Ausgabe 
19.8.1939
 
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HrJ95 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

(9./20. August (939

Entscheidungsschlachten des Weltkriegs.

23on Max von Zersen.

Wie hätte wohl der Orakelspruch eines Sehers gelautet, der vor 25 Jahren das deutsche Heer, aufs beste zum Kampfe vorbereitet, durch Belgien und Nordfrankreich auf Paris marschieren sah, um den genialen Plan des Grafen L ch l i e f f e n durchzuführen. Wir wissen heute, daß er. wie seine großen Vorgänger König Fried­rich der Große und der alte Moltke, einen Flügel des Gegners zerschlagen und möglichst bis in den Rücken des Feindes ausholen wollte, um mit einer Umgehung des feindlichen Heeres, im Vorstoß west­lich Paris, die endgültige Entscheidung herbeizu- füyren. Wie überrascht war die militärische Welt, als das belgische und französische Festungssystem mit Hilfe unseres 42 cm Mörsers zusammenbrach, und unsere Armeeführer im sicheren Handeln gegen frontal anrennende oder bereits zurückweichende französische Armeen die Schlacht bei Mülhausen, dann die Schlacht in Lothringen, weiterhin die Schlachten bei Longwy, Neufchateau, Maubeuge, Cambrai, Namur und schließlich bei St. Quentin, Reims und Verdun gewannen! Welch gewaltiger Erfolg war Anfang September erzielt, als wir nicht eine Einzelschlacht, sondern ein Dutzend von Schlachten siegreich bestanden hatten.

Das war ein Gesamterfolg, der in taktischer Hin­sicht niemals durch das nun kommende Ringen an der Marn e ausgelöscht werden konnte! War es doch überflüssige Vorsicht, als der Sieger einen erfolgreichen Kampf ab brach und seine Armeen vom Feinde absetzte; denn er konnte seine ausein­andergezogenen Kräfte zu einem neuen Vorstoß zu- sammenziehen. Aber politischem englischem Geschick eröffnete sich nun die Gelegenheit, das Abbrechen des Kampfes zu einem politischen Progagandawun- der auszubauen. Trotz alledem fehlte, wie die fol­genden Kämpfe bei dem deutschen Vorstoß am Argonner Walde und auf St. Mihiel beweisen, den französischen Armeeführern der Glaube an ihre Kraft zu siegen. Nach einer schon zu den Zeiten Napoleons L verworfenen Schlachtentheorie stell­ten die französischen Armeeführer weitab vom Schlachtfelde starke Kräfte bereit, um hiermit von Anfang an auf den Schlachterfolg mit Einsatz aller Reserven zu verzichten, aber sich unbedingt die Möglichkeit zum Rückzug offenzuhalten.

Inzwischen erfüllte der Sieg von Tannen­berg im Osten die größten Hoffnungen, die man für ein Ringen deutscher Armeen hegen konnte. Tannenberg ist in seiner taktischen Anlage dem Sedan des Krieges 1870 vergleichbar; nur daß es als Teilerfolg nicht die Tragweite jener Schlacht gewann, weil der Kampf gegen die Hauptkräfte des Feindes im Westen das Schicksal des Gesamt­krieges entscheiden mußte. So schält sich hier der Gedanke einer großen Schlachtentscheidung im Westen heraus, die dem Leuthen des Siebenjährigen Krieges verglichen werden konnte und all die vielen kleineren Schlachten nur als vorbereitende Kämpfe rür eine solche Entscheidung hinstellt. Werfen wir die Frage auf, ob eine solche Schlacht im Welt­kriege stattfand, so zeigt sich uns ohne weiteres am Horizont des Weltkriegsschauplatzes im Westen das Ringen des Jahres 1918. Doch wollen aoir kurz die Entwicklung von 1915/17 streifen, um uns noch einmal zu vergegenwärtigen, daß der Feind in diesen Jahren in Wirklichkeit nicht einen einzigen großen Offensiverfolg aufzuweisen hatte.

Zunächst sehen wir den Sieger von Tannenberg mit der Schlacht an den Masurischen Seen im Jahre 1914 die Verfolgung der Russen durchführen, die bereits die Flucht ergriffen, bevor eine Umgehung durch deutsche Truppen wirksam werden konnte. Kurz darauf zeigte sich in einem Ausweichen Hindenburgs und Ludendorffs aus der Gegend von Warschau nach Nordwesten einer ihrer

strategischen Meisterzüge, als sie dann mit der Armee Mackensen den 45 anrückenden russischen Armeekorps in die rechte Flanke fallen konnten. Eine Auswirkung deutscher Erfolge war es ferner­hin, wenn die Oesterreicher jetzt mit einem Siege bei Li rnanowa gleichfalls endlich die Russen zurückschlagen konnten.

Mit der Fortsetzung des Siegeszuges im Osten gewann ein bei Tannenberg Gestalt annehmender operativer Gedanke einen weiteren Ausbau, als im Februar 1915 der russische Nordflügel in der W t n- terschlacht in Masuren umfassend angegrif­fen, und die hier stehende russische 10. Armee ein­gekreist wurde. Dieses Ansetzen entsprach in Ver­bindung mit einer nun erfolgenden deutschen Offensive an allen K a r p a th e n p ä s s e n dem operativen Vorgehen gegen beide Flügel der russischen Hauptkräfte. Im Mai zeitigte diese Idee einen der größten Erfolge, als die Armee Macken­fen bei ©Dritte den an die unwegsamen Kar­pathen angelehnten Südflügel der russischen Haupt­kräfte zerschlug. Ein Vorgehen der Heeresteile Mackensen, Woyrsch und Gollwitz über die obere Weichsel und die Grenze Südostpreußens waren bereits Folgewirkungen, und hierzu kam der Vor­stoß Hindenburgs bei Wilna, der gegen die nörd­liche russische Heeresflanke gerichtet war und die Russen auf Riga zurückwarf. Tannenberg Gor- lice sind das Ergebnis der Kriegsjahre 1914/15, während im Westen trotz scharfen Ringens der Kampf stand. Das Wettrennen nach der Nordsee­küste konnte ebensowenig eine Entscheidung im Westen bringen wie der vergebliche Versuch der Franzosen im Februar 1915, in der Champagne durchzubrechen.

Wenn mir jetzt Unternehmungen betrachten, deren Grundlagen an des ersten Napoleon operative Ver­suche erinnern, die Engländer in Aegypten am Wege nach Indien zu treffen, fo müssen wir diese Operationen als eine Unterstützung des Entschei­dungskampfes im Westen werten. Das Vorgehen eines deutsch-arabischen Korps von Syrien nach dem Suezkanal fesselte starke englische Kräfte, und eine übereilte englische Gegenoffensive führte zur Niederlage eines englischen Korps bei Ktesiphon und Einschließung dieses Korps bei Kut e I Amara. Noch eine weitere englische Gegenoffen­sive, die sich gegen die Dardanellen rich­tete, mißglückte vollständig, und nun konnte zur Sicherung der nach Konstanttnopel laufenden Ver­bindungen der glänzende Feldzug deutsch-bulgarischer Armeen gegen Serbien erfolgen, um den Feind bis Saloniki zurückzuwerfen.

Um die feindlichen Massen im Westen zu zermür­ben, bevor eine Entscheidungsschlacht eingeleitet wurde, kam der neue Führer des deutschen Heeres, General von Falkenhayn im Jahre 1916 auf den Gedanken, den Gegner bis zur Erschlaffung gegen die deutschen Linien anrennen zu lassen. Der Feind griff nun nicht lediglich bei Verdun an, das von einem deutschen Vorstoß bedroht wurde, sondern sandte auch an der Somme Truppen auf Truppen gegen ein 40 km breites Frontstück. Außerdem mußten die Russen unter Brussilow in Galizien und schließlich auf der gesamten bis zur Ostseeküste bei Riga reichenden Front in das Feuer deutscher Armeekorps laufen, die allerdings zunächst wie ein Fels im branbenoen Meer stan­den, bevor neue Reserven die russische Kriegswalze anhielten. Ein glanzvoller deutscher Feldzug gegen Rumänien wurde in diesem Zeitpunkt ausge­löst, als Rumänien in falschem Vertrauen auf rus­sische Kraft den Krieg erklärte. Inzwischen wurde Hindenburg, der das Vertrauen des deutschen Volkes genoß, zum Chef des Großen Generalstabs ernannt, und das Zurückwerfen rumänischer Armeen in den Schlachten von Hermann st adt und Kronstadt durch deutsche, bulgarische und österreichische Stteitkräfte unter den Generalen Mackensen und Falkenhayn bildete den vorläufigen Abschluß eines Ringens, das bei Ver­dun ausgelöst war.

So war in diesem Jahre keine den Ausgang des Krieges entscheidende Schlacht geschlagen, und auch

zur See bildete die Skagerrak-Schlacht lediglich ein Messen deutscher und englischer Kräfte, wenn auch die Leistungen der deutschen Flotte die Welt überraschten. Aber mit dem Ausbleiben einer großen Waffenentscheidung schien sich der Krieg in die Länge zu ziehen, und so konnte sich der Schat­ten einer mißgünstigen Zukunft auf die Wider­standskraft des Volkes legen, das von einer Lebens­mittelnot bedroht wurde.

Die Engländer und Franzosen suchten im Jahre 1917 d i e Materialschlacht fortzusetzen, die ihnen politische Auswertungsmöglichkeiten bot. Jeder Kilometergewinn, wo der Verteidiger elastisch auswich, wurde als eine gewonnene Schlacht der Welt übermittelt, und biese riesenhafte Propaganda drückte auch bisweilen auf die deutsche Stimmung. Ein bei Arras im April gegen ein Frontstück von 25 km Breite vorgetragener englischer -Angriff kostete dem Angreifer 200 000 Mann Verluste; das war hoppelt fo viel, als die hier kämpfende deutsche Armee verlor. Ein gleichzeitig angesetzter französischer Angriff unter Führung des neuen französischen Generals Nivelle, der 1% Millionen Mann und 3500 Geschütze für seinen Vorstoß ver­einigt hatte, brach völlig zusammen. Ihm schwebte eine Art Taktik vor, wie sie Napoleon 1809 bei Wagram gegen die Oesterreicher angewandt hatte; aber Napoleon I. irrte hier, als er seinen Einbruch in das Zentrum des Gegners betonte, statt der mit den Truppen des Marschall Davoust erzielten Um­fassung den'Erfolg zuzuschreiben.

Nun suchten die Engländer trotz der Siege des deutschen Verteidigers im Juli und August den Kampf in Flandern, fortzusetzen, wo sie mit riesenhaften Sprengungen bei Wytschaete die Materialschlacht von neuem aufnahmen, ohne daß ihnen der Durchbruch gelang. Alle die zahlreichen Großangriffe, die bis zum November andauerten, mißglückten den Engländern ebenso wie ein im Herbst bei Cambrai erstrebter Durchbruch, wo deutsche Truppen in einer zweiten Cambrai-Schlacht einen schönen Waffenerfolg erzielten. Gleichzeitig mußten die Russen wieder bis zum D n j e ft e r vorstoßen, wo der Brüssilowsche An-

Ernst Haeckel als Mensch.

Zum 20. Todestage Ernst Haeckels veröffentlicht ein Neffe des Forschers Dr. Konrad Huschte persönliche Erinnerungen. InW estermanns Monats­heften" erzählt er unter anderem von feinem be­rühmten Onkel:Um ihn voll zu genießen, mußte man ihn im Familienkreise sehen. Ich habe schon in jungen Jahren seine sprühende, von Witz und Laune durchtränkte Lebendigkeit erlebt und sein helles Lachen gehört, das so oft zu einem köstlichen Lachduett mit dem ebenso ansteckenden Lachen der wunderhübschen, kreiselrunden Frau Professorin zu­sammenklang, dieser später soviel verkannten und. schief beurteilten klugen und feinsinnigen Frau, der Tochter eines einst berühmten Jenaer Anatomen und Physiologen, der schon ahnend erschaut hatte, was Darwin und Haeckel dann zum Reifen brach­ten. Namentlich im Garten der Haeckel-Villa beim Bocciaspielen ging es oft zwerchsellerschütternd fröh­lich zu, und unter den vielen sonstigen herzerfrischen­den Gartenszenen ist mir besonders die eine un­vergeßlich geblieben, wo der berühmte Verfasser der generellen Morphologie und der Schöpfungsgeschichte hinter dem kleinen braunen Köter einer frohgemuten Schwägerin, der ihn angeknurrt hatte, wie ein Schuljunge lachend durch den Garten und um die Villa herumstürmte und trotz seiner langen Beine und turnerischen Gewandtheit den kürzeren zog, denn der Köter war ihm an Fixigkeit noch über. Und köstlich war es dann, wenn der Hausherr bei Tische, von neuen schöpferischen Gedanken über­rascht, die Schüsseln und Teller an den unmöglich­sten Stellen (hinter sich auf dem Klaviersessel, neben sich auf dem Fußboden usw.) absetzte und so man­ches Mal auch die Serviette in der Tasche verschwin-

grifs bereits erledigt wurde. In deutscher Gegen­offensive, in der Reserven aus dem Westen einge­setzt wurden, konnten Galizien und die Bukowina den Russen entrissen werden. Kennzeichen eines allgemeinen Sieges im Osten waren die Ein­nahme von Riga durch deutsche Truppen und die Ueberseeexpeditton nach den baltischen In­seln, wo überlegene russische Streitkräfte von einer deutschen Division mit Unterstützung der Flotte eingekreist wurden. Die bedeutendste Offen­sive des Jahres 1917, die eine Grundlage für den endgültigen Sieg im Westen schaffen konnte, wenn es gelang, eine Offensive in der Cham­pagne durch einen Vorstoß von Jtali en h er zu unterstützen und den Südflügel der französischen

Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!

Hauptkräfte zwischen Paris und Lyon anzupacken, bildete die Offensive von Tolmein. 180 000 Ge­fangene und 1500 Geschütze fielen in die Hand deutsch-österreichischer Armeen.

So war das Jahr 1918 herangekommen, wo mit den Schlachten von Amiens, Soissons, N o y o n und schließlich Reims der Höhepunkt eines großartigen deutschen Sieges erzielt wurde, ohne in letzter Linie einen restlosen Erfolg zu er­zielen. Aber nur ein voller Sieg hätte uns den Gewinn des Weltkrieges bringen können, da jetzt IV2 Millionen Amerikaner eingetroffen waren. So haben wir schließlich doch die große Entschei­dungsschlacht geschlagen, aber die Früchte eines Sieges nicht ernten können, weil wir den Gegner nicht restlos zu vernichten vormochten. Tannen- berg, ©orlice und Amiens bestimmten den Ausgang des Weltkrieges, der mit dem Ab­marsch der deutschen Armeen in die Antwerpen- Maas-Stellung endete.

den ließ, dann aber, wieder zum Alltag zurück­gekehrt, mit seinen geist- und humorvollen Einfällen die ganze Gesellschaft belebte. Wir Kinder bekamen als Trank einekostbare" Mischung von Wein, Wasser, Früchten und Kompott, die er meist selbst braute und hoch im Bogen von oben herab mit un­fehlbarer Sicherheit in die Gläser beförderte. Auf den Wanderungen trug er mit Vorliebe feinen be­rühmten, ungewöhnlich großen und breitrandigen Schlapphut, denSchöpfungshut", denn aus Liebe zurSchöpfungsgeschichte" schickte ein Hutmacher von weit draußen im Reich jedes Jahr solch ein Prachtstück, das dem gewaltigen Umfang des Haeckel-Kopfes gewachsen war.

Der Film vom Wettlauf zwischen Hase und Igel.

In der ZeitschriftFilm und Bild" berichtet Dr. Paul Diehl:Der neue Puppenfilm der Reichsstelle für den Unterrichtsfilm ,Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel' darf nach dem Urteil aller Fachkreise als der erste wohlgelungene Versuch an» sehen werden, die Tierfabel im Filrn zu ge­stalten. Es waren zunächst starke Zweifel laut ge­worden, ob es überhaupt möglich sein würde, Ge­schöpfe, die wie Tiere wirken und doch keine Tiere sein sollen, die wie Menschen handeln und sich bewegen, ohne Menschen zu sein, so zu gestalten, daß sie absolut überzeugend wirken, daß sie als orga­nische Wesen vom Beschauer empfunden werden. Die Entwürfe zu den Puppen vermochten aber diese Bedenken alsbald zu zerstreuen. Darüber hinaus erschien es nicht minder zweifelhaft, ob sich eine wirklich befriedigende Lösung für das technisch schwierigste Problem in diesem Film, das Laufen

Der Hinweis - ein Blick in die Zeitschriften.

Nachts unter Baumen.

Von Karl Heinrich Waggerl.

Es ist wunderbar, nachts unter einem Baurn zu kauern, ganz in sich selbst verkrochen, wie es die Tiere machen, die Rehe im Wald. Auch die Kinder kennen dieses Gefühl heimlicher Geborgenheit mir waren doch einmal Kinder? Der Mond jagt durch das lichte Gewölk, in seinem Schein bewegt sich alles, Busch und Baum, und auf der Esche klappern die Früchte im Wind.

Man hört den eigenen Atem gehen und das Blut im Leibe klopfen, aber das ist nicht so gewiß, es kann auch in der Erde selbst sein, dieses klopfende Blut. Die Welt liegt weithin ausgebreitet mit ge­losten Gliedern unter dem Himmel wie eine mütter- i Uiche Frau, du ruhst in ihrem Schoße.

Wenn du singen könntest, sängest du jetzt. Es nnußte ein recht vergnügtes kleines Lied sein, von MÜnem Pferdchen vielleicht, auf dem du abends in Der Dämmerung zur Tränke reitest. Und da säßen Die Mädchen am Wasser, ja, viele Mädchen, schöne darunter. Aber eines von ihnen wäre nur deinet­wegen gekommen. Dieses Mädchen spräche nicht mit öir und grüßte dich auch nicht, und erst, wenn du weit in den See hinausschwämmest, immer weiter n das gefährliche Wasser hinein, da vergäße sie -ndlich ihren Stolz und riefe nach dir mit angst­voller Stimme.

Und nun könntest du ja immer weiter schwirn- iien, daran läge dir gar nichts, an diesem Ruf! Du ionnteft am anderen Ufer noch einmal winken und : onbannen reiten für immer.

Aber das klänge vielleicht gar zu traurig in l einem Lied. Nein, vielleicht kehrtest du doch wieder irrn auf deinem weißen Pferdchen, abends in der Sömmerung, und dein Mädchen liefe vor Dir her nit fliegenden Röcken, und du holtest sie dennoch «n auf ihrer angstvollen Flucht, und das geschähe seit draußen im Felde, wo die Büsche dunkel am Wasser stehen.

Du kannst nicht singen, früher einmal konntest u es, in jungen Tagen. Ach, damals war die Welt weit am anderen Ufer! Wie klein ist sie jetzt, dieses Fleckchen Erde, wie einsam und verloren! Man sieht den spitzen Kirchturm aus dem milchigen Sunfel ragen, das schiefe Dach der Säge und ein paar Häuser, die sich im Schlaf umklammern. Es laßt sich nicht gut sagen, wie merkwürdig es ist, daß sv vieles gleichzeittg geschieht.

Daß in diesem Augenblick hunderttausend Schreie jim Himmel aufsteigen, Schreie der Lust, der Klage,

Schreie des letzten und des ersten Atemzuges. In dieser Minute kniet ein Hirt in der Wüste auf seinem Teppich und verneigt sich neunmal vor seinem Gott. Anderswo steht jemand vor einer Tür und denkt an Mord, es ist ein Mensch mit einem blon­den Bart und mit einer grünen Halsbinde, genau so. Städte liegen jetzt strahlend in der Sonne, aber im Norden, mitten im Eis, kämpfen ein Mensch und ein Rudel Hunde um das Leben, dort ist Kälte und erbarmungslose Nacht. Und das alles geschieht wirklich und wahrhaftig jetzt, bedenkt das einen Augenblick; und dabei ist doch jeder Mensch allein, seine Not und seine Freude ist das Einzige, das Wichtigste in der Welt.

Ja, diese Welt ist unermeßlich groß, wir aber halten unsere Grenzen für die ihren. Wir sind so wahr in uns selbst wie ein Baum, wie em Korn­halm allein, nun wollen wir die Wahrheit wissen, darin liegt das Uebel. Denn wir sollen die Wahr­heit nicht suchen, wir sollen sie sein. Der Mensch ist ein zertrümmerter Spiegel, aus den Scherben not­dürftig wieder zusammengeflickt, und darum ver­wirrt sich alles in ihm. Ja, denkst du, so ist der Mensch.

Unvergeßliche Adele.

Erinnerungen an eine Schauspielerin.

In diesen Augusttagen hätte die vor einiger Zeit verstorbene berühmte und durch den Film volkstüm­lich gewordene Schauspielerin Adele Sandrock ihren 75. Geburtstag feiern können Wir erinnern uns ihrer mit einigen jener vielen kleinen Gefchich- ten, die schon bei ihren Lebzeiten über sie im Schwange waren.

In ihrer Glanzzeit als Tragödin schied Adele Sand rock vom Wiener Burgtheater unter der Direktton Schlenther mit einem der sur sie typischen Krachs. Ein Berichterstatter, der sie kurz danach aufsuchte, wurde von ihrer Mutter mit dem Bescheid abgewiesen, ihre Tochter sei vor Aufregung fo krank, daß sie niemanden empfangen konnte Bei einem zweiten Besuch hieß es sogar, SIbele liege bereits in Agonie. Da griff der Reporter zu einer List Er wußte, daß Adelens Schlafzimmer nebenan lag und rief unter Aufbietung feiner gan- zen Lungenkraft:Die arme Adele! Wenn sie wüßte, was mir Schlenther eben alte über fte ge­sagt hat!"Was hat er gesagt? Mit diesen Worten, die wie die Stimme einer verwundeten Löwin klangen, erschien die fast Totgesagte im Tür­rahmen. Der Berichterstatter konnte Mitteilen, daß

Adele noch lebe und noch über den großen drama­tischen Ton verfüge.

Im Filmatelier war in einer Spielpause vom Aberglauben die Rede.Aberglauben ist Blödsinn !" ertönte plötzlich Adeles tiefe Stimme. Ich verachte den Aberglauben. Gestern bin ich morgens früh einem alten Weib begegnet. Da hab ich einfach dreimal ausgespuckt und bin weitergegangen."

Eine junge Kollegin klagte darüber, daß sie täg­lich körbeweise Liebesbriefe bekäme und noch nicht jeden zehnten beantworten könnte.Sie sollten jeden beantworten", ließ sich Adele vernehmen.Aber bann käme ich überhaupt nicht mehr zum Filmen!" Adele streifte die junge Dame mit einem vernichten­den Blick und sagte gelassen:Eben deshalb, junge Freundin!" B.

Zeitschriften.

In der August-Folge vonWestermanns Monatsheften" schildert u. a. ein Beitrag überSchienen und Bahnen" den totalen Reise­weg, d. h. alle Beförderungsmittel, die die Reichs­bahn dem Reiselustigen zur Verfügung stellt. In vielen bunten Aufnahmen, die dazu gezeigt werden, sprechen die Farben der Landschaft uns an. Ein anderer Beitrag, der von demUnbekannten Ost­preußen" erzählt, wirb den Leser ebenso fesseln, zumal hier die vielen Tiefdruckbilder eine beredte Sprache sprechen. Im Volkskundlichen wurzelt die ArbeitSippenzeichen und Sippenglaube", die uns die Bedeutung der Sippe bei unseren Vor­fahren widerspiegelt. Beispiele von der Ausgestal­tung alter Hausmarken zum Wappen geben zeit­gemäßen heraldischen Bemühungen neue Anhalts­punkte und Anwendungen. Ein BeitragDie Entwicklung des Bildungsgedankens" von Heinrich Guthmann verzeichnet die großen Stufen deutschen Bildungsstrebens, vom Volkstum her gesehen. Ein Sprung in die Technik tun wir mit dem Bei­ttagWerkzeugmaschinen" von Dr. Gartenhof, zu dem Carl Großberg ausgezeichnete farbige Bild-, darstellungen gibt. Zum künstlerischen Schaffen unserer Zeit bringt das Heft eine Würdigung Anton Gräuels mit einigen feiner Plastiken in guter Wiedergabe. Zum 20. Todestage Ernst Haeckels zeichnet Dr. Konrad Hufchke das menschliche Bild dieses bedeutenden Mannes. Als neuem Roman begegnet man dem jüngsten Werk des Deutsch- Schweizers Karl Friedrich Kurz, der am Söndfjord in Norwegen lebt. Von dem übrigen erzählenden Teil ist der Schluß von Carl Emil Uphoffs volks­echter Erzählung,Lie Reife nach Amerika" zu nennen.

Das sind so Sächelchen!

Anekdoten von Peter Peppermint.

Als Goethe das erste Konverfationslexikon vor rund hundert Jahren vorgelegt bekam, war gerade der Komponist Zelter bei ihm. Goethe ließ das Ganze zunächst auf sich wirken, während Zelter, be­gierig zu wissen, was das Buch über seinen eigenen Ruhm verkünde, sofort nach dem letzten Band griff. Er blätterte und blätterte.

Zahl Zar Zebra aha, Zel ..." und Goethe las dem leicht erblassenden Zeitgenossen vor:

Zelter: mittelalterliches Roß." *

Der alte Ziehe, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Garnisonpfarrer in Berlin war, sprach einmal in einer Predigt von dem Engel im weißen Kleid. Er wandte sich an feine Kürassiere:Wenn ihr auch ein weißes Gewand habt, dürft ihr nun nicht etwa denken, daß ihr alle Engel seid!"

Als die berühmte Sängerin Lilli Lehmann m Berlin die Isolde sang es wird in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gewesen sein wurde ihr als Tristan einmal ein recht junger Part­ner zugeteilt, der, von einer Provinzbühne kom­mend, fiir den erkrankten Sänger des Tristan rasch eingesprungen war. Er war begeistert, mit der ge­feierten Sängerin spielen zu dürfen.

Vorher wurde rasch eine Stellprobe angesetzt. Und wo werden sich die gnädige Frau heute abend bei dieser Szene hinstellen?" fragte der Eingesprun­gene die Routinierte. /

Das kann ich Ihnen jetzt nicht genau sagen jedenfalls finge ich an einer Stelle, wo es nicht Zieht!"

Der Dichter Conrad Ferdinand Meyer ging auch mal zu einem Arzt, als es ihm nicht gut mar.

Der Arzt untersuchte ihn gründlich und fragte:

Klagen Sie auch sehr über Durst?"

Aber nein, im Gegenteil, verehrter Doktor, ich freue mich» stets darüber!"

In der Gaststätte im Keller des Stadttheaters zu Fr. bedient seit Jahren ein Unikum von Oberkellner. Wenn man ihn fragt:Na, was gibts heute?", sagt er beispielsweise:Oben Kabale und Liebe, unten Sauerbraten mit Thüringer Kloß!"