Ur. 50 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger <General-Anzeiger für Oberheffen)
Dienstag, 28. Zebruar 1939
und Sonntag, den 5. rnärz, ab 18 Uhr folgende
Redner:
(Sonntag, 5 März, 15.30 !lhr
Krühjahrsfeldzug der NSDAP. im Kreis Weiterau
162 Kundgebungen am Gamstag und Sonntag.
Frühjahrsfeldzug der USDAP! Vorwärts, wir Becker, Darmstadt; Odenhauscn, Pg. Köke, Limburg; greifen an im kreise Wetterau! Jeder höre die Trais (Lda.), Pg. Günther, Plauen i. Bgtl.; Allen- Parole der Ausrichtung. Jeder erscheine im fried- darf (Lda.), Pg. Prof. Ebner, München; Londorf, lichen Kampfe für das Wohl feines Volkes, keiner $9- Wachsmutti, Frankfurt a. M.; Kesselbach, Pg. bleibe zurück. 54 Reichs- und Guuredner sprechen in Weilburg Rüddingshausen Pg Walter '.°i jungen, sprechen, Samslng, den 4.,
Hattenrod, Pg. Keil, Buchschlag.
Aus der Stadt Gießen.
Die Kletterrose.
Wenn man nach einer Grippe noch einige Tage im Zimmer bleiben muß, kann es mitunter recht langweilig werden. Aber nicht immer. Ich mußte neulich auch einige Tage feiern und in der Stube sitzen. Aber es war ganz unterhaltsam. Daran war eine Kletterrose schuld. ?? Einen Augenblick!
Meiner neuen Wohnung gegenüber befindet sich ein großes, öffentliches Gebäude. Zu jeder Tageszeit gehen da Leute ein und aus. In dem kleinen Vorgarten ist die Lattentür links und rechts von einer Kletterrose umkleidet. Nun hatte sich eine der langen Ranken gelöst und hing gerade über dem Eingang.
Zuerst kamen zwei Buben mit dicken Briefen, die sie wahrscheinlich abgeben sollten. Sie sprangen leichtfüßig unter der Kletterrose durch zur Haustür und kamen bald wieder zurück. Ihnen konnte die lange Ranke nichts onhaben. Unbekümmert und ohne auf die gefährlichen Dornen zu achten, sprangen sie zur Straße zurück.
Dann nahte ein hochgewachsener Herr. Er kam in ruhiger Gangart, schaute sich um, und bann schritt er auf das Haus zu. Aber da hatte er schon die Ranke gesehen. Vorsichtig bückte er sich und ging unbehelligt darunter her. Dasselbe geschah, als er nach einer halben Stunde zurückkam.
Dann fuhr ein Auto vor. Die Tür flog auf und zu. Ein dicker Herr, der es sehr eilig zu haben schien, eilte zur Haustür. Er hatte aber nicht mit der Ranke gerechnet. Die Dornen hielten seinen Hut fest und ritzten ihm scheinbar auch noch ein bißchen das Gesicht. Ich sah noch, wie er wütende Blicke nach dem Kletterrosenstock warf und dann im Hause verschwand. Beim Herauskommen war sein Blick nicht freundlicher. Diesmal bückte er sich aber auch, um der Ranke zu entgehen.
Kurze Zeit darauf kam gemächlich ein biederer Handwerker seines Weges. Er trug einen Handwerkskasten unter dem Arm. Vor dem Hause hielt er an, schaute nach der Hausnummer und schritt der Haustür zu. Halt! Da hatte ihn die Ranke an seiner Mütze festgehalten. Er löste sie sorgfältig, stellte seinen Kasten auf die Erde und schaute sich das Ding erst einmal an. Dann nahm er sein Taschenmesser heraus, und mit einem Schnitt war die Ranke beseitigt. Darauf guckte er noch einmal, ob er auch keine vergessen hatte, nahm seinen Kasten unter den Arm und verschwand in dem Haus.
Ist die Stellungnahme der Menschen zu der Kletterrose nicht wie das Leben selbst? Sind nicht die am glücklichsten, die ohne irgend etwas von den Schattenseiten des Lebens zu merken, unbehelligt und frei ihre Straße ziehen können? Das sind die Kinder. Aber es gibt auch Erwachsene, die sich diese kindliche Angewohnheit, nichts zu sehen und nichts zu fürchten, in ihr späteres Leben gerettet haben.
Dann kommt der Vorsichtige, der sich immer Umschauende. Er sieht alles, und wenn eine Gefahr kommt, dann duckt er sich. Andere wieder versuchen es mit Zorn. Doch sie sind auf dem Holzweg. Wer einmal richtig in einem Rosenstrauch oder in Brombeerranken des Waldes gefangen war, der weiß, daß blinder Zorn nur schadet-
Neben der glücklichen Jugend steht der praktische Mensch. Das ist hier der, der sein'Messer zog und die Ranke einfach abschnitt. Der Vorsichtige hätte es vielleicht auch getan, aber er sagte sich: „Warum soll ich mich für die andern plagen, sie mögen sich auch bücken. Uebrigens habe ich kein Recht, mich an fremdem Eigentum zu vergreifen.
Der Handwerker dachte zunächst auch an sich, noch mehr aber an die andern, die nach ihm kommen: So, jetzt kann jeder gemütlich darunter hingehen. Er dachte nicht nur praktisch, sondern auch sozial. Er war der einzige von allen, der wirklich half.
Und das ist die Hauptsache im Leben.
Samstag, 4. März, 20 30 Uhr
Gießen-Mitte, Pg. Holländer, Frankfurt a. M.; Gießen-Nord, Pg. Holzkämper, Frankfurt a M.; Gießen-Süd, Pg. SA.-Brig.-Führer Lorch, Westerburg; Gießen-Ost, Pg Vogt, Frankfurt a. M.; Heuchelheim, Pg. Eisentraud, Groß-Gerau; Annerod, Pg. Imand, Frankfurt a. M.; Burkardsfelden, Pg. Fischer, Auerbach; Oppenrod, Pg. Neuhaus, Langen; Harbach, Pg. Wilh. Schäfer, Wachenbuchen; Ettingshausen, Pg. o. d. Osten, Frankfurt a. M.; Münster/Ettingshausen, Pg. Schäfer III., Vadenrod; Butzbach, Pg. Moßmann, Stuttgart; Lich, Pg. Dr. 3ung, Frankfurt a. M.; Freienseen, Pg. Herrn. Christ, Langenselbold; Lauter, Pg. Weber, Offenbach; Queckborn, Pg. Schmelz, Ober-Ingelheim; Weickartshain, Pg. Kobold, Darmstadt; Lardenbach, Pg. Althoff, Frankfurt a. M.; Klein-Eichen, Pg. Langenbach, Bad-Nauheim; Stockhausen, Pg. Herrchen, Bad Schmalbach; Grünberg, Pg. Kraus, Kronberg; Göbelnrod, Pg. Schuster, Frankfurt a. M.; Saasen, Pg. Biedert, St. Goarshausen; Lindenstruth,Pg. Jordan, Offenbach; Reiskirchen, Dr. Cuborst, Stuttgart; Rödgen, Pg. Viel, Frankfurt a. M.; Wieseck, Pg. Gagstetter, München; Trohe, Pg. Zimpelmann, Frankfurt a. M.; Großen-Buseck, Pg. Schütz, Bensheim; Alten-Buseck, Pg. Kratz, Darmstadt; Beuern, Pg. Prof. Köbele, Stuttgart; Bersrod, Pg. Langula, Frankfurt a. M.; Reinhards- Hain, Pg. Gockel, Langen; Stangenrod, Pg. Denzer, Heppenheim; Beltershain, Pg. Beeres, Darmstadt; Lumda, Pg. Brück, Wiesbaden; Geilshausen, Pg. Dr. Korthen, Frankfurt a. M.; Weitershain, Pg. Schultz, Frankfurt a. M.; Lollar, Pg. Moritz Göbel, Darmstadt; Daubringen, Pg. Dr. Menzel, Wiesbaden; Ruttershausen, Pg. Seipel, Fauerbach; Staufenberg, Pg. Ernst Müller, Idstein; Mainzlar, Pg. Dr. Schnabel, Frankfurt a. M.; Climbach, Pg. Wey- gandt, Frankfurt a. M.; Allertshausen, Pg. Ernst
Am morgigen 1. März, dem Tag der Luftwaffe, werden im Standort Gießen die nachstehend verzeichneten Veranstaltungen des Fliegerhorstes Gießen durchgeführt:
7.30 Uhr: Feierliche Flaggen-Parade.
8.00—10.00 Uhr: Marsch sämtlicher Einheiten durch die Stadt. Marschweg: Kaiserallee, Ludwigs- plotz, Neuen Baue, Schulstraße, Marktplatz, Seltersweg, Horst- Wessel-Wall, Bahnhofstraße, Ka- plansgasse, Neuenweg, Theater, Kaiserallee, Fliegerhorst.
10.Z0 Uhr: Appell und Ansprache des Geschwaderkommodore Herrn Generalmajor Süß mann. Anschließend Vorbeimarsch.
16.00—17.00 Uhr: Platzkonzert des Musikkorps
Fauerbach v. d. H., Pg. Kraus, Kronberg; Ostheim, Pg. Ernst Becker, Darmstadt; Hochweisel, Pg. Osbelt, Weilburg; Wohnbach, Pg. v. d. Osten, Frankfurt a M.; Oppershofen, Pg. Göckel, Langen; Nieder- Weisel, Pg. Herrn. Christ, Langenselbold; Hausen/ Oes, Pg. Weygandt, Frankfurt a. M.; Rockenberg, Pg. Robert Fell, Kronberg; Griedel, Pg. Schütz, Bensheim; Obbornhofen, Pg. Schuster, Frankfurt a. M.; Münzenberg, Pg. Kratz, Darmstadt; Utphe, Pg. Dr. Korthen, Frankfurt a.M.; Treis-Horloff, Pg. Beeres, Darmstadt; Steinheim, Pg. Brück, Wiesbaden; Rodheim (Horloff), Pg. Weber, Offenbach; Inheiden, Pg. Viel, Frankfurt a.M.; Rabertshausen, Pg. Schäfer III., Vadenrod; Trais-Münzen- berg, Pg. Zimpelmann, Frankfurt a M.; Ober- Hörgern, Pg. Kobold, Darmstadt; Gambach, Pg. Moritz Göbel, Darmstadt; Pohl-Göns. Pg. Wilhelm Schäfer, Wachenbuchen; Kirch-Göns, Pg. Professor Köbele, Stuttgart; Holzheim, Pg. Dr. Jung, Frankfurt a. M.; Eberstadt, Pg. Fischer, Auerbach; Muschenheim, Pg. Dr. Menzel, Wiesbaden; Bettenhausen, Pg. Köke, Limburg; Hungen, Pg. Holländer, Frankfurt a.M.; Langd, Pg. Schmelz. Ober-Ingelheim; Lang-Göns, Pg. Holzkämper, Frankfurt a.M.; Birklar, Pg. Jordan, Offenbach: Langsdorf, Pg. Wachsmuth, Frankfurt a.M.; Villingen, Pg. Dr. Scholz, Frankfurt a. M.; Dorf-Gill, Pg. Schultz, Frankfurt a.M.; Gröningen, Pg. Herrchen, Bad Schmalbach; Gonterskirchen, Pg. Denzer, Heppenheim; Ruppertsburg, Pg. Haus. Wetzlar; Nonnen- roth, Pg. Imand, Frankfurt a.M.; Leihgestern, Pg. Seipel, Fauerbach; Großen - Linden. Pg. Gauob- mann Willi Becker, Frankfurt a.M.; Steinberg- Watzenborn, Pg. Langenbach. Bad-Nauheim; Watzenborn. Pg. Gagstetter, München; Garbenteich, Pg. Ohl, Limburg; Röthges, Pg. Neuhaus, Langen; Ober-Bessingen, Pg. 'Keil, Buchschlag; Nieder-Bessingen, Pg. Biedert, St. Goarshausen;
des Fliegerhorstes am Platz vor dem Städtischen Theater.
20.00 Uhr: Kameradschaf^tsabende mit Tanz der Verbände des Fliegerhorstes in folgenden Lokalen: Festsaal des Gesellschaftsvereines Gießen, Studentenheim, Kath. Vereinshaus, Schützenhaus, Turnhalle, „Kühlen Grund" in Wieseck. Die Bevölkerung unserer Stadt, die von jeher an allen Veranstaltungen der Wehrmacht starkes Interesse genommen hat, wird auch diesen Veranstaltungen 'unserer Flieger sicherlich alle Aufmerksamkeit widmen und dadurch ihre Verbundenheit mit unserer Fliegertruppe bekunden. Insbesondere werden die Veranstaltungen des morgigen Vormittags und das Platzkonzert am morgigen Nachmittag lebhaftes Interesse der Bevölkerung 'auslösen. Wegen Raummangels kann die Einwohnerschaft, zum Bedauern der Fliegertruppe selbst, zu den Kameradschaftsabenden mit Tanz allerdings nicht eingeladen werden.
Albach, Pg. Althoff, Frankfurt a.M.; Steinbach, Pg. Vogt, Frankfurt a.M.; Haufen/Watzenborn, Pg. Ernst Müller, Idstein; Allendorf a. d. L., Pg. Eisentraud, Groß-Gerau; Klein-Linden, Pg. David Müller, Frankfurt a. M.; Wetterfeld, Pg. Dr. Schnabel, Frankfurt a.M.; Laubach, Pg. Brigadeführer Lorch, Westerburg; Münster bei Fauerbach, Pg. Langula, Frankfurt a. M.
(Sonntag, 5. März, 20 Uhr
Wölfersheim, Pg. Gauobm. Willi Becker, Frankfurt a. M.; Södel, Pg. Löw, Nassau; Steinfurt, Pg. Gagstetter, München; Langenhain, Pg. Ernst Becker, Darmstadt; Ziegenberg, Pg. Beeres, Darmstadt; Ober-Mörlen, Pg. Brig.-Führer Lorch, Westerburg; Nieder-Mörlen, Pg. David Müller, Frankfurt a. M.; Melbach, Pg. v. d. Osten, Frankfurt a.M.; Wisselsheim, Pg. Schäfer III., Vadenrod; Rödgen, Pg. Kobold, Darmstadt; Beienheim, Pg. Denzer, Heppen-
SP1TZENLEISTUNG
OPEL
heim; Weckesheim, Pg. Jordan, Offenbach; Schwalheim, Pg. Walter, Offenbach; Reichelsheim, Pg. Osbelt, Weilburg; Dorheim, Pg. Vieth, Friedberg; Ockstadt, Pg. Prof. Köbele, Stuttgart; Dorn-Assen- heim, Pg. Weber, Offenbach; Bauernheim, Pg. Keil, Buchschlag; Staden, Pg. Imand, Frankfurt-a. M.; Ober-Florstadt, Pg. Weygandt, Frankfurt a. M.; Nieder-Florstadt, Pg. Holländer, Frankfurt a.M.; Friedberg-Fauerbach, Pg. Dr. Menzel, Wiesbaden; Ober-Rosbach, Pg. Dr. Jung, Frankfurt a. M.; Nieder-Rosbach, Pg. Ernst Müller, Idstein; Bruchenbrücken, Pg. Herrchen, Bad Schwalbach; Wick- stadt, Pg. Langenbach, Bad-Nauheim; Stammheim, Pg. Schuster, Frankfurt a. M.; Assenheim, Pg. Eisentraud, Groß-Gerau; Ober-Wöllstadt, Pg. Dr. Scholz, Stuttgart; Bönstadt, Pg. Viel, Frankfurt a. M.; Nieder-Wöllstadt, Pg. Seipel, Fauerbach; Ilbenstadt, Pg. Christ, Langenselbold; Rodheim v. d. H., Pg. Vogt, Frankfurt a. M.; Holzhausen, Pg. Haus, Wetzlar; Burg-Gräfenrode, Pg. Biedert, St. Goarshausen; Petterweil, Pg. Brück, Wiesbaden; Okarben, Pg. Göckel, Langen; Kaichen, Pg. Dr. Schnabel, Frankfurt a. M.; Ober-Erlenbach, Pg. Robert Fell, Kronberg; Kloppenheim, Pg. Wilh. Schäfer, Wachenbuchen; Groß-Karben, Pg. Moritz Göbel, Darmstadt; Klein-Karben, Pg. Dr. Korten, Frankfurt a.M.; Heldenbergen, Pg. Wachsmuth, Frankfurt a. M.; Ober-Eschbach, Pg. Fischer, Auerbach; Nieder-Eschbach, Pg. Kraus, Kronberg; Dortelweil, Pg. Schmelz, Ober-Ingelheim; Rendel, Pg. Schultz, Frankfurt n. M.; Büdesheim, Pg. Schütz, Bensheim; Nieder-Erlenbach, Pg. Ohl, Limburg; Massenheim, Pg. Köke, Limburg; Harheim, Pg. Kratz, Darmstadt; Maibach, Pg. Langula, Frankfurt a.M.; Bo- denrod, Pg. Neuhaus, Frankfurt a. M.; Ossenheim, Pg. Zimpelmann, Frankfurt a. M.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22 Uhr Ballettabend dev Tanzgruppe. — Gloria-Palast, Settersweg: „Das unsterbliche Herz". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Dschungelprinzessin". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand. — Goethe-Bund und Kaufmännischer
Tag der Lustwaffe in Gießen.
„Das unsterbliche Herz."
Gloria-Palast.
Im Jahre 1913 schrieb der Vater des Schauspielers und Spielleiters Veit Harlan, Dr. Walter Harlan, dem wir übrigens auch eine noch heute lesenswerte „Schule des Lustspiels" verdanken, sein Drama „Das Nürnbergisch Ei". Es ist die Geschichte des genialen Nürnberger Schlossermeisters und Mechanikers Peter Henlein, der sich durch die Erfindung der Taschenuhr unsterblichen Ruhm erworben hat. Wer das Schauspiel einmal auf dem Theater gesehen hat, — es ist vor Jahren über viele deutsche Bühnen gegangen — wird sich noch heute des starken und lebendigen Eindrucks erinnern, der davon ausging. Die Ursachen solcher Wirkung luaren leicht einzusehen: mit der tragischen Geschichte dieses Peter Henlein hatte Harlan, der Vater, einen Stoff gesunden, der eigentlich jedermann alrgehen und berühren mußte: denn jedermann trägt heute längst als selbstverständlichen Besitz mit sich, was damals genial ersonnen, unter unsäglichen Widerständen und unter Aufopferung des Lebens nicht nur den Deutschen, sondern der ganzen Welt geschenkt wurde.
Harlan hatte mit dem Instinkt des geborenen Dramatikers den echten Konflikt aufgespürt und erschütternd bargestellt, der in der Geschichte Henleins und seiner Erfindung beschlossen liegt: der Meister will dem berühmten Nürnberger Seefahrer Martin Be- haim eine Schiffsuhr bauen; er erkennt mit visionärer Hellsichtigkeit, was vom Gelingen dieses Planes für die Entwicklung des menschlichen Lebens, für die Weitung des Horizontes, für die Erschließung der ganzen Welt abhängt. Da geht der schwarze Tod durch die blühende Stadt und rafft zahllose Menschen hinweg; auch Henlein bleibt nicht verschont, seine irdischen Tage sind gezählt, er trägt den Tod im Herzen und sieht sein Ende nahen. Aber da ist das Werk, und das Werk muß vollendet sein, ehe der Tod ihn erreicht, und so schildert das Drama einen wahrhaft heroischen Kampf, welcher das Wort des Sophokles als Motto über der Nachgestaltung der Fabel im Film rechtfertigt: Viel Gewaltiges lebt, nichts gewaltiger als der Mensch. Henlein weiß, daß eine Operation — vielleicht — sein Leben retten könnte; sie taitn es aber auch in wenigen Stunden erlöschen lassen: er verzichtet darauf, um die schmale Spanne Zeit zu nutzen, die ihm für die Vollendung seines Werkes geschenkt ist. Das Werk wird vollendet unb wird mit dem Tode bezahlt.
Veit Harlan hat in unserer letzten Film-Beilage einiges von den Gedankengängen wiedergegeben, die ihn bei der Arbeit an diesem Film bewegt haben, und warum er mit der Gestaltung dieser Fabel ein
Vermächtnis seines Vaters zu erfüllen glaubte. Der Film wird dem Beschauer keinen geringeren Eindruck machen als vor vielen Jahren das Stück: er ist mit großen und vor allem vollkommen künstlerischen Mitteln gemacht, mit spürbarer Liebe und sorgsamer Kleinarbeit in Szene gesetzt. Wer die Möglichkeit des Vergleichs hat, wird auch finden, daß der wesentliche Kern der Fabel bereits im Drama enthalten war:
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ganzes. Dies zeigen zu können, ist gewiß ein Gewinn, obwohl für den Kern der Fabel nicht entscheidend.
Wesentlich hingegen ist dies, daß der Spielleiter Harlan viel anschaulicher und breiter ein Bild der Zeit geben kann, als es der Vater mit seinen Mitteln damals vermochte: man sieht hier in wundervollen Aufnahmen das alte, reiche, patrizische Nürnberg erstehen mit seiner Burg, mit seinen Kirchen und Brunnen und mit dem „englischen Gruß" des Veit Stoß. Aber nicht nur das, man spürt etwas vom Atem der Zeit, welche eine Zeit neuen Beginnens war, die Zeit der Erfindungen, der Entdeckungen, der großen Seefahrer und Welteroberer. Es wird dem Beschauer zum Bewußtsein gebracht, daß Henlein und Behaim nicht allein Zeitgenossen von Stoß und Dürer waren, sondern auch von Luther... und was es damit auf sich hat.
*
Als Henlein stirbt (hier hat der Film als Ursache seines Leidens, abweichend vom Schauspiel, ein neues Motiv eingeführt, das dort nur eben anklingt), hält er das Werk seines Lebens, die Sackuhr, das „Nürnbergisch Ei", vollendet in seiner Hand, und es ist ein schönes und ganz unmittelbar zu empfindendes Symbol, wenn man, als das Herz des genialen Mannes zu schlagen aufgehört hat, das kleine Wunder emsig weiterticken hört: Sinnbild der Unsterblichkeit des schöpferischen Geistes; und wie das Ei von Henleins Schoß zu Boden rollt, ruhig und gleichmäßig weitertickend, so wird es von Nürnberg aus durch ganz Deutschland rollen und in alle Welt...
Und endlich ist in dem Film auch die Geschichte Henleins und seines Werkes als eines der großen und immer wiederkehrenden Beispiele dargestellt: für den ewigen Kampf des Geistes wider die Materie, des genialen Menschen gegen die Kleinheit, die
M. Zeichnung: Legres — Tobis
Pauk Wegener in der Rolle des um 1517 berühmten Nürnberger Chirurgen Schedel.
der tiefe Konflikt und die echte Tragik im Leben Henleins.
Wenn man die naheliegende Frage stellt, worin der Film über das Schauspiel hinausgelangt sei, wird man sich wahrscheinlich zunächst der Eingangsszenen- entsinnen: das Theater konnte nicht, was die Kamera großartig und lebenswirklich vermag, nämlich den Meerfahrer Behaim in seinem Element zeigen, mit seiner Weltkugel und seinem Schiff „Stadt Nürnberg" auf hoher See, den Sturm und den Untergang der brennenden Kogge, aus dem Behaim mit knapper Not gerettet wird. Diese gescheiterte Seefahrt enthält nun zwar das eigentlich erregende Moment für den späteren Konflikt, denn Behaim bezeichnet vor Gericht und in aller Oeffentlichkeit das Fehlen einer brauchbaren Schiffsuhr als die Ursache des Unter-j
Dumpfheit, die Bosheit und den Unverstand der trägen Masse, der blinden und stumpfen Umwelt. Henlein vollendet das Werk seines Lebens — trotzdem: sein Wille ist mächtiger als die Furcht vor dem Tode, er triumphiert über die Mitbürger, die ihn der Ketzerei anklagen, er besiegt auch mit Gelassenheit den Widerstand seiner jungen Frau, die in einem jähen Ausbruch verzweiselter Eifersucht auf das Werk die eben vollendete Uhr, sinnlos und vergeblich, in einem Mörser zerstampft...
Die Auffassung, die sich.in den so gekennzeichneten wesentlichen Elementen der Inszenierung bekundet, rechtfertigt die manchmal befremdlich klingende Umgangssprache, die hier gesprochen wird, und die nicht dem Jahrhundert Luthers und Hans Sachsens, sondern unserer Gegenwart entstammt, ebenso wie die Einführung Bachscher Musik, welche (genau genommen, nicht weniger anachronistisch) die Bilderflucht feierlich begleitet. — Die musikalische Leitung hatte Alois Melichar; im Kirchenchor sangen die Regens
burger Domspatzen. An der Kamera stand Bruno Mondi.
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Heinrich George fügt mit dem Peter Henlein dem großen Kreise der von ihm geformten Menschengestalten eine neue unvergeßliche ein, seinem Götz nicht minder verwandt als dem Züricher Patrizier ans den „Sieben Aufrechten" Kellers. Man kann an die Bildnisse Holbeins denken, wenn man ihn in seiner Werkstatt sitzen und tüfteln und basteln sieht. Er hat das bürgerlich Breite, patrizisch Behäbige des eingesessenen Handwerksmeisters und Rats-Schöffen; aber er läßt auch empfinden, was den Mann vor vielen solcher Art auszeichnet: das Grüblerische, die. schöpferisch aufblitzende Phantasie, den genialen Einfall, die Welt- und Menschenkenntnis, den zähen Willen und die Werkbesessenheit. Eine wundervolle, lobenatmende Gestalt.
Henleins junge Frau Ev spielt Kristina Söder- baum, die unter Harlan in „Jugend" und in den „Verwehten Spuren" ihre ersten Talentproben ablegte. Hier wirkt sie am stärksten nicht in dem ein wenig theatralischen großen Ausbruch der Anklage gegen ihren Gemahl, sondern in den stilleren, fast stummen Szenen, wo sie in Trotz und Angst und Lebenssehnsucht wirklich eine noch halb kindliche Evastochter ist.
Sehr fein gibt Wegener den Dr. Schedel, den Arzt und Naturwissenschaftler, kühl und sachlich, dennoch entzündet vom redlichen Bemühen, zu helfen, zu heilen, mehr zu wissen und zu sehen, ins Geheimnis des menschlichen Körpers einzudringen, noch ohnmächtig an den Grenzen seiner Kunst; sehr fein auch Legal als Bader Bratvogel, der echte, unaufgeklärte, geschäftstüchtige Quacksalber: gerade an der Gegenüberstellung dieser beiden Gestalten wird die Wende zwischen Mittelalter und Neuzeit recht eigentlich spürbar, an der auch Henlein steht.
Die Gießener begrüßen alte Bekannte in Frau Prasch-Grevenberg, die mit 86 in noch immer beneidenswerter Frische Henleins Mutter spielt, und Raimund Schelcher, angenehm still und verhalten als Henleins Gesellen Konrad. Eine prachtvolle Charakter- und Kontrastfigur gibt Henckels als der krämerhafte, spießige Güldenbeck. Michael Bohnen mit einem römisch geschnittenen Jmperatorenkopf, mit ruhiger Festigkeit und unternehmendem Weitblick, als der Behaim. Von mehr als episodischer Wirkung ist auch Minetti als Luther in Wittenberg. Tiedtke und Winter stein in kleineren Aufgaben seien nid)t vergessen. — Das Drehbuch stammt, wie noch bemerkt werden soll, von Veit Harlan und Werner EpliniuS nach der erwähnten Vorlage. — (Tobis.)
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Eine bemerkenswert aktuelle Ufa-Wochenschau ergänzt das Programm. Hans ThyrioL


