Ausgabe 
26.5.1939
 
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stungsoermögen, sondern auch an die seelischen, gei­stigen und charakterlichen Fähigkeiten des einzelnen stärkste Anforderungen. Diese Leistung des einzel­nen findet ihre Krönung im Einsatz in der Mann­schaft. Der gemeinsame Wille zur Erreichung des befohlenen Zieles mit der bedingungslosen Ein- und Untetorbnung des eigenen Jchs unter den einen Befehl, das Dertrautsein von Führer zu Mann und umgekehrt, die kameradschaftliche Hilfeleistung un­tereinander und die gegenseitige Unterstützung bei Erfüllung besonderer Hebungen garantieren erst den Erfolg. So ist es zu verstehen, daß die SA. größ­tes Augenmerk auf den Mannschaftsdienst legt. Dem Wettkampfgedanken wird selbstverständlich hohe Bedeutung beigemessen. Er fördert die Leistung des einzelnen Gebietes und einzelnen Mannes und erreicht damit die Leistungssteigerung.

Als Probe der Leistungsfähigkeit in der wehrhaft- körperlichen Ertüchtigung und des ständigen Einsatz­willens und der ständigen Einsatzfähigkeit gelten die jedes Jahr zur Durchführung gelangenden Reichs- wettkämpfe der SA. und als Abschluß- manöver die R S. - K a m p f f p i e l e, die an jedem Reichsparteitag in Nürnberg durchgeführt werden, deren Trägerin die SA. ist. Bor diesen großen Leistungsschauen liegen die Wettkämpfe der SA. - Gruppen, Brigaden und Stan« barten. Und so wie im gesamten Großdeutschen Reich, unter ihnen erstmals die Männer der Sude­ten - SA. und Memel SA., die Wettkämpfer zur Leistungsprobe antreten, so

freien die oberhessischen SA. rNänner der Stan­darte 116 am 3. und 4. Juni im Rahmen der Standartensporttage in Gießen an, um Proben ihres könnens abzugeben.

Wenn wir auch solche Tage, in denen die SA. ihren Gestaltungswillen zeigt, Sportkampftage nennen, so sind sie doch in dieser Art der Durch­führung keine reinen Sporttage, sondern sie sind überhaupt der Tag der SA., der diese in ihren kulturellen, weltanschaulichen, sportlichen, überhaupt SA.-mäßigen Aufgaben zeigt. Daß hierbei natürlich dem praktischen Wettkampf die größte Rolle zu- erkannt wird, ist ganz natürlich, da die SA. im Kampf geboren ist, sich durch Wettkampf erhalten muß und nur im Kampf die Auslese in der SA. selbst geschaffen werden kann. Ueber ein hal­bes Tausend Wettkämpfer werden in Mannschafts- und Einzelkämpfen ihre Kräfte im friedlichen Wettstreit messen. Wenn an diesen Tagen Gießen im Zeichen der Sturmabteilungen Adolf Hitlers steht, bann wollen wir SA -Männer Zeugnis davon oblegen, daß die sportlich-technischen Fähig­keiten und bas wehrsportliche Können, dos in Jah­ren intensivster Kleinarbeit erreicht wurde, die Vor­aussetzung zur Erfüllung der durch die erweiterte Aufgabenstellung gewiesenen Arbeit schuf.

So ist der diesjährige Standarleusporttag eine Leistungsschau, die beweist, daß das, pxiö im Geiste der Führererlasse seit Jahren zielbewußt erarbeitet wurde, die Grundlage für die Er- füllung der Aufgaben der SA. ist.

Er soll weiterhin Zeugnis davon ablegen, daß die Leibesübungen roieber auf völkische Grundlage gestellt sind, daß die erzieherischen Werte des SA.-Sportes der gesamten Volkskraft zugute kommen, baß der Deutsche, gestählt durch den SA.-Sport und SA.-Wehrsport, gipfelnd in den Bedingungen zum Erwerb des SA.-Wehradzeichens, 'feinen Körper wieder so geformt hat, wie es unserer seelischen und völkischen Einstellung entspricht. Und so steht als oberstes Gebot den Standartensport- tagen der SA.-Standarte 116 der Wahlspruch vor­an:Der Dienst am Volk!"

Gießener Segelfliesernachwuchs in der JU?ön.

An dem aroßen reichsoffenen Modellflugwett­bewerb des RS.-Fliegerkorps, der während der Pfingstfeiertage auf der Wasserkuppe stattfindet, be­teiligen sich auch 9 junge Gießener Segelflieger mit ihren selbstgebauten Modellen. Unter diesen Mo­dellen, die nach festliegenden Plänen gebaut worden sind, befindet sich auch eine eigene Konstruktion. Hoffentlich ist es unserem Gießener Segelfliegernach­wuchs vergönnt, einige Erfolge mit nach Hopse zu bringen!

Stadiporlosatz nach liefert und Klein-Linden.

Mit der Eingemeindung von Wieseck und Klein-Linden in die Stadt Gießen ist auch die Frage aufgetaucht, welcher P o r t o s a tz für Brief- und Kartensendungen durch die Reichspost von nun ab im Postverkehr zwischen Gießen und den beiden Vororten Gültigkeit hat. Auf unsere An­frage bei der maßgebenden Stelle des Postamts Gießen wird uns erklärt, daß mit der Eingemein* düng von Wieseck und Klein-Linden in die Stadt Gießen auch für diese beiden Vororte der Stabt- p o r t o s a tz Geltung erlangte. Danach kostet nun­mehr ein Brief von Gießen nach Wieseck bzw. Klein- Linben nicht mehr 12 Pfennig, sondern 8 Pfen­nig, eine Postkarte nicht mehr 6 Pfennig, sondern 5 Pfennig. Bei dieser Gebührenermäßigung wird nun wohl das Briefeschreiben von hier nach diesen Vororten mehr Freude machen als bisher.

Uedrigens verschwindet mit dieser Regelung auch ein Kuriosum, das bisher bei den beteiligten Personen mancherlei Verwunderung und bei den benachteiligten Volksgenossen allerlei Aerger aus- gelöst hatte. Wer nämlich in der Zeit vor der

Eingemeindung einen Brief von Gießen an einen Empfänger in einem unmittelbar vor der Gieße­ner Gemarkungsgrenze liegenden Hause von Wieseck schrieb, der mußte 12 Pfennig Porto bezahlen, auch wenn dieses Haus entfernungsmäßig nach der Stadt zu viel näher lag als beispielsweise ein auf Gießener Gemarkungsgrund viel weiter hinausgebautes Haus an der äußeren Marburger Straße. Kurios war es auch, daß z. B. ein Brief von Gießen an den Be­wohner der Karlsruhe, die vor der Eingemeindung zu Wiqseck gehörte, mit 12 Pfennig frankiert werben mußte, während ein Brief an einen Bewohner eines Hauses auf der gegenüber der Karlsruhe gelegenen Gießener Seite (sog. Rinnshousen) nur 8 Pfennig kostete. Dabei lag zwischen diesen beiden Haus- gruppen nichts weiter als nur die Landstraße, aller­dings auch die Gemarkungsgrenze. Und diese Grenze hatte den Unterschied von 4 Pfennig bei jedem Brief zur Folge! Heute, nach der Eingemein­dung, ist dieserStein des Anstoßes" nun auch Lokalgeschichte geworden.

Unser neuer Roman.

Nachdem wir in der gestrigen Ausgabe des Gießener Anzeigers die Veröffentlichung des Romans(Eine Frau mit Herz" von Hedda Lind­ner beendet haben, beginnen mir in der heute erscheinenden Nummer unseres Blattes mit dem Abdruck eines neuen großen Romanwerkes, von dem wir uns einen nicht geringeren Erfolg bei allen unseren Leserinnen und Lesern versprechen dürfen. Wir freuen uns, heute einen Autor oorstellen und einführen zu können, der bisher bet uns noch nicht zu Worte- gekommen ist und dessen Erfolge auf dem Gebiete des Zeitungsromans zu den schönsten Er­wartungen berechtigen. Unser neuer Roman heißt

Ein Mann wie tausend andere" Don Konrad Trani.

und ist eine Geschichte voller Spannung und Aben­teuer, angefüllt mit merkwürdigen Begebenheiten und alle^sei menschlichen Schicksalen absonderlicher Art. Man kann das, was hier erzählt wird, vielleicht am einfachsten als die Geschichte eines Kriminal­falles bezeichnen, aber man wird im Laufe der Ereignisse auch bemerken, daß die Aufklärung eines lange Zeit rätselhaften Tatbestandes nicht das Letzte und Entscheidende in diesem Roman ist: was ihn in einem besonderen Sinne erst zum Roman macht, ist die mit dem Kriminalfall verbundene Verknüp­fung menschlicher Schicksale und auch die Art, wie das angelegt und durchgeführt wird; Konrad Trani versteht frisch und lebendig, mit Humor und Tempe­rament zu erzählen und die Anteilnahme des Lesers von Anfang an für seine Geschichte zu gewinnen.

So dürfen wir gewiß sein, mit dem heute ein­setzenden Roman ollen unseren Freunden in Stadt und Land eine genußreiche, von Tag zu Tag mit Spannung erwartete Lektüre zu bieten.

Ladenschluß in ländlichen Gebieten.,

Lpd. Der Reichsstatthalter in Hessen Landesre­gierung veröffentlicht eine Anordnung über den Ladenschluß in den ländlichen Gebieten. Offene Ver­kaufsstellen in den ländlichen Gebieten dürfen in den Monaten April bis einschließlich September widerruflich wie folgt offen gehalten werden: In Orten mit weniger als 3000 Einwohnern und über­wiegend ländlicher Bevölkerung dürfen die 23er= kaufsstellen bis 21 Uhr geöffnet bleiben. Der Land­rat bestimmt, welche Orte als solche mit vorwiegend ländlicher Bevölkerung anzusehen sind. In der .Seit von 19 bis 21 Uhr dürfen weder Arbeiter und An­gestellte, noch Lehrlinge beschäftigt werden. Aus­genommen sind die Filialleiter. Für Orte mit mehr als 3000 Einwohnern und überwiegend ländlicher Bevölkerung, ober für Orte unter 3000 Einwohnern mit nicht überwiegend ländlicher Bevölkerung ist im Einzelfalle die Notwendigkeit einer Ausnahme von den allgemeinen Vorschriften vom Landrat (Dberbürgermeifter für Vororte mit überwiegend ländlichem Charakter) zu prüfen. Ueber die Aus­

nahme entscheidet der Reichsstatthalter in Hessen Landesregierung auf Antrag des Landesrates ober Oberbürgermeisters.

Rowdys zerstörten Ruhebänke am Wiesecker Wald.

In den letzten Tagen mußten die zuständigen stellen der Forstbehörde und des Naturschutzes die bedauerliche Feststellung machen, daß die von Wanderoereinen und gemeinnützigen Stellen er­richteten Ruhebänke für Spaziergänger am Rande des Wiesecker Waldes zum Teil zerstört, zum Teil so raffiniert beschädigt wurden, daß sie unbrauchbar sind bzw. beim Niedersetzen von Personen zusam- menbrechen müssen, wodurch die Gesundheit von Menschen in Gefahr kommt. Es ist eine Schande, daß Bubenhände derartige Einrichtungen zum Besten der Allgemeinheit nicht ungeschoren lassen, sondern sich in niedriger Zerstörungslust daran zum Schaden der Gemeinschaft ergehen. Hoffentlich ge­lingt es den alsbald eingeleiteten Nachforschungen, den oder die Täter zu ermitteln und einer strengen Bestrafung zuzuführen. Wer sich in solcher Weise an dem Gut der Gemeinschaft vergeht, hat damit von vornherein jegliche Nachsicht verwirkt.

Gießen-Klein-Linden.

' Am gestrigen Donnerstag fand man hier einen 34 Jahre alten Mann tot in seiner Wohnung auf. Der Verstorbene hatte schon seit fünf Tagen tot in seinem Bette gelegen, da feine Ehefrau seit einiger Zeit wegen schwerer Krankheit aus der Wohnung des Ehepaares abwesend war und sich zur Zeit in ihrem Elternhause aufhält. Der bedauernswerte Mann, der ebenfalls schwer krank war, hatte seinem Leben durch Vergiften ein Ende bereitet. Als bie Hausnachbarschaft auf das Fehlen des Mannes aufmerksam wurde, benachrichtigte sie die Polizei, die bei ihrem Eindringen in die Wohnung den Mann tot vorfand. Die ärztliche Feststellung ergab, daß das Ableben schon vor etwa fünf Tagen er­folgt ist.

Vorsicht beim Sammeln vonMaipilzen.

Von der Landesstelle für Pilz- und Haus- schwamm-Beratung und dem Mykologischen Insti­tut der Deutschen Gesellschaft für Pilzkunde, Darm­stadt, wird uns geschrieben:

Meist im Mai und Juni erscheint an grasigen Wald- und Wegrändern, auf Wiesen und ähnlichen Plätzen der eßbare M a i p i l z. Sein Hut wird kaum breiter als zehn Zentimeter. Alle Teile des Pilzes: der Hut, die Blätter auf der Hutunterseite und der Stil sind weißlich bis rahmgelblich. Auf­fallend ist der Geruch nach Mehl. Man hüte sich jedoch vor Verwechslung des Maipilzes mit Rih- pilzen, insbesondere mit dem lebensgefähr­lichen ziegelroten Rißpilz. Im Merkblatt bes Reichsgesundheitsamtes wird . mit Recht auf diese Verwechslungsmöglichkeit hingewiesen. Der zie­

gelrote Rißpilz, der schon wiederholt Menschen ums Leben brachte, wäcyst ebenfalls im Frühsommer auf grasigen Plätzen. Er bleibt meist kleiner als der Maipilz, kommt aber ebenfalls mit weißlicher ober gelblicher Färbung aus dem Boden, ganz ähnlich wie der Maipilz, und wird später, insbeson­dere beim Liegen bes Pilzes, mehr ober weniger ziegelrötlich. Sein Hut reißt vom Ranbe her rissig ein. Daher der Name. Im Gegensatz zum angeneh­men Mehlduft des Maipilzes hat er einen viel strengeren Geruch, der gerade für den ziegelroten Rißpilz charakteristisch ist. Im Gegensatz zu den weißlichen Blättchen des Maipilzes werden die Blätter auf der Hutunterseite des Rißpilzes bald mehr oder weniger bräunlich, ähnlich wie beim Egerling (Champignon). Vor derartigen gefähr­lichen Verwechslungen, die tatsächlich schon oorge- fommen sind, muß ebenfalls gewarnt werden. Der Champignon hat angenehmen Duft und einen cha­rakteristischen Schleier bzw. Ring am Stiel, die so- wohl dem Rißpilz als auch dem Maipilz fehlen. Vergiftungen durch den Rißpilz äußern sich durch Schweißausbruch, Uedelkeit, Erbrechen, Sehstörun- aen, Schüttelfrost usw. Wie bei jeder Vergiftung, ist sofort für gründliche Entleerung von Magen und Darm zu sorgen, auch ist der Arzt sofort zu Rate zu ziehen.

In jedem Zweifelsfall wende man sich vor dem Genuß der Pilze an die nächste Pilzberatungsstelle ober an die obengenannte Beratungsstelle in Darm- ftabt.

*

** Zur Bekämpfung des Kartoffel­käfers. Der Oberbürgermeister weist in einer Bekanntmachung darauf hin, daß nach den gesetz­lichen Verordnungen zur Bekämpfung des Kartoffel­käfers jedermann, der Kartoffeln ober Tomaten an- gepflanzt hat, verpflichtet ist, die Kartoffel- und Tomatenstauden von Zeit zu Zeit sorgfältig nach Kartoffelkäfern abzusuchen.

Schwurgericht Gießen.

Der Paul Ernst Koch in Frankfurt a. M. hatte sich gestern wegen gewerbsmäßiger Abtreibung zu verantworten. Er hat im Jahre 1934 bei einer ver­heirateten Frau in Vilbel gegen Entgelt unerlaubte Eingriffe gemacht. U. a. ist er wegen vollendeter und versuchter Abtreibung bereits vorbestraft. Der An­geklagte legte nach hartnäckigem Leugnen in der Voruntersuchung ein Geständnis ab.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft führte aus, Straftaten, die gegen das keimende Leden unter­nommen würden, feien besonders verwerflich und würden nicht nur das Leben der Mutter gefährden, sondern auch die Volksgesundheit und die Dolkskraft schädigen. Der Angeklagte habe sich der gewerbs­mäßigen Abtreibung im Sinne des § 218, Absatz 4, StGB, schuldig gemacht. Der Anklagevertreter bean­tragte eine Zuchthausstrafe von drei Jahren und sechs Monaten sowie Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für die Dauer von fünf Jahren.

Der Verteidiger führte aus, der Angeklagte sei geständig. Der Eingriff sei erfolgt, weil der Ehe­mann an offener T. B. leide, es könne nicht im Interesse der Volksgemeinschaft liegen, wenn kranke Menschen Nachkommen hätten. Er beantragte, von einer Zuchthausstrafe abzusehen.

Das Gericht sprach den Angeklagten der gewerbs­mäßigen Abtreibung schuldig und verurteilte ihn zu einer Zuchthausstrafe non drei Jahren und sechs Monaten, abzüglich sechs Monate Untersuchungshaft, und Aberkennung der bürger­lichen Ehrenrechte für die Dauer von zehn Jahren. Strafmildernd kam das Geständnis, straferschwerend kamen die einschlägigen Vorstrafen in Betracht.

7 Jahre Zuchthaus für den Ueberfall im Zuwelengeschäft.

Lpd. Frankfurt a. M., 25. Mai. Das Son- dergericht verhandelte am Donnerstag gegen den 24jährigen, des Mordversuchs und des Raubs angeklagten unbestraften Bruno Pis- dach, der am Morgen des 10. Mai die Inhaberin eines Juwelengeschäftes auf der Kaiser­straße überfallen und mit einem Eisenstück am Kopf und im Gesicht verletzt hatte. Das Gericht verur­teilte den Angeklagten wegen versuchten Totschlags und versuchten besonders schweren Raubs zu 7

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Roman von Konrad Trani

(Copyright by Carl Ouncker Verlag, 23erltn W35 (Nachdruck verboten.)

I.

Der Tag der Tag, der die Stadt in Aufruhr brachte begann wie jeder andere unauffällige, gewöhnliche Novembertag. Die Geschäfte waren of­fen, und die Frauen machten ihre Einkäufe. Die Kinder waren schon in der Schule, die Büros in vollem Arbeitsgang. Gegen neun Uhr entschlossen sich auch die Banken, ihre Pforten und Schalter zu öffnen.

Das Bankhaus Josef Voigt & Sohn lag in einer stillen Seitengasse. Eine alte angesehene Firma hat es nicht nötig, sich in dem Trubel der Hauptstraßen gemein zu machen. Fünf Schritte um die Ecke moch- ten sich die Leute stoßen und drängen. Voigt & Sohn konnten in Ruhe warten, wer zu ihnen fand. Voigt junior, er war heute bereits ein Herr zu Anfang der Fünfzig mit einem graumelierten Spitzbart, er­innerte sich genau der Zeit, daß es große Kämpfe mit dem Vater gekostet hatte, bis er gestattet hatte, daß an der Ecke eine bescheidene Kupfertafel mit der Aufschrift:Joses Voigt & Sohn, Bank- und Wechselhäus" angebracht worden war.

An diesem Novembertag bog zehn Minuten vor neun, genau so wie an jedem anderen Morgen, ein älterer Herr um die Ecke in die Frauengasse ein, hinter ihm ein junger Mann mit einer Stahlkassette in der Hand. Der junge Herr gähnte verstohlen, aber herzhaft. (Er war in der vergangenen Nacht tanzen gewesen und viel zu spät schlafen gegangen.

Fritz, geben Sie mir die Schlüssel", sagte der Kassierer.

Bitte, Herr Wernig", kam beflissen die Antwort.

Die Stahlgitter vor der Eingangstür und der ein­fachen Auslage wurden zurückgeschoben, und die bei­den traten ein. Es war alles m bester Ordnung.

Fünf Minuten später kam der Beamte, der die Post abgeholt hatte. Vier Kollegen und eine junge Beamtin, blond, hübsch und heiter, traten ihm fast auf die Fersen. Nachdem die mehr oder weniger vergnügten Guten - Morgen - Wünsche verklungen waren, verteilten sie stch hinter Schalter und Schreibtifche. Buchseiten knisterten. Eine Schreib- maschine klapperte mit einer Rechenmaschine um die Wette. Das Telephon klingelte.

Und als der Chef, Herr Josef Voigt junior, ein Viertel nach neun eintrat, war die Arbeit in vollem Gang. (Es kamen eine Reihe von Kunden. Einige von ihnen traten an den Schreibtisch heran, der durch einen dunklen Samtvorhang von dem übrigen Bankraum ein wenig abgesondert war. Alle die Voigts hatten es für überflüssig befunden, fick ein eigenes Chefzimmer zu gönnen. Mitten im Geschäft wollten sie sitzen. Dor sich die Angestellten und die Kundschaft, hinter sich, dicht dahinter, der Zugang zu der Stahlkammer. Auf die neue Stahlkammer war Herr Voigt besonders stolz. Er hatte sie erst vor einigen Jahren einbauen lassen, und sie war garan­tiert einbruchs- und feuersicher. Sie hatte einen ein­zigen winügen Nachteil: es dauerte eklig lange, bis Die Kombination eingestellt und das halbe Dutzend Schlösser geöffnet war. Herr Voigt hatte darum die Gewohnheit angenommen, die Tür der Stahlkam­mer nicht zu schließen, sondern angelehnt zu lassen, wenn er vor seinem Schreibtisch saß. Ein Ueberfall? Lächerlich! An ihm kam niemand unbemerkt vor­bei. Und drinnen in der Stahlkammer lag das Geld und die Papiere ja auch nicht frei herum, bloß zum Zugreifen. Da mußten wieder Schlüssel gezogen und in Schlössern gedreht werden.

Es mochte gegen halb elf Uf)t gewesen fein, als ein alter Klient des Bankhauses den Chef zu spre­chen wünschte. Ein Beamter trat zu dem Schreib­tisch, zog den Vorhang ein wenig zurück. Falls der Chef oie Morgenzeitung las, so mußte die Kund­schaft das nicht merken ...

Der Platz war leer. Ein rascher Blick streifte die Tür zur Stahlkammer. Die Tür war zu. Da drin­nen war er also nicht.

Herr Wernig, wissen Sie, wo der Herr Chef ist?" flüsterte der Beamte dem Kassierer ins Ohr.

Buschige graue Augenbrauen zogen sich erstaunt hoch.

Ist er nicht da? Ich hcrde ihn nicht fortgehen sehen.

Ein paar Minuten ruhiges Zuwarten. Daß ihn niemand gesehen, als er zu dem Garderobezimmer oder in den Waschraum ging? Dann wurde Herr Wernig ungeduldig. Er machte sich selber auf die Suche. Der Chef war nicht zu finden. Hut, Mantel und Stock lagen und hingen ordentlich in seinem Garderobeschrank.

Vielleicht hat er einen Weg zu machen", regte Fritz an.

Herr Voigt geht ohne Hut und Mantel nicht ein­mal vor die Tür, geschweige denn zu einem Ge- schöftsfreund!" knurrte Wernig.Und außerdem hätte er es mir gesagt und mir die Schlüssel übergeben!"

Er kann beim Friseur fein", meinte Fräulein Lauer, deren Schreibmaschine schon feit fünf Mi­nuten st il lst and.

Das fiele auch nur Ihnen ein, während der Arbeitszeit sich verschönern zu lassen", knurrte Wer- nig.

Es war ja alles Unsinn. Der Chef war da. Vor ein paar Minuten war er noch dagewesen. Die Erde konnte ihn nicht verschlungen haben. Niemand hatte ihn weggehen sehen. Acht Menschen hatten sich in dem Bankraum aufgehalten oder zumindest siebeneinhalb, wenn man das Spatzenhirn Fräulein Lauers nur mit fünfzig Prozent bewertete und keiner sollte bemerkt haben, daß Voigt fortgegangen war? Lauter schone und richtige Erwägungen, die nur einen Fehler hatten: daß 'der Chef eben doch nicht anwesend und nicht zu finden war. .

Ich komme ein andermal wieder", meinte gut­mütig der Klient,es eilt mir nicht." Da sah er die erschrockenen Augen des alten Kassiers, bemerkte, daß die Arbeit unterbrochen war und die Beamten unschlüssig und erregt beieinander standen.Was ist denn los?"

Fritz, der Jüngste, war auf bie Straße getreten und sah sich forschend um. Dann lief er auf den Wachmann zu, der an der Ecke stand.

Sie kennen doch Herrn Voigt, Herr Inspektor? Haben Sie ihn etwa in der letzten Viertelstunde vor­beikommen sehen?"

Nein", sagte der Wachmann und wollte weiter­gehen. Dan wandte er sich um.Was ist denn los?"

Der Chef ist verschwunden", sagte Fritz und kratzte sich nachdenklich den Scheitel.

Da machte der Wachmann kehrt und ging rasch die paar Schritte die Frauengasse hinunter.

Vor der Eingangstür zum Bankhaus Voigt stand schon eine kleine Gruppe Menschen. Wie die hatten merken können, daß da drinnen etwas Ungewöhn­liches vorging, war Friß ein Rätsel. Der Wachmann wunderte sich nicht. Er kannte den sechsten Sinn von Kindern und Nichtstuern aus bitterer Erfahrung.

Der Wachbeamte trat ein und sperrte sicherheits- halber hinter fick die Gingangstür. Dann ließ er sich den Fall erklären. Alle Vermutungen, die er aussprach, wurden prompt widerlegt.

Kann er nicht in der Stahlkammer sein, obwohl sie zu ist?" fragte er endlich.Sie jagen doch, daß die Tür manchmal nur angelehnt ist."

Ja, wenn der Chef auf feinem Platz fitzt. Wenn er nur für eine haloe Minute zu einem andern Schreibtisch tritt, versperrt er sie!"

Kann nicht die Tür der Stahlkammer hinter ihm ins Schloß gefallen fein?" erkundigte sich geduldig der Wachmann.

Nein! (Eine Stahlkammertür fällt nicht zu. Sie muß zugedrückt werden ... Und wenn sie zuge- fallen märe, wäre es ein Unglück. Der Chef trägt die Schlüssel bei sich und von innen ist sie nicht (Mifaufperren", sagte der alle Kassier. Er war blaß geworden.

Gibt es keinen Duplikatschlüssel?" wollte der Wachmann wissen.

Stummes Kopfschütteln.

Endlich die zögernde Frage der jungen, hübschen Beamtin:Wenn er da drin ist, der Chef ... hat er dann Licht und Luft?"

Licht schon aber Luft nicht lange", sagte Fritz erschrocken.

Der Wachmann legte sein Ohr dicht an die Stahl­tür. Er hörte nichts, nicht den leisesten Laut aber irgendetwas in seinem Herzen sagte ihm, daß hinter dielen Stahlplatten ehi hilfloser Mensch schrie. Aua) Wachleute müssen sich manchmal auf ihren sechsten Sinn verlassen.

Können Sie einen Ingenieur und ^inen Mecha­niker der Erzeugerfirma herbeischaffen?" fragte der Wachmann.

Rasch? Wir müssen nach Berlin telephonieren. Und wenn die Leute sich ein Flugzeug nehmen ... Bis sie soweit sind ... Und regelrechte Reserve- schlüssel haben die ja auch nicht ..."

Wie groß ist der Raum?" unterbrach der Wach- mann das Gestammel.

Ein Meter und ein halber zu etwa drei würde ich schätzen", antwortete Herr Wernig.

Und die Höhe?"

Nicht mehr als zwei zwanzig bis dreißig."

Wie lange kann Herr Voigt schon drin sein?" fragte der Wachmann.

Eine halbe Stunde", vermutete der Kassier. Auch mehr ..."

Nun kamen alle andern zum Wort. Sie redeten durcheinander, die Angaben widersprachen sich. Viel­leicht war schon eine Stunde vergangen ... Wer konnte es genau sagen?

Dann haben wir keine Zeit", entschied der Wachmann.Rufen Sie den Herzog an, aber trab! Der ist der beste Schlosser in der Stadt. Der Meiller soll leibst kommen, egal, was er tut und wo er ist!"

Blaß und erschrocken warteten sie.

Was soll der Schlosser Herzog mit einem Kom­binationsschloß anfangen?" fragte schüchtern Fritz. So einfach scheint mir das nicht ..

Die Kombination kenne ich", sagte Wernig,wir ändern sie alle abend bei Geschäftsschluß."

(Fortsetzung folgt.)