Nr. 72 Drittes Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhchen)
25./26.mör5195Q
Aus Der Stadt Gießen
Alte Briefe...
Eines Tages liegen sie plötzlich vor dir als du vor Aufroumungswut besessen, in alten Truhen und Kommodenschubladen stöbertest und schwurst den ganzen alten ..Plunder", der sich sonst noch da her- umtrieb zu verbrennen. Ein stattliches Bündel alter Briefe ist s beileibe keine Liebesbriefe denn wo du die vor neugierigen Augen und Händen bewahrt hast, das weißt du ganz genau.
Nein, diese sind zum Teil noch viel älter, wie du bemi ersten, flüchtigen Durchblättern feststellst, und daran mag s liegen, daß aus dem flüchtigen Hinschauen ein gründliches Hineinoertiefen wird. Zettel sind noch dazwischen aus der Schulzeit, von Kameraden von einst, womöglich während der Schulstunden hingekritzelt an Tagen, wo du einmal nicht in der Schule warst und doch von allem genau unterrichtet sein mußtest! Da bist du noch angeredet mit dem alten Spitznamen, den du längst vergessen hattest, niemand hat dich mehr so genannt im späten Leben. Schmunzelnd liest du von Streichen, bei denen du begeistert in fröhlicher Ausgelassenheit mitgewirkt hast, und die nun schalkhaft blinzelnd aus diesen Zeilen dich ansehn: Weißt du noch? Da — Briefe aus der Tanzstundenzeit — mit (damals!) fabelhaft wichtigen Erlebnissen angefüllt; Namen klingen auf, die, längst deinem Gedächtnis entschwunden, neu geweckt werden; manche der Jungen, die da genannt werden, sind in Flandern oder in den Karpathen geblieben. — Hier ein Bildchen des Nachbarhauses von einst, wo du viel frohe Stunden deiner Kindheit verlebtest, demzuliebe Vu manche elterlichen Prügel bezogst, weil du mehr dort als idaheim warst. Und du liest — Zeit und Raum sind versunken, und wie mit leisen Glockenstimmen Iklingt's herauf: Aus der Jugendzeit, aus der Ju- igendzeit ...
Mitternacht ist längst vorüber, als du aufschreckst won einem fernen Ton. Was ist? War's nicht eine »Kinderstimme? Eins deiner Kinder ist wach gewor- Den und rief nach dir. Und der Ton, der wie von fernher an dein Ohr schlug, drang doch nur aus Dem Zimmer nebenan. Die Kinderstimme — nicht iim Raum war sie fern, sie war fern in der Zeit, zwanzig — fünfundzwanzig Jahre lagen ja zwischen Diesen Briefen und denr< Heute, trennten dich von Deinen Kindern, du warst ja mitten drin im goldnen Zuäendland, an dem sie noch kein Teil hatten.
Langsam, sehr langsam öffnest du die Ofentür, anqsam nacheinander gleiten sie hinein, die alten Briefe. Und mit der aufschießenden reinen hohen Flamme scheint dich noch einmal deine Jugend zu grüßen. G. Sch.
Neuer Kommandeur der Schutzpolizei in Giehen.
Mit Wirkung vom 1. April 1939 wurde der Major .«er Schutzpolizei, H e l l w e g.e - E m d e n, von Cux- lafen, als Kommandeur.der Schutzpolizei in Gießen lierher versetzt. In dieser Eigenschaft übernimmt Lolizeimajor Hellwege-Emden auch die Füh- pjng der Geschäfte des Direktors der Polizeidirektion Stießen.
Als ehemaliger Angehöriger der Besatzung des mhmreichen Kreuzers „Emden" unserer alten Kriegsmarine hat Polizeimojor Hellwege das '. .echt, seinem Familiennamen das Zusatzwort „Em- ten" anzufügen.
platrkomerie.
Anläßlich der Reichsstraßensammlung der DAF. siielen folgende Musikzüge:
Am Samstag von 15.30 bis 16.30 Fliegerhorst- pelle auf dem Ludwigsplatz;
von 16 bis 17 Uhr das Musikkorps J R. 116 cm Kreuzplatz; von 16 bis 17 Uhr die Werkscharkipelle der DAF., Abt Luftfahrt, Bahnhofsplatz;
loon 17 bis 18 Uhr die Kreiskapelle der ll'SDAP am Selterstor.
Kinderlandverschickung. — Hitler-Freiplatzspende.
©te Aufwendungen der RGB. Gau Hessen-Nassau für die Gesunderhaltung des Volkes.
Während die Maßnahmen für das Winterhilfs- merf 1938/39 in diesem Monat ihren Abschluß fin- den sind bereits neben den das ganze Jahr hindurch laufenden Arbeiten der NS.-Volkswohlfahrt alle Vorbereitungen getroffen, um die Sommer- arbeit im Gau Hessen-Nassau wiederum zu einem vollen Erfolg zu führen. Im Rahmen dieser Arbeit gilt es auch in diesem Jahre wieder, für einige tausend Kinder die notwendigen P flegelt e l len und für verdiente Partei- und Volksgenossen ausreichende und geeignete Gastplätze für f 1G r r e' P n Ö f P e n ö e zu beschaffen.
ln diesen Tagen bereits die Blockwalter der NvV. überall vorsprechen, um die Meldung von Freiplätzen entgegenzunehmen, ist es interessant, einmal zu erfahren, welche Ausmaße diese Erholungseinrichtung der NSV. in unserem Gau im vergangenen Sommer angenommen hat.
Im Gau Hessen-Nassau wurden im Sommer 1938 insgesamt 16 017 Kinder-Pflege st eilen jur Verfügung gestellt. Darunter waren 3185 Pslegestellen für Kinder aus der Ostmark. Die Aufnahme von Kindern aus dem Sudetenland mußte unterbleiben, da die an verschiedenen Stellen des Gaues aufgetretene spinale Kinderlähmung es nicht ratsam erscheinen ließ, während dieser Zeit Kinder mit gesundheitlicher Schwächung bei uns unterzubringen. Immerhin sind die zur Verfügung gestellten rund 16 000 Kinderpflegestellen, von denen ausnahmslos Gebrauch gemacht wurde, ein Beweis dafür, daß die Bevölkerung des Gaues Hessen-Nassau sich voll und ganz bewußt ist, welche hohe Bedeu
Dec Optiker am -Bahnhof!
Mit Hans Carossa im Goethe-Bund
wurde ein Bettag von 65 811,34 RM. für Hitler- Freiplatzspende ausgegeben. Ein Betrag, der in positiver Weise für die Kräftigung und Gesunderhaltung verdienter Volksgenossen bestens angewandt wurde.
In diesen Tagen gehen die ehrenamtlichen Helfer und Walter der NSV. zu allen denjenigen, von denen sie erwarten können, daß sie in der Lage sind, in diesem Jahre einen Freiplatz für ein Kind, oder einen Erwachsenen der NSV. zur Verfügung zu stellen. Denke jeder daran, daß auch diese im Dienste der Volksgemeinschaft geleistete ehrenamtliche Arbeit, diese von der Freizeit geopferten Stunden Werte darstellen, die mit zu den Gesamtleistungen der NSV. gezählt werden müssen. Dies sind Leistungen, die der NS.-Volkswohlfahrt das Recht geben, alle diejenigen zur Mitarbeit aufzufordern, die in der Lage find, einen Gastplatz zur Verfügung zu stellen. Dadurch beweisen sie, daß sie dem Geleisteten ihre Anerkennung zollen.
Die Hitler-Fr eiplatzspende wurde nn Jahre 1938 in ähnlicher Weise durchgeführt, wie die Kinderlandverschickung. Erholungspflege und Gastrecht sind die auch ihr unterliegenden tragenden Tendenzen. Aus allen Beoölkerungskreisen wurden Gastplätze zur Verfügung gestellt. Die ansehnliche Anzahl von 63 21 Freiplätzen enthält auch diejenigen für Volksgenossen aus der Ostmark. Insgesamt 22 Urlauberkameradschaften wurden in den landschaftlich schönsten Teilen unseres Gaues untergebracht und konnten dort einige sorgenlose Wochen in kameradschaftlichem Beisammensein verleben. In andere Gaue wurden 2 4 62 Partei- und Volksgenossen verschickt. Durch die NSV.
Unser Bild gibt einen Ausschnitt aus der zwanglosen Tischrunde, die sich gestern, nach der Feierstunde in der Aula, um den Goethepreisträger Hans Carossa versammelt hatte. Man sieht den Dichter (Bildmitte) eben ein Autogramm schreiben. An seiner Linken: Professor Kippenberg; rechts von Carossa Oberbürgermeister R'itter, Dr. Henning, Regie- " rungsrat Schlecht im Gespräch mit Bürgermeister Professor Dr. Hamm (vorn rechts).
An der hinteren Tischecke sieht man den Dichter Felix Timmermans schreiben. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Dornoiizen.
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater: 20 bis nach 22 Uhr Gastspiel Die 8 Entfesselten „Mensch, paß auf". — Gießener Goethe-Festwoche: 19.30 Uhr im Club Festlicher Abend. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Prinzessin Sissy". —- Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Der grüne Kaiser". — Männerbadeoerein Gießen: 20.30 Uhr „Zum Andres" Generalversammlung. — Deutsche Stenographenschaft, Ortsverein Gießen: 20.30 Uhr „Zum Rebstock" in Großen-Linden Tanz- und Unterhaltungsabend. — Frühjahrsmarkt (Schaumesse) auf Oswaldsgarten.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 11.30 bis 12.30 Uhr: Abschluß der Gießener Goethe-Festwoche „Der Bürgergeneral". 19 bis gegen 22 Uhr „Die lustige Witwe". — Glo- ria-Palast (Seltersweg): „Prinzessin Sissy"; 11 Uhr Breslau-Film. — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): "Der grüne Kaiser". — Schluß des Frühjahrsmarktes (Schaumesse) auf Oswaldsgarten.
Gießener Goethe-Festwoche.
Der Goethe-Bund bittet uns mitzuteilen: Infolge Spielplanänderung der Staatsoper Berlin wird am Festabend an Stelle von Ilse Meudtner die 1. Solotänzerin der Staatsoper Berlin, Manon Ehr fuhr, tanzen.
Die 8 Entfesselten im Stadllhealer.
Heute abend findet im Stadttheater ein einmaliges Gastspiel der parodistischen Zeitbühne „Die 8 Entfesselten" statt. „Die 8 Entfesselten" sind in Gießen nicht mehr unbekannt. Das heutige Gastspiel
tung der Kinderlandverschickung als Erholungsein- richtung, wie auch als gemeinschaftsbildender Faktor beizumessen ist.
Im gleichen Sommer wurden aus unserem Gau 8395 Kinder zur Erholung in Andere G a u e , z. B. Kurmark, Westfalen-Nord, Schleswig-Holstein und Baden, verschickt. Die jeweils festgestellten Körpergewichte, die durchschnittlich eine erhebliche Zunahme aufwiesen, mögen ein Beweis dafür sein, wie wohltuend sich die Kinderlandoerschickung auf unsere Jugend auswirkt, ganz abgesehen davon, daß der Gesichtskreis jedes einzelnen Kindes sich weitet und die Eindrücke und Erlebnisse sein zukünftiges Leben beeinflussen und es zu seinem Nutzen formen.
Abgesehen von der Mühewaltung, die der NS.- Volkswohlfahrt durch die Beschaffung von Pflegestellen entsteht, und dem unberechenbaren Wert der in dem ehrenamtlichen Einsatz der Helfer und Walter der NSV. begründet liegt, wurden an Bar- ausgaben für Transportkosten der Kinder und Begleiter 159 242 RM. aufgewandt. Dazu kommen die Kosten für Einkleidung und Anschaffungen für die Kinder aus der Ostmark in Höhe von 134 000 Mark, so daß die NS.-Volkswohlfahrt also weit über eine Viertelmillion Re ichsmark allein für die Kinderlandverschickung im Gau Hessen-Nassau verausgabt hat. Eine Summe, die für höchste ideelle Werte, nämlich die Gesunderhaltung unserer Jugend und die Verwirklichung der Volksgemeinschaft, ausgegeben wurde.
dyrer Krankenkasse
Gießener Goethe-Festwoche.
Feierstunde mit Hans Carossa.
Die Peranstaltungen der Gießener Goethe-Fest- irsche fanden einen so würdigen wie repräsentativen hl-hepunkt in der Feierstunde mit Hans Carossa. Die 8:i ue Aula, mit Fahnen und dunklem Grün geschmückt, wir von Mitgliedern, Freunden und Gästen des jubilierenden Goethe-Bundes dicht besetzt, als bie Klänge
Brandenburgischen Konzerts Nr. J von Johann kibastian Bach, durch das Städtische Orchester unter Leitung von Kapellmeister Paul Walter klangschön iim Vortrage gebracht, den Abend intonierten. Tar- ii entbot der Vereinsleiter Dr. Otto Henning im V'itrage und im Namen des Bundes herzlichen Gruß cijalle, die sich zu gemeinsamem Erlebnis zusammen- ziintben hatten; er erkannte den Sinn der^Kultur- xneinschaft des Bundes in der Verpflichtung, Werk Ltti Erbe Goethes zu bewahren — inmitten der cornttumspslege des heutigen Staates, der wie iif: anderer Kunst und Kultur in seine Obhut ge- ronmen habe. Die Feierstunde solle bekunden, daß <ntthe für unser Volk nicht Vergangenheit, sondern <ie;enwart bedeute, wie Hans Carossa in seinem Ertrage feinsinnig darlegen werde. So solle die !?e^rstunde unser Bekenntnis zum Genius Goethes n zur deutschen Dichtung sein.
‘üer stellvertretende Leiter der Abteilung Schrift- irr des Reichsministeriums für Volksaufklärnng und ^rwaganda, Regierungsrat Hein Schlecht, hielt klemach eine Ansprache über das Thema „Bekenntnis zrDeutjchen Dichtung". Der Jubilar werde zu Recht Wüert, so führte er u. a. aus, denn die Geschichte siinks Wirkens zeige, daß jede echte Kulturpflege nur gbiiht, wenn iie von Männern und Frauen getragen stir,, die uneigennützig und treu als wahre Freunde di Kunst dem Werke dienen. Der nationalsozialistische ßiLat trete wie kein anderer für die Kunst und den kirfftler ein im Bestreben, den Dichter und fein Werk
Volke näherzubringen. Fruchtbare Wechselwirkung ' Miefe die geistige Verbundenheit zwischen Dichter std: Volk; auch in der Dichtung vernehmen wir den Hilischlag unserer Zeitenwende. Der Vortragende i linierte in diesem Zusammenhänge an ein schönes ! Eh: Goethes über die Forderungen der Politik an i b: i'olttjafte Dichtung, zu denen auch wir uns be- Herrn; er beschrieb die vielfältigen Anliegen und ! Eriungsbereiche der deutschen Dichtung, die durch idö Wuch Kultnrbetttz von Millionen geworden sei.
Schrifttumssührung des Reiches habe nicht die f die deutsche Dichterschaft zu organisieren, sie £ b(£ ränfte sich darauf, gesunde Voraussetzungen zu f itjxn und den Boden zu bereiten, der einst reiche
Früchte tragen soll. Tas neue Deutschland werde auch die Scheinblüten der Konjunktur überleben. Der Nationalsozialismus habe das Volk nicht nur zu politischer Macht und Größe geführt, sondern auch seelisch gewandelt. Seine Weltanschauung wirke sich auf das geistige Leben der Nation aus; hier liege die große Aufgabe unterer Dichter, die wieder mitten im Volke stehen und von der Nation gehört und verstanden werden. Der Redner schloß mit dem Bekenntnis zur ewigen deutschen Dichtung und mit dem Wunsche, der Bund möge noch viele Jahre seine schöne Aufgabe an Volk und Dichtung erfüllen.
Nachdem der wundervoll beschwingte l.Satz der Jupiter-Symphonie von Mozart verklungen war, erhob sich Hans Carossa, um mit seinem Festvortrage „Wirkungen Goethes in der Gegen wart" die Feierstunde zu krönen. Die Rede, zuerst am 8. Juni 1938 vor der Goethe-Gesellschaft in Weimar gehalten und inzwischen in einer gepflegten Ausgabe des Insel- Verlages im Druck erschienen, ist eine im schönsten Sinne unakademische und undogmatische Rede, getragen von der überlegenen und gelassenen Reife und Ruhe einer großen Persönlichkeit, genährt aus inniger V?rtta*ttHeit dem Werke von Weimar, aus tiefer Einsicht in die stetige, unzerstörbare und unverlierbare, still wirkende Kraft seines Wesens, geboren und genährt aus dem Geiste reiner Humanitas. Carossa geht vom Menschlicken aus, indem er das außerordentliche und fast unerschöpfliche T^ema ergreift, vom persönlichen Erlebnis, von der ersten Begegnung des Knaben mit dem erlauchten Namen. In kristallklarem Bau der Sätze, im ruhigen Fluß der warmen Stimme mit dem leicht süddeutsch gefärbten Klang ist die Ueber- legenheit, von der wir sprachen, ebenso zu spüren wie die große Güte und auch die stille Heiterkeit, die von allen Büchern Carossas ausstrahlen.
Die Schilderung solcher ersten Begegnung und frühen Einwirkung, hie ein ganzes Leben lang fort» dauert und feiner Entwicklung entscheidend die Richtung gewiesen hat,. . die rührende Szene, wie der Knabe in ernstem Eifer abends der Mutter den „Faust" vorliest, die, von der Tagesarbeit ermüdet, still darüber entschlummert, — iie führen allmählich in die Mitte der Gedanken, um welche die Rede kreist, der Goethe-Verehrung, der Goethe-Ferne und vermeintlichen Entfremdung, zum Verhältnis des Deutschen zu Goethe schlechthin und zu dessen Wirkungen in unterer Zeit. Vielleicht ist der Kem aller Erwägungen schon berührt mit der Erkenntnis, daß aus Goethes Werk eine Stimme zu uns spricht, der wir glauben dürfen, die uns die Ueberwindung der Verneinung lehrt, durch die wir uns mit allen guten Geistern der Zeit verbunden fühlen: Goethe als der große Erzieher und U.nterweijer hat uns, wie es
einmal heißt, die Ehrfurcht vor dem Ich und dem Du und vor den Dämonen in uns gelehrt; er hat sich als eine geistige Weltmacht erwiesen, die sich unter Verzicht auf jede Gewaltsamkeit durchsetzt.
Es ist gewiß unmöglich, in einem räumlich sehr begrenzten Bericht, den Gedankenkreis von Carossas Rede in etwa nachzuziehen, geschweige denn erschöpfend wiederzugeben. (Man kann nur herzlich wünschen, daß dieser äußerlich schmale Band von vielen gelesen und in der Gewichtigkeit seiner Erkenntnisse nachgedacht und begriffen werde.) Aber es mag doch gestattet sein, an einigen Beispielen noch eine Vorstellung davon zu geben, wie Carossa von vielen Seiten her zur Wesensmitte der Erscheinung Goethes vordringt und etwa aus der Negation der Fragestellung einen Blickpunkt gewinnt, von dem aus sich bestürzende Einsichten gewinnen lassen: indem er den Leser oder Hörer auffordert, sich einmal schlechthin und kurzerhand alles wegzudenken, was wir — jeder unter uns, auch der schlichteste, unbefangenste, gänzlich unliterarische Menfch, — mit dem Namen Goethes verbinden. Carossa erinnert dabei an jene schöne, merkwürdig eindringliche und nachhallende Szene aus Kellers .Grünem Heinrich", die vom Tode und von der Unsterblichkeit Goethes im Bewußtsein des Volkes handelt. Es ist auch die Rede „vom Werte des Schauders", vom „frommen Erschrecken vor den Weltgeheimnissen", das er uns gelehrt und ans Herz gelegt hat, und das sehr plastische Bild von der Stahlkugel des amerikanischen Tiefseetauchers und Naturforschers William Beebe in der Finsternis der ozeanischen Nacht verdeutlicht mit großer Anschaulichkeit, was damit im geistigen Sinne der Goethe-Nachfolge gemeint ist.
„Es atmet keiner unter uns", heißt es einmal, „ ... der nicht vom alten wie vom jungen Goethe Erquickung und Bestärkung, ja sogar eine Vertiefung feiner Frömmigkeit empfangen könnte ..." Und „wir fürchten keine Goethe-Entfremdung, weder in unserer deutschen Welt noch in der andern! Es mehren sich die Zeichen, daß dis' größten Auswirkungen seines Genius erst beginnen. Eine Sehnsucht lebt in unteren Besten, eine tiefe Sehnsucht nach Vereinfachung das Daseins, nach glühender Mitte, nach einem allverbindlichen Maß, nach einem Tempelrund voll ewiger Bilder, zu dem die Völker wandern . .." Die Rede mündet in das „Bekenntnis zum Orden derer, denen alle Länder und Meere der Welt nicht genügen würden, wenn das Reich des Geistes und des Herzens unerobert bliebe!" — Der Beifpll, der diesen letzten Worten folgte, klang wie ein Gelöbnis und zeugte von dem tiefen Eindruck, den Carotfas Vorlesung hinterlassen hatte. Die Ouvertüre zu Glucks „Iphigenie auf Tauris" bildete den wür
digen Ausklang der erlebnisreichen Feierstunde.
Das Bild Carossas, wie es sich in den Gedankengängen dieser Goethe-Rede ausprägte, vertiefte sich später, in kleinerem Kreise und im persönlichen Gespräch, auf die liebenswürdigste, heiterste und menschlichste Weise. Wir sehen den Dichter, an der Seite von Professor Anton Kippenberg, dem Leiter des Insel-Verlages, mit seiner großen, klaren, geschwungenen Schrift freundlich und unermüdlich Namen und guten Spruch in manches dargereichte Buch einzeichnen, wir bewundern das Bleistiftporträt, das Felix Timmermans, am Ehrentage des Goethe- Bundes ebenfalls in Gießen und in dieser kleinen Tafelrunde zu Gast, mit verblüffender Sicherheit und Geschwindigkeit auf ein Programm zaubert, und wir halten, ganz ehrfürchtig, einen von Goethe geschriebenen Brief in der Hand, den Carossa uns her. überreicht: er hat ihn eben erst in Darmstadt von einer alten Dame geschenkt bekommen — „sie hat halt gedacht, bei mir ist er gut aufgehoben" —, und wir nehmen von Herzen an Carossas Freude über den kostbaren Besitz teil, dessen Echtheit Professor Kippenberg mit kennerischer Sicherheit sogleich beglaubigt hat...
Die Autogramme lenken das Gespräch auf das Verhältnis zwischen Dichter und Leser, das in den letzten Jahren viel enger und persönlicher geworden ist, als es früher war. Wir hören auch von Carossas neuer Arbeit, einem werdenden Buche, das die „Verwandlungen einer Jugend" weitersühren wird; aber es braucht Zeit und die innere Sammlung des Lebens auf dem Lande, um zu reifen. „Sobald man ans Fertigwerden denkt, ist man schon verloren", sagt Carossa und erinnert an das Beispiel Flauberts. Uebrigens ist der Dichter noch immer auch ein wenig Arzt, daheim im Bayerischen, in der ländlischen Stille. Die Leute dort haben Vertrauen zu ihm und kommen immer wieder, und manche können es, wie Carossa mtt stiller Heiterkeit berichtet, gar nicht begreifen, daß sich ihr Doktor „mit sowas abgeben" möge, (mit Dichten nämlich und Bücherschreiben) und ob dies denn auch etwas eintrage: urch sie wundern sich wohl im Stillen, daß ein solcher Bücherschreiber etwas davon versteht, wie man eine Lungenentzündung heilen muß. Das Gespräch wechselt ungezwungen zwischerr Ernst und Heiterkeit, zwischem Nahem und Fernem, führt am Ende von der Heilkunst wieder zur Dichtkunst zurück, zu ihren Formen und Ausdrucksweisen. In der Lyrik, im volllommenen Gedicht, erkennt Carossa die reinste Gestalt aller Dichtung ... „noch zwölf Gedichte möchte ich schreiben", sagt er nachdenklich, und wir begreifen wohl, was es damit auf sich hat. Hans Thyriot.


