regierung Seiner Majestät überhaupt eine Rechtfertigung dafür sein kann, daß die deutsche Regierung diese Verträge löst, ohne daß vorher eine Konsultation zwischen den beiden Regierungen stattgefurtden hatt^e, wird weiter unten behandelt. Es trifft nicht zu, daß, gleich >n welchem Teile Europas Deutschland in einen kriegerischen Konflikt verwickelt werden würde, Großbritannien stets gegen Deutschland Stellung nehmen müßte. Großbritannien müsse nur dann gegen Deutschland Stellung nehmen, wenn Deutschland eine Angriffshandlung (act of aggression) gegen ein anderes Land begehen sollte; und die Garantien Großbritanniens an gewisse Länder könnten sich nur dann auswirken, wenn die betreffenden Lander von Deutschland angegriffen werden sollten.
4. Die deutsche Regierung nimmt m ihrem Memorandum das Recht in Anspruch, die britische Politik als eine Politik der Einkreisung zu bezeichnen. Diese Bezeichnung ist ohne jede Berechtigung und offenbar ein Mißverstehen der britischen Absichten, die richtiggestellt werden müssen.
5. Die Handlungsweise, mit der Deutschland kürzlich gewisse Gebiete dem Reiche einoerleibte, hat, gleichviel, was nach Ansicht der deutschen Regierung die Rechtfertigungsgründe dafür gewesen sein mögen, zweifellos zu einer stark zunehmenden Beängstigung geführt. Die Schritte, die die Regierung des Vereinigten Königreiches daraufhin getan hat, haben keinen anderen Zweck als den, zur Besei- tiguna dieser Angst beizutragen, und zwar dadurch, daß fie kleineren Nationen dazu verhilft, sich im Genuß ihrer Unabhängigkeit sicher zu fühlen, wozu fie das gleiche Recht haben wie Großbritannien oder Deutschland selbst. Die Bindungen, die Großbritannien in dieser Absicht kürzlich eingegangen ist, sind begrenzt, und fie können nur bann wirksam werden, wenn die betreffenden Länder Opfer eines Angriffes würden.
6. Ebenso hat die ^Regierung Seiner Majestät auch weder die Absicht noch den Wunsch, der Entwicklung des deutschen Handels Schranken zu setzen. Im Gegenteil, aufgrund des englisch-deutschen Zahlungsabkommens ist Deutschland ein erheblicher Betrag von freien Devisen zum Erwerb von Rohstoffen zur Verfügung gestellt worden. Dieses Abkommen ist für Deutschland so günstig wie nur irgendeines, und Seiner Majestät Regierung würde gern weitere Erörterungen über Maßnahmen zur Besserung der wirtschaftlichen Lage Deutschlands in Aussicht nehmen, wenn nur die wesentliche Vorbedingung sichergestellt werden könnte, nämlich die Herstellung gegenseitigen Vertrauens und guten Willens.
7. Der ständige Wunsch der Regierung Seiner Majestät war und ist keineswegs die Betreibung eines Krieges mst Deutschland, sondern die Herstellung englisch-deutscher Beziehungen auf der Grundlage gegenseitiger Anerkennung der Notwendigkeiten beider Länder bei gleichzeitiger gebührender Rücksicht auf die Rechte anderer Nationen.
8. Da aber Seiner Majestät Regierung aus diesen Gründen nicht xugeben kann, daß in ihrer Politik irgendeine Aenderung eingetreten wäre, die den kürzlichen Schritt der deutschen Regierung rechtfertigte, muß sie hinzufügen, daß ihrer Ansicht nach der Hauptzweck des englisch-deutschen Flottenabkommens darin bestand, in die Lage zur See eine gewisse Stabilität zu bringen und ein unnötiges Wettrüsten zu vermeiden.
Das Flottenabkommen von 1935
9. Aus diesem Grunde sahen die Abkommen keineeinseitigeKündigung auf Betreiben nur einer der Parteien vor, sondern nahmen eine Lösung oder Abänderung nur durch gegenseitige Konsultation in Aussicht — und Seiner Majestät Regierung bedauert, daß die deutsche Regierung sich nicht in der Lage gesehen hat, dieses Verfahren auch im vorliegenden Fall einzuschlagen. Denn in dem Abkommen von 1935 war ausdrücklich gesagt, daß es ein dauerndes' sein sollte, und Seiner Majestät Regierung möchte die Aufmerksamkeit der deutschen Regierung auf den Notenwechsel vom 18. Juni 1935 hinlenken, aus dem sowohl der Charakter des Abkommens wie die Umstände, die für
Deutsche Großflugzeuge im brasilianischen Streckendienst


