Ausgabe 
23.9.1939
 
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Nr. 225 Zweites Blatt

25./24. September (959

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

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General v.Voyen und die allgemeine Wehrpflicht

Don Siaatsminister Professor Or. Paul Schmitthenner, Heidelberg.

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Heimat und Front.

Von Heinrich Anacker.

Friedlich liegt das weite, deutsche Land, Von der Sonne warmem Glanz beschienen. Kühe weiden-. Kinder spiel'n im Sand. Friedlich führt den Pflug des Bauern Hand, Unterm Schutz der kreisenden Maschinen.

Fern im Osten aber loht der Brand Blutigen Krieges. Die Geschütze dröhnen; Feuerschein erhellt den Himmelsrand.

Die Gedanken gehn zum Weichselstrand, Zu des Vaterlandes besten Söhnen.

Fliegerketten ziehn am Horizont ...

Jeder Garten, wo noch Rosen ranken, Jeder Giebel, den das Licht besonnt^ Mahne uns, den Männern an der Front Opferfreudig durch die Tat zu danken!

Infanterie zu helfen und den Weg zum Siege zu bahnen. Nicht nur zum augenblicklichen Siege, son­dern zu jenem Siege, welcher das hn wohlvorberei­teten Ansturm Errungene in Händen und Füßen. Gewehr und Handgranate, Brot und Fett, end­gültig festhält. Dies aber, die große und ent­scheidende Aufgabe, den errungenen Sieg zu be­festigen, damit er weiter vorgetragen werde, war die große und entscheidende Aufgabe der In­fanterie, des Soldaten zu Fuß, welcher heute nicht mehr allein durch das Gewehr gekennzeichnet ist, sondern dessen Aufgabe sich unerhört verbreitert und konzentriert hat. Denn zum Infanteristen gehört heute nicht nur das Gewehr, sondern die Hand­granate, der Spaten, die Gasmaske, die Beherr­schung anderer Waffenarten wie des leichten und schweren Maschinengewehrs, des leichten Minen- werfers, der Infanterie-Begleitgeschütze und oft genug der entsprechenden Waffenarten der feind­lichen Heere. Die Infanterie ist die unentbejr" lichste aller Waffengattungen. Sie bildet den Kern der Armee. Ich glaube, daß die Zukunft die aus­schlaggebende Bedeutung der Infanterie unwider­leglich nachweisen wird.

Im September beginnenWestermanns Monatshefte" ihren 84. Jahrgang, der das tausendste Heft bringen wird: Den neueft Jahr­gang eröffnet Vin AufsatzDer nackte Mensch in der Kunst" von Edz. Schumann, dessen sorgsam ausgewählte Bilder von der Antike bis zur Mün­chener Ausstellung die Beweisführung veranfchau- kichen, welche Kräfte und Schwächen im Wandel der Jahrtausende die Einstellung des Künstlers zur Schönheit des menschlichen Leibes bestimmt haben. Deutsches Vol'ksschickfal durch tausend Jahre deut­scher Geschichte erwächst in Theodor Skiesenhofers ZusammenschauVon der Reichskrone zum Haken­kreuz" zur Schicksalsgestaltung durch das ewige Wirken der Reichsidee, lieber das Werden des Kampf- und Bekenntnisliedes, des Naturliedes und Kinderliebes in den letzten Jahren spricht Wolfgang Stumme, der Musikreferent der Reichsjugendführung. Zur Widerlegung englischer Spiegelfechtereien unter- sucht Otto E. Geyer dieKolonialfraqe unter strate- gischem Vorwand". Die farbigen Beiträge zeigen

stand unveränderlich wie seit den Tagen Friedrichs des Großen und Cäsars die Infanterie.

Dann brachte der Weltkrieg der Infanterie die endgültige Bestätigung ihres entscheidenden Wertes und zugleich brachte derselbe Krieg der gesamten Armee die ungeheure und durch keine Theorie und keinen Frieden zu ersetzende Bestätigung, daß alle Waffengattungen auf das Innigste ver - schweißt sind und zueinander gehören, wenn der Krieg seine unwiderlegliche Stimme er­hebt. Der Große Krieg hat alle Waffengattungen der Armee auf das Innigste zusammengefügt wie das verwickelte Getriebe einer ungeheuren Maschine, welche in ihren mannigfaltigen Teilen von Män­nern bedient wird. Die Kavallerie verlor einen Teil ihrer Bedeutung, mußte absitzen und in die Schützen­gräben gehen; der ein wenig übersehene Infanterist gewann eine ungeheure Bedeutung. Und dieser In­fanterist begann die technischen Truppen, Pioniere, Train, schwere und leichte Artillerie, die ihm bis­her als Sondertruppen erschienen waren, ungeheuer zu schätzen, wenn plötzlich die Brücken über reißende Flüsse entstanden, Lebensmittel, die unentbehrlichen, herangeschafft wurden, und wenn die leichten und schweren Granaten ihm den Weg zum Sturm vor­bereiteten gegenüber Stellungen, an denen er sich sonst restlos verblutet hätte. Und die ganz neue und u ngewohnte Truppe der Flieger, welche bis Dahin nur als Verkehrstruppe galt und selbst von hohen Führungen nur mit Achselzucken betrachtet wurde, gewann binnen einem Jahr ein äußerst ernsthaftes Gesicht und schaltete sich unabweisbar in bas große Getriebe des Krieges ein, die weithin spähenden, entschleiernden und voraussagenden Augen des großen Heereskörpers. Plötzlich war die ganze Armee ein einheitlicher, großer und unter einem diktatorischen Befehl stehender Körper, in welchem jedem sein wesentlicher Teil zukam. Alles arbeitete ineinander, füreinander und zusammen: Artillerie, Flieger, Minenwerfer, Munitionskolon­nen, Train, und eines war ohne das andere über­haupt undenkbar. Der Krieg hatte alle Unterschie- denheiten restlos aufgehoben. Die innigste Verbin­dung. zwischen allen Waffengattungen war her-

Westgalizien sind wertvolle Petroleumlager und die berühmten Steinsalzbergwerke in der Nähe oon Krakau an Polen gekommen. Die Jndustriebezirke waren schon zur russischen Zeit leistungsfähig und gut entwickelt, und die Bevölke­rung dicht genug, um eine genügende Arbeiterschaft und einen gewissen inneren Konsum zu. schaffen. Dazu kommt die hohe landwirtschaftliche Qualität eines großen Teils der polnischen Böden. Auch große Holzreichtümer sind vorhanden, und das ausgedehnte Netz natürlicher Was­serwege hätte nur eines regulierenden Ausbaues bedurft, wie ihn die untere Weichsel zur deutschen Zeit besaß, um die polnische Wirtschaft zu stärken. Zu einer sachgemäßen Entwicklung aller dieser Fak­toren hätte nur der Erstschluß gehört, ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn, namentlich zu Deutschland, zu suchen. Der Marschall Pil- sudski pflegte zu sagen: Polen kann zwei Feinde nicht ertragen, und wenn es die Wahl zwischen Deutschland und Rußland hat, so darf es nicht in Feindschaft mit Deutschland leben. Jetzt müssen die Polen dafür zahlen, daß sie diese Lektion nicht gelernt haben, und sie werden auf ihre Ansprüche im ost-mitteleuropäischen Raum über ihren Volksboden hinaus verzichten müssen.

Infanterie.

Don Franz Sckauwecker.

erzogen, wurde Boyen der Mann, dem es beschieden sein sollte, die alte Tradition und die neue Lehre in. schöpferischer Weise zu verschmelzen. Er wurde nie ein gedankenloser Nachbeter der französischen Revolution. Stets hielt er an der altpreußischen Offizierstradition und an den gegebenen preußisch- deutschen Lebensoerhältnissen fest, deren Eigengesetz er unbewußt anerkannte. Er wollte den Zeitgeist der Humanität mit den bewährten alten Grund­sätzen der preußischen Regierungspraxis vereinigen, versöhnen und in Einklang bringen. Zwar war er für den Fortschritt begeistert. Dennoch blieb er un­beirrbarein treuer Diener seines Staates, dessen Grundfundament, seine militärischen und zivilen Institutionen, er für völlig intakt Hielt". Wohl aber wollte er sie weiter entwickeln und im Geiste des Dolksstaates vollenden.

In der Unglücksschlacht bei Auerstedt schwer ver­wundet, gehörte später Boyen als Mitglied der Militärreorganisation an. Hier beteiligte er sich an den Vorarbeiten für die Volkserhebung des Jahres 1813. 1812 trat er vorübergehend in russische Dienste, kehrte 1813 zurück und nahm als Generalstabschef des Generals von Bülow am Feldzug 1813/14 teil. 1814 wurde er Kriegsminister und als solcher mit dem Entwurf und der Durchführung des Gesetzes der allgemeinen Wehrpflicht betraut. Stärksten Widerstanden zum Trotz, man könnte sagen gegen den Geist des Jahrhunderts, erkämpfte Boyen das Fortbestehen der ursprünglich nur für den Krieg gedachten Einrichtung auch im Frieden. Damit schuf er mehr als nur ein brauchbares und nützliches Ge­setz. Er wurde zum Werkzeug des Schicksals.

Staat, Volk und Heer hatten sich ja überall in der Welt seit dem 15. Jahrhundert auseinanderge­löst. Ein verwildertes, freies und feiles Söldnertum stellte die Heere. Mit dem Emporwachsen des mo­dernen europäischen Groß-Staates wurde dieser un­selige Zustand allmählich wieder überwunden. Zu­nächst riß der Staat das Wehrrecht wieder an sich und machte dem freien Söldnertum ein Ende. Dies geschah freilich in Europa in verschiedener Weise. In Westeuropa konnte der nationale Gesamtstaat, wie in Frankreich und England, die Militärhoheit wieder für sich allein zurückgewinnen. In Deutsch­land mißlang dies dem Reich und glückte nur dem Einzelstaat. So erwuchs das neue Staatsheer des 18. Jahrhunderts mit dem Unterschied heran, daß es in Westeuropa national und in Deutschland terri­torial war. Hieraus entstand die furchtbare außen­politische Schwäche des Deutschen Reiches und der sich nunmehr verhärtende deutsche Bruderkampf. Zu­gleich aber wurde innerhalb der zahlreichen deut­schen Staaten und Heere der preußische Staat und das preußische Heer, zunächst noch unbewußt und

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Das Exerzierreglement für die Infanterie Jahre 1906 enthält einige Worte, die endgiltig sind. Sie lauten:Die Infanterie ist die 5) a u p t = waffe. Im Verein mit der Artillerie Eampft Jic durch ihr Feuer den Gegner nieder. Sie briet): seinen letzten Widerstand. Sie trägt d i e ftaupt« last des Kampfes und bringt die größten Opfer. Dafür winkt ihr der größte Ruhm.

Dies sind klassische Worte. Was die Artillerie an- betrifft müßte man dieser Waffengattung heute die Luftwaffe hinzusiigen und im weiteren Sinn Des totalen Krieges" jede andere Waffengattung und überdies die mobilisierten Kräfte des gesamten ßanbes, angefangen von den Frauen, welche in den Munitionsfabriken arbeiten oder an den Fuhrungs- schaltern der elektrischen Straßenbahnen stehen, bis

Am 3. September 1939 sind 125 Jahre verflossen seit dem Tage, an dem im damaligen Königreich Preußen das Gesetz der allgemeinen Wehrpflicht verkündet wurde. Der Vorkämpfer und Schöpfer dieser segensreichen, alle deutsche Zukunft verbür­genden Friedenseinrichtung war der preußische Ge­neral Hermann von Boyen. Sein Name ist nicht in dem gleichen Maße bekanntgeblieben, wie die Namen der anderen großen Männer der da­maligen Erhebungszeit. Er trat und tritt zurück hinter dem strahlenden Doppelgestirn S ch a r n - Horst-Gneisenau und hinter dem Namen des Generals von Clausewitz, der in seiner stahl- harten Unbedingtheit uns heute durch die National­sozialistische Bewegung wieder so nahe gerückt ist. Und doch gehört Boyen in die Reihe der größten Männer der deutschen Geschichte. Denn mit der all­gemeinen Wehrpflicht, die er damals als Kriegs­minister in Preußen einführte, schenkte er dem deutschen Volke jene Kraft, die für den Aufstieg und die Größe deutschen Lebens in aller Zukunft entscheidend werden sollte.

General von Boyen hat zwar dieses rettende, heilende, staatserhaltende und volksverbindende Ge­setz nicht alleinentdeckt" obererfunden"; er stand vielmehr im Kreise der großen preußi­schen Reformer, die zwischen 1806 und 1813 um Stein und Scharnhorst geschart, die deutsche Er­hebung vorbereiteten. Dort wurde ja auch gerade die Wehrhaftmachung der ganzen Nation geistig erkämpft und praktisch vorbereitet, so daß Preußen im Jahre 1813 als Volk der allgemeinen Wehrpflicht in den großen Befreiungskampf zog. Damit stand Boyen auf beit Schultern von Scharnhorst und Gneisenau. Ihm aber sollte es beschieden sein, das Werk, an dessen Vorbereitung er schon im Kreis der Reformer mitgeholfen hatte, endgültig zu v o l l - enden und die damals nur für die Kriegsdauer geschaffene allgemeine Wehrpflicht gegen den Wider­stand der Zeit in Preußen auchim Frieden zu erhalten. Dies war sein unsterbliches Verdienst, für das das deutsche Volk ihm auf alle Zeiten ewige Dankesschuld zu entrichten hat.

Hermann von Boyen entstammte einer wohl ur­sprünglich deutschchöhmischen Familie, die seit dem Ausgang des 17. Jahrhunderts in Ostpreußen heimisch geworden war. Schon sein Vater war preu­ßischer Offizier. Zwölfjährig trat Boyen im April 1784 in das preußische Heer. Geistig aufgeschlossen und mit feinem politischen Instinkt begabt, mußte der junge Offizier die alten erstarrten Zustände des absolutistischen Staates und Heeres ebenso verur­teilen wie er manches, was aus dem Westen her­überdrängte, als brauchbar und nützlich anerkannte.

Unter dem Eindruck der Lehren der Aufklärung und doch zugleich in echtem preußischen Pflichtgeist

als in der Weichselregion. Die Flüsse, namentlich der ukrainische Karpathenfluß D n j e st r , haben sich enge und tiefe, vielgewundene Talschluchten, wahre Canons, in den Felsboden ein gegraben. In der Gegend der Dnjestrquelle liegt die Vi "

hunderte und Jahrtausende zuvor nichts anders. [ Die Infanterie ist im Lauf der Kriegsgeschichte aller Zeiten und Völker die unverrückbare Achse, um welche sich viele Kurven anderer Waffen­gattungen schlingen. Sie kann übersehen werden, sie wird vielleicht nicht beachtet, sie stirbt oft genug abseits im Kornfeld, im Unterholz, an Abhängen, in Schluchten, irgendwo Niemand erfahrt, wer da liegen geblieben ist. Beim Appell heißt es: Fehl­anzeige. Dann: vermißt.

Dor dem Weltkriege war es so: die deutsche Armee unzweifelhaft die beste der damaligen Welt das hat sie in vier Kriegsjahren gegen diese oanze Welt bewiesen war trotzdem kein ganz einheitliches Gefüge. Zwar zusammengehglten durch die Person des Obersten Kriegsherrn, des Kaisers, war sie nicht nur in bezug auf die Waffengattungen, sondern auch hinsichtlich mannigfacher Truppenteile oft genug scharf unterschieden.Garde" undLlmen- truppe" standen sich nicht etwa gegenüber, aber ihre Geltung untereinander war sehr verschieden geartet. Kavallerie galt im allgemeinen für vornehmer als Infanterie. Der Kavallerist bemitleidete von seinem Pferd herab den unterm Gepäck keuchenden Infan­teristen Für den Train und die Pioniertrupve hatte man wenig übrig. Man war, da man feit 1871, ab- gesehen von kriegerischen Kolonialunternehmungen, ohne jede moderne Kriegserfahrung war der vor­gefaßten Meinung, Pioniere und Tram seien holde Etappe und kämen nicht ins Feuer. Das stellte sich nachher als total falsch herauf und, abgesehen von der Artillerie, hat wohl keine Truppe der Infanterie mehr geholfen, als eben der Train und die Pioniere.

Die schwere Artillerie stand gleichfalls sozusagen auf ihrer eigenen Basis. Dazu gehörte Mathematik, also eine gewisse Gelehrtheit, die etwas fremdartig wirkte entsprechend der Stellung, welche man ber Marine gegenüber oft einnahm, sie sei eine Wgjsen- gattung, welche in Badehosen spazieren fahre und für die man mit einem gewissen wohlwollenden ftumor das immerhin nicht unbezeichnende Wort die Klempnermeister" erfunden hatte Und das von weaen der ausgeprägten Technik und Wissenschaft. «X qott als ein- Ar. non technischer Truppe.

für sich lebte. Das galt sogar nach em wenig für die Feldartillerie So lebten in dieser ta fad), h* besten Armee der Barkriegs,-,t. der deutschen, die einzelnen Waffengattungen sich em wenig aus­einander, obwohl alle ein und dasselbe Band ernte:

wurde die Landwehr eine Art königlicher Miliz, die nach Haltung und Ausbildung sowie nach Leistungs­kraft und Zuverlässicsteit weit hinter der Linie zu­rückstand. Dieser gehörten mir junge, gut ausgebil­dete Leute an, soweit sie dem Etat und der Finanz- krast des Landes entsprechend zum stehenden Heere eingezogen werden konnten. Zur Landwehr aber zähltn nicht nur die älteren ausgedienten Soldaten des aktiven Heeres, sondern vor allem auch jene zahlreichen jungen Wehrpflichtigen, die infolge der Kleinheit des stehenden Heeres nicht zu diesem ein­gezogen werden konnten.

Damit war notwendig ein fühlbarer Mangel an Leistungsfähigkeit der Landwehr verbunden. Dennoch wurde gerade diese im Volke selbst für be­sonders wertvoll gehalten; sie war ausgesprochen populär. Hierbei wirkten mit die Legende des Jahres 1813, die nicht ganz mit Recht den schönsten Ruhmeskranz um die Stirn der Landwehr flocht, so­wie die demokratische Gesinnung der Zeit. So wurde die Frage Landwehr oder Linie sogar ein Gegenstand des innerpolitischen Kampfes. Während der altpreußische Geist sich dem demokratischen Libe­ralismus widersetzte und im stehenden Königsheer das eigentliche preußische Heer erkannte, schwärmte die vom Wehrgeist überfremdete demokratische Ge­sinnung von einem von der preußischen Zucht be­freiten Volksheere lebensunfähigster Art und sah in der preußischen. Landwehr eine Art Idealform, die es nur noch zuvervollkommnen" gelte. Damit hing es zusammen, daß die preußische Landwehr in der Revolutionszeit der vierziger Jahre doch nicht die gleiche Zuverlässigkeit wie die Linie be­wies und daß Preußen bei dem diplomatischen Kampf in Olmütz 1850 vor Oesterreich zurückweichen und die deutsche Frage noch einmal vertagen mußte. Erst Bismarck war es beschieden, in der Konflikts-

Der ost-mitteleuropäische Raum.

Von Dr. Paul Rohrbach.

Die Weltgeschichte macht geographische Wande­rungen, und es gehört zu ihrem Verständnis, diese zu verfolgen. Gegenwärtig ist die Uebergangs- region zwischen dem mittleren und dem östlichen Europa ein Derdichtungsge- biet welthistorischen Geschehens geworden. Napo­leons Satz, daß die Geographie die Ge­schichte macht, behält auch hier viel von seiner Geltung; nur bedarf er in Ostmitteleuropa stärker als anderswo einer Ergänzung von der Seite der völkischen Gegensätze her.

Ost-Mitteleuropa ist ein binnen ländisch ge­arteter Raum. Die Pommersche und die Ostpreu­ßische Seenplatte gehören nicht dazu. Sie legen sich in Gestalt eines flachen, zur Eiszeit aufgeschütteten Walls von eigentümlicher Natur zwischen die Ost­see und das Gebiet der Urstromtäler Polens, in denen beim Abschmelzen des Eises die Gewässer nach Westen abslossen, und sind, ausgesprochen ein Zubehör Norddeutschlands.

Polen ist das Kernstück von Ost-Mittel­europa, füllt aber diesen Raum keineswegs aus. Im Norden und in der Mitte wird es von den­selben eiszeitlichen Stromtälern durchzogen, die sich westwärts in die norddeutsche Tiefebene fortsetzen. In das Haupttal tritt schon bald unterhalb Krakau die Weichsel ein. Von rechts strömt ihr der mächtige Bug zu, der kurz vor seiner Mündung seinen Namen an den weniger bedeutenden Na- r e w verliert. Durch die Vereinigung von Weichsel, Bug und Narew entsteht eine große, von Wasser­läusen durchzogene Ausweitung des eiszeitlichen Talsystems. An der letzten Uebergangsstelle über die Weichsel oberhalb des ausgedehnten sumpfigen Schwemmlandes an der Narewmündung liegt auf dem hohen linken Weichselufer Warschau. Wegen dieser beherrschenden geographischen Lage ist es die polnische Hauptstadt geworden. Ur­sprünglich, im Mittelalter, lag das politische Zen­trum des polnischen Volkes weit näher an den mit­teleuropäischen Kultur gebieten: anfangs in Gnesen,

danach in, Krakau.

Gegen das östliche Deutschland liegt Polen offen und ungedeckt da. Flußtäler, Eisenbahnlinien und Straßen schneiden hier von jeher eine künstlich ge­zogene politische Grenze in einem Gebiet starker gegenseitiger ethnographischer Durchdringung. Im Norden dagegen bilden die versumpften Täler des Narew und seines Nebenflusses Bobr, die in nahem Abstand Der Südgrenze von Ostpreußen parallel ziehen, ein auch aus dem Weltkrieg be­kanntes strategisches Hindernis, die fogenannte Narewlinie. Den jetzigen Vormarsch der deut­schen Truppen hat allerdings auch die durch Be­festigungen verstärkte Narewlinie nicht aufzuhalten vermocht. Im Urstromgebiet ist der Boden meist sandig, Kiefernwald herrscht vor. Die Aecker sind mager, die Dörfer arm und schmutzig, die Menschen primitiv, man möchte sagen, einem im übrigen Europa schon lange überwundenen Urzustand noch nahe.

Anders geartet ist Südpolen. Das polnische Mittelgebirge, die Lysa Gora, deren Höhen 600 Meter erreichen, liegt vor den Karpathen wie das deutsche Mittelgebirgsland vor den Alpen. Bis hier hinauf hat die Eisbedeckung nicht gereicht, da­gegen hat sich während eines früheren steppenhaften Klimas reichlich fruchtbarer Löß abgelagert. Die ßöfcregion reicht noch weit über die Weichsel hin­aus nach Osten bis auf die Wolhynische Platte, die den Ausklang Mitteleuropas gegen das große östliche Tiefland bildet. Hier liegen die reichsten Ackergebiete Polens, aber mitten durch sie hindurch, nur wenig östlich von Lublin, zieht bereits die ethnographische Grenze zwischen polnischen und ukrainischem Volkstum.

Galizien ist mit seinem kleineren west­lichen Teil Weichselland und polnischer Volksboden; mit seinem großen östlichen gehört es bereits zu einer anderen geographischen Region, der ukrainischen Schwelle, die ebenfalls nicht mehr der Vereisung unterlag. In ihr dacht sich das Karpathenvorland zu den nach dem Schwarzen Meer hinabziehenden Stromgebieten ab. Das Bild des Landes sieht hier anders aus

unerkannt, zur Lösung der deutschen Frage aufge­rufen.

Deshalb mußte es für Deutschland von entschei­dender Bedeutung sein, was in Preußen geschah. Würde Preußen den Ruf des Schicksals hören? Denn mit dem Wandel des europäischen Staates von der Monarchie zum Volksstaat war eine neue notwendige wehrpolitische Veränderung verbunden. In dem Maße, in dem der Staat zum Dolksstaat wurde, mußte das Heer zum Volksheere und das Söldnerheer verdrängt werden. Staat, Volk und Wehr mußten zur dreifältigen Einheit verschmelzen. Dies wurde das Kernproblem des 19. Jahrhunderts. Nun, der General von Boyen hörte den Ruf des Schicksals. Denn im Gegensatz zu allen europäischen Staaten und zu allen anderen innerdeutschen Ter­ritorien kämpfte er für den Fortbestand Der allge­meinen Wehrpflicht in Preußen, auch nach Der Rie­de rzwingung Napoleons, im Frieden. Er siegte in diesem Kampfe, und Das Gesetz vom 3. September 1814, dessen wir heute gedenken, führte die allge­meine Wehrpflicht in .Preußen auch für die Frie­denszeit ein. Damit war allen Widerständen zum Trotz jene soldatische Formung Des deutschen Lebens gesichert worden, die Dem deutschen Volke in seiner mitteleuropäischen Lage auf Die Dauer allein Frie­den, Freiheit und Brot zu sichern vermag. Zugleich war der Anfang gemacht worden mit jenem politi­schen Soldatentum, das, im 19. und 20. Jahrhun­dert mehr und mehr als deutsches Lebensgefühl heranwachsend, erst von Adolf Hitler und Dem Nationalsozialismus als Träger des deutschen Le­bens und des deutschen Schicksals vollendet wurde.

Die Form, in der Boyen die allgemeine Wehr­pflicht damals in Preußen einführte, war nicht von Bestand, mochte fte auch damals schon Mit Rücksicht auf die geschwächte Finanz kraft des Staates die gegebene fein. Er stellte nämlich Linie und Land­heer als zwei getrennte Formationen nebeneinan­der. Während die Linie Das stehende, militärisch gut ausgebildete und leistungsstarke Königsheer war.

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zwischen Polen und Ukrainern.

Polen, und damit Ost-Mitteleuropa, hat eine na­türliche Südgrenze, soweit es an den Karpa- thenwall stößt. Gegen Osten sind die geographi­schen Uebergänge fließend, die ethnographischen Scheidelinien gegen weißrussisches und ukrainisches Gebiet dagegen sind einigermaßen bestimmt. Den ost-mitteleuropäischen Raum als'solchen werden wir soweit nach Osten auszudehnen haben, wie die vom östlichen Karpathenkamm herabkommenden Flüsse ihr Bett in die Wolhynische und Ukrainische Platte eingetieft haben.

Wirtschaftlich ist Polen schon innerhalb seines eigentlichen Dolksbodens von Natur nicht schlecht gestellt, und es hätte vertragswidrigen Raubes der oberschlesischen Grubengebiete nicht bedurft, um die polnische Industrie genügend mit Rohstoffen aus- zustatten. Von Oberschlesien her streicht im Becken von Dombrowo die k o h l e n f ü h r e n d e Ge­steinsschicht nach Polen hinüber. Nahe Dabei, im polnischen Mittelgebirge, liegt das Eisen. Mit

zu den grauhaarigen Männern, welche in de Schreibstuben sitzen und dadurch junge Kräfte für die aktive Betätigung freimachen.

In der Tat scheint mir die Infanterie eine ewige; kriegerische Bedeutung zu besitzen, die ihr seit Den Tagen Cäsars und Alexanders notwendig mne-1

gestellt.

Immer mehr schälte-sich im Lauf der kriegerischen -vullvui.u *7 y- =>--

Handlungen das eine heraus: alle Waffengattungen, Malereien aus chinesischer

welcher Art auch immer, waren dazu da, um der I bemerkenswerte handgewebte Bildteppiche.