Ausgabe 
25.4.1939
 
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Dienst der Sache unserer Heimat gestellt. Er unter­richtet gegenwärtig an der Landwirtschaftsschule zu Nidda.

Ueber sein Wirken als Lehrer hinaus war er einer der eifrigsten Förderer der Bienenzucht in Oberhessen. Für die Imker ist er derBienenvater Runk". Schon als Zehnjähriger begann er sich für die Imkerei zu interessieren, und er ist ihr treu geblieben bis auf den heutigen Tag. Bei keiner größeren Fmkertagung der Landesfachgruppe der Imker, bei keiner Reichstagung fehlt er, und so ist er in Kreisen der Imker bekannt geworden im gan­zen Reich. Auf sein Urteil wird große Stücke ge­halten, sein Rat wird gerne gehört. Seit dem Jahre 1931 ist er Schriftleiter der ZeitschriftDie Hessische Biene". Er hat damit viel Gelegenheit, zu seinen Imkern zu sprechen. ,

Und schließlich darf nicht vergessen werden, daß Vater Runk ein Oberhesse ist von echtem Schrot und Korn. Mit seinen eigenen Gedichten in ober- "'hessifcher Mundart hat er schon vielen Menschen große Freude bereitet. Die Menschen unserer Heimat sind ihm vertraut wie keinem anderen. Aus Anlaß seines 70. Geburtstages werden ihm viele Glück­wünsche in das Haus flattern und ihm erneut die Verehrung und Wertschätzung beweisen, die er über­all genießt. Auch wir beglückwünschen ihn zu seinem 70. Geburtstag auf das herzlichste.

Sauleiter Sprenger zeichnet Betriebe aus.

RSG. Im Bürgersaal des Rathauses zu Frank­furt a. M. findet cm Mittwoch, 26. April, 15 Uhr, unter Leitung des Gauobmanns der Deutschen Ar­beitsfront, Willy Becker, eine feierliche Sitzung der Arbeitskammer Hessen-Nassau statt. Im Mittel­punkt dieser Tagung steht eine Rede des Gauleiters und Reichsstatthalters Sprenger, der anschlie­ßend eine große Zahl von Gaudiplomen für her­vorragende Leistungen an Betriebe des Rhein- Main-Gebietes überreicht. An der Tagung nehmen die Mitglieder der Arbeitskammer Hessen-Nassau, zahlreiche Ehrengäste aus den Reihen der Partei, der Wehrmacht und der Behörden sowie die Be­triebsführer und Betriebsobmänner der Muster­betriebe, der Gaudiplombetriebe und der auszuzeich­nenden Betriebe Hessen-Nassaus teil. In Anbetracht ihrer Bedeutung wird die Tagung festlich ausge­staltet.

Mit der Veranstcltung findet der Leistungskampf der deutschen Betriebe 1938/39 für das Rhein-Main- Gebiet seinen Abschluß, auf den am Vorabend des 1 Mai die Auszeichnung der Musterbetriebe in der Reichsarbeitskammersitzung in Berlin folgt. Aus­zeichnungen durch die verschiedenen Leistungsabzei­chen werden allerdings laufend weiter oorgenom- men.

Feier der Einweihung

deö Standortlazaretts ließen.

Am morgigen Mittwoch um 15 Uhr findet die feierliche Einweihung und Uebergabe des Standort­lazaretts statt. Zu der Feier, die in größerem Rah­men stattfinden wird, werden der Kommandierende General des IX. Armeekorps, General der Artillerie Dollmann, der Gruppenarzt VI, Generalarzt Dr. Meyer (Hannover), Generalarzt Dr. Re- mus (Kassel), der Korpsarzt des IX. Armeekorps, ferner der Amtschef des Heeresverwaltungsamtes, Ministerialrat Z i e s e n i ß (Berlin) erscheinen. Selbstverständlich nehmen auch die Partei und ihre Gliederungen an der Feier der Einweihung teil.

Die Feier wird durch das Musikkorps des In­fanterie-Regiments 116 eingeleitet. Sodann folgt die Begrüßungsansprache durch Oberfeldarzt Dr. Strenger. Regierungsbaurat Eisen Hardt wird dann das Lazarett im Auftrag des Heeres- bauamtes übergeben und Oberfeldarzt Dr. Stren­ger wird es mit kurzer Ansprache übernehmen. Die Festrede hält der Divisionsarzt der £ Division, Oberstarzt Dr. Wolkewitz. Dann findet eine Führung durch das Lazarett statt. Am Abend wird ein Kameradschaftsabend alle Teilnehmer vereini­gen. (Am frühen Morgen geht der Feier ein Appell der Sanitätsstaffel mit Flaggenhifsung voraus.)

Heimatabend in Gießen - Klein - Linden.

Die Ortsfachgruppe Klein-Linden derH e i m a t- vereinigung Schiffenberg" hielt im Saale der WirtschaftZur Burg" einen gutbefuch- ten Heimatabend ab. Nach einem Eröffnungsmarsch begrüßte der Leiter der Ort fachgruppe Klein-Lin­den, Lehrer Rau, die Teilnehmer, insbesondere die zahlreichen Ehrengäste und betonte, daß die Veranstaltung dazu dienen solle, dne Heimatge­danken zu vertiefen und mitzuhelfen, daß unser Volk seine Heimat immer mehr lieben lerne.

Der GesangvereinHarmonie", der sich für den Abend zur Verfügung gestellt hatte, erfreute zu­nächst als Männerchor durch einen vaterländischen Liedoortrag. Anschließend hielt Oberforstmeister i. R. und Beigeordneter der Stadt Gießen, Nicolaus, eine Ansprache. Er übermittelte als Vertreter der Stadt Gießen die Grüße des Oberbürgermeisters und gab feiner'Freude darüber Ausdruck, daß et Gelegenheit habe, mit den Bewohnern des jetzt zu Gießen gehörigen Ortes ein paar frohe Stunden zu verleben. Hoffentlich würden sich die neuen Mit­bürger von Gießen bald von den Vorteilen der Eingemeindung überzeugen.

Der Redner sprach dann als Vereinsführer der Heimatvereinigung Schiffenberg gleichzeitig auch im Namen des anwesenden Bezirksleiters des Land- schaftsbundesVolkstum und Heimat". Er dankte der Ortsgruppe Klein-Linden und ihrem rührigen Leiter, Lehrer Rau, für die vorbildliche Arbeit im Sinne des Heimatgedankens, insbesondere aber für die schöne Ausoestaltung dieses zweiten Heimat­abends. Die Pflege der Heimatliebe sei eine der schönsten Aufgaben im Dienste unseres Vaterlandes.

Nach einem MundartvortragMei Owerhesse" und einem von Mitglied W. Pfaff verfaßten und eindrucksvoll vorgetragenen GedichtMein Schiffen­

berg", hielt Lehrer Rau (Kleid-Linden) einen in­teressanten Vortrag über die Gemarkungsverhält- nisse Klein-Lindens.

Der Redner schilderte zunächst die Entstehung des OrtesLinnes", das jüngste Dorf rundum. Bei der Gründung sei die Gemarkung größer gewesen. 1812 habe Klein-Linden nach einem ungünstig ausge­gangenen Rechtsstreit Land an die Stadt Gießen abgeben müssen. 1925 sei beinahe ein ähnlicher Fall eingetreten. Durch die Feldbereiniaung sei Allen- darf a. d. Lahn beinahe an Klein-Linden herange­kommen. Die Gemeinde Klein-Linden verfüge über 1176 Morgen Land, aber es sei nur ein Erbhof vorhanden und mir sechs Landwirte hätten über 20 Morgen Land. Der überwiegende Teil der Ein­wohner verdiene sein Brot bei der Reichsbahn. Der Redner unternahm dann an Hand einer Zeich­nung einen Gang durch die Fluren, erläuterte die einzelnen Gewannbezeichnungen nach ihrem Ur­sprung. Diele ursprüngliche Bezeichnungen seien verlorengegangen. Aus dem Namen ließen sich oft Schlüsse auf Beschaffenheit und Kultur des Landes ziehen.

Zum Schluß regte der Redner wieder die früher üblichen Gemarkungsgänge, an und wies auf die Schönheiten der Umgebung von Klein-Linden hin. Nach weiteren musikalischen Darbietungen, Gesangs- vorträgen des gemischten Chors derHarmonia", Gedichtvorträgen und gemeinsamen Liedern, alles auf Volkstum und Heimat abgestimmt, sprach Ober­forstmeister Nicolaus in einem kurzen Schluß­wort allen Mitwirkenden Dank aus mit dem Wunsch, daß sich an allen Orten unseres Vater­landes Menschen finden möchten, die den Heimat­gedanken in so vorbildlicher Weise pflegen würden, wie dies in Klein-Linden der Fall sei.

Prüfung zum Erwerb des SA-Tlachrichtenscheines in Gießen. Für den vergangenen Sonntag war von der Grppe Hessen im Morsesaal der SA.-Brigade 147 in Gießen eine Prüfung zur Ergänzung des SA.- Nachrichtenscheines angesetzt, an der insgesamt 14 Prüflinge aus dem Gruppenbereiche teilnahmen. Der Referent für das Nachrichtenwesen der SA.- Gruppe Hessen, Sturmhauptführer D o p p e r t, sprach über den Zweck des SA.-Nachrichtenscheines und betonte, daß die Erlangung dieses Scheines den Inhaber berechtige, bei den Nachrichtentruppen­teilen der Wehrmacht bevorzugt eingestellt zu wer­den, denn mit der Erlangung des Nachrichtenscheines sei ja die Beherrschung der Grundlagen für das ge­samte Nachrichtenwesen erbracht. Er wies weiter darauf hin, daß die Verleihung dieses Scheines nicht eine einmalige sei, sondern jeder Nachrichtenschein­inhaber müsse sich, genau wie beim SA.-Wehrab- zeichen, in gewissen Abständen immer wieder einer Wiederholungsprüfung unterziehen. Dadurch sei die Gewähr gegeben, daß jeder an sich selbst weiterarbei­ten und ständig in der Uebung bleiben müsse.

Die Prüfung selbst stellte an die Teilnehmer große Aufgaben. Die Kameraden mußten die fehlerlose Aufnahme und Abgabe je eines chiffrierten Textes in der Geschwindigkeit von mindestens 60 Buch­staben in der Minute in je drei Minutendauer be­herrschen. Als Zusatzübuna wurde dann noch in der­selben Geschwindigkeit und Zeitdauer eine Klartext­übertragung gegeben.

Die im ganzen gesehen gut abgelegte Prüfung hat gezeigt, daß die Ausbildung in dem Sturm Na/116 sehr gut und gewissenhaft geschah. Um nun möglichst früh die Männer vom Nachrichtensturm auf diese Prüfungen vorzubereiten, hat der Sturm drei Unter­führer zur Ausbildung im Nachrichtenwesen der HI. zur Verfüguna gestellt. Mit dieser Ausbildung wird erreicht, daß der Wehrmacht möglichst viele junge Menschen mit schon durchgeführter Vorausbildung im Nachrichtenwesen zur Verfügung gestellt werden können.

Die innerhalb der SA.-Standarte 116 schon früher durchgeführten Einsatz- und Katastrophenübungen haben ebenfalls schon gezeigt, daß das Nachrichten­wesen innerhalb!ber SA. über einen guten und ge­wissenhaften Ausbildungsstand verfügt.

Leistungsschießen der Kriegerkameradschast 1874.

Die Kriegerkameradschast 1874 hielt ein Lei­stungsschießen innerhalb der Kameradschaft ab und konnte nun die wohlverdienten Preise den Besten ihrer Kameradschaft im Saal des Schützenhauses überreichen. Zuvor hielt der Kameradschaftsführer Stroh eine Ansprache, in der er den großen Wert des Schießens im NS.-Reichskriegerbund her­ausstellte. Ganz besonders hob er die Verdienste der beiden Schießleiter Merlau und Lutz hervor. Im diesjährigen Wettkampf wird erwartet, daß sich die noch wehrfähigen Kameraden stärker an die­sem Wettkampf beteiligen, damit die Kameradschaft den Platz einnimmt, der ihr zusteht. Als Sieger im Leistungskampf gingen 38 Kameraden hervor, die ersten 20 waren: 1. Hanf, 2. Schilling sen., 3. Lehr­mund, 4. Raddetz jr., 5. Fleck, 6. Raddetz sen., 7. Lutz, 8. Georg, 9. Henneken, 10. Saum, 11. Ben­der, 12. Marth, 13. Schilling jr., 14. Merlau, 15. Mohr, 16. Wagner, 17. Stroh, 18. Schauder, 19. Reiber und 20. Dähn.

Bezirksführertagung des Verbandes ehern. 4. Gardisten.

Im HotelHindenburg" tagten unter dem Vorsitz .des Bezirksführers Fulda-Werra I des Tradttions- verbandes ehemaliger Angehöriger des 4. Garde- Regiments zu Fuß, Oberst z. D. R. K o ck, des frühe­ren Kommandeurs des Füsilier-Bataillons dieses Regiments, die Führer der Kameradschaften und Untergruppen des Bezirks, der Hessen-Nassau und Kurhessen umfaßt. Nach seinen Begrüßungsworten überreichte er den Kameraden E. Lehmbecker (Kassel) und Hauptlehrer Karl Rupp (Aßlar) die goldene Bundesnadel. In einem Rückblick auf die Entwicklung des dem NS.-Reichskriegerbund ange­schlossenen Traditionsverbandes erinnerte er daran, daß der jetzt umorganisierte Bezirksverband, zu dem früher noch das Siegener Land gehörte, auf ein zehnjähriges Bestehen zurückblicken kann. Nachdem durch die Initiative von Oberst Kock in Wetzlar eine Gardekameradschaft ins Leben gerufen worden war, entstand 1929 der Bezirksverband, durch den trotz der Wirren von damals ein festes Band der Kame­radschaft um alle Angehörigen des ehemalsblauen

Regiments" und derjenigen des Ref.-Jnf.-Regts. 93, das aus den Reihen des 4. Garde-Regts. zu Fuß her­vorgegangen ist, das bis auf den heutigen Tag er­halten blieb. Der Bezirksführer gedachte sodann der großen politischen Ereignisse seit 1933 und sprach da­von, wie die alten Soldaten ihre Pflicht erfüllten, es in Zukunft ebenfalls tun werden und .mit Stolz auf die junge Wehrmacht sehen. Oberst Kock sprach über die Aufgaben der Pflege der Tradition und der Be­treuung des Regimentsdenkmals für die Gefallenen und gab einige Richtlinien für die weitere Arbeit.

Anschließend erstatteten die Kameradschaftsführer Bericht. Daraus ging u. a. hervor, daß die 4er-Gar- disten trotz der weiten Entfernungen die Kamerad­schaft aufrechterhakten. Wo genügend Kameraden am Platze wohnen, wie in Frankfurt a. M. und Kassel, sind die Kameradschaften selbständig geblieben, an anderen Orten, wie z. B. in Gießen und Wetzlar haben sie sich mit den Kameraden anderer Garde- Regimenter zu Gardekameradschasten zusammen­geschlossen. Die Ueberführung in den NS.-Reichs­kriegerbund ist durchgeführt.

Hierauf wurden die Vorarbeiten für die Feier des 80jährigen Bestehens des 4. Garde-Regts. am 5. und 6. Mai '1940 in Berlin besprochen.

Kameradschaftsführer Rindsfuß (Frankfurt am Main), der über ausgezeichnete Schießleistungen und Erträge der Fechtsammlungen berichten konnte, svrach Oberst Kock anläßlich seines goldenen Mili­tärjubiläums die herzlichsten Glückwünsche aller Ka­meraden aus und sagte ihm Dank für alles, was er für die Pflege der Trdaition des 4. Garde-Regts. und darüber hinaus für die ganze Garde geleistet hat.

Gießener Wochenmorktpreise.

* G i e ß e n , 25. April. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, V» kg 1,60 Mark, Matte 25 bis 50 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Weißkraut, Yi kg 13 bis 15, Rotkraut 18 bis 20, Karotten 10 bis 16, Spinat 20 bis 25, Unterkohlrabi 8 bis 10, Feldsalat, Via 12 bis 15, Tomaten, kg 40 bis 50, Zwiebeln 15 bis 18, Meerrettich 40 bis 70, Schwarzwurzeln 40 bis 50, Rhabarber 25 bis 30, Kartoffeln, kg 5 bis 8 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,30 bis 3,90 Mark, Suppenhühner 90 Pf. bis 1 Mark, Blumenkohl, das Stück 30 bis 50 Pf., Salat 20 bis. 30 Pf., Salatgurken 1,20 Mark, Lauch 5 bis 12 Pf., Rettich 10 bis 15, Sellerie 20 bis 60, % kg 50, bis 55, Radieschen, das Bündel 15 bis 20 Pf.

** Von der Landesuniversität. Der ordentliche Professor am Forstinstitut der Universi­tät Gießen, Dr. Eduard Zentgraf wurde in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Frei­burg i. Br. berufen.

** Beförderungen bei der Iustiz. An­läßlich des 50. Geburtstages des Führers wurde der Kanzlist Adolf Fischer zum Verwaltungs­assistenten beim Gerichtsaefängnis in Gießen er­nannt und der Justizassistent Otto Wahl zum Justizsekretär beim Amtsgericht befördert.

** Dienstjubiläum. Am morgigen Mitt­woch, 26. April, begeht der Laborant im Veterinär- hygienischen und Tierseuchen-Jnstitut der Ludwigs- Unversität, Karl Strauch, das Jubiläum einer 25jährigen Dienstzeit. Am 26. April 1914 trat er als Laboratoriumsgehilfe in die Universitäts- Frauenklinik ein. Seit seinem llebertritt als Jn- stitutsgehilfe in das Veterinärhygienische und Tier­seuchen-Jnstitut am 1. April 1922 hat er an dem Auf- und Ausbau dieses Instituts tätigen Anteil genommen. Diese Tatsache wurde von dem Rektor der Ludwigs-Universität, sowie dem Dekan der Ve­terinärmedizinischen Fakultät gewürdigt und von dem Jnstitutsvorstand dankbar anerkannt.

** Sterbefälle in Gießen. In der Zeit vom 2. bis 14. April verstarben in unserer Stadt:

1. April Joh. Kaspar Lapp, Schuhmacher,

Abrader

wäfcht Hände

rillenfauber

Hine Frau mit Herz

Roman von Hedda Lindner

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin

U Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Das schon, aber sie konnten es sich inzwischen ja anders überlegt haben. Man hätte Sie schließlich gehen lassen, wenn Sie gewollt hätten."

Gewiß, aber ich wollte gar nicht."

Das nenne ich tüchtig. Nicht jede brächte die Energie auf, so zu arbeiten, wenn sie es nicht nötig hat."

So schlimm ist die Arbeit hier nun wieder nicht", wehrte Dina die Anerkennung ab,und außerdem Sie glauben nicht, wieviel leichter manches wird, wenn man weiß, daß man es nicht nötig hat", setzte sie weise hinzu.

Da haben Sie recht. Ader dennoch: neunzig Prozent ihrer Mitschwestern hätten die drei Mo­nate nicht durchgehalten. Wie werden Sie Weih­nachten verbringen?" fragte er dann etwas zögernd.

Ganz sttll zu Hause. Ich bin froh, daß ich mich heute abend ausruhen kann."

,Lu Hause? In einem möblierten Zimmer?" fragte er zweifelnd.

Kein möbliertes Zimmer, wie man es als Schrecken der Heimlosen kennt", sagte Dina leb­haft.Ich wohne bei einer alten Geheimratswitwe, schon fast drei Jahre. Sie hat mich auf Empfehlung ihrer verheirateten Tochter, die viel bei uns lieft, ausgenommen, und ich habe ein geräumiges und durchaus bewohnbares Zimmer ohne Vertiko, Plüschdecke und gerahmten Seligen."

Wenn die alte Dame Kinder hat, wird sie dorthin gehen und sie werden ganz allein fein", stellte er fest.

Das bin ich seit vielen Jahren gewohnt", gab sie ohne jede Sentimentalität zurück.Und Sie? Haben Sie längeren Urlaub?" lenkte sie von sich ab.

Ich muß am Siebenundzwanzigsten wieder in Biringen sein."

Doch immerhin zwei Tage. Ihre Mutter wird sich freuen. Also ein recht frohes Fest!" sagte sie verabschiedend, denn der letzte Ansturm der Käufer setzte ein.

Er verstand zwar, zauderte aber.Würden Sie mir noch verraten, wo Sie wohnen?"

Gewiß", sagte Dina, denn die Leute warteten. Bei Frau Geheimrat Köhler, Gerberstraße 21,

Telefon 22 36 48", setzte sie gewohnheitsmäßig hinzu.

Telefon haben Sie auch?"

Sie meinen, zu der alten Dame paßt es nicht. Die Kinder haben es anschließen lassen, um die Mutter jederzeit erreichen zu können. Aber jetzt müssen Sie mich wirklich entschuldigen!"

Es was ziemlich spät, als Dina abgespannt nach Hause kam. Sie hatte sich freiwillig erboten, als letzte zu bleiben und den Laden aufzuräumen, was die anderen dankbar annahmen.

Und sie war froh, Beschäftigung zu haben, denn sie hatte heute die Unwahrheit gesagt, als sie Holk erzählte, das Alleinsein zu Weihnachten mache ihr nichts aus. Im Gegenteil, ihr graute vor diesen Tagen, die nicht nur eine Erinnerung wachriefen, sondern vor allem Zeit gaben, diesen Erinnerungen nachzuhängen. Ostern und Pfingsten konnte man sich auf Ausflügen müde laufen, aber Weihnachten lieferte sie wehrlos der Vergangenheit aus, und diesmal mehr denn je, denn an diesem Weihnachten spielte Mikeny zum ersten Male wieder in Berlin. Als sie die Wohnung aufschloß, war alles still. Frau Kohler weilte längst bei ihren Kindern. Auf dem kleinen Tischchen in der Diele stand ein Teller mit Pfeffernüssen und Aepfeln.

Dina lächelte wehmütig. Die gute Frau Köhler vergaß niemals diesen Teller für ihre Mieterin. Sie stellte ihn immer hier draußen auf, damit die klei­nen Kuchen im warmen Zimmer nicht zu trocken wurden. Und Dina dankte durch eine Konfekt­packung, die diesmal ziemlich groß ausgefallen war und beftimmt, genau wie die früheren, an die Enkelkinder weitergegeben wurde.

Sie ging gleich in die Küche, um Teewafser auf­zusetzen und die mitgebrachten Delikatessen auf einer kleinen Platte zu ordnen. Ein wenig festlich wollte sie den Abend hoch machen. Erst als der Kessel über öcr Flamme stand, ging sie in ihr Zimmer, um Mantel und Hut abzulegen. Als sie die Tür öff­nete, stutzte sie: Blumenduft drang ihr entgegen. Rasch schaltete sie das Licht ein und lief auf das unförmige Etwas zu, das auf dem Tisch stand. Die Papierhülle fiel und dann schrie sie unwill­kürlich leise auf vor Entzücken:. Ehriststerne, Mai­glöckchen, Tulpen und Hyazinchen prangten in einer mit Moos und Erde gefüllten großen Schale.

Sie stand eine Weile ganz still vor Ueberraschung, ehe sie nach dem Umschlag griff, der zwischen dem Blattgrün steckte und den Firmenaufdruck eines be­kannten Blumengeschäfts zeigte. Eine Karte war darin.Die Blumen sollen Ihnen Gesellschaft leisten, bamit Sie heute nicht so allein sind. Peter Holk", stand daraus.

Sie beugte sich tief über die Mumen, fühlte die Kühle der Blätter an ihrem Gesicht. Plötzlich tarnen ihr die Tränen. Unaufhaltsam rollten sie über ihr Gesicht. Sie wußte nicht, weinte sie, weil sie über­müdet war, oder weinte sie, weil jemand da war, der ihre große innere Einsamkeit erkannt hatte. Daß jemand da war, der sich darum kümmerte, wie sie den Heiligen Abend verbrachte es war wie ein Wunder.

Ein Pfeifton schreckte sie auf: der Wasserkessel in der Küche! Daran hatte sie natürlich nicht mehr gedacht. Hastig warf sie den Mantel ab und lief hinaus. Dann kam sie wieder und deckte sorgfälttg den Tisch: in die Mitte kamen die Blumen und rundherum gruppierte sie die Sachen, die sie ge­kauft hatte eigentlich mehr aus Trotz und um sich selbst zu beweisen, daß Weihnachten war. Vor­hin beim Auspacken hatte sie geglaubt, nichts davon essen zu können, und jetzt schmeckte es herrlich. Dann räumte sie wieder ab und setzte sich zu ihrem bunten Kissen in die Sofaecke. Sie dachte nicht einmal so sehr an Holk; es war ein friedvolles Vorsichhin- träumen, denn all die trüben Gedanken, die ^e sonst diesen Tag so fürchten ließen, blieben diesnM fern, besiegt von der Freude über das blühende Wunder. Und als sie etwas später die Blumen be­hutsam in einen kühlen Raum brachte und sich ins Bett legte, schlief sie wie beruhigt sofort ein.

Am nächsten Morgen erwachte sie frisch und aus- geruht wie lange nicht mehr. Ihr erster Gedanke galt den Blumen. Sie hatte einen Augenblick lang das Gefühl, geträumt zu haben. Darum warf sie rasch ihren Bademantel über und lief in den kleinen Abstellraum. Nein, es war kein Traum gewesen! Da standen sie frisch und schön wie am Abend vorher. Sie trug sie sorgfältig in ihr Zimmer und legte sich noch einmal ins Bett. Jetzt erst begann sie sich mit dem Spender zu beschäftigen. Sie lächelte ein wenig, als sie daran dachte, wie Fräu­lein Jürgen trotz dem Hochbetrieb ihre Neugier nicht hatte bezwingen können, und auch Fräulein Wolf­ram hatte ihn sehr sympathisch gefunden. Sym­pathisch das war das richtige Wort, um diesen Mann zu kennzeichnen. Sympathisch feine Art, sich zu geben, sympathisch auch das kanttge Gesicht, das immer noch die Farbe des langen Tropenaufent­halts hatte, sympathisch war es aber nicht schön. Schönheit ist etwas Seltenes ein schöner Mann läuft Gefahr, weibisch zu wirken.

Sie hatte einen Mann gekannt, der war schön, ohne... Sie zuckte wie unter einem Schmerz zu­sammen: das war es ja doch, woran sie nicht den­ken wollte! Heute war der erste Weihnachtstag, und

heute spielte Joe Mikeny zum ersten Male wieder in Berlin!

Anfangs hatte sie noch gehofft, Margit hätte sich mit ihr einen nicht sehr geschmackvollen Scherz erlaubt, aber dann brachten die Tageszeitungen die Ankündigung seines Gastspiels. In den letzten Tagen allerdings hatte sie nichts mehr darüber gelesen; vielleicht war etwas dazwischengekommen, und das Gastspiel fiel aus.

Sie sprang wieder aus dem Bett und lief eilig auf den Flur. Sie hatte doch vorhin auf dem Tischen richtig, da liegt sie ja, die Morgen­zeitung. Auf ihrem Bettrand sitzend, blätterte sie hastig um. Sie brauchte nicht «lange zu suchen. Mikeny war dem Palasthotel fast eine halbe Seite wert. Dina blickte auf die dicken schwarzen Balken, die den Namen Mikeny formten; so hat sie auch einmal geheißen, ein ganzes Jahr lang. Der Name hatte nie zu ihr gepaßt, sie hatte ihn immer wie ein Kleid, das nicht ordentlich sitzt, empfunden; es war selbstverständlich gewesen, daß sie ihren Mädchennamen zurückgenommen hatte, sobald die Scheidung ausgesprochen war.

Sie ließ die Zeitung zu Boden gleiten und legte sich in die Kissen zurück. Er war also wieder in Berlin! Ob er sich sehr verändert hat in diesen fünf Jahren? Wohl kaum! Sie könnte sich nicht DorfteUen, daß ein Mensch wie Joe sich jemals ändern würde. Er bezauberte alle Leute, die in feinen Kreis traten oder fast alle. Männer wie ihr Vater lehnten ihn natürlich ab. Und Holk würde ihn wohl auch ablehnen. Es gibt kaum größere Gegensätze, dachte sie weiter, Holk ist die Zuverlässig- kett selbst. Man hat ein warmes Gefühl der Sicher­heit, wenn man sich feine Stimme, seine Erschei­nung vergegenwärtigt. Wenn man an Mikeny denkt, hat man kein Gefühl der Sicherheit, wahrhaftig nicht aber ein ganz wunderliches Herzklopfen, wie man es als Kind hatte, wenn man etwas Verbotenes tun wollte und doch nicht recht den Mut dazu fand. Es ist besser, nicht an Mikeny zu denken; auch Narben können schmerzen, selbst wenn sie lange verheilt sind.

Sie sprang mit energischem Entschluß endgültig aus dem Bett und kleidete sich an. Es gab. allerhand zu kramen und zu nähen, und als sie endlich aus dem Hause ging, war die Mittagszeit fast vorüber. Sie wählte darum ein Restaurant, das in der Nähe lag; sie wollte etwas essen und dann einen großen Spaziergang machen. Es war ein klarer, kalter Tag. Ordentlich durchfrieren wollte sie, das brachte am besten über lästige Gedanken hinweg.

(Fortsetzung folgt.)