Ausgabe 
24.6.1939
 
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Nr. 145 Erster Matt

189. Zahrgang

Samstag, 24./5onntag, 25. Zum 1939

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Der Lanuskops -er japanischen Politik.

Von unserem H. O. K.-Korrespondenten.

Logik des Ostens.

Interpress Copyright.

Tokio, Juni 1939.

Japans Ministerpräsident Hiranuma, der zu der allen Ritterkaste der Samurai zählt, ist ein modernerMann. Bei den internationalen Emp­fängen trägt er Frack und Jackettanzug, dessen un­tadeliger Schnitt jedem europäischen Diplomaten Ehre machen würde, Radio, Fernschreiber oder Dikttermaschine gehören so gut zu seinen technischen Hilfsmitteln wie zu denen seiner amerikanischen oder europäischen Kollegen. Und doch: am 11. und 18. Mai hat der gleiche Hiranuma mit Zylinder und Cutaway, umgeben von bebrillten Kimono- träaern, zwei Pilgerfahrten unternommen, nach Omiyaa und Katori, zu den Reliquien !der Kriegsgötter Futsunustri-no-Mikoto und Susanoo-no-Mikoto. Das sind Japans älteste und berühmteste Kriegsgötter, mit denen der moderne Ministerpräsident Zwiesprache gehalten hat, und der Besuch bei ihnen ist für die Versteifung der japa­nischen Haltung ebenso wichtig wie die zwischen beiden Pilgerfahrten liegende Konferenz des enge- rren Kabinettes, das die Grundzüge eines scharfen Kurses festlegte. Zwischen Pilgerfahrt zu den alten 'Kriegsgöttern" und realistischem, modernstem Jm- sperialismus liegt das ganze Japan von lheute beschlossen. Wohin wir sehen, die gleiche Vermengung von uralter Tradition und explosiv- sstarkem Lebenswillen.

Es wird also nicht nur zu den Göttern gepilgert. Auf allen Gebieten wird fieberhaft für den Krieg gearbeitet, den Japan heute in China ßührt und für neue eventuelle Konflikte von morgen. Wenn eine Schießpulverproduktion des Landes vor 22 Jahren überhaupt noch nicht vorhanden war, iso errreicht sie heute pro Tag 143 Tonnen und soll bald auf 238 Tonnen gebracht werden. Japans Werften bauen neiden zahlreichen Kriegsschiffen eine iteue Handelsflotte, die den erweiterten Verkehr mit den Häfen Koreas, Mandschukuos, Nprdch'inas nufnehmen soll. 173 Schiffe mit 934 000 Tonnen Raumverdrängung liegen auf Kiel. In Siam setzt iich das japanische Kapital immer mehr fest; Eng­länder, Franzosen und Amerikaner mußten ihm »ort kürzlich bei der Vergebung des Auftrages auf ine neue 480 Kilometer lange Eisenbahnlinie weichen.

Wirtschaftlich, nur wirtschaftlich betrachtet, ist Japan auch heute noch in gewissem Umfange auf Zusammenarbeit mit den Westmächten und den JSA. angewiesen. Der Außenminister Arita, ein ülter Samurai, der den Kimono europäischer Klei­dung vorzieht, weiß das, und wenn er es nicht Nissen will, wird es ihm der Finanzminister, der

stischen Ideen zuneigende und totalitäres Regime fordernde ,Fdkumin" nehmen an der Kampagne gegen diefremden Einflüsse" leidenschaftlich teil. DieLiga zur Vollendung des Heiligen Krieges", eine sehr einflußreiche Propaganda-Organisation, treibt in der gleichen Richtung.

Während der letzten Jahre paßt sich die japa­nische Wirtschaft immer mehr den Bedürf­nissen des Krieges an. Der oben erwähnten Pro- duktionsfteigerung auf kriegswichti­gen Gebieten entspricht ein Produkttons r ü ck - gang auf vielen nicht ausschlaggebenden Nebengebieten. Die zahlenmäßigen Tatsachen, mit denen wir dieses Urteil belegen, entnehmen wir dem

Dr. Li. London, 24. Juni.

Nach Meldungeck aus Singapur soll England im Fernen Osten im Falle eines Krieges den ge­meinsamen Oberbefehl über die französisch- englischen Streitkräfte übernehmen, und Singapur soll der Hauptstützpunkt für alle militärischen Ope­rationen sein. Dies sind die wichtigsten Ergebnisse der Generalstabsbesprechungen, die zwischen den eng­lischen und französischen Oberbefehlshabern in Fern­ost in Singapur stattsanden. Sir Percy Noble, der Chef der britischen Chinastation, wird also im Kriegsfälle die gesamten brittschen und französischen Streitkräfte in Ostasien befehligen. Die Vertreter der Kriegsmarinen sollen nach demEvening News" ein Patrouillensystem zum Schutze der Han­delsschiffahrt in den fernöstlichen Gewässern im Falle eines Krieges ausgearbeitet haben. Für dieses Patrouillensystem soll ein Geschwader ausersehen sein, das sich aus englischen und französischen Kreu­zern der Ostindien- und China-Stationen zusam­mensetzen wird. Die Vertreter der Luftwaffe beider Länder führten, wie ferner bekannt wird, Bera­tungen über die Verstärkung Singapurs durch Mi-' litär- und Marineflugzeuge aus Indien, während sich die Vertreter der Armee mit der Aufspeiche­rung von Lebensmitteln für den Ernst­fall beschäftigten.

Am 3. Juli wird in Singapur eine große

in Tokio herausgegebenenTrans-Pacific", einer in Europa wohl wenig, in den USA. und den eng­lischen Dominions viel gelesenen japanischen Pro­paganda-Zeitschrift in englischer Sprache, einer Quelle also, die bestimmt nicht zu schwarz malt. Danach ist von Februar bis März dieses Jahres die Wollproduktion um 10 v. H., die Stapelfaser- Erzeugung um 20 v. H., die an Baumwollgarnen um 2 v. H. gefallen. Die Reis-Erzeugung Formosas ging um 16 v. H. zurück. Im April erfolgte dann ein nochmaliger 2prozenttger Rückgang der Baum­wollgarnproduktion. Die japanischen Experten sehen eine Verminderung der gesamten Agrarproduktion voraus, weil die Industrie die Arbeitskräfte vom Land abzieht. Die Seidenpreise ziehen an, auch hier sinken die Produktionsziffern. Die Regierung dehnt die bestehenden kriegswirtschaftlichen Maßnahmen immer weiter aus und verlangt eine weitere An- passuna des Lebensstandards der breiten Massen, deren Anspruchslosigkeit ja bekannt ist.

Luftschutzübung stattfinden, an der sich sämt­liche zur Verfügung stehenden Hilsorganisationen beteiligen werden. Es wird immer offensichtlicher, daß die Frage der Verteidigung Hong­kongs die englischen und französischen Militär- sachverständigen in hervorragendem Maße beschäf­tigt. Angeblich ist man zu der Ueberzeugung ge­kommen, daß diese englische Schlüsselstellung im Pazifik einer langen Belagerung standhalten könne, besonders da man mit einer Deckung dieser Stellung durch die amerikanische Pazifikflotte rechnet. Die kürzlich in Washington abgegebene Erklärung, wo­nach starke amerikanische Flotteneinheiten zumin­destens noch weitere zwölf Monate im Pazifik blei­ben würden, soll bei den Gesprächen in Singapur eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

In diesem Zusammenhang interessiert eine aus Toronto eingetroffene Meldung, in der es heißt, daß zur Zeit zwischen England und Kanada Verhandlungen geführt würden, die die Anlegung einer O e l l i n i e von den Oelfeldern der west-kanadischen Provinz Alberta nach Van­couver zum Gegenstand hätten. Vancouver ist auf Grund seiner günstigen und geschützten strategischen Lage an der St. Juan-de-Füca-Straße dazu aus­ersehen, in dem pazifischen Verteidigungssystem des englischen Weltteiches eine besondere Rolle zu spielen.

Britische Nöte.

Englands Einkreisungsbemühungen stellen nichts anderes dar als eine Ergänzung der englischen Auf­rüstung, die seltsamerweise grckde nach den Tagen von München, als ganz England in einem wahren Frie­densrausch zu sein schien, auf höchste Touren ge­bracht wurde. Die Politik von München und ihre Ergebnisse hatten in England die heftigsten Gegner auf dem äußersten rechten Flügel der konservativen Regierungspartei und in den Reihen der offiziellen Opposition, der Arbeiterpartei und ihren wenigen liberalen Mitläufern. Wenn diese auch während des ersten Freudentaumels der englischen öffentlichen Meinung über dengeretteten Frieden" die Ohren an den Kopf drückten, so benützten sie doch äußerst geschickt und wendig die Erinnerungen, die jeder Engländer mehr oder weniger an die kritischen Tage der Verhandlungen in Berchtesgaden, Godesberg und München hatte. Eine wahre Panik, von deren Ausmaßen sich man bei uns keinen Begriff machen kann, hatte in dieser Zeit, als man in London ge­glaubt hatte, die Entscheidung zwischen Krieg und Frieden stehe auf des Messers Schneide, das ganze Land erfaßt. Erst nach und nach hat man erfah­ren, wie das britische Volk sich kopfüber in die Vorbereitungen für den Ernstfall stürzte und wie es nun mit Schrecken feststellen mußte, daß für die­sen Ernstfall trotz vieler Reden, Denkschriften und Kommissionen so gut wie nichts vorgesorgt war. Hier hat die Propaganda der Opposition geschickt eingesetzt. Sie hat dem braven brittschen Bürger, der von Natur aus nicht geneigt ist, sich Sorgen um die Zukunft zu machen, nicht erlaubt, wieder in die alte Bequemlichkeit zurückzufallen, nachdem einmal durch die Münchener Formeln der Alpdruck von ihm gewichen war und der politische Himmel wieder heiter und hoffnungsvoll zu sein schien. Die Opposition hatim Parlament schwerstes Geschütz gegen die Regierung aufgefahren, der sie vorwarf, die Aufrüstung nicht energisch genug vorangetrieben und für die zivile Verteidigung der britischen In­seln weder organisatorisch noch materiell vorgesorgt zu haben, wobei die Kritiker, soweit sie zur Linken gehörten, wohlweislich daran zu erinnern vergaßen, daß es die Labourregierungen gewesen waren, die einst in ihrer pazifistischen Schwärmerei für Völker­bund und Sicherheitspakte Englands Rüstung sträf­lich vernachlässigt hatten.

Nun wurden aus rein ideologischer Feindschaft gegen die autoritären Mächte, wie ja schon im Abessinienkonflikt und während des spanischen Bür-

Der türkisch-französische Handel um den Sandschak Alexandrette perfekt.

Englisch-französische Zusammenarbeit im Pazifik.

Neltkluge Bankier I s h i w a t a klar machen. Japan iat noch nicht die totalitäre Wirtschaftsführung wie Mafien und Deutschland, und seine Währung ist seit iiahren empfindlich. Die gegen Japan von Frank­reich verhängte Exportsperre, eine Repressalie für 'sie Besetzung von Inseln an den Küsten Jndochinas, :oat den Japanern den französischen Emisfionsmarkt igersperrt. Japan hat zwar auch heute noch in Paris .mb London einflußreiche Freunde, der mit dem N i t s u i - T r u st liierte Credit Lyonnais ist im Frankreich ebenso sehr ein Machtfaktor wie die iriit beiden eng verbundene Barclays Bank Tn London. Aber andere stärkere Interessenten haben foe, wenigstens im Augenblick, überspielt. Ob das frir die Zukunft so bleibt, ist eine andere Frage. (:5 gibt keine einseitigen wirtschaftlichen Ab- tüngigkeiten, und die Verbindungen Japans mit t-.er Hochfinanz des Westens, die heute ein Schwäche- rioment für das Land der aufgehenden Sonne dar- firllt und soviel zur Doppelköpsigkeit der japa- rjschen Politik beitragen, können sich morgen als riirffame Bremsen eines allzu scharfen anttjapa- rjschen Kurses in England erweisen. In den USA. r: das schon längst der Fall, weil dort der Mitsui- S-Tirft in der Chase National Bank feine IHtte, und wohl größte internattonale Finanz- mrbindung besitzt. Widersprüche der japanischen ^vlittk werden also noch eine Reihe bestehen blei- bm, internattonales Finanzkapital und die alten Kriegsgötter werden weiter neben-, mit- und gegen- enander regieren. Wer hier auf eindeutige klare Entscheidung hofft, übersieht, daß der Ferne Osten firne eigene Logik hat, die mit den Maßstäben euro- Mscher Politik nicht zu messen ift

Auf allen Gebieten ist der Kampf gegen den demokratischen Westen im Gange, die ein­ige, wohl berechnete Ausnahme ist die Zurück- dLltu n g gegenüber den Vereinigten Elt a a t e n. Ihnen wird die Anerkennung ihrer rrrtschastlichen Interessen in China förmlich zu- piiagt, immer wieder ergeht eine Einladung nach ser anderen zur Zusammenarbeit, bald wird der ame- livnische Botschafter Grew hofiert, als ob er selbst ein il3er Kriegsgott fei, bald gibt der japanische Justiz- nittster Shioho den Amerikanern liebenswürdige hteroieros und läßt sich mit feinen sieben Kindern mt Exclusivrecht für amerikanische Magazine foto- infieren. Aber sonst gibt es keine Schonung, die ß'.obleme des Kampfes gegen den "Westen schieben ft» immer mehr in den Vordergrund. Der Oberst r:a s h i m o t o , der Führer der Partei der japa- 'i^en Jugend, prophezeit offen den nahen Krieg tit England und fordert deshalb die militärische liianze Japans mit Deutschland und Italien. Die stgend- und Studentenerziehung wird immer mehr il: die Auseinandersetzung mit dem alten über= elfen Westen abgestellt. Alle Zeitungen des Lan- &., die liberaleNishi-Nishi" so gut wie die faschi-

E. F. Paris, 24. Juni.

Die französisch-türkische Beistands­erklärung ist am Freitag, 18.30 Uhr, wie vor­gesehen, im französischen Außenministerium durch den französischen Außenminister Bonnet und den türkischen Botschafter Suad Davaz unter­zeichnet worden. Es handelt sich, wie ausdrücklich betont werden muß, um eine vorläufige Er­klärung in Erwartung des Abschlusses eines end­gültigen Beistands-Vertrages zwischen den beiden Ländern. Die Erklärung besteht aus sieben Punkten, die folgenden Wortlaut haben:

1. Die französische und die türkische Regierung sind in enge Fühlung miteinander ein­getreten. Die Beratungen, die noch andauern, haben die Uebereinftimmung ihrer Gesichts­punkte ergeben.

2. Man ist übereingekommen, daß die beiden Staaten einen endgültigen Vertrag von langer Dauer, der gegenseitige Verpflichtungen enthält, im Interesse ihrer nationalen Sicherheit abschließen.

3. In Erwartung dieses endgültigen Abkommens erklären die französische und die türkische Regierung, daß im Falle eines Angriffes, der im Mittelmeergebiet zu einem Kriege führen sollte, sie bereit seien, in wirksamer Weise zu­sammenzuarbeiten und sich gegenseitig jede Hilfe und jeden Beistand zu gewähren, soweit es in ihrer Macht steht.

4. Diese Erklärung sowie das ins Auge gefaßte Abkommen find gegen keine Macht g e - richtet, aber haben zum Ziel, Frankreich und der Türkei die gegenseitige Hilfe zu sichern und sich den gegenseitigen Beistand zu verschaffen für den Fall, daß diese Hilfe notwendig werden würde.

5. Die beiden Regierungen sind sich einig darüber, daß gewisse Fragen einschließlich der Frage der genauen Definierung der verschiedenen Bedin­gungen, unter denen das Ziel der gegenseitigen Verpflichtungen ausgelöst würde, eine tief­greifende Prüfung erfordern, bevor das endgültige Abkommen abgeschlossen werden kann. Diese Prüfung ist gegenwärtig im Gange.

6. Die beiden Regierungen erkennen an, daß es notwendig ist, die Sichprheit in den Bal­kanländern zu gewährleisten und in Konsul­tationen einzutreten, um dieses Ziel so schnell wie möglich zu erreichen.

7. Es ist selbstverständlich, daß die oben ange­kündigten Bestimmungen weder die eine noch die andere Regierung verhindern, im allgemeinen In­teresse der Konsolidierung des Friedens Abkom­men mit anderen Mächten abzuschließen.

Gleichzeittg npt dieser gegenseitigen Erklärung hat die französische Regierung in bezug auf die A d - tretung des Sandschaks Alexandrette an die Türkei folgende einfettige Erklärung ab­

gegeben:Die französische Regierung erklärt, daß es keineswegs in der Absicht Frank­reichs liege, zugunsten einer dritten Macht a u f die Mission zu verzichten, die sie in Syrien und im Libanon erfüllt."

Der französisch-türkische Vertrag über die Ab­tretung des Sandschaks Alexandrette an die Türkei ist am Freitagabend zur gleichen Stunde in An - Lara unterzeichnet worden. Dadurch fällt das Sandschakgebiet Alexandrette unter türkische Ober­hoheit. Eine Vertragsklausel bestimmt, daß die türkische Regierung für die französischen Besitzungen und Güter eine Abfin­dungssumme bezahlt, die jedoch noch nicht genau festgesetzt ift. Für die Minderheiten in dem abgetretenen Gebiet ift festgesetzt worden, daß die nichttürkischen Bewohner eine Frist von sechs Mo­naten erhalten, um, wenn sie es wünschen, die türkische Staatsangehörigkeit zu erwerben. Die Tür­ken verzichten ihrerseits auf weitere ter­ritoriale Ansprüche in Syrien. Die Ab­kommen werden in Kraft treten, sobald die Ratt- fikattonsurkunden ausgetauscht sind, spätestens am 23. Juli. Die Zurückziehung der französischen Trup­pen und die Uebergabe der Behörden soll bis zum 22. Juli durchgeführt sein. Bei der Unterzeichnung waren anwesend der türkische Außenminister Sa­ra coglu, der türkische Kommissar im Sandschak Cevat Acikalin, der französische Delegierte im Sandschak Oberst C o l l e t und der französische Botschafter M a s s i g l i. Nach der Unterzeichnung erinnerte Saracoglu an einen Satz, der von Mas- figli einst oft gebraucht wurde:Der Sandschak ist eine Frage der Vergangenheit, die die Gegenwart und die Zukunft vergiftet!" Massigli knüpfte bei seiner Erwiderung an die Rede I 5 - met Inönüs vor dem Kongreß der Türkischen Volkspartei an, wo der Präsident der Türkei er­klärt hatte:Nach der Regelung dieser Frage trennt uns nichts mehr von Frankreich!"

lieber die Unterzeichnung des türkisch-französi­schen Vertrages zeigt man sich in Paris sichtlich befriedigt. Umso mehr, als die Verhandlungen sich wochenlang hingeschleppt hatten und oft aussichts­los schienen. Um die Türken endgülttg für sich zu gewinnen, hat sich die französische Regierung ent­schlossen, den geforderten Preis zu bezahlen. Nur wegen der Höhe dieses Preises zeigt die Pariser Presse eine gewisse Melancholie. Das rechtsstehende Jvurnal" erklärt beispielsweise, daß nach Faschoda, wo Frankreich vor England in Aegypten zurück­wich, die Entente Cordiale entstanden fei. Es fei zu hoffen, daß die Aufgabe des Sandschaks Alexan­drette durch Frankreich die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und der Türkei ebenfalls auf eine solide Basis stellen würde. Wenn auf der Passivseite der Verlust des Sandschaks Alexandrette zu verzeichnen sei, so müsse man auf der Aktivseite

buchen, daß man im Konfliktfalle 8 0 0 0 0 0 für« kische Soldaten zur Verfügung habee.

Die französischen Zeitungen vergessen, daraus hin- * zu weisen, daß noch ein zweiter Faktor auf der Passivseite verbucht werden muß: eine erneute Ver­schlechterung der Beziehungen zwischen Frankreich und Syrien. Die syrischen Nationalisten werfen Frankreich mit Recht vor, es habe durch die Ab­tretung des Sandschaks Alexandrette aufs schwerste gegen seine übernommenen Verpflichtungen als Mandatsmacht verstoßen, über die Einheit und das Wohl Syriens zu wachen. In Pariser Kreisen herrscht deshalb eine gewisse Besorgnis, die Verwandlung des syrischen Alexandrette in ein türkische Jskanderoul könne für Frankreich sehr ab­trägliche Rückwirkungen bei den syrischen Natio­nalisten und darüber hinaus in der ganzen ara» bischen Welt auslösen.

Das Echo in Nom.

Frankreich verrät die Rechte der Araber.

Rom, 23. Juni. (Europapreß.) Die Abtretung des Sandschaks Alexandrette an die Türkei wird in Rom als ein offenes Verbrechen am Mandat zur Kenntnis genommen. Das halbamtlicheG i o r« n a I e d ' Itali a" schreibt, die Abtretung des Sand­schaks fei eine neue Kundgebung der jüngsten fran­zösischen Politik, sich über dis Verpflichtungen einer Mandatsmacht hinwegzusetzen und Syrien und den Libanon als ein der französischen Souveränität unterstehendes Gebiet zu betrachten, über das Frank­reich frei verfügen könne. Die Genfer Liga, die eigentlich über die Erfüllung der Mandatsver­pflichtungen hätte wachen müssen, habe gegen die Verstümmelung Syriens und die aufeinander fol­genden französisch-türkischen Abkommen über das Sandschakgebiet niemals irgendwelche Ein­wendungen erhoben. Sie habe vielmehr sogar an der Verwirklichung dieses Abkommens m i t ge­arbeitet. Gegen diese neue französische Politik in den Mandatsgebieten habe nicht nur die syrische Bevölkerung, sondern auch die ganze ara­bische Welt als gegen einen von der Genfer Liga begünstigten Verrat Protest erhoben.

Popolo di Roma" sagt, für die arabische Welt zeichne sich aber heute ein Problem von großer Tragweite am Horizont ab, das Problem der W i e» deraufnahme des türkischen Vorrnar« s ch e s gegen jene Gebiete, die einst zum Ottomani- schen Reich gehörten. In der Türkei sei die Phase der Konzentration und Gegenorganisation beendet. Jetzt beginne ein neues Kapitel und England, das die Forderungen von Ankara gegen Paris unter­stützt habe, werde sich früher oder später mit der Türkei über Angelegenheiten, die es direkt angehe, auseinandersetzen.