Ausgabe 
20.1.1939
 
Einzelbild herunterladen

Nr.1? Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

5reitag,2V.Zanuar 1959

Aus der Stadt Gießen.

Fröhlicher Optimismus.

Hinter meinem Hause singen die Meisen. Es klingt schon recht munter und vergnüglich:Dihi- dihdih dihdihdih!" Oder auch:Zihzibäh zizidäh!" Dabei turnen die kleinen Sänger hurtig an den Zweigen des kleinen Kirschbaumes herum, so daß es geradezu Vergnügen macht, ihnen zu- zusehen.

Es muß wohl am Wetter liegen, daß die Meisen so vergnügt sind. Natürlich; das Wetter ist ja auch unbestreitbar recht mild. Um diese Zeit müßte doch eigentlich noch der bitterböse Frost einhersahren und alles so eindringlich anpusten, daß es vor Schrecken gleich gefriert. Lange ist es allerdings noch nicht her, daß er sich in solcher Weise bemerkbar machte, aber anscheinend hat die Gründlichkeit, mit der er {ein Geschäft besorgte, uns die ganze Kälte des Winters auf einmal gebracht. Ich sage anscheinend, denn genau kann man das niemals wissen. Wenn es aber so wäre, dann könnten wir einigermaßen zufrieden sein. Denn dann hätten wir das Schlimmste bereits überstanden.

Es gibt jedoch verständige und erfahrene Leute, die den Kopf schütteln und eine solche verwegene Auffassung überlegen abtun. In meinem Haus wohnt ein alter Knasterbart, der mit einem kräf­tigen Krückstock ausgeht und auch sonst sehr auf das Solide hält. Solide Grundsätze, solide Ansichten. Nein", sagt der mit einer Bestimmtheit, gegen die es keine Widerrede gibt,der Winter ist noch nicht vorüber, wir werden es schon merken." Es scheine eben nur alles so, und wie man wisse, trüge der Schein. Selbst der Hinweis auf die Meisen kann seine Ansicht nicht erschüttern.

Allerdings sind die Meisen Optimisten. Und wie ich offen gestehen will, habe ich die Neigung, diesen Optimismus zu teilen. Ein fröhlicher Optimismus ist jedenfalls besser als eine klug redende Mies­macherei. Womit nicht gesagt sein soll, daß der Alte mit dem Krückstock nur ein elender Miesmacher ist. Aber er beharrt unnachgiebig auf seinem Stand­punkt. Wir begegnen uns jeden Tag im Treppen­flur, und jedesmal frage ich munter, mit einem Kopfdeuten nach dem Garten:Na, immer noch kein knackender Frost in Aussicht?" Und jedesmal fährt er mich unwirsch an:Nur nicht so voreilig, junger Mann!" Es ist eine reizende Unterhaltung.

Wir werden sehen, wer recht behält. Ich bleibe bei meinem fröhlichen Optimismus, worunter nicht verstanden fein soll, daß das Thermometer nicht auch mal absinken kann. Gegen gelinde Fröste und gelegentliche Schneefälle habe ich nichts einzuwen­den, nur die klirrende Kälte von 10 und mehr Grad Frost soll uns gefälligst verschonen. Damit die Nase nicht erfriert, die jetzt schon manchmal den Früh­ling zu wittern vermeint und auf diese Weise dem fröhlichen Optimismus immer wieder neu zur Stärkung verhilft. H. W.

Dornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater: 20 bis 23 Uhr,Die Tänzerin Fanny Elßler". Gloria-Palast (Seltersweg): Lauter Lügen". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): Menschen, Tiere, Sensationen". Oberh. Gesell­schaft für Natur- und Heilkunde: 20 Uhr, Forstinsti­tut, Braugaffe, Vortrag Prof. Funk:Neue Wege in der Erforschung des Laubblattes". Oberhesfi- fdjer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr, Ausstellung im Turmhaus am Brand.

ErstaufführungDie Tänzerin Fanny Elßler".

Heute abend findet die Premiere der Operette Die Tänzerin Fanny Elßler" von Johann Strauß statt. Musikalisä)e Leitung Joachim Popelka, Spiel­leitung: Gert Buchheim, Tänze: Thea Maaß. Lei­tung und Einstudierung der Chöre: Heinz Mark­wardt. Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 16. Vorstellung der Freitag- Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr.

Landschaft unter Hochwasser.

Das Hochwasser der Lahn hat die Landschait in unmittelbarer Nähe der Stadt gründlich ver­ändert. Das Heuchelhei­mer Feld ist, vom Dorfe bis zum Eisenbahndamm der Strecke Dutenhofen- Gießen, ein einziger See. Teilweise ist sogar die Straße zwischen dem Al­lendorfer Wäldchen und

Heuchelheim über­schwemmt. Durch die Wasserdurchlässe braust das Wasser in mächtigem Schwall.

Aber auch in unmittel­barer Nähe der Stadt tritt das Hochwasser ein­drucksvoll in Erschei­nung. Die Gärten an der Bleiche sind über­schwemmt. Die Wäsche, die aus der Bleiche hängt, spiegelt sich im Wasser. In der Schützenstraße steht das Wasser auf der Fahrbahn, und zwar teil­weise so tief, daß den Bewohnern der Häuser in den dortigen Gärten der Weg abgeschnitten ist. Das Wasser trat auch bis auf die Wiesen am Leimenkauter Weg und die neuen Häuser stehen wie am Ufer eines Sees. Der Zugang zum oberen Bootshaus der Gießener Rudergesellschaft ist nicht mehr möglich. Zum Ka­meradschaftsheim des Ma­rinevereins kann man Überhaupt nur noch mit Hilfe eines Bootes vor­dringen. Auch vom Launs- bacher Steg aus kann man erhebliche lieber« schwemmungen der dor­tigen Wiesen und Felder beobachten.

Unsere Bilder zeigen das Heuchelheimer Feld, das am stärksten vom Hochwasser in Mitleidenschaft gezogen ist. (Aufnahme [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Froher Heimatabend.

Der Landschaftsbund Volkstum und Heimat lädt, wie alljährlich, zu einemFrohen Heimatabend" am Samstag im Cafe Leib ein. Außer der Volks­tanzgruppe des Bundes unter Leitung von Frl. Hübner wirkt der Wißmarer Volkstanzkreis unter Leitung von Hauptlehrer Wagner mit, dazu der Handharmonika-Club N u r t s ch. Volksmusik, Volks­spiel und allgemeiner Volkstanz versprechen einen stimmungsvollen Abend, zu dem alle Freunde der Heimat eingeladen sind.

Hitler-Jugend Bann 116.

1. Betr.: Führerappell. Sämtliche Gefolg­schaftsführer, Stammführer und Stellenleiter treten am Sonntag, 22. Januar, um 9 Uhr am Heim der HI., Gießen, Roonstraße 28, an.

2. Betr.: Dien ft Meldung der Gefolg­schaften. Bei dem Antreten zu dem Führerappell am 22.1. hat jeder Gefolgschaftsführer eine ausführ­liche Dienstmeldung abzugeben. In der Meldung sind die einzelnen Standorte der Gefolgschaften listen­mäßig aufzuführen, dahinter sind die Wochentage zu vermerken, an denen Dienst ist. Die Uhrzeit, so­

wie die Räume, in denen der Dienst stattfindet, sind ebenfalls anzugeben.

3. Betr.: Dien st Meldung der Stamm- f ü h r e r. Bis zum 25. d. M. haben die Führer der Stämme einen Erfahrungsbericht über die Durch­führung des Sonntagsdienstes an den Führer des Bannes zu übersenden.

4. Betr.: Dien st Meldung der Stellen­leiter. Ebenfalls bis zum 25. d. M. haben die Stellenleiter und Sachbearbeiter des Bannstabes einen Erfahrungsbericht über ihr Arbeitsgebiet an den Führer des Bannes zu senden. Hierbei sind Vorschläge und Anregungen für das betreffende Sachgebiet im Bericht mitzuvermerken.

Militärische Beförderungen.

Im Bereiche der 9. Division wurden vom Führer und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht befördert: Oberstleutnant H o ß f e l d (wie gestern bereits be­richtet) in Siegen zum Oberst; Hauptmann Israel beim Stab der 9. Division zum Major; Leutnant Behr end beim Jnf.-Regt. 116 zum Oberleutnant. Oberst Hoßfeld stand vor etwa zehn bis zwölf Jahren mehrere Jahre lang als Oberleutnant, dann

als Hauptmann und Kompaniechef beim I. Bataillon des damaligen Jnf.-Regts. 15 in Gießen und hat sich hier einen großen Bekanntenkreis erworben.

Auszeichnung für einen Pionier des Telegraphenbaues.

Bei einem Betriebsappell des Telegraphen-Bau- bezirks III Gießen wurde gestern einem verdienst­vollen Pionier des Telegraphen-Fernsprechbaues, dem Telegraphen-Oberbaufiihrer Vetter, das Gol­dene Treudienst-Ehrenzeichen als äußeres Zeichen der Anerkennung für feine treue Dienstzeit in feier­licher Weise überreicht. In Anbetracht der außer­ordentlichen Leistungen des Jubilars sanden sich zu der Feier auch Vertreter der Reichspostdirektion Frankfurt a. M. ein und ehrten damit den verdien­ten Mitarbeiter. Der Betriebsführer des Tele- graphen-Bauamtes Darmstadt, Postrat Dipl.-Jng. P i r o t, stellte in seiner Ansprache die großen Ver­dienste des Jubilars heraus und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Arbeitskraft Vetters dem Tele- graphen-Baubezirk noch lange erhalten bleiben möchte.

Jeder trägt Verantwortung.

NSG. Mehr als jemals in der Geschichte der Menschheit haben die Arbeit und Arbeitsehre im nationalsozialistischen Deutschland Ansehen und Be­deutung gewonnen. Es gibt nur einen Adel bei uns, den Adel der Arbeit. Diese Auffassung, die der Führer uns immer wieder lehrt, bedeutet ober auch die höchste Verpflichtung. Erst der Wert der Arbeitsleistung, die verantwortungsvolle Pflicht­

Tue gecegelten Stuhl

zuverlässig

erfüllung an dem Arbeitsplatz, an den der ein­zelne gestellt ist, gibt ihm das Recht zum Stolz und auf Achtung.

Jede Arbeitsleistung in Deutschland ist Dienst an der Gemeinschaft. Das deutsche Volk hat nur d i e Werte zu verleben, die es selbst schafft. Geschenkt wird uns nichts. Je besser also jeder seine Arbeits­leistung gestaltet, desto größer ist die Summe der Werte, an denen der einzelne wieder teilhat. Den gerechten Anteil jedes einzelnen stellt der national­sozialistische Staat sicher.

Die Erreichung höchster Arbeitsleistung ist aber nicht nur eine Frage des Einsatzes der Körperkräfte. Viel wichtiger ist es, daß der Arbeitsgang so ge­staltet wird, daß hierbei mit g e r i n g st e m Kräfteeinsatz der höchste Erfolg erzielt wird. Jeder kann hierbei mithelfen. Wenn jeder schaffende Deutsche auch nur einen regelmäßig wie­derkehrenden Handgriff verbessert, einen Arbeitsweg verkürzt, muß die Summe des Erfolges gewaltig groß sein.

Neben die Bestleistung muß aber gleichzeitig die Ausschaltung aller vermeidbaren Verluste treten. Sparsames Haushalten mit dem zur Ver­fügung stehenden Material ist geboten, damit wir aus ihm mehr Werte schaffen. Vermieden werden muß jede Vernichtung von vorhandenen Werten, die Volksvermögen sind. Vor allem aber gilt es, die Arbeitskraft des schaffenden Menschen zu erhalten.

In immer stärkerem Maße müssen Unfälle/so­weit sie irgend vermeidbar sind, verhindert werden. Daran muß jeder im Arbeitsleben stehende deutsche Volksgenosse denken, ob er im Verkehrsdienst öffent­licher Verkehrsmittel, an der Maschine oder auf dem Baugerüst steht, ob er Maschinen baut, Arbeitsplätze gestaltet ober den Arbeitsgang bestimmt.

Sicherheit, die wir schaffen, vermeidet viel Leid für den einzelnen und viel vergebliche Arbeit für die Gemeinschaft des deutschen Volkes. Jeder

Linser Spieß.

Von Heinz Ulrich.

Manche werden nicht wissen, was ein Spieß ist, ober ich denke, die sind hoffnungslos in der Min­derzahl. Ein Spieß trägt eigentlich den Titel Ober­feldwebel und bei den berittenen Truppen und der Artillerie, auch bei der Flak, heißt er Herr Ober- wachtmeifter, aber gleich wie man ihn anredet: wenn man von ihm spricht, an ihn denkt mit Lachen oder mit Grausen, so ist es der Spieß.

Ich weiß nicht, warum er so heißt. Vielleicht, weil er die armen Schäflein seiner Batterie auf« spießt in feinem dicken Notizbuch mit seinem dicken Bleistift und in seinem noch dickeren Notizbuch ein­spießt, wo ihre Namen dann stehen bleiben, bis ihre Sünden gebüßt worden sind. Vielleicht auch heißt der Spieß Spieß, weil er seinen armen Re­kruten droht, sie ungespitzt in den Erdboden zu spie­ßen, wenn sie ihre Beine nicht auseinander bekom­men und ihre Fußspitzen noch immer nicht die nächste Wolke berühren. Vielleicht aber ist es auch ein Ehrenname, übertragen von einem Spieß, der nicht nur Spieß war, sondern auch Spjeß geheißen hat. Und das glaube ich, ist wohl die beste Erklä­rung, wenn sie auch kaum zu begründen ist. Spieß, Spieße gab es schon immer. Wer soll sich des An­fangs erinnern?

Jede Truppe hat ihren eigenen Spieß. Und jeder Spieß hat seine kleinen und kleinsten Eigenheiten, an denen man ihn erkennen kann, schon von weitem, selbst in der Nacht, wenns stockduster ist. Aber irgendwie sind sie auch alle wieder gleich. Es ist, als ob dieses Amt, Mutter der Kompanie zu fein, nur von einer bestimmten Art Männer geführt werden könne. Es ist seltsam, wie eine natürliche Auslese überall den gleichen Typ erzeugt.

Das ist der Typ des Mannes, der sorgt bis zuletzt, selbst auf Kosten der eigenen Bequemlichkeit. Er ist immer bereit, alles zu tun, was verlangt wird und noch viel mehr. Er ahnt voraus, was werden wird, er ist immer auf dem Poften, er weiß grundsätzlich alles, was feine Truppe angeht. Er kennt jeden Mann fo genau wie fein Notizbuch. Er kennt ihre Schwächen, ihre Stärken und Sorgen. Er raunzt viel, aber hat ein gutes Herz. Das muß ja so sein.

Und nun endlich muß ich einmal sagen, wie un­ser Spieß ist, was er tut, wie er spricht und schimpft. Dann bilde ich mir ein, ja wir alle, die ganze Batterie bildet sich ein, solch einen Spieß wie unserer ist, gibt es in der ganzen Welt nicht mehr.

Als wir, die jungen Rekruten, damals ankamen vor so langer Zeit, da sahen wir ihn als ersten vor dem Kasernentor stehen. Und liebevoll betrachtete er sie alle die sanften Schafe, die da ein wenig ge­drückt von dem Nichtwissen um die nächste Zukunft einhergewandelt kamen, jeder allein, ohne Hirten. Da kamen sie, Koffer oder Riesenpakete in der Hand. Und jeden hielt er an und fragte ihn aus, woher und wie alt und was von Beruf.

Und bann schickte er die, die ihm paßten, alles was Schlosser und Handwerker und was Schüler war, gleich zur Siebten rauf in die Schreibstube, wo sie dann auf ihn warten sollten, um dann verteilt zu werden auf die schönen frischgestrichenen leeren Stuben, die schon lange auf sie warteten.

Ja", sagte er dann zu einem von den alten Kno­chen, der gerade an ihm vorüber kam:Köppchen, Käppchen müssen die Bengels haben, bann steht bie Siebente roieber mal soooo!" Unb er rieb sich freudig die Hände, da er bemerkte, daß er der ein­zige Spieß war, der sich so tummelte.

Wir wissen alle noch, wie er eines Tages beim Appell unseren Dicken anschrie, der Schlächter war, weil er einen Fleck, so einen riesengroßen, baß er gar nicht mehr zu beschreiben war, auf ber Feld- blufe hatte. Einen Fleck, so groß, baß er offenbar bie ganze Bluse bebeefte, benn wir anbern sahen beim besten Willen nichts, gar nichts bavon.

Oh, wie brüllte ber Spieß. Die Wänbe zitterten, es. rieselte ber Putz, bie Balken bogen sich. Alle un­sere Sünben fielen uns ein. Wie wir einen ganzen Tag bamit verbracht hatten, zehn Zentner Kartof­feln aus einer Kantine in bie anbere zu bringen, wie wir zum Friseur gegangen waren statt ins Revier zur Untersuchung, wie wir im Trainings­anzug in bie Stadt gelaufen waren unb hatten keinen Vorgesetzten gegrüßt dabei, wie wir ... na, es war ein ganz nettes Register. Um/ alles bas zitterten wir. Wir bebten wie Espenlaub. Natürlich nur innerlich. Aeußerlich standen wir steif unb bol- zengexade und dachtenBleib mir vom Leibe".

Das Weltgewissen selbst schien uns erschienen zu sein. Er hatte eine gute Lunge, das mußte man sagen. Aber wir hatten ja gar nicht Zeit unb Lust, über die Kraft feiner Lunge nachzudenken, wir hör­ten nur. Es war entsetzlich. Und dabei der Gedanke: Jetzt kommt er zu dir. Und da plötzlich, urplötzlich brach sich der Donner seiner Stimme, die Kraft versiegte, und fast liebevoll hörten wir alle ihn sagen:Hat dich dein Meister auch immer so an­gebrüllt?" Und er lächelte und ging von bannen. Wir aber wußten, wir würden für ihn durchs Feuer gehen.

Nie Frauen von Kopenhagen.

Ein Ausländsbrief.

Wenn ein schöner Tag über Kopenhagen liegt, so schön, wie nur ber Norden den Sommer kennt, bann fliegen viele zierliche lichtgraue Schmetter­linge ben Weg nach Klampenborg hin: junge Ko­penhagenerinnen zu Rad.

Es ist kein Zufall, daß die junge Kopenhagenerin mit ihrem Rade auf die Welt gekommen zu sein scheint. Es ist ein Symbol. Sie strebt mit aller Energie vorwärts.

Wo fliegt sie nur hin, denkt man? Und weiß sofort die Antwort: der Liebe entgegen. Denn zu dieser ist sie geboren: so schmiegsam, so zärtlich, so behutsam, so hingebungsvoll, so aufopferungs­fähig, wie sie ist. Sie liebt die Liebe, und daher mag es kommen, daß sie sich manchmal überhastet. Es wird in Kopenhagen rasch und gern geheiratet. Man kann sagen, daß wirklich schlechte Ehen dort selten sind.

Die Kopenhagenerin heiratet, wenn sich ihr Gele­genheit bietet, immer wieder, mit einem Optimis­mus, ber etwas Rührendes hat unb oft burch eine späte, sehr glückliche Wahl gelohnt wird. Mut zum Leben und Erleben ist ihre Parole. Sie hat aber auch ein außerordentliches Talent, einem lieben Menschen ein harmonisches Heim zu bereiten. Ihr Naturell ist nämlich ber Kunst nahe verwandt. Sinn für Stil und Form ist ihr angeboren. Selbst in den bescheidensten Kopenhagener Wohnungen läßt es sich gut leben. Wenige gute Möbel, gut gestellt, wenige Bilder, gut gehängt, Verständnis für Farbe und eine große Leichtigkeit, Heiterkeit und Zweckmäßigkeit. In einem dänischen Haushalt ein Hausgreuel zu finden rft unmöglich.

*

Die Kopenhagenerin ist eine gute, sparsame Hausfrau. Sie hat viel Sinn für echtes Material und seine Verwendung und eine große innere Teil­nahme für die Wissenschaft der' Haushaltführung, die ja noch in den Kinderschuhen steckt. Insbeson­dere für Ernährungsfragen besteht ein immer waches Interesse. Die Ernährung hygienisch, auf­bauend, erhaltend, fportförbernb und zugleich mit dem Aufwand an geringsten Mitteln durchzufüh­ren, ist eine in Dänemark ernst genommene Frau­enaufgabe.

Anspruchslosigkeit ist die persönliche' Note- ber Kopenhagenerin. Das zeigt sich besonders in An­gelegenheiten bes Vergnügens. Im hübschen Kleid- I chen, das lichte Haar schicklich und kleidsam geord­

net, in lieber Gesellschaft, ben unvermeiblichen Kaffee mit Kuchen, ben sie, nur Gott weiß warum, Wiener Brot" nennen, im Grünen zu sich nehmen, ist schon ein Fest; Kino ober gar Dagmar-Theater flutende Lebensfreude; ein Sommerabend im Ti­voli ein Erlebnis; ein Nachmittagstee mit Tanz und Jazzmusik im 2Ingleterre der Traum. Aber auch ein bloßes Flanieren aufStröjet" ober bas Perfchlingen der umfangreichen Sonntagsblätter gibt erhöhtes Lebensgefühl. Natürlich find junge Mädchen überall leicht zu erfreuen, weil das Blut fo rasch durch ihre Adern rinnt. Aber die junge Kopenhagenerin kniet sich in jede kleinste Lustbar­keit noch ganz besonders hinein, mit einem tiefen Gefühl für den nie wiederkehrenden Wert des Augenblicks und mit einer strömenden Dankbarkeit gegen den Spender alles Guten. ,

*

Wenn man die junge Kopenhagenerin beim im­provisierten Tanz blumenhaft und selbstvergessen sich wiegen sieht oder bei dem bescheidenstes Scherz- chen ihr wirklich silbernes Lachen ertönt, dann könnte man völlig vergessen und das ist ihr Hauptvorzug, daß man es vergessen könnte, daß sie bei alledem eine ernste Arbeiterin ist. Das ist sie nämlich. Es gibt in Kopenhagen nur wenig Frauen und Mädchen, die nicht im Beruf stehen oder sich nicht mindestens für einen vorbereiten.

Das beruht darauf, daß jeder Mensch, der will, in Dänemark in ben Besitz einer ordentlichen Schulbildung gelangen kann. Beinahe jedes Mäd­chen macht Abitur. Alle turnen, viele treiben Mu­sik, jede macht einen Samariterkurs. Die Forde­rung nach dem gleichen Start für alle Kinder ist restlos durchgeführt. Zuverlässige Menschen haben mir gesagt, daß in ihrem kleinen Lande kein wissen­schaftliches oder künstlerisches Talent unbemerkt verkümmern könne.

*

Trotz großer geistiger Leistungen, ober vielleicht gerade deshalb, liegt intellektueller Hochmut der Dänin fern. Sie ist schon so lange Herrin ihres Geschicks, baß ihr bie Vornehmtuerei ber Freige­lassenen fremb ist. Die Tochter bes höchsten Rich­ters im Lande melkt als Lanbwirtschaftselevin mit Feuereifer Kühe; bie Frau bes weltberühmten Dichters ist stolz auf ihr Gesellenstück als Tischler; bie Witwe bes Gelehrten eröffnet ein Geschäft, worin Männerkleiber gebügelt werden, nachdem vorher die Flecke daraus entfernt worden sind, und bie Frau, bereu Mann Minister wirb, bleibt, was sie schon immer war, Parlamentsstenographim

E. Sch.