Ausgabe 
25.3.1939
 
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m. 72 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

2S./2ö.MSyM9

Land und Menschen an -er Memel.

Von X Vrieskorn

Los Memelland, das nach 20jähriger Fremdherr­schaft wieder in das Reich heimgekehrt ist, kann sich landschaftlicher Schönheiten und Merkwürdigkeiten rühmen, wie sie kaum eine andere deutsche Land­schaft aufzuweisen hat. Hier wohnt ein Menschen­schlag, der aus der Weite und Herbheit dieser Land­schaft heroorgegangeu ist, zäh und hart, zu stetem Einsatz bereit und von tiefer Liebe zu Heimat und Scholle beseelt. Südlich wird der Landstreifen an der Nordostecke des Reichs mit seinen 150 000 Ein­wohnern und einer Bodenfläche von 2657 Quadrat­kilometer von dem breiten Band des Memelstroms gegrenzt. Etwa auf der Höhe der ostpreußischen Stadt Ragnit lieat der sagenumwobene Götterberg R o m - b i n u s. Don Tilsit aus spannt sich der hohe Bogen der Königin-Luise-Brücke über den Strom in das Memelland hinüber. Einst wichtiger Grenz­übergang, die heimliche Sehnsucht so vieler Memel- deutschen, denen selbst eine Fahrt ins Reich nicht gegönnt wurde. Heute wieder Brücke im wahrsten Sinne des Wortes, Brücke zwischen deut­schem Bolkstum, das keine Grenze und kein Hindernis für immer trennen konnte.

Oben in der Nordostecke des Gebiets die alte deutsche Ordensstadt Memel. Diese bedeutende Hafenstadt ist immer deutsch gewesen. Memel ist überhaupt die erste deutsche Städtegrün­dung auf o st preußischem Boden. Und der Deutsche Ritterorden war es, der das Land an der Oslsee erschloß und besiedelte und der die vom liv­ländischen Schwertbrüderorden im Jahre 1252 er­richtete Burg zur Stadt ausbaute. Memel hat heute über 50 000 Einwohner, viele moderne Großbauten, und ganze Wohnviertel sind neu erstanden: trotzdem aber hat die Stadt ihr deutsches Gesicht be­halten. Die Denkmäler der Borussia und Kaiser Wilhelms I. sind Zeugen der preußisch-deutschen Ver­gangenheit dieser Stadt. In dem alten historischen Rathaus wohnt? einst in den Jahren 1807 und 1808 die preußische Königsfamilie, die Memel als letzten Zufluchtsort vor dem andrängenden Korsen be­nutzen mußte. Von hier aus wurden auch die ersten Schritte zur Befreiung Preußens' eingeleitet. Der Simon-Dach-Brunnen vor dem Memeler Stadttheater mit dem Aennchen von Dharau erin­nert an den ostpreußischen Dichter, der uns so viele schöne Volkslieder geschenkt hat. Auch He r m a n n Sudermann, der große deutsche Erzähler und Dramatiker, ist ein Sohn des Memeler Landes.

Zwischen dem Memelstrom und der Stadt Memel dehnt sich die weite memelländische Ebene. Grüne Wiesen und Aecker, dunkle Kiefernwälder geben der Landschaft das Gepräge. Westlich zieht sichdasHaffmitderKurischenNehrung entlang. Alexander von Humboldt hat einmal gesagt, daß die Kurische Nehrung so merkwürdig sei, daß man sie eigentlich so gut wie Spanien und Italien gesehen haben muß, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll. In der Tat, wer einmal in diese Landschaft eingedrungen ist, in die weite Dünenwelt an der Ostsee, in bie urwaldähnlichen Wälder, wo noch der Elch König in seinem Reich ist, wer den verträumten Reiz der memelländi scheu Nehrungsbäder (Nidden und -schwarzort) kennengelernt hat, dem wird dieses Er­lebnis für immer im Gedächtnis haften bleiben.

Da liegen am Haff die kleinen, buntbemalten Fischerhäuser, eigenwillig hingebaut, wie es der Mensch gexade für zweckmäßig hielt, dazwischen die Villen und Hotels, in denen in den Sommermonaten Hochbetrieb herrscht. Auf dem Wasser im Haff schau­keln die Fischerkähne mit den breiten Segeln und den großen, an die Wikinger erinnernden Schiffs­zeichen auf den Masten. Diese Holzwimpel sind kunst­vollstes Schnitzwerk, von derben Fischerhänden selbst hergestellt, die sich in diesem Kunsthandwerk gegen­seitig zu überbieten fachen. An stillen Abenden er­zählt man sich alte Dünengeschichten, von den Wan­

derdünen, die in früheren Zeiten ganze Dörfer verschütteten, von Begegnungen mit Elchen, die sonst nur schwer zugänglich sind, sehr oft aber auch ganz in die Nähe menschlicher Behausungen kommen. Schwer und gefahrvoll ist der Beruf, den der Neh- rungsftscher ausübt. Aber er hält fest daran, wenn es auch manchmal zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel war. Hier wird noch viel Not zu lindern sein.

Die memeldeutschen Bauern sind es ebenso wie die Nehrungssischer gewohnt, um das tägliche Brot schwer zu ringen. Da sind -die Moorbauern und Kolonisten, die sich den Boden erst Schritt für Schritt haben erkämpfen und urbar machen müssen. Sie müssen noch heute hart um ihre Existenz rin­gen, und sie werden doch um keinen Preis der Welt ihre Scholle aufgeben. In den Niederungen am Strom und im Memeldelta ist das Land fruchtbar und ertragreich. Das Vieh findet auf den fetten Wiesen reiche Nahrung. Aber wenn im Frühjahr die Ueberschwemmungen einsetzen, wenn der Strom mit Urgewalt hereinbricht und ganze Häuser weg­zureißen droht, wenn der Schacktarp jeden Verkehr unterbindet, dann heißt es sehr oft das Leben ein- setzen, um Haus und Hof vor dem reißenden Ele­ment zu schützen.

Daß die memelländischen Bauern unter litauischer Herrschaft in immer größere wirtschaftliche Not ge­raten sind, ist nicht ihre Schuld. Sie haben getan, was sie konnten. Aber der Ueberschuß an landwirt­schaftlichen Erzeugnissen ließ sich hei der eigenarti­gen litauischen Wirtschaftspolitik nur schwer ab- setzen. Weil Kowno glaubte, das Memeldeutschtum unterdrücken zu können, blieb die Grenze nach Deutschland jahrelang geschlossen. So gab es Zeiten, wo Butter und Eier zu so lächerlichen Preisen ver­kauft werden mußten, daß sich kaum die Fahrt zum Wochenmarkt lohnte. Schweine eines der Haupt­produkte des Memellandes fanden mitunter über­haupt keinen Absatz. Es ist oorgekommen, daß Hun­derte von Zentnern Käse vergraben werden mußten, nur um die Lagerräume freizubekommen. Auf dem großen Memeler Wochenmarkt, wo schmutzige Juden aus Großlitauen ihre Schachergeschäfte machten, sahen sich die Fischer gezwungen, ihre Fische auf die Straße zu werfen, weil sie keine Käufer dafür fan­den.

Aber die Litauer wollten diese Not, und sie mach­ten sie sich zunutze. Rücksichtslos wurden die Höfe, die bei litauischen Geldinstituten verschuldet waren, zur Versteigerung getrieben. Systematisch holte man litauische Siedler ins Land, und in der Stadt Me­mel und in den größeren Ortschaften ging es auch der Arbeiterschaft nicht anders. Zu Hunderten wur­den alteingesessene Memeldeutsche aus ihren Arbeits­stellen hinausgeworfen. An ihre Stelle traten zuge­wanderte Litauer. Die Stadt Memel mußte Mil­lionen für Lsrbeitslosenunterstützung aufwenden und durfte sich doch gegen die litauische Zuwandererplage nicht zur Wehr setzen. Große deutsche Jndustriewerke trieb man zur Stillegung ober zum Verkauf an Litauer, indem diesen Werken wie beispielsweise der Memeler Sägewerksindustrie die notwendi­gen Rohstoffe vorenthalten wurden. Im Memeler Hasen wurden überhaupt nur Litauer beschäftigt, ebenso wie bei der unter litauischer Verwaltung stehenden Eisenbahn, der Post und dem Zoll das deutsche Element verdrängt wurde. Hier wird erst von Grund auf ein neuer Beamtenkörper aufge­baut und herangezogen werden müssen.

Aber die memelbeutschen. Bauern und Arbeiter haben sich allen litauischen Unterdrückungen und Schikanen zum Trotz behauptet. Sie sind ihrer deutschen Art treugeblieben bis zum heutigen Tag. Welch ein ausgezeichneter Menschenschlag hier wohnt, hat man gerade jetzt immer wieder bei den Aufmär­schen der nationalsozialistischen Organisationen des Memellandes feststellen können. 5)cr Ordnungsdienst und die memeldeutsche SA. ist in wenigen Wochen sozusagen aus dem Boden gestampft worden. Ob­wohl der litauische Kriegskommandant die sportliche Betätigung stark eingeschränkt und den Wehrsport Überhaupt unmöglich gemacht hatte, ist die Haltung und das Auftreten dieser Kämpfer in der braunen ober schwarzen Uniform bewundernswert, ist es eine

Freude, die memeldeutschen Reiterstürme auf dem Lande beobachten zu können.

Diese Menschen sind niemals litauisch ge­wesen. Sie sind deutsch wie ihre Vorfahreu, die schon vor dem Kriege ihren höchsten Stolz darin sahen, in der alten preußischen Armee ihren Dienst ableisten zu können. Diese Menschen haben sich im­mer als Deutsche gefühlt, und nichts hat sie härter getroffen, als in den Ianuartagen des Jahres 1919 wie ein Lauffeuer die Kunde das Land durcheilte, daß das Memelland vom Reich abgetrennt werden

solle. Als im Februar 1920 die letzten deutschen Truppen die Stadt verließen, da trauerte die ganze Bevölkerung. Es war ein tränenreicher Abschied, und als die Franzosen einzogen, die als Besatzungs­truppen von den alliierten Mächten ins Land ge­schickt worden waren, da empfingen sie fck)warze Trauerfahnen und schwarz verhängte Fenster. Um so größer ist jetzt der Jubel, da nach fast 20 Jahren nun wieder deutsche Truppen im Memelland mar­schieren und der Führer das Land heimgeholt hat ins Großdeutsche Reich.

Wie das britische Weltreich entstand.

Seeräuberei und Sklavenhandel die Quellen britischen Reichtums.

An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert lebte auf den britischen Inseln ein Volk von Bauern, Viehzüchtern und Fischern, dessen Herrscher wie wir in den Shakespeareschen Königsdramen lesen untereinander blutige Fehden ausfochten oder Kriege um Erbbesitz mit Frankreich führten; hundert Iahte später hat sich England weitgehend aus den euro­päischen Verwicklungen zurückgezogen und den Ver­such unternommen, mit allen Mitteln d i e Herr- schaftüber die See gegen Holländer und Spa­nier zu gewinnen. Heute 'beherrscht England ein Biertel der bewohnten Erdoberfläche und ein Drittel der Menschheit. Sein Weltreich ist mehr als hundert­mal so groß wie das Mutterland und dreimal so groß als ganz Europa. Allein in den Jahren 1880 bis 1890 nahm das englische Weltreich um das Zwanzigfache des Mutterlandes zu, nach dem Welt­krieg noch einmal um das Achtfache!

Seeräuberei und Sklavenhandel standen am Anfang dieser Entwicklung. Der erste englische Seeheld, Sir John Hawkins, war zugleich Sklavenhändler, Freibeuter und ... Vize­admiral der Königlich Britischen Flotte. Diese enge Verbindung zwischen Staatsgewalt und Seeräuberei hatte ihren guten Grund. England war ein armes Land und feine Barone und Kaufleute Überdies herzlich steuerunwillig. So verlieh denn die könig­liche Staatsgewalt unternehmungslustigen Seefah­rern Kaperbriefe, die sogenannten Commis­sion s, wörtlich: Aufträge: diese Freibeuter rüsteten vielfach entweder ganz ober zu einem erheblichen Teil die Schiffe auf eigene Kosten gus und beding­ten sich dafür einen anständigen Anteil von der Beute aus, wobei sie außerdem den natürlichen Vor­teil hatten, daß sie als Beutemacher den tatsächlichen Umfang der Beute viel genauer kannten als die lieben englischen Staatsbehörden in London. Und nun begann eine Jagd der kleinen wendigen eng­lischen Schnellsegler auf die spanischen Silber- und Goldgaleeren. Dierichtigen" Seeräuber unterschie­den sich von den Kaperkapitänen lediglich dadurch, daß sie ganz auf eigene Rechnung raubten und stahlen und den englischen Staatssäckel nicht zum Teilhaber nahmen. Bis in unsere Tage geistert die Erinnerung an diese Ursprünge des englischen Reichtums und der englischen Seemacht in all den Erzählungen von Schatzgräberinseln oder gesunke­nen Gold- oder Silberschiffen, die nur gehoben zu werden brauchen, um noch heute den wagelustigen Unternehmer zum reichen Mann zu machen. Lehr­ling des John Hawkins war Sir Francis Drake, der sich aber bald als Seeräuber und Ka­perkapitän selbständig machte. Die politisch und mili­tärisch bedeutendste Erscheinung unter diesen See­räuber-Kapitänen und Seeräuber-Admiralen war Sir W a l t e r R a l e i g h , der in einer Denkschrift an die Regierung vom Jahre 1614 aus den Er­folgen seiner Kaperei den Anspruch auf die abso­lute Seegeltung Englands herleitete; dort steht der gewichtige Satz:Wer die See beherrscht, beherrscht die Welt."

Der Mann, der den zwischen 1550 und 1650 durch Seeräuberei und Sklavenhandel 'erworbenen Kon­junkturreichtum stabilisierte undSystem" in die weitere frühkapitalistische Entwicklung Englands brachte, war der Lordprokektor Oliver Crom­well. Sein Mittel zu diesem Zweck waren die

Navigationsakte, die praktisch ein Mono pol der englischen Schiffahrt und damit den eng­lischen Handel stabilisierten' und den Zwischenhandel der Holländer zerschlug. Die Navigationsakte sind ein gesetzlicher Akt und moralisch mit Seeräuberei und Sklavenhandel nicht auf eine Stufe zu stellen. Wir führen sie aber in diesem Zusammenhang des­halb an, weil England nur in brutaler Vertretung seiner wirtschaftlichen Interessen ein Monopol seiner Schiffahrt schuf, um seine Konkurrenz niederzurin­gen. Während sich Deutschland heute Beschränkungen, unter dem Druck seines begrenzten Lebensraumes auserlegt, waren die Navigattonsakte eine rein will­kürliche Maßnahme und halfen jenen überragenden

SPITZENLEISTUNG

OpEL E

Reichtum mitzuschaffen, der die Grundlage des eng­lischen Freihandels wurde, der die inzwischen er­rungene industrielle Vormachtstellung dadurch ver­ewigen wollte, daß er allen anderen Ländern den väterlichen Rat gab, sich auf die Erzeugung von Lebensmitteln und Rohstoffen zu beschränken.

Vom Sklavenhandel sprachen wir schon. Dieser Sklavenhandel versorgte erst die westindischen Inseln, dann Nord- und Südamerika mitlebendi­gem Ebenholz", das von der afrikanischen Westküste' in den berüchtigten Sklavenschiffen herangebracht wurde. Dieser Handel wurde zunächst ebenso wie die Freibeutereiwild", d. h. je nach -Gelegenheit be­trieben, und im allgemeinen verfuhren die frommen Londoner Bürger so, daß sie Schiffe mit Baumwoll­geweben, Perlen, Alkohdl oder schlechten Waffen nach der westafrikanischen Küste schickten; dort wur­den Sklaven eingehandelt, die in Massentransporten skandalösester Art nach den amerikanischen Plan­tagen gebracht wurden. Dort wurden wieder ame­rikanische Waren an Bord genommen, für die bann Absatz in Europa gesucht wurde. Im Utrechter Frie­den von 1713, der den spanischen Erbfolgekrieg für England beendete, bedingte sich aber die ßonbo.r r Regierung von Spanien, das damals noch ganz Süd- und Mittelamerika beherrschte, das Mono­pol dieses Slavenhandels in aller Form aus. Allein in den Jahren 1680 bis 17H6 haben die Engländer etwa 2 130 000 Sklaven nach Amerika gebracht. Als im 19. Jahrhundert die Sklaverei in den englischen Kolonien endlich aufgehoben wurde, haben doch die Engländer im amerikanischen Bür­gerkrieg die Südstaaten, die die Sklaverei verteidig­ten, anerkannt und gefördert. Der amerikanische Bür­gerkrieg fällt in die Jahre von 1861 bis 1865! Eng­lische Kaufleute beteiligten sich weiterhin an dem Sklavenhandel nach Kuba und nach Brasilien, welche beide Länder die Sklaverei erst 1881 bzw. 1888 aufhoben. Die Zahl der noch im 19. Jahrhundert nach Brasilien gebrachten Sklaven wird auf eine Million geschätzt! Für den systematischen Betrieb des Sklavenhandels ist die Gründung derKönig­lich Afrikanischen Kompanie Englands" zur Ver­sorgung Westindiens mit Sklaven im Jahre 1672 bezeichnend.

Ein Grashalm.

I Von Karl Heinrich Waagerl.

Der alte Christian bringt einen Nelkenstock in die Stu^e, und was will er damit? Ja, versteht | ihn recht, dieser Stock stand den ganzen Winter hindurch oben im Gang, und jetzt treibt er trotz | . Kälte und Dunkelheit schon aus und öffnet einen | iwinzigen blutroten Knospenmund. Daran ist gewiß I vetroas Wunderbares und Tröstliches. Christian stellt | Sden Topf auf den Tisch und betrachtet ihn zärtlich, ls sssogleich geht ihm allerlei durch den Kopf. Er denkt *[ uan einen Gefangenen, der viele, viele Jahre irgend- smo in einem Verlies lebte und der wohl schon gar nicht mehr wußte, wie farbig die Welt fein kann, Mie hell und prächtig in ihrem Schmuck. Und da fände er nun eines Tages etwas Grünes zwischen Iben Fliesen, nichts Großes und Blühendes natürlich, mur fo ein grünes Blättchen, einen Grashalm an ' öer Mauer.

Da, das wäre gewiß ein großer Trost für den .'infamen Mann, das wollen wir ihm werden lassen, so ein Graspftänzchen! Er hegt es von Resern Tage an mit unendlicher Geduld und Liebe. Der Mann sammelt sogar den Staub auf dem Ävden, jedes Krümchen Erde für fernen armseligen Grashalm, und dann fällt ihm plötzlich ein, daß es »rauhen wahrscheinlich Frühling ist. Er zählt die Jahre schon lange nicht mehr. Sommer und Winter inb ihm gleich, aber jetzt spürt er den Frühling. Er «enkt an einen Kirschbaum, der einmal zweierlei- Blüten trug, rote und weiße, und das geschah zu | iiner Zeit, als er noch ein Kind war ach, fo »ieles fällt ihm ein!

Vielleicht war er schon krank, dieser Mann im ierfer. Es fehlen nur noch drei Monate an seiner 11 ifleit oder drei Wochen, ganz wenig jedenfalls. Aber 11 s lag ihm ja gar nichts mehr daran, die vielen ein- [ nmen Jahre haben feinen Mut aufgezehrt... Für j yn ist die Welt inzwischen ausgeftorben, die Frei- h 5eit bedeutet ihm nichts mehr.

Und nun hat er dieses Pflänzchen entdeckt. Er || ^trachtet es täglich viele Stunden lang, er steht j >uch nicht mehr wie früher zur gewissen Zeit an |i ber Mauer, wenn das Sonnenlicht durch fein kleines jP. renfter fällt, der Grashalm fall die Sonne haben. || linb abends gibt er ihm von seinem Wasser.

Ja, es wächst. Der Mann will zuletzt gar nicht j| nehr Rache nehmen und alle Welt erwürgen. Er | sitzt sich einfach ein Herz und wird gesund, und | wenn die drei Monate um sind ..

Es wäre auch möglich, sagt Christian glücklich. I cd'- tonnte fein, daß einmal eine Hummel.. durch

das Gitter käme, Lurch ein ganz kleines Loch im Fenster. Der Mann hat dieses Loch gegraben, es war in feinen ersten Jahren, und nun ist feine ganze Sorge, der Hummel wieder ihren Weg zu zeigen. Es ist ja nichts Blühendes und Duftendes für sie da, nur ein blaßgrüner Grashalm an der Mauer.

Aber das Tierchen findet seinen Weg ganz von selbst wieder, es ist eine ausgesucht kluge Hummel, und später ist es lange nicht mehr so still und trostlos in der Zelle feit sie da zu Besuch war mit ihrem freundlichen Gebrumm.

Der Mann ist ja ein arger Sünder gewesen, dafür mußte er büßen nach Recht und Gerechtigkeit. Allein jetzt ist seine Zeit um, die Tür springt auf.

Was hast du da?" sagt der Wärter.Warum steckst du die Hand in dein Hemd, du Räuber?"

Aber es ist ja gar kein Messer, keine tödliche Waffe, die er so verbirgt, ach nein! Nur ein wenig Erde in der hohlen Hand, ein Grashalm laßt ihm feinen Halm!"

Die kühnen Kähne der Memechscher. 23on Walter Engelhardt.

Mag ich im Sommer mit dem Boot ober im Winter im Schlitten auf bem Eis des zugefrorenen Stromes ins Dorf kommen, immer umfängt mein Blick die kühne Form ber schwarzen Keitelkähne. (Keitelkahn von Keitelnetz, Netz mit nachschleppeii- bem Netzsack, in bem sich bie Fische sammeln.) Ich kann nicht mübe werben, bie Form biefer nach un­geschriebenen Naturgesetzen gebauten Kähne zu be­wundern. Manchesmal habe ich den Bootsbauern bei ihrem schwierigen Handwerk zugefehen, wie sie mit einigen wenigen Werkzeugen ohne Maschinen in wachen- und monatelanger sauberer Arbeit Planke auf Planke fügen. Wenn es der Platz er­laubt, wird der Kahn auf dem Anwesen des Fischers gebaut, ber ben Auftrag gegeben hat. Er nimmt auch den Meister und feine Gehilfen währenb der Bauzeit in Verpflegung. Auf dem Bauplatz liegen Stapel von dicken Eichenbohlen und krumm gewachsene Aeste, die dann behauen als Spanten im Boot eingebaut werden, damit sie die Bordwände halten. Filz und Teer liegen zum Abdichten bereit. Wenn man da auf dem Bauplatz herumsteht und Maul- af.fen feilhält, kann man-auf eine Frage gar keine ober nur eine einsilbige Antwort bekommen. Wenn

man aber einmal ein Werkzeug zureicht unb eine Bohle beim Einpassen hält und Hand mitanlegt und dabei keine Angst hat, vom Teer schwarze Finger zu bekommen, dann kann ber Meister nach einer Schnupftabakspause innehalten unb etwas von seiner Arbeit erzählen. Wieviel Boote er gebaut hat, wie lange es gedauert hat, bis sie fertig waren, unb wie sie alle zusammen gefeiert, auf ostpreußisch: ordentlich einen genommen haben, wenn eines glück­lich vorn Stapel gelaufen war und frisch geteert im Wasser lag. Vielleicht weist er mit dem Beil, das er gerade zur Hand hat, hinüber zu den Kähnen am anderen Ufer unb zeigt bir ein paar vonfeinen" Kähnen. Er kennt sie alle, auch schon von weitem, an ber Form, bie ihnen seine Hand unter seinem prüfenden Auge gegeben hat. W'r sehen keinen Unterschied zwischenseinen" unb anderen Kähnen. Unsere Augen, die fast nur gewohnt sind, nüchterne Maschinenarbeit zu sehen, vermögen solche Formen­unterschiede kaum noch zu erkennen. Wenn man von dem Bau eines Kurenkahnes erzählt, dann darf man die Vorrichtung, mit der die Bootsplanken in bie richtige Form gebogen werden, nicht ver­gessen. Vor einer Feuerstelle sind zwei kurze Eisen­schienen durch Pflöcke parallel nebeneinander über dem Boden befestigt. Zwischen beide werden bie dicken Eichenbohlen gesteckt, daß sie schräg über das Feuer in die Luft ragen. Unter ihrem eigenen Ge­wicht biegen sie sich dort, wo die Hitze gegen das Holz schlägt. Durch Vorjchieben über dem Feuer und durch Abstützen biegt sie der Meister so, wie es die Form des Bootes verlangt Als Kontrolle bient ihm nur eine aus einem Brett zugeschnittene Schablone. Die Planken passen bann genau aufein- anber unb bie auf Steuerbord sind genau so weit ausgebogen wie die auf Backbord. Die Form, ber ber Meister zustrebt, wurde vom Haff mit feiner geringen Tiefe, feinen kurzen, hohen Wellen und ber Eigenart des Fischfangs bestimmt. Kähne, die nur zum Transport von Gemüse verwendet werden, weichen in Form und Größe von de.n Fischerkähnen ab. Durch bie Lanbschaft bestimmt, sind die Kähne zum Sinnbild dieser Landschaft geworden.

Wenn am Abend die Fischerflotte mit gespannten Segeln im letzten Sonnenlicht hinaus aufs Haff Zieht, bann läßt mich das Bild immer an die Wikinger denken, die mit ihren Booten auch über das Haff gefahren waren, die am Rande ber Niebe- rung in ber Nähe ber Memel unb am Südwestranbe bes Haffs bei Wiskiauten ihre Sieblungen hatten.

Die Fischer wissen nichts von ben Wikingern: aber aus- bem Text ihres Liedes, das sie fingen, klingt etwas von der Sehnsucht nach fernen Ufern und von wilder Seefahrt über fremde Meere.

Zwölf auf einen Ruck!

Mein Freund, be.r verwitwete Arzt, ist reichlich mit Enkelkindern gesegnet. Zwölf Enkelkinder sind eine ganze Anzahl. Zwölf Enkelkinder zusammen- genommen, wenn sie fingen, schwatzen und sich bal­gen, oh, das' ist ein Anblick für die Götter! Nur nervös dürfen die Götter nicht fein. Unb bann find die Enkelkinder wie die Orgelpfeifen. Don dreizehn Jahren herunter bis zu vier Jahren. Wahrhaftig, eine Orgel, woraus man das Lied des Lebens spielen kann.

Komme ich da in einen Blumenladen. Aus dem Ladentisch hingelegt, hübsch in Reih und Glied, lau­ter kleine, winzige Sträußlein: Veilchen, Schnee­glöckchen und Primeln. Ein Frühlingslächeln im Winter.^Jch zähle die Sträußchen mit dem Zeige­finger ab. Richtig, es sind tatsächlich ein volles Dutzend. Ich bitte um einen Strauß, denn erstens sehen sie reizend aus und zweitens sind sie billig. Die Gärtnerfrau wehrt ab:Nein, von diesen hier kann ich Ihnen keinen Strauß verkaufen."

Ich bin verdutzt:Aber weshalb denn nicht?" Die werden gleich abgeholt. Die Enkelkinder von Dr. Seifert holen sie ab. Der Doktor hat nämlich Geburtstag."

Ich muß lächeln, denn ich sehe sie im Geiste mar­schieren, die zwölf Enkelkinder. Eine bunte, kichernde Rotte, in den kleinen Händen, festgedrückt, die zier­lichen Sträuße. Ich sehe sie die Treppe hinauseilen, vierundzwanzig Seine. Wie ein Verein klettern sie hoch, die ganze Treppe ist besetzt. Da, die Klinael wird stürmisch gezogen! Nun stürzen sie in Nie Stube, eine stürmische, freudige Welle. Nun um­armen sie ihn. Immer ein Enkelkind nach dem an­deren. Nun schlingen sie einen Kreis um ihn, einen bunten Kranz. Ich sehe ihn in der Mitte stehen. Wie ein festlicher Sämann steht er da. Ich fühle, wie er vor Freude zittert. Soviel Unsterblichkeit auf einmal greift an. Nun schüttele ich lächftnd den Kops und spreche in Gedanken mit:Soviel Freude auf einen Ruck!" Hoffentlich hält fein Herz den Sturm der zwölf kleinen Blumensträuße aus.

Max Jungnickel.

vochschulnachrichten.

Der Assistent an der Universität München Dr. Friedrich H o l st e wurde beauftragt, im Som- merfemefter 1939 an der Universität Mord u r g die Vorgeschichte in Vorlesungen und Hebungen zu ver treten und das Vorgeschichtliche Seminar oerlrcr tungsweise zu leiten.