Letzte Reiterschein-Prüfung 1939.
Am kommenden Sonntag tritt — wiederum nach vorhergegangener gründlicher Ausbildungsarbeit — eine stattliche Schar von Jungreitern, SA.-Reitern und Zivilreitern im Universitäts-Reitinstitut am Brandplatz zur Ablegung der Reiterschein-Prüfung (der letzten dieses Jahres) an. Die Prüfung wird in zwei Abteilungen um 8 und um 10.30 Uhr vorgenommen. Gruppenreiterführer Oberführer W e h - n e r (Frankfurt a. M) wird die Prüfung abnehmen. Am Samstagnachmittag findet eine Vorprüfung zur eigentlichen Reiterfchein-Prüfung statt. Die Bevölkerung, die Interesse am Reitsport hat, ist als Zuschauerschaft willkommen.
Auch Wandern mit KdF.!
NSG. Als die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" in der Deutschen Arbeitsfront ihre vielseitige Tätigkeit aufnahm, wurden zuerst die Urlaubsreisen durchgeführt, die sehr bald ungeahnte Ausmaße in der Zahl der Vielgestaltigkeit annahmen. Das KdF.-Wandern konnte sich nur langsamer entwickeln, weil es seiner Eigenart nach nicht so sehr auf die Erfassung großer Massen eingestellt sein kann. Von Jahr zu Jahr aber wachst die Zahl der wanderlustigen Arbeitskameraden, die erkannt haben, daß gerade auf einer Wanderung zu Fuß ober mit dem Rad, aber auch im Urlaub, die Natur und die Heimat zum stärksten Erlebnis werden kann.
So finden sich heute in KdF.-Wandergruppen der Betriebe und Ortswaltun g e n im Gau Hessen-Nassau alle wanderlustigen Menschen zusammmen, um unter der Leitung des KdF.-Wanderwartes regelmäßig Wanderungen zu unternehmen. Alter, Stand und Herkommen spielen auch hier, wie bei allen anderen Veranstaltungen, selbstverständlich keine Rolle, und es sind viele in den Wandergruppen zu finden, die in früherer Zeit überhaupt nicht daran gedacht haben, eme richtige Wanderung mitzumachen.
Gerade in Anbetracht der großen Anforderungen, die heute an alle schaffenden Menschen in den Betrieben und Werkstätten gestellt werden, ist die Gestaltung der Freizeit von ausschlaggebender Bedeutung. Das KdF.-Wandern stellt eine hervor- ragende Möglichkeit zur Erhaltung der Gesundheit, Steigerung der Lebensfreude und Pflege der Gemeinschaft dar.
Seneraimusterung
bei der Marine-Kameradschast Gießen
Die Marine-Kameradschaft Gießen' hielt in ihrem Kameradschaftsheim an der Lahn ihre General- Musterung ab. Kamcradschastsführer L i ch oegrützte die Kameraden und gab einen Bericht für das Jahr 1938. Bei der Beurteilung der Mitgliederbewegung ist festzustellen daß der Bestand am Ende des Jahres höher war, als am Beginn. Der Zuwachs besteht vorwiegend aus jüngeren Kameraden. Im Jahre 1938 verstorben die Kameraden Weigel, Braun und Ohr, die letzteren beiden waren Ehrenmitglieder und Mitbegründer der Kameradschaft,-im Jahre 1939 verstarb Kamerad Gg. Keil. Ihrer wurde in einer stillen Minute gedacht. Der Kameradschaftsführer berichtete, daß sich auch im Jahre 1938 gute Beziehungen zu allen Stellen, mit denen die Kameradschaft zu tun hatte, ergaben. In guter Kameradschaft verlief die Verbindung zur Marine-SA. Der Stadtverwaltung wurde im Jahresbericht der Dank der Marine-Kameradschaft ausgesprochen für die Unterstützung durch Herstellung der Uferbefestigung. Es wurde dann an die im Laufe des Jahres 1938 abgehaltenen Veranstaltungen erinnert insbesondere an die Kutterweihe der Ma- rine-HJ. Es wurde versichert, auch in Zukunft der Jugend weitgehende Förderung zuteil werden zu lassen. 15 Kameraden sind im Besitze des SA.- Sportabzeichens. Die im Jahre 1938 mit Filmen der Kriegsmarine begonnenen Vorführungen sollen 1939 fortgesetzt werden.
Sodann berichteten der Schriftführer und anschließend der Kassenführer. Die Kassenlage der Marinekameradschaft ist zufriedenstellend. An Hand gedruckter Bilanzen wurde nunmehr vom Vorsitzenden des Wirtschäftsausschusses Kam. Karl Herbert die Vermögenslage der Marine-Kameradschaft bespro
chen. Der Rechnungsausschuß berichtete sodann über die Prüfung der Wirtschaftskasse und der Kameradschaftskasse und fand beide in Ordnung. Beide Kassentührungen wurden entlastet. Vom Kameradschaftsführer'wurde Kam. Kurt Horeyseck als Rechnungs- und Wirtschaftskassenführer in die Kameradschaftsführung neu berufen. Der langjährige Schießwart Heinrich Benderoth erläuterte die Erfahrungen des Schießjahres 1938. Die Marine- Kameradschaft Gießen konnte als zweiter Sieger bei dem Gaupreisschießen 1938 hervorgehen. Im weiteren Verlauf der Versammlung wurde der Rechnungsausschuß, bestehend aus den Kameraden Herbert, Borger und Mehle r entlassen. Es wurde einstimmig gewählt die Kameraden Herbert, Eichmann und Noeller. In den Wirtschaftsausschuß wurden die Kameraden M ö - ser und Heinemann berufen. Hierauf überreichte der Kameradschaftsführer mit Worten des Dankes für seine bewiesene Treue dem Kameraden Peter Hasselbach das Ehrenabzeichen des Marinebundes für 25jährige Zugehörigkeit. Bei der Besprechung von Böotshausangelegenheiten wurde Kamerad Christian Eckhardt jr. zum Platzwart bestellt. Der Kameradschaftsführer berichtete dann über die Vorbereitungen zur Teilnahme am Großdeutschen Reichskriegertag in Kassel, sowie über den Marinebundestag in Dresden. Am Ende der General-Musterung richtete der Kameradschaftsführer an
die Kameraden die Bitte, in Zukunft mehr denn je für den Marinegedanken zu wirken.
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** Ein Vierundsiebzigjähriger. Am heutigen Mittwoch, 26. April, kann Herr Otto G r a a d e, Wetzsteinstraße 20, seinen 74. Geburtstag feiern. Der hochbetagte Mann gehört seit langer Zeit zur treuen Leserschaft des Gießener Anzeigers. (Wir beglückwünschen zum Geburtstag!)
** Unfall beim Rangieren. Gestern vormittag ereignete sich hier im Rangierbahnhof ein Unfall, bei dem ein Mann schwer zu Schaden kam. Der Rangierer Peter W e r t h e r aus Wenkbach (bei Niederwalgern), der mit dem Umsetzen dreier Wagen beschäftigt war, stürzte von einem Wagen ab und kam dabei so unglücklich mit dem rechten Arm zwischen Schiene und Räder, das; er schwere Knochenverletzungen erlitt. Der bedauernswerte Mann wurde sofort in die Chirurgische Klinik gebracht, wo ihm der Arm amputiert werden mußte. Der Zustand des Verunglückten ist den Umständen entsprechend leidlich.
** Kaminbrand. Gestern um 15.58 Uhr wurde die Städtische Feuerwehr in die Bismarckstraße gerufen, wo in einem Karnin ein Brand aus- gebrochen war. Balken hatten Feuer gefangen. Die Feuerwehr hatte nach etwa einftündtyer Arbeit die Gefahr beseitigt und konnte wieder einrüden.
Aus -en Gießener Gerichtssälen.
Große Strafkammer Gießen.
Gegen den W. Schl, in Schadenbach war das Hauptoerfahren vor der Großen Strafkammer eröffnet und seine Unterbringung in eine Heil- oder Pflegeanstalt beantragt worden. Er hat am 16. Sept. 1938 versucht, die K. V. aus Deckenbach auf einer Wiese in der Nähe der Straße Deckenbach—Schadenbach zu notzüchtigen. Erst nach dem Hinzukommen einer Zeugin ließ er von ihr ab. Er hat diese Tat im Zustand der Zurechnungsfähigkeit begangen. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft erging folgendes Urteil: Der W. Schl, ist in einer Heil- oder Pflegeanstalt unterzubringen.
Der A. W. Klein in Friedberg war durch Urteil des Bezirksschösfengerichts Gießen vom 14. März 1939 zu einer Gesamtgefängnisstrafe von acht Monaten verurteilt worden. Er wär beschuldigt, auf einer Geschäftsfahrt in der Hermann-Göring- Straße in Bad-Nauheim beim Ueberholen eines anderen Kraftfahrzeugs mit feinem Kraftwagen infolge nicht vorschriftsmäßigen Fahrens einen Radfahrer, den Landwirt Fr. Sch. aus Nieder-Mörlen, angefahren zu haben, so daß dieser stürzte und sich schwere Verletzungen zuzog. Trotzdem er den Unfall bemerkte und ihn auch sein Beifahrer zum Halten aufforderte, ist der Angeklagte weitergefahren und hat sich um den schwerverletzten Sch. nicht gekümmert. Gegen das Urteil legte er Berufung ein.
In der Berufungsverhandlung wurde die Schuld des Angeklagten einwandfrei festgestellt. Der Verteidiger ' beantragte Freisprechung wegen der dem Angeklagten zur Last gelegten Führerflucht. Im übrigen stellte er die Entscheidung in das Ermessen des Gerichts. Im Falle der Verurteilung beantragte er möglichst milde Bestrafung. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft beantragte, die Berufung zu verwerfen. Das Urteil lautete: Der Angeklagte ist schuldig eines Vergehens der fahrlässigen Körperverletzung in Tateinheit mit einer Übertretung, eines Vergehens der Führerflucht und der unterlassenen Hilfeleistung. Er x wird deshalb zu einer Kesamtgesängnisstrafe von zehn Monaten verurteilt.
Vezirksschöffengericht Gießen.
Der K. W. aus Lang-Göns wurde beschuldigt, in der Nacht zum 17. November 1938 einen anderen vorsätzlich körperlich mißhandelt zu haben. Er hat bei einer Auseinandersetzung in einer Gießener PSirtsä>aft dem H. G. eine Flasche an den Kopf geworfen, wodurch dieser einen Schädelbruch erlitt. Außerdem erlitt G. eine teilweise Lähmung der rechten Hand und Sprachstörungen. Der Verletzte
mußte in die Klinik verbracht werden, wo er lange in Behandlung war.
In der Nacht zum 26. Dezember 1938 hatte der Angeklagte einen anderen mißhandelt. Er schlug dem H. Br., der mit zwei Freunden auf dem Heimweg war, mit einem Terzerol gegen den Kopf, und zwar hinter das linke Ohr, wodurch Br. eine Wunde erlitt. In der Hauptverhandlung wurde festgestellt, daß sich der Angeklagte vor Begehung der Straftaten schon recht flegelhaft und herausfordernd benommen hat. Inwieweit die Verletzung des G. zu einer dauernden Beeinträchtigung feines Gesundheitszustandes führt, konnte der Sachverständige nicht angeben, das müsse durch Spezialuntersuchung festgestellt werden, es sei aber anzunehmen, daß sich der derzeitige Zustand erheblich bessert. Wenn der Angkelagte auch ziemlich Alkohol genossen hatte, so mußte ihm doch der Schutz des § 51 versagt versagt werden. Der Angeklagte hat in beiden Fällen in ganz roher und brutaler Weise gehandelt.
Der Vertreter der Staatsanwaltschaft beantragte eine Gesamtgefängnisstrafe von zehn Monaten und wegen der Höhe der Strafe Erlaß des Haftbefehls. Der Vertreter des Nebenklägers schloß sich den Ausführungen des Anklagevertreters an. Der Verteidiger beantragt auf eine wesentliche geringere Srafe zu erkennen. Das Urteil lautete: Der Angeklagte ist schuldig der gefährlichen Körperverletzung in zwei Fällen und wird zu einer Gesamtgefängnisstrafe von zehn Monaten verurteilt. Gegen den Angeklagten wurde mit Rücksicht auf die Strafhöhe Haftbefehl erlassen.
Amtsgericht Gießen
Der W. G. aus Hochelheim war beschuldigt, am 2. Januar 1939 in einem Personenzug auf der Strecke Großen-Linden—Gießen eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht rechtswidriger Zueignung weggenommen zu haben. Er stahl im gleichen Abteil aus dem Mantel des mitfahrenden Studenten K., den dieser neben sich auf» gehängt hatte, eine Brieftasche. Der Angeklagte war geständig. Da man Zweifel an seiner vollen Zurechnungsfähigkeit hatte, wurde er inzwischen auf seinen Geisteszustand untersucht. Er wird als vermindert zurechnungsfähig angesehen. Dem Angeklagten wurde der Schutz des §51 zugebilligt und an Stelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von 10 Tagen zu einer Geldstrafe von 40 RM. verurteilt.
Der Angeklagte R. R. aus Watenstedt machte sich nm 6. August 1938 mit der Verkäuferin L. B. in Gießen bekannt, wobei er sich als Rudi Weber, Schacht- bzw. Baumeister, ausgab und ihr die Ehe
versprach. Nachdem sich die B. durch ihn schwanger fühlte, machte er die falschen Angaben und Versprechungen auch gegenüber den Eltern der B, die ihn daraufhin wiederholt beherbergten und beköstigten, ohne eine Gegenleistung zu fordern. Ferner lieh ihm die B., weil er angab, sein Geld sei auf em Konto in Braunschweig überwiesen, nach und nach etwa 150 RM. Als ihm wiederholt Vorhalt gemacht wurde, daß er verheiratet fei, leugnete er dies hart- Mutter des Angeklagten hat dem Mädchen ebenfalls geklagte war in vollem Umfang geständig. Er war gelegentlich in Gießen in einem Lokal, machte sich mit einer Familie bekannt und durch diese wurde, er mit der B. bekannt. Er ging wiederholt mit ihr aus, es kam zum intimen Verkehr, der nicht ohne Folgen blieb, gab sich einmal'als Konstrukteur, das andere Mal als Baumeister aus, versprach dem Mädchen die Ehe, verlobte sich mit ihr und verschickte Verlobungskarten, trotzdem er verheiratet und Vater von 3 Kindern ist. Dem Mädchen wurde gelegentlich in Gegenwart des Angeklagten von dessen Ehefrau gesagt, daß ihr (der B.) Freund ihr Mann sei, wobei der Angeklagte noch so dreist war, zu behaupten, er kenne diese Frau gar nicht. Die Mutter des Angeklagten hat dem Mädchen ebenfalls Vorhalt gemacht, daß ihr (der B.) Freund verheiratet fei. Der 'Angeklagte ist einschlägig vorbestraft.
Der Vertreter der Anklage bezeichnet den Angeklagten als einen moralisch tiefstehenden Menschen, einen hartnäckigen raffinierten Heiratsschwindler und beantragt auf eine Gefängnisstrafe von neun Monaten zu erkennen. Der Angeklagte wurde zu einer Gefängnis st rase von neun M o n a - t e n verurteilt. Milderungsgründe tarnen nicht in Betracht. e
Drei Angeklagte aus Heuchelheim, die. E. K., E K. und E. H. erhielten Strafbefehle über j e zwei Monate Gefängnis wegen der Beschuldigung, am 25. Juli 1938 oder um diese Zeit in Heuchelheim und Gießen die M. H. in Heuchelheim beleidigt und in Beziehung auf die Tatsachen behauptet oder verbreitet zu haben, die nicht erweislich wahr und geeignet waren, die H. verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigeh. Die E. K. schrieb auf Veranlassung ihrer Tochter E. und der Witwe H. an den Feldwebel B. in Gießen einen Brief, in dem die H. in der gemeinsten Weise beleidigt wurde. Sie wurde durch Anführung von Beispielen eines lockeren und unsittlichen Lebenswandels bezichtigt. Dies alles war geschehen, um den "Verlobten der H., den Feldwebel B„ zu veranlassen, sein Verhältnis mit der H. zu lösen. E. K. hat den Brief an Hand eines Entwurfs, den die H. gefertigt hatte, ihrer Mutter diktiert. Sie hat ihn auch, nachdem sie noch Zusätze gemacht hatte, zur Post gebracht.
Gegen die Strafbefehle legten sie Einspruch ein. Die Angeklagten sind geständig. Sie wollten sich angeblich dafür rächen, weil die H. auch sie schlecht gemacht haben soll.
In der Verhandlung wurde die H. (die Beleidigte), als in jeder Weise anständig und ordentlich geschildert. Die Tat der Angeklagten erscheint somit als ein ganz gemeiner Racheakt. Da ein Zeuge, auf den der Verteidiger nicht verzichtete, nicht erschienen war, wird die Verhandlung in 14 Tagen fortgesetzt.
Rundfunkprogramm
Donnerstag, 27. April:
5.50 Uhr: Bauer, merk auf! 6: Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. Es spielt das kleine Dresdner Orchester. In der Pause 7: Nachrichten. 8.10: Gymmnastik. 8.25: Kleine Ratschläge für Küche und Haus. 8.40: Froher Klang zur Werkpause. Ausführung: Das Orchester des Reichssenders Königsberg. 10: Schulfunk. Volksliedstngen, Liederblatt 2. 11.40: Ruf ins Land. 12: Mittagskonzert. Es spielt das kleine Rundfunkorchester. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Musikalische Stippvisite (Jndustrie-Schall- platten und Eigenaufnahmen). 14.45: Für unsere Kinder: Lustig ist's norm Wetterhäuschen. 16: Nachmittagskonzert „Klänge aus deutscher Landschaft". Einlage 17 bis 17.10: Bücher, von denen man spricht. 18: Was geschieht mit den Begabten? Der Sender fragt — Männer aus Partei, Staat und Wirtschaft antworten. 18.30: Ist es draußen
Hine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin
12 Fortsetzung. (Nachdruck verboten ) .
Es saßen nur wenig Leute in dem Lokal. Sie aß ohne Appetit und sehr langsam, um die Zeit hinzu- bringen, denn der Tag lag endlos vor ihr. Aber auch die längste Mahlzeit nimmt einmal ein Ende, und so fand sie sich schließlich wieder auf der Straße und ging ziemlich planlos geradeaus, bis sie an einem kleinen Tageskino vorbeikam. In einer plötzlichen Laune ging sie hinein. Eine Zeitlang fesselte sie der englische Film, der in Originalfassung gegeben wurde, weil sie sich bemühte, dem fremdsprachlichen Dialog zu folgen. Doch bann fand sie, daß sie das Schicksal dieser hervorragend frisierten Heldin nicht das geringste anging, stand daher ebenso plötzlich wieder auf und verließ das Kino. Draußen ging sie in einer neuen Richtung weiter. Sie ging nun mit elastischen und bestimmten Schritten wie jemand, der ein festes Ziel vor Augen hat.
Und doch war ihr dieses Ziel nicht bewußt gewesen, denn als sie sich mit einem Male der hell- erleuchteten Front des Palasthotels gegenüberfanb, blieb sie wie erstarrt vor Schreck stehen. Es machte einen sehr festlichen und fröhlichen Eindruck, dieses hellerleuchtete Hotel; es war nicht der geringste Grund, es wie etwas Unheimliches, Gefährliches anzustarren. Und ebensowenig hatte das Herz einen Grund, wie ein Hammer hoch im Halse zu schlagen. Die Lichter schienen in eine riesige, funkelnde Wand verwandelt, die vor ihren Augen auf und ab flimmerte, dann ließ das Schwindelgefühl nach. Sie schluckte ein paarmal schwer und ging mit kleinen, vorsichtigen Schritten über die Straße, bis sie vor dem Hoteleingang stand. Eine große Tafel schrie ihr entgegen: Joe Mikeny — zum Tee — heute — viereinhalb Uhr!
Wie spät war es jetzt? Sie wandte den Kopf zu der großen Normaluhr auf der anderen Seite der Straße, vier Uhr zwanzig zeigte sie. Da war Joe vermutlich schon drin — ober er kam jeben Augenblick — sehr pünktlich war er ja nie gewesen. Erschreckt machte sie ein paar heftige Schritte zur Seite, als eine Männergestalt im Vorbeigehen sie streifte. Gott sei Dank, es war ein Fremder, der durch die Drehtür verschwand, irgendein Gast, der den berühmten Mikeny spielen hören wollte. Warum sollte sie eigentlich nicht auch ... Der Saal war so
groß, daß er sie bestimmt nicht erkennen würde. Wie er wohl aussehen mag? Ob er noch diese elegante Bewegung hat, mit der er den Bogen an- setzte, und noch — noch dieses Lächeln?
Wie unter einem Zwange kam sie wieder näher und stand bann dicht vor bet Schwingtür, bie neben ber Drehtür ins Innere führt. Sie sah burch bie Scheibe; ber Page auf ber anberen Seite nahm an, baß sie hereinkommen wollte, und riß zuvorkommend den Flügel auf. Dina schreckte zurück, starrte den Jungen in ber hellblauen Jacke fassungslos an, bann machte sie kehrt und jagte wie gehetzt davon. Kopfschüttelnd sah ihr der Page nach. „Komische Nummer!" brummte er vor sich hin, bann nahm ihn sein Dienst roieber in Anspruch.
Dina kam erst richtig zur Besinnung, als sie in den Stuhl sank, ber vor ihrem kleinen Schreibtisch stand. Sie keuchte wie nach schwerer körperlicher Anstrengung; dabei war sie fast den ganzen Weg in einer Droschke gefahren, weil ihre Beine glatt versagt hatten. Das vertraute Zimmer, bie Stille ber leeren Wohnung lösten endlich bie Spannung, unter ber sie gelitten, seit Margit ihr als Abschiebsgruß zugerufen hatte: „Mikeny kommt nach Berlin!" Sie legte bie Arme auf den Tisch, ließ ihren Kopf vom überfallen unb meinte hilflos unb verzweifelt vor sich hin.
Ob sie bie ganze Zeit gemeint hatte ober ob sie eingeschlafen mar — jedenfalls als sie den Kopf wieder hob, zeigte bie kleine Uhr auf bem Schreibtisch genau bie sechste Stunde. Sie horchte einen Augenblick, irgendein Geräusch hatte |ie aufge- schreckt — da war es roieber — bas Telephon! STe schob sich schwerfällig mit steifen ©Hebern und ging auf die Diele hinaus, wo das Telephon schon wieder rief. Müde ergriff sie den Hörer unb melbete sich mit ber Nummer, aber ihre zusammengesunkene Gestalt straffte sich, als eine Männerstimme nach Frau Wegener fragte.
„Ich bin selbst am Apparat."
„Hier ist Holk! Ich wollte ..."
„Ich habe Sie sofort an der Stimme erkannt", unterbrach Dina, „und ich freue mich, baß ich Ihnen nun gleich sagen kann, welche Freude Sie mir mit den Blumen gemacht haben. Es ist ein richtiger kleiner Garten in meinem Zimmer. Vielen, vielen Dank!"
„Wenn Sie Ihnen Freube machten, haben sie ihren Zweck, erfüllt. Sie sind also tatsächlich allein?"
„Ja, aber Ihre Blumen sind eine rounberhübsche Gesellschaft."
„Da scheine ich mir ja eine schwere Konkurrenz auf den Hals geladen zu haben, denn ich hoffte,
daß Ihr Alleinsein Sie geneigt machen würde, mir ben morgigen Nachmittag zu schenken."
„Das ginge vielleicht trotz ber Konkurrenz", sagte Dina unb wußte nicht, wie froh ihre Stimme klang. „Aber müssen Sie sich nicht Ihrer Frau Mutter widmen?"
„Meine Mutter hat morgen nachmittag Bridge- kränzchen; dabei bin ich überflüssig. Nun irre ich einsam umher, wenn Sie sich meiner nicht erbarmen."
„Und wann unb wo soll ich mich erbarmen?"
„Ich roar heute mit meiner Mutte draußen im Wald. Sie in ber Stadt wissen nicht, wie schön dieser verschneite Wald ist. Darum wollte ich eigentlich einen größeren Spaziergang Vorschlägen mit anschließendem Kaffee."
„Herrlich!" Man hörte ihrer Stimme an, daß ihre Begeisterung echt roar. „Ich laufe mich gern mal ordentlich aus. Soll ich nach Potsdam kommen?"
„Wenn es Ihnen nicht zu unbequem ist? Wir sind von hier aus am raschesten draußen."
„Gar nicht unbequem. Die Stadtbahn brauche ich ohnehin, unb ob ich nun zehn Minuten früher ober später aussteige, bas ist schließlich gleichgültig. Wann tomrtien bie Bribgedamen?"
„Danach können wir uns nicht richten. Wir müssen mit ber frühen Dunkelheit rechnen."
„Das stimmt. Also, wann essen Sie zu Mittag?" „Um ein Uhr."
„Gut. Dann werde ich um zwei in Potsbam sein. Ist's recht?"
„Großartig. Ich bin an der Bahn."
„Mutter", sagte Peter Holk, als er wieder ins Wohnzimmer trat, „kannst du es wohl einrichten, daß wir morgen spätestens um eins essen? Ich — ich habe für ben Nachmittag etwas vor."
Seine Mutter sah über die Brille zu ihm hin. Sie sah ben frohen Ausdruck auf seinem Gesicht unb hatte immerhin einiges von bem Gespräch gehört. Sie lächelte freunblich: „Natürlich geht es, mein Jung, ich werde pünktlich sein."
Sie war pünklich. Sie war sogar sehr pünktlich, denn als Holk am Bahnhof anlangte, blieben noch sieben Minuten bis zur Ankunft des Zuges. Diese lieben Minuten verwendete er darauf, sich über sich selbst zu wundern. Er, Peter Holk, sechsunddreißig Jahre alt und hoffnungsloser Junggeselle, wie alle Bekannten behaupteten, stand hier unb wartete auf eine Frau, die er ganze dreimal gesehen hatte, und roar so aufgeregt wie ein Primaner vor bem ersten Stelldichein. Dabei roar er in bezug auf Frauen durchaus nicht unerfahren.
Wenn jemand so viel herumkommt und leidlich aussieht, ergibt sich das ganz von selbst. Er sah täglich vom Fenster seines Dienstzimmers aus Frauen aus den Flugzeugen steigen, schöne und häßliche, alte und junge, unb nie hatte er mehr als einen flüchtigen Blick für sie gehabt. Unb eines Tages kam eine Frau, weder befonbers schön noch befonbers elegant, und doch war an dieser Frau etwas — er war richtiggehend nervös geworden bei dem Gedanken, sie könnte nicht mehr in der Buchhandlung sein. Nervös — er, dessen Bombenruhe in allen Lagen bei der Scadta geradezu sprichwörtlich war. Und jetzt ist er wieder nervös.
Weiter kam er nicht in seinen Betrachtungen, denn der Zug lief ein. Er erkannte sie sofort, ob- wohl sie sich äußerlich sehr verändert hatte. Bisher hatte er sie nur Schwarz gesehen; heute trug sie einen dreiviertellangen Mantel aus grauem Bueno- Breitschwanz, sportlich geschnitten, darunter ein grünes Wollkleid und hohe, hellgraue Russenstiefel. Sie erschien in der flotten Aufmachung |ehr viel jünger, ihr Gesicht war heute frisch, und ihre Augen strahlten ihm freundlich entgegen.
„Wen haben wir denn da?- fragte sie, nach der Begrüßung auf einen heftig wedelnden kleinen irischen Terrier deutend, den Holk an der Leine hatte.
„Er gehört meiner Mutter und möchte gern die Gelegenheit benutzen, sich auszulaufen, ein verwöhnter junger Mann, der gelegentlich auf den Namen „Schnurzei" hört. Hoffentlich stört er sie nicht."
„Im Gegenteil, ich habe Hunde sehr gern", sagte Dina erfreut unb beugte sich zu dem Terrier nieber. Schnurzel beschnüffelte sie eingehend, bann hob er sich auf die Hinterbeine und drückte seine jchnee- nassen Vorderpfoten innig auf ihren Pelz. Das hieß in seiner Sprache:^ Angenommen!
„Aber lassen Sie doch!" wehrte sie ab, als Holk den Hund zurücknehmen wollte. „Ich freue mich daß er so rasch Zutrauen gefaßt hat. Wohin führen Sie mich nun?" fragte sie, während sie über den Bahnhofsplatz gingen.
„Wollen Sie sich erst ausruhen, oder wollen wir gleich gehen?" fragte er zurück.
„Gehen natürlich! Ich habe lange genug in der Bahn gesessen."
„Was darf ich Ihnen zumuten — eine Stunde anderthalb —zwei?"
„Zwei ohne weiteres. Ich lauf gern."
„Dann schlage ich vor, wir nehmen die Straßenbahn bis Rehbrücke unb gehen von dort aus durch den Wald über die Raoensberge zurück. Kaffee trinken wir nachher in der Stadt."
(Fortsetzung folgt.)


