Ausgabe 
17.6.1939
 
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Nr. 159 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

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Wehrraum und Lebensraum.

Von Horst von Mehsch, Generalleutnant z V.

Zum deutschen Stolze unserer läge gehört, einen Wehrraum zu besitzen, dem wesentliche größere Ver- lcidigungsmöglichkeiten anhasten, als 'das einstige Kleindeutschland sie hatte: Das österreichische Vorfeld deutschfeindlicher Mächte ist als solches nicht mehr vorhanden. Jugoslawien, einst als Bindestück feind­licher West- und Ostmächte gedacht, ist freundschaft­lich der Achse angenähert. Die tschechoslowakische Minenkammer- i|t ausgeräumt. Hunderte von zu deckenden Grenzkilometer längs Schlesien, Sachsen und Bayern können durch die kleine Grenzstrecke zwischen Oberschlesien und der Ostmark gedeckt wer­den. Vor der Militärzone zwischen Preßburg und dem Jablunka-Gebirge liegt die Slowakei als räum­licher Schutz, und südlich davon breitet sich Ungarn als eine der befreundeten Antikomintern-Mächte aus. Das benachbarte Italien ist militärisch ver­bündet. Die Adria ist seit der italienisch-albanischen Personal-Union in einen Hafen verwandelt, dessen langgestreckte Küsten nur noch am schmalen Süd­ausgang, der etwa siebzig Kilometer breiten Straße von Otranto, geschützt zu werden brauchen. Und inanches verkehrstechnische Problem zwischen Ham­burg und Budapest oder zwischen Stettin und Triest ober zwischen Schlesien und Baden ist gelöst oder reift feiner Lösung entgegen. In wie vielen einstigen Kriegen ist um viel Geringeres recht viel kostbares deutsches Blut geflossen!

Wir sehen ganz ab von dem gewaltigen Plus an Widerstandskraft, das der Führer durch die West­befestigungen geschaffen hat. Wir verzichten auch auf eine Erörterung der zahlreichen Einzelmittel, die ein erweiterter einheitlicher Raum zur Steigerung seiner Wehrstärke bietet. Uns kommt es nur auf den Hinweis an, daß zwischen der Helgoländer Bucht und dem Ionischen Meer oder zwischen der Ostsee und der lybischen Wüste ein Wehrraum ent­standen ist, der mehr als eine Achse, der eine Abwehrzone von achtunggebietender Widerstands­kraft ist. Gewiß, sie hat auch Schwächen, Wir brauchen sie nicht zu nennen. Wir können es dem Ausland überlassen, sie zu entdecken. Aber die mit der Lupe nach solchen Lücken suchenden Ein­kreisungsmächte wissen nur allzu gut, um wieviel die Stärken überwiegen und was der räumliche Zusammenhang, die unmittelbare Nachbarschaft und das Hineinragen der beiden Achsenmächte in drei Meere wehrpolitisch bedeuten.

Dennoch dürfen wir uns nicht darüber täuschen, daß der Wehrraum als Lebensraum zu klein ist, daß er also 'der wirtschaftlichen Ergänzung von außen her bedarf. Nicht so zwar ist das gemeint, daß wir Deutsche von einem caiichemar disolation, von schlotternder Angst vor einer zweiten Weltkriegsblockade gepeinigt sein müßten. Es gibt heute ganz andere und auch zahlreichere blockadebrechende Mittel als 1918. Wir wollen nur darauf Hinweisen, daß sich die Nation, auf den Wehrraum beschränkt, wohl behaupten, aber nicht entfalten, das heißt ihren Lebensstandard nicht heben kann. Darin liegt ja doch das Unvernünftige, man kann auch sagen: das Unsittliche der eng­lischen Einkreisungsidee, daß der Engländer zum Beispiel den rumänischen Weizen kauft, nicht weil England ihn braucht, sondern damit Deutsch­land ihn nicht erhält. Oder: Hudson und Stanley bogen von Berlin nach Warschau ab, nicht weil die englisch-deutschen Wirtschaftsveryandlungen aussichts­los wären, sondern weil das aufstrebende Reich in wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit gestoßen werden soll. Leith Roß, der erste Wirtschaftsberater des britischen Empire, nimmt lieber verärgerte Domi­nien, denen das Mutterland nicht genügend äb- nimmt, in Kauf, statt den guten deutschen Kunden am englisch-deutschen Güteraustausch erstarken zu sehen. Roosevelt läßt sich lieber den unrentablen wirtschaftlichen Druck auf die ibero-amerikanischen Staaten angelegen sein, als einem südamerikanisch­deutschen Handel Vorschub zu leisten, der sowohl für die ABC-Staaten wie für das Deutsche Reich recht rentabel sein könnte.

~ Die Einkreisung bedeutet also wirtschaftliche Schrumpfung für alle Beteiligten, weil keiner sich auf seinen Wehrraum beschranken kann, vielmehr jeder nach einem wirtschaftlich erweiterten Lebens­raum trachten muß. Wer den Frieden ernsthaft will und den Krieg wirklich zu vermeiden sucht, muß daher den Lebensraum, nicht den Wehrraum für das Entscheidende halten. Wer nicht von solcher Friedensliebe erfüllt und durchdrungen ist, fordert heraus, daß zusammengepreßte wirtschaftlich not- leidende Völker nicht ruhen und nicht rasten, bis sie das Ziel: Wehrraum = Lebensraum erreicht haben. Das wußte schon Clausewitz. Das könnten Neville Chamberlain und seine Leute auch wissen. Aber das will man in London nicht wahr haben, weil man das irreführende Gesicht der defensiven Einkreisung als einer angeblich harmlosen Abwehraktion wahren will.

Vergebliches Bemühen! Kein Gott wird aach- weisen können, daß der englisch-türkisch Beistands­pakt, der der englischen Flotte die Dardanellen öffnen soll, damit man in Warna oder Constanza merke, wohin Rumänien und Bulgarien gegebenen­falls die Front zu nehmen haben, irgendwie lebens­notwendig für Großbritannien fei. Jeder Sterbliche wird dagegen um "so leichter begreifen, daß der euro­

päische Südosten und die deutsche Mitte sich lebens­notwendig brauchen, ohne den britischen Lebensraum dadurch auch nur im geringsten zu gefährden.

Damit ist der Kernpunkt aller deutsch-englischen Spannungen umschrieben. Sie können nur bann endgültig gelöst werden, wenn man in England an­erkennt, daß der deutsche Lebensraum über den festländischen deutschen Wehrraum hinausragen muß und in das britische Empire hineinragen kann, ohne dessen Wehrbelange irgendwie zu beeinträchtigen. Wenn schon die nachgerade traditionell gewordene militärische Invasionssorge der Bevölkerung von London unbegreiflich ist die britische Furcht vor einer beutschwirtschastlichen Invasion in das britische Weltreich ist es erst recht. Sie hat vor nunmehr fast fünfundzwanzig Jahren die Katastrophe aus- gelöst, an der die Völker noch heute kranken. Der tragische Vorgang muß sich wiederholen, wenn das unvermeidliche Sichüberschneiden der Lebensräume der großen Nationen nur noch durch ein hemmungs­loses Sichübertrumpfen im Rüsten lösbar erscheint. Eine so miserable kurzsichtige Politik ist durch die besten Waffen nicht gutzumachen. Eine weisere müßte die Räume zum Leben anders, das heißt gelassener und kühler, sehen, als die Räume zum Kämpfen.

Polens industrielle Rüstung.

In der polnischen Pressenimmt man zu der schweren wirtschaftlichen Belastung, die die ständige Mobilisierung dem Lande auferlegt, Stellung und gibt den großen Besorgnissen für die Zukunft Aus­druck. Zu den riesigen rein militärischen Ausgaben zählen jedoch auch diejenigen für den Aufbau der Rüstungsindustrie. Die Industrialisierung des Agrar­staates Polen ist vor etwa zwei Jahren mit dem Beginn des Ausbaues eines neuen zentralen Indu­striegebietes in ein neues Stadium getreten. Das industrielle Schwergewicht des polnischen Staates von 1918 lag in den ehemals reichsdeutschen und österreichischen Gebieten, in der ostoberfchlesi- sch en Schwerindustrie und in der gali­zischen Oel- und Kaliförderung. In Kongreßpolen selbst waren lediglich Lodz mit seiner bedeutenden Textilindustrie und War­schau mit Betrieben der verschiedensten Branchen industrielle. Zentren von einigem Gewicht, während der weite Osten des Landes wirtschaftlich und indu­striell wenig erschlossen war.

Wenn man mit der Planung des neuen zen­tralen Industriegebietes auch das Ziel der Her­stellung eines besseren Gleichgewichtes der Kräfte innerhalb des Landes anfteuerte, so sind dabei von entscheidender Bedeutung doch die rüstungspolitischen Erwägungen gewesen, ging man doch von vorn­herein hm auf aus, hier im Zentrum Polens fern­ab von allen Grenzen rüstungswichtige Be­triebe zu errichten. Die Voraussetzungen für eine

stärkere Industrialisierung gerade dieses zeytral- polnischen Gebietes schienen auch sonst in erheblichem Maße gegeben zu sein, weil sich hier reiche Bodenschätze finden, weil als Energie- querten Wasserkräfte, ferner Kohle und Erdgas aus den benachbarten Gebieten reichlich zur Verfügung stehen.

An Bodenfchätzen finden sich in diesem rund 50 000 qkm großen, von fünf Millionen Menschen besiedelten Gebiet Eisenerze, Kupfer-, Zink- und Bleierze, Pyrit, Phosphorite, Ton, Bausteine u.a.m. Neben den schon lange bekannten Eisenerzlagern bei Kielce find insbesondere die Erzvorkommen im Süden des Gebietes im Karpathenvorlande zwischen Tarnow und Rzeszow von Bedeutung, die erst jetzt neu erschlossen sind. Da von einer Erforschung der Bodenschätze in diesem Gebiet erst seit zwei Jahren die Rede sein kann, darf hier noch mit weiteren Funden gerechnet werden.

Wenig güystig sind vorläufig noch die Ver­kehrsverhältnisse im neuen Industriegebiet. Die wichtigste Verkehrsader des Gebietes ist die Weichsel, an deren Regulierung mit dem Zwecke der Schiffbarmachung für größere Einheiten schon seit zwei Jahren gearbeitet wird. Auch das Stra­ßennetz (es handelt sich um einen ehemaligen russischen Grenzbezirk) ist durchaus ungenügend und muß ausgebaut werden. Die Dichte des Eisen­bahnnetzes beträgt nur etwa ein Drittel der­jenigen von Posen und Pommerellen, lieber Aus-.

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dauprojekte ist man aber noch nicht hinaus­gekommen.

Wesentlich günstiger steht es um den Ausbau der Energiewirtschaft, der schon stärker gefördert werden konnte. Die Hauptgrundlage der Elektrizitätswirtschaft sollen die Wasserkräfte der Gebirgsflüsse San und Dunajec bilden. Mehrere Großwasserkraftwerke sollen über das neue Indu­striegebiet hinaus Süd- und Mittelpolen mit Strom beliefern. Das Wasserkraftwerk Noznow am Duna­jec, das voraussichtlich im Lause des nächsten Jahres betriebsfertig fein wird, soll die angeblich größte Talsperre Europas erhalten. Der Hauptstrang des Erdgasleitungsnetzes ist bereits über Sandomir hin­aus in Richtung Warschau bis Lubieni ausgebaut. Verschiedene Zweigleitungen sind ebenfalls schon in Betrieb.

Bereits vor der Inangriffnahme des neuen In­dustrieplanes bestanden im zentralen Industriegebiet einige Rüstungsbetriebe, in denen Pulver, Munition, Flugzeuge und Gasmasken hergestellt werden. In den letzten Jahren sind dort mehrere bedeutende Betriebe teils auf privater, teils auf staatlicher Kapitalgrundlage neu erstanden. Da ist vor allem das Edelstahlwerk derSüd werke", die neue Waffenschmiede Polens, 30 km südwestlich von Sandomir, zu nennen, das bereits im letzten Jahre teilweise in Betrieb genommen wurde. Nach Möglichkeit soll der industrielle Ausbau des zentralen Industriegebietes von der privaten Initiative getragen werden. Aber bei dem verhältnismäßig geringen Umfang der privaten Kapitalbildung und dem Fehlen eines leistungsfähigen Kapitalmarktes

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.kann letztlich doch nur der Staat der Haupt- träger einer planmäßigen Industrialisierung mit dem Ziel einer Rüstungsstärkung sein. In der -Lat wird von den beträchtlichen Jnvestitionssummen, die im Staatshaushalt laufend vorgesehen sind (in diesem Jahre sollen aus öffentlichen Mitteln rund 1,25 Milliarden Zloty investiert werden), der größte Teil für die Stärkung des Rüstungspotentials der polnischen Wirtschaft aufgewendet. (Zeichnung: H. Betkowski Scherl-M.)

Die Kornblume im Glanz -es Fischsilbers. Der Volksbund fürdas Deutschtum im Ausland veranstaltet am 24. und 25. Juni aus Anlaß desTags des deutschen Volks­tums" eine Straßensammlung, bei der achtzehn verschiedene Abzeichen aus Gablon­zer Glas vertrieben werden. Zehn dieser Ab­zeichen stellen Trachten des auslandsdeutschen Volkstums dar: Gottschee, Siebenbürgen, Zips, Schleswig, Wolhynien, Banat, Hartau-Harta, Wolgadeutsch, Batschka und Baltikum das sind die Heimatsländer der Trachtenfiguren, die auf weißem, mattierten Glas sich farbenprächtig ad- heben. Hinzu kommen fünf verschiedene K o r n « blumenmufter, ein Edelweiß, ein A b - ZeichenDeutsche in Heberfee" und ein Abzeichen mit dem mit einer Aehre geschmückten D V A.- S i g n u m. Ein Abzeichen aber strahlt einen ganz besonderen Glanz aus: eine Korn­blume, die im Hellen Silberschein glitzert.

Die Gablonzer Glasindustrie hat sich hier eines uralten Verfahrens bedient: Das Silber, das auf die gläserne Kornblume aufgespritzt ist, ist nichts anderes als Fifchsilber, das von den Schup­pen des Ukelei ober des Silberfischchens -gewonnen wird. Zu Beginn der kalten Jahreszeit werden Mil­lionen Zentner des Ukelei, eines winzigen Fischchens, gefangen. Millionen Zentner dieser kleinen Fifchchen sind nötig, um aus den silberglänzenden Schuppen in einem höchst verwickelten Arbeitsvorgang das

Besuch bei Heinrich Lersch.

Zum Todestage des Dichters am 18. Juni.

Und wenn du mal nach Gladbach kommst, hatte Freund Hein gesagt, bann kommst du auch nach Neu­wert heraus und besuchst mich da. Unsere Werkstatt liegt gleich an der Haltestelle der Straßenbahn. Du brauchst nur nach Lerschs Kesselschmiede zu fragen. Jedes Kind kann dich führen.

Ja, statte ich geantwortet. Sobald es sich machen laßt, komme ich nach Gladbach und besuche dich. Nun fuhr ich endlich. Da lagen die fruchtbaren Felder des Kempener Landes mir zur Seite. Hoch und golden stand das Korn. Lange" Pappelreihen wechselten ab mit grünen Ellerbüschen, Sandgruben mit Wasser­gräben. Dann rückten die ersten Fabriken heran. Baumwollspinnereien. Es war eben Mittagspause, und junge Spinnerinnen in ihrer kleidsamen Ar­beitstracht standen vor allen Toren, gingen auf allen Wegen. Mir war, als müßte ich sie kennen. So oft hat Hein Lersch von ihnen erzählt.

Nun bin ich in Glabbach. Gleich links am Bahnhof vorbei geht es zur Nei)dter Straße. Ein Stück bie Bahn entlang, bann geht es links ab, unb nun stehe ich vor der alten Schmiede.

H. u. P. Lersch ist an dem großen Tor zu lesen, hinter dem gleich die Welt der Arbeit beginnt. Eine große Walze steht da, bereit, bie schweren Kesselbleche zu biegen. Ein Kettenkran hängt in der Luft. Eisen liegt herum und kündet von der Arbeit, die hier getan wurde und anderer Arbeit, die noch getan werden soll. Drüben eine Wellblechbaracke unb über der Werkstatt bie schmalen Fenster, hinter benen Der Dichter so viele Jahre seines Lebens gelebt. Unten liegt bie Schmiede. Da hängen bie Zangen in langer, wohlgeordneter Reihe. Die Bohrmaschine steht da und neben dem Anüwß liegt der Hammer, den Heins Hand so oft umfaßte. Da brennt auch bas Feuer, in dessen Leuchten die Sehnsucht nach der Glut der Sonne Italiens lebendig wurde in dem jungen Dichter, der Drang in die weite Welt, nach der er sich verzehrte, wenn er neben dem Vater stand und Schlag auf Schlag auf das glühende Eisen her­niederfiel. Und vor dem Tore der Werkstatt, ach ja, da sind die guten Straßen noch, die nach Holland und Belgien hineinführen. Die alten Straßen, auf denen Hein Lersch mit Freund Leishelm nach Antwerpen marschierte, damals, lange vor dem Kriege. Und bie anberen Straßen gehen von hier fort, die zum Rhein führen und von da weiter durch

das schöne Deutschland bis nach Wien hinunter, wo der junge Handwerksbursche zum erstenmal ein Ge­dicht aus seinem Herzen nicht nur las unb fühlte, fonbern auch roch; benn auch das war für ihn einmal das höchste Glück: ein junges Werk, frisch aus der Druckerei kommend, in bie Hand nehmen unb bie noch nicht trockene Druckerschwärze riechen zu bürfen. Ja, soviel ist zu erzählen von bieser kleinen Schmiede, bie noch ganz so eng unb verwinkelt ist wie sie immer war, soviel im Laufe ber Jahre auch hinzugekom- men ist.

Ja, es ist alles noch so, wie ber Dichter es ge­schildert hat, wie es in seinem Werk lebendig wurde auch für den, ber nie einen Fuß hierher­gesetzt. Nur bie Nietkolonne, bie ihren' Hellen Takt in ben Tag hineinhämmert wirb man heute ver­gebens suchen. Dafür zischt ber Brenner bes Schweißapparates über bie Kanten ber Bottiche, bie für die Webereien Gladbachs bestimmt sind. Bruder Leo, der dem Dichter so ähnlich sieht, wie nur ein Bruder dem Bruder ähnlich sehen kann, ist gerade dabei, eine Platte, aus ber ein Behälter geschweißt werden soll, mit dem Schneidbrenner zu zerschneiden. Da sprühen die Funken unb ver­mischen auf bem kühlen Boben unb bie Haare fallen bem Arbeitenden, so kühn ins Gesicht, baß man einen Augenblick glauben kann es ist Hein, ber ba schafft, wie er ehebem hier schaffte. Aber es ist ber Dichter nicht. Nur bas Blut in biesem Manne ist bas gleiche, bie Lust am Dröhnen ber Kessel unb bie Freude am Pink-pink bes Hammers auf bem flingenben Amboß. Unb ber ewige Himmel, ber über bem Hof sich wölbt unb bas Singen ber Vögel, bie braufeen vorüberfliegen. Der aber, ber einst hier gesungen, daß ganz Deutschlanb ihn hörte, liegt lange stumm und schweigsam braufeen an ber Diersener Straße in bem wunberschönen Park, in bem bie Gladbacher ihre Toten bestatten. Ein paar Wacholderbüsche stehen neben bem Grab, das mit Rosen bedeckt ist und duftet, wie eben der Sommer duftet. Und Sommer war es, als Hein Lersch den stummen Notweg hier herausgefahren wurde. Som­mer in der Natur unb Sommer auch im Leben des Dichters, in bem alles in Reife ftanb unb bereit war, bie Ernte einzubringen für ben Herbst unb Winter, ber ba kommen sollte. Heinrich Lersch hat den Herbst nur ahnen können und der Winter des Lebens blieb ihm, ber ben Wintern ber Heimat so oft entfloh, weil seine Lunge bie kalten Winde nicht vertrug, erspart.

lieber sein Grab hin fingen bie Vögel bes Som­mers und ein Freund bringt einen stummen Gruß. Wie ein Gebet so still und so voll Anbach. Ja,

Freund Hein, ich bin gekommen, dich zu besuchen. Zu spät zwar für den Lebenden, aber nicht zu spät, bes Gestorbenen zu gedenken und seines Wer­kes. Und den Geist deines Werkes zu atmen in einer Umgebung, die deine Welt war und die nun für uns alle eine freie Arbeitswelt geworden ist.

Erich Grisar.

Berühmte alte pflanzenbilder eines hessischen Botanikers.

Eine Sammlung von Pflanzenbildern, die der Bo­taniker Johann Jakob D i l l e n i u s bei feinem Tode im Jahre 1747 hinterließ, wurde in England wieder aufgefunöen unb sofort von bem Britischen Museum für Naturgeschichte erworben. Sie würben entberft, als man eine Anzahl alter Familienpapiere orbnete, unb von ben Botanikern bes Museums als die feit 200 Jahren fehlenden Zeichnungen, die in der Ge­schichte der Botanik eine große Rolle spielen, erkannt. Dillenius war im Jahre 1687 in D a r m st a d t ge­boren und studierte an der Universität Giefeen, an der er auch Professor wurde. Im Jahre 1721 wurde er nach England berufen und erhielt,die erste Professur für Botanik an der Universität Oxford. Seine Zeichnungen, Briefe und Manuskripte wurden nach seinem Tode von seinem Nachfolger Professor Sibt Horpe angekauft, verschwanden dann aber, und obwohl die Gelehrten von ihrem Vorhandensein und von ihrer Bedeutung wußten, war es bisher nicht möglich gewesen, sie wiederzufinden, so daß sie in den botanischen Werken als unwiderruflich ver­loren bezeichnet wurden.

Es sind im ganzen nahezu 700 Zeichnungen, die Dillenius als Pflanzenzeichner von hohem Range zeigen, und die von großer historischer Wichtigkeit sind. Besonderes Interesse darunter haben Zeich­nungen und Notizen über seltene Pflanzen, die wäh­rend einer Reise durch Wales im Jahre 1726 von Dillenius gefunden wurden; darunter befinden sich auch das insektenfressende gemeine Fettkraut und eine Anzahl Enziane. Eine grofee Zahl der Zeichnungen sind die Originale für die Illustrationen der dritten Ausgabe von RaysSynopsis stirpium Britanni- carum11, die von Dillenius herausgegeben wurde; die Zeichnungen lassen deutlich die Merkmale ihrer Benutzung für Kupferstiche erkennen. In der Samm­lung befindet sich auch ein Manuskript von 29 Seiten über Wasserpflanzen, das in den bisher veröffent­lichten Werken des großen Botanikers noch nicht ge­funden werden konnte.

Zeitschriften.

Das Innere Reich". Zeitschrift für Dichtung, Kunst und deutsches Leben. Herausgeber: Paul Alverdes. Verlag Albert Langen /Georg Müller, München. Das Juni-Heft wird eingeleitet, mit Adalbert Stifters Versöhnungswunsch für Böh­men. Danach lesen wir aus Josef Weinhebers WeihespielDie hohen Zeichen" den TeilDie Reichsinsignien". Wilhelm Schäfer erzählt fünfzehn neue Anekdoten. Ernst Bertram hat aus seinem Weilburger Merkbuch eine SpruchsammlungAus­blicke" zusammengestellt. Paul Schmitthenner, der mit dem Erwin-von-Steinbach-Preis ausgezeichnete Stuttgarter Architekt, umreißt Wesen unb Bedeu­tung desUnscheinbaren in ber Baukunst"; elf Ab- bilbungen veranschaulichen seine Ausführungen. Ebgar Maaß betreibt in seinem Aufsatz über Thoreau" Möglichkeiten unb Verlust bes Ameri-' kanertums. Mit ben ersten brei Akten seiner neuen TragöbieRebellion um Preußen" beschliefet Frieb- rich Bcthge bie Reihe ber großen Beiträge. Gebichte von Siegbert Stehmann, Ernst Bertram, Friedrich Bischoff unb Georg Britting vertiefen ben Einbruck einer schönen Mannigfaltigkeit, ben bieses Heft bietet.

A u.s ber Natur" (Der Naturforscher"), Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelbe. Beru­fene Sachkenner unb Forscher kommen auf ihren Sonbergebieten im Juni-Heft zu Wort. In seinem AussatzDie Pslanzenheilkunbe einst unb jetzt" zeigt Hugo Hertwig, baß es möglich unb nötig ist, bie alte beutsche Kräuterkunbe neu zu beleben. Der Vogelkunbler Friebrich von Lucanus spricht über bie Kunst ber Vogelnester, bie gerabe in jetziger Jahres­zeit roieber zu berounbern ist. Erna Mohr berichtet über ben neuesten Stanb ber Zucht von Wisenten unb Wisentbastarben. E. Schuhmacher, Teilnehmer ber Sübamerika-Expebition von Professor Dr. Krieg, hat basMurmeltier" ber südamerikanischen Kor dilleren entdeckt. Professor Dr. Bersin (Marburg) gibt einen Ueberblirf über kristallisierte Fermente unb führt bie Wirkstoffe in reinster Form vor Augen. Die FrageWie steht es heute um den Walnußbaum?" beantwortet Werner Cronbach. Günther Olberg gibt in seiner AnregungPflanzen­aufnahmen für wissenschaftliche Zwecke" praktische Anleitungen zur Naturphotographie, bie mit Beginn bes Sommers geeignete Motive sucht. Das Juni- Hef wirb abgerunbet burch kleine Beiträge aus allen Gebieten ber Naturwissenschaften, Berichte über Forschungsergebnisse, Bücherbesprechungen, bie Liste der Neuerscheinungen und die Preisfrage.