rlS'GenieioWsk E W önröi Milk
Frühlingsfahrl nach Wiesbaden.
Am ersten Pfin-gstfeieriag findet eine Omnibus* fahrt über Ufingen, Salburg und Bad Homburg nach Wiesbaden statt. Fahrpreis 5 Mark! Auskunft und Anmeldung in unserer Fahrkartenoer- kaufsstelle Seltersweg 60. 3802V
Mit dem Gaudiplom ausgezeichnet.
Der Firma Joh. Balth. Noll, Zigarrenfabriken in Gießen,, wurde am oeraangenen Sonntag durch den Gauleiter von Kurhessen, Staatsrat W e i n - r i ch, für ihren Betrieb in A l t e n v e r s das Gaudiplom für hervorragende Leistungen im Leistungskampf der deutschen Betriebe verliehen.
Vorsicht bei abgeworfenen Flugzeugantennen!
Warnt eure Sinder
vor dem Berühren herabgefallener Drähte!
DNB. Im heutigen starken Flugbetrieb kommt es zuweilen vor, daß von einem Flugzeug ein Antennen- oder Schleppdraht herabfällt. Diese Drähte sind meist so leicht, daß durch das Herabfallen allein kein Schaden angerichtet werden kann. Fällt dagegen solch ein Draht auf eine Hoch- spannungs- oder Starkstromleitung, so ist äußerste Vorsicht geboten. Durch Berühren des herabhängenden Endes solcher über eine Freileitung gefallener Drähte sind in letzter Zeit in mehreren Fällen Kinder und Halberwachsene schwer verletzt ober gar getötet worden. Es ist daher dringend notwendig, daß insbesondere in Gegenden mit starkem Flugbetrieb Eltern und Erzieher ihre Kinder auf die großen Gefahren aufmerksam machen, die das Berühren derartiger Drähte mit'sich bringt, auch wenn sie nicht in unmittelbarer Nähe einer Freileitung liegen. Wer Herabfallen eines solchen Drahtes bemerkt oder einen Draht findet, hat die Pflicht, dies sofort der nächsten Polizeistelle oder dem nächstgelegenen Fliegerhorst zu melden und dafür zu sorgen, daß kein Unbefugter den Draht berührt, ferner, daß auch Tiere mit dem Draht nicht in Berührung kommen.
Mai-Wanderung des DHC. ^weigverein Gießen.
Man berichtet uns: Ein herrlicher, für den Naturfreund besonders geeigneter Frühlingstag hatte am vergangenen Sonntag über 70 Wanderer des Hweigvereins Gießen vom DHC. zur gemeinsamen Wanderfahrt vereinigt. Die Bahn brachte uns zunächst nach Wetzlar. Im Gang durch die Stadt konnten wir deren Schönheiten bewundern, vor allem aber den herrlichen Dom, bei dem sich romanische, früh- und spätgotische Baustile vermischen, und die alte Ruine Karlsmunt.
Ueber saftige Fluren und durch int frischen Maien- grün prangende Wälder führte die Wanderung am Stoppelberg vorbei zum Kühlen Grund. In der in einer Talschlucht liegenden kleinen Schenke, wo fleißige Hände ein wahres Märchenparadies für die Kleinen geschaffen haben, war für das leibliche Wohl vorgesorgt. Auch die Gesichter der großen Wanderer zeigten, daß sie noch Freude an dieser Märchenwelt, dem klipp-klapp der Wassermühlen, den emsig schaffenden Wichtelmännern und dem Rotkäppchen mit dem böfen Wolf hatten.
Nach der Frühstückspause ging es fast ständig auf schönen Waldwegen nach dem Magdalcnen- häüserhof. Immer wieder wechselten die Ausblicke in die Landschaft. Bald war es wieder das alte
Aus den Gießener Gerichtssälen.
Sezirksschöffengericht Gießen.
Wegen Vergehen gegen die Anordnungen des Reichstreuhänders der Arbeit hatte sich der E. L. 2. aus Heuchelheim zu verantworten. Der Angeklagte war beschuldigt, Gefolgschaftsmitglieder eines anderen Pflasterergeschäfts durch Anbieten von Locklöhnen und sonstigen besseren Arbeitsbedingungen verleitet zu haben, die Arbeit vor ordnungsmäßiger Lösung des Arbeitsverhältnisses (Kündigung) zu verlassen, und ein Gefolgschaftsmitglied, von dem er wußte, daß es anderweit noch verpflichtet war, eingestellt zu haben. Er hatte Arbeiter, die bei dem anderen Pflastererunternehmer in Heuchelheim beschäftigt waren, aufgefordert, bei ihm zu arbeiten, ihnen einen Stundenlohn von 70 Pf. versprochen, das sind 2 Pf. mehr als ihr seitheriger Lohn, und gab ihnen 2 Mark, um einen Schoppen zu trinken. Einen Arbeiter soll er auf gefordert haben? passive Resistenz zu üben, um leichter von feinem seitherigen Arbeitgeber Ivszukvmmen. Kurz vor Weihnachten soll der Angeklagte wiederum an die Arbeiter herangetreten sein, bei ihm zu arbeiten. Er soll ihnen Weihnachtsgeschenke versprochen haben, wenn sie bei ihm arbeiten würden.
Der Angeklagte, der den Betrieb seines erkrankten Vaters leitet, bestritt, höheren Lohn angeboten zu haben. Trinkgelder habe er den Leuten auch schon früher gegeben. Nur ein Zeuae behauptet, der Angeklagte habe an Stelle des üblichen Stunden- lohnes von 68 Pf. 70 Pf. versprochen. Bezüglich der versprochenen' Weihnachtsgeschenke konnte nichts festgestellt werden.
Der Vertreter der Staatsanwaltschaft hielt den Angeklagten für überführt und beantragte Geldstrafen von 80 und 30 Mark, insgesamt 110 Mark. Die in der Verordnung gegen Unternehmer an gedrohten Strafen müßten analog auch für den Vertreter gelten.
Der Verteidiger vertrat die Ansicht, daß eine Bestrafung nicht eintreten könne, da die Verordnung nur gegen den Unternehmer Strafe androhe. Der Angeklagte sei aber nicht Unternehmer. In einer späteren Verordnung, die nach Begehung der zur Verhandlung stehenden Tat erlassen wurde, fei die Strafandrohung auf alle, die es unternehmen, Arbeiter abzuwerben, ausgedehnt worden. Dem Angeklagten habe das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit gefehlt, da die Werbung von Arbeitern früher üblich gewesen sei.
Der Angeklagte wurde vom Gericht eines Vergehens gegen §2 der Verordnung über die Lohn- gestaltung vom 25. Juni 1938 schuldig gesprochen und unter Freisprechung im übrigen zu einer Geldstrafe von 100 Mark verurteilt. In der Urteilsbegründung wurde ausgeführt, daß die Tat nicht gerade als verwerflich anzusehen sei, daß sie
Wetzlar, das den Blick auf sich zog, bald waren es schöne Wiesen oder die im Blütenschmuck stehenden Obstbäume, prachtvolle Fluren und nicht zuletzt unser herrlicher deutscher Wald. Auf dem Magdalenen- häuserhof wurde Mittagsrast gehalten. Nach aus- giebiger Atzung wurde dieses schöne Fleckchen verlassen, um erneut auf heimlichen Pfaden und durch herrlichen Buchenwald über Oberndorf dem Endziel Braunfels zuzuwandern. Schon aus der Feme erblickten wir die burggekrönte und landschaftlich herrlich gelegene Stadt, deren Wahrzeichen, die Burg, majestätisch auf seine Umgebung herabblickt. Nach all den Eindrücken des Tages brachte der Gang durch den gepflegten Schloßpark mit seinen uralten, teils seltenen Baumbeständen, einen wür-
sich aber für die Allgemeinheit schädlich auswirken könne und deshalb eine empfindliche Geldstrafe am Platze fei.
♦
Der H. Sch. in Eiferfeld war im Jahre 1938 während einiger Tage wegen eines Rentenverfahrens in einer Klinik in Gießen zur Beobachtung. Dort will er von einem Patienten und der Stationsschwester gehört haben, ein Patient sei daran gestorben, daß der Röntgenbrei bei ihm nicht rechtzeitig abgeführt worden sei.
Nach längerer Zeit machte der Angeklagte eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft Gießen gegen den Direktor der Klinik. Das Verfahren gegen den Direktor wurde jedoch von der Staatsanwaltschaft eingestellt und der Angeklagte hiervon benachrichtigt. Trägem schrieb er an den Professor Briefe, in denen von „Gutachtenkonstruktion" und bergt die Rede war.
Durch die Beweisaufnahme wurde festgestellt, daß der Angeklagte nicht aus edlen Motiven, sondern nur aus Rache handelte, weil der Professor ein für den Angeklagten ungünstiges Gutachten abgegeben hatte. Die Personen, die dem Angeklagten die fraglichen Mitteilungen gemacht haben sollten, bestritten dies. Trotzdem hielt der Angeklagte hartnäckig seine Behauptungen aufrecht.
Der Vertreter der Staatsanwaltschaft beantragte eine Gefängnisstrafe von 5 Wochen und Publikationsbefugnis.
Das Gericht erkannte den Angeklagten schuldig der vorsätzlichen falschen Anschuldigung nach § 164 Abs. 2 StGB, in Tateinheit mit übler Nachrede nach § 186 StGB, und verurteilte ihn zu einer Gefängnis st rafe von 5 Wochen.
Amtsgericht Gießen
B. W. in Gladenbach erhielt einen Strafbefehl über zwei Monate Gefängnis wegen fahrlässiger Körperverletzung und Führerflucht. Gegen den Strafbefehl legte er Einspruch ein. Der Angeklagte fuhr am 28. August 1938 mit einem mit Alteisen beloben en Lastkraftwagen mit Anhänger die Straße von Langsdorf in Richtung Lich, überholte ein scharf rechtsgehendes Mädchen fo nahe, daß dieses erfaßt wurde und Verletzungen erielt. Er fuhr 300 bis 400 Meter weiter, hielt dann erst an und schickte seinen Beifahrer zurück, da ihm die Sache nicht ganz sicher war. Wie durch Sachverständige feftge- stellt wurde, war der Angeklagte in einem gewissen alkoholischen Rauschzustand. In der gestrigen Hauptverhandlung wurde er der Körperverletzung überführt, und es blieb bei der im Strafbefehl ausgesprochenen Strafe von 2 Monaten Gefängnis, wenn auch die Führerflucht entfiel. Das Mädchen leidet heute noch an den Folgen der Verletzungen.
bi gen Abschluß der Wanderung. In der Brauerei Wahl fand man sich bei Sang und Klang und einem guten Tropfen zur gemütlichen Schlußrast.
Ueber^eugt, wieder einmal einen herrlichen Wandertag verlebt zu haben, brachte die Bahn die muntere Schar gegen 20 Uhr nach Gießen zurück. Frischauf zur nächsten Wanderfahrt in die lieblichen Taunusberge.
Schinnerhannes fpuff em £oni>.*
Hoch einmal Aufführung an den beiden Pfingst- lagen an den Eschbacher Klippen.
Noch einmal wird auf der großartigen Naturbühne der Eschbacher Klippen im 11 finger Land an den beiden Pfingsttagen der „Schinnerhannes"
lebendig werben. Noch einmal hat sich das halbe Bauerndorf in den Dienst der Eschbacher Bauernspiele gestellt, um bas Spiel vom „rheinische Räu- werschelm", nach dem großen Erfolg des Vorjahres, auf vielfache Wünsche noch einmal zu gestalten. Schon fingen die Eschbacher Kinder bas bekannte Liedchen von „Johannes durch den Wald" wieder in den Gassen des großen Bauerndorfs, wieder sitzen die Spieler zusammen und lernen noch einmal ihre Rollen. Kurzum: an Pfingsten spukt der „Schinnerhannes" wieder in Eschbach im Ujinger Land.
Tod durch einen wütenden Bullen.
In der hiesigen Chirurgischen Klinik verstarb am gestrigen Dienstag der Bullenhalter und Landwirt Wilhelm F e i l i n g aus Atzbach (Kreis Wetzlar). Der Mann war am Montag damit beschäftigt, den von ihm betreuten Gemeindebullen der Gemeinde Atzbach aus dem Stalle zu führen. Dabei löste sich der Ring in der Nase des Bullen, wodurch geiltng die Herrschaft über das unruhige Tier verlor. Durch irgendeinen Umstand geriet der Bulle in Wut und stürzte sich auf den Mann, den er mit starken Huf. triften und mit wuchtigen Hörnerstößen so schwer verletzte, daß er in lebensgefährlichem Zustand nach Gießen in die Klinik eingeliefert werden mußte. Hier ist der Bedauernswerte, trotz sofortiger Ope- ratton, im Laufe des gestrigen Dienstagnachmittag an den schweren Verletzungen gestorben.
** Maienblasen. Am heutigen Mittwoch, 24. Mai, bei dem Maienblasen vom Turm der Stadtkirche werden gespielt: 1. „Nun danket alle Gott"; 2. „Gott grüße dich"; 3. „Von des Rheines Strand".
** Wirtschaftsgruppe Druck im Wirt- fchaftsbezirk Hessen. Auf Grund einer Anordnung des Reichswirtschaftsministers war für bas gesamte Druckgewerbe eine eigene Wirtschaftsgruppe Druck zu errichten, zu der auch alle Zeitungs- bruckereien gehören. Als Untergliederung der Wirtschaftsgruppe Druck wurde die Bezirksgruppe Hessen gebildet, zu deren Leiter der Buchdruckereibesitzer und Derleaer W. Breidenstein in Frankfurt am Main berufen wurde. Zum Obermeister der Innung Gießen (umfassend die Provinz Ober- Hessen und die Kreise Wetzlar, Marburg und Kirch- Hain) wurde Earl Scharfe, Wetzlar, zum Stellvertreter des Obermeisters Arthur Leip scher, Wetzlar, berufen.
Fortgang der Lahnregulierung.
Lpd. Marburg, 23. Mai. Die Arbeiten an dem restlichen Teilabschnitt der Lahnregulierung Cölbe — Marburg, die während des Winters geruht hatten, sind jetzt wieder ausgenommen worden. Gegenwärtig wird rings um die rechts der Lahn gelegene Häusergruppe des Dorfes Wehrda in der Nähe des Weißensteins ein Damm gebaut, wobei man das benötigte Erdreich dem an der Straße Wehrda—Goßfelden gelegenen Hang entnimmt Weiter sind innerhalb der Ortslage Wehrda Betonschutzmauern zur Verhinderung von Uederschwemmungen bei Hochwasser errichtet worden.
D6C
Hine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin
34 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Auf der Paßstelle reichte Holk mit kurzem Nicken Dinas Paß hinüber. Der Beamte nahm ihn und kam sofort wieder aus dem kleinen Verschlag zurück: „Bitte schön!" Dina hatte ihren kleinen Kotter hin- gesetzt,
„Haben Sie zollpflichtioe Gegenstände?" fragte ein anderer, um dann, ehe sie antworten konnte, sein Zeichen darauf zu machen.
„Für den großen Koffer kommt die Dame nachher wieder, wenn er herangebracht ist", erklärte Holk, weitergehend. Inzwischen füllten die übrigen Passagiere den kleinen Raum; es waren immerhin acht Personen.
„Bitte schön!" sagte der Beamte entgegenkommend, und Holk ging mit Dina seinem Büro zu.
„So eine liebenswürdige Zollbehörde habe ich noch nicht erlebt", sagte Dina halb lachend, halb erstaunt. Holk lächelte etwas eigentümlich, erwiderte aber nichts.
'.Sind Sie denn gar nicht überrascht?" fragte sie weiter. Da waren sie schon vor seinem Zimmer.
Bei ihrem Eintritt erhoben sich zwei Herren, ein älterer Mann mit dichtem weißen Haar und ein jüngerer von untersetzter kräftiger Gestalt.
„Herr Juwelier Stiller!" stellte Holk vor. „Kommissar Böninger kennen Sie ja bereits", fügte er hinzu.
„Gewiß, ich entsinne mich", sagte Dina etwas unsicher. Die Anwesenheit der beiden Männer über» gaschte sie. Sie kam aber nicht zum Nachdenken, denn Holk nahm ihr mit einem kurzen „Darf ich?" den kleinen Schirm weg, den sie unter dem Arm trug, und reichte ihm dem weißhaarigen Herrn. Dieser ging eilig damit in das helle Licht der Schreibtischlampe, klemmte eine Lupe ins Auge und begann, das Kristall am Griff eingehend zu be- trachten.
„Darf ich vielleicht erfahren .. ", sagte Dina, vorläufig mehr verblüfft als aufgebracht über dieses merkwürdige Verhalten.
Holk ergriff ihre Hand und zog sie an die Lippen. „Haben Sie Vertrauen zu mir, Dina?"
Sie sah beunruhigt die Erregung auf seinem Gesicht. „Doch! Natürlich!"
„Dann setzen Sie sich, bitte." Er führte sie zu einem Sessel. „Gedulden Sie sich ein paar Augenblicke. Sie sollen alles erfahren."
Dina setzte sich gehorsam. Die beiden Männer blieben stehen, die Blicke auf den Juwelier geheftet, der inzwischen einige kleine Instrumente ergriffen hatte und damit das Kristall bearbeitete. Endlich, nachdem die Spannung im Raum fast körperlich fühlbar geworden mar, nahm er das Glas aus den Augen und drehte sich nach den Männern um; sein Gesicht drückte maßloses Erstaunen aus.
,Kein Zweifel, es ist ein Diamant!" sagte er aufgeregt
Einen Augenblick Stille, dann ein tiefer, fast keuchender Atemzug. Böninger war es, der feinem Empfinden gleich hinterher Worte gab.
„Großartig!" sagte er begeistert. „Ich habe Blut geschwitzt, daß es doch Bluff wäre. Man konnte Sie ja getäuscht haben", wandte er sich an Holk. „Nun stimmt alles andere natürlich auch. Mensch, Holk, wenn uns das gelingt..." Er padte ihn am Arm und schüttelte ihn vor lauter Aufregung.
"Au!" sagte Holk und rieb die mißhandelte Stelle, denn der Kommissar war ein kräftiger Mann. „Ihre Begeisterung in allen Ehren, aber wollen wir nun nicht der gnädigen Frau ..."
„Natürlich!" Böninger wandte sich an Dina, die völlig verständnislos von einem zum andern sah. „Liebe gnädige Frau, man hat Sie zum zweiten Male zum Mithelfer eines Verbrechens gemacht, aber diesmal" — und jetzt klang die Leidenschaft des Jägers in feiner Stimme mit — „diesmal hat der Schuft sich verrechnet."
Dina warf einen Blick völliger Ratlosigkeit zu Holk hinüber. „Ich verstehe kein Wort!" sagte sie hilflos.
Holk wollte etwas sagen, aber Böninger ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Haben Sie von dem Diamanten „Blauer Strahl" gehört?" fragte er.
„Doch!" nickte Dina. „Erst gestern sprach mein Luzerner Notar davon."
„Und was sagte er?"
„Daß der Stein sehr wertvoll sei. Und man fürchtete, daß er verloren ist — oder so ähnlich", grub sie in ihrem Gedächtnis nach.
„Das war auch zu fürchten — bis jetzt. Nun nicht mehr, beim Sie haben ihn uns gebracht. Hier ist er!" Er hob ihren Schirm auf und streichelte fast zärtlich den Griff. „Dies ist der vielgesuchte .Blaue Strahl'."
Dina sah erst ihn, bann Holk an. Böninger ver» ftanb ben Blick unb lachte. „Ich bin nicht verrückt, liebe gnäbige Frau, ober höchstens ein bißchen vor Freude, weil wir ihn haben. Unb baß die Banbe bei bem Versuch, Sie auszunutzen, schon roieber reingefallen ist, bas läßt einen hartgesottenen alten Kommissar wie mich an bie höhere Gerechtigkeit glauben."
Nun.begriff Dina erst, was los war; sie würbe totenblaß vor Bestürzung. „Aber warum benn — immer ich?" stammelte sie verstört.
Holk ergriff ihre Hanb unb streichelte deruhigenb bie kalten Finger. „Damals war es Zufall, unb heute — bin ich fchulb baran. Das Chamäleon rechnete barnit, baß man Sie wegen unserer Bekanntschaft nicht verbächtigen mürbe, unb so kamen Sie zu ber Ehre, ben .Blauen Strahl' über bie Grenze zu bringen."
„Das Chamäleon?" fragte Dina entsetzt. „Aber woher weiß er benn, baß wir uns kennen?"
«Weil er uns zusammen gesehen hat", antwortete Holk. „Mr. Griffin ist das Chamäleon", setzte er kurz hinzu.
"Mr. Griffin?! Dieser Spießer! — Unmöglich!" „Und wer gab Ihnen den Schirm?"
„Wahrhaftig! Mr. Griffin! Der ein Verbrecher? Ich mochte ihn nicht, aber darauf wäre ich nie gekommen." Sie hatte sichtlich Mühe, den biederen John W. Griffin mit dem berüchtigten Chamäleon in Einklang zu bringen.
„Der Kerl wäre bestimmt einer der größten Cha- rakterschauspieler geworden, wenn er den Beruf eines Verbrecherhäuptlings nicht vorgezogen hätte", erklärte Böninger. „Er kann so völlig in ber Rolle aufgehen, bie er gerade spielt, baß er sich niemals Blößen gibt. Dabei ist er einer ber gefährlichsten Gauner; es fragt sich nur, welches ßanb ben Vorrang hat, ihn aufzuhängen", setzte er grimmig hinzu.
Dina schnappte regelrecht nach Luft. „Mr. Griffin — nein, so etwas!" murmelte sie fassungslos vor sich hin.
Böninger nahm einen Stuhl unb rückte nahe an sie heran. „Wollen Sie mir bitte nun genau erzählen, wie Sie zu bem Schirm gekommen finb?"
„3n knapp zehn Minuten muß bas Flugzeug starten", warf Holk ein.
„Verflucht ja! Dann lassen wir bas bis nachher. Jetzt müssen wir vor allem ben — wie hieß ber Kerl?"
"Springer! Es wirb fein richtiger Name sein!" sagte Holk.
„Dann heißt er jetzt natürlich anbers", mutmaßte Böninger, „aber gleichviel: wir müssen ihn fassen, schon bamit er bas Chamäleon nicht warnen kann. Ist Ihnen unterwegs jemanb aufgefallen, ber Interesse für Sie zeigte.
Dina bachte nach, nun auch vom Jagbeifer unb außerbem von einer regelrechten Wut gepackt, baß man es schon roieber wagte, sie zu einer schmutzigen Sache zu benutzen. „Nein! Nur eine Dame erinnerte mich an ben Schirm. Ich hätte ihn beinahe vergessen", berichtete sie. „Eine Dame in braunem Pelzmantel."
„Das war Dr. Scheffler mit Frau. Kommt nicht in Betracht", erklärte Böninger, ber bie Ausstei- genben genau gemustert hatte. „Die Pässe finb in Orbnung, unb jeber Mißgriff warnt ben Richtigen. Dumme Sache! Wenn man nur etwas mehr Zeit hätte!"
„Ich habe eine Jbee", sagte Holk plötzlich. „Wenn Frau Wegner jetzt nicht weiterfliegt unb man ihr Zurückbleiben glaubhaft erklärt, wirb biefer Mann wohl auch Zurückbleiben müssen, um ben Stein nicht aus ben Augen zu verlieren!"
„Ober er riskiert ben Weiterflug, um nicht auf» zufallen, unb erwartet sie am nächsten Flugzeug in Berlin", gab Böninger zu bebenfen.
„Das nächste Flugzeug geht jef^ im Winter erst morgen um biefelbe Zeit; er müßte also vierunb- zwanzig Stunben lang ben Stein außer Sicht lassen. Außerbem — wenn wir auch keine Schauspieler finb —, zu einer kleinen Szene wirb es hoffentlich langen. Ich benfe es mir so ..."
Kurz darauf betraten Dina und Holk die Zott- ab fertigung, einen nicht allzu großen Raum. Die Mitte mar durch breite, blechbeschlagene Barrieren die gleichzeittg zum Abstellen der Koffer dienten! nach allen Seiten abgegrenzt. Hatten die schweize- nfchen Passagiere — von rechts kommend — die
Kontrolle passierst, fo gingen sie durch eine Halle auf die linke Seite des Raumes zurück, um sich auf Öen Flugsteig zu begeben. Die Fluggäste von Deutschland nach der Schweiz nahmen ben umgekehrten Weg. In der Mitte standen bie kontrollierenden Beamten. Als Holk mit Dina erschien, harrte auf der schweizerischen Seite ein einsamer Koffer, Dinas Koffer, und der Beamte ging eilig darauf Zu, denn es waren kaum noch fünf Minuten bis 3um Start. Wie Holk richttg gerechnet hatte, waren 'die Flugaäste bereits auf der gegenüberliegenden Seite versammelt und warteten auf das Oeffnen ber Sperre. Daß dies erst auf ein Zeichen von ihm geschehen würde, hatte er vorher angeordnet.
"Es eilt nicht", sagte er zu dem Beamten, und zwar so laut, daß die Leute gegenüber ihn ebenfalls mühelos verstehen konnten, „die Dame fliegt erst morgen weiter."
„Die Dame fliegt nicht morgen weiter, sondern fährt heute abend Schlafwagen", sagte Dina etwas Ieifer, aber ebenfalls gut verständlich. „Sie haben mir versprochen, meinen Flugschein zu verlängern."
„Wenn Sie darauf bestehen, natürlich! Aber sehen Sie ..." Nun verlor sich seine Sttmme im Gemurmel, denn er neigte sich sehr nahe zu ihr. Sie lächelte etwas, schüttelte dann aber ablehnend ben Kopf.
..Nein, nein, ich fahre heute abend", konnte man drüben deutlich hören.
„Das wird sich finden", erklärte er lachend. Der Koffer war inzwischen nachgesehen, und bie beiben verließen ben Raum, ohne dem übrigen Publikum, bas sich um bie ©uttftabter Fluggäste vermehrt hatte, auch nur einen Blick zu schenken.
Holks Rechnung stimmte: fünf Minuten nach 21b» flug erschien ein aufgeregter Herr am Schalter unb beklagte sich bitter, baß er ben Anschluß verpaßt habe, ba er sich wegen eines plötzlichen Unwohl- fems auf einen Augenblick habe zurückziehen muffen; er bäte um Umbuchung auf das nächste Flugzeug. Der von Holk instruierte Beamte erklärte dar- auf, daß er bei Versäumnis aus eigenem Verschulden nicht umbuchen könne, und nun beging Springer einer großen Fehler: er gab sich sofort zufrieden und verlangte einen Schein für ben nächsten Tag. Em harmloser Passagier hätte bei einem Betrag Don siebzig Mark doch versucht, etwas herauszubekommen, und wäre oor- allem, zumal ihm schlecht geworden war, lieber mit der Bahn gefahren, statt einen ganzen Tag zu warten.
Auch Springer rechnete damit, die Bahn nehmen zu müffen, glaubte aber besonders flug zu sein, wenn er sich gleichzeitig ben Flug sicherte, benn ab Buttstädt waren bie Maschinen immer stark besetzt. Er wußte von Griffin von Holks Interesse für Dina — auf bem biefes ganze Unternehmen mehr ober weniger basierte — unb hielt es darum für wahrscheinlicher, daß Holk sie überreden würde, bis zum nächsten Tage zu bleiben.
Diese Vorsicht wurde sein Verderb. Als er die Brieftasche zog, um ben neuen Schein zu bezahlen, legte sich eine Hand auf feine Schulter.
„Sparen Sie Ihr Gelb, Springer", sagte Böninger freundlich, „wir werden Sie auf Staatskosten viel billiger befördern."
(Schluß folgt.)


