Ausgabe 
20.11.1939
 
Einzelbild herunterladen

lkr. 272 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, 20. November (939

Aus der Stadt Gießen.

Mensch, sei Helle!"

In den Abendstunden in der Innenstadt. Die Dunkelheit liegt wie eine schwarze Decke über der Stabt, lieber den Fahrdamm huschen die Licht- siinktchen der Räder und die eingeengten Schein« verfer der Autos. Auf den Bürgersteigen hüben lnd drüben herrscht lebhafter Passantenverkehr. Es st die $eit zwischen sechs und sieben.

Plötzlich ein krachendes Geräusch und der Lärm geltender Stimmen. Es ist etwas geschehen, so kiel steht fest. In der Dunkelheit ahnt man zwar kiehr als man sieht, indessen ergibt sich bald, daß l<r Lärm von zwei Radfahrern kommt. Sie sind !ilsammengefahren und suchen sich gegenseitig ihre Schuld nachzuweisen. Mit dem Zusammenstoß (el­fer scheint es nicht viel auf sich zu haben. Allem Anschein nach sind die Räder heil geblieben. Nichts- s.estoweniger geht das erbauliche Wortgefecht roei- tnr.Warum können Sie nicht aufpassen, Sie Trantute?" schreit der eine, während der andere ^ine BemerkungOller Quatschkopp!" auch nicht i<rade liebenswürdig flötet.

Da schiebt sich ein umfangreicher Fußgänger zwi- ihen die Streithähne. Er mustert sie, soweit es die Dunkelheit zuläßt, und sagt dann mit gemütlicher, (ber weithin vernehmbarer Stimme:Mensch, sei leUe! Wenn schon alles verdunkelt ist, dann halte rachsam das Köppken klar!" Die Umstehenden la« tien, wie man einen guten Witz belacht. Es ist so ein ^öhliches Lachen in der Runde, daß auch die beiden Radfahrer nicht umhin können, ihren Zorn zu ver- ccssen. Der dicke Fußgänger aber macht noch einige ?gütigende Handbewegungen und ist bald wieder i der Dunkelheit untergetaucht. Was die Rad- ihrer veranlaßt, ebenfalls das Weite zu suchen, nd siehe da: die Räder sind noch gebrauchsfähig. Womit die kleine Geschichte eigentlich schon am ftibe ist. Nur daß sie noch eine kleine Beleuchtung ver- : ent. Denn der Mann mit der gemütlichen Stimme sendete ja nicht nur den unerquicklichen Streit mit *r Heiterkeit feines Wesens, er gab auch eine be- -rzigenswerte Erkenntnis zum besten.Wenn schon «fies verdunkelt 'st, bann halte wachsam bas Köpp- -n klar!" Ein Satz, der ganz gewiß auf alle ! orkommnisse zutrifft, denen jeder bei der ab enb- ! chen Verdunkelung begegnet. Halte bas Köppken er! Bleibe vernünftig, auch wenn andere mal ^vernünftig sein sollten. Zuviel Vernunft kann e schaden, ein bißchen Unvernunft dagegen führt !äd)t schon zu bedenklichen Erscheinungen.

Auf alle Fälle: Mensch, sei helle! Du dienst dir nd allen deinen Mitmenschen, mit denen du die rofje Gemeinschaft bildest. H. W. Sch.

Von der Feldpost.

Die Deutsche Reichspost wird künftig bei Feld« «stpäckchen eine Überschreitung des Höchstgewichts !D00 Gramm) bis zu 10 v. H., also bis zu 100 kämm nicht beanstanden. Die Hinweise auf eine Luerhafte Verpackung der Feldpostsendungen sind isher immer noch nicht in dem unbedingt gebotenen lkaße beachtet worden; bei den Feldpostpäckchen- stellen gehen dauernd noch zahlreiche Feldpost- vickchen und päckchenartige Feldpostbriefe beschä- plgt ein. Die Amtsstellen der Deutschen Reichspost Derben fortan die Absender unzureichend verpackter fsrldpvstsenbungen, die während der Postbeförderung D u verpackt werden mußten, durch eine Benach­richtigungskarte auffordern, ihre Feldpostsendungen Hfer zu verpacken.

Dornoiizen

Tageskalender für Montag.

NSG.Kraft durch Freude": 20.15 Uhr in der 6iroßen Aula der Universität Nordischer Volkslie- > rabend. Moja P e t r i k o w s k i singt Lieber aus d m nordischen Kulturkreis. Gloria-Palast, Sel- irsroeg:Butterfly". Lichtspielhaus, Bahnhof­faß e:Die Reise nach Tilsit".

Versammlungen der Partei im Kreise Wetterau.

Die Partei führt jetzt im Kreis Wetterau eine große Versammlungsaktion durch, zu deren Besuch alle Volksgenossen eingeladen sind. Die Versamm­lungstermine in den einzelnen Orten sind wie folgt bestimmt worden:

Am 21. November: Reinhardshain: Redner Pg. Pötschke, Beltershain: Pg. Stastny-Hain, Geils­hausen: Pg. Rahner, Stangerod: Pg. Reitz.

Am 2 3. November: Lindenstruth: Redner Pg. Rahner, Saasen: Pg. Vieth. Göbelnrod: Pg. Schneider, Grünberg: Pg. Kreisleiter Backhaus.

Am 2 4. November: Hattenrod: Redner Pg. Frank, Harhach: Pg. Pötschke, Ettingshausen: Pg. Stastny-Hain, Queckborn: Pg. Reitz.

Am 2 5. November: Annerod: Redner Pg. Rahner, Oppenrod: Pg. Stastny-Hain, Burkards- felden: Pg. Reitz, Münster: Pg. Frank, Wetterfest): Pg. Weber, Lauter: Pg. Vieth, Laubach: Pg. Kreis- 1 eiter Backhaus.

A m 2 6. November: Kaichen: Redner Pg. Weber, Heldenbergen: Pg. Vieth, Büdesheim: Pg. Kreisleiter Backhaus, Griedel: Pg. Stastny-Hain, Rockenberg: Pg. Rahner, Oppershofen: Pg. Reitz, Ockstadt: Pg. Dr. Mörschel, Ober-Rosbach: Pg. Vieth, Nieder-Rosbach: Pg. Weber, Ober-Wöllstadt: Pg. Kreisleiter Backhaus, Wickstadt: Pg. Pötschke, Ossenheim: Pg. Reitz, Ilbenstadt: Pg. Stastny-Hain, Bönstadt: Pg. Rahner.

Am 2 8. November: Weickartshain: Redner:

Pg. Rahner, Stockhausen: Pg. Reitz, Lardenbach: Pg. Stastny-Hain, Freienseen: Pg. Hanß.

A m 2 9. November: Ober-Bessingen: Redner: Pg. Reitz, Nieder-Bessingen: Pg. Rahner, Röthges: Pg. Schneider, Nonnenrvch: Pg. Pötschke.

Am 3 0. November: Dillingen: Redner Pg. Reitz, Ruppertsburg: Pg. Rahner, Gonterskirchen: Pg. Frank, Lang-Göns: Pg. Kreisleiter Backhaus, Kirch-Göns: Pg. Viech, Pohl-Göns: Pg. Stastny« Hain.

Am 1. Dezember: Gröningen: Redner Pg. Frank, Holzheim: Pg. Weber, Gambach: Pg. Rah­ner, Ober-Hörgern: Pg. Schneider.

Am 2. Dezember: Dorf-Güll: Redner Pg. Rahner, Eberstadt: Pg. Weber, Trais-Münzenberg: Pg. Hanß, Münzenberg: Pg. Stastny-Hain, Birk­lar: Pg. Pötschke, Muschenheim: Pg. Dr. Mörschel, Bettenhausen: Pg. Vieth, Langsdorf: Pg Reitz.

Am 3. Dezember: Langd: Redner Pg. Weber, Rabertshausen: Pg. Viech, Rodheim/Hor- lofs: Pg. Reitz, Steinheim: Pg. Frank, Bellers­heim: Pg. Dr. Mörschel, Obbornhofen: Pg. Stastny- Hain, Wohnbach: Pg. Rahner, Wölfersheim: Pg. Kreisleiter Backhaus, Nieder-Weisel: Pg. Reitz, Hoch-Weisel: Pg. Frank, Ostheim: Pg. Viech, Hau­sen mit Des: Pg. Weber, Ober-Mörlen: Pg. Dr. Mörschel, Nieder-Mörlen: Pg. Rahner. Bad-Nau­heim: Pg. Kreisleiter Backhaus, Schwalheim: Pg. Stastny-Hain.

Am 4. Dezember: Wölfersheim: Pg. Georgs Karl, Schweinfurt.

Am 5. Dezember: Hausen bei Gießen: Red« ner Pg. Reitz, Watzenborn-Steinberg: Pg. Kreis« [eiter Backhaus, Garbenteich: Pg. Rahner, Stein« bach: Pa. Vieth, Bad-Nauheim: Pg. ®eorg Karl, Schweinfurt.

A m 6. Dezember: Langenhain: Redner Pg, Rahner, Ziegenberg: Pg. Reitz, Maibach: Pg. Stastny-Hain, Bodenrod: Pg. Schneider, Fauerbachs o. d. H.: Pg. Frank, Münster: Pg. Pötschke.

Am 7. Dezember: Steinfurth: Redner Pg« Vieth, Wisselsheim: Pg. Stastny-Hain, Rödgen! (Friedberg): Pg. Hanß, Staden: Pg. Reitz, Stamm« heim: Pg. Rahner, Bruchenbrücken: Pg. Kreisleitey Backhaus.

Am 8. Dezember: Melbach: Redner P^ Weber, Beienheim: Pg. Schneider, Dorheim: Pg« Rahner, Weckesheim: Pg. Reitz.

Am 9. Dezember: Dortelweil: Redner: Pg« Vieth, Friedberg-Fauerbach: Pg. Reitz, Bauernheim^ Pg. Hanß, Dorn-Assenheim: Pg. Weber, Reichels« heim: Pg. Dr. Mörschel, Nieder-Florstadt: Pg. Rah« ner, Ober-Florstadt: Pg. Stastny-Hain.

Am 10. Dezember: Lumda: Redner: Pg« Stastny-Hain, Kloppenheim: Pg. Stastny-Hain« Gießen-Ost und -Süd: Pg. Weimer, Koblenz.

Am Samstagabend eröffnete Kreisleiter Back« haus die Versammlungsreihe in Großen-Lin«

Gießener Hiilerjungen als Feuerwehrmänner.

If

I t

I

C'

X

; * H

Links: Bei einer praktischen Hebung mit Hängeleitern. Rechts: Gern folgen die jungen Kameraden den Kommandos.

Im Rahmen der Betreuung der Heimat durch die Partei kommt der Sicherung und Erhaltung großer volkswirtschaftlicher Werte und des Besitzes jedes einzelnen Volksgenossen besondere Bedeutung zu. Dabei spielt der Feuerwehrdienst eine hervorragende Rolle. Die Partei hat dafür gesorgt, daß den Feuer­wehren anstelle der zum Wehrmachtsdienst einberu­fenen Feuerwehrmänner junge Kräfte als Helfer zur Verfügung stehen. Die Grundlage hierfür gibt ein Erlaß des Reichsführers ff und Chefs der deut­schen Polizei im Einvernehmen mit der Reichs- jugendführung, nach dem geeignete Angehörige der Hitler-Jugend zur Ausbildung im Feuerlöschdienst zur Verfügung gestellt werden, um unter allen Um­ständen die Schlagkraft der Freiwilligen Feuer­wehren aufrechtzuerhalten.

Auf Grund dieser Regelung werden seit dem

19, September in Gießen insgesamt 108 Hitler- jungen der Jahrgänge 1923 und 1924 von den Frei­willigen Feuerwehren Gießen-Stadt, Gießen-Klein- Linden und Gießen-Wieseck unter der Oberleitung des Leiters der Freiwilligen Feuerwehr Gießen, Hauptbrandmeister Koch, im Feuerlöschdienst aus- gebildet. Die jungen Helfer bringen dem neuen Ar­beitsgebiet, das ihnen bisher vollkommen fremd war,'stärkstes Interesse entgegen. Mit größter Auf­merksamkeit sind sie bisher stets den Weisungen ihrer Feuerwehr-Ausbilder gefolgt und dadurch nun soweit im Feuerlöschdienst ausgebildet worden, daß sie in der Lage sind, im Ernstfälle den in jahre­langer Arbeit vollkommen ausgebildeten und jetzt noch in der Wehr stehenden Feuerwehrmännern bei der Bekämpfung von Bränden gute Unterstützung zu leisten. Zum Teil sind die jungen Helfer auch

schon im Stande, mit den einfachen Handgeräten; selbständig Feuerlöschdienst zu verrichten.

Nunmehr hat für die Jungen die Ausbildung an den motorisierten Feuerlöschgeräten begonnen. Auch hier sind die Jungen mit größtem Interesse habet und mit aller Tatkraft bestrebt, recht bald dahin zu kommen, daß sie den Motor selbst laufen lassen und mit dem Strahlrohr Wasser geben können. Die Jungen treten alle vierzehn Tage sonntags zum Feuerwehrdienst an, um dabei in systematischer Ausbildungsarbeit in die vielseitigen Aufgaben eines Feuerwehrmannes eingeführt zu werden. Man kann mit Freude die Wahrnehmung machen, daß die Hiilerjungen stolz auf diesen Dienst und dis damit verbundenen Pflichten sind.

(Aufnahmen |2|: Koch jun., Gießen.)

Gedichte.

Von 3ofef Robert Harrer. '

Schon vor mehr als zweitausend Jahren wurden t China Gedichte geschrieben, die heute noch zu bin schönsten Blüten der Weltliteratur gezählt narben. Damals war die Seele der Chinesen von eher Zartheit der Empfindung, die uns kühlen L enschen von heute unvorstellbar ist.

In jener Zeit kam ein Prinz zu dem Kenner )ir Gedichte und sprach:Ich habe gestern, als der Wmonb schien, ein Gedicht geschrieben. Hier ist ttü Ich bitte dich, Edler, sag' ob es gut ist!"

Der Kenner las das Gedicht, dann schüttelte er )t!6 Haupt.Noch vieles fehlt an deinem Gedichte! ®»f) hin und schreibe es um! Du darfst mir das ntue Gedicht aber erst bann wieder zeigen, bis es )ir so gut gelungen ist, daß der Mond,, den du auf dis Blatt sehen läßt, in seiner Wanderung inne- i hält!"

Der Prinz verneigte sich dankbar und versprach, Ittn Worten des Kenners zu folgen. Immer später lern in den folgenden Nächten der Mond, immer II in er wurde seine Gestalt. Geduldig legte der Vchterprinz die stets wieder geänderten Fassungen emes Gedichtes hin, auf daß der abnehmende »'lond auf die Worte blicke und vor Begeisterung t.ihen bleibe. Aber der Mond ging weiter. Der : si inz blieb bei seiner Ausdauer. Und wieder wuchs Mond und wieder nahm er ab; und das ge- ctnh ein halbes Jahr lang. Dann aber war das 9 dicht so gut gelungen, daß der Mond tatsächlich >: in seiner Wanderung eine Viertelstunde innehielt, um sich an den Versen zu erfreuen. Ueberglücklich n.chien der Prinz am nächsten Morgen vor dem Kmner der Dichtkunst und sagte:Edler, endlich ist in r das Gedicht gelungen, so daß der Mond stehen bl-eb."

Der Kenner las das Gedicht und sagte:Das *9 dicht ist tatsächlich viel besser; aber es muß noch ! kiFfer werden. 21 enbere es um unb lies es bann bei Fischen des Meeres vor. Wenn bie Fische laischenb zu die ans Ufer kommen, dann darfst du mir das Gedicht wieder zeigen, und ich werde dir la^en, ob es vollendet ist und der Nachwelt auf- bewahrt werden darf."

Der Prinz,' gehorchte und tat, wie ihm aufge- fr gen war. Mühsam waren die folgenden Wochen E- las am 'Ufer des Meeres immer wieder sein dicht mit lauter Stimme, um das Gebraust der 'Landung und das Rauschen der nächtlichen Regen- piüfe zu übettönen. Aber erst nach einem Jahr twährenden(Feilens an seinen Versen waren sie YN jo gelungen, daß die Fische dem Wasser

ans Ufer tarnen und staunend dem Gedichte lausch­ten. Mt klopfendem Herzen trat der Prinz am nächsten Tag vor den strengen Kenner unb sprach: Ebler, in tiefer Nacht kamen bie Fische ans Ufer und hörten meinen Versen zu. Hier ist bas Ge«

bicht!"

Der »Kenner las es und nickte.Das Gedicht ist

gut. Aber es verdient noch nicht auf Seide ge­schrieben und für die Menschen der fernen Zeit aufbewahrt zu werden! Wir müssen noch den Wind befragen. Geh in bie Wüste unb zeichne bie Worte in ben Sanb. Nach einem Jahr mußt bu roieber bie Stelle aufsuchen. Unb wenn bu bann bie Verse noch lesen kannst, hat ber Winb, ber ben leichten Sanb mit sich zu tragen pflegt unb bas Antlitz, der Welt verwischt, für dich und dein Gedicht ent­schieden. Es ist die schwerste und letzte Prüfung

des Gedichtes."

Der Prinz wurde zwar traurig, aber er gehorchte. Er wanderte in die Wüste und schrieb das Ge­dicht in ben Sanb. Und ber Winb wehte, er wehte ein Jahr lang. Und als bas Jahr vorüber war, kam der Prinz wieder in die Wüste. Don seinem Gedicht aber war keine Spur mehr zu sehen. Mit Tränen in den Augen begab er sich zu dem Kenner unb klagte ihm sein Leib. Der Kenner aber tröstete ihn und sprach:

Kränke bich nicht! Wie sollen die Menschen der fernen Zeit an deinen Versen Freude haben, wenn sie dem schmeichelnden, gütigen Wind nicht ge­fallen, der von den Göttern kommt? Merke dir! Es ist leichter, die süßen Stimmungen seiner Seele im flüchtigen Sande zu bewahren als im ver­gänglichen, oberflächlichen Herzen der Menschm. Verzage nicht unb beginne wieder von neuem. Be­ginne ' beim Mond, geh bann zu ben Fischen unb frag endlich wieder ben Winb. Vielleicht wirb btr in deinem Leben, bas bie Götter recht lange er­halten mögen, ein Gebicht gelingen, bas noch nach vielen Jahrtausenden die Herzen der Menschen er­greift. Vergiß nicht: Milliarden der Sterblichen schwinden dahin, und niemand weiß dereinst, daß auch sie unsagbar süße Stimmungen ihrer Seelen gehabt haben. Sei demütig! Mit einem wahren Gedicht auf die fernste Nachwelt zu kommen, be­bautet mehr, als einst ber gewaltigste Herr über unermeßliche ßänber gewesen zu sein!"

..Ich banke dir, Edler!" tagte der Prinz und ging hin und gehorchte.

Das ist die Legende von den Gedichten. Wie wunderbar muß einst die Dichtkunst geblüht haben, wenn sich trotz dieser ungeheueren Strenge des Ur­teils und der beispiellosen Bescheidenheit der Dichter so viele unb so herrliche Gebichte aus jener Zeit erhalten haben.

Gießener Konzeriverein.

Klavierabend Claudio Arrau.

Es ist stets von höchstem Wert für bie Hörer­schaft unb begegnet allseitigem, verlangendem Inter­esse, wenn ein Künstler von bem Höchststände Claubio 21 r raus nicht nur solche Werke seiner Dortragsfolge einreiht, bie sein überrageabes Kön­nen ins günstigste Licht zu setzen vermögen, fonbern wenn er auf bie Werke zurückgreift, bie in ber Hausmusik Geltung und Beachtung gefunden haben. Ja, dieses Berücksichtigen von verhältnismäßig we­niger schwierigen Werken läßt gerade bas hohe Plus des Konzertgebers überzeugenb hervortreten, wenn er nicht nur bloßer Instrumentalist, fonbern ein Vollmusiker ist. Das bestätigte Claudio Arrau, in­dem et Mozarts Sonate in D-dur (Köchel 576) und Beethovens Sonate (op. 31 Nr. 3) an die Spike seines Klavier-Abends stellte. Er gab damit für bie innere Einstimmung des Hörers auf das Kommende bie geeianetfte Basis unb gerade im Rahmen des schon B"kannten vermochte sein musikalischer Gestaltungswille das Band zum Hörer hin um so fester zu knüpfen.

Wir haben Claudio Arrau in den beiden Malen seines hiesigen Auftretens in feinem Nachschaffen des Barock, der Romantik unb ber Gegenwart er­leben können. Diesmal ließ er seine Stellung zur klassischen Klaviermusik einbringlich in Erscheinung treten. Wie er Mozart spielt, wie er singt, wie er bas stimmige Gefüge im plastischen Profil her- ausstellt, wie er wiederum gliedert und jede ein­zelne Entwicklunasphase organisch in das Ganze ein- bezieht, bas ließ immer wieder aufhorchen. Er bietet keinen galanten Mozart, sondern vertieft ihn unend­lich mit nachgiebigster Ausdruckskraft, ohne dabei dem innersten Wesen Mozartscher Musik irgend­welchen Zwang anzulegen.

Gerade dos tiefschürfende Einsühlen in die indi­viduelle Welt des Musikers ließ im Gegensatz zu Mozart der Beethoven-Sonate wesentlich an­dere Darstellungsprinzipien zuteil werden. Das Allegro der Es-dur-Sonate, im Tempo eng den Entwicklungsansäken abgelauscht, erhob sich zu dra­matischer ia tragischer Größe. Das vrägte sich eben­so im Scherzo aus mit seinen Akzenten, seiner scharfen Rhythmik, seinem inneren Wachsen und Absinken. Das Menuett ließ der Konzertgeber ohne bie sonst übliche Empfindsamkeit sich in voller ge­sanglicher Schöne entfalten, mit feinen Kontrasten des Trios. Das Finale wurde unter feinen Hän­den zur Offenbarung; hier wuchs Cludio Arrau über sich selbst hinaus; fein Spielen wurde ein Durchstoß zum realen Lebensvorgang.

Schumanns Fantasie in C-dur bannte

er mit der Vielfältigkeit des Wechsels der innerem Stimmungen zu einer Einheit, die ben Hörer voll in Bann schlug. Wie in einem schöpferischen Im­provisieren, unmittelbar, in ursprünglicher Nähe fing er bas Fluten bes Musikalischen ein, sich im brän- genben Stürme zu yigantischen, ja fast rausch» haften Höhepunkten steigernd. Niemals ließ Claudio Arrau hier irgendwelchen Zug zum Bravourösen erkennen; stets überzeugte seine unbegrenzte Kraft der Vertiefung.

Der letzte Teil der 23o^trggsfolge bestätigte noch­mals, wie bei dem Konzertgever Virtuosität höchsten Grades dennoch stets von umfassendster Musikalität durchpulst wird. Er erscheint so als der ideale Liszt spieler, der äußerstes technisches Können als musikalischen Ausdruckswert meistert. Davon zeug­ten dieW asserspiele in der Villa d'Este" mit ihrer glitzernden Farbigkeit und ihrer strahlen­den Klangkraft. Letzte Verinnerlichung der Gefühls­tiefe zeigteS o n e 11 o Nr. 104 bei Petrarca". Die mittlere ber drei großen Konzertetüden in f - m o 11 ließ instrumentale und darstellende Fähigkeit im vollendetsten Ausgleich erleben. Solchen Eindrücken gegenüber brachen die Hörer oft in dankenden Beifall aus; ganz besonders nach den Klassikergaben.

3eiffd)riffen.

Das Novemberheft der im Verlag F. Bruck» mann, München, erscheinenden MonatsschriftD i e Kun ft" bringt in ausgezeichneter Reproduktions­technik die KöpfeMeister von Mauer, Heiligen­kopf vom Marienaltar" um 1515 bis 1520 aus Mauer bei Melk unbKopf bes Alkypneus" aus bem Pergamonaltar. Siegfrieb Reinke gibt ein gut bcbilbertes Referat über die auf ber schweizerischen Lanbesausstellung in Zürich gezeigten, für die We­senszüge der schweizerischen Kunst besonders cha­rakteristischen Werke. Fritz Burmann, der Malek bes ostpreußischen Haffs wird in mehreren Bildern gezeigt, ebenso Arbeiten von George Minne. In der ReiheDichter über Bildwerke, die sie lieben", schreibt Ruth Schaumann über ihreverlorene" Liebe, Lucas CranachsKardinal Albrecht von Brandenburg als Hieronymus im Gehäuse", Wohn­hausbauten der Architekten Eisenlohr und Pfennig, Stuttgart, zeigen im zweiten Teile des Heftes, was erfahrene 21rchitekten in vornehmer unb bodenstän­diger Baugesinnung schaffen ober neu gestalten können. Neben neuen Arbeiten ber staatlichen Por­zellanmanufaktur Meißen findet manInnenein­richtungen der Deutschen Werkstätten, München" nach Entwürfen von Professor Hillerbranb unb formschöne Gläser der Gral-Glaswerkstätten, Göp« pingen»