aus Rußland. Ersatz ließ sich nicht beschaffen, weshalb die Leiter der Ernährungswirtschaft auf den Ausweg verfielen, vor allem die Schweinestapel durch umfassende Abschlachtungen einzuschränken. Das ist uns nicht gut bekommen, zumal der Krieg länger dauerte, als alle Schwarzseher anzunehmen wagten. Nun verfügen wir über Futtermittel, um unsere Schweinestapel noch zu vergrößern, also die VoraussehunH dafür zu schaffen, daß wir alles Notwendige für jede nur denkbare Zeit zur Verfügung
tat Italiens auf lange Frist zu rechnen sei. Die Beziehungen aller Balkan st aaten zu Deutschland seien durchaus zufrieden st eilend, weil Berlin ihre Politik unterstütze und an der Erhaltung einer breiten neutralen Zone im Südosten ein vitales wirtschaftliches Interesse besitze. Bei den Wirtschaftsverhandlungen aller süd-ost-euro- päischen Länder sei von deutscher Seite, wie in Belgrad erklärt wird, kein wie immer geartetes Druckmittel angewandt worden, sondern Berlin habe für
die Interessen dieser Staaten erhebliches Ser« ständnis gezeigt. Wohin die Befürchtungen der Balkanstaaten — am Beispiel der Türkei gesehen — führen, sagt der neutrale Beobachter ziemlich offen, er erklärt, daß man nach Garantien suche, daß sich der neutrale Balkanblock nicht eines Tages in einen Jnterventionsblock verwandele, und sich dann irgendeine Großmacht plötzlich betroffen suhlt.
Streng nach Prisenordnung.
Zum Aufbrinoen des amerikanischen Dampfers „City of Flint
haben.
Ist das schon ein frischer Wind, so hat er sich zum Brausen erhoben in der gepfefferten Note, die das sowjetrussische Volkskommissariat gegen das englische Seepiratentum nach London übermittelt hat. Es wird wohl keinen neutralen Staat geben, dessen Regierung nicht ebenso denkt, nicht ebenso bereit wäre, den englischen Piraten einen gehörigen Nasenstüber zu versetzen. Aber so knapp und scharf, so überzeugend, wie das von Moskau aus geschehen ist, glauben sich andere Neuttale das nicht leisten zu können, weil sie neue Unverschämtheiten der englischen Piraten fürchten. Entscheidend ist in der Sowjetnote, daß der Angriff auf ein sowjetrussisches Handelsschiff a l s ein Angriff auf den Staat selb ft betrachtet wird. England hat vom ersten Tage des Kriegszustandes an, gerade so wie das vor 25 Jahren geschah, sich über alle völkerrechtlichen Deklarationen, die es früher selbst versaßt und veranlaßt hat, einfach h i n w e g g e» setzt. Daß das nicht zulässig ist, das wird der englischen Regierung in der Sowjetnote so gründlich auseinandergesetzt, daß es sogar ein Winston Churchill verstehen kann. Vielleicht sogar auch Anthony Eden.
Ganz sicher ist das freilich nicht, denn dieser Mr. Eden hat in diesen Tagen wieder einmal in einer Rede den Beweis geliefert, daß nicht nur die Seeräuberei, sondern auch massive Dummheit ein Vorrecht Englands und englischer Politiker ist. Mr. Eden fühlte sich nämlich berufen, den Türken etwas Schmeichelhaftes zu sagen. Vor einigen Tagen hatte das auch schon Winston Churchill versucht, indem er von den tapferen Türken sprach, die sich vor 25 Jahren anschickten, gegen England auf den Kriegspfad zu treten. Damals und später redete Winston Churchill allerdings nicht von den tapferen Türken, sondern beschimpfte sie als gemeine Meuchelmörder, als Verbrecher, die ohne Gnade und Erbarmen alle miteinander über die Klinge springen müßten. Noch im Jahre 1915 hatten England und Frankreich der türkischen Regierung wegen der Vorkommnisse in Armenien ein schreckliches Strafgericht angekündigt. Und nun kommt Eden daher und erlaubt sich, in plumper Vertraulichkeit diesen gönnerhaften Lobspruch an die türkische Adresse zu richten: „Die Haltung der Türkei war in der ganzen Nachkriegszeit vollkommen fest. Als sie nach einer Revision des Friedensvertrages strebte, hat sie dies stets auf dem Wege der Verhandlungen und nicht durch Gewalt getan." Der von geschichtlichen Kenntnissen unbeschwerte Herr Eden hätte sich diesen story ersparen sollen, den wenn Läck)erlichkeit tötet, so müßten die Türken ihn heute zu Grabe tragen.
Bekanntlich waren es gerade die Entente- Politiker, die nach dem Weltkrieg die Griechen in das Herz Kleinasiens einrücken ließen und französische Truppen nach Süd-Anatolien schickten, um hier rein türkische Gebiete zu besetzen. Bekanntlich war es die junge Türkei unter Kemal Atatürk, welche dieser gewaltsamen Invasion mit Gewalt begegnen mußte, und welche nach einer blutigen Schlacht die Griechen bei Smyrna ins Meer warf, die Franzosen aber aus dem Lande versagte. So sah in Wirklichkeit die Revision des Friedensdiktates von Sevres aus, das man den Türken auferlegt hatte, um aus ihrem Besitz die englischen Verpflichtungen gegenüber Griechenland zu bezahlen.
D.S.
Oie Neutralität des Balkans
Berlin, 26. Oft. (DNB.) Auf der Fahrt von USA. nach Liverpool und Glasgow ist der a m e • rikanische Dampfer „City os Flint" im Atlantik von einem deutschen Kriegsschiff auf die Beförderung von Konterbande hin untersucht und, nachdem diese seftgestellt worden ist, aufgebracht worden. Der Dampfer lief am 23. Oktober, von einem deutschen Prisenkom- mando geführt, wegen Havarie in Murmansk ein. Die feindliche und neutrale (in erster Linie die amerikanischen Dampfers (anscheinend, weil es nordamerikanischen Dampfers (anscheinend, weil es im gegenwärtigen Kriege zum erstenmal deutscherseits geschehen ist) aufgegriffen und versucht nun, das deutsche Vorgehen als einen Gewalt- a k t und einen schweren diplomatischen Fehler hinzustellen. Hierzu wird amtlich fest gestellt:
1. Da alle deutschen Seestreitkräfte angewiesen sind, streng nach Prisenordnung vorzugehen, ist die Einbringung des Dampfers erfolgt, weil er Konterbande an Bord hatte. Der Dampfer ist also ohne jeden Zweifel zu recht aufgebracht worden. Die von der amerikanischen Presse vielfach erörterte Frage, ob das Banngut der „City of Flint" mehr als die Hälfte der Ladung ausgemacht habe, spielt für die Aufbringung, d. h. die Beschlagnahme des Schiffes keine Rolle. Sie kommt überhaupt erst zur Sprache, wenn prisengerichtlich die Frage der Einziehung des Dampfers erörtert wird. Im übrigen unterliegen nach Artikel 28 der deutschen Prisen- orbnung vom 28.8.1939 alle Fahrzeuge, die Banngut befördern, der Aufbringung. Die Nationalität spielt hierbei keine Rolle.
2. Die Behandlung von Prisen in einem neutralen Hafen richtet sich nach dem allgemeinen Völkerrecht, und zwar in diesem Falle nach dem VIII. Haager Abkommen von 1907, dem sowohl Rußland wie auch die Vereinigten (Staaten ohne Vorbehalt beigetreten find. In einem besonderen Artikel (Artikel 21) dieses Abkommens wird ausdrücklich bestimmt, daß havarierte Prisen zum Anlaufen neutraler Häfen berechtigt
B e r l i n , 26. Okt. (DNB.) Zum Untergang eines deutschen Dorpostenbootes am 21. Oktober 1939 gibt das Oberkommando der Kriegsmarine bekannt:
Infolge Minentreffers sank am 21. Oktober gegen Mittag in der Nähe der dänischen Insel Moen e i n deutsches Dorpostenboot. Von der 55 Mann starken Besatzung konnten fünf B e - satzungsangehörige gerettet werden. Bei der Rettungsaktion durch ein dänisches Flugzeug verdient der Einsatz des dänischen Fliegerleutnants H e l v a r d volle Anerkennung. Helvard gelang es trotz sehr ungünstiger Wetterverhältnisse, vier Besatzungsangehörige des gesunkenen Vorpostenbootes, die er auf einem Floß treibend auffand, nach wiederholten Versuchen zu sich an Bord zu nehmen. Das Flugzeug war dadurch so überlastet, daß es nicht mehr starten konnte und sich auf dem Wasser treiben lassen mußte, bis ein weiteres Flugzeug zu Hilfe kam. Ein fünftes Besatzungsmitglied rettete sich nach zehnstündigem Schwimmen an Land.
Die Geretteten wurden in das Krankenhaus In
n
sind und bis zur Beseitigung der Schäden in ihnen verbleiben dürfen.
3. Die Rechtmäßigkeit bei Aufbringung einer Prise durch deutsche Seestreitkrüfte wird in jedem Falle von der deutschen Prisengerichtsbarkeit geprüft. Wenn also irgendwelche Interessenten für Schiff und Ladung Einsprüche geltend machen wollen, so steht ihnen hierzu der Rechtsweg vor dem deutschen Prisengericht offen. Zuständig für die Annahme von Einsprüchen sind einzig und allein die deutschen Prisengerichte.
Die vorstehenden Ausführungen zeigen eindeutig, daß die Rechtslage, d. h. das Verfahren des deutschen Kriegsschiffes beim Aufbringen der Prise und das Verhalten des Prisenkommandos, den „City of Flint" infolge einer Havarie in einen neutralen Hafen einzubringen, klar und unanfechtbar ist. Die von der neutralen und feindlichen Presse formulierten falschen Darstellungen und unbegründeten Behauptungen sind daher als eine der hinreichend bekannten üblen Pressemachenschaften an- Zusehen, die lediglich einen Zweck verfolgen, das Ansehen der einen kriegführenden Partei, d. h. Deutschland, zu schädigen und die Entschlüsse eines neutralen Landes (Rußland) zu beeinträchtigen.
Roosevelt will von Rußland Einzelheiten erfahren.
Mailand, 27. Okt. (Europapreß). Wie der „Sortiere delle Sera" aus Washington erfährt, hat Präsident Roosevelt in der Presse-Konferenz erklärt, die Regierung der Vereinigten Staaten suche von Rußland nähere Einzelhei- t e n über die Kaperung des Dampfers „City of Flint" zu erhalten, doch fehlten noch nähere Berichte vom Schiff selbst. Roosevelt fügte hinzu, er sei nicht zuständig, den amerikanischen Schissen zu verbieten, in der Kriegszone Schiffahrt zu treiben. Die amerikanische Botschaft in Moskau habe beim Volkskommissar des Aeußern genaue Aufklärung über die Festhaltung des Schiffes verlangt.
die nötige Behandlung und Pflege zuteil werden ließ. Von der übrigen Besatzung konnten 28 Todesopfer an der Küste von Moen geborgen werden. Auch hier sorgte der leitende Arzt des Krankenhauses in Stege für deren feierliche Aufbahrung in einem würdigen Raum. 22 Besatzungsangehörige werden noch vermißt.
Die Bevölkerung von Stege hat in sehr herzlicher Weise durch Hilfeleistung aller Art bei der Versorgung der Geretteten und der Bergung der Todesopfer ihre besondere Teilnahme zum Ausdruck gebracht. Die Stadt Stege hat Flaggentrauer angelegt. Die Beisetzung der geborgenen Opfer findet am Freitag in feierlicher Form unter Beteiligung der dänischen Marine statt. Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Dr. h. c. Raeder, läßt durch den deutschen Marine- Attache am Grabe der Gefallenen einen Kranz niederlegen. Großadmiral Raeder hat dem Chef der Königlich-Dänischen Marine, Vizeadmiral Rech- n i tz e r, feinen Dank für die Anteilnahme und die großzügige und kameradschaftliche Unterstützung der dänischen Marine aussprechen lassen. Die fünf geretteten Besatzungsmitglieder werden voraussichtlich am Samstag nach Deutschland zurückkehren.
Stege auf der Insel Mach eingeliefert, wo der leitenoe Arzt, Dr. Hempel, sich in vorbildlicher
Genf, 26. Okt. (Europapreß). Der Süd-Ost- Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung" berichtet seinem Blatt über die Glei ch g ewichtspoli - tik der Balkan st aalen und schreibt: Trotz der Trübung des außenpolitischen Horizontes werde
die Neutralitätspolitik auf dem Balkan C planmäßig fortgesetzt. Man glaube in Belgrad dahin l .................
informiert zu sein, daß mit einer sicheren Neutrali»1 Weise um die deutschen Soldaten bemühte und ihnen
Deutschland dankt für dänische Rettungsaktion.
Zum Verlust ein?« deutschen Vorpostenbootes infolge M nentreffer«.
Propagandistische Fehlzünder.
Berlin, 26. Okt. (DNB.) Herr Duff Coo. per, der frühere englische Marineminister, bei bei Neubildung des Kabinetts durchgefallen, aber nach wie vor einer d e r hemmungslosester Kriegshetzer, ist gleich anderen englischer Kriegshetzern in Neuyor.k eingetroffen, um öori sein Geschäft zu treiben. Er gibt Interviews und hält Reden, in denen er u. a. die Revolution in Deutschland prophezeit, ohne sich allerdings noch auf einen Termin festzulegen. Dagegen macht er schon ganz genaue Vorschläge für die Aufteilung des immerhin vorher noch vernichtend zu schlagen, den Deutschland. Er verrät den Amerikanern, daß der Teilungsplan in London schon fij und fertig ist: Die katholischen Teile Süd." deutschlands und die Ostmark werden zu einem — wahrscheinlich monarchischen — Donaustaat zusaw. mengeroorfen. „Otto von Habsburg", sagt Herr Cooper, „ist ein sehr netter junger Mann." Er, Herr Cooper, würde daher durchaus geneigt fein* ihm die neue Krone aufs Haupt zu drucken. Preu, ßen, soviel davon nach der Befriedigung der pol. nischen Ansprüche des Herrn Beck noch übrig bleibe, solle zusammen mit allerhand andern Ueberbtcib- seln einen „norddeutschen Staat" bilden. So in dieser Weise. Man hat schon viele Coopers vordem neue Karten von einem ewig gewesenen Deutsch* land zeichnen sehen. Herrn Benesch z. B. und bit Herren Beck, Rydz-Smigly und Moscicki. Aber einen Duff Cooper schrecken solche Spuren nicht, wo er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, seine Kriegshetze betreiben und seine Vortrags- Honorare einstecken kann.
Immerhin gibt es in USA. Leute, denen Besucher von der Art des Herrn Duff Cooper a u f b ie Nerven fallen. Das ergibt sich aus einem Artikel des bekannten Journalisten Leny in Scripps Howard- Preß, der feststellt, daß man in Kongreßkreisen sehr lebhaft die Unzulässigkeit der Einfuhr britischer Propaganda seit dem Kriegsbeginn erörtert. Gemeint sind mit dieser Einfuhr englische Amerikabesucher vom Schlage des Herrn Duff Cooper und des Lord Beaverbrook und eines ganzen Heeres von redefreudigen Lite« raten und Geistlichen. Senator B o r a h habe darüber hinaus Klage geführt über die öffentliche Propagandatätigkeit des englischLn Botschafters in Washington, des Lord L o t h i a n, der eben erst auf einem Neuyorker Bankett eine Rede hielt, in der er die Beseitigung Hitlers und die Vernichtung des Hitlerismus als englische Kriegsziele proklamierte. Das ist nicht ganz originell und nicht völlig neu. Aber offenbar ist Senator Borah der Meinung, daß das auch nicht die Aufgabe des Botschafters einer kriegführenden Macht in einem neutralen Staat fein könne. Viele Kongreßmitglieder sehen in dieser ganzen englischen Kriegspropaganda auf amerikanischem Boden eine glatte Gesetzesverletzung und fragen, ob denn all diese Herrschaften, die Duff Cooper und Beaverbrook und all die gegen entsprechend bescheidenere Honorare in ihren Spuren wandelnden englischen Geistlichen und Literaten eigentlich vorschriftsmäßig als Agenten fremder Regierungen angemeldet feien.
Offenbar teilen weite Kreise der Bevölkerung der USA. das Unbehagen so vieler Kongreßmitglieder über die englische propagandistische Ueberschwem- mung ihres Landes. Herr Denny findet es „er» M" — wir gar nicht — daß viele Amerikaner jtifrf)en Propagandisten ihren Eifer übel nehmen. Er muß zu seinem Bedauern feststellen, daß dieser Eifer vielfach genau das Gegenteil von dem bewirke, was er beabsichtigt: eine sichtbare Verminderung der bisher überwältigenden englisch-freundlichen Stimmung in Amerika. Eine Beobachtung übrigens, die auch anderweitig bestätigt wird. Die in USA. so beliebten Probeumfragen und Probeabstimmungen zur Erkundung der öffentlichen Meinung verraten weiterhin ein allgemeines Anwachsen des Friedenswillens und der Entschlossenbeit, Amerika dem Kriege fernzuhalten. Was natürlich für den Ausgang des hierum geführten parlamentarischen Kampfes noch garnichts zu besagen hat, da das Parlament in Amerika so wenig wie in irgendeiner anderen Demokratie ein wirklicher Spiegel und Ausdruck der Volksmeinung ist. Aber dis
Gießener Konzertverein.
1. Orchesterkonzert.
So wie unser Sladtthealer diesen Theaterwinter mit einer Reihe ausgezeichneter Vorstellungen begonnen hat, so hat nun auch der Konzertverein mit einer ganz vorzüglichen Wiedergabe seines 1. Orchesterkonzertes unter der Stabführung Prof. Stefan Ternesvärys feine Konzertreihe eröffnet.
Wir Härten das verhältnismäßig selten gespielte Allegro - molto - moderato - Zw i s ch e n s p i e l z u „Rosamunde" und bas bekannte und beliebte Andantino dazu. Vom ersten Takte an war die Zuhörerschaft in den Bann der heroischen Tonwelt dieses Abends gezogen. Denn man kann wohl sagen, daß dieses Allegro molto moderato ebenso wie die Mozartsche Jupiterfinfonie und das Beethovensche Es-dur - Klavierkonzert heroischen Charakter hat. Das liebliche An- dantino dagegen liegt auf der gleichen filme, wie das Andante Cantabile und das Menuett aus der Sinfonie und das Adagio aus dem Klavierkonzert.
Es ift dem Konzertverein, seiner Leitung und vor allem seinem Dirigenten ganz besonders zu danken, daß er seine Konzerte in diesem Kriegswinter mit einem so vorzüglich geeigneten und geschlossenen Programm begonnen yat.
Die Ausführung durch unser Städtisches Orchester war in allen Teilen ausgezeichnet und die Zuhörerschaft folgte den Darbietungen offenficht, lich voll Andacht und Ergriffenheit und gab ihrem Dank in einer hierorts selten gehörten stürmischen Applaudierung Ausdruck!
Dem Solisten des Abends — Helmut Ro - lo f f aus Berlin (Klavier) verdanken wir eine köstliche, jugendlich-unbeschwerte Wiedergabe des herrlichsten aller Klavierkonzerte! Sogleich der präludierende Anfang war von bezwingender Wirkung. Trotz der bekanntlich hemmenden Akustik unseres sonst so schönen Theaters kamen diese einleitenden Takte klangvoll und prächtig zur vollsten Geltung. Nach der dann folaenden langen orchestralen Einleitung des Hauptthemas fügte sich der Solist mit unvermindertem Schwung ein. Perlend klar alle Läufe und Figurationen, nie verebbend, sondern immer klingend die Abschlüsse in markiger Betonung. Wir Dürfen hier bezüglich des Werkes selbst auf den Vorbericht verweisen; Helmut Roloff blieb dem Werke nichts schuldig; auch den gesangvollen Stellen und dem Adagio wurde er voll gerecht — aber ersichtlich ganz besonders herrlich gelangen ihm
und erstrahlten die heldischen Themen, besonders im Rondo.
Stürmischer Beifall der in Anbetracht der Zeitverhältnisse großen Zuhörerschaft tief den Solisten immer wieder hervor — ein dankbares Publikum dürfte ihn gerne immer wieder in seiner Vaterstadt begrüßen. Wir sind sicher, daß der junge Pianist seinen Weg zu den höchsten Leistungen unbeirrt fin-, den wird und wünschen ihm besten Erfolg.
Dr. Kurt Spohr.
Wissen die Schwalben, was sie tun?
Von 3o Hanns Rösler.
Und wieder war der Herbst gekommen. Und wieder sammelten sich die Schwalben aus den Telephondrähten vor den Dörfern, um bald ihre Heimreise nach dem Süden anzutreten. Und wieder saßen, wohl zum letzten Male in diesem Jahre, auf den Bänken vor den Häusern die Menschen, noch ein wenig von der müden Sonne einzufangen. So saßen auch Emma und Erich, sie sahen still und vergnügt auf ihrer Gartenbank und schauten hinauf zu den Schwalben, die dichtgedrängt und aufgeregt zwitschernd sich auf den dunkeln Telephondrähten sammelten.
„Komisch!", begann Emma.
„Was ist komisch, Emma?"
„Daß die Tiere das so wissen! Jedes Jahr sitzen die Schwalben hier. Und immer auf den Telephon - drähten."
„Das müssen sie doch, Emma."
„Warum müssen sie denn das?", guckte Emma verdutzt, „bie Schwalben konnten sich doch ebensogut auf einem Baum sammeln ober auf unserem Dach?"
Erich schüttelte den Kops.
„Das können sie eben nicht!"
„Aber sonst sitzen sie doch auch auf dem Baum!"
Sonst ja. Aber wenn sie wegfliegen wollen, sitzen sie aus den Telephondrähten."
„Warum denn, Erich?"
„Das ist doch ganz klar", erklärte Erich, „du mußt nur einmal richtig nachdenken, Emma! Stell dir einmal vor, du bist verreist. Und jetzt willst du nun wieder nach Hause fahren, was machst du denn da? Emma dachte nach. Dann sagte sie:
,Zch kaufe mir eine Fahrkarte."
„Richtig! Song! Und was machst du vorher?" „Ich packe meinen Koffer."
„Gut. Aber was machst du noch früher, bevor du packst? Denk mal schön nach! Heute ist zum Beispiel Samstag."
„Heute ist doch nicht Samstag! Heute ist doch Dienstag."
„Du sollst dir doch mir vorstellen, Emma, heute sei Samstag!"
„Warum denn?"
„Weil du verreist bist."
Emma machte ulkige Augen.
„Ich bin verreist? Ich bin doch nicht verreist! Ich sitze hier in Feilnbach bei uns im Garten auf der alten Hausbank."
„Aber Emma!", seufzte Erich, „wir reden doch von den Schwalben!"
„Eben! Warum sagst du dann plötzlich, heute wäre Samstag? Wenn heute Samstag wäre, könnte ich garnicht mit dir hier sitzen. Samstags habe ich viel zu viel zu tun."
,Liber du wolltest doch wissen, warum die Schwalben im Herbst auf den Telephondrähten sitzen!" — Erich hatte seine Stimme erhoben und es klang nach einem ausziehenden, ehelichen Gewitter —' deswegen habe ich dir gesagt, du sollst dir vorstellen, du wärest verreist und es ist Samstagabend und du willst am Montag nachhause fahren!"
Emma schüttelte den Kops.
Montags fahre ich nicht. Montags fahren zu viele Menschen. Wegen der billigen Sonntagsrückfahrkarte."
„Also dann reise meinetwegen Dienstag!"
Emma dachte kurz nach.
„Dienstag ja", nickte sie dann, „Dienstag reise ich gern. Wohin?"
„Aber doch nicht wohin! Woher!! Du kommst doch von einer Reise!"
„Ich komme von einer Reise? Ich? Emmerichs können das sagen, die waren verreist, aber wir doch nicht! Wir waren das ganze Jahr nicht weg!"
„Du sollst es dir doch auch nur vorstellen!"
„Schön wärs!"
Erich holte noch einmal aus. Aber nur in Gedanken.
„Also du nimmst dir jetzt vor, du willst heim- fahren. Du warst sechs Monate weg — ja, ja, ich weiß schon, sechs Monate, wer sich das leisten könnte! — ununterbrich mich jetzt bitte nicht! — du willst also nach Hause fahren und alles tn Ordnung daheim antreffen. Was machst du ba9"
„Ich schreibe eine Postkarte."
Erich atmete auf.
„Sehr richtig. Und wenn du nicht schreiben kannst?"
„Erlaube bitte! was heißt das? Ich soll nicht schreiben können?"
Erich ließ den Mut wieder sinken.
„Setzen wir nur den Fall, du kannst nicht schreiben. Du liegst meinetwegen im Bett mit Fieber, du hast dir meinetwegen den Arm gebrochen."
„Erich, wenn ich Fieber habe, reife ich nicht am Dienstag!"
„Aber —"
„Das kannst du mir nicht zumuten, Erich." ,
,Hch mute es dir ja auch nicht zu, du goldiges Wesen!", schrie jetzt Erich erb oft, „du sollst es dir ja nur vorstellen!^
„So etwas kann ich mir einfach nicht vorstellen!"
„Dann stell es dir nicht von dir vor, sondern von mir!"
„Das geht eher."
„Nimm also an, ich liege mit Fieber im Bett, ich habe mir den Arm gebrochen —
„Den rechten ober den linken Arm, Erich?"
„Das ist doch aanz schnurz!"
„Das ist nicht schnurz, Erich", „wenn es der links Arm ist, kannst du noch leicht schreiben."
„Also gut — dann habe ich mir deinetwegen beide Arme gebrochen! Ich will dich nun benachrichtigen, daß ich Dienstag komme —"
„In dem Zustand?"
„Ja. In dem Zustand! Was mache ich dann?
„Wie ich dich kenne — du telefonierst."
Das war die Erlösung.
„Endlich!", rief Erich, „endlich! Ja, ich telefoniere. Ich muß zum Telephon gehen. So ist dies auch mit den Schwalben. Die sammeln sich auf dem Telephondraht, um nach Hause zu telefonieren, daß sie heimkommen, damit man ihr Nest inzwischen macht, den Nistbaum kehrt und so weiter?
Eine unheilvolle Pause entstand. Aus derartigen Pausen wachsen oft Scheidungen. Emma begann mit beleidigter Stimme: „
„Erich, entweder bist du albern ober ich bin es.
„Wieso?"
„Schwalben können doch nicht telefonieren."
Erich lächelt sanft:
„Woher weiß du bas? Warum säßen sie dann sonst jedes Jahr im Herbst auf den Telefondrähten und just immer nur auf Telephondrähten? Jeder Mensch fragt sich jedes Jahr immer wieder desselbe. Da habe ich mir diese Losung ausgedacht. Stimmt sie oder stimmt sie nicht? Darauf kommt es nicht an. Es kommt immer nur darauf an, daß wir uns einbilden, wir wissen, warum es so ist —


