Nr.192 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Aeitag, (8. August (939
Aus der Stadt Gießen.
Der Reisemonat der Vögel.
Der August ist ein rechter Reisemonat. Don den Vögeln, die während der Sommermonate bei uns weilten, nehmen die einen und anderen jetzt Abschied, um ihre Winterquartiere in fernen Ländern aufzusuchen. Langsam wird es stiller in Wald und Feld, langsam naht der Herbst.
Den Fortzug mancher Vögel merken wir kaum, weil sie schon lange vorher zu singen aufhörten. Andere Vogelarten fliegen einzeln oder nachts, immer aber ganz unauffällig davon. Diele Vögel dagegen sehen uns als Beobachter ihres Abfluges. Ohne besondere Ordnung fliegen die Störche davon. Doch sammeln sie sich zuvor auf feuchten Wiesen oder weiten Niederungen, als beratschlagten sie über den Reiseweg und hielten Musterung über die Mitfliegenden.
Ehe der Weizen gemäht ist, fliegen die Turmschwalben, die Pirole und Grasmücken in ihre Winterheimat. Auch die Schwalben ziehen nicht heimlich und unbemerkt von dannen. Tagelang vorher reihen sie sich auf den Drähten, ein herbstliches Bild. Auch der Kuckucksschrei verklingt nun in den Wäldern. Die Alten sind schon zeitig davongeflogen. Die Jungen ziehen jetzt den Alten nach. Der große, scheue Vogel mit dem langen Schwanz fliegt nicht mehr durch die Büsche und durch die Wiesen. Daß die Nachtigallen uns nun erst verlassen, wer wird das gewahr? Sie haben nur in ihrer Liebes- und Brutzeit gesungen. Selten wird später jemand die scheuen Vögel gewahr geworden sein. Wachtel und Rohrsänger gehören ebenfalls zu den August- Reisenden; auch die Mehl- und Nachtschwalbe. Es bleiben die Bachstelzen und Rohrdommeln, die Blaukehlchen und Turteltauben, die Heide- und Feldlerche, die Wildgänse und Wildenten. Wir aber freuen uns um so dankbarer aller derer, die noch bei uns verweilen.
Dornotizen. «
Tageskalender für Freitag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Mann für Mann". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Ich bin Sebastian Ott".
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Jtalienlandfahrten.
Für den Herbst sind bis jetzt folgende Italienlandfahrten vorgesehen:
AF. 1 4.—14.10. 39 nach Venedig-Lido für 78 RM. AF. 2 15.—25.10. 39 nach Comersee für 78 RM.
Auskunft und Anmeldung in unserer Kartenverkaufsstelle Seltersweg 60. 5591D
Echulsammlung des VOA.
NSG. Die deutsche Jugend in aller Welt ist der verständnisvollste Helfer des Dolksbundes für das Deutschtum im Ausland. Die Jungen und Mädel im Reich bestätigen die große Gemeinschaft, die sie mit den draußen verbindet, in diesem Jahre wieder durch eine Schulsammlung. Die Möglichkeit dazu gibt ihnen der VDA. als Betreuer des Dolks- deutfchtums jenseits der Reichsgrenzen. Die Ju- aenb aller reichsdeutschen Schulen sammelt bei Bekannten, Freunden und Verwandten. Die Sammel- Hefte enthalten Quittungsmarken über Beiträge zwischen 10 Rpf. und 1,— RM. Darauf sind führende Persönlichkeiten aus den Volksgruppen und besonders kennzeichnende Stätten deutschen Kultur- schafsens jenseits der Grenzen dargestellt. Diese Zeichnungen werden den einzelnen Spender stolz daraus machen, daß auch er dieser großen Volksgemeinschaft zugehört. In unserem Gau führt der Gauverband des VDA. die Sammlung zwischen dem 29. August und 5. September durch.
„Wille und Tat" - ein breiter Querschnitt.
Sehenswertes, Interessantes und Neues in Wiesbaden.
NSG. Das Institut für Deutsche Kultur- und Wirtschaftspropaganda veranstaltet unter Mitwirkung der Gauleitung Hessen-Nassau, der Wirtschaftskammer Hessen, des Deutschen Gemeindetages und des Landesfremdenverkehrsverbandes vom 25. August bis 10. September in Wiesbaden die große Ausstellung „Wille und Tat". Die fünfzehn großen Hallen der Ausstellung sind bereits fertiggestellt, so daß nun mit dem Innenausbau begonnen wird.
2luf dem großen, freien Gelände an der Kaiser- ftrafje in Wiesbaden erheben sich seit einigen Tagen grofee Zelthallen, die nach außen eine hervorragende künstlerische Verkleidung erhalten. Fünfzehn Großzelte in einer Gesamtlänge von 350 Meter überdecken eine Bodenfläche von 22 000 Quadratmeter, auf der sich die nach den modernsten Gesichtspunkten aufgezogene Ausstellung erhebt. Die Ausstellung gibt einen umfassenden Querschnitt durch das politische, kulturelle und wirtschaftliche Geschehen des Gaues Hessen-Nassau.
Einen Gang durch die vielseitige Ausstellung hat — um nur einen kleinen Eindruck zu vermitteln — eine Länge von 10 Kilometern. Nachdem man die Ausstellung durch die Ehrenhalle der NSDAP, betreten hat, kommt man in die zahlreichen Ausstellungskojen, die einheitlich mit Sperrholz ausgekleidet sind. Nach einer Darstellung der Landschaften des Gaues vertreten die wesentlichsten
und für unser Gebiet typischen Firmen aus allen Kreisen des Gaues die Rhein-Mainifche Wirtschaft in ihrer Gesamtheit.
Die Städte treten mit ihren Besonderheiten der Lage und Industrie an die Öffentlichkeit, um einen großen Querschnitt durch die Leistungshöhe des Rhein-Main-Gebietes zu geben. Die NS.-Frauen- schaft tritt mit einer Sonderausstellung über ihre mannigfaltigen Arbeitsgebiete hervor, so daß die Ausstellung sich auch in weitgehendem Maße an die Frau wendet. Die Gauausstellung des Rasfenpoli- tischen Amtes, die bereits mit großem Erfolg in. mehreren Städten gezeigt wurde, wird auch in Wiesbaden ihre Anziehungskraft nicht verfehlen.
Das Wiesbadener Handwerk und der Wiesbadener Einzelhandel find ebenfalls in zwei großen Hallen vertreten, die mit einer Ausstellungsgast- ftätte schließen. Weitere Hallen sind dem Verkehr in feinen mannigfaltigen Formen gewidmet, und auch die Roh- und Werkstoffe, die heute eine besondere Stellung einnehmen, werden in ihrer vielfachen Anwendungs- und Bearbeitungsmöglichkeit gezeigt.
Bereits heute gewinnt man, obwohl die Ausstellung erst langsam' ihrer endgültigen Gestaltung entgegengeht, einen guten Eindruck von ihrer Größe, ihren interessanten Ausstellungsgegenständen und ihrer hervorragenden architektonischen Gestaltung.
Das Alte stürzt...
Wieder sollen einige Zeugen aus Gießens Vergangenheit verschwinden: verschiedene Häuser an der Ecke Seltersweg-Kreuzplatz werden der Altstadtsanierung zum Opfer fallen. Es handelt sich dabei um eine Verbreiterung der Hauptgeschäftsstraße Gießens von ihrem Beginn nm Kreuzplatz bis zum ehemaligen Hospitalsgäßchen zwischen der Wirtschaft „Lotzekasten" und dem Kleidergeschäft Köhler, also um eine Maßnahme, deren Notwendigkeit wohl jedem einleuchtet, der mit den Verkehrsverhältnissen auch nur etwas vertraut ist.
Streng genommen ist diese Maßnahme aber überhaupt nicht eine Neuerung, sondern nur die Wiederherstellung eines früheren Zustandes. Der Kreuzplatz war nämlich ehedem ein gutes Stück größer und anschließend der Seltersweg breiter als heute. Das Eckhaus von Kaufmann Schulze (Seltersweg 1) denke man sieb fort, ebenso das Eckhaus von Kaufmann Geisse (gegenüber, Seltersweg 2) und schließlich noch die Eckhäuser von Kaufmann Brück Nächst, Hammermann (Kreuzplatz 8) und Drogerie Winter- hoff (Kreuzplatz 10); dann hat man ungefähr ein Bild von der Gestaltung dieser Gegend, noch im Jahre 1840, wie das erste Gießener Adreßbuch verrät. (Womit nicht gesagt sein soll, daß bei der Altstadtsanierung alle vorgenannten Häuser verschwinden sollen. Die Schriftleitung.)
In früheren Zeiten war die Gegend natürlich noch weniger bebaut. Als Gießen zur Festung gestaltet wurde (hauptsächlich von 1530 bis 1533), legte man das Selterstor in Höhe der heutigen Wolkengasse an; vorher, als die Stadt nur mit Mauer und Graben umgeben war, stand die Selterspforte in der Mäusburg bei der Rittergaffe; sie wird 1314 urkundlich erwähnt und ist 1585 abgebrochen worden. Vor der Seltzerpforte lag die „Herberge zum weißen Roß am Kreutz", die schon 1495 erwähnt wird und später zu einer Posthal- terei ausgebaut wurde; 1840 gehörte das Anwesen mit der Bezeichnung Litera D, Kreuz N. 2, 3 und 4 den Gebrüdern Weidig; heute sind es die Nummern 11 (Tabakwaren Hintze) und 12 (Hutgeschäft Bramm) mit den Anbauten. Der Neuenweg schloß 1840 mit der Bäckerei Campus (Litera B, Kreuz
Nr. 154) ab; daneben lag als Beginn des Seltersweges — aber noch am Kreuzplatz — die Metzgerei Lampus (Litera C, Kreuz Nr. 1); es handelt sich hier jedenfalls um das heutige Doppelhaus Neuenweg Nr. 2 mit einem Uhrengeschäft und der Konditorei Haas. Der Seltersweg begann damals eigentlich mit dem Hause von Buchbinder Lüdeking (Litera C, Seltersweg Nr. 2). Wenn man sich den Häuserkomplex einmal von der Rückseite betrachtet, erkennt man deutlich die alte Bauweise; die Fronten sind eben modernisiert worden, nur die (jetzt verlassene) Metzgerei Sack zeigt noch das ursprüngliche Gesicht; 1840 war dies unter Litera C, Seltersweg Nr. 3 die Metzgerei Lony. Nr. 4 fehlte 1840. Nr. 5 hatte das „Hospital". Schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts wird hier ein „Spital 3um hl. Geist und zur hl. Elisabeth" als Krankenhaus, Armenhaus und Altersheim urkundlich erwähnt; es lag also vor der Stadtmauer. In dem Hospital befand sich 1840 die 1837 gegründete Pfandleihanstalt. Die Nummer 6 gehörte früher einer Familie Weidig, die darin eine Wirtschaft betrieb und auch eine eigene Brauerei hatte; schon 1778 wird der „Stangenwirt „Balthasar oder der Stangenbalzer am Seltzerweg" als guter Mundschenk empfohlen; er hieß Balthasar Weidig. Das Adreßbuch von 1840 verzeichnet das Gebäude als । „Bierbrauerei Becker" und als Mieter den Wirt und Küfer Balthasar Weidig (jedenfalls einen Nachkommen des vorgenannten Stangenbalzers). Zwischen 1840 und 1868 ging das Geschäft an Theo Lotz über, der aber schon vor 1868 gestorben fein sein, denn in diesem Jahre wohnte dort die Th. Lotz Witwe, Marie, Bierbrauereibesitzerin. Von dieser Familie Lotz stammt der bis heute erhaltene Name „Lotzekasten" ober „in's Lotze"; über die Eigenart des Lokales, des Wirtes und der Gäste zirkulieren eine Menge mündlicher und auch schriftlicher tatsächlicher Berichte, aber auch gut erfundener Erzählungen. Das Anwesen erwarb dann die Firma Friedel und Asprion. Die Brauerei ging später ein, der Wirtschaftsbetrieb hat sich bis heute erhalten.
Der Seltersweg bildete also ehemals als Fortsetzung der Frankfurter Straße eine gerade Linie
bis zum Kreuzplatz; diese Linie ging bann über dis Mäusburg nach dem Markt- und Kirchenplatz und von dort durch den Asterweg nach der Westseite des Rodbergs. Der Weg bildete eine Verbindung zwischen den Dörfern Selters und Hagenftadt ober Hachstadt; er ist schon vor ber Römerzeit als Han- belspfab benutzt worben, boch haben ihn bie Römer bei ihren Zügen ins Innere Germaniens ausgebaut; in bem Tal zwischen Seltersberg und Rod- berg war es eine auf Pfählen ruhenbe Steinstraße (via lapidea), deren Reste wiederholt bei Haus-, bauten, Kanalisation, Ausschachtungen usw. tief in der Erde angetroffen worden sind. Der Ausdruck „Kreuzplatz" (früher Creutz, Selters,Creutz ufw.) entstand natürlich, als die Kaplansgafse und deren Fortsetzung, der „neue Weg", den „Steinweg" durchschnitten, so daß zwei Hauptstraßen entstanden, welche die Form eines Kreuzes bildeten; dieses Kreuz gab bei der Entwicklung des Stadtbildes die Unterlage zur Gestaltung, nämlich zur Entstehung der Eiform; diese läßt sich an den Plänen der Festung Gießen ganz deutlich erkennen. Wann die Namen „Kreuz" und „Seltersweg" aufgekommen sind, ist unbekannt; man muß bedenken, daß früher die Namen lateinisch waren; so heißt z. B. bas Kreuz lateinisch crux unb ber Kreuzweg coni- pitum (von competere) doch ist keiner von diesen Ausdrücken für den Gießener „Kreuzplatz" nachweisbar; wahrscheinlich entstanden hier die Wohnungen erst, als man schon deutsche Namen gebrauchte. Vom Seltersweg ist ein ‘älterer Name urkundlich bekannt: im Jahre 1314 verkaufte ein Bürger feine „Hofreite mit Garten vor dem Tore, durch das es nach dem Ort Selters geht, neben bem steinernen Weg"; hier heißt es also noch „via lapidea", so daß man annehmen muß, baß ber „Steinweg" noch vorhanden war; im Jahre 1650 war er aber schon im Morast verschwunden. Das ist leicht erklärlich: nach dem Festungsbau hatte die Stadt nichts mehr mit dem (abgebrochenen) Ort Selters zu tun, vorher aber allerlei Beziehungen, besonders kirchliche (Gottesdienst, laufe, Beerdigung!), fo daß der Weg dorthin erhalten werden mußte. H. G.
Das Treudienssehrenzeichen verliehen.
Der Führer hat das goldene Treudienftehrenzei- chen für 40jährige treue Dienstzeit dem Justizinspektor Jakob Dickler, das silberne Treudienst- ehrenzeichen für 25jährige treue Dienstzeit dem Landgerichtsrat Richard S ch a e g und bem Kanzlisten Walter Gramm, sämtlich in Gießen, verliehen. Das Ehrenzeichen würbe im Auftrage des Oberlandesgerichtspräfidenten den ausgezeichneten Beamten durch die zuständigen Behördenleiter in feierlicher Form überreicht.
Hausfrau und „Groschengrab".
NSG. In dem Kampf um die Nahrungsfreiheit des deutschen Volkes darf der Bauer nicht allein stehen. Denn zur siegreichen Durchführung dieses Kampfes genügt nicht nur eine Steigerung der Erzeugung. Von ebenso großer Bedeutung wie die Erhöhung ber Produktion landwirtschaftlicher Güter ist der mit der gleichen Intensität geführte Kampf gegen den Verderb. Und in diesem Kampfabschnitt der Schlacht um bie Nahrungsfreiheit Deutschlands haben die Verteilerbetriebe und die Verbraucher genau so wie der Bauer ihren Mann zu stehen. Gerade in den Kreisen der Verbraucher gehört der „Kampf dem Verderb" zu den wichtigsten Maßnahmen unserer Ernährungssicherung. Die Notwendigkeit dieses Kampfes kann nur der vollkommen ermessen, der weiß, daß von dem Gesamtver- berb an Lebensrnitteln in Höhe von jährlich 1,5 Milliarden Reichsmark allein rund 750 Millionen auf den Verbraucher entfallen. Man gibt sich heute alle erdenkliche Mühe, um hier einen Wandel eintreten zu lassen. Die Mitarbeit der Verbraucherkreise ist um so reger geworden, weil die Aufklärung über die Schäden des Verderbs klar gemacht hat, daß dieser Kampf nicht allein wegen volkswirtschaftlicher Belange geführt wird, sondern auch deutlich im Geld
„Mann für Mann."
Gloria-Palast.
Der oft geforderte, immer wieder empfohlene Griff ins Leben, in die Gegenwart von heute mit ihren Menschen, ihren Schicksalen und ihren Aufgaben: ber Film „Mann für Mann" fand seinen Schauplatz an einer Baustelle der Reichsautobahn. Damit stellte sich das Thema sozusagen von selbst: Rhythmus ber Arbeit, Segen der Arbeit... Wunderwerk ber Technik, Gefahren ber Technik. Sand unb Kies finb ein gutes Material, stille märkische Landschaft, Feldbahnen, Kranen, Betonmischer, Barackenlager geben eine Fülle brauchbarer £>b= jefte für die Kamera und für einen sauberen, leben« bigen Kultursilm. Aber bas nebenbei: es war hier gar nicht auf einen Kulturfilm abgesehen, sonbern der Bildstreifen heißt mit gutem Grunde „Mann für Mann", unb bamit ist bas zweite unb eigentliche Thema angeschlagen. Beton unb Kies unb Maschinen sind nichts ohne den Menschen, der sinnvoll unb auf ein festes Ziel gerichtet bamit umzugehen versteht. Hier sollte nicht nur gezeigt werben, wie es beim Bau einer Autobahnstrecke zugeht, sondern vor allem, was bas für Kerle sind, die da schaffen mit der Schaufel in der Hand, am Kran, im Caisson. Es sollten in der großen Arbeitsgemeinschaft und Kameradschaft ein paar Individualitäten herausgehoben werden, die es zu betrachten unb zu verfolgen lohnte bis hinein in ben Feierabend im Lager, in die Freizeit am Sonntag daheim — in der großen Stadt Berlin oder im kleinen märkischen Dorf.
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Es stellt sich also heraus — was natürlich zu vermuten war, aber in diesem Zusammenhang leicht übersehen werden könnte —, daß sie da, Mann für Mann, außer ihrer Arbeit und ihrer männlichen Lagergemeinschaft auch ein Privatleben haben, ein kleines Einzelschicksal mit allerlei Sorgen und allerlei Glück, mancherlei Hoffnungen und Plänen für bie Zukunft unb mancherlei Erinnerungen an frühere Zeiten. Es gibt auch noch die Frau und das Mädel und die Ehe und die Liebe, und es ist auch, wie überall, nicht immer alles ganz leicht und ganz einfach; es gibt da Zerwürfnisse und Mißverständnisse und Eifersüchteleien, unb es kommt wohl vor, daß zwei Männer wild aufeinander losgehen und um sich hauen, daß die Gläser klirren.
Und bann kann es auch vorkommen, daß am nächsten Tage infolge eines Erdrutsches ein Einbruch der Schlamm- und Wassermassen erfolgt, und die Männer, welche die schwere, höher bezahlte
und gefährliche Arbeit im Caisson — im Senkkasten beim Brückenbau — verrichten, an den Rand eines qualvollen Todes bringt. Man wird sich erinnern, eine ähnliche Szene in dem Film „Wasser für Canitoga" (mit Albers) gesehen zu haben, und man wird, wenn man die beiden Szenen nebeneinanderhält, sofort den Unterschied gewahr werden: das eine war blanke Sensation, spannendes Abenteuer im fremden Lande, ein Stück Literatur, weit weg — dies hier, mit einem Wort, ist unsere Sache, sind unsere Leute, das ist nah und gegenwärtig und kann alle Tage irgendwo in Deutschland passieren und geht uns deshalb etwas an Da steht der Beschauer gewissermaßen selber mitten drin in der angstvoll schweigenden, fieberhaft wartenden Menge der zur Untätigkeit verurteilten Kameraden, Frauen und Bräute, welche die nächtliche Unfallstelle im weißen, kreisenden Schem- werferlicht umdrängen; er sieht, wie die beiden, die gestern aufeinander losgingen, jetzt nebeneinander bis an bie Brust im Wasser stehen, wie der eine den anderen hält und stützt, und wie sie sich wie ein Mann gegen den Tod wehren und um ihr Leben kämpfen; 'jeder wird aufatmen, wenn es -uletzt gelungen ist, die Männer da unten herauszuholen, und sie sind sämtlich heil und gerettet.
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Der Spielleiter R. A. Stemm le hat das alles mit einer Natürlichkeit und -Urwüchsigkeit lebendig gemacht, daß der Beschauer wirklich etwas vom harten, gesunden Rhythmus dieser Arbeit und von dem schönen unb selbstverstänblichen Gefühl ber Kameradschaft zu spüren bekommt das hier herrscht. Am besten gelangen ihm vielleicht die Szenen hinter der Front", daheim, im Privatleben: die sind in ihrer ungeschminkten und unverwasserten Lebensnähe, in der Deutlichkeit der empfmdungs- mäßigen wie der sprachlichen Aeußerung non einer 2Irt, daß man manchmal an Aehnllches m „Urlaub auf Ehrenwort" erinnert wird.
Die frische, zupackende Art ber Inszenierung übertrug sich ganz folgerichtig auf die Darstellung; es präsentiert sich ein großer, melgliebriger Spiel« körper, dem nichts Gestelltes unb nichts Statisterie- mäßiges anhaftet; ber Gememschaftsgedanke, welcher der Fabel des von Stemm le zusammen mit Hans Schmodde unb Otto Bernharb Wenbler geschriebenen Drehhuches zugrundeliegt prägte sich auch dem Ensemble ein. Es scheint uns deshalb richtig, diesmal auf die Hervorkehrung vortrefflicher einzelner Leistungen zu verzichten. Im Vordergründe des Handlungsablaufes standen bei ben Männern: Josef S i e b e r Gustav Knuth, Karl Kuhlmann, Heinz Welzel
und Hermann Speelmans; bei den Frauen: Viktoria von Ballasko, Gisela Uhlen, Lina Carstens unb Ellen Bang. Der tüchtige Kameramann heißt Otto Baberske. — (Ufa.)
Hans Thyriot.
Stichproben.
Von Eduard Slemplinger.
Goethe bemerkte in den Noten zum „West-östlichen Diwan": Der in jebem Tag düster befangene, nach einer aufgehellten Zukunft sich umschauende Mensch greift begierig nach Zufälligkeiten, um irgenbeine weissagende Andeutung zu erhaschen. Der Unentschlossene findet nur "sein Heil im Entschluß, dem Ausspruch des Loses sich zu unterwerfen. Solcher Art ist die überall herkömmliche Orakelfrage an irgendein bedeutendes Buch, zwischen dessen Blätter man eine Nadel versenkt und die dadurch bezeichnete Stelle beim Aufschlagen gläubig beachtet. Wir waren früher mit Personen genau verbunden, welche sich auf diese Weise bei der Bibel, dem Schatzkästlein unb ähnlichen Erbauungswerken zutraulich Rates erholten und mehrmals in größten Nöten Trost, ja Bestärkung fürs ganze Leben gewannen."
Das sind ursprünglich Stichproben gewesen. Diese Art des Losorakels ist uralt; bei den Griechen wurde Homer, bei den Römern Virgil mit Vorliebe aufgestochen, natürlich erst seitdem das Buch zum Blättern (Codex) die Rolle verdrängte, im ersten nachchristlichen Jahrhundert. Die Verwendung Virgils kam in der Humanistenzeit aufs neue auf. So wurden 1529 zwei florentinifche Ebelleute zur Flucht veranlaßt (Aeneis 3, 44); ebenso soll König Karl I. von England durch eine Virgilstelle auf fein -unseliges Ende hingewiesen worden fein.
Aber in der Regel trat nach dem Siege des Christentums an Stelle heidnischer Autoren die Bibel. Schon bei Augustinus lesen wir, wie er, die Paulus- briefe aufstechend, zauf Römer 13, 13 traf, wo es hieß: „Lasset uns ehrbarlich wandeln als am Tage; nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid", und zu einem anderen Lebenswandel bekehrt wurde. Die griechischen Christen stachen, wie ein Bericht von 866 erzählt, mit einem Hölzchen in eine geschlossene Bibel oder ein Meßbuch. Als 557 die Stadt Dijon von Chramnus belagert wurde, machten Geistliche Stichproben in der Bibel, die auf dem Altar lag: Es kamen Jefaias 5, 4, Matthäus 7, 26 und ber Thef- faloniferbrief 1, 5, 2 zum Vorschein, bie alle ben Fall der Stadt anzeigten.
Die Kirche eiferte vergebens gegen diesen Aber
glauben, ob man nun mit Nadeln oder mit Hölzchen in die Bibel stach ober mit bem Daumen auf gut Glück eine Seite festhielt („Däumeln"). Bei den Herrnhutern gehörte das Bibelstechen „als apartes Kleinod" zum herkömmlichen Brauchtum; Graf Zin- fenborf, ber Stifter ber Brübergemeine, unterwarf sich bei allen Unternehmungen der Entscheidung des Bibelorakels. Auch Goethes Mutter war dafür sehr eingenommen, seitdem ihr 1768 bei der Heimkehr ihres schwerkranken Wolfgang der aufgestochene Vers: „Du sollst wiederum Weinberge pflanzen an den Bergen Samarias" wahr prophezeit hatte. Bettina schreibt von ihr: „Sie gibt mir eine Nadel, damit soll ich bas Heft stechen; welchen Satz id) treffe, den soll ich als Gedenkspruch bewahren." Das „güldene Schatzkästlein" mit Bibelversen, seit 1745 aufgelegt, welches Goethes Mutter benützte, erwähnt noch Gottfried Keller, wenn er erzählt: „Sie holte gerührt ein Schatzkästlein hervor und stach mit einer Nadel zwischen die Blätter." Und wie Wilhelm Raabe für seine „Geschichte eines ersten April" nach einem weiblichen Vornamen sucht, bohrt er mit einer Nadel in den Kalender unb trifft mit der Spitze den 30. Januar und den wohlklingenden Heiligennamen „Adelgunde".
Solche Stichproben zu machen ist heute noch in vielen Gegenden Deutschlands Brauch. In Frankreich nennt man das piquer un psaume, das ist einen Psalm aufstechen. Im Orient verwendet man den Koran, den Diwan des Hafis ober das Wes- newi des Dschelaladdin.
Hochschulnachrichten.
Geh. Konsistorialrat Geh. Kirchenrnt Professor Dr. theol. h. c. Dr. jur. h. c. Karl Eger, ehemals Ordinarius für praktische Theologie an der Universität Halle, wird am 18. August 75 Jahre alt. 1864 in Friedberg (Hessen) geboren, wurde Eger 1892 Pfarrer in Darmstadt, 1901 Professor am Predigerseminar in Friedberg, wo er 1907 zum Direktor ernannt wurde. 1913 folgte er einem Ruf als Ordinarius der praktischen Theologie nach Halle. Bekannt wurde er vor allem als Herausgeber der Studien zur Praktischen Theologie. Die Universität Gießen ernannte ihn 1904 zum Dr. theol. h. c., die Universität Halle verlieh ihm 1928 ben juristischen Ehrendoktor-Titel. In seinen Veröffentlichungen behandelt Professor Eger hauptsächlich Kirchenverfassung, Kirchenrecht, Katechetik und Homiletik.
Von den amtlichen Verpflichtungen wurde entbunden der ordentliche Professor in der Rechts- unb Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien Dr. jur. Ferdinand Kadecka wegen Erreichung der Altersgrenze.


