Lr.7Z Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Montag, 27. Marz (Y39
Festlicher Abend beim Goethe-Bund.
Aus der Stadt Gießen.
Großer Hausputz.
Wenn im Frühjahr die Sonne zum ersten Male |: recht warm und hell ins Zimmer scheint und y.endwo in einer Ecke ein Stäubchen sitzt, dann |%t die Hausfrau den Entschluß: Nächste Woche lanmt die Frühjahrsreinigung! Das ist das erste | c* Ereignis, das uns die Ankunft des Früh- j,gs ganz sicher anzeigt.
! IDie Kinder sind dann überall im Wege. Die j Lutter läuft von Zimmer zu Zimmer und schilt: ! .Macht euch hinaus auf die Straße, ich kann euch । M nicht brauchen!" Dann beginnt der Hausputz!
Aschenbecher fehlen, die Zeitungen liegen nicht n!hr auf dem Ständer, die Hausschuhe sind nicht irlhr auf ihrem gewohnten Platz, und der Haus- , h 'r setzt zu einer Rede an. Da sieht er die ge- i irhfrnöe Handbewegung seiner Eheliebsten, und er |— schweigt.
i Die Wohnung hat das Aussehen, als ob ein 11-nzug bevorstünde. An der Wand hängt kein Bild : die Fenstervorhänge fehlen, Ruhestühle und
Ssias stehen im Vorplatz, mit einem Wort: die jtznze Wohnung ist so ungemütlich wie nur möglich. 9br die Hausfrau fühlt sich wohl. Sie schreitet d'.rch die Räume wie ein Feldhauptmann, erteilt
1 Wehle, greift überall selber zu und kennt die Ihren iaim noch. Ueberall riecht es nach Seife, überall ist irgend etwas naß.
illnb zur Zeit des Mittagessens müssen sich alle in einer kärglichen Mahlzeit begnügen. Kaum daß si die Familie setzen kann. Die Türen stehen offen, nipends ist es schön warm,, überall stehen Besen, Sirubber. Staubsauger und Büchsen mit Bohner- rvtchs. Am Schreibtisch kann der Hausherr nicht [bin. Der Tisch ist abgerückt worden, und die Pioiere sind in Unordnung. Seufzend räumt er das FL. Vielleicht findet er an seinem Stammtisch ein rtngcs Plätzchen und kann dort über die Freuden de Frühlings nachdenken ...
oa, ist es nicht so? Aber muß es denn so sein? ö" geben gern zu, daß diese Reinigung vorgenom- jmri werden muß. Aber muß es denn auf einmal ^Hetzen? Kann die Hausfrau diese Arbeit nicht rcco und nach vornehmen? Bei uns ist das schon je: Jahren so eingeführt. Wir merken kaum noch ?tin5 davon. Wenn wir mittags heimkommen, ist !>o Wohnzimmer schon „fertig". Am nächsten Tage kmmt ein anderes Zimmer an die Reihe. So geht Zweiter, und wenn die Woche herum ist, glänzt in blitzt alles in unserer Wohnung. Da hat nicht tu die Hausfrau ihre Freude, sondern auch alle iiteren Familienangehörigen. N.
Fund von Mammut Knochen bei Friedberg.
'ws Geologische und Paläontologische Institut : dkiMnioersität Gießen teilt uns folgendes mit:
km der Gewann „Bei der Warthe" nordöstlich ZrMerg wurden am 23. März bei Bauarbeiten »oi einem Arbeiter Knochen gefunden. Der Fund ®uOe sofort den zuständigen Stellen gemeldet, so Dafinach Zustimmung des Denkmalpflegers noch am | eit in Tage die sachgemäße Bergung durch Mitglie- il^Les Geologischen Instituts der Universität Giess «n vorgenommen werden konnte. Die Knochen l ai i 4,50 Meter unter der Oberfläche im Löß auf «inn ■ dünnen Kiesschicht, dürften daher zeitlich in l l it setzte Vereisung fallen. Es handelt sich dabei um !l<siBruchstück eines Stoßzahns von 90 Zentimeter i. oh einen Oberschenkelknochen von 104 Zentimeter jiinje. Die kleineren Knochenbruchstücke konnten luid nicht bestimmt werden. Sowohl die zeitliche (5l(jung der Fossilschicht, wie die Anatomie der Lknichen, lassen auf Zugehörigkeit zur Mammut- ! hj ■ schließen: es dürfte sich aber um ein degene- r itri-s Tier handeln. Die Fundstücke befinden sich imrricfjr im Geologischen Institut Gießen zur Prä- 1 arjion und werden daselbst noch im Laufe des s niyahrs in der Erdgeschichtlichen Heimat-Schau- fiim ilunfl ausgestellt werden. Dr. L. K.
Die an festlichen Ereignissen überaus reiche Goethe-Woche fand mit der Jubiläumsfeier des Goethe-Bundes, einem „festlichen Abend", ihren Abschluß. Viele Freunde, Gäste und Mitglieder des Bundes fanden sich dazu im Sache des Gesellfchafts- vereins ein. Partei, Wehrmacht, Behörden, Universität und verschiedene Vereine und Gesellschaften, mit dem Goethe-Bund befreundet, aus Berlin, Leipzig, Frankfurt a. M., Hamm, Erfurt und Siegen, nahmen an der Feier des 25jährigen Bestehens des gastgebenden Vereins regen Anteil. Mit besonderer Freude wurde die Anwesenheit der Dichter Hans Carossa, Felix Timmerman und Karl Heinrich Waggerl ausgenommen. Sie bereicherten den Abend durch Rezitation und Vorlesung.
Nach der Ouvertüre zu „Euryanthe" (C. M. von Weber) in schöner Interpretation durch das Stadt- theater-Orchester hielt der Vereinsleiter Dr. Henning die Begrüßungsansprache. Er hieß alle Gäste und Mitglieder herzlich willkommen und dankte allen, die den großen ideellen Erfolg der Goethe- Woche sichern halfen und darüber hinaus seit Jahren der edlen Sache des Goethe-Bundes dienen. Dankbar gedachte er der treuen Mitarbeit des Kaufmännischen Vereins, der tatkräftigen Unterstützung des Oberbürgermeisters Ritter, den der Vereinsleiter zum Ehrenmitglied ernannte. Dr. Henning widmete dann dem großen Freund goethescher Dichtung, dem Dichter Hans Carossa, Worte der unbeschränkten Wertschätzung und Verehrung und bat auch ihn. die Ehrenmitgliedschaft des Gießener Goethe-Bundes anzunehmen. Die gleiche Ehrung wurde dem Verleger Professor Kippen- b e r g (Weimar) zuteil, dem Präsidenten der Weimarer Goethe-Gesellschaft, der der Gießener Goethe- Woche ebenfalls alle Unterstützung angedeihen ließ. Worte des Dankes galten ferner Bürgermeister Professor Dr. Hamm, Regierungs-Medizinalrat Dr. Trautmann, Buchhändler Pfeiffer und Frau Else Lohr.
Oberbürgermeister Ritter dankte für die erwiesene Ehre, sprach dann in nachhaltigen Worten der Anerkennung von der Wertschätzung, die der Goethe-Bund und sein Wirken in Gießen und in breitem Umkreis genießen, und sagte auch für die Zukunft alle Förderung der Bestrebungen des Goethe-Bundes zu.
Die Glückwünsche des Kreisleiters und damit der NSDAP, überbrachte Kreisgeschäftsführer Hermann Wagner. Er würdigte die Arbeit des Goethe-Bundes als sinnvoll und zielbewußt im Dienste der Allgemeinheit. Er betonte die Notwendigkeit, daß allen Teilen unseres Volkes die Möglichkeit gegeben sein müsse, an kulturellen und künstlerischen Werten unseres Volkes teilzunebmen, wie es der Goethe-Bund schon mit bestem Erfolg, selbst zu materialistischen Zeiten, erstrebte und erreichte.
Professor Dr. Rehm überbrachte die Grüße und Glückwünsche Seiner Magnifizenz des Rektors der Universität. Er sprach von der großen Symvathie und dem Anteil, den die Universität an der Arbeit des Goethe-Bundes nehme. Er gab dem Wunsche Ausdruck, daß zwischen Go-ethe^Bund und Universität das Verhältnis immer mehr vertieft werde.
Professor Kivvenberg sprach für die Goethe- Gesellschaft in Weimar, schilderte die der Gesell- schast gestellten großen und schönen Aufgaben, sprach in kurzer Zusammenfassung über Goethe als den Menschen seiner Zeit und von der Bedeutung des Dichters für die Menschen der Gegenwart und der Zukunft. Seine Grüße verband er mit dem Wunsch zu weiterer gedeihlicher Mitarbeit^
Für die Deutsche Dortragsoere'niaung sprach Kaufmann Fäbndrich, der die Aufgaben der Vereinigung umriß und der Hoffnung Ausdruck aab, daß der Goethe-Bund noch recht lange «einer -dlen Sache in der Blickrichtung auf das Dritte Reich dienen möge.
Kaufmann Erle sprach für den Kaufmännischen Verein von der langen gemeinsamen Arbeit, die dem Zwecke diente, allen Volksgenossen wertvolle
Wissensgebiete zu erschließen. Als Zeichen der Verbundenheit wurde dem Goethe-Bund durch den Kaufmännischen Verein ein schöner Lesetisch übermittelt.
Regierungs - Medizinalr^t Dr. Trautmann würdigte in kurzer Darlegung im Namen des Bundes die großen Verdienste Dr. H e n n i n g s um die Sache des Goethe-Bundes. Als Erinnerungsgeschenk wurde ihm ein Globus überreicht.
Regierungsrat Schlecht vom Reichspropagandaministerium gab unter allgemeinem Beifall bekannt, daß Dr. Henning mit Wirkung vom 1. April in das Reichspropagandaministerium berufen und mit dem Aufbau upd der Betreuung der literarischen Gesellschaften in Deutschland beauftragt worden sei. Diese Mitteilung löste für -Dr. Henning eine Fülle von Glückwünschen aus.
Herzliche Worte fand der Vereinsleiter als Dank für die Ehrungen, die dem Goethe-Bund und auch ihm selbst zuteil wurden. Mit dem Sieg-Heil aus den Führer fand die eigentliche Jubiläums-Feier ihren Abschluß.
Der unterhaltende Teil des Abends brachte für alle Feftgäfte eine Fülle künstlerischer Darbietungen, denen mit dankbarer Aufmerksamkeit gefolgt wurde.
Die Kreisamtsleitung der NSV. hatte für den gestrigen Sonntag die Ortsgruppenamtsleiter der llSV. zu einer Arbeitstagung in das Studentenheim zusammengerufen. Die Tagung diente dem Zweck, Rückschau auf die geleistete Arbeit und Ausblick auf die großen Aufgaben der nächsten Zukunft zu halten. Kreisamtsleiter Frank hieß die Kameraden willkommen und betonte, daß diese Tagung die Aufgabe habe, die große Linie zu zeigen und über den Weg zu den Zielen zu sprechen.
Organisationsamtsleiter D ü n n w a l d gab dann in wenigen Sätzen einen Bericht über die bisherige Tätigkeit. Er betonte, daß die Kameraden, wie auch die Kreisamtsleitung, mit Stolz auf die geleistete Arbeit zurückblicken könnten, für die eine mühselige Kleinarbeit notwendig gewesen fei. Erfreulich sei die Tatsache, daß Eintopf- und WHW.- Straßensammlungen im Winterhalbjahr 1938/39 gegenüber dem Vorjahr einen Mehrbetrag von 40 bis 45 000 Mark erbrachten. In den ländlichen Ortsgruppen sei das Ergebnis gehalten, teilweise sogar erhöht worden. Die Weihnachtspaketaktion sei ein voller Erfolg gewesen. Die Lebensmittelverteilung habe sich vollkommen reibungslos vollzogen. In der ländlichen Spendenerfafsung fei das Mehrergebnis von 3300 Zentner Kartoffel und von 400 Zentner Getreide zu verzeichnen. Im Hinblick auf die bevorstehenden Aufgaben wies der Redner darauf hin, daß in den nächsten Monaten der Lebensmittelopferring wieder durchgeführt werde. Es müsse dabei jenes Ergebnis erreicht werden, das die Erfüllung der bevorstehenden Aufgaben ermögliche. Die Kreisführung werde alles tun, um die Örtsgruppenamts- leiter in ihrer schwierigen Arbeit zu unterstützen.
Anschließend sprach Pg. Stiffler über Personal- frtiflen und flab insbesondere Anweisunflen über die Ausfüllung von Personal- und Fragebogen. Auch über die Form der Abrechnung der Kohlengutscheine erstattete er Bericht.
lieber Finanz- und Kassen fragen sprach Pg. Mank, der die Notwendigkeit der sorgfältigsten Kassenführung herausstellte und Vorschriften der, Finanzdienst-Anweisung bekanntgab. Er regte im Interesse der Steigerung der Leistung der NSV. die Herabsetzung der Verwaltungskosten an.
lieber völkische Wohlfahrtspflege sprach Pg. I o h , der in grundsätzlichen Darlegungen über das Hilfswerk „Mutter und Kind" über die Notwendigkeit der Förderung der körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung des Kindes, der Förderung des
Das Stadttheater-Orchester ließ unter der Stabführung der Kapellmeister Paul Walter und Heinz M a r k w a r d t Kompositionen bester Konzertmusik erklingen, Herr Friedrich Gröndahl sprach mit feinem Verständnis einige Goethe-Worte, und Frau A s s i o n (beide vom Stadttheater) sang vor einer begeisterten Zuhörerschar Arien aus „Freischütz" und „Tannhäuser". Stürmischer Beifall wurde der Sängerin zuteil.
Im Verlauf des Abends trugen auch die anwesenden Dichter zur Ausgestaltung der Vortragsfolge bei. Hans Carossa ließ einen Spruch und eines seiner besinnlichen Gedichte hören, Karl Heinrich Waggerl plauderte fröhlich aus seinem „Wag- rainer Tagebuch" den hübschen Abschnitt von den „Sommergästen" aus, und der flämische Dichter Felix Timmermann erzählte eine Fabel vom lieben Gott und einem Schweinchen. Den Dichtern wurde mit anhaltendem Beifall gedankt.
Eine große und freudige Ueberraschung bildeten schließlich das Auftreten der ersten Solotänzerin des Staatstheaters in Berlin, Manon Erfuhr, die zunächst in einer Walzerfantasie ihr klassisches Können bewies und dann mit einigen Grotesken zu Heiterkeit und Bewunderung hinriß.
Gute Musik beschloß den Abend, der einen glücklichen Abschluß der Goethe-Woche darstellte und d'» Besucher mit schönsten Erlebnissen entließ. "
„Willens zum Kinde" überhaupt und über die Probleme der Erbgesundheit sprach. Er wies auf die Notwendigkeit hin, die Volks- und Wehrkraft unseres Volkes zu erhalten, sprach von den verschiedenen Formen der Betreuungsarbeit, betonte, daß diese Betreuung nicht in der Almosengabe bestehe, sondern in sorgfältiger und tatsächlicher Hilfeleistung mit dem Zweck, den Menschen aus Not und Krankheit rasch wieder arbeitsfähig zu machen. Nachdrücklich beschäftigte sich der Redner mit den Gemeinschaftsunfähigen, ferner mit der Begabtenförderung und mit der Förderung der Landbevölkerung. Er zeigte hier die vielfachen Aufgaben auf, die durch die Kraft der Volksgemeinschaft gelöst werden müssen.
In einem zweiten Referat sprach er über die bevorstehenden Aufgaben der Kinder-Verschickungen und forderte zur energischen Werbung zur Gewinnung von Pflegestellen auf. Die Zahl der Kinder, die im Kreisgediet untergebracht werden sollen, wird so groß sein, wie die des Vorjahres und sich auf über 1000 Kinder belaufen. Der Redner stellte dann auch rzpch den Unterschied zwischen Kinder - Landverschickung und Kinder- Heim- Verschickung heraus.
Im weiteren Verlauf der Tagung berichtete Frl. Waas über die vielfältigen Aufgaben auf dem Gebiete der Mütterpflege, der Sorge für die werdenden Mütter, über die Betreuung der Wöchnerinnen, über Mütterberatung und über die Möglichkeiten der Heimoerschickung kinderreicher Mütter.
In längeren Darlegungen sprach anschließend Frl. Strube über das Wesen und die Gestaltung der N S V. - K i n d e r g ä r t e n , wie auch der Erntekindergärten, die für die Landbevölkerung von besonderer Wichtigkeit seien. Die Kindergärten dienten, so sagte sie u. a. nicht nur der Entlastung der Hausfrau, sondern darüber hinaus auch der ersten Hin- sührung der Kinder zum Geiste der Volksgemeinschaft. Im einzelnen erläuterte die Referentin die Formen der zweckmäßigen Ausgestaltung der Kindergärten.
Der Sachbearbeiter für Iugendhilfe bei der Kreis- amtsleitung, Pg. Rahn, sprach dann über die Notwendigkeit der zielbewußten Erziehung unserer Jugend zu einer großen staatsbejahenden Gemeinschaft. Er machte die Aufgaben unserer Gegenwart für die Jugenderziehung aus den Fehlern einer vergangenen Zeit verständlich, beschäftigte sich eingehend mit der Frage „Kirche und Jugend", mit
Rückblick und Ausblick der NSV.
Arbeitstagung der Ortsgruppenamtsleiter des Kreises Wetterau.
Gießener Stadttheater.
Goethe: „Der Bürgergeneral".
I dm Abschluß dcr Gießener Goethe-Festwoche, dl wie man zusammcnfassend und rückblickend fest- sij ek n muß, in allen Stücken harmonisch verlaufen ist ui rj iiir die kulturelle Aufgeschlossenheit und die Regst .iliiit des geistigen Lebens in unserer Stadt das ® ^ältlichste Zeugnis ablegte, bildete, als zwölfte SlIcncnDcranftaltung des Stadtthcaters, die Auf- fi titimg des einaktigen Lustspiels „Der Bürger- gjpnal" von Goethe —: humorvoll beschwingter A ii-king eines kultiviert zusammengestellten, farbigen u Inlwchhaltige Eindrücke hinterlassenden Programms.
j 8 : haben den Einakter vor zlvei Jahren schon ein- nr d hier gehabt und dürfen daran erinnern, was bAieS über seine Entstehung gesagt wurde: es fjührbllt sich um ein Nebenwerk, eine Gelegenheits- arlöuii Goethes aus dem Jahre 1793. Das Ganze crpicib in wenigen Tagen und bildet die Fortsetzung voll Mei kleinen, aus dem Französischen übersetzten Llsribielen, die dem Weimarer Theaterpublikum dmiWs so gut gefielen, daß Goethe sich kurzerhand encklwß, noch eine abendfüllende Fortsetzung dazu- zuisstnben, den „Bürgergeneral", einen satirischen Sivwimk, in welchem der Dichter mit „ärgerlich gutem Hisnc'r" seiner Abneigung gegen die französische Re- ticilhun und die neuen Pariser Freiheitsmanieren Ltiri nachte, seinem „Verdruß, daß dergleichen fran- zöüjÄ ! Einflüsse sich auch nach Deutschland erstreckten unüii'rrückte, ja unwürdige Personen das Heft er- gniini™'. Aus solcher galligen Laune und einem grirn- muixmHumor wurde die Spottfigur eines ländlichen „AöFs2rgenerals"mitdemklangvoklenNamenSchnaps geipnin, eines ramponierten Kerls, der sich die Er- rumrnschaften der Revolution auf seine Weise aus- le^luhb zunutze zu machen versucht, byld aber als gwbniuliger, habgieriger und verfressener „Abge- faitei des Jacobinerclubs" verdientermaßen schmäh- lid$ Marvt wird und der Lächerlichkeit und Berochst 11 anheimfällt.
! ^Einakter wurde unter der Regie des Jnten- baritin Hermann Schultze-Griesheim mit merk- baihti -Spielfreubigfeit und herzhaftem Witz gegeben. HeU vim Gschmeidler erwies in der Titelrolle mit dem o:iihetisch ausladenden Gebärden des falschen BMbziglückers beachtliche Qualitäten auch als Ko- mitit:. Herr Geiger als Märten lieferte das ergötzliche Bii N Änes beschränkten dörflichen Spießbürgers. FrcÄI-m Eickhoff und Herr Gröndahl gaben das uerfclwe Pärchen Röfe und Görge, Herr Bolck einen
grimmigen Perückenrichter, Herr Cofsovel einen leutseligen Standesherrn. —
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Die Aufführung, dm auch Hans Carossa und Professor Kippen berg beiwohnten, bereitete der stattlichen Morgenfeiergemeinde sichtliches Vergnügen.
Gastspiel der „Acht Entfesselten": „Mensch, patz auf!"
Die parodistische Berliner Zeitbühne der „Acht Entfesselten", die schon früher bei uns gastiert hat, erschien am Samstagabend, um uns mit ihrer neuen Szenenfolge „Mensch, paß auf!" bekannt zu machen. Die künstlerische Leitung der Truppe, die sich, soweit wir sehen können, seit ihrem letzten Besuch in der personellen Zusammensetzung nicht verändert hat, steht unter der künstlerischen Leitung von Hannes Krock. Tie Texte stammen von Krock, Zelter und Zipzer, die musikalische Leitung hat der Komponist der neuen Szenenfolge, Willi Normann. Tänze: Ernst Böcker; Choreographie, Kostüme, Bühnenbilder: Krock.
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Der Inhalt, improvisatorisch locker und unverbindlich, gemischt aus Sketsch, Gesang und Tanz, ist, wie es in der Ankündigung heißt, aus dem Leben gegriffen. Die Acht haben sich danach umgesehen, wo es etwas der Lächerlichkeit zu überantworten gäbe, was sich aus dem Alltag unserer Zeit als Zielscheibe ihres parodistischen und satirischen Witzes errichten ließe. Sie fanden etwa die „Tücke des Objektes" als Anlaß zum Krach im Büro, aber sie haben auch auf das nachgerade hinreichend bekannte Kragenknöpfchen nicht verzichten mögen; sie machten sich über das Filmwunderkind her und versuchten sich in der Demaskierung spottwürdiger Theaterfiguren. Sie stellen sich den „Himmel auf Erden" vor, stürzen sich auf die Meckerer, karikieren den künstlerischen Tanz und die Kitschfabrikation im Film, int Roman, im Schlager und in der amerikanisierten Revue.
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Die Gefahren eines solchen Unternehmens sind offenkundig: es drohen sowohl die Wiederholung als auch eine gewisse Verkrampfung der Komik; das erwies sich besonders im ersten Teil des Programms, während der zweite wesentlich lebendiger und zündender wirkte. Die stärkste,Leistung war wohl die glänzende Wigman-Parodie in der „Grauen Klage". Hübsch auch die kleine Revue zum Schluß, die den Hawai- 3auber, die Wiener Pseudoromantik und die Publikumseffekte aus Hollywood aufs Korn nimmt. —
Eine erstaunliche Tanzbegabung ist Hannes Krock, der immer wieder durch seine gelöste Körperbeherr
schung überrascht; ihm assistierten die wandlungssähige Tänzerin Garga, die elegante Diseuse Käte Scholz und die spritzige, kleine Soubrette Marit Barnek; Hermann Noack, E. A. Bren, Willi Norman und Peter W. Staub erwiesen^sich auch diesmal als bewährte Stützen des kleinen Ensembles. —
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Daß die neue Szenenfolge in Berlin über 500 mal gelaufen ist, verdient immerhin verzeichnet zu werden. Tas Gießener Publikum spendete freundlichen Beifall.
Hans Thyriot.
Ein unbekanntes Napoleon-Bild.
Die bisher bekannten Bilder Napoleons von St. Helena zeigen ihn immer noch in feiner Uniform, mit dem charakteristischen Zweispitz auf dem Kopf. Ein ganz anderes Bild von ihm enthüllt aber eine Zeichnung, die unter merkwürdigen Umstünden in Australien gefunden wurde und jetzt in der „Times" veröffentlicht wird. L. Curtis besuchte auf einer Reise durch das Land einen schönen Besitz Camden Park in Neu-Süd-Wales, auf dem die Nachkommen des Captnin Macarthur leben, der 1803 Merinoschafe in Australien einführte und mit ihrer Zucht eine der wichtigsten Grundlagen der Entwicklung des jungen Erdteils schuf. Die' jetzigen Besitzer zeigten Curtis eine Zeichnung von Napoleon, die ein unbefännter Reisender, der vorübergehend mit einem Schiff nach St. Helena kam, angefertigt hat. Eine Inschrift teilt mit, daß die Zeichnung am 5. April 1820 angefertigt wurde. Napoleon ist dargestellt, wie er hinter einer niedrigen Mauer sitzt, auf die -er sich mit beiden Unterarmen stützt; man sieht also nur den Oberkörper. Er hat ein Opernglas in der Hand, und er ist mit einer braunen, hochgeschlossenen bürgerlichen Jacke gekleidet, sieht also ganz anders aus, als man ihn gewöhnlich erblickt. Ein großer Strohhut mit hohem Kopf ist tief über die Augen gezogen, an beiden Schläfen ringeln sich zwei große Locken darunter hervor. Als Curtis wenige Tage später dem Gouverneur von Neu-Süd-Wales, Lord Wakehurst, von feiner Entdeckung erzählte, dem einzigen Bilde Napoleons, das ihn in bürgerlicher Kleidung zeigt, brachte dieser ihm den Druck eines anderen Porträts von St. Helena herbei, das ein französischer Künstler gezeichnet hatte und das den Kaiser unverkennbar in derselben Situation darstellt, nur daß er in ganzer Gestalt vor der Mauer sitzend zu sehen ist. Augenscheinlich ind beide Porträts nach dem Leben gezeichnet und geben ein Bild Napoleons, wie er wirklich auf St. Helena umherging. C. K.
Zeitschriften
— Die ,, I l l u st r i r t e Zeitung Leipzig" bringt in ihrer neuesten Nummer u. a. einen Bildbericht zu den historischen Ereignissen in Böhmen und Mähren. Der folgende Aufsatz behandelt die ägyptische Wehrmacht und gibt in Bild und Wort Aufschluß über den Stand dieser jungen Armee. „Bulgarien neu entdeckt" betitelt sich der nächste ' Beitrag, eine Zusammenstellung schöner Photographien bulgarischer Landschait und bulgarischen Volkstums. Im Anschluß daran wird die Arbeit der Deutsch-Bulgarischen Gesellschaft in Berlin ausführlich gewürdigt. — Im Mittelpunkt des Heftes steht ein Beitrag über neue Arbeiten junger Bildhauerinnen der Gegenwart. „Die Stimme des Anderen" heißt eine fesselnde Bilderfolge, die von der Arbeit der deutschen Künstler berichtet, die die schwierige Verdeutschung ausländischer Filme durchführen.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. theoL Hans Schmidt, Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Halle- W i 11 e n b e r g , wird dem an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl für allgemeine Religionswissenschaft in Berlin nicht folgen. Prof. Schmidt, der aus Wolmirstedt bei Magdeburg stammt, begann , seine akademische Laufbahn 1909 in Breslau, wo .. er sich für alttestamentliche Theologie habilitierte. 1914 wurde er als Extraordinarius nach Tübingen berufen, siedelte 1921 als Ordinarius nach Gießen über und kam 1928 nach Halle. Seine zahlreichen wissenschaftlichen Schriften befassen sich in der Hauptsache mit dem Alten Testament.
Professor Dr. llnterberger, Oberarzt an der Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik der Universität Jena, wurde auf den Lehrstuhl der Hals-Nasen- Ohrenheilkunde an die Unioerfität Wien berufen und wird diesem Rufe zum 1. April Folge leisten. Professor llnterberger ist durch eine Anzahl neuer, praktisch wertvoller Operationsmethoden hervor- getreten. Bor allem hat er sich einen Namen gemacht durch feine Forschungen über die Beziehungen zwischen Gleichgewichtsorgan und Gehirn.
Dem Dozenten Dr. phil. habil. Franz R e l l i ch an der Universität Marburg wurde für die Dauer seiner Tätigkeit als nicht beamteter Lehrer an einer deutschen Hochschule die Dienstbezeichnung nichtbeamteter außerordentlicher Professor verliehen.
Dem Dr. habil. Wilhelm Kreidig in Frankfurt, Mitglied des NSD.-Dozentenbnndes, wurde die Dozentur für das Fach der Augenheilkunde an der Universität Frankfurt übertragen.


