m. 242 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, ib. Oktober (YZY
Aus der Stad« Gießen.
Schuhe pflegen spart Geld und Leder.
„Mutti, ich brauche neue Schuhe!" Das ist ein Ausruf, der jeder Mutter heute einen Seufzer entlockt: denn he weiß, wie notwendig unsere Soldaten alles, was mit Leder zusammenhängt, gebrauchen und welch empfindliche Ausgabe ein Paar neue Schuhe bedeutet. Aber durch richtige Pflege laßt sich mancher Schuhkaus weiter hinausschieben.
Ein Rezept aus Großvätertagen sagt, man solle neue Schuhe mit Lederöl tüchtig und oft einfetten besonders die Sohlen, die dadurch viermal so lange halten. Daß unsere Kleinen wahre Reißteufel in bezug auf Schuhsohlen sind, weiß jede Mutterdarum soll s,e den Jungens ruhig Eisenzwecken auf die Sohlen geben lassen. Das vermindert die Abnutzung der Sohle um ein Bedeutendes. Außerdem macht sie dem Jungen damit noch eine Freude- mit einem festen Schritt rückt er seinem größten Wunsch näher, er marschiert jetzt wie ein Soldat! Ist das Kind zu Hause, zieht man ihm selbstverständlich Hausschuhe an, damit es mit seinen Eisenzwecken iveder zu viel Lärm macht noch Teppiche und Fuß- »öden ruiniert. Außerdem schont es damit die Straßenschuhe. Bringen Vater und Kinder recht chmutzige Schuhe nach Hause, dann wird die kluge Hausfrau nicht erst warten, bis der Schmutz daran rocken wird, um ihn dann mit einer scharfen, das )berleder angreifenden Bürste zu bearbeiten, son- ern sofort nach dem Ausziehen, solange der Schmutz noch feucht ist und sich leicht entfernen läßt, vird sie die Schuhe mit einem nassen Lappen von iem Schmutz reinigen, trocken reiben und dann kehen lassen, bis sie auch von innen ausgetrocknet ind. Natürlich darf das keinesfalls am Ofen ge- chehen. Leder muß langsam und nicht in der Hitze rocknen. Dann läßt sich am nächsten Morgen der ^chuh mit Schuhkrem behandeln und wird blitz- lank.
Ein anderes Sorgenkind sind die schiefgetretenen Absätze, denn man muß sie zum Schuster bringen, bgleich sie eigentlich noch gar nicht kaputt sind, i-eilich liederlich aussehen. Dagegen gibt es ein anz einfaches Mittel: sind die Absätze neu gemacht, 0 läßt man sie vom Schuster an der verfänglichen stelle, das heißt dort, wo man sie schnell wieder chief treten würde, mit kleinen Holzstiften ganz dicht ersehen, möglichst in zwei Reihen nebeneinander, as beeinttächtigt die Eleganz des Schuhes in kei- ier Weise, der Absatz aber bleibt viel länger gerade. Sei Sportschuhen kann man sogar die schief zu tre- tnde Stelle mit kleinen Nägeln versehen lassen, chne daß der Schuh darunter leidet. H. v. L.
Dornotizen.
Tageskalender für Montag.
Reichstheaterzug: 20.15 Uhr im Cafe Leib. — Glo- Üa-PaPast, Settersweg: „Heimatland".
Uraufführung im Gießener Stadttheater.
Das Stadttheater Gießen — Intendant Hermann chultze-Griesheim — hat Shakespeares „Winter- lärchen" in der neuen Übersetzung von Hedwig »chwarz zur Aufführung erworben, die in der Jn- zenie'-ung von Dr. Hannes R a z u m bereits vor- ereitet wird. Damit kommt die neue Shakefpeare- ebersetzerin zum erstenmal auf der deutschen Sühne zu Wort.
Anträge auf Wiedereinstellung
-in die Wehrmacht.
Auf Grund zahlreicher Anfragen wird darauf Angewiesen, daß Anträge auf Wiedereinstellung in fee Wehrmacht nur an die für den Antragsteller öttlich zuständigen Wehrbezirkskommandos oder Wehrmeldeämter zu richten sind. Don der Vorlage sclcher Anträge an die Oberkommandos der Wehr- iwchtsteile ist abzusehen.
Kleine Herbstsinfonie von der Bergstraße.
Allegro moderato.
In der kühlen Frühe schwelt um die Hänge und hohen der aufsteigende Nebel wie schwerer Dampf As den Tälern, wo er sich gleich der Nacht mit ihrem tiefen Dunkel jeden Abend früher und hart- mckiger einnistet. Aber noch immer muß er der Bonne weichen, die groß und prächtig erscheint, bts geraffte Gewölk beiseite schiebt und mit ihren fangen Strahlen bis an die Himmelsenden verdrängt. Leuchtende Bläue überspannt die Hügel Ad Perge und rückt die daran gelehnten Dörfer urb Städtchen in zauberhafte Nähe. Um ihre ziegelroten Dächer schwelgen die Gärten in den bun- ien Feuern und Gluten der lodernden Spätblüten lind des festlich prunkenden Laubs. Marienfeide N)t über den Weg. Unzählige betaute (Spinnern vkben glitzern zwischen Halmen und Hecken wie tonftooö gespannte zierliche Perlenstickereien. Alles ist still, Bäume und Gräser hatten den Atem an, als lauschten sie auf jeden dumpfen Fall eines hongengebliebenen Apfels oder das leise Nieder- fcrfen gewelkter Blätter.
An den Seitenpfaden zu Wingerten und Wald hin, die schmale, tiefe Mulden bilden, prangen die Tildsträucher in den bunten Lichtern ihrer Fichte urb Beeren. Korallen- und karmesinrot: Geißblatt, biafferchütchen und Hagebutten, schwarz und blau- Ichwarz: Hartriegel, Schlehen und nachgereiste Brombeeren, die für den Bedarf mancher Hausfrau Asreichen würden. Dann werden überraschend die üppigen mauerhohen Hecken von Bäumen abge- W, die ihre Wipfel nach der Mitte des Pfades Men und ihn sanft wie ein gewölbtes Kirchen- P'rf eindunkeln: man ist im Wald. Aber immer Jod) begegnet einem da und dort ein einzelner Eßbaum, den Häher oder Eichhörnchen absrchts- fai pflanzten, als sie sich von den Feldern unb Mtplantaaen Wintervorräte sammelten unb Die ^steckten Fruchte selbst nicht mehr alle wieder- Men.
Andante con grazia.
t Ts ist ein weiches, schier geräuschloses Gehen auf kn durchfeuchteten, faft schwarzen Waldboden, per juiveilen von nieder gewehten Blattern grell und tot betupft iff. Man erkennt Ahorn-, Eschen-, Lm= tat« und Hasellaub, während die Buchen lyre
Guter Austakt des Kriegs-WHW. in Gießen.
Mit dem Goldenen Treudienst-Ehren reichen ausgezeichnet.
75000 Abzeichen im Kreise Wetterau restlos verkaust.
Am Samstag und am gestrigen Sonntag stand auch unsere engere Heimat ganz im Zeichen der Eröffnung des Kriegs-Winterhilfs- werks 1 9 3 9/40. Die ersten Sammler für dieses neue große Werk unserer Volksgemeinschaft stellte die Deutsche Arbeitsfront. Ihre Männer, die Be- triebsführer, Gefolgschaftsmitglieder und Angehörige der Werkscharen standen in vorderster Front, ihnen zur Seite standen in unserer Stadt die Männer mehrerer Musikkorps der Luftwaffe und des Musikzuges der SA.-Standarte 116 als eifrige Helfer.
7 5 0 0 0 Abzeichen waren zum Verkauf im Kreis Wetterau bestimmt. Erfreulicherweise kann man heute berichten, daß diese große Menge von Abzeichen nicht nur völlig ausverkauft wurde, sondern schon bis zum frühen Samstagnachmittag restlos abgesetzt war. Bereits am Freitagnachmittag konnte man viele Volksgenossen mit den schönen, deinen Bildheftchen als Spendezeichen am Rock in Öen Straßen sehen, ein Beweis dafür, daß die Sammelarbeit in den Betrieben durch die Betriebs- führer, Gefolgschaftsmänner und Werkscharmänner tatkräftig eingesetzt hatte. Betriebsappelle am Samstagfrüh stellten in zahlreichen Betrieben diele rrste Sammlung und die große Bedeutung des Kriegs-WHW. erneut in den Vordergrund der Aufmerksamkeit und der Opferbereitschaft der Volksgenossen.
Daß der Appell an alle Männer und Frauen starken Widerhall gefunden hatte, konnte man im Laufe des Samstags und des gestrigen Sonntags sichtbar feststellen. Diele Männer und Frauen ttu- gen zwei, drei, ja noch mehr Spendezeichen, keinen
sah man, der nicht wenigstens eines dieser Büchlein als Beweis seiner Spendefreudigkeit trug. Die Sammlung der Spenden gegen Abgabe der kleinen Heftchen trat am Samstagnachmittag in den Straßen der Stadt eigentlich kaum noch in Erscheinung, denn bis zu diesem Zeitpunkt war der ganze Vorrat der Abzeichenheste in Gießen bereits ausverkauft. Soweit die Sammler ihre Tätigkeit dennoch fortsetzten, wurden ihnen von allen Volksgenossen „immer noch einmal" Spenden in die Büchsen gegeben, denn jedermann war sich über die Bedeutung dieser Sammlung und über die Größe der besonderen Verpflichtung des Kriegs-WHW. im klaren. Daher stossen denn auch die Spenden unermüdlich, auch ohne Abzeichen. Zusammenfassend kann man die erfreuliche Feststellung machen, daß diese erste Sammlung für das WHW. ein guter Auftakt für die weitere Betätigung des Gemeinschaftssinnes im Dienste des WHW. war.
Die Musikkorps zweier Abteilungen der Luftwaffe und der Musikzug der SA.-Standarte 116 erfreuten am Samstagnachmittag bzw. am Sonntagvormittag die Straßenpassanten mit Platzkonzerten. Die ausgezeichneten musikalischen Darbietungen fanden bei allen Hörern mit Recht eine sehr beifallsfreudige Aufnahme und waren zu ihrem Teile ein erfolgreiches Stück Mitarbeit für die erste Sammlung zum Kriegs-WHW. Ebenso wie alle Sammler und Spender können auch die Angehörigen der beiden Wehrmacht-Musikkorps und des Musikzuges der SA.- Standarte 116 mit Genugtuung auf diesen ersten erfolgreichen Einsatz für das WHW. zurückblicken.
Die Briefträgerinnen in Gießen.
Die Kriegsoerhältnisse finden im Straßenbild auf mancherlei Art ihren Ausdruck. U. a. sind die Briefträgerinnen eine interessante „Neuerscheinung". Die schmucke neue Mütze, die sie als Angehörige der Reichspost kennzeichnet, fitzt den jüngeren keck und unternehmungslustig auf dem Kopf, und daran kann auch die ernste dienstliche Eigenschaft nichts ändern, die durch diese Mütze ausgedrückt werden soll.
Die neuen Briefträgerinnen nehmen ihre Ausgabe so ernst wie ihre männlichen Kollegen, mit denen sie, jeden Vormittag zweimal, bepackt mit Briefen, Drucksachen und Päckchen Auszug halten aus dem Haus der Hauptpost in der Bahnhofstraße, um sich auf den Dienstweg zu begeben. Einige von ihnen steigen an der Haltestelle Ecke Liebigstraße/Bahnhofstraße gleich in die Straßenbahn, um auf diese Weise ihren entfernten Dienstbezirk am Stadtrand zu erreichen. Der Weg, der dabei zu gehen ist, ist genau vorgeschrieben und bleibt stets der gleiche.
Als sich die Briefträgerinnen zum ersten Male auf den Dienstweg begaben, geschah es in Begleitung männlicher Kollegen, die die Ausgabe hatten, die Berufskameradinnen in den Dienst einzuweisen und ihnen im Einzelnen zu sagen, wie man es am schnellsten, am geschicktesten und am zuverlässigsten macht, die Briese und die übrige Post loszuwerden und damit die auf-getragene Pflicht zu erfüllen. Der Dienstgang wird an jedem Vormittag zweimal unternommen. Dabei sind jeweils etwa 6 Kilometer Strecke zurückzulegen, so daß die beiden Dienstgänge einen „Ausflug" über etwa 12 Kilometer Strecke darstellen. Dabei gilt es natürlich auch einige „Steigungen" zu nehmen, die in Gestalt von Treppen überwunden werden müssen. Der Nachmittag ist für die Briefträgerinnen frei, während ihre männlichen Berufskameraden noch in anderen Stellen des Postbetriebs tätig find.
Wie wir heute auf Anfrage beim Postamt hören, haben sich unsere Gießener Briefträgerinnen bereits sehr gut bewährt, so daß die
Gießener Bevölkerung überzeugt fein darf, daß die Briefzustellung in besten Händen liegt. Es hat bisher noch keine ernste Beanstandung gegeben. Diese Tatsache stellt dem Pflichteifer und der Sorgfalt der als Briefträgerinnen tätigen Frauen und Mädchen das beste Zeugnis aus. Eine der Trägerinnen ist übrigens jetzt zum zweiten Male habet, denn schon während des Weltkrieges stellte sie sich in dieser Weise in den Dienst des Vaterlandes.
Eilpostzustellung auf Krafträdern.
Eine weitere Neuerung wird demnächst bei unserer Gießener Post eingeführt. Da in letzter Zeit der Umfang der beim Postamt eingehenden Eilpost für Gießener Empfänger erheblich gestiegen ist, wurde von der Reichspostdirektion die Verwendung von Krafträdern genehmigt, so daß also in absehbarer Zeit die Eilpost von Briefboten auf den roten Krafträdern der Reichspost auf raschestem Wege zu gestellt werden wird. Diese Neuerung wird sicherlich begrüßt werden. Der Eilbriefzustellungsdienst für den Stadtbezirk Gießen wird von drei Kraftradfahrern versehen werden. N.
Einführung de« neuen Rektors der Universität.
Morgen Dienstag, 17. Oktober, 11 Uhr, findet in der Neuen Aula der Universität die feierliche Amtseinführung des Rektors der Ludwigs-Universität Professor Dr. Kranz, der aus dem Felde vorübergehend zurückgekehrt ist, durch den Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger statt. Als geladene Gäste werden Vertreter der Partei und ihrer Gliederungen, der Landesregierung, der Wehrmacht, der Behörden usw. und Angehörige der Universität teilnehmen. Ordnung der Feier: 1. Einzug der Fahnen. 2. Musikstück. 3. Ansprache des Prorektors. 4. Amtseinführung durch Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger. 5. Ansprache des Rektors Prof. Dr. Kranz. 6. Lieder der Nation. 7. Auszug der Fahnen.
Der Führer hat dem Direktor der Landes-Heil, und Pflegeanstalt in Gießen, Obermedizinalrat Dfc Hermann Schneider, das Goldene Treudienstq Ehrenzeichen für 40jährige treue Dienstzeit verliehen. Die Auszeichnung wurde Obermedizinalrat Dr. S ch n e i d e r am Samstag im Auftrage des Reichsstatthalters Gauleiter Sprenger von Landrat Dr. L 0 tz feierlich überreicht.
KdF.-Variete im Ease Leib.
Am heutigen Montagabend gibt die Künstlerschaft des Reichstheaterzuges im Cafe Leib ein Gastspiel, das der Gießener Bevölkerung wieher' einmal Gelegenheit geben soll, gute Varietekunst kennenzulernen. Sicherlich werben die Künstler (die! schon vielen Arbeitern des Westwalls Freude bereiteten und die nun unterwegs sind, um den Soldaten an der Front die Zeit zu verkürzen) auch auf ihrer Reisepause in Gießen ein dankbares Publikum finden.
Wichtiges von der Brotkarte.
NSG. Es sind verschiedentlich Zweifel aufge» treten, ob die wahlweise Abgabe von Brot oder Mehl auf die Abschnitte der Neichsbrotkarte sich aus sämtliche daraus befindlichen Abschnitte bezieht. Dazu teilt das Landesernährungsamt mit, daß Mehl nur auf die Abschnitte abgegeben werden kann, die den Vermerk „Brot oder Mehl" tragen, Aus lediglich mit „Brot" bezeichnete Abschnitte gibt es also nur Brot, oder Brötchen, oder Zwieback, ober Paniermehl.
Die auf ben Kleinkinberbrotkarten mit einem Kreuz versehenen Abschnitte berechtigen zum Bezug von Mondamin ober Maizena, das auf anders Abschnitte anderer Karten nicht abgegeben wird. Wohl aber können auf diese Kleinkinderabschnitts mit Kreuz wahlweise auch sonstige Nährmittel abgegeben werden.
Der Einsatz der Kraftfahrzeuge.
Das Reichsleistungsgesetz gibt den Fahrbereit^ schaftsleitern die Befugnis zur schärfsten Ausnützung aller Kraftfahrzeuge, und zwar nur für Aufgaben innerhalb folgender Gruppen von Transporten:
1. Bahnhofsräumung: 2. Lebensmittelversorgung; 3. Bedienung der W-Betriebe: 4. Bedienung her W-Baustellen. Alle anderen unwichtigen Transporte haben zu unterbleiben. Privatbauten z. B. dürfen nicht mehr bedient werden. Den Einsatz aller Lastkraftwagen in seinem Bezirk verbürgt der Fahrbereitschaftsleiter beim Lanbrat.
Im Sinne bes Reichsleistungsgesetzes ist er berechtigt, die Besitzer von Besörberungsmitteln, Vorspann und dergleichen, insbesondere bie Inhaber einschlägiger Gewerbebetriebe, zu beauftragen, Beförderungen auszuführen ober ausführen zu lassem Die im Dienste der Besitzer von Beförderungs- mitteln stehenden Arbeiter und Angestellten sinb zur Mitwirkung bei her Leistung im Rahmen ihres üblichen Tätigkeitsbereiches verpflichtet. Den An- forberungen bes Fahrbereitschaftsleiters ist unbedingt Folge zu leisten.
Der Fahrbereitschaftsleiter hat auch bas Recht, Fahrzeuge bes Werkverkehrs im Einvernehmen mit den für die Wirtschaft zustänbigen Stellen (Wirt» schaftsamt, Crnährungsamt — beim Landrat ober Oberbürgermeister —) für Beförderungsleistungen, über bereu Art und Umfang er zu bestimmen hat, in Anspruch zu nehmen. Es wird erwartet, baß bie Fahrbereitschaftsleiter von ihren Befugnissen mit Nachdruck Gebrauch machen.
Dem Fahrbereitschaftsleiter steht zur Durchführung seiner Aufgaben hie Polizeigewalt bes Landrates ober Oberbürgermeisters zur Verfügung. Die Lanbräte und Oberbürgermeister werben bie Fahrbereitschaftsleiter nachdrücklich unterstützen. Zu- widerhandlungen gegen bie Leistungspflichten sind her Bestrafung zuzuführen. Fälle, in b;nen polizeilich eingeschritten werden mußte, sind in her Ortspresse zu veröffentlichen.
braunrot leuchtenden Blätter noch lange wie festliche Wimpel in den hohen Wipfeln hatten und nur ihre vierzipflig aufgesprungenen Früchte abwerfen. Abseits, zwischen den schlanken Säulen der vagen- ben Stämme fallen unter anderem zierlichen Grün die großen Gesellschaften des Waldmeisters und her Maiglöckchen auf und man freut sich, die Frühlingskinder so spät noch im Jahr wiederzufinden, wenn auch die Maiblumenblätter jetzt fahl sind und langsam der Dergängnis verfallen. Sie zeigen untrüglich, wie die Natur sich nach außen zu verschließen beginnt und ihre Säfte hinab zu den Knollen und Wurzeln schickt.
Es ist in jeder Jahreszeit reizvoll, auf diesen Höhen zu stehen und den freien Ausblick zu genießen. In schön und weit geschwungenen Schleifen und Kurven laufen die Wege um bie Berge herum, hinaus und hinab, und selbst in ben Tälern lieben sie es, einen mit vielen Winbungen zu gängeln unb ungeahnte Ueberrafchungen zu bereiten. Nirgenbs hat dieses lanbschaftliche Profil harte und scharf- geschnittene Linien, vielmehr ist alles in weichen anmutigen Formen gelagert, in denen, im Gegensatz zu der bescheidenen Schlichtheit der Ortschaften, eine barodene Lebensfreude wogt. Darum verschenkt sich hier auch die Sonne mit südlicher Leidenschaft und reift köstliche Mandeln, Feigen und Kastanien.
Scherzo.
In einer Lichtung spielen etliche schwarze und fuchsrote Eichhörnchen in der Sonne. Da sie meine Schritte hören, rascheln sie fauchend davon und flitzen die Stämme hinauf in bas sichere Geäst. Am Walbrand hin streichen von einem Weinberg zum andern rauschenbe Starenschwärme. Sie finben an ben Pfirsichbäumen, die zwischen den Rebstöcken stehen, noch übersehene Früchte genug. Em paar Rehe ' die wie angewurzelt am Wegsaum in die Feme äugten, machen, plötzlich Gefahr witternd, kehrt unb flüchten mit leichten Sprüngen ms schützenbe Gehölz. Ein aufgescheuchter Häher schimpft laut rätschend hinter mir her.
Ein Rubel zierlicher Distelfinke begleitet mich zwischen den Feldern. Bald schaukeln die behenden entzückend bunten Vögelchen auf den kaum sich beschwert fühlenden Distelstengeln, bald stieben sie n leicht gewellten Fluglinien davon und sitzen im nächsten Augenblick im Nachbargestrüpp, um dort schmackhafte Sämereien aufzustöbern. Hinter einem Erdhügel, wohl bei dem Auswersen einer Miete entstanden, knattert mit schwerfälligen Flugelschla- aen eine kleine Kette feister Rebhühner hoch. Sie erschrecken einen zufrieden in einer Ackerfurche hm-
hoppelnden Hasen, so daß er wie gehetzt seine Läufe wirft. Aber schon bald gönnt er sich eine Atempause und setzt sich lauschend und witternd auf feine Hinterpfoten. Es scheint zum Glück weder ein Hund noch ein Jäger in der Nähe zu sein. Doch die Zeit der Hege ist vorbei, und eines Tages wird er vor Pfiff und Knall um sein Leben laufen müssen.
Finale.
Eine holpernde Fuhre holt mich dorftvärts ein. Es wird rasch dunkel, unb der Nebel verschleiert ben Horizont. In ben Gassen verschließen bie Häuser ihre Lüben, baß kein Lichtschimmer nach außen bringt In ben Kurven unb Kreuzungen schimmern an den Bordsteinen der Gesteige mit gedämpftem blauen Licht kleine Laternen auf. Schritte kommen näher und stapfen hart vorüber. Aus einem Seitengäßchen schlendert pfeifend ein Junge mit einem Korb am Arm. Es sieht nur so aus, als ob das Dorf schliefe. Denn noch ist die Nacht nicht herein- gebrochen, unb erst vereinzelt beziehen die Sterne ihre himmlischen Wachtposten. Peter Bauer.
Gießener Giadiiheater.
„Die Tochter von Houlihan."
Das Gießener Stadttheater brachte gestern mit der 2. Morgenfeier eine Veranstaltung besonderer Art. Getragen von großem Ernste in Wort unb Szene wurden den aufmerksamen Zuhörern Charakter unb Geschichte eines Landes (und seiner Bevölkerung) nahegebracht, das in jüngster Zeit viel von sich reden- machte unb im besonderen her deutschen Aufmerksamkeit gewiß ist: Irland! Vor bas geistige Auge her Besucher dieser zweiten Morgenfeier trat jenes Irland, das feit Jahrhunderten England als feinen grimmigsten Widersacher betrachten muß unb im Kampf gegen diesen Feind schon Ströme seines besten Blutes geopfert hat. Dem Gedanken einer bedingungslosen Opferbereitschaft seiner Söhne ist die Dichtung gewidmet, die gestern auf der Bühne unseres Gießener Stadttheaters ihre deutsche Uraufführung erfuhr.
Es geht darum, daß ein Sohn dieses Landes weder Vater unb Mutter noch Braut sieht ober hört, die ihn zur Hochzeit am anderen Tage festhalten wollen, während ihn doch zur Stunde das Vaterland ruft, das Vaterland, als Schicksal verkörpert in der legendären Gestalt der „Tochter von Houlihan". Der Szene liegt eine irische Sage zugrunde, der der Dichter William Butler P e a t s Worte verliehen hat. Sk sicherlich schwierige Ueber-,
setzung in bie deutsche Sprache geschah durch Henry von H e i s e l e r. Aus her Künstlerschaft unserer Bühne bemühten sich Karl V 0 l ck, Frau Rose Stirl, Hans Caninenberg, Hilde Kneip, Siegfried Lowitz und Jngeborg Riehl mit aller Zurückhaltung im Wort unb im mimischen Aus- bruck, bie bie Dichtung fordert, um die sinngemäße Aufführung der Legende.
In einem tiefgründigen Vortrag umriß vorher der derzeitige Leiter unseres Stadttheaters, Dr. Hannes Razurn (in dessen Händen auch die Spielleitung für diese Uraufführung lag) nicht nur ben Charakter der irischen Lanbschaft, sondern auch bie Geisteshaltung des irischen Volkes, das, so sagte er u. a., in Träumerei unb mystischer Der- sponn-enheit befangen, bisher kaum bie eigenen praktischen und politischen Notwendigkeiten zu beherrschen vermochte. Gleichzeitig gab der Vortragende eine klare Schilderung des Dichters W. B. Peats unb feiner Bedeutung für die irische Literatur auf dem Wege zu neuer Weltgeltung. Die Wiedergabe einiger Verse aus dem Schaffen Peats' ließ rasch einen Einblick in bie geistige Grundstimmung bes irischen Menschen gewinnen. Ein Ueberblick über die Geschichte Irlands, gegeben in großer und auf bas Wesentliche gerichteter Schau, förderte das tiefere Verständnis für bie Uraufführung erheblich.
Heinrich Ludwig Neuner.
3eiffcftriften
— In her Oktoberfolge von Westermanns Monatsheften gibt Dr. Johannes S. Horstmann einen Ueberblick über die Tragöbie des polnischen Staates von einst: im Wandel der Jahrhunderte hat Polen wieder und wieder seine staatsführende Unfähigkeit erwiesen, und wie oft war es dann die deutsche Ordnungskraft, die in das selbstverschuldete Chaos eingreifen mußte! Eine andere Aufgabe fiel dem Deutschtum, dem deutschen Geiste in Südosteuropa zu. Dr. Janko Janesf folgt dem geistesgeschichtlichen Zug der Deutschen nach derMünbung der Donau in seinem Aufsatz „Süd- osteuropa und die deutsche Romantik". Die sittlichen Grundlagen des deutschen Wehrgedankens werden von Hans Otto Glahn klar herausgearbeitet. Deutscher medizinischen Leistung ist bie Schil- herung „Kampf gegen ben Tod" gewidmet. Mit vielerlei Aufnahmen spricht bie Veröffentlichung an, die bas Hilfswerk „Mutter und Kind" in her großartigen Fülle feiner Aufgaben würdigt. Als eine her besten neuen Arbeiten Hans Friedrich Bluncks ergreift die „Sage von Dante Alighieri, der die Menschen unsterblich machte."


