Ausgabe 
18.11.1939
 
Einzelbild herunterladen

Nr 2ZI Zweites Blatt

Gießener Anzeiger lGeneral-Anzeiger für Oberheffen)

ltr./l9. November fyZY

Fallende Blätter...

Von Alice Stiegel.

Auch wenn es windsW ist, fallen die letzten Blät­ter langsam mit einem feinen rieselnden Ton von den Bäumen. Denn ihre Zeit ist erfüllt. Zn dem fahlen Gelb und Braun, in dem verblaßten Rot lebt noch etwas vom Grün des Sommers. Es ist wie eine sterbende Erinnerung an die Tage des uner­müdlichen Blühens und der reichen Ernte.

Wenn der Wind weht, dann wirbeln die letzten Blatter schneller durcheinander. Sie fliegen hoch und weit und sind plötzlich überall. Auf dem Stück­chen Rasen vor dem Haus auf dem Dach des Autobusses auf dem Schreibtisch, der am offenen Fenster steht. Man nimmt das gelbe, welke Blatt wehmütig in die Hand und spürt den Geruch von feuchter Erde. Und hat auf einmal Angst, weil wieder ein Sommer zu Ende ging.

Die welken Blätter fallen ...

Die Kinder laufen ihnen lachend nach und ver­suchen sie zu fangen. Sie denken an bunte Vögel, die vom Himmel herab fliegen. Der Herbsthimmel ist noch sonnig und blau. Die tanzenden Blätter leuchten plötzlich und sind ein lustiges Spielzeug. Die Kinder können an nichts Trauriges dab§L den­ken. Es gibt noch nichts für sie, das vergeht. Sie heben die Hände verlangend zu den kahl werdenden Bäumen empor, der wirbelnden Schar der tanzen­den Blätter entgegen. Die Kinder rutschen über die Steine aus den Knien und fegen die raschelnden Blätter zusammen. Der Berg wird immer größer. Er reicht schon bis auf den Asphalt der Straße, aber niemand ist böse, als er allmählich ein Ver­kehrshindernis geworden ist. Selbst der große Om­nibus macht friedfertig eine kleine Wendung, um den bunten Laubhügel, den die Kinder aufbauten, nicht zu zerstören. Der Schaffner lächelt und denkt an seine eigene Kinderzeit.

Ein paar Jungen springen in den raschelnden Berg, daß die Blätter blinkend auseinanderstieben. Sie werfen sich das bunte Laub wie Schneeballe ins Gesicht und kreischen und jauchzen. Ihr Lachen vertreibt die wehmütigen Gedanken die Kinder sind Sieger über das Vergehende.

Es ist ein schönes, trösttiches Bild: Die Freud» jungen Lebens im letzten fallenden Laub ...

Besuch in Dorpai.

Von Or. Paul Rohrbach.

Dorpat, Anfang November 1939.

Ich kam von Reval mit einem reichsdeutschen Volksgenossen und sollte ihm unterwegs baltische Geschichten erzählen. Das hat seine Schwierigkeiten, denn dazu gehören immer auch der mundartliche Tonfall und das ironisierende Timbre. Gerade daran haben die Balten unter sich ihr Vergnügen; bei Nichtballen geht dies Moment der Wirkung eicht verloren. Immerhin, ich sollte erzählen.Ken­nen Sie die Geschichte von den Oeselschen Baronen? Rein? Also hier ist sie."

Zwei Oeselaner, Baron P. und Baron E., tref- "en sich.Du, E.", sagt P.,weißt du, was ich mir ausgedacht habe? Ich will nach Amerika fah­ren!" Antwort:Aber was ist denn das für eine Idee! Mit eignen Pferden kommst du nicht hin, amerikanisch kannst du auch nicht sprechen, und der amerikanische Kaiser soll die Oeselschen Barone gar nicht lieben!"

Die Geschichte wurde wohlwollend akzepttert. Nun bitte noch eine! Gut, also die von Mieze Meyer und dem Bürgermeister von Werro (das Städtchen Werro in Livland gilt als das baltische Schilda). Zum Bürgermeister kommt sein Polizist und be­lichtet aufgeregt:In unserm Stadtsee schwimmt *in Seehund."Was?", sagt der Bürgermeister, Hen muß ich schießen!" (nimmt sein Gewehr von j Iler Wand und geht). Mieze Meyer war schwimmen gegangen. Sie hatte einen runden Kopf, glatte yaare und große braune Augen. Der Bürgermeister -'ommt an den See, sieht den Kopf und legt an. Darauf der Schreckensruf: ,^)err Bürgermeister, «hießen Sie doch nicht, ich bin ja Mieze Meyer!" ^opfschütteln des Stadthauptes:Das kann jeder Seehund sagen!"

Mein Nachbar schmunzelte, er hatte die Redens- irt, das könne jeder Seehund sagen, unter Balten inch schon gehört und bekam nun die Erklärung d»azu. Diesen Schwänken fehll aber die letzte Oelung, Denn man sie niederschreibt, sie müssen baltisch r z ä h l t werden. Sei es drum, sie stehen nun mal tai, und sie passen in das Milieu meiner alten Uni­versitätsstadt, der ich das letzte Lebewohl sagen will.

Dorpat heißt jetzt offiziell mit seinem estnischen Namen Tartu. Während der Russifizierung der bal- «schen Provinzen in den neunziger Jahren wurde ! 5 umbenannt in Jurjew, weil einmal im 11. Jahr­hundert der russische Großfürst Jaroslaw die von >lhm eroberte Estenburg Sorbete nach seinem christ- ichen Namen Jurij, d. h. Georg, getauft hatte. Die Bussen wurden aber später von den deutschen Rit- ern vertrieben. Als ich studierte, war die Universi- iät noch deutsch. Ursprünglich von Gustav Adolf gegründet, mit lateinischer Lehrsprache, unter Peter : ent Großen ausgelöst, wurde sie 1801 von Alexan- t er I. a l s deutsche Hochschule von neuem -rrichtet. Alexander wollte in seinem Reich eine ichte Pflanzstätte deutscher Wissenschaft haben. Im­mer sind akademische Lehrer aus Deutschland dem Ruf nach Dorpat gern gefolgt. Anfangs war man Zumeist auf sie angewiesen, später war das Balten- d iimt selber imstande, die meisten Katheder zu be° | jstzen. Manche Herren aus dem Reich fühlten sich, Iftevor sie sich etwas ,chaltisiert" hatten, durch die I kräftige Eigenart ihrer baltischen Kollegen merk­würdig berührt. Ich erinnere mich, wie zu meiner I Studentenzeit ein neuer reichsdeutscher Professor ruf einer Abendgesellschaft in der immer lebhafter i ewordenen Debatte schließlich verzweifelt ausrief:

Aber meine Herren Kollegen, Sie find ja alle noch I ie alten Schwertritter!"

Zur Ordenszeit war Dorpat ein reichsunmittel- (ar es Bistum, das wohlhabendste in Livland. Da­ran zeugt noch die Ruine der doppeltürmigen Kathedrale, ein Bau, der an Größe nur wenigen in Deutschland nachstand. In ihrem ausgebauten Thor ist die Universitätsbibliothek. untergebracht, der Dom steht auf einer Anhöhe in einem alten Aart mit wunderschönen Alleen. Vor seinem Por- lal geht es steil hinab, und auf dem freien Platz .rrten feierten die deutschen Studenten alljährlich mit brennenden Holzstößen und feucht-fröhlichen Zurschenliedern die Mainacht. Als ich jetzt die Stätte wiedersah, waren Tennisplätze darauf ein-

gerichtet. Sic transit ... Die Studentenschaft ist jetzt zumeist estnisch, und mit der Repattiierung werden auch die letzten deutschen Burschen Dorpat verlassen. Es hat bis jetzt noch einige deutsche Verbindungen gegeben, aber sie waren nur noch ein letzter Ab­glanz der Zeit, da Dorpat das baltische Jena war. Wir verstanden zu arbeiten, aber es ging manch­mal auch bunt genug her. Auf einem Kommers, als die Fidelitas schon vorgerückt war, fuhr mir einmal das geschliffene Rapier eines begeistert tak- tterenden Kommilitonen durch Fuß und Sttefelsohle in den Boden, sodaß ich buchstäblich angenagelt war. Ein älteres medizinisches Semester machte schnell einen Verband, aber der Stiefel blieb ver­schwunden; ich sah ihn nie wieder.

Nach meinem Examen ging ich nach Deutschland, um zu promovieren. Ich dachte wicht als Historiker in Dorpat zu habilitieren, aber als ich zurückkam, erklärte mir der Universitätskurator Kapustin (mit- lerweile hatte die Russifizierung eingesetzt):In Kasan oder Tomsk könnten Sie uns willkommen sein, in Jurjew wollen wir keinen Deut­schen mehr haben!" So lenkte ich meine

Schritte ins Reich zurück.

Einmal aber habe ich doch auf dem klassischen Katheder in der Aula gestanden, vor der ich als Student so ost gesessen hatte. Das war im Herbst 1918 während der deutschen Okkupation. Damals wurden wieder deutsche Vorlesungen an der Uni­versität eingerichtet, und auch ich war zu einem Vortrag aufgefordert worden. Acht Tage vorher hatte in Brüssel einer unserer Heerführer zu mir gesagt:Elsaß-Lothringen wird es wohl kosten, aber dafür werden wir uns im Osten erholen!" Man rechnete schon mit einem Verzicht im Westen, aber mit keinem Zusammenbruch. Heute arbeiten wir in einem größerenDften".

Nun bin ich noch einmal über den Domberg, um die Universität mit ihrem mächtigen, klassizistischen Säulenportal und über den stattlichen Marktplatz bis an die steinerne Embach-Brücke gegangen, die Katharina II. den Bürgern von Dorpat schenkte. Ihre Inschrift steht noch auf dem vorderen Brücken­tor. Ich sah wohl heut zum letzten Mal das dunkle .Wasser unter der Brücke hindurch seinen Weg zum jPeipus-See nehmen.

Fregatte ahoi!

Altertümliche Namen in der modernen Marine.

Von £)r. 3- Rudolf.

Aka. EinenMajor",Oberstleutnant" oder Oberst" gibt es bekanntlich unter den deutschen Seeoffizieren nicht; das sind Dienstränge von Stabsoffizieren des Heeres. 23ei der Marine ent­sprechen ihnen der .Korvettenkapitän", der Fregattenkapitän" und der .Kapitän zur See". Run ist ein Kapitän nach der vollen Bedeutung seines Namens der Kommandant eines Schiffes. Also müßte der Korvettenkapitän eine Korvette, der Fregattenkapitän eine Fregatte füh­ren. Aber vergeblich würden wir unter den Schiffen der deutschen Kriegsmarine eine Korvette oder Fre­gatte suchen. Diese Schiffstypen sind mit Ende der Segelschiffepoche ausgestorben.

Dabei besaß die K o r ü e 11 e mit die älteste Tra­dition unter den Schiffen überhaupt. Denn der Namecorbita" odercorbata" kommt aus dem Lateinischen. Anfangs war sie allerdings noch ein breit gebautes Lastschiff, das sich durch seine Stärke für die Mitbenutzung zu militärischen Zwecken im Kriegsfall alsHilfskreuzer" empfahl. Später verstand man unterKorvette" ein kleineres Kriegs­schiff von etwa 600 Tonnen Wasserverdrängung, das mit 18 bis 26 Kanonen bestückt war. Diese Ge­schütze wurden einfach auf Deck des Schiffes hinter der ziemlich hohen aus starken Balken gezimmer­ten Reling aufgebaut. Schlua ein feindliches Geschoß in das Segelrverk des Schiffes, so flogen die Split­ter von Rahen und Spieren den Gefchützmannschaf- ten um die Köpfe. Sehr groß war der Kampfwert der Korvetten in einer Seeschlacht nicht. Sie hatten mehr Aufklärungsdienst zu leisten und den Gegner zu beunruhigen. Diese verhältnismäßig kleinen Schiffe hatten eine große Besegelung, drei Masten mit den breiten viereckigen, quer zur Richtung des Schiffes gestelltenRahfegeln".

Ebenso voll getakelt, aber weit größer und schnit­tiger gebaut war dieFregatte". Diese schlan­ken, scharf die Flut durchschneidenden Schnellsegler sind uns heute der Inbegriff des Segelschiffes und feiner Romantik auf den Weltmeeren. Woher ihr Name stammt, weiß man nicht genau. Es gibt aber einenFregattvogel" an den tropischen Meeren, der mit seinen langen spitzen Flügeln einer der ausdauerndsten und schnellsten Flieger unter den Vögeln ist. Vielleicht hat derftegata Aquila" dem Schiffstyp den Namen gegeben? Aber Öiefe Fregatten waren durchaus nicht die Hauptkampf­schiffe der Segelepoche! Auch sie hatten ursprüng­lich nur eine Reihe von 30 bis 60 Geschützen, die auf einem besonderenDeck" ihre Rohre aus den Schießluken der Schiffswand steckten. Später bekamen die Fregatten dann meist noch einen be­sonderen Geschützstand darüber, eine gedeckte Bat­terie, trugen auch noch Kanonen auf dem Oberdeck. Zu einer Zeit, in der die Seekriegskunst darin be­stand, an dem feindlichen Schiff vorüber zu segeln

und dabei ihm eine volleB reitseit e" in den Schiffsrumpf zu feuern, war die Fregatte als Schlachtschiff nicht stark genug. Die Wendigkeit und Schnelligkeit dieses Schiffstyps wurde vor allem im Kreuzerkrieg gegen die Handelsschiffe des Geg­ners benutzt. Die Fregatten errangen dieSee- Herrschaft" für ihr Land, weil sie überall auftauch­ten, eroberten, wieder verschwanden. In der See­schlacht aber hielten sie sich in der Hinteren Linie, wenn sie die nötige Aufklärungsarbeit besorgt hat­ten. Sie nahmen dann die Flaggensignale der Schlachtschiffe auf und gaben sie weiter.

Im Jahre 1338 erhielt das englische Kriegsschiff Ehristophe" als erstes Schlachtschiff der Welt drei eiserne Kanonen an Bord. Damit war im Seekrieg eine neue Zeit angebrochen. Seit den Seeschlachten der Römer, die mit Galeeren ausge­fochten wurden, bestand die Taktik darin, am feint)1 liehen Schiff längsseits zu fahren und es zuen­tern": Mit Haken und besonders geformten Bei­len kletterten die Mattosen außen an der hölzer­nen Schiffswand empor und eroberten das Deck im Kampf Mann gegen Mann. Mit den Ge­schützkugeln ließen sich nun die Masten und das Steuer zerschlagen, die Schiffswände zertrümmern, die Segel in Brand schießen. Deshalb gab man den Linienschiffen oft bis zu 13 0 Kanonen, die in drei Decke übereinander angebracht waren. Dalohnte sich" wenigstens eine Breitseite, wenn sie das feindliche Schiff richtig traf! Linie ns chisfe" wurden sie genannt, seitdem der holländische Admiral de Ruyter die für den Geschützkampf auf See geeignete Taktik ersonnen hatte. De. Ruyter war einer der berühmtesten See­helden, der 1667 sogar die Themse hinauf fegelte und vor London mit seinen Schiffen den Frieden von Breda erzwang. Er sagte sich: Es ist besser, eine ganze Reihe vonBreitseiten" nacheinander auf den Feind schleudern zu können, als daß jedes einzelne Schiff für sich kämpft. So ordnete er die schwer bestückten, freilich langsam segelnden Groß­kampfschiffe zu einer langen Linie hintereinander ynd ließ sie an der feindlichen Flotte vorüber fah­ren, um ihre Geschosseabzuladen".

Einen .KinienschiffSkapitän" hat es als. Dienst- rang wenigstens in der österreichischen Marine zeit­weilig gegeben. Mer die Schiffsgattung, deren Namen das Kriegsschiff bedeutete, hat nir­gends einem Seeoffizier den Titel gegeben. Oder kannte man bei irgendeinem Seefahrervolk . die DienstbezeichnungBriggkapitän"? Die Brigg mit ihren beiden Rahsegel-getaketten Masten hält man heute gewöhnlich für eines der Handelsschiffe alter Zeit. Den Namen führen viele auf die alt­spanische Stadt Driganttum zurück, ohne aber zu erklären, was das kleine wendige Fahrzeug mit jenem Ort zu tun haben sollte. Andere bringen die

Die englische zehlrechmmg.

Von Konteradmiral z. V. Gadow

Man hat gesagt und empfunden, daß das deutsche Volk in diesen zweiten deutsch-englischen Krieg nut ariderer Haltung und Gemütsäußerung eintrat als in den von 1914. Aber das ist erklärlich: Zum zweiten Mol in gleicher Sache gehen die Wogen der Begeisterung nicht gleich hoch, damals wirkte auch als besonders aufpeitschend der von den mei­sten nicht erwartete Kriegseintritt Englands, und die diesmal hinter uns liegende schwere Zeit des Kriegsverlustes und der Nachkriegsjahre hat un= vermeidlich ihren Stempel auf unserem Gemüt und Wesen hinterlassen. Als weiteres Moment der Ge­faßtheit hat aber ohne Frage die ruhige Sicher­heit mitgesprochen, mit der die Leistungen des äuße­ren und inneren Aufbaues, die mächtigen außen- polittfchen Erfolge des Führers feit 1933 und die eindrucksvolle Organisation unserer Verteidigung jeden erfüllen konnten. Welche Aussichten hat Dem­gegenüber der von England entfesselte Krieg? Wir sehen seine Fehlrechnung in einer Reihe von Punk­ten unter möglichster Vermeidung von Illusionen.

Die erste Enttäuschung mußte naturgemäß d i e schnelle Vernichtung Polens sein, auf dessen Widerstand England und Frankreich für min­destens 2V2 Monate gerechnet hatten, während deren ste am Westwall und von Süden und Südosten an- § reifen wollten. Dabei spielten noch unbestimmte .Öffnungen auf Rußland mit, die freilich schon am 23. August ihre Erledigung fanden. Von hier ab ist England sehenden Auges auf dem betretenen Wege fortgeschritten, ohne, wie Lloyd George der Regie­rung entgegenrief, den Wahnsinn des Unterfangens zu erkennen.

2. Die Garantie an Polen und Rumä­nien Griechenland konnte nur unter der Voraussetzung Sinn haben, daß Rußland mit- wirken würde. Statt dessen stellt Rußland seinen Besitzstand von 1914 in Polen und an der Ostsee wie­der her, und auch die Garantie für Rumänien hängt in der Luft. Der Norden, Osten und Südosten Euro­pas sind nicht nur aus der Einkreisung herausge­löst, sondern vielmehr dem mitteleuropäischen Block zuzurechnen. Die Garantien sind bloßgestellt, eng­lisches Ansehen geschädigt.

3. Der Feldzugplan hatte vorgesehen, Italien zu Wasser und zu Lande zu überfallen und

Brigg und ihre Abart, dieBrigantine" mit den italienischen Briganten in Zusammenhang und nen­nen die Brigantine kurzweg einSeeräuberschiff", wie die Briganten Sttaßenräuber waren. Sehr wahrscheinlich hängt diese Schiffsbezeichnung aber mit dem italienischen Wortbriga", das heißtUn­ruhe" oderStreit" und dem italienischenbrigare" streiten zusammen und bedeutet einfachKampf- schiff".

Aber alle diese Schiffstypen sind entschwunden, seitdem die Dampfmaschine den Sechandel und den Seekrieg unabhängig von Segel und Wind gemacht hat. Am 20. Oktober 1827 vernichteten die englischen, russischen und französischen Linienschifte und Fregatten die türkische Flotte, die nichts Böses ahnend neben ihnen im Hafen von N a v a r i n a an der grichischen Küste lag. Damit wurde der grie­chische Freiheitskampf gegen die Türkei entschieden^ Aber es war auch die letzte Seeschlacht, die über­haupt von Segelschiffen ausgetragen wurde! Doch der Seemann hält fest am Ueberkommenen: Das Segelschiff ist die Schule geblieben auch für den künftigen Kommodore eines Überseedampfers und und die großen ober kleinen Panzerkreuzer führt ein Fregattenkapitän, bzw. Korvettenkapitän in die Schlacht.

er

KU. ÄN CHEN

t,-*axAAepyl*x6<

Von der Ehrfurcht.

Don Josef Maqnus Wehner.

Ehrfurcht ist nicht die Furcht eines feigen Her­ons, sondern jener Schauder, den Goethe der Menschheit bestes Teil nennt. Sie ist also nach dem ciesetzgebenden Worte des Meisters, der wie kein coberer in den glühenden Zusammenhang der Welt chaute, eine Regung des Menschengemüts von iiächftem 2ldel, von feinster Leuchtkraft, ja der '-»tzte Hauch menschlicher Vollendung im All selbst. Sie ist eine Furcht, die ehrt.

Der Mensch, der durch die Geburt in die geheim­nisreiche Welt der Dinge und Mächte gestoßen, ist ilvm ersten Atemzuge an dieser strömenden Welt verbunden. Schmerz und Freude bilden sein Wachs- Lim, er schreitet, kühn oder schüchtern, in die ge= bunte Welt hinein, und hat er einen fremden Aaum durchmessen und ist in ihm heimisch geworden, 'v baut sich dahinter ein neuer Raum auf; er geht wie das Kind im Märchenschlosse von Tür zu Tür, Mg oder gelassen, er öffnet auch die verbotene Tür, hinter der sein Schicksal brennt und wird schuldig. Und plötzlich erkennt er die Unendlichkeit tses Alls, dessen Sterne ihn umschwirren, in einer Ferne von zweihundert Millionen Lichtjahren zur Rechten und zur Linken, über feinem Haupte und (ii feinen Füßen. Schaudernd erlebt er den unge- heuren Abstaitt), den grenzenlosen Raum und die meisterhafte Spannung zwischen dem unendlich Braßen und dem unendlich Kleinen. Er steht am Tore unzugänglicher Bezirke, das Reich der Müt- i»r tut sich vor ihm auf, der Zauber des Unbe­rührbaren, Göttlichen, den nur der Frevel brechen Innn, berührt sein Herz mit süßer Gewalt, und er trugt sich voll Ehrfurcht vor dem Uebermenschlichen, ins mit Feuer und Dunkelheit seine eigene Sehens- jiamme umgibt.

Im Angesicht des Uebermächttgen wird die Ehr­furcht geboren und senkt sich nun für immer in die fülle Furche des Gewissens ein und hilft die mensch- l»che Sendung vollenden. Ehrfurcht.wird zur Furcht nor den Gesetzen, auf denen der Bau der Welt ruht. Und wie die Ehrfurcht im kosmischen Raume gleichsam die Sterne in ihren Bahnen hält, daß sie richt übereinander stürzen, sondern in der Musik 2er Sphären aneinander vorüberziehen, wie grü­ßende Schiffe mit ihren Lichtern in der Schwärze

des nächtlichen Meeres, so schafft auch die Ehr­furcht im menschlichen Bereiche jenen Abstand des Einzelnen von den höchsten Erscheinungen des Menschengeistes, von den letzten Dingen des Mensch­seins, die gerade dadurch den ewigen Bestand der Gemeinschaft verbürgt.

Der Jüngling, der das verhüllte Bild von Sais entschleierte, mußte sterben. In Zweiem Gleichnis liegt der wetterhaltende Sinn der Ehrfurcht be­schlossen. Es gibt Dinge, die wir Menschen nur schweigend verehren dürfen, Sterne, die man nicht begehren, innerste Heiligtümer des Volkes, die nie­mand ungestraft mit der Diebslaterne ehrfurchts­loser und gewissenloser Neugier betreten, Gefühle und völkische Bindungen, in die sich kein anderes Volk einmischen darf, ohne zu verbrennen, Lebens­räume, die nicht verschoben oder gestört werden können, ohne daß der menschliche Kosmos in Flam­men aufgeht: an den Stellen solch ehrfurchtloser Einmischung entsteht dann jener Kurzschluß, an dem der Dämon des Krieges seine Fackel entzündet.

Ehrfurcht läßt verstummen; der Mensch nimmt sich gleichsam in sich selber zurück und hält vor dem höheren Atem den eigenen Atem an. Solche Ehr­furcht etwa schafft der Tod, wenn er mit fernem Geisterknöchel an unser Lebensgehause Hopft Wer vor einem toten Menschen, und läge er auch nach einem Verkehrsunfall erbarmungswürdig auf der nackten Straße, nicht seinen Hut abmmmt, hat weder Gewissen noch Ehrfurcht. Denn der. Tod schafft einen heiligen Raum, vergleichbar jenen Räumen, in denen Das Unbegreifliche wohnt.

So gibt es tausend Erscheinungen, an denen sich die wahre Ehrfurcht beweist, jene Ehrfurcht die nichts anderes ist als die Antwort des Menschen auf den übermenschlichen Aufruf zur Erhaltung der Welt. In diesem Lichte erhätt das Stucklem Brot, das unter den Tisch fällt und das die gute Mutter aufbebt feinen verklärenden Sinn, das Kleinste wird zum Größten wie der als Bettler verkleidete Gott. Die Mutter, die ihr Kind stillt, die schwielige Hand des Vaters, die zitternde Hand des Groß­vaters, der fein Essen verschüttet, der Knecht, der werft sein Vieh füttert, der Reiter, der zuerst fein Pferd versorgt, ehe er an sich selbst denkt wer kennt nicht diese rühenden Gestalten alter Erzäh­lungen, die der tätigen Ehrfurcht vor dem Leben entsprungen sind? .

Die Denkmäler hoher Baukunst, die Leinwand des Malers, die Handschrift der Dichter oder ge­

liebter Menschen, der Blick der Unschuld, die Gestal­ten des Volkstums, die Sitte, das Alter, der An­blick eines sittlichen Menschen, ein Volkslied, die Stätten der Arbeit im Bergwerk oder vor dem Hochofen, die unberührbaren Wildnisse der Natur, der hilflose treue Hund, Der Vogel im Winter am Fenster, die stehende Frau in der Straßenbahn, der Mensch der Schmerz oder Liebe trägt, ein gestürz­ter Wagen, ja Der Fetzen Abfallpapier im WalDe oder auf Der Straße, all Die hunDert schutzbeDürf- tigen Bildchen des Alltags schwingen in demselben großartigen und herzbewegenden Kreise des wachsen­den und blühenden Lebens, Das uns immer wieDer heimliche Winke gibt, voll Ehrfurcht an Das Ganze zu denken, Das unserer Obhut anvertraut ist.

Hier scheidet sich Der Gewissenlose vom Menschen des Gewissens, Der Ehrfurchtslose vom Ehrfürchti­gen. Wer Ehrfurcht hat, steht im großen Zusammen­hänge, im Ring Der Menschen unD Mächte, im heim­lichen, wortlosen Liebesspiele Des Sichtbaren und Des Unsichtbaren. Wir wissen, wie unsere Vorfahren etwa Den Baumfrevel bestraften und wie sinnfällig sie gegen Wucher und Fälschung vorgingen. Wir Deutsche als Das große Mittlervolk haben Diese Ehrfurcht vor Dem gewachsenen Leben auch Der anderen Volker tausendfach bewiesen: weil wir Diese Vergangenheit hatten, haben wir diese Zukunft, Der Dank Der schaffenden Mächte ist uns gewiß, denn Ehrfurcht ist auch die Scheu, Das wachsende Leben, Den Schlaf Der Welt zu stören und das Geheimnis nicht aufzuheben, es blühe Denn selbst aus Der dunklen Wurzel zum Lichte empor.

Darum ist Die Ehrfurcht eine eigentümlich deut­sche TugenD. Wir wissen, alle Strome entspringen in Der Nacht Des Berges, wer Den Berg abträgt, zerstört Die Quelle. So entstehen alle wahrhaft großen Dinge, Die Dann mächtig zur Tat roerDen, im unbewußt bildenden Schoße der Mutter; jeder Held war einst ein träumendes Kind, und nichts hat wohl in den letzten Tagen tiefer an die Seele gerührt als jener Gruß eines deutschen Soldaten im Wunschkonzert Der Wehrmacht an seine blinde Mutter. Das ist Ehrfurcht.

Sie wollen wir hüten als Unser bestes Teil; Denn sie ist jene unbewußte Weisheit, Die uns mit Der hellen Nacht der Gotthett verbindet. Don Ehrfurcht umwittert möge unser Schicksal Dem Tag Der Große, dem deutschen Tage entgegenwachsen!