Ausgabe 
22.3.1939
 
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Gießen, Landgraf-PH ilipp -Platz 3, eine öffentliche Sitzuna des Bezirksverwaltungsgerichts Gießen statt mit folgender Tagesordnung:

1. Gewerbebetrieb des Max Kreiling in Heu­chelheim; hier: Antrag auf Untersagung des Vieh­handels.

2. Klage der Katharina Gerhard in Ober- Mörlen wegen Versagung des Wandergewerbescheins für das Kj. 1939.

3. Klage des Otto Schmidt in Bad-Nauheim wegen Versagung der Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft im Privat-HotelVilla Grünewald".

11000 RM. vom

»Tag der Wehrmacht" für das WHW.

Die vielseitigen Veranstaltungen unserer Gießener Garnison und das starke Interesse aller Volksgenos­sen von Stadt und Land amTag der Wehrmacht" herben für das Winterhilfswerk ein sehr erfreuliches Ergebnis gebracht. Rund 11000 Mark konnten von den Truppen unseres Standorts als Erlös aus den Veranstaltungen und Sammlungen an diesem Tag dem Winterhilfswerk zugeführt werden. Auf diesen großartigen Erfolg können die Veranstalter, die Sammler und die Spender in gleicher Weise stolz fein.

Oie Hausfrau geht es besonders an.

Es ist eine Tatsache, die man sich nicht oft genug in das Gedächtnis zurückrufen kann, daß etwa zwei Drittel des deutschen Volkseinkommens durch die Hand der Hausfrau geht. Es ist daher verständlich, wenn immer wieder an die Einsatzbereitschaft und den . guten Willen der Frauen appöliert wird, auch zu ihrem Teil an der Lösung der großen national­politischen Aufgaben mitzuarbeiten. In erfreulichem Umfang hat die deutsche Hausfrau Verständnis da­für gezeigt, daß wir mit allen Dingen sparsam um­gehen müssen. Die richtige Auswahl der Nahrungs­mittel, die Befolgung des RufesKampf dem Ver­derb" haben nicht nur eine große volkswirtschaftliche Bedeutuna, sondern bieten darüber hinaus auch für den einzelnen Haushalt nicht unerhebliche Vortelle. Durch die Beachtung der immer wieder in der Presse bekanntgegebenen Anregungen hat es manche deutsche Hausfrau dazu oebracyt, in der Woche meh­rere Groschen oder sogar Markbeträge von ihrem Wirtschaftsgeld zu ersparen. Um das Sam­meln dieser kleinen Rücklagen zu erleichtern, gibt <s zahlreiche Möglichkeiten. Ein Beispiel hierfür bie­ten die Heimsparbüchsen, die auch von den öffent­lichen Sparkassen ausgegeben werden. Die Hausfrau, die in der Woche ein oder mehrere Groschen sich so erspart, handelt klüger und verständnisvoller als eine andere Frau, die etwa das Spargeld in den Strumpf steckt, wo es in hohem Maße der Gefahr des Diebstahls oder der Vernichtung durch Feuer­gefahr ausgesetzt ist. Wir sehen also auch an diesem Beispiel, wie wichtig die Mitarbeit der deutschen Hausfrau ist. Denn wenn die vielen Millionen deut­scher Frauen so groschen- und markweise Erspar­nisse sammeln, tragen sie damit auch zur Förderung der deutschen Kapitalbildung und zur. Mithilfe an der Finanzierung der großen nationalen Aufgaben, sowie zur Befruchtung der Wirtschaft bei.

Dolksgemeinschastsabend des Fähnleins 1/116.

Das Fähnlein 1/116 des Jungvolks hatte zu einem Volksgemeinschaftsabend am gestrigen Diens­tagabend im Cafe Leib aufgerufen. Dem Rufe waren viele Eltern und Kameraden anderer Fähn­lein, der HI. und^ Kameradinnen des BDM. gefolgt. Der große Saal war bis auf den letzten Platz besetzt.

Der Spielmannszug des Fähnleins eröffnete den Abend mit einem schneidigen Marsch. Auf der Bühne hatten der Fanfarenzug und der Singkreis Ausstellung genommen, die mit guten Darbietungen die Zuhörerschaft erfreuten, zu denen die Lands­knechtstrommel den Rhythmus schlug.

Sodann begrüßte der Führer des Fähnleins 1/116 die Eltern und übrigen Gäste herzlichst und gab seiner Freude über den überaus guten Besuch Aus­druck, der auch zugleich einen Erfolg der guten Wer­bung der Pimpfe darstelle. Er betonte u. a., daß das, was das Fähnlein bieten werde, den Eltern

Das Wöchen Wxle.

lioman von Mlther Kloepffer.

Copyright bgCarl Duncker Derlag/BerlinWzs

26. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Oh, nicht erst seit vorhin, nicht erst seit heute! Damals, als er sie mit dem Motorboot abholtc, war cs schon angegangen. Es war schrecklich, einen Menschen aus ganzer Seele liebzuhaben und ihm das nicht sagen zu dürfen als Frau. Jetzt machte er selbst den Anfang. War das nicht wunderschön? Sie forschte nachdenklich:

Wie haben Sie denn heraüsgebracht, daß ich hier schlafe? Mein Bett steht erst seit gestern hier."

Ihr Vater hat das gesprächsweise so fallenlassen", log er.Wir waren doch in der Kantine zusammen." Er wich ihren Augen aus. An der Wand hingen Regale, auf denen Gläser mit Eingemachtem stan­den. In einer Ecke lagen, sauber auf Stroh gebettet, Goldrenetten, Borsdorfer und später Lederäpfel. Ein kleiner Tisch am Fenster und auf dem StUhl ein Häufchen Mädchenwäsche. Es duftete durchdringend' nach Obst und ganz zart nach Frau. Die Fenster­flügel waren geöffnet, aber ein dunkler Vorhang fiel in schweren Falten herab. Tinser zerpflügte sich das Hirn nach einem annehmbaren Gesprächsstoff. Man konnte nicht immerzu nur die fremde Hand streicheln. Eigentlich hat diese Paula ein ganz hüb­sches Gesicht, wenn sie nicht so ernst dreinschaut, dachte er flüchtig. Was war denn das? Tränen? Nanu? Doch gar kein Anlaß.Soll ich gehen? Ist Ihnen das lieber, Fräulein Paula?" fragte er unbehaglich.

Ich schäme mich vor Ihnen. Was müssen Sie denn von mir denken, weil ich Sie nicht fortschicke", flüsterte sie und neigte den Kops. Tinser strich ihr über das von Lust und Sonne ausgebleichte Haar und beschwichtigte:

Ich denke mir, daß Sie ein braves, liebes Mädel sind, das ich mit meiner Dummheit Überrumpelt habe. Gch, nicht mehr meinen, bitte, bitte." Er war ehrlich erschrocken über diese zuckenden schmalen Schultern und über diesen ungeahnten Ausbruch. Na, da habe ich ja etwas Schönes angerichtet, dachte er zerknirscht.Warum meinen mir denn noch immer? Ist das denn so schlimm, daß ich bei Ihnen bin?"

Es ist nicht deshalb. Es ist wegen allem. Das ganze Leben ist so schwierig. Jetzt ist das mit dem Vater in Ordnung, und nun kommen Sie. Sie

Bürgermeistertagung des Kreises Gießen

Oas Dorf- und Hausbuch.

Die Kreisabteilung Eießen des Deutschen Ge­meindetags vereinigte am gestrigen Dienstag die Bürgermeister des Kreises Gießen zur monatlichen Zusammenkunft im Sitzungssaal des Landratsamts. Der Obmann, Bürgermeister Euler (Wieseck), hieß die Teilnehmer willkommen und begrüßte besonders den.Landrat Dr. Lotz, den Leiter oes Amtes für Kommunalpolitik der Kreisleitung der NSDAP. Dr. Hopfenmüller, und die Vertreter des Landratsamtes.

Im Mittelpunkt der Tagung stand ein anregender Vortrag von Ortsgruppenleiter Link (Harheim), der an Hand von vielen Beispielen einen Ueberblick über das Dorf- und Huusbuch der ^Ge­meinde Harheim gab, das er mit Unterstützung der Gemeindemitglieder im Laufe der vergangenen Jahre geschaffen hat und so weit entwickelte und fortführte, daß es heute als das beste bisher be­stehende Dorf- und Hausbuch gelten kann. Der Red­ner ging davon aus, wie die deutfcbe Geschichte lei­der allzu lange aus Gesichtswinkeln vetrachtet wurde, die den Tatsachen nicht entsprachen und die uns ein unrichtiges Bild von unseren Vorfahren gaben. Er wies darauf hin, daß es notwendig fei, unseren künftigen Geschlechtern die Geschichte unserer Zeit aus unserer lebendigen Gegenwart zu vermitteln. Hierzu könne das Dorfbuch verhelfen, das wirt­schaftlich von der Gemeinde getragen werden müsse und unter der ideellen Mitarbeit der ganzen Dorfgemeinschaft in seiner Gestaltung durch das Dolksbildungswerk bestimmt werde. Der Redner be­tonte, daß das Dorfbuch nicht Museum oder Archiv sein solle, sondern als lebendiges Ganzes immer wieder der Dorfgemeinschaft nahegebracht werden müsse.' In seinen weiteren Darlegungen schilderte Ortsgruppenleiter Link, in welch vielgestaltiger Form das Dorfbuch geschaffen werden könne. Er sprach davon, wie schön es sei, im Dorfbuch alle Bilder der während des Weltkriegs gefallenen Hel­den festzuhalten. Erinnerungen von Kriegsteilneh­mern zu bewahren, aus der jüngsten Geschichte die politische Entwicklung in der Dorfgemeinschaft in Wort und Bild sicherzustellen, damit auch spätere Generationen erkennen können, wie das politische Leben im Dorfe Wandlungen erfuhr. Sehr auf­schlußreich sei die Auszeichnung des Wandels in der sozialen Struktur des Dorfes. Das Dorfbuch könne aber auch zu einem wertvollen politischen Mittel zur Vertiefung der Dorfgemeinschaft werden. Nicht

weniger interessant sei es, die Leistungen der Ge­meinde während der Systemzeit denen der Gemeinde unter nationalsozialistischer Regierung gegenüberzu­stellen. Hier könne auch der Kampf der Weltan­schauungen, wie er sich innerhalb des Dorfes äußerte, festgehalten werden. Er schilderte die Mög­lichkeiten, die durch das Dors- und Hausbuch für die Sippenforschung und das Familienbewußtsein sich ergeben. Wertvolle Anregungen gab der Redner aus seinen eigenen Erfahrungen, die er im Dienst des Aufbaues und der Gestaltung dieses Dorf- und Hausbuches innerhalb feiner Gemeinde gemacht hatte. Der Vortrag wurde mit größter Aufmerksam­keit verfolgt.

Während einer Pause hatten die Bürgermeister Gelegenheit, an Hand vieler einzelner Blätter des Dorf- und Hausbuches einen vollständigen Eindruck zu gewinnen von der Arbeit, die hier im Dienste der Vertiefung der Volksgemeinschaft geleistet wer­den kann.

Im weiteren .Verlauf der Bürgermeistertagung sprach Baurat Gilbert vom Hessischen Hochbau­amt über die Vorschriften, die bei der Errichtung von Baulichkeiten grundsätzlich beachtet werden müssen. Er gab eine Fülle von Hinweisen.

Regierungsrat Dr. Krüger gab in kurzen Zügen Aufschluß über die Ausbildungsarbeit und den Ausbildungsstand, wie er gegenwärtig im Kreise Gießen auf dem Gebiete des Luftschutzes zu verzeichnen ist. Er gab seiner Freude darüber Aus­druck, daß die Luftschutzarbeit allenthalben mit gro­ßem Ernst behandelt werbe.

Regierungsrat Weber sprach über eine Neuord­nung auf dem Gebiete des Fürsorgewesens.

Verwaltungsinspektor Scheid berichtete dann über die Arbeit, die demnächst von den Bürger­meistern für die Aufstellung der Dolkskartei geleistet werden muß.

Zum Schluß widmete Landrat Dr. Lotz dem demnächst infolge der Eingemeindung der Gemeinde Wieseck nach Gießen als Kreisobmann ausscheiden­den Bürgermeister Euler (Wieseck) herzliche Worte und wies auf die Abschiedsfeier hin, die in der nächsten Bürgermeisterversammlung zu Ehren von Bürgermeister Euler stattfinden soll. In weiteren Darlegungen sprach der Landrat von dem notwen­digen energischen Einschreiten gegen den Alkohol- und Nikotin-Mißbrauch durch Jugendliche.

ein zusammengedrängtes Bild dessen geben soll, was ihre Jungens an Heimabenden, bei Fahrten und im Lagerleben lernen und erleben und sie immer wie­der zu ihrem Dienst ziehe.

Sodann sprach der Jungbannführer des Kreises Wetterau und entwickelte ein Bild über die Erzie- hungs- und Gemeinschaftsarbeit im Jungvolk, die aufgebaut ist auf dem Vertrauen der Iugendführer und der Eltern, die ihre Kinder in die Erziehungs­schule des Jungvolks geben. Er betonte, daß gerade bei dem Aufbau der Jugendorganifationen das gegenseitige Vertrauen der stürkste Pfeiler sei, auf dem die gesamte Jugenderziehung ruhe. Ohne Tra­dition und ohne große Geldmittel fei ein Werk ge­schaffen worden, in dem der deutsche Knabe, schon in frühester Jugend, herangebildet werde, damit er in späteren Jahren als vollwertiger deutscher Mensch allen Stürmen gewachsen sei, die an ihn herantreten werden. Weiter gab er den Eltern die in diesem Jahre vorgesehenen Fahrten und Lager bekannt, wie die Fahrt nach Bad Schmalbach und das Zeltlager im Wispertal. Ferner erwähnte er die Fahrt des Führernachwuchses ins Egerland und die große Herbstübung, die im Gelände um Mün­zenberg, in der goldenen Wetterau, stattfindet. Aber auch bei diesen, für die Erziehung der Jugend höchst wichtigen Fahrten und Zeltlagern müsse er un­bedingt mit voller Unterstützung der Eltern rechnen, wenn die Arbeit zum Gelingen führen solle.

Im Verlaufe des Abends stellte sich auch das spielerisch ausgezeichnete Handharmonika-Orchester vor, das für feine Darbietungen reichen Beifall ern­tete. Die Heiterkeit stieg noch höher, als ein gerne in -

fagen, Sie haben mich gern. Glauben Sie, daß das mit un's zweien so einfach ist? Sie sind reich und fein und ein adliger Herr, und ich bin bloß die Tochter vom Hausmeister Gieseke. Ich tappe immer daneben im Leben. Wenn mir einer mal gefällt, dann stimmt irgend etwas anderes nicht. Und dann bin ich doch auch älter als Sie. Und das Mannderl ist auch da", schluchzte sie.

Wenn Sie mir mit dem ,Baron< nicht gehen!" lachte Tinser kurz und höhnisch auf.Wer gibt denn heute noch auf einen Titel was? Und reich? Ich glaube, da schneiden Sie sich."

Ja?" fragte sie und sah ein wenig hoffnungs­voller in fein schmales braunes Gesicht.

Ich habe nur das bissel Stellung bei Hegemann. Aus. Bei mir ist auch nicht alles, wie es sein soll."

Jetzt war sie es, die nach seiner Hand griff und sie streichelte.Wie heißen Sie denn mit Vor­namen?"

Defi, Desider."

Ich habe dich sehr, sehr lieb, Desi", flüsterte sie versonnen.Schon lange. Wenn ich es recht bedenke, hat es mit jenen hundert Mark für euern Kurs angefangen. Dann war das Unglück mit dem Boot, die Krankheit von dem Buben und die Aussöhnung mit meinem Vater. Seit ich mich erinnern kann, warst du gut zu mir, Defi. Ich habe mir wohl vorgestellt, daß aus uns beiden nie etwas werden kann, aber ich habe dich trotzdem gern haben müssen. Du darfst nicht schlecht von mir denken. Hörst du?"

Warum soll ich denn schlecht denken? Du bist das anständigste Mädel, das ich kenne. Ja ja, du bist ganz anders als die übrigen Frauen. So klar und sauber. Zu dir habe ich jedes Vertrauen", be­kannte er ehrlich.

An mir ist gar nichts Besonderes--"

Doch, das weißt du nur nicht. Gegen dich bin ich der reinste Windhund. Ich habe meinem Alten Kummer gemacht, feit ich denken kann. Mädel- geschichten, Schulden und ähnliches Zeug. Deswegen hat er mich ja auch zu Hegemann abgeschoben. Ich habe Jus studiert, Naturwissenschaften, Sprachen, aber alles bloß so hudriwudri. Wenn cs mich nimmer gefreut hat, habe ich einfach aufgehört. Da siehst du gleich, was an mir dran ist und was für ein Kerl ich bin. Nein, mit mir ist nicht viel los, alles nur Tünche und Schnauze, wie ihr da droben sagt."

Er war auf einmal in einer geradezu wütenden Art entschlossen, kein gutes Haar an sich zu lassen. Wenn diese brave Paula nicht mit Blindheit ge­schlagen war, mußte sic ihm jetzt den Laufpaß geben und alles konnte noch annehmbar werden.

sam gesungener Kanon eingeübt wurde, der es an Humor nicht fehlen ließ. Neben' all dieser Heiterkeit kam auch die körperliche Ausbildung zu ihrem Recht. Eine Riege von Jungens, aus den Aelteren bis zu den Jüngsten zusammengestellt,, zeigte in ihren Bo­denübungen beachtliche Leistungen, so z. B. den Sprung über elf Mann, Saltos usw. An allen Hebungen, die durchweg mit sicherer Gewandtheit ausgeführt wurden, konnte man die ernste Arbeit der Körperschule im Jungvolk erkennen.

In bunter Abwechslung "folgten heitere Mundart­dichtungen. Ein kleiner Sketch einer kinderreichen Familie, wie der böse Hans seine Eltern und an­dere Dorfbewohner in furchtbare Aufregung ver­setzte, weil er seine Holz schuhe im Bett anbehalten hatte, fand ebenfalls allgemeinen Beifall. Das TheaterstückDer kupferne Aladili", von Martin Luserke, das von dem HJ.-Theaterreferenten Gün­ther Winkel sehr gut einstudiert war, wurde mit großem Beifall ausgenommen. Besondere Heiterkeit löste tyier der gut dargestellte Jude auf der Jagd nach dem Gelbe aus. Ein vielversprechender kleiner Pfimpf erfreute durch den Vortrag eines heiteren und des Wolgaliedes und erntete wohlverdienten reichen Bestall.

Den Abschluß des in allen Teilen wohlgelungenen Volksgemeinschaftsabends bildete wieder ein schnei­diger Marsch des Spielmannszuges des Fähnleins.

*

** Goldene Hochzeit. Am Freitag, 24. März, können der durch seine langjährige Tätigkeit bei der alten Gießener Stadtpost tätige Oberpostschaff­ner i.R. Konrad Lehr und Frau Sophie, geb.

Den Wachsabdruck hatte er in der Tasche, draußen beim Fenster war die rettende Dachrinne.

Der Desi kann sich gar nicht so schlecht machen, daß ich ihn nicht mehr mag", lächelte Paula und bettete ihre Wange in seine Hand. Sie mußte dazu ein Stückchen näher rücken, und nun hatte er plötz­lich ihren Körper, ihre Wärme und Weichheit sehr dicht bei sich, was ihn verwirrte. Guck mal, sie kann ja lächeln, richtig lächeln, so mit Grübchen und strahlenden Augen, dachte er erstaunt, gerührt und zornig. Er zog seine Hand weg und murmelte:

Ich muß jetzt gehen. Es wird schon hell; wie die Zeit verfliegt!"

Durch die Wohnungstür kannst du nicht", meinte sie erschrocken.Mutter ist umliefe Zeit schon immer wach. Sie ist eine alte Frau und hat wenig Schlaf. Es wäre furchtbar, wenn fie dich sähe."

Dann laß mich durchs Fenster. Draußen ist eine Dachrinne, habe ich gestern gesehen", drängte er un­geduldig.

Sie schrie unterdrückt auf'unb warf die Arme um seinen Hals.Nein, nein, das darfst du nicht, das ist zu gefährlich! Du gehst so leichtsinnig um mit deinem Leben. Ich dulde das nicht. Du gehörst jetzt mir. Gell, das ist nicht nur so eine Spielerei von dir? Gehörst du mir, sag'?" Sie küßte ihn verzwei­felt auf den Mund und stammelte:Seit das Mann­derl da ist, war nichts als Sorge in meinem Leben. Ja, Sorge und Kampf um das nackte Dasein und Mißtrauen grgen die Männer. Manchmal haben wir auch gehungert. Und nun kommst auf einmal du daher und hilfst mir in allem und machst mich schließlich verrückt und erzählst mir von Liebe. Das ist nicht nur so eine Aufwallung bei mir, hörst du, sondern das steckt ganz tief. Du weißt ja gar nicht, wie lieb ich dich habe--"

Ja?" meinte Tinser abwesend.

Er hatte sich leidlich benommen die ganze Zeit, über, er wollte Schluß machen mit dieser Komödie und fort durchs Fenster, er wollte die Schufterei nicht weiter treiben, als unbedingt nötig aber nun kommt da dieser leidenschaftliche Ausbruch und wirft ihn um. Gott, er ist ja auch nur ein Mensch, und ein schwacher dazu, und an seinem Hals hängt ein flehendes, rührendes Bündel Frau, mit nichts als einem Pyjama über dem jungen Körper. Und fie redet von Liebe und Angst yn einen, und man selber ist ein verlassener armer Hund, der sich mit Gaidl aus Wien etwas Schönes eingebrockt hat und zuweilen nicht mehr ein noch aus weiß. Es tut gut, den Kopf an jemandes Schulter zu lehnen, der es aufrichtig mit einem meint, und der ohne Arglist und Falsch ist.

Weber, Wilhelmstraße 51, ihre goldene Hochzeit begehen. Das Jubelpaar, welches seit 50 Jahren zu ütn treuen Beziehern des Gießener Anzeigers zählt, er­freut sich noch bester körperlicher und geistiger Rüstigkeit. Unseren herzlichen Glückwunsch.

** Verkehrssünder. Die Polizei schritt iru der Zeit vom 9. bis 16. März ein: gegen Krastfahr- zeugführer mit 16 Anzeigen und 2 gebührenpflich. tigen Verwarnungen; gegen sonstige Fahrzeugführer mit 1 Anzeige und 1 gebührenpflichtigen Verwar, nung; gegen Radfahrer mit 7 gebührenpflichtigen Verwarnungen.

Vezirksschöffengericht Gießen.

Der R. Z. in Babenhausen wurde beschuldigt, am 22. Dez. 1938 bei der Gendarmeriestation m Groß-Eichen einen Mann aus Babenhausen wider besseres Wissen eines Ueberfalls und Raubes bet schuldigt zu haben. (Vergehen nach § 164, Abs. 1, StGB.) Zeugen wurden nicht vernommen, da der > Angeklagte in vollem Umfang geständig war.

Der Vertreter der Anklage beantragte eine Ge­fängnisstrafe von vier Monaten. Strafmildernd komme in Betracht, daß sich beide (Beleidigter und Angeklagter) inzwischen versöhnt hätten und der Angeklagte seine Tat bereue, straferschwerend da» gegen, daß er einschlägig vorbestraft sei und aus Rache wegen einer gegen ihn erstatteten Straf­anzeige gehandelt habe.

Der Angeklagte wurde zu einer Gefängnis­strafe von drei Monaten verurteilt. Dem Beleidigten wurde das Recht zur Publikation zu» gesprochen. *

K. Pf. II. in Watzenborn-Steinberg wurde be< schuldigt, am 1. Mai 1938 wider besseres Wissen in einer Wirtschaft in Watzenborn-Steinberg die unwahre Behauptung aufgestellt und verbreitet zu haben, ein SA.-Sturmführer in Watzenborn-Stein­berg habe bei der Abschiedsfeier des Juden Israel Süßkind in Heuchelheim in dessen Wohnung teil» genommen.

Der Angeklagte suchte sich auf alle Arten heraus» zureden, wurde aber durch die Beweisaufnahme überführt, die vollkommen unwahren Schwätzereien aufgebracht und verbreitet zu haben. Er behauptete, der Jude Sally Süßkind in Heuchelheim habe ihm das, was er weitererzählt habe, wörtlich mitgeteilt. Der als Zeuge vernommene Jude bestritt dies unter feinem Eid. Dem Angeklagten wurde der Vorwurf der Judenfreundlichkeit gemacht, dafür wollte er dem SA.-Führer eins auswischen. Es ist festgestellt wor­den, daß der Angeklagte noch in der jüngsten Zeit mit Juden Geschäfte gemacht hat.

Der Vertreter der Anklage beantragte mit Rück« sicht auf die schwere Beleidigung und da der An­geklagte als ein übler Schwätzer erscheine auf eine Gefängnisstrafe von drei Monaten zu erkennen. Mit einer Geldstrafe könne die Tat nicht gesühnt werden.

Der Angeklagte würbe zu einer Gefängnis­strafe von sechs Wochen verurteilt. Dem Beleidigten wurde das Recht zur Veröffentlichung des.Urteils zugesprochen.

Der Aug. L. in Klein-Seelheim wurde beschuldigt, im Sommer 1938 in Kestrich und Groß^Felda ihm zu treuen Händen anvertraute Sparschatzgelder von Arbeitskameraden in Höhe von etwa 350 Mark nicht an die zuständige Stelle abgesührt und Gelder, die ihm zur Begleichung von Rechnungen oder zur Aufbewahrung übergeben waren, nicht abgeliefert, sondern für sich verbraucht, ferner Einkäufe in Höhe von etwa 50 Mark unter dem Versprechen baldiger Zahlung gemacht und sich Darlehen im Betrage von 25 Mark besorgt zu haben, die er bald zu räch zahlen wollte. Die Waren hat er nicht bezahlt uni die Darlehen nicht zurückgezahlt. (Vergehen gegen §§ 246, 263, 266 StGB.) Der Angeklagte war in vollem Umfange geständig und überführt.

Der Vertreter der Anklage möchte den Angeklag­ten noch einmal vor dem Zuchthaus bewahrt wissen und beantragte deshalb eine Gesamtgefängnisstrase von einem Jahr und vier Monaten und eine Geld­strafe von 300 Mark, Hilfsweife 60 Tage Gefängnis.

Der Angeklagte- wurde wegen Untreue in Tat­einheit mit Unterschlagung und Betrug zu einer Gesamtgefängnis st rafe von einem Jahr und vier Monaten und zu einer

So zog Tinser Paula heftig an sich und küßte sie verdurstet auf den Mund.

Es ist so hell hier", sagte Paula verlegen und drehte das Licht aus.

Die grauen Streifen, die zu beiden Seiten des Vorhangs in die Kammer fielen, wurden allmählich blasser. Und jetzt gab die fröhliche Bimmeluhr im Dachreiter auf dem Pförtnerhäuschen sieben geschasi tige Schläge von sich.

Was hast dK denn plötzlich, Defi? Du bist fo still", fragte Paula den Geliebten.

Ein wenig Sorgen, mein gutes Mädchen." Nun der Rausch verflogen war, stellten sich wieder die Gedanken ein. An fein verpfuschtes Dasein, an Gaidls Drohungen, an den eigentlichen Zweck seines Hierseins. Tinser starrte verzweifelt nach der Kam­merdecke, über die eine emsige kleine Spinne lief.

Sehr schlimm?" forschte sie und spielte mit einer Strähne seines dunklen Haares.

Ziemlich."

Möchtest tiu cs mir nicht sagen? Vielleicht kann ich dir tragen helfen."

Tinser seufzte. Dann nahm er entschlossen einen Anlauf. Sie gehörten ja jetzt zusammen.

.Lch habe als Student in Wien irgendsone Dummheit gemacht, und das hängt mir jetzt nach ' Er erzählte zögernd, was zu erzählen war. Er ver­schwieg zwar Gaidls Namen und die Art des ge­planten Verbrechens, aber alles andere, was Paula wissen durfte, stellte er sehr anschaulich vor sie und beschönigte nichts. Er sprach von der Juaend- eselei, von falschem Ehrgeiz und von Erpressung durch einen früheren Laboratoriumsdiener, der ihn nun 3UX einer Gesetzwidrigkeit zwingen wolle. Er tat, als sei das letzte noch in der Schwebe. Denn die volle Wahrheit überstieg feine Kräfte. Es war ihm etwas leichter zumute, als er endlich seine Sorgen abgeladen hatte.

Paula hörte ihm mit steigendem Entsetzen ZU. Wenn er Pausen einschob, ermunterte sie ihn- weiterzusprechen. Dabei glitten ihre Finger ohne Unterbrechung an seinem'Arm entlang. Schließ"») flüsterte sie voll Mitleid:

Armer Defi, ganz armer Defi. Also so steht e- mit dir. Hör mal, das ist eine schlimme Geschichte, du Aber nicht wahr, du bleibst fest und läßt oia) nicht verleiten?"

Dann bin ich ja verloren", stöhnte er.Dan> kommt mein Name in die Zeitung. Dann sind u* für immer besudelt. Du hast wohl keine rechte -oor stellung, was das bedeutet?"

(Fortsetzung folgt!)