Ur. 138 Erstes Matt
189. Jahrgang
Zreitag, 16. Juni 1939
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Englands Eondergesandter in Moskau.
Von unserem 3- Eh B.-Korrespondenten.
Chamberlains Fachberater.
Jnterpreß Copyright.
London, im Ium.
„The advisers to the front!“ das ist schon unter Baldwin, viel mehr aber noch unter Chamberlain zur Patentlösung geworden, jedesmal, wenn die englische Politik sich in einer Sackgasse festgefahren hat. „The advisers“, das ist das inoffizielle „Kardinalskollegium" der Downingstreet, die beamteten Fachberater der englischen Regierung. Dem Parlament gegenüber tragen die Minister die Verantwortung, aber unter der Regierung Chamberlain übersteigt der wirkliche Einfluß der „Berater der Regierung" bei weitem den der meisten Kabinetts- mitglieder.
Als einer aus ihren Reihen ging Lord Walter Runciman nach Prag, als die Sudeten-Krise in ihr akutes Stadium getreten war. Man verrät heute kein Geheimnis mehr mit der Tatsache, daß dieser aanz „inoffizielle ehrliche Makler" vorher {eine fest gelegte Marschroute hatte. Man weiß auch, daß es der „Regierungsberater" Sir Horace Wilson war, der seine überragende Macht in der Downingstreet heute hinter dem bescheidenen offiziellen Titel des Industrial Advrser" nur schlecht verbergen kann, der Chamberlain zu der Entsendung Runcimans in einem Stadium inspirierte, als „offiziell" die Idee einer Abtretung des Sudeten- Gebietes an Deutschland als absurd abgelehnt wurde. In der Links-Opposition, in dem Kreis um Churchill, in der Fronde der konservativen Opposition, die Chamberlains München-Politik aufs schärfste bekämpfen, ist Horace Wilson der bestgehaßte Mann. Sie nennen ihn den „appeaser Nr. I“, den „Kompromißler um jeden Preis". Aber alle Attacken und Jntriguen haben nicht vermocht, das herzliche Vertrauen, das Neville Chamberlain ihm entgegenbringt, zu erschüttern. Das ganze System der Berater bringt es mit sich, daß der Mann, der den Prime Minister zuletzt vor entscheidenden Reden oder Entschlüssen am historischen „Erb- Schreibtisch" im Chefzimmer Downingstreet 10 unter vier Augen spricht, psychologisch auch den größten Einfluß hat. Der Name Horace Wilson ist ein Programm. Als Chamberlain in der erregten Unter« Haus-Debatte in der letzten Maiwoche, sozusagen im „Kreuzverhör" zwischen Churchill und Lloyd George, in der Frage des Rußland-Paktes nicht mehr offen Farbe bekennen wollte, hieß es sofort: „Da steckt Horace Wilson dahinter!"
Seit Tagen wußte man in London bereits daß Chamberlain beim Kampf um den „armoured umbrella“ (den bewaffneten Regenschirm), wie Churchill in derselben Unterhaus-Debatte das Hin und Her der Verhandlungen um den Rußland-Pakt bissig bezeichnete, seine „technische Nothilfe" wieder einmal in Betrieb setzen würde. Das große Rätsel war nur, wen der Premierminister als Sondergesandten nach Moskau schicken würde. Die Ernennung von Mr. William Strang hat in den Kreisen, die in der russischen Allianz eine unumgängliche Notwendigkeit für Englands Sicherheit sehen, nicht ungeteilte Befriedigung erweckt. Ob hinter feiner Berufung wiederum, wie im Falle Runciman, die mächtige Persönlichkeit und das Programm von Sir Horace Wilson stand, ist augenblicklich noch schwer zu entscheiden — ein „Draufgänger" und Anhänger eines Rußland-Paktes um jeden Preis ist William Strang in keinem Falle.
William Strang, dem die wenig dankbare Aufgabe übertragen wurde, das zögernde Rußland unter den „armoured umbrella“ zu bringen, ist feit einigen Jahren seiner offiziellen Stellung nach der Leiter der Abteilung für Zentral- Europa im Außenministerium. Im Weltkrieg war er als Offizier an der Front, dann begann seine Karriere in Whitehall, die ihn bisher nicht übermäßig stark ins Scheinwerferlicht der Oeffentlichkeit stellte. Seine diplomatischen Sporen im Außendienst hat er sich bei der englischen Gesandtschaft in Belgrad erworben. Für die fachliche Seite seiner Ernennung wird die Tatsache eine Rolle gespielt haben, daß er 1930 Legationsrat an der englischen Botschaft in Moskau wurde und hier gelegentlich als Geschäftsträger maßgeblich eingegriffen hat. Mr. Strang gehört außerdem zu den wenigen Persönlichkeiten in Whitehall, die die russische Sprache fließend beherrschen. Das ist bei ihm nicht verwunderlich, denn man rühmt ihm nach, daß er eines der hervorragenden Sprachgenies des Foreign Office sei. Ausgedehnte Reisen in allen Ländern Zentral-Europas l>aben ihm reichlich Gelegenheit gegeben, feine polyglotte Passion zu pflegen. Mr. Strang hat durch (eine nüchterne und phantasielose Sachlichkeit häufig genug temperamentvolle Dis- kussionsgegner zur Verzweiflung gebracht. Vielleicht ist es gerade diese Chamberlain geistesverwandte Nüchternheit, die sich bei Strang auf ein fundiertes Fachwissen stützt, die ihm das besondere Vertrauen des Premierministers eingebracht haben. Er gehörte ja auch, neben Horace Wilson, zu den Auserwähl- ten, die Chamberlain bei seinen Deutschland-Flügen im September vorigen Jahres begleiteten. — Ob er der „hervorragende Kenner der russischen Psyche" ist, als den ihn einige Leitartikler der Fleetstreet preisen, oder nur eine Schachfigur Horace Wilsons, wie man es in den Kreisen der „Unbedingten" befürchtet, wird das Ergebnis seiner Moskau-Reise zeigen.
Diesen Kreisen wäre es lieber gewesen, wenn an Stelle des etwa farblosen Mr. Strang noch einmal Mr. Hudson nach Moskau gefahren wäre. R. S. Hudson, Minister für überseeischen Handel, gilt in
„eingeweihten Kreisen" als der eigentliche Motor des Rußland-Paktes. Tatsächlich hat er aus seiner Befürwortung besserer Beziehungen zwischen England und Rußland „in Wort und Bild" nie einen Hehl gemacht, man erinnert sich des Fotos, das ihn vor dem Start zu seinem Moskau-Besuch im Anfang dieses Jahres in freundschaftlicher Umarmung mit Iwan M a i s k y zeigte. Für den Sohn des Multimillionärs K. W. Hudson, Englands Sei- fen-König, erscheint zwar diese Liaison auf den ersten Blick etwas erstaunlich. Aber durch seine enge Verbindung zu Englands Trust-Magnaten und Großindustrie sieht er die Welt nur durch die kommerzielle Brille, als „Großbritanniens Handelsreisender" ist er ein Spezialist, der in jedem, der die englischen Märkte bedroht, einen Todfeind sieht. Seit Jahren ist er auf diesem Gebiete der Rufer im Streit. Vielleicht sieht er in dem „Konsortialvertrag" mit Rußland eine Möglichkeit, der unerwünschten Konkurrenz Deutschlands besser Herr zu werden, und deshalb gilt er als der Motor des „armoured umbrella“.
Erste Fühlungnahme
in Moskau.
Bislang keine Annäherung in den wesentlichen Punkten.
Dr. Li., London, 15. Juni.
Nach Meldungen aus Moskau hatte der Vorsitzende her Volkskommissare und Volkskommissar für Aeußeres, Molotow, am Donnerstag eine Unterredung mit dem englischen Botschafter Sir William S e e d s , dem Abgesandten der englischen Regierung, William Strang, und dem französischen Botschafter N a g g i a r. Die Unterredung dauerte von 17 bis gegen 19.30 Uhr. Es heißt, daß in Moskau von keinem der Verhandlungspartner etwas über den Charakter dieser ersten sowjet- russisch-englisch-französischen Fühlungnahme nach der Ankunft Strangs zu erfahren ist. Es verlautet jedock), Molotow werde abends dem „Inneren Zirkel", dem sogenannten sowjetrussischen Kabinett, Bericht erstatten.
Die Moskauer Blätter veröffentlichen ein kurzes amtliches Kommunique über die Unterredung. An der Unterredung hat auch P o t e m - k i n teilgenommen. In einem über zweistündigen Gespräch seien, so wird vermerkt, die „hauptsächlichen Fragen der Meinungsverschiedenheiten" zur
Tientsin,' 15. Juni. (Europapreß.) Der zweite Tag der Blockade ist ohne größere Zwischenfälle verlaufen, obwohl es mehrere Male den Anschein hatte, als ob größere Zusammenstöße, u. a. zwischen englischen Truppen und chinesischen Zivilisten, unvermeidbar seien. An einer Stelle der Konzessionsgrenze versuchten 2000 Chinesen die Absperrung der Engländer zu durchbrechen, wurden jedoch zurückgedrängt. Die gegen Mittag herangezogenen Truppenverstärkungen wurden am Abend von den britischen Militärbehörden wieder in ihre Kasernen beordert. — Trotz englischer Vorstellungen bei den japanischen Behörden haben die letzteren einen am Mittwoch verhafteten englischen Photographen bisher noch nicht freigegeben. An einem der Eingänge zur internationalen Niederlassung hatten die Engländer die Stacheldrahtbarrikaden entfernt und, anscheinend in der Absicht, den Jsolie- rungsgürtel zu sprengen, Maschinengewehre in Stellung gebracht. Gleichzeitig bezog eine Anzahl britischer Soldaten und Polizisten die Stellungen. Noch ehe ein Zwischenfall entstand, fuhren die Japaner mit drei Tanks an der gefährdeten Stelle auf. Eine Anzahl ausländischer Handelshäuser hat sich genötigt gesehen, Nieder! assun- aen außerhalb des britischen Konzes- fionsgebietes aufzumachen, um die Geschäfte fortsetzen zu können. Man verzeichnet ein weiteres & n ft eigen der Le b e n smitte lp r e i s e im Niederlassungsgebiet um 70 bis 80 v. H.
Eine in scharfem Ton gehaltene Protestnote wurde am Donnerstagabend von dem britischen Generalkonsul in Tientsin dem japanischen Generalkonsulat überreicht. In der Note wird Einspruch gegen d i e Leibesvisitationen und Kreuzverhöre von Engländern erhoben und um Nichteinmischung japanischer Behörden in die britische Flußschiffahrt auf dem Peiho ersucht. In den letzten 48 Stunden sollen nämlich verschiedene britische Schleppdampfer von Japanern an- gehalten und durchsucht worden fein. Der scharfe Protest hat zu einer weiterenVerschärfung der japanischen Maßnahmen in Tientsin geführt. Die internationale Brücke über den Peiho bleibt geschlossen. Die Kontrolle an den Ueb'ergängen in die englische und französische Konzession wird von den japanischen Soldaten streng ausgeübt. Die Engländer werden einem langen Kreuzverhör unterworfen und eingehend durchsucht. Auch zahlreiche Chinesen mußten sich wie einige Engländer und andere Europäer einer Leibesvisitation unterziehen. Die Lebensmittelzufuhr, die von den Japanern grundsätzlich gestattet war, macht den englischen Behörden weiterhin große Sorge, da kein Chinese es wagt, sich durch Uebernahme von Lebens-
Sprache gekommen. Die englisch-französischen Formulierungen zu den Paktverhandlungen seien Molotow darauf überreicht worden. Das Kommunique schließt: „Die Ergebnisse der ersten Unterredung und der Untersuchung der englisch-französischen Formulierungen werden in den Kreisen des Außenkom- missariats als nicht ganz günstig eingeschätzt." Auch die „Times" schreibt, gemeinsame Formeln konnten noch nicht für folgende Punkte gesunden werden: a) Rußlands Forderung auf Garantie an Estland, Finnland und Lettland; b) Sowjetrußlands Wunsch, daß keiner der Partner einen getrennten Waffenstillstand oder Frieden im Falle eines Krieges, in den alle drei verwickelt sind, abschließt ; c) Sowjetrußlands Verlangen, daß das eigentliche Abkommen erst in Kraft tritt, wenn das zusätzliche Militärabkommen für gegenseitige Unterstützung ausgearbeitet ist, zumindest in seinen Hauptlinie; d) die exakte Form, in welcher Bezug genommen werden soll auf die Genfer Liga.
Kein Propagandaministerium in England.
London, 15. Juni. (Europapreß.) Die Errichtung eines Propagandaministeriums wird vorläusig von der englischen Regierung noch nicht für notwendig gehalten. Dagegen soll im Rahmen des Außenministeriums eine Abteilung für A u s- landspropaganda errichtet werden. Dissse Abteilung wird dasjenige Referat der Presseabteilung des Außenministeriums in sich aufnehmen, das bisher mit der Auslandspropaganda beschäftigt war. Für den Kriegsfall beabsichtigt die Regierung die sofortige Errichtung eines Nach- richtenministeriums unter Leitung eines Kabinettsministers und eines Generaldirektors. Für den Posten des Generaldirektors ist der bisherige Botschafter in Rom, Lord Perth, in Aussicht genommen, der bereits im Frieden die Arbeit der Abteilung für Auslandspropaganda gemeinsam mit Unterstaatssekretär Butler letten wird.
Zur Begründung dieses Entschlusses verwies Chamberlain auf die Tätigkeit des British Council, des Rundfunks und der Presse. Das Außenptinisterium stünde mit allen diesen in enger Fühlung. Die Regierung halte eine beträchtliche Verstärkung der Propagandatätigkeit für möglich und habe deshalb die Errichtung der neuen P^opagandaabteilung beschlossen. Die Ausarbeitung von Plänen für das Nachrichtenministerium ist Innenminister Sir Samuel Hoare übertragen, der hierbei ebenfalls mit Lord Perth zusammenarbeiten wird. Chamberlein bemerkte, in Friedenszeiten würde das Nachrichtenministerium lediglich als Gerippe bestehen.
Ziele und Grenzen der Einkreisung.
Von Konteradmiral z. V. Gadow.
Die Aktion der westlichen Mächte, in ihrem Cha» ratter dort ebenso hartnäckig geleugnet, wie bei uns als „Einkreisung" klar gekennzeichnet, ist nicht nur in ihren Verhandlungen mit Sowjetrußland auf Hindernisse gestoßen. Als ihr Ziel ist ohne Mühe das zu erkennen, was schon der Vorgängerin von 1906 bis 1914 zu Grunde lag: die Einengung der führenden mitteleuropäischen Mächte, um deren Einfluß auf die umgebenden Länder und damit eine Einbuße der eigenen politischen und wirtschaftlichen Stellung zu beschneiden. Im Falle England kommt hinzu die Besorgnis vor einer militärischen Revanche Deutschlands mit allem Risiko für die britische Weltstellung, während Frankreich weniger eine Revanche als eine Verdrängung aus seiner Mittelmeerposition und aus Nordafrika durch Italiens Aufttieg fürchtet. So ergab sich von selber und trotz der drei Friedensakte do^i München, Paris und Rom im vorigen Herbst die Verschärfung der — ebenfalls geleugneten — Gruppenbildung, deren Kennzeichen als „demokratische und autoritäre" dabei längst inhaltlos geworden ist. Zählt die Welt doch heute schon fast 20 „autoritäre" Staaten, von Sowjetrußland bis Bolivien, und selbst in den ältesten Demokratien beginnen Vollmachtsgesetze, Wirtschaftsplanung u. ä. die Regel zu werden. War die alte Einteilung der Hauptmächte in „Habenichtse und Haltefeste" noch überzeugender, so könnte man unter den anderen jetzt „Garantierte und Nichtgarantierte" unterscheiden. Und hier zeigen sich die Grenzen der Einkreisung.
Beginnen wir am Südostende, so finden wir zunächst die Türkei anscheinend ins Gegnerlager abgewandert, obgleich sie kurz vorher durch Ismet Jnönü ihre Neutralität versick)ert hatte. Ader das englisch-türkische Bündnis — übrigens noch nicht ratifiziert — spricht nur von gemeinsamer Abwehr eines Angriffs im Mittelmeer. Wer will denn an greifen? Dazu kommt die großzügige Honorierung der türkischen Stellungnahme durch den englischen 16-Millionen-P fand-Kredit und die lieber« laffung des Sandschak. Solche Gelegenheiten konnte die türkische Politik unmöglich ausschlagen, umsomehr als das gleichzeitige Wirtschaftsabkommen mit Deutschland, einstimmig angenommen, ein schönes Gegengewicht bildete. Alte Animosität gegen Italien mag auch mitgesprochen haben, aber in erster Linie wird hier ein erfolgreicher Opportunismus sichtbar. Der türkische Schritt hat den Balkanbund, der auf Neutralität seiner Mitglieder au {gebaut war, erschüttert und zugleich viele Balkanprobleme neu
Verschärfung der japanischen Blockade in Tientsin und Kulangsu
mittel=ßieferungen sich als japanfeindlich hinzustellen. Somit ist die Lebensmittelzufuhr praktisch a b g e s ch n i 11 e n. Der Verkehr auf den Straßen der Konzession hat so gut wie aufgehört.
Die japanischen Behörden haben nun auch gegen die Insel Kulangsu, auf der sich die Internationale Niederlassung des südchinesischen Hafens A m o y befindet, die Blockade verhängt. Die bereits feit
Asch keine Entschlüsse Englands.
Das Scho in London.
Dr.Li. London, 16.Juni.
Die englisch-japanischen Spannungen wegen der Blockade der Fremdenniederlassung in Tientsin haben sich am Donnerstag versteift, nachdem die japanischen Behörden am Donnerstag auch gegen d i e Insel Kulangsu, auf der sich die Internationale Niederlassung des südchinesischen Hafens Amoy befindet, die Blockade verhängt haben. Der englische Botschafter in Tokio, Sir Robert C r a i g i e , hat japanische Regierung auf die „Gefahren" hingewiesen, die nach englischer Ansicht im Falle „provozierender" Handlungen der Japaner entstehen könnten. Der Botschafter hat weiter die japanische Regierung auf die ernsten Folgen aufmerksam gemacht, die sich aus der Erklärung des japanischen Sprechers in Tientsin ergeben können, derzufolge der Streitfall nicht durch die Auslieferung der vier beschuldigten Chinesen beigelegt werden könnte; das Ziel der Blockade sei vielmehr, eine breitere Form der Zusammenarbeit mit den britischen Behörden in China zu erreichen.
Ministerpräsident Chamberlain erklärte dazu im Unterhaus, daß, gesetzt den Fall, daß diese Erklärung die Ansichten der Behörden in Tokio wie- dergebe, die Japaner offenbar den Vorfall dazu benutzten, um Forderungen zu stellen, die v i e l g r ö = ße r und weittragender seien, als die bloße Auslieferung der vier Männer. Nach seiner Meinung würden solche Folgerungen wichtige und grundsätzliche Fragen aufwerfen, die nicht mehr nur allein England beträfen. Chamberlain fügte hinzu, die englische Regierung stehe m i t Paris und Washington in eng st er Fühlung. Zur Zeit würde die Lage geprüft, die durch die japanische Weigerung, eine Untersuchungskom- miffion einzusetzen, und durch die Fortsetzung der Blockade entstanden sei. Die Situation sei unverkennbar ernst, aber die britische Regierung könne
Tagen durchgeführte Unterbindung des chinesischen Dschunkenverkehrs vom Festland zur Insel wurde jetzt zu einem allgemeinen Verbot des Lebensmitteltransports nach Kulangsu erweitert. Da auf Kulangsu 50000 chinesische Flüchtlinge vom Festland Zuflucht gesucht haben, rechnet man mit einer baldigen Lebensmittelnot auf Kulangsu.
noch keine Erklärungen über ihre künftigen Maßnahmen bekannt geben.
In einigen Blättern wird nachdrücklich die Forderung nach wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen, d. h. die Verhinderung der japanischen Ausfuhr nach den englischen Gliedstaaten, erhoben, während die der City nahestehenden Blätter und vor allem die Regierung selbst für ein solches Vorgehen Englands große Schwierigkeiten sehen. Das angesehene Wirtschaftsblatt „Financial News" z. B. schreibt, ein Versuch, die japanische Ausfuhr ins Empire zu unterbinden, würde kaum die Billigung Indiens und Australiens finden. — Das englische Schatzamt wendet sich ebenfalls gegen wirtschaftliche Maßnahmen. Der Grund für diese Haltung ist offenbar der, daß man sich darüber im klaren ist, die Durchführung wirtschaftlicher Maßnahmen könnte nur dann einen Sinn haben, wenn England entschlossen sei, einen daraus möglicherweise entstehenden militärischen Konflikt durchzukämpfen. Diese Entschlossenheit besteht aber anscheinend zur Zeit in London nicht. Hierfür ist maßgeblich einmal der unzureichende Stand der englischen Rüstungen im Fernen Osten, und zum anderen die Befürchtung, daß ein militärischer Konflikt in Ostasien möglicherweise weitere Folgen nach sich ziehen würde. Die unmittelbare Auswirkung der Verschärfung der fernöstlichen Spannung wird nach Auffassung unterrichteter Kreise in London ein Versuch zu einer Beschleunigung der Paktverhandlungen mit Moskau sein. Man nimmt an, daß England angesichts der neuen Lage zu noch weitergehenden Zugeständnissen an die Sowjetunion bereit sein werde. „Daily Telegraph" schreibt, wenn die „Provokationen" von Japan nicht aufhörten, werde es die englische Regierung nicht bei formellen Protesten in Tokio und Tientsin bewenden lassen. „Daily Expreß" fordert die Bevölkerung Englands zum Boykott japanischer Waren auf, während „Daily Mail" und „News Chronicle" auf einen „scharfen Regierungs- kurs" drängen.


