Ausgabe 
22.3.1939
 
Einzelbild herunterladen

Hr.6Q Zweites Blatt

Gießener Anzeiger tGeneral-Anzeiger für Oberheffen)

Mittwoch. 22. März fyZY

Vielhunderijähriges Prag.

Wiedersehen mit einer deutschen Stadt.

Mit Prag geht es mir wie mit einer alten Liebe, 'bie man sich aus dem Herzen riß, weil es nicht anders fein sollte. Nun ist sie auf einmal wieder Ida. freudig und mächtig überwältigt mich das alte Gefühl von ihrem Anblick, ich stehe auf der Moldau- lürücke und sehe hinab in die strömenden Wasser, nvinke hinauf zu der stolzen Burg und streichle dem satten Nepomuk die steinerne Zehe rote einst.

Prag, du stolze, ich liebe dich! Jetzt darf ich es wieder sagen, hunderttürmige, darf wieder un­beschwerten Fußes über die alten Treppen hinauf ßum Hradschin steigen, ungeduldiger Erwartung voll, 2ich wieder mit den Augen zu umfassen von dort ivben, mir die oft geträumten Konturen deiner Türme und Dächer wieder einzuprägen, wie du !Did) hinschmiegst an den Strom. Weithin dehnst 3u dich bis zum Horizont, dessen weiche Hügelwellen dich umfassen, während dich zärtlich der weit ge­zogene Arm der Moldau umfaßt, deren schimmern­des Band, zweimal gebrochen durch blitzende Stau­wehre, erglänzt.

Langsam schlendere ich von der Karlsbrücke, dem Meisterwerk Peter Parkers, deren Vorgängerin im frühen Mittelalter nach der thüringischen Prin­zessin Iudithbrücke hieß, zur K l e t n s e i t e " hin­über. Am Palais des Wallen st einers, nn den schweigsamen Barockfassaüen alter Adels- valäste, deren von Schwarzenberg und Pappen- neim, die das Gewirr der Gassen und Gäßchen wuchtig unterbrechen, an mittelalterlichen Bürger- üäufern und an Renaissancehöfen, denDurch- läusern" Prags, vorbei zieht es mich zum Fuße :ie r Treppe, deren 219 Stufen bis an den tz r a d s ch i n hinaufführen. Sorgsam zähle ich Stufe ijür Stufe, wie ich es damals tat, wiederum spüre ch das ehrwürdige Alter dieses Aufganges an den illsgewetzten Steinen, über die die Menschen durch ISahrhunderte emporstrebten, ich wende mich nicht im, weil ich die Größe und Schönheit des Augen- Ilickes nicht vorweg nehmen will.

Endlich stehe ich auf dem weiten, feierlichen Platz wr dem Eingangstor zur Prager Burg mt) bin erstaunt und froh über das Leben das .nablässig unter dem prächtigen schmiedeeisernen Logen zwischen den mächtigen Barockpfeilern hin- rrömt Wie bewegt, wie anders ist dies Bild als Gamals, wo ich durch stille weiträumig^ Höfe chritt! Deutsche Posten prüfen heute eines jeden Begehr, ich werde durchgelassen und durchquere den innenhof vor dem Veitsdom, diesem Mei- serstück Peter Parlers aus Schwäbisch-Gmünd, der |! lie Schönheit der Burg wie ein kostbares Diadem Derragt und krönt. Wieder stehe ich in dem mäch- j io gen merkwürdig kahlen Kirchenschiff des Domes, Isr ursprünglich unvollendet erst im dritten | ioahrzehnt dieses Jahrhunderts in hochgotischem Stil ,u Ende gebaut wird.

Dann sehe ich aus dem Fenster im Erker der ilten Reichskanzlei, die Kaiser Karl IV., Prags fwßter Bauherr, von Mainz nach Prag holte, hinab auf die im Abendschein schimmernde Stadt Ich i -rsche im Gewirr der Gassen wie in einem Antlitz nach bekannten Zügen: dort ragt die T e y n - k rche, Hauptkirche der Deutschen, da liegt das ^igustiner-Chorherrnstift Karlsburg, hier muß der ÜiilDerturm sein und drüben, nicht weit von der i!2ynkirche. finde ich den hohen Turm des Alt­stadt e r Rathauses wieder.

'Während ein Fremdenführer uns vom Fenster- siurz erzählt, gedenke ich des Deutschen Johan- tses von Neumarkt, den Karl IV. nach Prag 1t rief und der hier in dieser Burg, m dieser Reichs- llnzlei den Ansatz zur deutschen Schriftsprache schuf. H denke an die vielen schöpferischen Deutschen, te das Bau- und Kulturleben Prags von hier aus ^fruchteten, an den deutschen Münzmeister Eber- ho r d beispielsweise, dem im 13. Jahrhundert die Ünuplanung der Stadt übertragen wurde und der ii~ die Gründungsanlage einer ostdeutschen Stadt gib. Auf dieser Gründungsanlage ist alleweil und ö:m allen deutschen Nachfolgern weitergebaut wor- bn. Ihr verdankt Altstadt und Kleinseite das Ge- flLge. Ich denke auch daran, daß auf dem Boden j:-ags Die e r ft e deutsche Universität in 1384 errichtet wurde und daß zu der Pracht brr Bauten, dem geistigen Ruf dann auch noch biT Reichtum an Kunstschätzen aus ganz Europa hmzukam. als Rudolf II., dieser seltsame, ver­ronnene Träumer unter den Kaisern, hier seine Hsidenz aufschlug.

Das Gedächtnis dieses seltsamen Mannas lebt I hiMte noch in Prag fort in der winzigen, buckeligen Lw ck g a s s e hinter dem Schloß, deren Häuser sich tiiumni und scheu an die mächtige Burgmauer über 6am Hirschgraben drücken. Die Legende erzählt, dies je d i e A l ch i m i st e n g a s s e . die Rudolf II. als lttiterschlupf für seine Goldsucher und Sterndeuter stt bauen lassen. Seni, der Berater Wallensteins, |cl hier zeitweilig gehaust haben. Ein gebücktes Leiblein, den Hundert nahe, nötigt mich durch ein

schmales Gewölbe in das Innere einer solchen ehe­maligenTeufelsküche". Winzig die Maße des Stüb­chens, krumm die Wände, von Gebälk und Rissen durchzogen. An die Schmalseite greift eine ver­rußte Kaminecke, wo aus offener Feuerstelle die Tiegel und Retorten einst gedampft und gezischt haben mögen. Im Lehmboden gähnt ein bretter­verschlagenes Loch.Tief hinab tief hinab" be­deutet mir die alte Tschechin in gebrochenem Deutsch

Zum 12. Male kommen in diesem Jahre am 25. und 26. März die Forscher und Fach­gelehrten aus vielen Ländern in Bad-Nauheim zur Jahrestagung der Deutschen Gesell­schaft für Kreislaufsorschung zusammen. Bei der noch immer ansteigenden Zahl d'er Kreislauserkrankungen werden die Forschungen des Kerckhoffinstituts in Bad-Nauheim von der medizinischen Wissenschaft der ganzen Wett mit immer stärkerem Interesse beachtet. Die diesjährige Tagung wird nach den bis jetzt vor­liegenden Anmeldungen einen Rekordbesuch aufzuweisen haben.

Kein menschliches Organ wird so sehr als Zentrum des Lebens empfunden wie das Herz. Ist es das Wunder und Geheimnis, das diesen kleinsten Motor mit der größten Leistung umgibt, oder ist es die Angst, die uns überfällt, wenn dieser Motor seinen Dienst nicht mehr mit peinlichster Genauigkeit er­füllt was es auch sein mag, das schlagende Herz ist und bleibt für uns der Inbegriff des Lebens. Kein Organ ist so unermüdlich für den menschlichen Körper tätig wie das Herz. 75mal in der Minute schlägt es, im Verlaufe eines Tages klopft es 1OOOOO, in einem Jahr 40000000mal, in einem 70jährigen Leben 2% Milliarden mal. 4000000 Liter pumpt unser Herz in einem Jahr durch den Körper bei einer Tagesleistung bon 10000 Liter. Diese riesenhafte Leistung wird von einem Organ vollbracht, das

und meint, mich überkröche flugs eine Gänsehaut. Ich drücke ihr lächelnd meinen Obolus in die Hand, trete hinaus, und das zwanzigste Jahrhundert hat mich wieder.

Wenig später gehe ich wieder über die Karlsbrücke unh frage mich durch zum Wenzelsplatz. Krasser kann der Gegensatz zwischen einst und jetzt sich kaum barbieten. Hier braust das Leben von heute, Omnibusse, Autos, Fahrräder strömen ab und zu, Lichtreklamen ertöten den letzten Widerschein des Abendrotes, das die Moldau wie mit Blut färbte, just als ich darüber ging. Prag ist eine alte, Prag ist eine junge, eine ewig lebendige Stadt.

Dr. Buresch.

ein Gewicht von 300 Gramm hat und eine Kraft von 1/375 Pferdestärke aufweist.

Eine Gorge der Menschheit.

Es ist nur verständlich, daß dieser unwahrscheinlich komplizierte organische Apparat Schädigungen leicht ausgesetzt ist und daß auch die kleinsten Schäden sich verhängnisvoll auswirken können. Die er­schreckende Zunahme der Herz- und Kreislauf- erkrankungen in den letzten Jahren hat die Mensch­heit und vor allem die medizinische Wissenschaft mit banger Sorge erfüllt und ließ den Wunsch nach einer zentralen Forschungsstelle immer lauter werden. Es war daher eine Erfüllung für viele und ein Segen für die Menschheit, als vor nunmehr zehn Jahren Frau Louise E. Kerckhoff aus Los Angeles zum Gedächtnis ihres Mannes William G. Kerckhoff das Herzforschungsinftitut in Bad-Nauheim stiftete. Die Leistung des Instituts in diesem ersten Jahr­zehnt verdient nicht allein die stärkste Beachtung, sondern erfüllt uns mit tiefer Dankbarkeit für die Stifterin und die Forscher. Ist doch das Kerckhosf- Jnstitut heute als die Zentralstelle zur Erforschung und Bekämpfung der Herz- und Kreislauf­störungen in der ganzen Wett anerkannt. Kein anderes Land hat ein derartiges Institut aufzu­weisen. Die Bad-Nauheimer Forschung hat der Bekämpfung dieser gefährlichen Erkrankung völlig neue Wege gewiesen und vor allem erstmals mit

Die Teynkirche, die Hauptkirche der Deutschen.

Mi

i

&>.»-./ ' ' v*' 'v,s

a,'4 *'' , '-4z,?'

JI' M *

M -,,'y

Herzschläge werden gefilmt.

Die Kreislauf-Forscher der Welt treffen sich in Bad-Nauheim.

allem Nachdruck auf die wachsende Gefahr der Kreis- laufschäden hingewiesen.

William Ä. Kerckhoff.

William G. Kerckhoff entstammt einer kern­deutschen Familie aus der Gegend von Hannover. Der Vater Georgs war 1848 nach Amerika aus­gewandert, im Herzen aber ist er stets ein guter Deutscher geblieben. Deshalb schickte er seinen 1856 geborenen Sohn William auch auf ein deutsches Gymnasium (nach Lingen bei Hannover), wo der junge Kerckhoff eine gründliche Ausbildung erhielt. Nach Amerika zurückgekehrt, siedelte er mit seinem Vater nach Kalifornien über, wo seine von einem märchenhaften äußeren Erfolg gekrönte Lebens­arbeit begann. Er fing mit einem Holzgroßhandel an, baute dann Eisenbahnen und Dampfer, wobei zum erstenmal auf den Schiffen Kerckhosfs Oel- feuerung benutzt wurde. Als weitblickender Organi­sator sah er die Möglichkeiten, die in den ungenutzten Wasserkräften Kaliforniens lagen. Es folgten' die Gründungen großer Elektrizitätswerke. Damals baute

SPITZENLEISTUNG

OPEL

er die erste große Ueberland-Kraftleitung, die die größte Kabellänge der Welt hatte und Los Angeles mit Licht und Kraft versorgte. Damit gingen Hand in Hand große Unternehmungen zur Kultivierung des Landes, Gründung gewaltiger Arbeitersied­lungen, ja ganzer Städte. Trotz dieser außergewöhn- lichen äußeren Erfolge ist William G. Kerckhoff stets ein einfacher und bescheidener Mensch geblieben. Was er an wohltätigen Stiftungen gründete, ist nur zu einem geringen Teil bekannt geworden. Das Deutsche Reich belohnte ihn nach dem Kriege mit der Rote-Kreuz-Medaille. Das schönste Denk­mal aber, hat seine Witwe, deren Familie ebenfalls aus Deutschland stammt, ihm im Land seiner Väter mit der William G. Kerckhoff-Stiftung errich­tet. Der Kern dieser Stiftung ist das Kerckhofs- Herzforschungs-Jnstitut in Bad-Nauheim.

Das menschliche Herz, wissenschaftlich erforscht.

Das Bad-Nauheimer Institut hat auf einer breiten Grundlage das menschliche Herz und seine Schädi­gungen erforscht und neue Wege zur Bekämpfung ermittelt. Die statistische Abteilung steht in einer regen Verbindung mit allen statistischen Aemtern der Welt und betrachtet gleichsam aus der Vogel­schau das Vorkommen der Kreislauferkrankungen in der ganzen Welt. Auf diese Weise wurden wesent­liche-Erkenntnisse gewonnen über den Einfluß der äußeren Lebensbedingungen, der Vererbung, Rasse usw. In Deutschland arbeitet das Institut auf das engste mit dem Reichsgesundheitsamt zusammen. Die Auswertung dieses statistischen Materials ergab das erschreckende Bild, daß ein Viertel aller Todesfälle auf Kreislaufschäden zurückzusühren ist. Nunmehr kannte man die Größe und Gefährlichkeit dieses schleichenden Feindes der Menschheit und konnte den Kampf gegen ihn beginnen. Im Dienste einer erfolgreichen Bekämpfung der Kreislauf­krankheiten stehen die Untersuchungsabteilung, die Laboratorien und die Versuchs ab teilungen.-' Die modernsten Methoden wurden entwickelt und eingesetzt. Es wurden Apparate konstruiert, die es ermöglichen, Herzschläge aufzuschreiben und als graphische Kurve auf einen Film zu bannen. Jede Abweichung der Kurve zeigt eine Unregel­mäßigkeit des Herzens an. Während man so aufber einen Seite absolut sichere und zweifelsfreie Unter­suchungsmethoden entwickelt hat, werden in den Laboratorien und Versuchsabteilungen am Tier­versuch die wirkungsvollsten Bekämpfungsmaß­nahmen ermittelt.

Seit einiger Zeit hat das Institut auch flugmedi­zinische Forschungen in sein Aufgabengebiet aus­genommen. In besonderen Unterdrück- oder Klima­kammern, in denen Verhältnisse künstlich hergestellt werden können, wie der Flieger sie in einer Hohe von 8000 oder 10000 Meter antrifft, wird das menschliche Herz beobachtet, wie es unter diesen Bedingungen arbeitet. Regelmäßig stattfindende Kurse und Lehrgänge, sowie die alljährlich in Bad- Nauheim stattfindende Tagung der Gesellschaft für 'Kreislaufforschung machen die Ergebnisse der Bad- Nauheimer Forschung der medizinischen Welt zu­gänglich. Forscher und Gelehrte aus allen Ländern der Wett kommen heute nach Bad-Nauheim, um im Kerckhofs-Jnstitut neue Erkenntnisse zu gewinnen für ihre Arbeit zum Segen der Menschheit. So ist in zehn Jahren seines Bestehens unermeßlich großer Nutzen und Segen für die Volksgesundheit von Bad-Nauheim ausgegangen. r.

Die JIS2L braucht Gaslplähe und kinderpflege- slellen!

1

4' **

L ' W

Blick von der Karlsbrücke auf den Hradschin mit dem St.-Veits-Dom.

Das Palais Wallensteins. (Sämtliche Aufnahmen: Archiv.)