Ausgabe 
18.7.1939
 
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Schöner Fachwerkbau.

Dor einigen Tagen wurden an dem Hause Ecke Markt- und Kirchenplatz Gerüste der Weißbinder aufgestellt, die damit begannen, den seit langen Jahren bestehenden Verputz der Hausfront zu ent­fernen. Wie zu vermuten war, ist das J)QU5 m schönem Fachwerk erbaut, das durch den öden Ver­putz leider nur allzu lange Zeit dem Blick entzogen war. Auf Anfrage beim Stadtbauamt hören wir, daß die Hausfront mit ihrem Fachwerkbau nun­mehr vollständig neu hergerichtet werden wird. Nach dem Abschluß dieser Arbeit wird man die erfreu- liche Tatsache verzeichnen können, daß im Innern unseres Stadtbildes eine weitere begrüßenswerte Verschönerung durch die Restaurierung dieses Fach­werkbaues erzielt und damit dem Strahenbild ein neuer schöner Blickpunkt gegeben wird.

Gießener Dochenmarktpreise.

G i e ß e n, 18. Juli. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, Vi kg 1,60 Mark, Matte 25 bis 50 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Wirsing, kg 10 bis 12, Weißkraut 10 bis 14, Rotkraut 20, gelbe Rüben 14, das Bündel 8 bis 10, rote Rüben 12 bis 15, das Bündel 10 bis 12, Spinat 20, Römischkohl 10 bis 12, Bohnen, grün 25 bis 27, qelb 40, Erbsen 20 bis 25, Tomaten, ital. 20 bis 22, deutsche 60, Zwiebeln 14 bis 15, das Bündel 10 bis 12, Rhabarber 10 bis 16, Pilze 50, Kartoffeln, neue, % kg 9 bis 11, 5 kg 92, 50 kg 8 bis 8,50 Mark, Pfirsiche, kg 35 bis 40, Himbeeren 40 bis 45, Birnen 45, Kirschen 30 bis 40, Heidelbeeren 44, Stachelbeeren 15 bis 30, Johannisbeeren 16 bis 20, Erdbeeren 40 bis 45, Blumenkohl, das Stück 10 bis 60 Salat 5 bis 10, Salatgurken 20 bis 45, Emmach- gurken 3 bis 8, Oberkohlrabi 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Radieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf.

** Rundfahrt durch Gießen. Unter der sachverständigen Führung von Stadtbaudirektor G r a v e r t veranstaltet das Verkehrsamt der Stadt Gießen am nächsten Montag eine Rundfahrt für die Mitglieder des Beherbergungsgewerbes. Bei dieser Rundfahrt soll Aufschluß über die Sehenswürdig­keiten unserer Stadt gegeben werden, so daß die Mitglieder des Beherbergunasgewerbes aus sicherem Wissen ihre auswärtigen Gäste auf das Sehenswerte in unserer Stadt aufmerksam machen können. An die Rundfahrt schließt sich eine Besprechung im Hotel Hindenburg" an.

**DonderHeimatoereinigungSchls°- fenderg. In Ergänzung unseres gestrigen Be­richtes über die Feier der Heimatvereinigung Schlf- fenberg sei noch mitgeteilt, daß an Stelle eines aus­geschiedenen Vorstandsmitgliedes in Watzenborn der Buchbinder und Kaufmann Johann Heinrich S ch m a n d t vom Vereinsleiter in den Vorstand der Heimatvereinigung berufen wurde.

** Kleiner Verkehrsunfall im Bahn- h o f Gießen. Am heutigen Dienstag, früh gegen 8 Uhr, entgleiste am Nordausgang des Bahnhofs Gießen ein Güterwagen beim Rangieren. Glücklicher­weise hatte der Unfall keine schlimmen Folgen, lebig- lief? für den kurz vor 8 Uhr aus Richtung Kassel einlaufenden O-Zug gab es eine Viertelstunde Ver­spätung. Dann war Die Verkehrsstörung schon be­hoben.

**VomLandesfremdenverkehrsver- bandRhein-Mai n". Am morgigen Mittwoch findet durch den Wissenschaftlichen Ausschuß des Lan­desfremdenverkehrsverbandesRhein-Main" eine Besichtigungsfahrt statt, die insbesondere jenen Ge­meinden gilt, die einen Antrag auf die Führung der BezeichnungLuftkurort" oderSommerfrische ge­stellt haben.

** Sterbefälle in Gießen. Es verstürben in Gießen: 2. Juli: Heinrich Momberger, Kellner, 32 Jahre, Schottstraße 50; 3. Juli: Luise Mehl, geb. Köppke, o. B., 72 Jahre, Am Riegelpfad 6; 4. Juli: Anna Felsing, geb. Roß, o. B., 73 Jahre, Am Nahrungsberg 59; 6. Juli: Emil Horst, Kauf­mann, 68 Jahre, Lonystraße 20; 9. Juli: Franz Scheer, Invalide, 67 Jahre, Sonnenstraße 3; Jo­hannes Schad, Postinspektor, 63 Jahre, Fröbel- straße 16; 10. Juli: Elisabeth Muhl, geb. Euler, o. B., 87 Jahre, Löbershof 4; 11. Juli: Daniel Polster, Bauinspektor, 64 Jahre, Liebiastraße 80; 12. Juli: Heinrich Wagner, Telegraphenassistent, 63 Jahre, Grabenstraße 4; 13. Juli: Maria Klein- hans, geb. Henn, o. B., 43 Jahre, Erdkauterweg Nr. 17; 15. Juli: August Hagaenmüller, Oberreal- lchrer i. R., 75 Jahre, Landgrafenstraße 5.

Gießener Hitler-Jugend marschiert im Westerwald.

geführt von der Abteilung Hilfsdienst im Deutschen Frauenwerk, die auch den Einsatz mit überwacht, und der NSV.

Als Haushaltshilfe für die NnV. und das Deutsche Frauenwerk kann jede Frau und jebes Mädel, das nicht berufstätig ist, angesetzt werden. Selbstverständlich muß die Hilfe gesund und lei­stungsfähig sein. Nach der Teilnahme an den oor- geschriebenen Kursen des Deutschen Frauenwerks unterschreibt die Haushaltshilfe eine Verpflichtungs­erklärung, nach der sie jederzeit eingesetzt und an­gefordert werden kann. Es ist zu hoffen, daß sich viele Frauen und Mädel für diesen Hilfsdienst melden, der vor allen Dingen charakterlich einwand­freie Menschen erfordert. Das Ziel der gesamten Arbeit der Abteilung Hilfsdienst im Deutschen Frauenwerk und der NSV. ist, in jeder Ortsgruppe einige Haushaltshilfen zu gewinnen, die dort immer einsatzbereit sind. Meldungen nehmen alle Dienst­stellen der NS.-Frauenschaft Deutsches Frauen- roerf entgegen. Die Meldungen sind nicht ge­bunden an die Mitgliedschaft der NS.-Frauenschaft Deutsches Frauenwerk.

NSG. Die NS-Frauenschaft Deutsches Frauen­werk hat jetzt im Gau Hessen-Nassau die Aufgabe übernommen, Hausha ltsh il f e ni inl allen Orts­gruppen zu werben und für ihr Aufgabengebiet zu schulen. Was eine Haushaltshilfe ist, geht schon fast aus dem Namen hervor. Eingesetzt wird fie m ben meisten Fällen durch bie NsV. unb das Deutsche Frauenwerk. Sie kann auch burch einen Arzt ober eine Hebamme über die Krankenkasse angefordert werden. Die Haushaltshilfe wird überall da in die praktische Arbeit eingesetzt, wo es sich darum han­delt, eine Hilfeleistung im Haushalt, bei der Kmder- betreuung und der Krankenpflege zu übernehmen. Das Deutsche Frauenwerk schult daher alle Haus­haltshilfen, bevor sie in die praktische Arbeit ein­gesetzt werden, im Mütterdienst. Die Schulung wird besonders auf den Gebieten der Säuglings- und Krankenpflege intensiv gestaltet. In zweiter Lime wird auf die Schulung in volkswirtschaftlichen und hauswirtschaftlichen Fragen Wert gelegt.

Eine kleine geldliche Abfindung der Haushalts­hilfe übernimmt die NSV. Eine ständige Betreu­ung der Haushaltshilfen wird gemeinsam durch-

HaushaltshilfensürüberlasteteHaushalte

Oas Ziel: in jeder Ortsgruppe einige Haushaltshilfen.

Graue Walken zogen in diesen Tagen über den Westerwald. Hin und wieder regnete es, und die Landschaft bot sich in schwermütigem Grau dar. Ader das düstere Wetter war nicht der stetige Be­gleiter unserer oberhessischen Hitler-Jugend, vielmehr brach immer wieder einmal die Sonne durch, und dann war alles ganz anders. Ein rechter Hitler- junge läßt sich auch nicht durch einige Wetterlaunen aus dem Konzept bringen.

Wohl krochen die Jungs morgens in den Dörfern, in denen sie im Quartier lagen, etwas verschlafen aus dem Stroh, aber das frische Wasser aus dem Hofbrunnen schuf schnell klare Augen, der Früh­sport rüttelte vollends wach, und dann war man bereit für einen neuen Tag der Erlebnisse. Ueber- all in den Dörfern bot sich das gleiche Bild Hitler-Jugend in Straßen, Gassen und Höfen, auf dem Marsch in den Dorfstraßen, auf dem Marsch durch den Wald, über Feld- und Wiesenwege. Jeden Morgen herzlichen Abschied von den freundlichen Quartiergebern, mit Worten des Dankes für die gastliche' Aufnahme und mancherlei Bewirtung. Dann begann jeweils für die Hitler-Jugend der Dienst.

Nur kurze Marschstrecken wurde zurückgelegt. Keiner konnte sich beklagen, daß zu viel marschiert werden müßte. Manche Stunde des Tages war ausgefüllt mit der Abnahme des HJ.-Leistungs- abzeichens. In manchem Dorf traf unsere ober­hessische Hitler-Jugend ein Schwimmbad an, und die Gelegenheit zum Schwimmen und die Schwimm- prüfungen abzulegen blieb nicht ungenutzt. Mittags kochten die einzelnen Fahrtengruppen jeweils für sich ab. Es geschah mit aller Selbständigkeit und mit aller Selbstverständlichkeit. Mancher der Köche brachte das Mittagessen schon ganz virtuos hin, und der Appetit, mit dem gegessen wurde, war den Köchen die sichtbare Anerkennung.

Die Westerwälder Bauern und ihre Familien freuen sich stets auf die Einquartierung. Für viele bedeutet der Besuch eine angenehme Abwechslung in der Stille des weltabgeschiedenen Lebens in manchem Dorfe. Es hat sich auch allmählich her­umgesprochen, daß die oberhessischen Hitlerjungen mit gutem Humor kommen. So wird auch mancher Dorfgemeinschaftsabend verlebt, der die Gäste, die Dorfjugend und die Erwachsenen in schöner Ge­meinschaft vereinigt. Oft werden die Jungen bis zum anderen Mittag festgehalten. Gerne hören die Westerwälder Bauern die Musik, mit der die Jugend kommt seien es nun die Klänge der Ziehharmonika, der Mundharmonika usw.

Die Fahrtabteilung Watzenborn - Stein­berg ist in diesen Tagen über Siershahn und Kammerforst nach dem herrlich gelegenen Grenz­

hausen gewandert. Am Samstag wurde Koblenz besucht.

Die Gießener Hitlerjungen marschier­ten nach Westerburg. Am Samstag nahmen sie in Rothenbach Quartier. Die Jungen aus dem Lumdatal waren bereits am Freitag in Grenz­hausen und sahen anschließend Koblenz und die Feste Ehrenbreitstein. Die Friedberger Fahrtgrup­pen bewegen sich in der Gegend von Hachenburg.

Eine besondere Feierstunde gestaltete die Fahrt­abteilung L i ch im Schloß des romantischen Städt­chens Westerburg. Die Licher, die mit Landsknechts­trommeln, Spielmanns- und Musikzug aufmarschier­ten, wurden in Westerburg herzlich willkommen geheißen. Die Feierstunde war von bestem Wetter begünstigt und in der schönen Umgebung ein be­sonderes Erlebnis. Der dortige Bannführer und der Landrat hielten kurze Ansprachen über den schönen und tiefen Sinn der Fahrten der Hitler-Jugend.

Egerländer Lager Krafkquell für die HI-Fiihrer

NSG. In diesem Jahre ist das E g e r l a n d Treffpunkt aller Banne des Gebietes Hessen-Nassau. Ein großes Zeltlager, mitten im Wald auf einer Bergwiese, nimmt jeweils 1200 HJ.-Führer für fünf Tage auf. Insgesamt werden 6000 HJ.-Führer in fünf Lagerzeiten sportlich ertüchtigt und weltanschau­lich geschult.

So ziehen die Fahrtengruppen aus dem Gau Hessen-Nassau in diesen Tagen durch das schöne Maintal, den waldreichen Spessart, vorbei an alten Städten, vorbei an Würzburg unb Bam­berg mit den Wunderwerken des deutschen Barock unb der Stadt des lebendigen Mittelalters, her hohen Festtage des Großdeutschen Reiches, Nürnberg, durch das herbe und ernste Fichtelgebirge, um die Stadt Wallensteins, Eger, zu erreiche-', Andere ziehen nördlich über die Hänge der Rhön, durch das grüne Herz Deutschlands, Thüringen, besteigen die Burg des Landgrafen, die Wartburg, und dürfen stolz und ehrfurchtsvoll an den Wirkungsstätten der großen Deutschen, Goethe und Schiller, stehen und einen Augenblick die Größe deutschen Wesens ahnen. Dann nimmt auch sie die schöne Bergwiese auf, wo sie einige Tage ganz der Natur gehören.

Die Natur soll für fünf Tage die große Lehr­meisterin für die hessen-nassauischen HJ.-Führer werden, nach der sich jede Erziehungsarbeit richtet, die Erziehung des Leibes und der Seele. In der Natur findet der deutsche Mensch zurück zu den Quellen seines Wesens, aus der alle Kultur wächst. So hat das Egerländer Lager der Hitler-Jugend des Gebietes Hessen-Nassau seinen tiefen erziehe­rischen Sinn und Zweck und will Kraftquell für weitere große Aufgaben sein.

Eger-Lager des DOM. abgeschlossen.

NSG. Die 1100 hessen-nassauischen BDM.-Führe- rinnen, die ein Führerinnentreffen vom 6. bis 17. Juli in einem Großzeltlager bei Eger un Su> detenland durchführten, sind am gestrigen Montag mit dem Sonderzug zurückgekehrt. Von einer guten Wetterlage begünstigt, konnte der Lagerplan in allen Einzelheiten, wie Fahrten in bas Egerlanb, Ernteeinsatz, Sport, eine Freilichtfilmaufführung usw. verwirklicht werden. Höhepunkt bieser frohen Tage war ein Besuch Konrad Henleins im Lager. Der vergangene Sonntag brachte als Abschied von ber Egerländer Bevölkerung, die an der Arbeit und den frohen Stunden der Mädels regen Anteil ge­nommen hatte, einen lustigen Lagernachmittag auf den Egerländer Wiesen.

Obergauführerin Else Riese beschloß das Lager, indem sie allen Teilnehmerinnen für ihre Haltung und ihren Einsatz bankte und jedem Mädel einen Bildband über die Stadt Eger und ihre deutsche Geschichte verlieh, lieber das Zusammenwachsen der eigenen Kameradschaft hinaus wird das ©ger­inger den Mädels vom Rhein und Main als Er­lebnis der Verbundenheit von Osten und Westen des Reiches in Erinnerung bleiben.

Mädels bei der Erntehilfe.

Gfs. In den b erb en Erntehilfslagern der Jugend» gruppen bas eine zu Himbach in Oberhessen, bas andere zu Schönberg im Odenwald, beide vom Gau Hessen-Nassau aufgeftellt setzten sich die Mädchen in aufopfernder Weise zum Wohle der Landwirtschaft ein. Wie mir von vielen Seiten hören, ist gerade die Hilfe dieser Mädchen, die das 21. Lebensjahr überschritten haben unb schon über viele hauswirtschaftliche Erfahrungen verfügen, der Landfrau wirklich wertvoll. Die Mädchen werden überall eingesetzt: sie versorgen ber Bäuerin ben Haushalt, sie kochen zum Teil selbständig die Gar­tenfrüchte ein, sie betreuen die Kinder, sie helfen im Stall, und sie wandern mit aufs Feld unb scheuen auch da keine Arbeit. Und wie lehrreich ist es für die jungen Mädels, einmal bie ganze Härte ber Arbeit des ßanbmannes kennenzulernen. Besonders in Schönberg im Odenwald ist das Einbringen der Ernte mit großen Schwierigkeiten verbunden, da die Felder an Berg und Hang liegen, oft nur auf ganz unrmrtfamen Wegen erreicht werden kön­nen unb die Abfahrt des beladenen Erntewagens nicht ungefährlich ist.

Der Tag der jungen Mädels beginnt um 6 Uhr mit dem Wecken im Lager. Schnell wird alles in Ordnung gebracht, unb mit einem Spruch als Ge­leitwort begeben sich die Mädchen auf ben Weg in bie umliegenben Ortschaften zu ihrem Tagewerk. Die Verpflegung gibt ber Bauer, abends bekommen bie Mäbchen oft das Abendbrot mit ins Lager. Es wird schnell verzehrt, unb nach kurzem Gedanken­austausch todmüde die Ruhestätte ausgesucht. War bie Arbeit aber nicht so anstrengend, dann sitzt man noch zu einem fröhlichen Heimabend zusammen, weithin klingen die Lieder, und der Liederschatz der Mädchen erfährt eine große Bereicherung, denn jedes Mädchen kennt wieder eine neue Melodie mit neuem Text. Auch über die Arbeit zu Hause in den Jugendgruppen gibt es viel zu berichten unb auch hierfür viele neue Anregungen. So tragen bie Mädchen einen reichen Gewinn von ihrer Arbeit davon vor allem aber unserem Bauern wird wirklich geholfen.

Weitere Anmeldungen zur Erntehilfe nimmt bis September jederzeit bie Kreisgeschäftsstelle der NS.- Frauenschaft zu Gießen, Frankfurter Straße 1, ent­gegen.

Versammlung des

Obst- und Gartenbauvereins Gießen.

Am Sonntagnachmittag trafen sich im Saalbau Liebigstraße bie Mitglieder und Freunde des Obst- utrb Gartenbauoereins Gießen. Die Versammlung fand unter dem Vorsitz von Vereinsführer Junker statt.

Den Hauptteil der Tagesordnung bildete ein Vor­trag des Herrn Dr. Hanf vom Pflanzenschutzamt Gießen, der über die wichtigsten in diesem Jahre stark aufgetretenen Obstbaumschädlinge sprach. Zu­nächst wies ber Rebner auf die Bedeutung der Schädlingsbekämpfung hin. Durch die Hochzüchtung und vermehrten Anbau wirb die Anfälligkeit un­serer heutigen Sorten stark begünstigt. In jedem Jahr werden für etwa zwei Milliarden Reichsmark

Der Llmweg über Mittenwald.

Von Karl JRobert Popp

Als die Morgensonne auf seinen neununddreißig- sten Geburtstag schien, setzte sich der Buchhalter Fritz Fröhlich im Bette auf unb sah sich nachdenklich in dem Junggesellenzimmer um, bas seit nunmehr fünfzehn Jahren für ihn bas Heim bebeutete. Mochte es nun der Sommertag sein oder ber Ge­danke, baß er sich stark den Vierzigern nähere, der Junggeselle Fritz Fröhlich machte trotz seines Ge­burtstages durchaus kein fröhliches Gesicht, als er den kleinen Raum mit feinem schier übernächtigen Eindruck betrachtete. Als er vor dem Spiegel stand, verstärkte sich das Gefühl entschiedener Abneigung in ihm, denn das ungemachte Bett verlieh dem Zimmer einen häßlichen Zug von Unordnung, und Unordnung war dem Buchhalter zum Lebensfeind Nummer eins geworden, seitdem ihn die pedan­tische Gleichmäßigkeit der tausend kleinen Gewohn­heiten seines Lebens einaefangen hatte. Um halb sieben Uhr stand man auf, trank an jenem runden Tisch den Morgenkaffee, eilte zur Straßenbahn und tat einen Tag lang fleißig seine Pflicht, um abends wieder an den runden Tisch zurückzukehren. Der Buchhalter setzte sich gewohnheitsmäßig auch heute davor, als seine Wirtin anklopfte. Sie gratulierte, stellte zur Feier des Tages echten Bohnenkaffee auf ben Tisch und verschwand. Man müßte sich aus- sprechen können, dachte Fritz Fröhlich und griff zu den Brötchen. Einen Menschen mühte man um sich haben, dem man alles sagen kann, weil er alles versteht. Mit dieser geheimen Sehnsucht ging er aus dem Zimmer, und als er sich auf der Schwelle "och einmal umsah, kam der zweite Wunsch dazu: Und ein Heim müßte man haben, aber ein wirk­liches Heim ...

Ein Heim müßt« man haben, dachte im gleichen Augenblick wehmütig bie Sekretärin Lieschen Liebig einige Straßen weiter entfernt, unb sie entsann sich mit einem kleinen Seufzer der Behaglichkeit des Elternhauses. Mit einem letzten, unwilligen Blick streifte sie bie kalte Pracht bes möblierten Zimmers unb eilte bie Stufen hinunter, um bie Straßenbahn noch zu erreichen. An ber Haltestelle mußte sie eine Minute warten, unb diese Minute war ihr langst zu der gleichen Selbstverständlichkeit geworden wie etwa die halbe Stunde Mittagspause oder der hastige Abendeinkauf eine Viertelstunde vor Ladenschluß.

Gewohnheitsmäßig sah sie dabei an den Häuser­fronten der gegenüberliegenden Straßenseite hinauf. Junge Frauen öffneten dort oben die Fenster und blickten ihren Gatten nach, eine von ihnen hielt ihr kleines Kind im Aim und ließ es winken. Da kam es wie Neid über die Sekretärin. Einen Augen­blick nur, bann gab sie sich einen innerlichen Ruck und schalt sich töricht. Was willst du denn vom Leben? sprach sie streng zu sich. Du bist eine Waise unb fünfunddreißig Jahre alt. Du hast einen Be­rus unb hast dein Auskommen. Was willst du mehr?! Unb trotzdem blieb eine große, geyeime Sehnsucht in ihr zurück ...

Es konnte sein, daß Fritz Fröhlich und Lieschen Liebig auf ihrer Fahrt ins Geschäft bas gleiche Werbeplakat hinter den Fenstern des Reisebüros erblickten, unb es mochte beide der gleiche Gedanke durchzucken: Einmal weit, weit weg von dieser Enge und das liebe, schöne, bunte Leben wenigstens in ben Ferien suchen! Sie trafen sich vierzehn Tage später in Mittenwald, aber sie kannten einander nicht, denn der Buchhalter fuhr um eine Straßen­bahn früher ab als Lieschen Liebig. Zehn Jahre lang verpaßten sie sich genau um fünf Minuten.

Der liebe Leser denkt nun sicher: Weshalb noch viele Worte machen?! Man kennt doch noch solche Ge­schichten! Sie lernten sich kennen, achten und am ©nbe lieben. Ferienzauber und Sonnenglück! Beide bekommen ihr Heim und ihre Ordnung. Fritz Fröh­lich hat seine Gefährtin, der er alles sagen kann, was ihn bewegt, und Lieschen Liebig ward an den schönen Sommermorgen nun selber lachend am te^cn ""b ihrem Buchhalter nachwinken, vchluß! Leider ist das liebe Leben komplizierter. Der Buchhalter lebte in der frischen Bergluft auf unb fühlte sich nach wenigen Tagen wie neuge- b°ren- Fünfzehn Jahre Vergangenheit fielen von tbm ab, er wurde lebhaft unb gesprächig, unb weil er |id) voll des jungen Lebens fühlte, gingen seine -bilde achtlos über das alternde Mäbchen hinweg und suchten die Zwanzigjährigen. Er fand Renate, einen luftigen, hübschen Blondkopf von einund­zwanzig Lenzen und verliebte sich in sie, wie er einmal vor zwanzig Jahren verliebt gewesen war.

Renate konnte mit ihm machen, was sie wollte, er war Wachs in ihrer Hand. Sie trieb ihn lachend aur die Brunnsteinspitzk unb durch das Wasser des Lautersees bis er vor Muskelkchmerzen, Sonnen- brand und Liebssweh schier verzweifelte unb an einem kühlen Abend geheime Sehnsucht nnch dem runden Tisch und der Ruhe des kleinen Zimmer-;

verspürte. Am Morgen aber schleppte er sich auf wunden Füßen vor das Haus der Angebetenen, die ihn hinter den Vorhängen lachend kommen sah und eine neue Tagestour ersann.

Die Sekretärin ging allein und suchte sich stille Wege. Auch sie fühlte sich jung werden unb be­trachtete mit stiller Freude ihr gebräuntes Gesicht im Spiegel. Die wunderbare, große Bergwelt nahm ihr die quälenden Gedanken liebe: ll ab unb be­schenkte sie dafür mit der großen Heiterkeit und Ruhe des gereiften Ledens. Auch bie Sehnsucht nach einem Heim und einem Glück klärte sich im Schwei­gen der Berge unb wurde zu einer kleinen Hoff­nung. Als sie eines Abends von der Mittenwalder Hütte herunter kam, stutzte sie, denn sie sah einen Mann einsam unb traurig auf einer der Bänke am Wegrand fitzen. Ihre Blicke trafen sich flüchtig, bann stützte der Mann wieder fern Gesicht in die Hände. Wie kann man schwermütig inmitten solcher Schönheit sein, dachte sie unb ging eiliger bergab, denn sie wollte ihre Sonnentage mit keinem trüben Gedanken belasten, unb der Mann auf der Bank hatte etwas Verlassenes an sich, das an ihr eigenes Schicksal rührte.

Der Buchhalter Fritz Fröhlich sah ihr nach, wie sie beschwingt ins Tal eilte. Anfang dreißig, schätzte er müde, sieht gut aus. Auch so eine Einsame. Dann stand er auf, ging in den Ort hinunter und packte seinen Koffer. Der Jugendtraum war ausgeträumt. Es blieb eine große Müdigkeit unb eine große edjam. Renate hatte vierzehn Tage lang mit ihm gespielt, gut gespielt. Vielleicht auch nicht gut. Er war ja blind gewesen. Nun sah er klar. Sie wollte einen jungen Menschen eifersüchtig machen, und da- 3, brauchte sie einen Fritz Fröhlich. Einen unge­fährlichen, vierzigjährigen Buchhalter. Das Spiel des Mädchens war gelunaen, sie ging nun mit ihrem Jungen über die Berge, und die Leute sagten, es sei ein schönes Paar und passe zuein­ander ...

Der Buchhalter Fritz Fröhlich und die Sekretärin Lieschen Liebig waren längst wieder im Dienst unb oamit im Gleichmaß ihres täglichen Lebens, da ge­schah es, baß sich ber sonst so peinlich pünktliche Junggeselle eines Morgens um fünf Minute ver­spätete und mit dem Gefühl, dadurch roh unb grau- fam in das feine Räderwerk der Welt eingegriffen zu haben, der Straßenbahnhaltestelle zueilte.

Da sah er die Sekretärin stehen unb erkannte das Mädchen, bas von der Mitien alber Hütte kam 2wch sie wußte auf den ersteq Blick, daß bas der

einfame Mann auf der Bank am Wege war. Sie erröteten beide unb grüßten verlegen. Die Sekre­tärin stieg auf ben oorberen Wagen ber eben an­fahrenden Straßenbahn, der Buchhalter auf ben Anhänger. Als sie abstieg, sah sie sich flüchtig um und erkannte, daß er ihr nach gesehen hatte, wenn er auch rasch ben Kopf zurückzog. Seitbem ver­spätete sich der Buchhalter Fritz Fröhlich mit gro­ßer Pünktlichkeit an jedem Morgen um fünf Mi­nuten. Unb einmal stiegen bie beiben auch in ben gleichen Wagen ...

Der geneigte Leser kann nun doch noch auf­trumpfen, denn er behält am Ende recht. Wie es nun einmal nicht anders ist: Die für einander be­stimmt find, finden sich auch, und wenn sie einen Umweg von vielen hundert Kilometern unb über manche Irrung machen müssen.

Grschichien von Liliencron.

Detlev von Liliencron, dessen 30. Todestag sich am 22. Juli jährt, war bekanntlich sein ganzes Leben lang von Gelbsorgen verfolgt, die schon dar­um nie ein Ende nahmen, weil der Dichter, wenn ihm jemals Geld in die Hände kam, es sofort in ber großartigsten Weise verschwendete und bann wieder wirklich darben mußte. Selten verlor er babei seinen Humor. Eines Tages erschien bei ihm ein Gläubiger, ber ihn schon lange bedrängte. Wann bekomme ich endlich mein Geld?" rief er. Haben Sie Geduld, mein Herr", erwiderte Lilien­cron,eben hat ein schönes Gedicht das Licht der Welt erblickt, weil es Geduld hatte."Was gehen mich Ihre Gedichte an, ich will mein Geld haben!" Das haben Sie schon vor vier Wochen gesagt!" Nun, unb habe ich etwa nicht Wort gehalten?"

*

Liliencron verehrte seinen Landsmann Theodor Storm. Einmal saß er bei einem Festessen neben Storm. Da geschah es, daß Storm eine Flasche mit Rotwein umgoß. Hilfreiche Damen eilten hinzu, und bald war alles wieder in Ordnung. Ein Ber­liner Gast, der neben Storm saß, konnte es sich aber nicht versagen, spöttisch zu fragen:Sagen Sie, Herr Storm, macht man so was in Ihrer Heimat öfter?" Storm antwortete nicht gleich, da klang in die Stille Liliencrons Antwort:Jawohl, mein Herr, aber niemand nimmt Notiz davon."