Ausgabe 
23.12.1939
 
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Ur. 501 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

2Z./24. Dezember 1939

Oie Gnade des Lichtes.

Von Wilhelm Michel.

geterfage sind ,n der Abfolge der jagenden Etun° den die Pausen; aber nicht Pau,en toter Leere ön- dern Pausen, tn denen plötzlich ein tieferes Jmin fortlaufendes Geschehen vernehmbar wird Jn'diekn Pau en Horen wlr die langsamen Mühlen Gottes mahlen; wir Horen die Flügel seiner (Enael h,r Botenkräfte die durch die Leit gehen und',e?n ewigen Taten wirken Wir hören auch die Stimme der eigenen Seele, vielleicht ein Seuhen auf das wir nie geachtet, vielleicht ein Fragen, das wir uns immer aus dem Sinn geschlagen haben. Die Frage unsrer Arbeit-. und Kampstage lautet:Wozu leben wir? , und der Mensch beantwortet sie rüstig mit den Taten des Geistes und des Armes. In jenen Pausen aber schlägt die Frage:Wovon, woraus leben wir die Augen auf. Das fuhrt in die Tiefe weit zurück, gleichsam in eine Vorwett und Vorzeit' wo still der Grund gelegt wurde zu allem, was wir tun und smd.

Wir sind zum Leisten und Kämpfen bestimmt Aber wir konnten diese Bestimmung nicht erfüllen' hätte nicht einst, als wir Kinder waren, eine Mutter uns gehegt und gewiegt, hätte sie nicht an unserm Bett gesessen und die kleinen Hände gehalten wenn da Angst oder Krankheit nach uns griff. Das ver- steht jeder. Aber es gilt auch zu verstehen, daß unserem ganzen erwachsenen Mannes- oder Frauen- leben eine uranfängliche Liebe zugrundeliegt, die noch höherer Art und ganz andern Ursprungs ist als die Liebe der Eltern. Der eine erfährt sie früh, der andre spät; sie meldet sich draußen im Feld des Berufs sie tritt auf im innersten Geheimnis der Brust. Es ist die verborgenste und die allgemeinste Erfahrung und wenn sie recht in einer Seele aufgeblüht ist dann überglänzt sie alles mit dem Licht des Wissens' Diese Welt könnte keine Welt unsrer Tat und unsres Kampfes fein, wäre sie nicht längst zuvor die Welt einer unausdenklichen Liebe von oben gewesen.

Längst zuvor! Wir nennen Weihnachten das Fest des Kindes, und das schließt in sich, daß es uns, Groß und Klein, als arglose, beschenkte Kinder vor die uranfängliche Liebe führt, die in allem der Kern ist, der Dauerstern. Was am Grunde ist, was den Anfang macht, glänzt in der heiligen Nacht herauf: das Vertrauen vor allem Mißtrauen, das Einigsein vor aller Zerstreuung, dazu die Heimat vor aller Fremde, die Freude vor aller Bitternis, das Kind- liche. das undenklich weit allem vorangeht, was starr und unjung ist, die Liebe, mit einem Wort, die stiftet und gründet, erschafft und erhält, welten­tief und weltenlapg vor allem, was auslöst und zerstört. Immerfort könnte man davon sagen und käme doch an kein Ende. Was Himmel ist, hoch über aller Erdenttefe und Höllenfinsternis, und doch uns nahe und zugehörig wie das Brot, von dem wir leben das ragt an Weihnachten in unsere Stuben hinein. Als seien die Dächer von den Häu­sern weggenommen, so quillt eine Ordnung des Lichtes in die dunkle Ordnung unseres Alltags her­nieder und stürzt sie mit einem sanften Ungestüm um. Die Ordnung der Liebe nimmt ihren alten, heiligen Platz wieder ein; das sehen wir rings um uns geschehen und fühlen es zugleich im eigenen Herzen. Wenn wir die Kinder an Weihnachten be­schenken, warum hat das einen fo besonderen Sinn und frohen Ernst? Sie werden doch auch am Ge­burtstag und bei sonstigen Anlässen mit Gaben be­dacht? Aber Weihnachten beschenken wir sie aus einer größeren Liebestiefe, als sie unser Herz sonst kennt. Wir beschenken sie zu Dank und Feier jener Liebe, mit der wir selbst und alle Welt unvordenk­lich beschenkt worden sind. Es geht hoch über unsere Häupter hinaus, was sich da ereignet.

Seht den Baum im Glanz der Lichter, die schöne geliebte Zier der deutschen Weihnacht. Der immer­grüne Baum war unfern Vorfahren und ist auch uns noch ein Bild des natürlichen, aus Erde wach­senden Lebens. Aber auch er steckt jetzt Lichter auf

wie wache, sehnliche Gedanken. Das stumme Wald- geschopf belebt sich mit wehenden Flämmchen und glanzt den kindlichen Dank in die dunkle Welt hin­aus.

es gibt Dunkel in der Welt. Sie zeigt uns auf alle Weife, daß sie weit davon entfernt ist, das Paradies zu sein. Darüber will auch Weihnachten nicht hinwegtäuschen. Aber eben als zu einer dunk- len und im Dunkel verlorenen Welt kommt zu ihr die Gnade des Lichtes. Es handelt sich an Weih- nachten nicht um äußere Nacht und nicht ums natür­liche Licht. Im Iahreslauf geht die Sonne hinunter und wieder herauf; aber ob ihre Bahn winterlich flach oder sommerlich hoch verläuft, das Dunkel der

nen Weihnachten nur erfahren, wenn sie wissen, daß sie mit all ihrem Glück heimatlose Wanderer waren, denen nun im pfadlosen Dunkel der Welt das ewige Zuhause sich öffnet.

Wir Menschen nehmen uns gern eng und klein. Wir verleugnen nach Kräften unsere höhere Art, wir erzählen uns unaufhörlich von unfern Bedürf­nissen und deren Befriedigung und lassen unsere Welt und unsere Seele, unsere Begriffe und unser Verlangen nach Erfüllung damit aufhören. Aber wir kennen uns wenig", sagte einst ein großer deutscher Dichter, und hoch über das, was wir von uns wissen und wollen, geht Gottes Liebe mit ihren Geschenken hinaus. Was wir von uns erkennen, ist

Aufnahme: Elisabeth Hase, Frankfurt a. M.

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Welt dauert fort, und nur ein Licht aus anderem Bereich kann sie mit Seelenttost und wahrem Herzensgenügen erhellen. Sagt und denkt nicht, Weihnachten sei nur ein Fest für Glückliche, die (El­tern und Kinder haben, eine warme Stube voll Liebe und freundlicher Helle. Weihnachten ist nur das Fest für die Verarmten und Verlassenen, denen gar kein anderes Licht mehr scheint als der nun auf­gehende Dauerstern der Siebe von oben. Auch jene Glücklichen, von denen wir gesprochen haben, kön-

dürftig. Waren wir nicht vom Vater in der Höhe erkannt, längst wäre unser geliebtes, selig-unseliges Erdentreiben verdorrt und erloschen. Mit der Weih­nachtsbotschaft seiner Liebe hebt er uns immer wie­der aus dem Tvd, den wir uns selbst bereiten, und läßt für einen Augenblick die Heimat, die wir an seinem Herzen haben, überschwänglich in unsere Er­denheimat hereinscheinen. Nimmt unser herz das aber im Glauben an, so weitet sich der Augenblick zum Immerdar.

Weihnachten.

Don Hans Brandenburg.

Weihnachten, wir wissen es alle, ist das deutscheste der Feste. Ob wir gläubig oder ungläubig sind und au welchem Glauben oder Nichtglauben mir uns bekennen mögen: Weihnachten feiern wir alle mit gläubigem Herzen, denn hier ist Glauben zum Er­leben geworden, und dem tiefen Erlebnis gegen­über sind wir immer gläubig. Dies Fest ist aus unserem Blute gewachsen, es reicht in unsere älteste Vorzeit zurück, es ist die Wintersonnwend der Ger­manen. Und mag die Weihnachtstanne in ihrer heu­tigen Form auch erst einem neueren Brauch ent­stammen im Grunde ist auch sie so alt rote das Fest selber. Immer schon war es mit immergrünen Zweigen geschmückt und von Feuer und Licht er­hellt, immer schon war der Baum für uns das Sinnbild des Lebens; wir brauchen nur an die Weltesche Yggdrasil zu denken.

Als unsere Väter einen neuen Glauben annah­men, geschah das nicht ohne schwere äußere und innere Kämpfe. Aber in der Anknüpfung an das Julfest wurde die Versöhnung gefunden, das Fremde zum Eigenen umgeschmolzen. Nun sah man im wachsenden Licht der wiederkehrenden Sonne zugleich auch das innere Licht der Welt, und die Naturreligion wurde zur Geistesreligion. Das Kind in der Krippe aber, dieser Inbegriff des ewig sich erneuernden Lebens und Lichtes, es konnte von niemandem so verehrt und gepriesen werden wie von den jungen, zukunftskräftigen Völkern des Nor­dens, die längst schon fromme Bauern und Hirten waren und denen nun in ihrer kalten Winternacht der Engel die Verkündigung fang, der Stern der Verheißung aufging.

3um Dritten wurde das Fest der Kindesver- ehrung dann auch mehr und mehr zum Kinderfest. So wie die drei Könige dem heiliaen Kinde Gaben brachten, wird nun zu Weihnachten der ganzen Kinderschar beschert. Für immer bleibt uns Weih­nachten in den höchsten Glanz der Kindheitserinne- rung gehüllt, von geheimnisvoller Erwartung und freudiger Ungeduld, von Wunscherfüllung und Jubel verklärt. Auch die ältesten Menschen werden noch einmal wieder mit den Kindern jung, wir alle wer­den selber wieder zu Kindern, wir freuen uns mit den Kleinen und Kleinsten, genießen das Glück, das wir selber erweckten, auch wir Großen beschen­ken uns untereinander, und wir wissen plötzlich nicht mehr, was seliger ist, Freude erleben oder Freude machen, Geben oder Nehmen beides ist ein Gleiches durch Gegenseitigkeit geworden.

Und Weihnachten darf auch im Kriege gefeiert werden, ja da erst recht. Jedem, der ein Weih­nachten im Felde erlebt hat, wird es für immer unvergeßlich bleiben; viele von den Teilnehmer« des Weltkrieges erleben es nun wieder ober die Söhne erleben es ober Vater und Söhne zugleich. Niemand kennt den deutschen Soldaten, der nicht weiß, wie er Weihnachten feiert, mit welchem Ernst und welcher Kindlichkeit, mit welcher Freude an den Grüßen und Gaben seiner Lieben, mit welch frie­densliebendem Gemüt unter Wehr und Waffen, mit welchem Glauben an feine gerechte Sache, die ihm untrennbar ist von einer guten Zukunst und vom Licht der Welt.

Diesmal werden die Lichterbäume hinter ver­dunkelten Fenstern und draußen in Buntem und Unterständen strahlen. Kein Schein der Kerzen wird hinaus in die Nacht bringen, bie feindlich und ge­fährlich geworden ist und nur noch vom spähenden Auge der Scheinwerfer erhellt. Aber mit den ver­borgenen Lichtern wird der Weihnachtsstern ix Millionen deutschen Herzen aufgehen, er wird einen großen Bogen der Sehnsucht, Liebe und Treue über Front und Vaterland und zwischen den räumlich getrennten Brüdern wölben, und überall, wo er leuchtet, wird Heimat fein.

den Wahrzeichen und Forderungen ihres täglichen Tuns und Wirkens die Untaten und den Heldenruf des Krieges.

An einem Winterabend schritt zu unseren Tagen ein Mann durch bie Landschaft am Waldrand da­hin. Der Schnee lag fußhoch, und die Zweige der Bäume, groß und klein, trugen schwere weiße Lasten und waren tief herabgebeugt; der Wanderer schritt durch Hügel und Berge von Kristall im flim­mernden Abendlicht dahin In den Hallen und Domen unter den Aesten dämmerte es geheimnisvoll und von nie gesehener Färbung. Die Schatten leuch­teten blau, tiefer als die Flecke des Himmels zwi­schen den Kronen in der eiskalten Höhe. Es war ein verzaubertes Reich, bald überhell, bald, als er­glänzte ein längst vergessener ferner Weltkörper im Ampellicht des Alls.

Es wird die Stille gewesen sein, die über diesem Anblick den Dahinschreitenden beglückte, die heilige Ruhx. Es herrschte zuviel Licht in dieser Wunder- welt, als daß man an den Wintertod denken konnte, es war Schlaf, so selig und beschwichtigt, baß es aus ihm erstrahlte.

Der Dahinschreitende besann sich auf fein Vor­haben und ließ seine Blicke umherwandern, denn er wollte am Waldrand einen Tannenbaum für bas bevorstehende Weihnachtsfest finden. Auf. einer ge­linden Bodenerhöhung erblickte er im schattende« reich der Saumriefen ein Bäumchen, das ihm ge­eignet erschien. Er schlug den Schnee von den Zwei­gen, die emporschnellten, und das grüne Geäst bot sich voll und gleichmäßig gebildet dar, so daß er eine Wahl traf und den Baum fällte. Er stampfte ihn noch einmal vor sich auf den Boden nahm Ab­stand, drehte ihn uno betrachtete und prüfte seine Waldbeute mit Wohlgefallen. So schulterte er sie und schritt gemächlich und seiner Festpläne froh dem heimatlichen Dorf zu.

In seinem Hause nun, am kommenden Weih­nachtsabend, stand der Baum inmitten der Fest­freude um der uralten Liebeserinnerung willen, die Kinder zum Mittelpunkt dieser Welt erhebt und die Erwachsenen noch einmal wieder zu Kindern macht. Die rauhe und harte Umwelt des Wirkens und der Leiden sank für kurz über dem Glauben bahin, baß die Freiheit der Seele an bie Bereit­schaft zum Opfer gebunden ist und bas eigene Gluck an bie Freude der anderen

Als die Kinder und sein Weib sich zur Ruhe be­geben hatten und schliefen, trieb es den Mann und Vater von seinem Lager noch einmal in die leer unb still geworbene Stube zuruck, in der das Fest stattgefunden unb ber Weihnachtsbaum gebrannt hatte Er wußte nicht recht zu ergrünben, woher die Unruhe stammte, die ihn nicht schlafen ließ; es war ihm zmnute, als habe er ivohl feiner Pflicht nach

Der Baum.

Don Waldemar Bonsels.

Als das deutsche Heer vor vielen Jahren an der ösllichen Grenze des Reiches vorrückte unb bie Mas­sen bes geschlagenen russischen Kriegsvolks vor sich hertrieb, fanden Soldaten in einem Wäldchen auf einer Anhöhe drei tote Kameraden. Es waren offen­bar Vorposten gewesen, die hier einem überlegenen Ansturm ber feindlichen Truppe standgehalten hatten unb gefallen waren. Die Leute, die ihre erschossenen Brüder auf dieser Anhöhe unter Bäumen fanden, begruben sie, unb einer unter ihnen beschloß, den Unbekannten ein Denkmal zu setzen. Es fand sich weit umher nichts anderes als eine zerschlagene Proviantkiste, aus deren Brettern unb Nägeln sich ein Kreuz zimmern ließ. Als es ziemlich karg unb armselig auf dem Hügel in ber lockeren Erde stak, nahm einer ber Soldaten ein Stückchen Holzkohle unb schrieb auf das genagelte Querbrett:

Hier ruhen drei Mann vom deutschen Soli.

Wenn man ihm getagt hätte, bah er in diesem Augenblick seines Lebens ein Dichter und zugleich ein Sachwalter allen Seelenguts seiner Heimat ge­wesen sei, so hätte er sicherlich kaum bingehort und nicht oerstanben, aus welcher Welt ber Einschätzung solch hochgestimmten Worte fein einfaches Tun unb Denken würdigten. ,, . .

Man hatte (Eile, seinen Truppenteil wieder zu er­reichen, unb der Infanterist, ber das Grabmal mit dem letzten Gruß ber Karneraben beschrieben hatte, dachte auf dem Marsche noch eine Zeitlang daran wieviel besser man mit guter Weile alles ha te richten unb schmücken können, unb daß bie ©efmle- nen wohl wert seien, bah man eine lange und schone Rede über Opferbereitschaft unb Heldentod vor ihrem Hügel gehalten hätte Aber über solcher Be sorgnis tauchten bie blaffen Angesichter d r Ge faüenen noch einmal vor seinem geistigen Auge auf unb mit ihnen ihre Freude, viel hoher als alle Er­wägungen, unb ihm war, als jagten sie ih 3 feiner Beruhigung:

Es war genug. Mehr nicht. nnx

Das Heer zog weiter, ber Regen verwischte unb zerstörte dis Inschrift halb, und d" Wmd war das aerwitterte Kreuz um Der vergessene Qugel be grünte sich mit Gras und Badengekraut, auch woh Blumen mögen darunter gewesen sein und darüber Vogelgesang. Es brach mit dem kommenden Früh , iting der Keim einer Tanne aus dem Erdboden ber oor und wuchs im Lause der Jahre zu einem chen heran Das verlassene und verwüstete Land weit umher erholte sich im Wandel der Zeiten zu seiner alten Fruchtbarkeit und Stete, und ine Men schen siedelten wieder in den Taigrunden erbaute höje, Häuser und Scheunen und »ergäbe« unter

besten Kräften Genüge getan, fei aber doch noch etwas schuldig geblieben, wie wir alle

Der Raum lag in nächtlicher Dämmerung, fo baß man kaum mehr wahrzunehmen vermochte, als das schwache Lichtrechteck des Fensters, vor dem ber Umriß unb bie Erscheinung des Baumes sich ab­hoben, vom fernen Sternlicht in eine sichtbare Ge­stalt gebracht und zugleich geheimnisvoll vom Nacht­dunkel der Erde behütet.

Der Mann ließ sich in einem Winkel des Raumes nieder und empfand nach einer Weile des Sinnens, wie fremdartig unb sonderbar sein Dasein sich in dieser Nacht, im Dunkeln und allein, von allem Gewohnten abfonberte; es war sonst nicht seine Art, das arbeitsame Leben mit Grübeln zu bedrängen. Unb ganz neuartig unb beinahe feierlich gestimmt wurde er sich dessen bewußt, daß er allein war, bis in sein Blickfeld immer deutlicher die Gestalt des Baumes trat. Da das Waldkind sich mitten im schwachen Lichtbereich des Fensters darbot, sah er die Bildung dieses Geschöpfes immer eindringlicher und bald nicht mehr nur als eine Erscheinung son­dern als ein Wesen. Hatte er denn einen Baum niemals zuvor recht betrachtet? Sicherlich nicht so lange Zeit hindurch und nicht in solcher Stille. Die Kerzen waren niebergebrannt, unb die Zweige tru- ! gen keinen Schmuck, so daß der Baum sich in seiner natürlichen Schönheit darbot und dem Schauenden nach und nach die Gewißheit einbrachte, daß er sich nicht mehr allein im Raum befand.

Wie stark und geduldig erschien ihm ber ruhige Gefährte, der vom Weben der dahinziehenden Nacht wie in eine ganz neue Welt der Wesenhaftigkeit er­hoben war. Das heimliche Gesetz seiner Bildung wurde als ein beglückender Triumph offenbar, und er ruhte in jeder feiner Fügungen so selig in sich selbst, als sei herrlich erfüllt, was ein hoher Plan mit seinem Geschöpf beschlossen hatte, und zu­gleich auch das, was alle Herzen hoffen. Hierüber kam dem Schauenden in den Sinn, daß er selbst zu diesem Fest den Seinen wohl mehr hätte bieten können, es befiel ihn ein Gefühl der Schuld unö der Gabentisch unter den Zweigen kam ihm karg und armfelig vor, wie auch seine Bereitschaft zu rechtem Liebeswerk und Opferwillen Wie viel besser hätte er mit guter Weile alles richten und schmücken können, und auch ein schönes Wort über Liebe unb Opferbereitschaft, Heimat unb Verbundenheit hätte fallen müssen.

Da war ihm, als klänge es kaum hörbar aus der Wohlgestalt des Baumes auf ihn nieder:Es war genug. Mehr nicht" Nun, das mag schon aus der Welt eines Traumes emporgestiegen sein, wer will es entscheiden? Nicht sein Tun und nicht seine Gaben schienen chm mit diesem Aufklang gemeint, sondern etwas ganz anderes Auch waren nicht Bescheidung ober ein irdisches Maß darunter zu verstehen, son­

dern etwas, das im Geheimnis ruhte, unb feine Gültigkeit unter Menschen verlor, sobald sie es. wußten.

Oer Weihnachtsjunge.

Don Marie Hamsun.

Ein winziges Haus war es. Wenn bis Frem­den im Sommer durch das Tal fuhren unb den Rauch aus dem Schornstein aufsteigen sahen, zeig­ten sie mit dem Finger und sagten:Denkt nur, daß in solch einer Hütte Menschen wohnen tonnen!* Sie war nur mit einer braunen Warze in ber Land­schaft zu vergleichen. Und hn Winter, wenn der Schnee hoch lag, dann verschwand die Warze fast ganz, und bann konnte es oft aussehen, als ob der Rauch aus dem Schneehaufen herauskam.

Aber wenn man genauer nachsah, gewahrte matt zwei kleine Fenster, die blank und zuversichtlich in den Tag hinausschauten. Und hinter den Fenster­scheiben, da war Leben. Dicht nebeneinander drück­ten sich kleine Gesichter gegen die Scheiben, beson­ders wenn die Schlittenschellen vorbeizvgen. Denn hier wohnten Anders und Oline mit ihren Kindern. Sie waren gar nicht so wenige Hausgenossen, ihrer zehn waren sie mit der Ziege, dem Huhn und dem Kater. Die Ziege und das Huhn hatten zwar ein kleines Gemach für sich, aber bas war eigentlich mehr der Form wegen, damit keiner sagen konnte, in der hätte von Anders wohnen Menschen und Tiere zusammen wie in der Arche Noah.

Aber wenn es im Winter kalt war, so konnten doch nicht zwei so brave Tiere draußen tn bem zugigen Stall stehen unb frieren, wenn die anderen es schön warm hatten. Zudem wurde es oft so lang­weilig, wenn man die beiden in dem dunklen Stall einsperrte. Die Ziege meckerte zum Gotterbarmen, die Henne ließ kraftlos und traurig den Koof hän- gn und in der Stube schlugen sich die Kinder um den Kater, so daß bie Haare in der Luft herum- wirbelten unb das arme Tier sich zuletzt unter das breite Bett flüchten mußte. Dann ließ Oline doch die Ziege unb das Huhn hereinkommen.

Aber nur selten einmal so ungefähr jebes zweite Jahr, wurde bie Hütte zu klein für ihre Bewohner. Dann hätte es nichts geschadet, wenn ein Zimmer mehr dagewesen wäre. Anders könnte langsam auf- und abgehen und vor sich hinpfeifen, als wenn nichts los wäre, unb Oline konnte im Bett liegen unb so tun, als wenn sie nur ein wenig Zahn­schmerzen hatte aber dann kamEda" und dann war die Ruhe aus.

Eda. (Einer von den Jüngsten hatte ber weisen Frau mit seinem Kindermund diesen Namen ge­geben. Aber der Name paßte, es lag etwas Ge-